llr. 207 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
ßreitag, 4. September 1936
Jahrgang 1914 im Manöver
lich selbst von Aussatz befallen wurde und mitten unter seinen Leidensgenossen starb. Am 9. Juni 1934 spritzte sich der griechische Arzt drei Gramm Blut eines Leprakranken in die eigenen Adern ein und wiederholte diese „Impfung" noch zweimal im Laufe der folgenden Woche. Er wollte hierdurch, was bisher noch nie der Fall gewesen war, sich selbst und seinen Fachkollegen das wissenschaftliche Studium der Lepra in ihrem Anfangsstadium ermöglichen. Dies war um so wichtiger, als der Erreger des Aussatzes wohl bereits 1879/80 durch Hansen und Neisser entdeckt und beschrieben worden war, jedoch bis zum Jahre 1934 noch niemals künstlich weiterverbreitet werden konnte. Erst dem griechischen Arzt Dr. S t a ma- top u l o s in Alexandria gelang es zu diesem Zeitpunkt, den Leprabazillus zu züchten und im Tierversuch zu übertragen. Dr. Lagoudaki blieb es Vorbehalten, die wissenschaftlich weit bedeutsameren Einwirkungen des Lepraerregers auf den menschlichen Körper am eigenen Leibe zu studieren. Nicht zuletzt seinem Opfermut ist es zu verdanken, wenn die Zahl der Aussätzigen in der ganzen Welt in letzter Zeit außerordentlich zurückgegangen ist und gegenwärtig nur mehr etwa zwei Millionen beträgt.
Wie der greise amerikanische Arzt Dr. Coate, der im vergangenen Jahr von einer fast noch unerforschten, unheilbaren schweren Hautkrankheit befallen wurde, und darüber bis ins Kleinste gehende wissenschaftliche Aufzeichnungen hinterließ, hat auch Dr. Lagoudaki vom ersten Augenblick an ein pein-
Ein Marathonläufer der Wissenschaft.
Griechischer Olympiakämpfer als freiwilliger Leprakranker. — Er wollte seine Sehnerven zerstören lasten.
vieler Truppen und Kraftfahrzeuge auf engem Raum macht besondere Maßnahmen erforderlich, soll ein reibuntzsloser Ablauf der Uebung ohne Unfälle gewährleistet werden. Aus Hebungsgründen müssen die gesetzlichen Berkehrsbe st immun gen seitens der Truppe in weitgehendem Maße außerachtgelassen werden. Motorisierte Verbände fahren je nach taktischer Lage und Witterung (Lustgefahr) des Nachts meist ohne Licht. Alle im Uebungsgebiet zugelassenen Fahrzeuge jeder Art haben sich in ihrer Beleuchtung genauestens nach den Fahrzeugen der Wehrmacht zu richten. Wird ohne Licht oder abgeblendet gefahren, müssen auch alle Zivil-Fahrzeuge ohne Licht fahren oder abblenden. In der Nähe übender Truppen ist Benutzung stark blendender Scheinwerfer überhaupt grundsätzlich untersagt.
Mit Beginn der Versammlung der Truppen (18.9.) wird ein erhöhter Fernsprechverkehr im gesamten Uebungsraum einsetzen. Für die Bedürfnisse des militärischen Nachrichtendienstes wird das Netz der Reichspost weitgehend heran- gezogen. Starke Einschränkung des zivilen Fernsprechverkehrs und erhöhter Zeitbedarf für die Herstellung von Ferngesprächen aus dem Uebungsgebiet nach außerhalb und umgekehrt ist die Folge. Die jetzt bereits und während der Uebung seitens der Nachrichtentruppe hergestellten Fernsprechanlagen (Blank- und Kabelleitungen) werden dem Schutze der Bevölkerung besonders empfohlen.
