Ausgabe 
5.5.1936
 
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Rr.M Erstes Blatt

186. Jahrgang

Dienstag, 5. Mai 1956

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Eichener Anzeiger

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Oie Großmächte vor einer neuen Lage.

Wie wird der Völkerbund sich nun mit dem Abessinien-Problem abfinden.

Vermutungen in London.

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die eng­lische Morgenpresse berichtet übereinstimmend, daß das britische Kabinett sich noch nicht ent­schieden habe, welche Politik bei der kommen­den Ratstagung in Genf in der abessinischen Frage eingeschlagen werden soll.Daily Telegraph" teilt mit, daß voraussichtlich noch einige Kabinettsbera- tunaen stattfinden werden und daß die endgültige Stellungnahme der englischen Regierung im Unter­haus am Mittwoch vielleicht noch nicht bekannt­gegeben werden könne. Ebenso übereinstimmend ist die Mitteilung in den Blättern verschiedener politischer Richtungen, daß die englische Regierung schwer­lich an der A u f r e ch t e r h a l t u n g der Sühnemaßnahmen gegen Italien fest- halten werde, nachdem keine verantwortungsvolle abessinische Regierung mehr bestehe.Es ist frag- lieh", meint derDaily Telegraph",ob Abessinien erwarten kann, eingeladen zu werden, als ein un­abhängiger souveräner Staat am Ratstisch Platz zu nehmen." Dieser Punkt könne vom Völkerbunds­rat entschieden werden, da es keinen Präzedenzfall dafür gebe.

Alan rechnet damit, daß Italien, noch ehe der Völkerbundsrat über die Lage in Abessinien beraten wird, eine provisorische Regie- runginAddisAbebaeinsehen werde, ähnlich der in Französisch-Marokko, und Gene­ral Graziani zum Gouverneur ernen­nen werde. V a d o g l i o, so vermutet das Blaff weiter, werde nach Italien zurück­berufen werden, sobald die gegenwärtigen militärischen Operationen beendet seien. Das Blatt glaubt, daß die französische Regierung Mussolini dazu drängen werde, einen beträcht­lichen Teil seiner Truppen sowohl aus Abessi­nien als auch aus Libyen zurückzuziehen. Mussolinis nächstes Ziel, nachdem er seine Ab­sicht in Abessinien erreicht habe, sei, d i e Spannung zwischen Italien und Großbritannien zu beseitigen, so­weit das in seiner Macht liege, und zu ver­suchen, wieder gute Beziehungen zwischen den beiden Rationen herzustellen.

Die konservativeMorning Post" ist der Ansicht, daß weder Großbritannien noch Frankreich beson­ders dazu bereit feien, dem Völkerbund die Besei­tigung der Sühnemaßnahmen vorzuschlagen. Die kleineren Staaten andererseits seien gewöhnlich nicht gewillt, die Initiative zu ergreifen; nichts desto weniger nehme man an, daß Mittel und Wege gefunden würden, die es möglich machten, wieder normale Beziehungen zu Italien auf­zunehmen. Lediglich Vernon Bartlett versucht im liberalenNews Chronicle", die Gründe für die Aufrechterhaltung der Sühnemaßnahmen gegen Italien seinen Lesern darzulegen, obwohl er selbst zugibt, daß niemand mehr daran glauben könne, daß die Aufrechterhaltung der bestehenden Sanktionen, selbst wenn es möglich wäre, die Ita­liener aus Abessinien heraustreiben würde.

Frankreichs Vorbehalte für die Zukunst Abessiniens.

Paris, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Das Oeuvre" erklärt, die englische Regierung habe er­fahren, daß die italienische sich um eine Abdankung des Negus bemüht hätte, um den Urenkel Me­ne liks schleunigst auf den abessinischen Thron zu erheben und ihn bereits am 1. Mai in Genf m i t dem italienischen F r i e d e n s e n t w u r f unter dem Arm vor den Völkerbund treten zu lassen. Um dies zu vereiteln, hätten die Engländer dahin gearbeitet, daß Halle Selassie bei Verlassen des Landes nicht abdankte. Der starke Hebel, den nun Frankreich und England bei den kommenden Verhandlungen gegen Italien ansetzen könnten, sei die Finanzfrage, denn Italien Hobe sich buchstäblich finanziell zugrunde gerichtet, und wenn es aus der Eroberung Nutzen ziehen wolle, sei es vor allem auf finanzielle und wirt­schaftliche Erleichterungen angewiesen. Im übrigen bezeichnet das Blatt Frankreichs Wünsche hinsichtlich der Zukunft Abessiniens wie folgt-

1. Italien dürfe in Abessinien keine Vergünstigun­gen erlangen, die über die hinausgehen, die Frank­reich bei der weniger blutigen Eroberung M a r o k - k o s dort für sich erlangt habe. Frankreich wünsche in Abessinien also keine statistischen Experimente, die dem wirtschaftlichen Grundsatz der offe­nen Tür für den Handelsverkehr zuwlderlaufen.

