Niederrhein, Me Ne Schönheiten unserer Jugend kennenlernen motten. „Heil Hitler!", „Gute Fahrt", und schon sind wir weiter.
In den Zeltlagern, die der Eröffnung harren, überall das gleiche Bild: das weite Runde der 20 bis 30 Spitzzelte innerhalb der Lagerumfriedung, abgeschlossen vom mächtigen schützenden Lagertor aus Fichten- oder Birkenstämmen. Davor die Wache. Innerhalb des Lagers angetreten der erste Lehrgang, vom Lagerleiter in seiner Stärke gemeldet. Gegenüber die Ehrengäste, Vertreter der Partei und ihrer Organisationen, die Führer der Parteigliederungen und der Wehrmacht, die Vertreter des Staates und der Behörden und viele, viele Eltern. Ihre Gegenwart bekundet das aufrichtige Interesse für die ernste und fröhliche Arbeit der Jugend, die sich für den Staat stärkt und stählt, um die Zukunft des ewigen Deutschen Reiches zu sichern.
Fanfarenklänge und Trommelwirbel leiten die Feiern ein, hell erklingt das Lied der Jugend und das Gelöbnis der Treue und steten Bereitschaft.
Gebietsjungvolkführer Paul Wagner spricht
zu den Pimpfen, die nun tn den Zeltlagern zur Einfachheit, Schlichtheit und Geradheit erzogen und zu lebensbejahenden, stolzen Kameraden geformt werden. Seine Worte gelten besonders der NSV. und allen Stellen, die am Zustandekommen der Lager mitgearbeitet haben.
Der Stellvertreter des Gebietsführers, Oberbannführer Brandt, betont bei der Eröffnung, daß die Zeltlager der HI. und des Jungvolks in Deutschland schon zu einem Begriff geworden sind. Der Dienst in den Lagern bedeute die beste Erholung, weil er aus verweichlichten Jungen harte kräftige Kerle, aus arbeitsmuden, erholungsbedürftigen jungen Menschenkindern wieder arbeitswillige, ge- sunde Jungarbeiter mache. Sie seien zugleich ein Erziehungsmittel und schieden die Nationalsozialisten von denen, die es erst in harter Zucht werden können.
Beim Gruß an den Führer steigen die Lagerfahnen hoch, und das Kampflied der Hitlerjugend leitet ein weiteres Werk deutscher Jugenderziehung und deutscher Iugendformung ein.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Familienglück.
Wir haben auf unserm Balkon, ganz oben, dicht an der Decke, ein Rotschwänzchennest. Schon seit einigen Jahren kommt immer ein Pärchen und siedelt sich hier an. Einmal lagen vier Eier im Neste, dann aber erschienen die alten Vögelchen nicht mehr. Im nächsten Jahre war wieder ein Pärchen da, aber Lunge haben wir nie zu sehen bekommen. Ob da ein Räuber hinter die Eier geraten war? Wir brachten nun zum Schutz eine kleine Leiste an, darunter einige spitze Abwehrstacheln. In diesem Jahre hatten die Vögelchen mehr Glück. Aus den vier Eiern sind vier junge, nackte Schreihälse geschlüpft. Wie oft habe ich den Kindern das Nestchen gezeigt. Sie durften auch hineinschauen, wenn das alte Vögelchen ausgeflogen war. Scheu vor uns kennen die Rotschwänzchen nicht. Sie fliegen ein und aus, selbst wenn wir Kaffee auf dem Balkon trinken.
Eines Tages waren die Jungen da! Das gab eine große Freude im ganzen Hause. Bei jedem Fluge brachten die Vögelchen ein Räupchen oder ein Käferchen mit. Beim Zurückfliegen nahmen sie den Kot der Jungen mit. Kein Schmutzfleckchen ist auf der Erde zu sehen. So blieb es nun eine ganze Zeit.
Als ich es mir am Sonntag gerade bequem gemacht hatte auf dem Liegestuhl und anfangen wollte zu lesen, gab es da oben in dem Nest ein Geschrei und eine Unruhe, wie ich sie noch nie gehört hatte. Ganz aufgeregt flogen die Alten von einer Ecke des Balkons zur andern, die Jungen schauten zum Neste heraus und schrien. Plötzlich verließ eins von ihnen das kleine Nest und versuchte, ein wenig auf dem oberen Balken zu hüpfen, dann kam noch eins heraus, dann noch eins. Nur ein kleines schwaches Nesthäkchen zeigte wenig Mut. Aber die Alten lockten und lockten, bis auch es erschien.
