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Nr. 207 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zreilag, 4. September 1956

Aus der Provinzialhauptstadl

Lob des Zwetschenkuchens.

Unser alter Nachbar, ein biederer Schreinermeister steht auf der Leiter im Garten und schaut sich um Anscheinend weiß er nicht recht, was er machen soll Zögernd befühlt er einzelne Früchte und beginnt dann zu pflücken. Ich rufe ihm über den Zaun zu- Na, sind sie schon reif, die Zwetschen?" Zuerst brummelt er etwas in seinen Bart, dann steigt er gelassen herab und kommt mit seinem Körbchen zu mir.Da, schauen Sie mal! Noch halb grün und auch noch hart. Aber was will man machen? Die Weibsleute sind ganz närrisch und die Kinder erst recht. .Sie wollen unbedingt Zwetschenkuchen haben Und so muß ich denn auf die Leiter steigen und pflücken, was einigermaßen reif ist. Aber viel wird's nicht werden, und Zucker wird's kosten! Immerhin sie sollen ihren Willen haben. Ich selber esse ja auch gern ein Stück. Vielleicht hängen da hinten an dem großen Baum ein paar reifere." Ich nicke ihm zu Ja. wir wollen morgen auch den ersten backen Meine Frau meinte, es schadet nichts, wenn die Zwetschen noch ein bißchen hart sind. Der erste Zwetschenkuchen müsse knacken. Er schmecke dann immer noch besser als der Pflaumenkuchen."

Der Nachbar nimmt Korb und Leiterchen und wandert zum Gartenende. Ich sehe, wie er dort ieifrig pflückt.

Also wird's doch was werden mit dem ersten Zwetschenkuchen. Unsere Bäume hängen ja Heuer so voll Früchte, daß sie überall gestützt werden muß­ten, und sie sind dankbar, wenn wir ihnen etwas von dem Segen abnehmen. Die Kinder haben schon lange nachgeschaut, ob sich die Zwetschen noch nicht blau färben. Nachdem die Buben die ersten halb­reifen gekostet und immer wieder erzählt haben, daß es jetzt Zeit sei, geht es an das Pflücken.

Wie leuchten dann die Augen, wenn der erste Zwetschenkuchen auf dem Tische steht! Mit einer scheuen Andacht wird er zum Munde geführt. Mögen auch die ersten Früchte noch ein wenig sauer sein, der Zucker hilft schon nach. Zwetschen­kuchen! Das ist ein Zauberwort, das alle Gesichter erhellt. Die Arbeit fliegt nur so, wenn wir hören, daß es zum Nachmittagskaffee frischen Zwetschen­kuchen gibt.

Wohl sind die letzten Garben in die Scheune ge­fahren, aber noch lagert das Grummet auf den Wiesen, die Kartoffeln stecken noch in der Erde. Es wird noch viel Arbeit geben in diesem Herbst. Ein treuer Helfer aber wird der Zwetschenkuchen sein. Mag die Arbeit noch so sehr drängen, ein Körbchen voll Zwetschen wird immer noch freudig gepflückt, damit der Kuchen nichtausgeht". Groß, und klein, alt und jung, ob auf dem Lande oder in der Stadt: Alle sind der gleichen Meinung, daß Zwetschenkuchen etwas Wunderbares ist. Am besten schmeckt er im Freien, wenn wir im Schatten eines Weidenbaumes am Bachufer oder auf Kartoffel­säcken sitzen und eine kleine Pause machen.

Zeigt sich der Kaffeeträger von weitem, dann fliegen die Kärste doppelt fo schnell durch die Luft, groß und klein liest freudiger die dicken Knollen auf, damit noch einige Säcke vor der Mittagspause gefüllt werden.

Haben die Landfrauen noch so viel Arbeit, eins wird immer noch so nebenbei miterledigt: das ist das Backen der Zwetschenkuchen. Manchmal wird der Teig morgens, wenn es noch dunkel ist,ange­stellt", dann wieder am späten Abend. Aber einige Minuten preßt sich die rührige Bauersfrau immer noch heraus aus der Tagesarbeit.

