Ur. 233 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Montag, 5. Oktober 1936
Klippen im Miiielmeer.
Von unterem römischen E.-Korrefpondenten.
Rom, Oktober.
Mehr als das Schattenspiel in Genf, wo sogar die Geister eines untergegangenen Reiches herausbeschworen wurden und am Ratstisch Platz genommen haben, mehr gibt heute noch die Mittelmeerreise des englischen Königs in Rom zu denken. Die Presse macht aus der Tatsache, daß Eduard VIH. „jede Berührung mit Italien vermieden hat", kein Hehl und bringt sie in engen Zusammenhang mit der Inspektionsreise Sir Samuel Hoares, der alle Möglichkeiten der Riesensestung, die das Mittelmeer für Großbritannien ist, gründlich überprüft hat. Die Umwandlung Maltas in einen rein englischen Stützpunkt, aus dem kein Raum mehr fft für die italienische Sprache, die Einladung Atatürks nach London, die Bereitstellung der griechischen und anscheinend auch jugoslawischen Häsen für die britische Flotte und eine Reihe anderer Maßnahmen lassen nach italienischer Auffassung keinen Zweifel über die Absichten Englands, das mit den scheinbaren Verhandlungen über ein neues Locarno nur Zeit gewinnen wolle.
Vielleicht ist das etwas zu schwarz gesehen, denn es läßt sich gut vorstellen, daß der englische König nur deshalb keinen Besuch bei dem König von Italien und Kaiser von Abessinien gemacht hat, weil er damit im Gegensatz zu seiner Regierung die römische Herrschaft über das Reich des Regus gewissermaßen anerkannt hätte. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß die englische Politik heute mehr denn je nach dem Mittelmeer gravitiert und dort eine ausgesprochene Kampfstellung vorbereitet. Wir bestreiten den Engländern nicht das Recht, so sagt man in Rom, den Seeweg nach Indien zu schützen, da er für sie von vitalem Interesse ist, aber die Art ihrer Rüstungen erweckt unsere Bedenken. Wir wollen unser Meer gewiß nicht zusperren, nicht einmal mit dieser Absicht drohen, aber wir wollen uns auch nicht länger darin einsperren lassen.
Das ist das Reue. Bisher mußte sich Italien als „Gefangener des Mittelmeers" jedem Befehl des schlüffelgewaltigen Wärters beugen, feit der Aufrichtung des ostafrikanifchen Imperiums verlangt es gleiches Recht. Praktisch betrachtet, hat England jetzt nur noch einen Korridor durch das Mare nostrum, zu dem nun geopolitisch auch das Rote Meer gehört. Korridore aber verursachen immer Reibungsflächen und so wurde das Wettrüsten der Anrainer zu einer Selbstverständlichkeit, als der Völkerbund fein Unvermögen öffentlich zur Schau gestellt hatte. Die Zahl der Klippen, an denen eines Tages das schon kompaßlos gewordene Friedensschiff scheitern kann, ist zudem in den letzten Jahren erschreckend gewachsen. Wir wollen einmal die gefährlichsten ins Auge fassen.
Da wäre gleich an den Säulen des Herkules das spanische Marokko. Seine Flottenstation Ceuta, Hauptstützpunkt des Feldzuges gegen die Rifkabylen, liegt Gibraltar gerade gegenüber. Welche Bedeutung dieses jenseitige Ufer für Spanien haben kann, lehrten die letzten Tage. Seit dem „Panther- sprung" nach Agadir weiß jedermann, daß in dieser Gegend Nordafrikas überhaupt ein neuralgischer Punkt neben dem andern liegt. Wir haben hier sogar ein „internationales Gebiet", Tanger im Nordwesten, für das ein eigenes Tangerstatut geschaffen wurde, das aber vor knapp acht Jahren schon wieder einem neuen Statut weichen mußte, wobei sich Italien einen größeren Einfluß sicherte. Es ist sicher nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß im kritischen Augenblick alle diese Verträge zu Papier werden und die Macht des Stärkeren die Entscheidung bringen würde. Dieser Augenblick aber kann über Nacht da sein, wenn es in Spanien oder gar in Frankreich zu einem bolschewistischen Chaos kommen sollte. Sowohl England wie Italien müßten ihre Aufgabe darin sehen, die Ordnung am Eingang zum Mittelmeer aufrechtzuerhalten und es er-
Gießener Stadttheater.