Das Gruppenkommando ist sich bewußt, daß Vorbereitung und Durchführung der Großen Herbstübungen von der Bevölkerung manche Opfer erfordert, ist aber davon überzeugt, daß sie im Hinblick auf den vaterländischen Zweck der Landesverteidigung und die Erhaltung von Leben und Gesundheit der im Uebungsgebiet anwesenden Volksgenossen gern ertragen werden. Gute militärische Leistung und Haltung wird der Ehrgeiz der Soldaten, reibungsloser Verlaus der Hebungen, ohne Unfall, das erstrebenswerte Ziel der Disziplin- Bereitschaft aller sein.
In diesen Tagen haben überall die Herbst- khniflhHh "-s? "Heeres begonnen. Das Land- chaftsbkld i|t auf neue Art belebt worden. Nock ift der Bauer damit beschäftigt, seine Ernte au bergen und schon tritt auf den Feldern neben dem Bauern auch der Soldat in Erscheinung. «Diesmal der J a h r g a n g 1 9 1 4 , der zeigen soll was er gelernt hat. Der Jahrgang, der zum erstenmal emgezogen ist und dessen bleibendes Verdien t 7m mer sein wird der erste gewesen zu sein, der die Gedanken und Befehle des Führers und Reichskanzlers, des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht in die Ta umgesetzt hat. Für viele der jungen Soldaten ist das Jahr nicht leicht gewesen denn sie haben das Wichtigste bereits in einem W lernen müssen. Nun wollen sie zeigen, was ste gelernt haben. Aus all den jungen Deutschen mußten Soldaten gemacht werden. Nur genaueste Dienst- einteilung und äußerste Hingabe der Offiziere und Unteroffiziere konnten das möglich macken Der Dienst war oft hart und streng, aber es ist mit Bewußtsein jeder Ueberlastung und jede Ueberanstrengung vermieden worden; denn jeder einzelne soll, so wie es früher der Fall war gern u n d f r e u d i g an seine Dienstzeit zurück- denken. Die Monate im Arbeitsdienst sind für eine Reihe der jungen Rekruten schon eine gute Vorschulung für die Ausbildung gewesen. Sie haben dort gelernt, sich leicht in die Gemeinschaft einzu- gliedern und auch der Begriff des Soldaten ist ihnen dort schon geläufig geworden. Im Heer kam es vor allem nun darauf an, die jungen Rekruten mit der Waffe auszubilden. Der Sommer brachte die ersten größeren Hebungen, denen Hebungen auf den Truppenübungsplätzen folgten, und den Abschluß dieses Jahres bilden nun die Herbstübungen des Heeres
Diese Tage stellen an die Führer und Mannschaften gewiß oft harte Ansprüche, aber der Geist der Truppe ist so, daß man diesen Ansprüchen gern gerecht wird, auch wenn es große Willenskraft und nicht wenig Schweißtropfen kostet. Auch in diesem Jahr sind die Herbstübungen des Heeres nicht ufte in einigen anderen Ländern, und wie vor allem in Sowjetrußland. Hebungen größten Stils, sondern sie entsprechen dem Stand der Ausbildung. Diese Hebungen verschmähen große Wirkungen nach außen und innen. Sie tragen ihren Wert in sich selbst. Der Soldat soll wissen, daß die Begeisterung unumgänglich notwendig ist, aber die Begeisterung allein genügt auch nicht. Nicht die Begeisterung kann das technische Material ersetzen, es gehört besonders die Beherrschung dieses Materials dazu. Generalleutnant a. D. Kabisch hat das früher einmal ähnlich ausgesprochen, als er sagte: „Was wir in den Kämpfen von 1914 an bestem deutschen Blut verloren haben, weil die Kampftechnik durch Begeisterung ersetzt werden mußte, hat unserem Heer in der Folgezeit furchtbar gefehlt. Die zukünftigen Führer lagen im Schlamm Flanderns begraben." Das neue Heer verzichtet auf militärische Theatervorführungen. Die Wehrmacht weiß, daß solche Hebungen Geld kosten. Das Notwendigste dazu muß bereitgestellt werden, was aber nicht notwendig ist, darauf wird schon aus Gründen der im Heer heimischen selbstverständlichen Sparsamkeit verzichtet.