Ein Gang durch die Dörfer zeigt uns das. Bis tief in die Mitternacht ist noch Leben in den Ge­meindebackhäusern. Es duftet überall nach den würzigen Kuchen. In jedem Hause steht er auf dem Kaffeetisch.

Und so wird es nun für einige Wochen bleiben. Der Zwetschenkuchen ist der freundliche Begleiter, der nun mit uns geht und uns die Arbeit erleichtert. Die Früchte werden von Tag zu Tag süßer und

wohlschmeckender. Bald wird der Zucker überflüssig

Aber auch die Städter lieben und schätzen den guten Zwetschenkuchen, und sie können in diesem Jahre alle genug bekommen, denn wohl selten hat es soviel Zwetschen gegeben wie heuer.

Eßt deutsches Obst!"Eßt deutschen Zwetschen­kuchen!" Das sind die Schlagworte für die nächsten Wochen. m.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.15 UhrMaria Garland". Gloria-Palast, Seltersweg:Eskapade Seine offizielle Frau". Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: Die Stunde der Versuchung".

Das Hausbrot.

Ein österreichischer Edelmann hatte einst einen Bauern mißhandelt. Dieser verklagte ihn bei Kaiser Joseph II. Zur Strafe, so ordnete der Kaiser an, sollte der Edelmann kein Brot mehr essen dürfen. Anfangs lachte dieser darüber; aber bald wurde es ihm unentbehrlich und er fuhr zum Kaiser, um Nachlaß dieser empfindlichen Strafe zu erbitten. Joseph fragte ihn, ob er denn nicht mit Fleisch und

Wenn einem Brot angeboten wird, sei es von wem es wolle, soll man es nicht ausschlagen; denn das Brot ist -eilig. Als Hausbrot steht es in enger Beziehung zum Haus. Mancherorts werden die jungen Eheleute, wenn sie von der Hochzeitsfeier ins neue Heim eintreten, mit Brot und Salz emp­fangen, daß sie sich leicht eingewöhnen und nie Mangel leiden. (Ja selbst dem Vieh, das vom heimatlichen Hofe auf ein anderes Anwesen weg- verkauft wurde, gab man zum Empfang ein Stück Hausbrot, damit das Tier im neuen Stalle sich um so rascher eingewöhne.) In der Oberpfalz war es der Brauch, daß die Braut, wenn sie mit dem Kammerwagen ins neue Heim einzog, als erstes ein Tischchen mit einem Stück Brot ins Haus trug. In manchen Gegenden Schwabens und Sachsens gab man der Braut, wenn sie bei den Bekannten im Dorf zur Hochzeit einlud, unter Beglückwün­schung ein Stückchen Brot mit. Aus den Spenden, die man das Glücksbrot nannte, wurde bann am Hochzeitstage die Morgensuppe gekocht. Das sinn- bildete die Aufnahme des jungen Ehepaares in die Brotgemeinschaft ober Hausgenossenschaft der Ge­meinde.

Das Brot soll heilig gehalten werden. Man soll sich hüten, auch nur Brosamen auf den Boden fallen zu lassen. Wenn Brot zu Boden fällt, soll

Hinein in -en Reichslusischutzbund!

Die Werbeaktion des Reichsluftschuhbundes, Ortsgruppe Gießen, beginnt mit der persönlichen Werbung durch Amtsträger in den nächsten Tagen.

Wenn auch über 10 Millionen deutscher Wärmer und Frauen, Knaben und Wädchen einsatzbereit in der Front des RLB. stehen, so genügt diese Zahl noch immer nicht.

Rings um uns rüsten die Staaten in unvorstellbarem Waße. Woskau schürt den Krieg! Luftschutz ist erste pflicht der Selbsterhaltung und Volksgemeinschaft im höchsten Sinne.