IL Morgenveranstaltung: Erntedankfest.
Die gestrige Morgenfeier im Stadttheater war eine der gelungensten und einheitlichsten unter den sonntäglichen Veranstaltungen, die wir bisher erlebt haben. Das Erntedankfest bestimmte nicht, so sehr das Inhaltlich-Thematische der kleinen Vortragsfolge als vielmehr ihren Stil und ihre innere Haltung. Intendant Schultze-Griesheim gab in einer kurzen Einführung den Ton an, auf den die ganze Morgenfeier gestimmt fein sollte; Gedichte, Lieder und Prosa, die zu Gehör gebracht wurden, waren der Zeit etwa um 1800 entnommen und entstammten einer Epoche der deutschen Geistes- geschichte, in der aus dem Dolksliedhaft-Bäuerlichen ein künstlerisches Element erwuchs, wo die Sehnsucht des deutschen Menschen nach Stille und Einfachheit sich vielfältig eigenen Ausdruck zu verschaffen suchte.
Gedichte und Prosa des alten, unsterblichen Matthias Claudius, vom Intendanten selbst besinnlich und mit liebevoller Einfühlung gelesen machten den Anfang, und man hätte einen Erntedank- feftfonntag gar nicht sinnvoller beginnen können als mit dem „Morgenlied eines Bauersmannes , in dem schon alle Innigkeit und stille Einfalt des Claudius beschlossen ist, während „Hmz und Kunz und das reizende kleine „Motetto, als der erste Zahn durch war" seine ganze liebenswürdige Heiterkeit zeigten. Das Prosastück „lieber das Gebet an meinen Freund Andres", in einer herrlich einfachen, man möchte sagen: lutherischen Sprache geschrieben, ist ein kleiner Katechismus von tiefer und echter Frömmigkeit, nicht minder ergreifend als das wenig bekannte „Schreiben eines parforce gejagten Hirsches an den Herrn, der ihn parforce gejagt hat." Echtester Claudius waren auch das beschwörende „Kriegslied" und „Der Mensch (^Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar ...) Den Schluß machte dann das „Wiegenlied, bei Mondschein zu singen", eines der schönsten und zärtlichsten Gedichte, die es in deutscher Sprache überhaupt gibt.
Paulus Kuen (Tenor) sang drei Lieder von Johann A. Peter Schulz („Der Mond ist aufgegangen , „Des Lebens Tag" und „An die Sonne ) mi einer sehr angenehmen, weichen und gepflegten Stimme, einfach, ausdrucksvoll und wohltuend artikuliert. Charlotte Krause las eine Reihe von alten, schönen Volksliedern aus „Des Knaben Wunderhorn": „Ich hab die Nacht getraumet , „Es ist em Schnee gefallen", „Es steht ein Baum 'M Oden- walb", „Die Ammenuhr", „Der Rebensaft und
übrigt sich wohl, die weiteren Möglichkeiten einer I solchen Aktion zu erörtern. Beide Staaten sind nun kolonial gesättigt, doch bei beiden heißt es: Z u - er st die Sicherheit! Gewiß wird Italien die Hand weder auf die Balearen, noch auf Marokko legen, so lange keine Notwendigkeit dazu vorhanden ist, aber ebenso gewiß würde es nicht tatenlos einer Besitzergreifung durch andere Mächte zusehen.
Die Balearen als die natürliche Brücke vorn französischen Mutterland nach Nordafrika geben immer zu reden, wenn der französisch-italienische Gegensatz im Mittelmeer erörtert wird. Noch vor zwei Jahren gehörte das zur politischen Mode und da jede Mode wiederzukehren pflegt, denkt man weder in Paris, noch in Rom daran, die Mammutfestun- gen Korsika und Sardinien, die einander auf Duelldistanz gegenüberliegen, zu schleifen. Im Gegenteil, auch hier wird nach Möglichkeit gerüstet, um vor allem der Luftwaffe Stützpunkte zu bieten, wie denn überhaupt Flughäfen das geworben sind, was früher Kohlenstationen waren.