Nun saßen sie in einer Reihe auf dem Balken und hatten wohl Hunger, denn die Allen flogen weg und kamen mit Nahrung wieder. Das ganze war so schön und unterhaltend, daß ich vor lauter Schauen überhaupt nicht zum Lesen kam. Wie sie hüpften, schrien und sich freuten!
Dann aber kam die Hauptsache. Das alte Vögelchen flog vom Balken hinüber zum nahen Birnbaum und setzte sich auf einen weit hervorragenden Ast. Dann folgte der Rotschwänzchenvater. Nun saßen sie da und lockten, aber keins der Kleinen getraute sich, hinüberzufliegen. Sie schrien nur und wollten zu ihren Eltern. Dann flog aber die Mutter fort und holte ein Räupchen. Sie brachte es aber nicht den Vögelchen, die auf dem Balken tobten, sondern blieb ruhig mit dem Räupchen im Schnabel auf dem Birnbaum sitzen, und das Männchen lockte von neuem. Da — ein Junges flatterte hilflos ein Stück in die Luft und setzte sich bald wieder auf den Balken. Es hatte schon etwas Mut, aber es schien ihm doch zu weit zu sein.
Dann kam der zweite Versuch, und siehe! es glückte. Wie ein Pfeil schoß das kleine Ding auf den Birnbaum. Wie mag sein Herzchen geklopft haben! Und es erhielt das Räupchen zur Beloh
nung! Die drei anderen machten einen Höllenlärm. Und wieder lockten die Alten, wieder holten sie Räupchen und schienen ihnen zuzurufen: Nur zu uns! Wer zuerst kommt, wird belohnt! Und dann setzte sich das zweite in Bewegung und kam auch glücklich hinüber, etwas später das dritte. Nur das jüngste der Vögelchen war nicht zu bemegen, sich vom Balken zu lösen. Es konnte nur schreien. Die besorgte Mutter brachte ihm nun doch auch noch einige Fliegen und Käferchen und zwitscherte und sprach ihm gütlich zu, während sich die andern drei gar munter im Birnbaum tummelten. Das jüngste und kleinste wagte den entscheidenden Flug nicht. Es kroch wieder in das Nestchen zurück. Die beiden Alten setzten sich nun zwischen die Jungen und flogen und hüpften von Ast zu Ast.
Ich konnte mich nicht satt sehen an diesem munteren Treiben und vergaß Zeit und Stunde, vergaß den Rundfunk und das Buch.
Erst nach vielen Stunden beruhigten sich die jungen Vögelchen. Sie kehrten müde, aber doch wohl auch stolz in ihre Wohnung zurück zu ihrem Schwesterchen. Und dann saßen sie wieder still und schauten mit ihren dunklen Aeuglein hinaus in den Abendsonnenschein. Die beiden Alten aber flogen fort und brachten immer wieder neue Nahrung.
Ob das jüngste Vögelchen morgen den ersten Flug wagen wird? Äch bin sehr neugierig.
Man sagt, daß ein Nest am Hause Glück bringe. Mir hat es jedenfalls viel Glück und Freude an diesem Tage gebracht. Pp.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Volkstanzkreis: 20 Uhr Uebungsftunde im Haus der Arbeit, Schanzenstraße. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Stenka Rafin (Wolga-Wolga)". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Broadway-Melodie". /lSOAp. - Amt für Volkswohlfahrt.
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Montag, 8., und Dienstag, 9. d. M., findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd die Opferringsammlung durch die NS.-Frauenschaft statt.
Die Einwohnerschaft wird gebeten, die Spenden bereitzuhalten.
^7 Die deutsche Rrbcitofront
N.S.-üemeinschakt „firaft durch frcuöc'
Sonderzug nach Frankfurt a. IN.
Am Sonntag, 7. Juni, fährt ein Sonderzug zum Reichshandwerkertag nach Frankfurt a. M. Der Fahrpreis beträgt 1,40 Mark. Die Abfahrzeiten der Hin- und Rückfahrt sind so gelegt, daß die Anschluß- züge erreicht werden. Anmeldungen müssen umgehend bei der Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstraße 18, erfolgen.
Votkstanzkreis.
Am Donnerstagabend, 20 Uhr, Uebungsftunde im Haus der Arbeit, Schanzenstraße, Großer Saal. Es
können sich noch einige Angehörige der DAF., HI. oder BDM. beteiligen.
Achtung Wanderwarte.