Es darf sich keiner ausschtießen! Es sage keiner:Wenn es soweit ist, komme ich!" Später ist zu spät!

Der Reichsluftschuhbund ruft erneut die Bevölkerung auf, die Mitgliedschaft zu erwerben und sich einzureihen in die Organisation einer geschulten Landesverteidigung, die keine großen Opfer verlangt und jedem zugute kommt.

Deutschland ist luftbedroht! Lustschuhtut dringend not!

Reichsluftschuhbund e. V. Ortsgruppe Gießen, Landesgruppe Hessen-Rheinland-Süd.

Der Ortsgruppensührer: Lloh, LS.-Führer.

anderen Speisen unb Wein zufrieden wäre, da doch Brot eine so gemeine Sache sei.Aber es ist die Seele der Nahrung", erwiderte der Edelmann. Warum seid Ihr bann so unvernünftig, denjenigen zu mißhandeln, die Euch das Brot liefern?" sagte darauf der Kaiser.

Dasliebe Brot", vor allem das schwarze, wurde immer heilig gehalten. Das weiße galt auf dem Lande mehr als Leckerbissen; das Hausbrot, wie man das schwarze nennt, hat mehr kernige Kraft und geheimnisvolle Wirkung. Auf dem Lande schneidet man heute noch in vielen Gegenden kein Brot an, ohne es mit dem Zeichen des Kreuzes dreimal zu versehen, damit es der Herr segne und es ergiebig fei; hat ja der Herr auch das Brot ge­segnet, ehe er es verteilte. Im Hausbrot steckt der Hausgeist, der den Bewohner des Hauses draußen in der Fremde behütet, ja die Fremde zur Heimat macht; es bewahrt, wenn man ein Stück davon mitnimmt, vor Heimweh, vor Langewile. Es schützt, so glaubte das mittelalterliche Volk, gegen den Teufel, gegen die Hexen, die Feindinnen des Brotes sind, und gegen Gespenster. Jedes Wasser, so un­gesund es auch wäre, verliert seine Schädlichkeit, wenn man Brosamen hineinwirst.

man es sogleich aufheben. Es gilt als Sünde, die mit Armut bestraft wird, wenn man Brot, das man auf dem Boden liegen sieht, nicht aufhebt. Wer fortwirft Brot, leidet im Alter Not." Im Harzgebirge, heißt es in einer Sage, hat einst ein Knabe Brot mit Füßen getreten, da ist Blut her­ausgeflossen und hat die Erde rotgefärbt. In alten Sagen wird das Brot des Reichen, der sich weigert, dasselbe mit den Unglücklichen zu teilen, zu Stein. Das Brot darf nicht auf der oberen Rinde liegen, sonst flieht Glück und Segen aus dem Haufe oder es entsteht Zank. Aus Brot Kügelchen machen und damit spielen, hält das Volk für schwere Sünde. Auch darf man das Messer nicht im Brot stecken lassen, weil es den armen Seelen wehtut. J. W.

Ernennung bei der Universität.

Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt: Professor Dr. Karl Scharrer von der Technischen Hochschule München (zuletzt als Vertreter in Jena) ist mit Wirkung ab 1. Sep­tember 1936 mit der Vertretung des Lehrstuhls für Agrikulturchemie an unserer Universität beauftragt worden.

Eine Nacht der Gewitter.