Der Mittelpunkt des Mittelmeeres ist auch der Brennpunkt der Gefahrenzone: die Straße von Sizilien. Hier liegt die wohl bedeutendste, modernste französische Küstenfestung, B i f e r t a , nur 170 Kilometer von der wehrhaften A e t n a i n f e l entfernt, hier liegt Tunis, der politische Zankapfel, und zwischen Sizilien und Tripolitanien der alte Brückenrest Malta, dazwischen italienische Inseln: Puntelleria und Lampedusa. Aus der Vogelschau gesehen: Schlachtschiffe auf Vorposten. Nach den Erfahrungen im abessinischen Feldzug müssen überhaupt die bisherigen militärischen Vorstellungen eines Mittelmeerkrieges neuen Bildern von ungleich stärkerer Konzentration weichen. In Minuten und Stunden find die zahllosen Schlupfwinkel der Kriegsschiffe erreichbar für die Bomber, Italien in seiner Gesamtheit dem Feuer ausgesetzt, das während des Weltkrieges nur die Küstenstädte fürchten mußten.
Und hier kommen wir auf den großen Unterschied bei der Betrachtung des englisch-italienischen Verhältnisses, denn Großbritannien hat schließlich nur einen seiner Seewege zu schützen, Italien aber sein ganzes Land!
Die Adria, das mare amaro oder Bittere Meer, ist nach Mussolini zwar nicht mehr ganz so bitter, feit der Doppeladler nicht mehr an feinen Steilküsten horstet, aber immer noch herb genug. Korfu, mit dem nach britischer Behauptung Italien seinerzeit den Flaschenhals zupfropfen wollte, steht nun wie alle griechischen Häfen und Inseln unter englischem Jnteressenschutz. Dagegen hat Italien mit dem Dodekanes die Türschwelle von Kleinasien gewonnen und damit auch einen Ueberwachungsposten für die Dardanellen, deren Wiederbefeftigung in vollem Gange ist. Sagt England Cypern, so antwortet Rom: Hic Rhodos!
Die Ostwand des Mittelmeeres: ein einziges Gärungsfeld! Syrien, Palästina, Irak, Hedfchas, Transjordanien, die Sinai-Halbinsel; umstrittene Mandatsgebiete, britische Oelleitung, Verbindungsstellen zum unruhigen Asien. Hier geht die Drachensaat der wahnwitzigen Friedensverträge, die nach Bernard Shaw Raub- und Plünderungsverträge waren, vielleicht noch früher auf als in Europa. Jede Zuckung „dort hinten, weit in der Türkei" pflanzt sich nun bis zu uns fort.
Mit den Veränderungen machtpolitifcher Art am Ausgang des Mittelmeeres, am Golf von Suez und Roten Meer, kehren wir zu feinem Eingang zurück, der Kreis schließt sich, indem er nach Jnnerafrika übergreift: das junge römische Imperium tritt dem alten britischen entgegen. RomoderKarthago? Die Frage liegt auf allen italienischen Sippen, wenn sie auch nicht laut wird. Der Kampf ums Mittelmeer ist so alt wie die Geschichte, und es sieht nicht danach aus, als könne er auf der Schattenbühne von Genf entschieden werden.
Turbulenter Sonntag in Maris.
Kommunistische Massenkundgebungen von Polizei geschützt. — Die Keuer- kreuzler de la Roques bei einer Gegenkundgebung schwer bedrängt.