Am Sonntag, 7. Juni, findet eine Radwanderung statt. Wir fahren über Grünberg — Homberg (Ohm) — durch den Ebsdorfer Grund — Dollar Gießen. Abfahrt 7 Uhr ab Dolkshalle. Rucksackverpflegung. Die Führung hat Wanderwart Peter. Bei stärkerer Beteiligung wird in mehreren Gruppen gefahren.
Rückkehr
der Marine-Kameradschast 1892 e. V. Gießen.
Dom Marine-Derein e. D. Gießen wird uns ge- schrieben: r,
Der größte Teil der Marine-Kameradschaft Gie- ßen kam am Mittwoch früh, nach siebentägiger Abwesenheit, von der Teilnahme an der Einweihung des Marine-Ehrenmals in Kiel-Laboe wieder in Gießen an, im Herzen noch das große Erlebnis. Einem großen Teil der Gießener Kameraden war am Ehrenmal ein günstiger Platz beschieden, so daß sie die Feier aus nächster Nähe erleben konnten. Den Eindruck der Flotten- parade zu schildern, ist nicht möglich, denn nur wer einst selbst die blaue Uniform getragen hat, vermag die Gefühle zu begreifen, die das Herz bewegten, als unsere schöne Flotte an den Zuschauerdampfern vorüberzog. Vermerkt sei nur, daß alle diese Dampfer starke Schlagseite hatten: Freude und Begeisterung zwang alle Kameraden auf die Schiffsseite, an der in Kiellinie unsere Kriegsmarine vorüberzog. Es war der Gießener Marine-Kameradschaft möglich, 18 Jungen der Gießener MHI. mit nach Kiel zu nehmen und ihnen so ein Erlebnis zu geben, das ihre Herzen mit ewiger Dankbarkeit für den Führer und sein Werk erfüllen wird. Die dritte Torpedobootshalbflottlle, die im vergangenen Jahr mit einer Wanderstreife in Gießen war, ließ es sich nicht nehmen, die Jungen zwei Tage mit allem, was das Bordleben zu bieten vermag, zu bewirten. Betreut wurde die MHI. von ihrem Führer Ernst R u p p e l, der wie auch Schlossermeister Ferdinand Link und Werkmeister Sommer als Skagerrakkämpfer an der Feier teilnahmen. Eine kleine Episode, die den Marine- aeist im allgemeinen und Ernst R u p p e l, der sich heute mit Lust und Liebe der MHI. widmet, im besonderen kennzeichnet, zeigt folgender Zeitungsausschnitt aus dem Jahre 1916:
In der Seeschlacht vor dem Skagerrak stand der Matrose Ernst Ludwig Ruppel aus Gießen als Winkflaggenposten auf der achteren Brücke eines Linienschiffes ungeschützt im schwersten feindlichen Artilleriefeuer. Er hatte durch Flaggensignale dem Hintermann die Bewegungen des eigenen Schiffes anzuzeigen. Ungeachtet der zahlreichen Einschläge rechts und links vom Schiff und der vielen Sprengstücke, die überall herumflogen, versah er seinen Dienst. Selbst als durch die Stichflamme einer feindlichen Granate seine Kleider und Haare Feuer fingen, blieb er auf seinem Posten. Er steckte lediglich seinen Kopf in eine in der Nähe stehende mit Wasser gefüllte Balje und begoß sein Zeug mit Wasser. Im übrigen ließ er sich durch den „kleinen Zwischenfall" in der Erfüllung seiner Pflicht nicht weiter stören. Durch sein kaltblütiges Verhalten hat er wesentlich zum Gelingen des Ganzen beigetragen. Er wurde daher zum Obermatrosen ernannt und mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet.
Vortragsabend der Bekenntnisgemeindc.
Die Bekenntnisgemeinde Gießen veranstaltete gestern einen Vortragsabend, bei dem Dr. jur. von Thadden-Triedlaff über „Werdende Gemeinden in der Not der Kirche" sprach. Nach allgemeinen Ausführungen über das Verhältnis der Kirche zum Staat versuchte der Redner zunächst die Ursachen der bestehenden Entchristlichung festzustellen. Er wies dabei auf die allgemein bestehende Ahnungslosigkeit der christlichen Kirche gegenüber hin. Nur wenige Menschen wüßten heute noch etwas vom Christentum, von Luthers Katechismus und dergleichen, von den großen Grundbegriffen des christlichen Glaubens. Sehr stark sei aber auch die Glaubenslosigkeit, die Gott und den Mitmenschen
nichts mehr zutraue. Weiter bestände froh brt großen Zusammenfassung bei vielen eine furchtbare seelische Einsamkeit, eine innere Hoffnungslosigkeit. Diele Menschen würden den Sinn ihres Lebens nicht erkennen, weil ihnen das Licht der Ewigkeit nicht scheine. Aus dieser Not heraus entstünde die werdende Gemeinde. Innerhalb der christlichen Kirche hätten seither viele Organisationen bestanden, die dem Ansturm der neuen Zeit gewichen, weil für sie kein Platz mehr in der Jetztzeit sei Es fehle die lebendige Gemeinde. Die Stunde der Gemeinde komme, es fti notwendig, schon jetzt zu rüsten.