Die Tage der Herbstübungen sind nicht nur Tage des Ernstes, sondern zugleich Tage der Freude. Unb mit ganz besonderer Freude sind die jungen Angehörigen der Wehrmacht gerade in diesem Jahr Überall in den Quartieren von allen Volksgenossen ausgenommen worden. Unb wie es schon jetzt am Anfang war, so wirb es auch bleiben. Wie fest unb tief Volk unb Heev. miteinanber oerbunben finb, das zeigt sich gerat» in ben Herbstübungen bieses Jahres.
In ben fommenben Jahren wirb es wieber so fein, baß ein großer Teil ber ausgebilbeten Solbaten nach ben He'rbstübungen bie Fahne verläßt, um wieber ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Das
ist diesmal ber Fall bei den Jahrgängen vor 1914, aber öer Jahrgang 1914 wird aus den Gründen
heute jedem Deutschen geläufig sind, noch ein 'W unter den Fahnen bleiben. Gewiß, es kann wohl Damit gerechnet werden, daß die Kommando- behorden nach dem guten Ablauf der Manöver auch einen verdienten Urlaub bewilligen werden aber der Jahrgang 1914, als der Kriegsjahrgang, ho/ als erster feine besonderen Aufgaben noch zu erfüllen. Auch nach dem einen Jahr bleibt für den Soldaten noch viel zu lernen. Das wird gerade Dieser Jahrgang jetzt zum erstenmal einsehen. Wer sich aber bewährt hat, der wird die Möglichkeit haben, im kommenden Jahr selbst an ber Aus- bilbung ber jüngeren Kameraben mitzuwirken, bie nun im Herbst eingezogen werben.
Die Hebungen dieses Jahres finden nicht mehr wie früher mit Attrappen von Geschützen statt. Statt Panzerwagen aus Pappe und Blech verfügen wir über wirkliche Waffen, und das Hebungsbild wird dem Ernstfall so sehr wie möglich angeglichen. Wir dürfen die feste Hoffnung unb Zuversicht haben, baß die Herbstübungen dieses Jahres mit dazu beitragen, unser Heer zu einem verteidigungsstarken Instrument des Friedens weiter auszubauen.
„Große Herbstübung 1936/'
Das Gruppenkommando 2, Kassel, gibt bekannt: Im Anschluß an die Herbstübungen des V. und IX. Armeekorps, die in der allgemeinen Zeit vom 10. bis 18. 9. 1936 um Würzburg bzw. südostwärts Fritzlar abgehalten werden, findet bie diesjährige „Große Herbftübung" unter Leitung des Oberbefehlshabers der Gruppe 2, General der Artillerie RittervonLeeb.im allgemeinen Raum Aschaffenburg — Meiningen — Treysa — Bab-Nau- heim in der allgemeinen Zeit vom 18. bis 25.9.36 statt. Die bereits am 18. 9. einsetzende Versammlung
Der griechische Arzt Dr. Sokrates Lagoudaki gilt als Mitschöpfer der modernen Olympischen Spiele. Er war es, der Baron Pierre de Coubertin in seinen Plänen unterstützte und den Multimillionär Aoeroff für die Finanzierung ber crften Olympischen Spiele gewann. Dr. Lagou- baki nahm, obwohl bamals bereits 34 Jahre alt, selbst als Marathonläufer an ihnen teil unb zählt somit zu ben ersten Olympiakämpfern ber Welt. Er war in ben neunziger Jahren bes vorigen Jahr- hunberts ein bekannter Langstreckenläufer unb bezwang unter bem Decknamen „Leichter Fuß" bie Strecke Paris—Belfort, für bie ben Teilnehmern zehn Tage Frist gegeben war, bereits in sechs Tagen. Dank seiner spartanisch einfachen Lebensweise unb seines harten sportlichen Trainings bis ins hohe Alter hinein hat sich Dr. Lagoubaki bis zum heutigen Tage eine ungewöhnliche Rüstigkeit bewahrt. Er glaubte baher im Jahre 1934 als Siebziger noch jenes grauenvolle mebizinische Experiment wagen zu bürfen, bas ihm ben Beinamen eines „Marathonläufers ber Wissenschaft" eingetragen hat.