Paris, 4. Oft. (DNB.) Für Sonntagmittag hatte die Kommunistische Partei zu einer Riesenkundgebung in den Prinzenpark aufgeforöert. Nachdem die Regierung eine Gegenkundgebung der rechtsgerichteten Französischen Sozialen Partei de la Rocques in der Winterradrennbahn unter sehr fadenscheinigen Gründen verboten hatte, gewährte fie großzügig den Kommunisten für ihre Radaukundgebung einen bewaffneten Schutz von 20 000 Beamten! Die gesamte Pariser Polizei, die Republikanische Garde und 260 Abteilungen der Mobilen Garde waren aufaeboten, um es den Kommunisten zu ermöglichen, ihrem Willen freien Ausdruck zu geben. Man befürchtete trotz alledem Zusammenstöße, da die Feuerkreuzler gleichzeitig eine Kundgebung ebenfalls am Prinzenpark angefetzt hatten. Die ersten Zusammenstöße ereigneten sich auf den Champs Elysss. Auf der großen Ausfallstraße von Paris nach Versailles, auf der etwa 2600 Kundgeber unter Führung des rechtsstehenden Abgeordneten und Hauptschriftleiters des „Echo de Paris" Henri de Kerillis versuchten, in geschlossenem Zuge zum Prinzenparkstadion zu marschieren, ritten Polizei und Republikanische Garde in die Menge hinein. Es kam zu schweren Schlägereien. Autodroschken wurden umgeworfen und demoliert. Schließlich konnten die Polizeibeamten die Menge in die Nebenstraßen abdrängen.
Das Prinzenparkstadion war bereits in der Nacht zum Sonntag von 3000 k o m m u n i st i - schen Milizen besetzt worden, weil es hieß, daß die Anhänger de la Rocques planten, das Stadion durch einen Handstreich zu besetzen. Die Gegenkundgeber hatten einen regulären Marschplan aufgestellt, der die Verstopfung sämtlicher Zufahrtsstraßen vorsah. Unter polizeilichem Schutz zo-
„Der Kirmestag" — lauter Stücke, die sich dem Charakter der Morgenfeier schlicht und sinnvoll einfügten. Dann hörten wir nochmals drei Lieder von I. A. P. Schulz, gesungen von Herrn Kuen (am Flügel: Ernst Bräuer), deren Texte — „An die Natur", „Heureigen" und „Erntelied" — der Stimmung dieses Sonntags aufs Schönste entsprachen.
Zum Schluß gab die von Kapellmeister Bräuer zusammengestellte Tanzfolge nach Volksliedern unserer neuen Tanzgruppe unter Führung von Balletmeisterin Irmgard Zenner willkommene Gelegenheit bot, sich dem hiesigen Theaterpublikum erstmalig vorzustellen. Mit dieser kleinen, sehr melodiös und einfach instrumentierten, geschmackvoll und farbenfreudig kostümierten Volkstanzsuite hat sich die Gruppe, die sehr frisch und bewegungsfreudig bei der Sache war, sympathisch und vorteilhaft bei uns eingeführt.
Die verhältnismäßig gut besuchte Morgenfeier fand in allen Teilen lebhaften Anklang. hth.
Oie vier Musikanten.
Von Joses Friedrich perkon'g
Es kommen aus dem Tirolischen vier junge Musikanten, ihr Land ist ihnen eng geworden, sie wollen auch anderswo den Leuten aufspielen, wo es luftige Fuhrleute und Winzer gibt, wohlhäbige Bauern, die ein Silberstück nicht anschauen. Drüben im Oesterreichischen, so haben sie vernommen, stehen große Wirtshäuser an den Straßen, es kann ein hoher Heuwagen in das Tor einfahren, und die Hauslaube ist weit wie ein Tanzsaal. Dort muß für Musikanten ein reicher Tisch gedeckt sein; so sind sie dahin unterwegs.
Der Weg geht auch an dem Untersberg vorüber. Sie täten ihn vielleicht nur ehrfürchtig betrachten und sich vor ihm verneigen, wenn es hellichter Tag wär, so aber dämmert es schon, wie sie an der Brücke in Niederalm rasten. Da ist der Berg eine dunkle Burg, und sie ragt hoch in den Himmel hinauf. Sterne sind wie Lichter auf ihren schwarzen Giebeln.