Nachdem die Temperatur des gestrigen Tages sich im Verlaufe des Abends immer schwüler unb drückender gestaltet hatte, schließlich sogar eine ge­radezu lästige Feuchtigkeit der Luft mit sich brachte, kam es im Verlaufe der verflossenen Nacht zu einer langwährenden Entladung der atmosphärischen Hochspannung. Schon um die Mitternachtszeit konnte man am Horizont starkes Blitzen bemerken unb noch weit entfernt bas Rollen bes Donners vernehmen. Balb aber näherte sich bie Gewitter­front immer mehr ber hiesigen Gegenb, unb es bau­erte benn auch nicht mehr lange, bis sich mehrere Gewitter auszutoben begannen. Dabei gab es zahl­reiche grelle Blitze unb häufig kräftige Donner­schläge, natürlich auch starken Regen, ber zeitweise mächtig hernieberrauschte. Die Gewitterfront war so ausgedehnt, baß Blitz, Donner unb Regen in wech- selnber Stärke unb Häufigkeit bis heute früh gegen 6 Uhr anbauerten.

Soweit uns bis zur Stunbe bekannt ist, würbe im Gießener Stabtgebiet kein Schaben angerichtet. Dagegen wirb uns aus A l t e n - B u s e ck gemelbet, baß bort reichliche Regenfälle zu verzeichnen waren unb ber Blitz in bie Lichtleitung ber bärtigen Zi­garrenfabrik einschlug, außer wesentlichen Zerstö­rungen an ber Leitung jeboch kein weiterer Schaben entstauben ist. Aus Lang-Göns liegt uns ein Bericht vor, in bem mitgeteilt wirb, baß das schwere Gewitter in ber Lang-Gönser Gegenb mit Hagelschlag verbunben war, doch ber Schaben, der bisher bekannt würbe, gering ist, lebiglich in ben Gärten die Blätter des Gemüses durchschlagen und etliche Früchte von den Bäumen herabgerissen wor­den seien. Das Gewitter sei allerdings von einer Stärke gewesen, wie man kaum eines in den letzten Jahren erlebt hätte. Augenzeugen aus dem B u - seckertal berichten uns, daß dort durch den starken Regen, vielleicht auch durch Hagel und Wind, sehr viel Obst von den Bäumen geschleudert worden fei, im übrigen aber weiterer Schaden bis heute früh noch nicht feftgefteüt werden konnte.

Die öcütfdic Arbeitsfront

x n.9.=Gemeinf(haftGraft durch frcuöe"

Winzerfest 1936 in Gießen.

Das diesjährige Winzerfest findet vom 10. bis 12. Oktober statt. Zum Ausschank werden sechs Wirte und ein Cafetier zugelassen. In Frage kom­men nur konzessionierte Wirte, die Mitglied der Deutschen Arbeitsfront sind. Bedingungen sind auf der KreisdienststelleKdF.", Schanzenstraße 18, Zimmer 8, erhältlich.

Willy-Reichert-Abend am 6. September.

Karten zu dieser Veranstaltung sind nach in den bekannten Varverkaufsstellen zu haben. Die Abend­kasse ist ab 19 Uhr geöffnet.

Zahlung der Veteranen-Beihilfe durch die Versorgungsämter.

Auf Grund einer Verfügung des Reichs- und Preußischen Arbeitsministers ist bereits vor einiger Zeit die Zuständigkeit für die Angelegenheiten ber Veteranenbeihilfe für bie in Preußen unb im Saarlanb wohnenben Veteranen aus bem Kriege 1870/71 unb früheren Felbzügen auf bie Versor­gungsämter übergegangen. Um bie Zustänbigkeit biefer Angelegenheit einheitlich zu regeln, hat ber Reichsarbeitsminister nunmehr die Bewilligung und Zahlung der laufenden Veteranenbeihilfe für die in den übrigen deutschen Ländern wohnenden Ve­teranen vom 1. 10. 1936 ab ebenfalls den für den Wohnort der Veteranen zuständigen Versorgungs­ämtern übertragen.

Gute Möbel bei Koos

Giessen Schulstr6

Oie alte Kräuiersammlenn.

Von Konrad Beste.