Die christliche Kirche habe sich in früherer Zeit nicht genügend um die sozialen Nöte gekümmert. Wenn echte Gemeinden vorhanden seien, würden sich die Menschen, ohne Rücksicht auf Standes- unterschiede, finden, sie würden dann auch erkennen, welchen Sinn ihr Leben habe. In der Gemeinschaft gebe der Beruf erst Sinn.
Eine lebendige Gemeinde könne aber nur entstehen, wenn sich die Christen nicht md)r ihres Glaubens schämen würden. Die christliche Gemeinde brauche Menschen, die ihres Glaubens froh feien.
Der Dortrag war umrahmt von Gemeindegesängen. Anschließend an den Vortragsabend fand noch eine geschlossene Mitgliederversammlung statt, in welcher der Redner über die kirchliche Lage berichtete.
Selbstmord.
Die Justizpressestelle Darmstadt teilt uns mit:
Anfang April wurde in der Tagespresse über das unter auffälligen Umständen erfolgte Ableben des Landwirts Heinrich Engel aus L o r b a ch in Oberhessen berichtet. Die Angehörigen Engels sanden ihn mit schweren Kopf- und Armverletzungen, die nach den zweifelsfreien Tatortfeststellungen durch Axthiebe verursacht waren, tn sterbendem Zustand in der Scheune des Anwesens auf. Das Ermittlungsverfahren des Oberstaatsanwalts in Gießen hat nunmehr die anfängliche Vermutung bestätigt, daß Selb st mord vorliegt.
Gießener Dochenmarktpreise.
* Gießen, 4. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, Y-i kg 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 11 Pf., Klasse B 10, Enteneier 9, Wirsing, V» kg 10 bis 12, gelbe Rüben, das Bündel 15, Spinat, % kg 10 bis 12, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen, grün, 30 bis 60, Spargel 30 bis 50, Erbsen 30 bis 35, Mischgemüse 10 bis 12, Tomaten 50 bis 70, Zwiebeln 14, Schwarzwurzeln 20 bis 25, Rhabarber 10 bis 12, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,90 Mark, neue, V» kg 15 bis 20 Pf., Aepfel 30 bis 70, Kirschen 45 bis 50, Erdbeeren 90, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 25 bis 70, Salat 8 bis 10, Salatgurken 35 bis 45, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 30, Radieschen, das Bündel 10 Pf.
*
** Sonntagsrückfahrkarten. Dom Bahnhof Gießen werden Sonntagsrückfahrkarten ausgegeben: Zur Dillkreis-Schau in Dillenburg vom 30. Mai bis 7. Juni. Die Karten gelten zur Hinfahrt vom 6.6. 0 Uhr bis 7.6. und zur Rückfahrt vom 6. 6. 12 Uhr bis 8. 6. 12 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt). Zum Reichshandwerkertag in Frankfurt vom 6. bis 10.6. Die Karten gelten zur Hinfahrt vom 5.6. 0 Uhr bis 14. 6. und zur Rückfahrt vom 5. Juni 12 Uhr bis 15. Juni 12 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt). Die Karten werden nur gegen Vorzeiten der Teilnehmerkarte oder des Ausweises des Reichshandwerkertages ausgegeben.
** Heimatvereinigung Staufenberg. Der Vorstand der Heimatvereinigung Staufenberg hielt im „Hessischen Hof" eine Sitzung ab. Aus den Verhandlungen ist als von allgemeinem Interesse zu erwähnen, daß am Sonntag, 21. Juni, das diesjährige Sommerfest der Vereinigung auf der Burg Staufenberg stattfinden soll. Falls die Witterung einigermaßen günstig ist, wird es ein schönes Fest deutscher Volksgemeinschaft im Sinne des Bundes
Köstlich und nahrhaft zugleich - das allgemeine Urteil über Schrams Pudding 1 \ ' '.-J
Der Tippfehler.
on Erich Grisar.