Dem Versuch Dr. Lagoubakis kann an Selbst- überroinbung unb Helbenmut höchstens vielleicht noch bas Opferleben bes belgischen Paters Damian D e d e u ft e r , bes „Apostels ber Aussätzigen", an bie Seite gestellt werben, ber volle 47 Jahre in freiwilliger Verbannung unter ben bamals noch gänzlich verlassenen unb auf sich selbst angewiesenen Leprakranken auf ber Insel Molokai lebte, schließ-
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Die Fahne für ben NSD.-Stubentenbunb führt dicht an der Fahnenstange einen Fahnenspiegel, der ben Namen bes Gaues trägt. — (Presse-Bilb-Zentrale-M.)
lich genaues Tagebuch über ben Krankheitsverlauf geführt. „Etwas Fieber in ber ersten Nacht, bie der Impfung folgte", lautet z. B. eine seiner ersten Eintragungen. Am 20. Juli, wenige Wochen nach ber selbstgewollten Ansteckung, schrieb ber Helb ber Wissenschaft in sein Tagebuch: „Ich fühle einen Schmerz in ber kleinen Zehe bes rechten Fußes". Obwohl nun bie Krankheit täglich weitere Fortschritte machte, unternahm Dr. Lagoubaki boch nichts, um ihr Einhalt zu gebieten. Ja — er freute sich gerabezu, wenn er wieber neue, ber Wissenschaft noch unbekannte Krankheitssymptome feststellen konnte. Unb bas mit ber sicheren Aussicht, einem qualvollen Ende entgegenzugehen und die eigenen Gliedmaßen nacheinander langsam absterben zu sehen. Der 6. August ist folgendermaßen im „Tagebuch des Todes" vermerkt: „Fleck auf dem rechten Schenkel, Gefühllosigkeit des linken Fußes. Temperatursteigerung. Das Fieber zeigt, wie bie Natur gegen bie Phogycyten unb Mikroben ankämpft." In biefer Tonart ging es seitenlang weiter. Enbe Oktober konnte ber Arzt bereits zwei Eiterherbe am rechten Fuß feststellen. Balb mußte fein ganzer Körper mit entftellenben, efelerregenben Geschwüren unb Hautausschlägen über unb über be- beckt sein.
Dr. Lagoubakis Versuch war allmählich in ber ganzen mebizinischen Fachwelt bekannt geworben. Kollegen aus allen Teilen ber Welt bestürmten ben heroischen Forscher, bas qualvolle Experiment abzubrechen unb enblich mit einer Heilbehanblung zu beginnen. Hmsonst — Dr. Lagoubaki wollte zuerst noch bie Zerstörung ber Sehnerven burch bie Leprabazillen am eigenen Leibe beobachten können. Professor I e a n s e l m e gelang es enblich, ben Pionier ber Wissenschaft von seinem Vorhaben abzubringen. Er schrieb ihm, baß er seiner Ansicht nach ber Wissenschaft einen weit größeren Dienst erweise, wenn er sich jetzt ber Beobachtung zahlreicher Leprakranker roibme, statt selbst an Aussatz zugrunbe zu gehen. Diesem Argument konnte sich Dr. Lagoubaki nicht verschließen. Er ergriff endlich Gegenmaßnahmen, wurde nahezu geheilt und leitet heute selbst ein großes Lepraheim in Alexandria. Nur ein paar Verfärbungen an der Hand erinnern noch an den heroischen Selbstversuch des Arztes und Olympiakämpfers.