Auf einmal sagt der übermütige Geigenspieler:
„Um Mitternacht bringen wir dem Kaiser Rotbart ein Ständchen."
„Der wird uns mit einem Schatz belohnen", freut sich der Klarinettbläser.
„Mir ist es recht", stimmt der Trompeter zu, „muß man fein Geld wenigstens nicht kreuzer- weise zusammenbetteln."
Aber der Harmonikaspieler verweist es ihnen: „Was redet ihr da? Lasset den Kaiser schlafen und frevelt nicht."
gen dann am Mittag die Kommunisten in das Stadion ein, das von Streitkräften der Garde Mobile in feldmarschmäßiger Ausrüstung umstellt war. Zahlreiche Frauen waren im Zuge der Kommunisten, die auf den Straßen von den nationalen Gegenkundgebern mit Schmährufen und der „Marseillaise" und den Rufen „Frankreich den Franzosen" empfangen wurden. Die in die Nebenstraßen abgedrängten Teilnehmer der Gegenkundgebung waren auf etwa 15 000 Menschen angewachsen. Kurz vor Beginn der kommunistischen Versammlung kam es zu schweren Schlägereien. Viele Verletzte mußten in die nächstgelegenen Krankenhäuser gebracht werden. Die Polizeibeamten, die sich für den Schutz der Kommunisten einfetzten, erlitten bei den Raufereien selbst Verletzungen.
Das Prinzenparkstadion stand unter dem Zeichen der roten Fahne mit Hammer und Sichel. Mit dem Gesang der Internationale wurde dann die von elroa 28 000 Kommunisten besuchte Kundgebung eröffnet. Das Ehrenpräsidium hatten, wie ein kommunistischer Parteibonze bekanntgab, „Väterchen" Stalin und Dimitrow übernommen! „Die Sowjets überall!", das war der hysterische Schlachtruf, den die tobende Masse immer wieder ausbrachte. Generalsekretär Thorez übte herbe Kritik an der Regierung Blum. Die Abwertung sei nur ein Mittel, die Armen zur Zahlung der Kosten heranzuziehen. Zur Entschuldigung dafür, daß die Kommunisten in der Kammer für die Abwertung gestimmt hatten, erklärte Thorez, daß es galt, die Einheit der Volksfront zu retten. Er kritisierte die Politik der Regierung gegenüber den spanischen Ereignissen. Es dürfe keine Nichtein- mischungs- und Neutralitätspolitik in einseitigem
Aber schon haben die Drei einen Gesellen an ihrem raschen Wort; ist so ein Wort nur einmal ausgesprochen, so lebt es aus eigenen Gnaden und ist zuletzt stärker als ein junger Harmonikaspieler. Kann er Geige, Klarinette und Trompete allein lassen, da er immer mit ihnen gewesen ist?
Unten in Niederalm schlägt die Kirchenuhr Mitternacht, da spielen die vier Musikanten droben auf dem Untersberg ihr erstes Stück. Wie sie damit zu Ende sind, da kommt ein schönes Fräulein aus dem Mondlicht, ist die Tochter des Kaisers und heißt sie eintreten in den Berg.
Es schlägt jedem Musikanten das Herz bis an den Hals hinauf, wie sie den alten Kaiser inmitten der edlen Herren sitzen sehen. Sein langer Bart ist wie ein Geflecht aus rotem Sternenlicht, und fein Aug glänzt her wie eine Sonne. Da sind die vier Männer zuerst wohl etwas zaghaft, aber bald legen sie ihr scheues Getue ab und spielen ihre Tänze aus vier lustigen Herzen herauf, nicht anders als vor weinseligen Bauern in einem Land- gasthaus. Und ihre Musik hallt in dem hohen Saal, wie niemals noch, daß sie sich verwundern: Ja, sind das wir Musikanten aus Tirol? Und sie merken auch, wie der Kaiser einigemal nickt, als hätten sie zu seiner Freud aufgefpielt.