In einem abseitigen kleinen Tale des großen Waldes, der feine ungeheuren Holzmassen dicht an das einsame Dorf Wenthusen heranschob, lag die Hütte ber Kräutersammlerin Mana Riemen- schneider. Es war ein Walb, ber zwar an seinen Räubern unb in seinen Tiefen Sieblungen unb kleine Dörfer hatte wachsen lassen, ber aber auch dem einzelnen ein völlig lautloses Versinken m seinen meilenfernen Einsamkeiten sicherte. Der Drang, allein mit einer großen Natur zu leben, mochte auch ben Vater ber Riemenschneiber be­wogen haben, sein Haus an biefem Ort zu er­bauen, dessen spärliches Garten- und Ackerlanb er aus dem Eichenwalde hatte heraushauen müssen. Er war hierhergekommen als Witwer und als Vater zweier kleiner Töchter er hatte dieses Haus mit seinen Händen erbaut, ohne Die Hilfe von Handwerkern, und ohne die Hilfe von Menschen auch hatte er feine Tochter erzogen und ""g^ber*'tiefen Einsamkeit dieses Lebens hatte er in sich die Fähigkeit entdeckt und entwickel, dem Walde seine Geheimnisse abzulauschen, £ e Gesetze zu ergründen, nach denen er gewiß magische Kräfte an den Wuchs feiner Pst 3 bindet. Er wußte, daß die Pflanzen ihre 3^ Stunden haben, zu der sie gebrochen werden wollen, um den Inbegriff ihrer heilenden und ihrer zerstörenden Wirkungen ganz ZU t - Die Klagen der Aerzte über die Unzuverla gkett gewisser Drogen waren für ihn ohne Bedeutung, benn er wußte es, daß etwa der Fl^rhut ver­langte, am zweiten Tag des vollen Mo bie Mittagsstunde gepflückt zu werde ^te im Hellen Schein der Sonne "nd / leßtes

vielleicht nicht mit Unrecht daß hier em Jettes Aufkochen des heilenden Gsttes erfo g ' . wußte, baß bie Tollkirsche bie Nacht bevorzug , um ben Saft ihrer Blätter ausgaren zu lassen. Er hatte die Demut, sich °°r I-mn duntten Zu- jammenhängen zu beugen, überseh mut ber Wissenschaft, der immer noch bie llärung" über berTatsache fW- 2 ' eine diese Demut hatte ihm Macht I flI ' Macht, bie er auch auf die Tochter

Wahrend er selbst nur für to bie

ren Gebrauch von diesen Fahigke e'r e5 freilich er anzuwenden vermochte wie immer es hm beliebte, zum Werke des Hellens und zu Dem des Zerstörens, als Kundiger & . .

^>ch der schwarzen Magie, so mach -

i*r aus chren ererbten Künsten eine ieoe cm

werbe und sie teilten sich redlich in ihr Erbe. Denn die eine wählte den Tod und die andere das Leben. Die ältere, welche den Tischler Wol - lenroeber heiratete, wurde die Zuflucht der Ver­feindeten, der Mißgünstigen, die danach lechzten, einander Schaden zu bereiten durch böse Tränke unb Besprechungen. Die jüngere, bie Frau unb frühe Witwe des Maurers Riemenfchneider, half denen, die im Vertrauen auf die heilenden und versöhnenden Kräfte ihrer Tränke und Salben, ihres wohlverwahrten Karfreitagswassers, ihrer ererbten Sprüche kamen. Unb es kamen viele zu ihr, in nie enttäuschtem Vertrauen auf eine Güte, bie freilich von ber launenhaften Natur in bas Gewanb einer erfchreckenben Häßlichkeit ge­hüllt war.......

Maria Riemenschneider war nach dem Tode ihres Mannes aus Wenthusen in ihr Vaterhaus zurückgekehrt, das der Wald schon wieder in Be­sitz genommen hatte. Das geduldige Moos hatte sich schon bis über die Schwelle getastet, aus dem halbeingestürzten Dache hatte sich durch die morschen Sparren eine Eberesche herausgezwängt und die Vögel, die in den Zimmern ihre Nester gebaut, hatten auch den Samen von mancherlei Kräutern ins Haus getragen so waren sie auf­geschossen in den Fensterbänken unb hatten bie Fenster ganz geschlossen mit ihren bunten, wuchernden Wänden. Denn da waren die zittern­den Gräser und die Farren und zwischen dem feindselig dichten Blattwerk der Nesseln drängten sich die Dolden der Schafgarbe und der wilden Mohrrübe.