2. Es müsse Italien untersagt werden, in Abessi­nien ein Kolonialheer auszuheben, das über die Ausmaße einer Polizeitruppe hinausginge.

3. Dor allem müßten die Unabhängigkeit und Sicherheit des französischen So- malihafens Dschibuti gewährleistet und Be­lange der französischen Eisenbahn von Addis Abeba nach Dschibuti durch einen Vertrag gewahrt werden, der einen Schleuderwettbewerb gegen diese französische Eisenbahn durch etwa von italienischer Seite einzurichtende Beförderungsmittel unterbinde.

V |

UM I *

In den letzten Stunden spielten sich in Addis Abeba, das der Negus fluchtartig verlassen hatte, unbeschreibliche Szenen ab. Die Menge stürmte den Kaiserpalast und ging gegen die Europäer in dem Geschäftsviertel vor. Dies Bild zeigt die Ras-Makonnen-Straße, einen der Mittelpunkte der Plünderungen. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Immer noch bedrohliche Lage in Addis Abeba.

Oie amerikanische Gesandtschaft besonders gefährdet.

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nach den in der Nacht zum Dienstag eingelaufenen Mel­dungen aus Addis Abeba ist die Sage für die in den dortigen Gesandtschaften eingeschlossenen Euro­päer nach wie vor beforgniserrege.nb, da der Pöbel plündernd und brennend die Stadt beherrscht Nach Berichten, die das Foreign Office Montag abend erhielt, befinden sich im Lager der britischen Gesandtschaft 2 0 0 0 Flüchtlinge, die 23 verschiedenen Nationen angehören. Dr. Thomas Lambie, der Führer des abessinischen Roten Kreuzes, hat sich in seinem Missionshaus verbarrikadiert, das plün­dernde abessische Soldaten während der Nacht zu stürmen versuchten.

Der amerikanische Gesandte in Addis Abeba, Engert, hat über Washington das Auswärtige Amt in London gebeten, indische Soldaten mit Maschinengewehren zur Verteidigung der ame­rikanischen Gesandtschaft zur Hilfe zu schicken. Ob­wohl die britische Gesandtschaft nur etwa zwei eng­lische Meilen von der amerikanischen in Addis Abeba entfernt ist, scheint es doch nicht möglich ge­wesen zu sein, zwischen diesen beiden Stellen eine unmittelbare Verbindung herzustellen. Nach dem Funkbericht des amerikanischen Gesandten ist die Lage der Amerikaner besonders ge­fährdet, da die amerikanische Gesandtschaft u n - auf hörlich von Banditen angegriffen wird. Mehrere Mitglieder der amerikanischen Ko­lonie, darunter der amerikanische Vizekonsul (Tramp verließen am Montagmorgen in Beglei­tung einiger zum Schutze mitgenommener bewaff­neter Eingeborener das Gesandtschaftsgebäude, um sich in einem Hospital zu betätigen. Zwei amerika­nische Berichterstatter und ein Pilot verließen gleichfalls das Gesandtschaftslager, um mit den ita­lienischen Truppen die Fühlung aufzunehmen. Da­durch ist die amerikanische Verteidigungskraft stark vermindert worden, so daß die Gefahr besteht, daß es den Plünderern gelingen kann, in die ame- kanische Gesandtschaft einzudringen.

Auch die französische Gesandt­schaft von Plünderern umzingelt

Paris, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Havas meldet aus Dschibutt, die französische Gesandtschaft, wo 2000 Personen Unterschlupf gefunden haben, sei Sonntagabend von plündernden Eingebo- renen-Truppen umzingelt. Es mache sich bereits Mangel an Lebensrnitteln bemerk­bar. Der französische Gesandte habe erneut um Hilfe gebeten. Man erwarte in Addis Abeba ungeduldig das Eintreffen der ersten französischen Ein­geborenen- Kompanie aus Diredaua. Von den beiden aus Dschibuti abgegangenen französi­schen Kompanien würde dann die eine auf halbem Wege in Diredaua bleiben und dort den Dienst der inzwischen nach Addis Abeba abgegange­nen Kompanie übernehmen, die andere würde nach Addis Abeba weiter reisen. Allerdings verlaute, daß die Eisenbahnstrecke bei Modjo, 50 Kilometer von Addis Abeba entfernt unter­brochen sei.