Er winkt noch mit der Hand zu ihnen hin, ehe sie in einen anderen Saal geführt werden. Dort ist das Mahl für sie aufgetragen, sie essen von goldenen Tellern und trinken aus goldenen Bechern, aber jeder schaut trotzdem um sich und späht, wo er den Brocken Gold aus der Wand schlagen soll, der ihm zum Lohn geschenkt sein wird.
Wie die Tochter des Kaisers sie wieder aus dem Berg geleiten will, haben sie noch immer nicht den Schätz, nach dem ihr Herz brennt. Schon sind sie draußen unter dem Sternenhimmel, da gibt sie jedem einen Zweig und spricht:
„Der Kaiser läßt euch danken."
Der Mondschein ist so hell, daß sie wohl sehen, wie sie vier Zweige empfangen haben, müssen eben von einem Strauch genommen worden fein, noch hängen die Blätter an ihnen und bewegen sich im sanften Nachtwind.
„Ist mir ein sauberer Geizhals, der Herr Kaiser", schimpft der Geigenspieler und wirft den Zweig fort.
„Um die paar Stunden tut es mir leid", klagt der Klarinettbläser, „hätten sie besser unter einem Baum verschlafen."
Und auch er wirft verdrossen den Zweig in die Nacht hinein. ,
„Kommen wir also doch wieder auf die Kreuzer zurück", spottet der Trompeter sich selber aus. Was
Sinne geben. Es müsse eine wirkliche Kontrolle ein« gerichtet werden, um die Belieferung der spanischen Nationalisten zu verhindern.
Etwa eine Stunde nach Beginn der Kommunisten« Versammlung im Prinzenparkstadion trafen 15 verschiedene Kolonnen der Parteianhänger de la Rocques vor dem Boulevaro am Prinzenpark ein. Polizei und Mobile Garde gingen sofort scharf gegen die Umzüge vor. Eine größere Anzahl von nationalen Franzosen flüchtete sich in ein großes Kaffeehaus, in dem sich ein heftiges Handgemenge mit Polizeibeamten entwickelte. Hierbei gingen die großen Schaufensterscheiben i n Trümmer. Stühle und Tische flogen durch die Luft. Die Polizei brachte in großen Scharen Verhaftete in die Bereitschaftswagen der Polizeipräfektur. Am späten Abend begannen die Kommunisten das Prinzenparkstadion zu verlassen. Ihr Abmarsch wurde von den Schutzmannschaften der Kommunistischen Partei und dem Ordnungsdienst der Polizei gesichert. Unter dem Absingen der Internationale und den Rufen „Die Sowjets überall!" und Schmährufen auf de la Rocque vollzog sich der Abmarsch der Massen. — In der ganzen Umgegend hatten alle Kaffeehäuser und Restaurants geschlossen.
Die Rechtspresse beschwert sich darüber, daß die Polizei rücksichtslos vaterländische Franzosen angegriffen und nicht einmal vor der Trikolore haltgemacht habe. Die Partei de la Rocque gibt in der Presse ihrer Genugtuung über den Verlauf der Kundgebung Ausdruck. Sie wisse, daß die Partei stark genug sei, dem roten Terror standzuhalten. Die marxistischen Blätter sprechen selbstredend von einem „Mißerfolg" der Kundgebung de la Rocques.
Mrxisiisches „AevMions- gerichl"inSoiffons.
Paris, 5. Okt. (DNB. Funkspruch.) Das „Jour« nal" veröffentlicht ein Schreiben der Ehefrau eines Mitgliedes der Partei de la Rocque an Staatspräsident Lebrun. Sie teilt darin mit, daß ihr Mann vor einiger Zeit i n Solssons nachts von einer marxistischen Bande überfallen, festgenommen und in einer Fabrik von einem „Revolutkonsgericht" zum Tode verurteilt worden sei. Bei der versuchten Vollstreckung dieses „Urteils" habe man ihren Mann in unmenschlichster Weise gemartert und durch Schläge ins Gesicht des Augenlichtes beraubt. Einige Minister, darunter R u c a r t und Salengro , hätten sich für die Angreifer, die inzwischen verhaftet worden waren, eingesetzt und ihre Freilassung erwirkt. Die Schreiberin fleht im Namen aller französischen Fauen und Mütter den Präsidenten der Republik, der selbst Familienvater sei, um Hilfe und Schutz an.