Die Vögel hatten sich nicht beirren lassen durch das Lager eines alten einsiedlerischen Dachses, der sich den Keller wohnlich eingerichtet hatte. Und der Garten war überwuchert von den riesigen Blättern des Huflattichs, die alles Wachstum er­stickt hatten sie bargen in den sumpfigen Nie­derungen ihrer Schatten die Frösche, die mit ihrem eintönigen Geguarr die Erbin dieses Hau­ses begrüßten, als die nach zehnjähriger Abwesen­heit heimkehrte. Maria Riemenschneider brachte es nicht übers Herz, das vertrauensvolle Wuchern dieser Wildnis mehr zurückzudämmen als es die notwendigste Ausbesserung des Daches und die Instandsetzung eines Zimmerchens erforderte. Bei der Küche schon machten ihre Bemühungen um eine menschliche Bequemlichkeit halt: Das erfüllte sie immer wieder mit tiefer Genugtuung, daß die Bachstelze, die sich ihr Nest auf einem Wandbrett gebaut hatte, nicht für einen Tag verscheucht wor­den war, daß der Igel sein Lager nicht verlegt aus der Holzbiste im' Winkel. Ja, die Jgelmutter warf bald nach Marias Rückkehr sogar acht rosige Junge, die sie unschwer an die regelmäßig bar­gereichte Milch ihrer Ziege gewöhnte.

So würbe ihr dieser Einzug im Frühling zu einem Empfang durch die dunkel sprießende Güte jener Kräfte, die den Wald durchweben von Ewigkeit..... Hier also hauste sie wieder feit

fünfundzwanzig Jahren und hier hatte sie immer tiefer hineingefunden in ihren Beruf, ben einzi­gen, ber ihrer in solches Dunkel heimgekehrten Seele gemäß war. Von hier aus unternahm sie ihre Streifzüge in ben Walb unb in bie Dörfer, allabenblich wieber einmünbenb in ihre gesegnete Einsamkeit unb unerreicht von ber Unraft ber Menschen.

Auf ben Wanberungen durch die Unendlichkeit des Waldes nahm sie dankbar alles hin, was er ihr fo freigebig bot. Da waren außer ben Kräu­tern vor allem bie Pilze, bie sie fo liebte. Sie brach den jungen Steinpilz, wenn er im ersten helleren Schwellen durch die Feuchtigkeit der Bu­chenblätter hervordrängte, sie sammelte das weiche Gold des Hahnenkamms und der Eierfchwämme, sie ging dem erdig-fetten Braun der Morcheln nach und sie fand unter ihren hochgewölbten Erdbuckeln das unterirdische Sprießen der Trüffeln. Sie wußte den bleichgrünen, giftigen Schimmer bes Knollen- wustlings vom satten Gelbweiß bes köstlichen Wald- champignons zu unterscheiben. Den Eichhasen fanb sie in biefem .uferlosen Walbe, biefe launige Ver­ästelung von Pilzen auf einem bicken tragenben Mutterstamm. Sie fanb bie Totentrompete, bereu büfteres Grau aus morastigen Abhängen gespen­stisch aufftanb unb ben würzigen Reizker, schillernb in ben gelbbraunen Ringen seines Hutes, sammelte sie mit ber großen Familie ber Täublinge in Körben zu Zentnern... Sie sammelte biefe Pilze, zog sie an Fäben auf unb ließ sie trocknen in ber Sonne unb in bem Winbe, ber sich bis in biefes Tal ver­irrte ...