Washington in gespannter Erwartung.

Washington, 4. Mai. (DNB.) Das Staats­departement ist zur Zeit die einzige Nachrichten­quelle für die amerikanische Presse über die Be­gebenheiten in Abessinien. Vier amerikani­sche Marinefunker haben sich in ihrer Ge­sandtschaft in Addis Abeba einguartiert und berich­ten ständig über die abessinischen Ereignisse. Alle anderen Verbindungen sind unterbro­chen. Im Staatsdepartement haben die Jour­nalisten förmlich ein Zeltlager errichtet, das sie Tag und Nacht nicht verlassen, um sofort jede Funk­meldung weitergeben zu können.

Außenminister Hüll äußerte sich überaus aner­kennend über das umsichtige Verhalten des ameri­kanischen Gesandten, der die Frauen und Kinder in der britischen Gesandschaft unterbrachte und mit wenigen Männern das amerikanische Gesandt­schaftsgebäude in Addis Abeba gegen Banditen und Plünderer verteidigt. Eine Funkmeldung besagt, daß er mit zehn Gewehren, sechs Pistolen und einem leichten Maschinengewehr ausgerüstet ist. Drei deutsche Männer und eine deut- s ch e Frau haben Zuflucht im Gebäude der ame­rikanischen Seventh Day Adventist Mission ge­funden

Der Negus auf der Reise nach Jerusalem.

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Der englische KreuzerEnterprise", auf dem sich der Kaiser von Abessinien mit seiner Frau und seinen sechs Kindern befindet, wird voraussicht­lich am Freitag in Haifa eintreffen. Die Enterprise" wird zu den schnellsten Schiffen der englischen Marine gezählt.News Chronicle" be­richtet, der Kaiser beabsichtige zunächst, seine Fa­milie in Jerusalem unterzubringen, und sich darauf nach Genf zu begeben, um beim Völker­bund persönlich die abessinische Sache zu oertreten. Einige Zeitungen berichten, daß nach Aeußerun- gen des abessinischen Botschafters in London der Negus endgültig sich in London niederlassen werde.

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Reuter berichtet aus Dschibuti, daß Ras Nasibu, der Befehlshaber der abessinischen Südarmee, der bis vor kurzem dem General G r a z i a n i einen so energischen Widerstand geleistet habe, zusammen mit dem türkischen Ratgeber Wehib Pascha, von Diredaua kommend, in Dschibuti eingetrof- f e n sei.

Keine Verluste unter den Deutschen

Addis Abeba, 4. Mai. (DNB.) Dank den umfassenden und vorbildlichen Maßnahmen, die der deutsche Gesandte Strohm zum Schutze der deut­schen Kolonie getroffen hat, sind bei den Unruhen unter den hier ansässigen Deutschen keine Ver­luste eingetreten.

Was nun?

Von Dr. Hans von Malottki.

Der Zusammenbruch des organisierten abessini­schen Widerstandes hat die europäische Gesamt­situation mehr belastet, als zu ihrer Erleichterung und Beruhigung beizutragen. Ob man die neue Lage in ihrer Wirkung auf den Völkerbund betrachtet oder im Hinblick auf die Stellung der drei W e ft m ächte, es sind viel mehr Konfliktsstoffe angehäuft, neue Fragen aufgerollt, als schon be­stehende geklärt oder gar aus der Welt geschafft worden. Dies ist weder verwunderlich noch zu­fällig, sondern liegt in der Natur der Sache. Das italienische Unternehmen in Ostafrika ist gegen Absicht und Willen des Duce viel zu kompliziert geworden, es hat im Laufe feiner Entwicklung zu viele Aspekte erhalten und seinerseits ausgelöst, als daß es mit dem Abschluß der militärischen Opera­tionen beendet sein könnte. Der Sieg der italieni­schen Waffen, so gewiß er Italien mit Stolz erfüllt und die italienische Politik ihrem Ziele näherbringt, führt auf der anderen Seite doch noch keinen vollen Abschluß, sondern nur eine Veränderung im Charakter des Konfliktes herbei. Was für Italien, militärisch gesehen, der entscheidende EEpunkt einer im letzten Herbst eingeleiteten Ent­wicklung ist, kann von der diplomatisch-politischen Ebene her gerade umgekehrt zum Ausgangspunkt neuer europäischer Verwicklungen werden.