„Die Stunde der Versuchung"
Lichtspielhaus.
Dieser Film zeichnet sich — man darf es wohl ausdrücklich vermerken — zunächst dadurch aus, baß er meber ,nach" einem Roman noch einem Bühnenstück noch sonst irgenbeiner literarischen unb also nichtfilmischen Vorlage gemacht worben ist: bas Programm verzeichnet lediglich, baß bas Drehbuch von Erich Ebermayer stammt. Es hanbelt sich also offenbar um einen Stoff, ber ausbrücklich für ben Film geformt würbe; bami ist zwar noch nicht gesagt, daß ber gleiche Stoff nicht auch mit anbern, außerftlmlschen Mitteln zur gleichen künstlerischen Wirkung hätte geführt werben können — ber Fall wäre beispielsweise in Form einer Novelle burchaus benkbar — aber uns scheint, daß hier einmal die Möglichkeiten gerade ber tonenden Kamera auf eine sehr feine ""b /indringliche Wr\e ausqeschöpft worden fmb_ Unbestreitbar, baß bie leichte, sichere und behutsame Hand des Spielleiters Paul Wegener ganz wesentlich an dem starken Eindruck Anteil hat. Wir haben es h.er mit einem Fall zu tun, der dem täglichen Leben entnommen sein könnte, wobei zu bemer^n f, daß das Leben manchmal unwahrscheinlich gute Stoffe liefert, selbst dann, wenn niemand Lust hat oder Zeit findet, an ihre fünftlerif^e SormuMfl 3» denken; und daß ferner der l°genannt° Zufall mcht künstlerischen Gewissen-, des Taktes, d-s berühmten Fingerspitzengefühls Der Kanil tt gf 4)
ohne Zwang aus dem Tatv I ano 21nro'(t6, ber erfolgreichen und enorm befchas g junae
über feinem Beruf fast vergißt, Öa& er eme junge, schöne und lebenshungrige Frau z . ’einer
eine solche Frau leichter als « ^at
anderen Ehe Versuchungen ^leuchtende Art
nahe und wird hier auf eine» fl3 bem plausibel gemacht Bemerken wert Tatbestand Meinen uns freilich nM _ I” Folgeerscheinun- an sich und die daraus ^^nd, die
gen zu fein, nicht so | 0 einen Kriminal- Ehegeschichte sich un°e-1ehen ^eren, seelischen fall verwickelt, und daß dam sensationell
Spannungen der Vorgang erfahren;
wirkende Ueberbetonung d ber persön-
sondern vielmehr, daß der eig ; f Frau, sich l'cke Fall dieses Anwal schließlich einmündet wiederholt, sich spiegelt uno v
auf zunächst höchst verhängnisvoll anmutende Weise in einem zweiten Fall, den der Anwalt in seiner Praxis bearbeitet, und der ihn außerhalb seines Büros, wie er annehmen muß, gar nichts angeht. In ber Art, wie bie beiben anfangs parallel lau- fenben Hanblungsgruppen, bie sich später unheimlich kreuzen, miteinanber in Beziehung gesetzt finb, liegen bie bebeutenben Qualitäten von Wegeners Inszenierung; er weiß ben verhaltenen unb nach innen getriebenen Kammerspielton eines Ehe- und Liebesbramas mit ber barten unb folgerichtig entwickelten Realistik bes Kriminalstücks bestechenb zu oerbinben; er bringt auch, roieberum bemerkenswert, im ganzen Spielverlauf nichts, was nicht fachlich ober innerlich begrünbet bazu gehört, was also, wie so oft, nur unverbinbliches, mehr ober minber „schmückenbes" Beiwerk, gern gesehene Episobe ober wirksames