AeueAbwertungder tschechoslowakischen Krone um etwa 16 Prozent.
Prag, 4. Okt. (DNB.) Die Parteiführer und Regierungsmitglieder haben beschlossen, daß die Abwertung -der tschechoslowakischen Krone etwa 16 v. H. betragen wird. Dadurch würde, die erste Abwertung der Krone vom 1. Februar 1934 einbegriffen, eine Gesamtabwertung der Krone gegenüber dem im Jahre 1929 festgesetzten Stand um 30 v. H. eingetreten fein. Die Regierung hat sich gegenüber den Parteiführern verpflichtet, zu Beginn des Jahres 1937 die Lage hinsichtlich der Preisentwicklung zu prüfen und notfalls die Gehälter der Staatsbeamten entsprechend zu erhöhen. Das soll in erster Linie durch Aufwertung der während der Wirtschaftskrise herabgesetzten Gehälter erfolgen.
ist ihm so ein grüner Zweig, der bald dürr fein wird? Andenken an den geizigen Kaiser Rotbart mag er keines haben; und sein Zweig geht den anderen nach.
Nur der Harmonikaspieler denkt sich: Ist ja wohl nicht der Lohn, auf den wir gehofft haben, ist aber doch eine Gabe des Kaisers; und wenn der Ast auch vertrocknen wird, ich kann ihn immer anschauen für einen kaiserlichen Dank. So legt er ihn zu anderen teuren Dingen in feinen Rucksack, zu einer Handvoll Erde aus Tirol, zu einem Stück Tuch von des Weibes Gewand, zu einem Linnenflecklein von des Kindleins Hemd. Und er zieht nicht unglücklicher mit feinen murrenden Brüdern hinein ins österreichische Land.
Wie groß aber ist an einem Sonntag sein Glück, da er die lieben Dinge vor sich ausbreitet, daß er mit ihnen sein Heimweh lindern kann. Da ist der Zweig des Kaisers zu Gold geworden, und sein Herz jubelt über das Mirakel, mehr noch als über das unverhoffte Gut.
Er braucht nun nicht mehr ein armer Musikant zu fein, und weiß dazu noch, eine Gnade ist über ihm.
Zeitschriften
— „Das Innere R e i ch." (Herausgeber: Paul Aloerdes und K. B. v. Mechow. Verlag Albert Langen-Georg Müller, München.) Mit einem „Hinweis auf die menschliche Gestalt" beginnt Rudolf G. Binding das Oktoberheft, das aus Anlaß der Verleihung des Goethe-Preises an Georg Kolbe sechs Abbildungen nach seinen Plastiken bringt. Zwei große Prosaerzählungen bilden den Kern des Heftes, von Georg Britting „Die Schwestern" und von dem in letzter Zeit mehrfach ausgezeichneten Siebenbürger Erwin Wittstock die kräftig bunte Novelle „Die Schlacht am Zineborn"; Gedichte von Wolfram Brockmeier, Franz Turnier, Rudolf Kreutzer und Eberhard Meckel, eine neue, knapp und eindringlich erzählte Anekdote von Wilhelm Schäfer, die Darstellung der Erzgebirgslandschaft durch Martin Raschke umgeben diesen dichterischen Kern auf eine Weise, die von der Vielfalt der älteren und jungen deutschen Dichtung unserer Tage wohl zu zeugen geeignet ist. Hans Hennecke würdigt den Geisteswissenschafter Wilhelm Dilthey, wahrend I. G. Greiner mit viel Verständnis einen Einblick in die Arbeitsweise der modernen Naturwissenschaft gibt, die er in ihrer Entwicklung feit Kepler betrachtet. Otto v. Taube bespricht unter dem Titel „Ein brandenburgisches Adelsgeschlecht" eine Reihe von Büchern, die den verschiedenen Gliedern der preußischen Familie o. d. Marwitz gewidmet sind.