Es kann, aber es muß nicht. Denn hier hängt sehr viel, wenn nicht alles, von den Ent­schlüssen der englischen Politik ab. Der Zwang Zur Stellungnahme wird in London sicherlich mit Unbehagen empfunden; sie ist aber jetzt wohl kaum mehr zu vermeiden, und damit wird die Frage wieder akut, die London bisher in der Schwebe lassen konnte: ob nämlich England im weiteren Gang der Dinge als Mitglied des Völker­bundes oder als individuelle Macht wirksam werden will. Mit anderen Worten: ob die englische Politik als Verfechterin der Genfer Grund­sätze und der kollektiven Sicherheit auf­treten oder sich auf die Wahrnehmung ihrer eige­nen Interessen beschränken will. Diese Unter­scheidung ist freilich rein formal Denn die englische Völkerbundsfreudigkeit hatte ja ihren stärksten An­trieb in der Tatsache, daß der gegen Italien in Gang gesetzte Genfer Mechanismus den englischen Interessen gelinde gesagt nicht zuwiderlief. Dieser G l e i ch k l a n g, der es England gestattete, feine eigenen Wünsche und Ziele hinter dem kollek­tiven Vorgehen des Genfer Bundes zu verbergen, kann sich nun sehr bald feinem Ende nähern. Es kann jetzt der Augenblick eintreten, da England die weitere Einhaltung der Genfer Linie unbequem, ein Ausgleich mit Italien dagegen um so ratsamer schiene.

Welchen Weg auch die englische Politik wählen wird, in jedem Falle wird es nicht um hohe Rechtsgrundsätze, sondern um die Wahrneh­mung der eigenen Interessen gehen. Ein Beharren Englands auf dem Genfer Verfah­ren gegen Italien wäre kein Gegenbeweis, sondern nur ein Beleg dafür, daß England auf diesem Weg auch jetzt noch besser zu fahren glaubt. Dies wäre die indirekte, auf langsame aber, wie England glaubt, sichere Wirkung abgestellte Methode. Man ist in London nach den bisherigen Rückwirkungen der Sanktionen zu der Ansicht gekommen, daß Ita­lien auf diese Weise allmählich doch auf die Knie gezwungen, wirtschaftlich und finanziell lahmgelegt werden könnte. Man verweist außerdem darauf, daß die militärische Eroberung Abessiniens noch nicht gleichbedeutend sei mit einem gesicherten sorgenfreien Besitz, ganz abgesehen von den fi­nanziellen Aufwendungen einer großzügigen Er­schließung des Landes. Die Idee, Italien so nach­träglich vielleicht nach Jahr und Tag durch das langsam wirkende Gift der Sanktionen abzu­würgen, ist phantastisch und erscheint schwer reali­sierbar. Andererseits ist sie typisch für das Denken einer Macht, die schon manche Schlacht verlor, nach einem Wort Sir Samuel Hoares in ihrer Ge­schichte aber stets die letzte Schlacht zu gewin­nen verstand.

Wird England diesen Weg gehen, und wenn es ihn gehen will, wird der Genfer Völkerbund Folge leisten, all die Mächte, die auch am eige­nen Leibe die Folgen des Wirtschaftskrieges mit Italien spüren? Würde die italienische Verbitterung nicht einen explosiven Charakter annehmen? Das Giornale d'Jtalia" schrieb dieser Tage, England hätte sich diese italienische Verbitterung sparen kön­nen, wenn es die unterzeichneten Ver­träge geachtet hätte. Dies ist in der Tat richtig. Hier liegt jener jähe Bruch innerhalb der englischen Politik, der auch heute noch in seinen Motiven und Hintergründen in Dunkel gehüllt ist. In dem Dreier­vertrag von 1906 und in dem englisch-italienischen Geheimabkommen von 1925 hatte' England italie­nische Ansprüche in Abessinien anerkannt und gebilligt. Beide Abkommen waren typische koloniale Teilungsverträge. Warum hat England aber dann das Kolonialunternehmen des Duce in einen völkerrechtlich gebrartbmarften Krieg aus- weiten lassen? Diese Frage ist noch immer ebenso wesentlich wie sie unbeantwortet geblieben ist. Ita­lien selbst glaubt sie mit um so größerem Recht stellen zu können, als ja die Aufnahme Abessiniens in den Genfer Bund England nicht an dem Ab­schluß der Aufteilungsvereinbarung von 1925 ge­hindert hat. Wird England jetzt unter dem Zwang der neuen Verhältnisse sich zu dem bequemen, was es aus freien Stücken bisher verweigert hat? Der Duce hat, bisher wenigstens, der englischen Politik diesen Weg zurVertragstreue" offen gehalten.

Ob tatsächlich eine Lösung des Konfliktes auf bei? Grundlage der früheren Teilungsabkommen gesucht