Zugestänbnis an ben Durchschnittsgeschmack wäre. Im Gegenteil: man beachte beispielsweise, wie die „Rigoletto"-Aufführung in der Oper nicht etwa nur mit zur Aufmachung gehört, sondern sowohl inhaltlich wie zeitlich einbezogen ist in ben Fall unb mitspielt; ober wie selbst bas kurze Pausenzeichen im Rabio im kritischsten Augenblick einen schwerwiegenben, psychologisch einwirkenden Nachdruck erhalt, weil der Hörer der winzigen Melodie instinktiv den zugehörigen Text unterlegt — ob er will oder nicht. Die Feinfühligkeit der Regieführung im Szenischen hat sich auch auf die Besetzung übertragen. Jedenfalls haben wir die B a a r o o a — in der weiblichen Hauptrolle — bisher noch nicht so gelöst und so von innen her spielen sehen wie hier; sie wirkte früher immer ein wenig starr unb ungelockert, fühlte sich wohl auch sprachlich anfangs etwas gehemmt. Gustav Fröh- l i ch kann — gut, baß man wieber baran erinnert wirb — nicht nur bie unbekümmerten, sympathischheiteren jungen Männer, bie sich fast von selber spielen, sonbern er kann sich auch wohltuenb einfach unb glaubhaft in bie Lage eines Mannes versetzen, bem innerlich sozusagen unversehens ber Boben entzogen wird. Haralb Paulsen als ber Versucher, Mephisto im Frack, von beflemmenber Selbstverstänblichkeit. Unb vor allem Theobor Loos: wunbervoll klar unb geschlossen im Charakterumriß einer nicht einmal großen Rolle. Enblich Elisabeth Wenbt, wie aus einem Stuck von Strinbberg, in ihrer stummen Getriebenheit nicht minber einbringlich als in ihren verzweifelten Dialogen. — (Ufa.)
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Der Film sollte nicht übersehen werden und verdient ein aufmerksames Publikum. Im Beiprogramm bringt die Fox-Wochenschau sehr fesselnde
Bildberichte von der Olympiade; außerdem ein heiterer Musikfilm aus der Mozartzeit und ein Kulturfilm von bäuerlichen Festen in Polen. —r—
V«erbe«nige„Wasierpo1izisten"
Wer jemals einen Neufundländer besessen oder längere Zeit in einem Hause gelebt hat, zu dem ein Neufundländer gehörte, der weiß, daß es keinen besseren Freund der Menschen gibt als ihn. Das große, kräftig gedrungene Tier, das sich mit solcher Würde und zugleich unbewußter Anmut bewegt, mit seinem dichten, langhaarigen, glänzend schwarzen Fell und buschiger Rute, mit dem herrlich schönen Kopf, aus dem die klugen, traurigen Augen blicken, ist schon für das Auge eine reine Freude. Je näher man aber mit bem Tier umgeht, um so mehr erkennt man seine einzigartige Klugheit, Umsicht, Zuverlässigkeit, Treue unb Gutartigkeit, von benen er oft bie erstaunlichsten Beweise liefert. Der heutige Neufunbländer ist der edle Sproß einer langen Kette von Ahnen, bie in jahrhunbertelanger Kamerabschaft mit ihrem menschlichen Herrn an ben von ewiger Branbung umtosten zerklüften felsigen Steilküsten ihrer neufunblänbischen Jnselheimat jene verständige unb fast überlegene Hilfsbereitschaft erworben haben, bie ihre europäischen Nachkommen noch heute auszeichnet.