Kunst und Wissenschaft.

3000-MarkErzähler-Preis derneuen linie 1937.

15 000 Mark hat die Monatszeitschriftdie neue Knie" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) in den vergangenen fünf Jahren als Preise für die besten deutschen Erzählungen gestiftet und verteilt. Für 1937 ist dieser Erzähler-Preis in geänderter Form erneuert. Wiederum sind Preise in der Ge­samthöhe von 3000 Mark ausgesetzt, durch die dies­mal sowohl die besten Erzählungen als auch die besten Kurzgeschichten ausgezeichnet werden sollen. Dem Preisgericht gehören an: Werner Beu m e l- bürg, Dr. Paul Fechter, Helene v. N o st i tz , Dr. Wilhelm v. Scholz, Dr. Bruno E. Wer­ner. Die Bedingungen sind im September-Heft derneuen linie" veröffentlicht.

Der erste Erna-Sack-Film.

Die berühmte Sängerin Erna Sack spielt ihre erste große Filmrolle in dem Gloria-Film der Tobis RotaB l u m e n a u s N i z z a", dessen Aufnahmen soeben in Wien unter der Regie von Augusto G e - nina begonnen haben. Die weiteren Hauptrollen in dem von Dr. Max W a l l n e r geschriebenen Film sind mit Friedl Czepa, Paul Kemp», Karl S ch o n b ö ck und Jane Tilden besetzt. Musik: Willi Schmidt-Gentner.

TUufiffage 1936 in Kassel.

Die Musiktage 1 936 in Kassel, die im Oktober vom Arbeitskreis für Hausmusik veran­staltet werden, bringen in einer dreitägigen Folge von neun Hauptoeranstaltungen eine Fülle von alter und neuer Musik, die für das Selbstmusizie­ren Anregung geben soll. In einer Musizierstunde unter dem TitelNeue Hausmusik" wird der Ver­such gemacht, zeitgenössische echte Hausmusik von zukunftsweisender Haltung und wirkliche Qualität zu bringen; Werke von Cesar Br es gen, Hugo D i st l e r, Walter Kraft, Karl Marx und Fritz Neumeyer kommen dabei zu Gehör. Aus bem sonstigen Programm ist besonbers bemerkenswert bie originalgetreue Aufführung mehrerer Werke der Bachzeit, u. a. des 4. Brandenburgischen Konzertes. In einer zeitgenössischen Kammermusik wird Das Cembalokonzert von Hugo Distler vom Kom­ponisten selbst gespielt. Eine Geistliche Abendmusik bestreitet der Lübecker Sing- unb Spielkreis. Auch bie Instrumentenbauer sinb wieber mit mehreren Musikstunben beteiligt. Hauptträger bes instrumen­talen Teiles ist ber Kammermusikkreis Wengin­ge r - S ch e ck.

Zeitschriften.

Währenb in Spanien seit Wochen ber blu- llgste Bürgerkrieg tobt, bereiten sich in China Dinge vor, die eine militärische Auseinandersetzung zwi­schen der Zentralregierung und den Provinzregie­rungen erwarten lasten. Im neuesten Heft der I l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" (Verlag I. I. Weber in Leipzig) berichtet W. K. von Nohara, ein zuverlässiger Kenner der innerpolitischen Ver­hältnisse in China, in einem vielseitig illustrierten Beitrag über die gegenwärtigen Ereignisse im Reich der Mitte", das bald wieder in den Brenn­punkt des weltpolitischen Interesses rücken wird. Die herrlichste Waffensammlung ber Welt befinbet sich in ber Neuen Hofburg in Wien. Auf zwei Bilbseiten werben bie kostbaren Prunkstücke deut­scher, italienischer und spanischer Waffenschmiede, fo z. B. der Harnisch des Herzogs von Parma (1570), der Roßharnisch Kaiser Maximilians I. und der Prunkhelm Kaiser Karls V., gezeigt.