Das neueste Heft von „Reclams Universum" roibmet bem Neufunblänber einen ausführlichen Aufsatz aus ber Feber bes Reichsvbmcmns der Fachschaft für Neufunbländer, Karl-Joh. von Schoenebeck, der einiges über bie Helbentaten ber Neufunblänber unb ihre Verwenbbarkeit im Dienste ber Allgemeinheit berichtet. Im Jahre 1919 ftranbete ber englische Passagierbampfer „Jockey" mit mehr als 200 Personen an Borb an ber Küste Neufunblanbs. Der Versuch, mit einem Rettungsboot wenigstens eine Leine an Lanb zu bringen, um biese als Seilbahn zu benutzen unb mit Hilfe bes sogenannten „Bootsmannsstuhles" bie Passagiere zu retten, mißglückte in ber mörbe- rischen Branbung. Es gelang zwar ber Mannschaft bes Rettungsbootes, an Lanb zu kommen, aber bas Boot unb mit ihr bie Rettungsleine S verloren. Da schickte ber Kapitän seinen nblänber „Cäsar" vor. Ein Tauenbe an seinem Halsbanb befestigt, sprang der Hund in das tosende Meer. Nach einer langen Stunde des Kampfes mit Wogen und Brandung gelang es dem Hunde tatsächlich, bas Land zu gewinnen unb die Leine in die Hände der dort bereits be-- sindlichen Matrosen zu liefern, und so wurden die
200 Menschen, die sonst dem sicheren Tode geweiht gewesen wären, gerettet.
In England, Neufundland und an der Qsttüste Kanadas stehen zahlreiche Neufundländerhunde im Dienste der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger aus Seenot. Sie sind abgerichtet, von sich aus von der Küste her zu versuchen, an Bord eines gestrandeten Schiffes zu gelangen. Dabei haben sie um den Hals gewickelt eine Leine, wo- mit sie in die See und auf bas geftranbete Schiff geschickt werben. Sv kann bie Mannschaft auch bann mit bem Bootsmannsstuhl gerettet werben, wenn aus irgenbwelchen Grünben ber Raketenapparat nicht verwendbar ist. 1919 stellte ein Neufundländer in stundenlangem Kampf mit der See eine Leinenverbindung mit dem in der Bonne-Bai gestrandeten Dampfer „Ethie" her, wodurch 93 Menschen gerettet wurden.
Für Deutschland ist neuerdings beabsichtigt, den Neufundländer in Badeanstalten als „Wasser- Polizisten" zu verwenden. Sein Platz wäre in solchem Fall ein Floß an ber äußersten Schwimmgrenze, DO.i wo ber Hunb barüber zu wachen hätte, baß kein Schwimmer über die von der Badeanstalt markierten Grenzen hinausschwimmt. Im übrigen würde er hier aber auch als Net- tungshund in Kraft treten und Schwimmern, die von ihren Kräften verlassen werden, rechtzeitig beispringen. Bei seiner großen Klugheit kann der Neufundländer von sich aus erkennen, wo Gefahr ist, und eilt ohne Befehl zu Hilfe. Beim Retten steckt er gern bem Ertrinkenden den Kopf unter die Achsel unb hält ihn so über Wasser ober packt ihn am Armgelenk. Dabei haben manche Hunbe einen so weichen Griff als hätten sie Watte statt ber scharfen Zähne im Maul Er läßt sich aber auch am Haar ober an der Rute packen und schleppt so den Menschen ans Ufer. Diese Eigenschaften machen ihn auch als Schiffshund für kleinere Fischerfahrzeuge besonders geeignet. Die 3abl der jährlich auf diesen kleineren Booten über Sorb Gespülten ist heute noch erschreckenb hoch, unb diese Unglücklichen finb in ber Regel fast immer verloren, weil bei schwerem Seegang das Schiff nicht rasch genug manöoerieren kann, um dem Kameraden zu Hilfe zu kommen der meistens selber in schwerem Oelzeug steckt und sich nicht lange über Wasser halten kann. Der Neufundländer aber springt aus eigenem Instinkt dem Verunglückten sofort nach, schwimmt an ihn heran und läßt sich von ihm um den Hals ober am Schwanz anpacken, wodurch der Mann sich solange über Wasser halten kann, bis Hilfe kommt. Ein großer Teil der bretonischen Fischer hat noch heute Neufundländer als Schiffshunde.