Der Chef der Firma Sodlinger u. Co. ging in seinem Arbeitszimmer aufgeregt auf und ab. Er wußte nicht, was seit einiger Zeit mit seinem Betrieb los war, aber daß etwas los war, das spürte er auf Schritt und Tritt. Wenn das so weiter ging, würde er schließlich noch Leute entlassen müssen. Während die Konkurrenz jeden Tag neue Leute ein» stellte. Der Teufel mochte wissen, wie das zuging. Dutzende von alten Kunden waren in der letzten Zeit abgesprungen. Es mußte einer im Hause sein, der denen da drüben Tips gab. Aber wer? Er hatte eigentlich nur zwei Leute, die den Betrieb von Grund auf kannten. Surkamp und Towitzky. Was wußte er von den beiden? Nicht viel, mutzte er sich gestehen. Nun, das mußte er bald nachholen.
Es war schon zwei oder drei Stunden nach Büroschluß, als Sodlinger sein Arbeitszimmer verließ, um nach Hause zu gehen. Als er an dem dunklen Büro vorbeigina, sah er, daß auf Surkamps Arbeitsplatz noch Licht brannte. Nanu, dachte er, was macht denn der Surkamp so lange im Büro? Schafft der sein Pensum nicht mehr und muß es nach Feierabend nachholen oder spioniert er vielleicht im Betrieb? Nun, das mag sein wie es sein will, ich habe für solche Leute jedenfalls keine Verwendung. Einschränken muß ich den Betrieb ja sowieso.
Am nächsten Morgen schon lag ein blauer Brief auf Surkamps Arbeitsplatz. Luise Hellborn, die kleine Stenotypistin, von der es hieß, daß sie in Surkamp sterblich verliebt sei, hatte den Brief getippt und auf feinen Tisch legen müssen. Sie war es auch, an die Surkamp zuerst dachte, als er las, daß man ihm wegen Einschränkung des Betriebes zum nächsten Ersten kündigen müsse. Er hatte ihr immer noch etwas sagen wollen. Nun war es zu spät. Denn was sollte er ihr nun noch sagen? Und was würde sie ihm darauf antworten?
Bekümmert ging Surkamp an seine Arbeit. Gegen Mittag steckte er bereits wieder so tief in Kalkulationen und Diktaten, daß er die Kündigung fast schon vergessen hatte. Nur, wenn er zu Towitzky herüber sah, war er ein wenig bekümmert. Was würde der Kollege, der nie mit seiner Arbeit fertig wurde, machen, wenn er erst nicht mehr da war? Aber vielleicht würde er sich zusammenreißen und es würde gut für ihn sein, wenn ihm keiner mehr half.
Kurz vor Feierabend kam Luise Hellborn an Surkamps Arbeitsplatz und legte ihm wie an jedem
Tag die Briefe vor, die unterschrieben werden mußten. Als sie sah, daß ein Schatten über Surkamps Augen lag, fragte sie: „Ist es so schwer? Kommen Sie doch heute abend mit. Wir wollen noch eine Stunde zum Wäldchen. Im Bergschlößchen ist heute Tanzmusik."
In Surkamps Augen leuchtete es für einen Augenblick auf. Er dachte an die Frage, die er Luise immer hatte vorlegen wollen und die er nun für sich behalten mußte. Dann sagte er: „Gerne wäre ich mitgegangen, aber gerade heute geht es nicht. Sehen Sie, Der Towitzky hat heute wieder gebummelt, und es ist nicht nötig, daß ihm schließlich auch noch gekündigt wird."
„Was Sie nur immer mit Ihrem Towitzky haben. Der legt sich doch nur auf Ihre Knochen. Ich an Ihrer Stelle hätte ihn längst auffallen lassen, statt hier jeden Abend bis in die Nacht hinein zu sitzen und seine Arbeit mitzumachen."
Surkamp legte seinen Finger auf die Lippen. „Was haben Sie gegen Towitzky", sagte er.
„Nichts", anwortete sie, „aber er ist ein Schuft, der dauernd mit dem Chef von der Konkurrenz herumsäuft, und wer weiß, was da alles gesprochen wird."
„Er hat eine alte Mutter zu ernähren", sagte Surkamp leise.
„Der und seine alte Mutter ernähren. Der nimmt ihr ja die halbe Rente, die sie bekommt, noch weg und versäuft sie."
„Woher wissen Sie das", fragte Surkamp.
„Ich weiß noch viel mehr", sagte die Stenotypistin und blickte fort.
Surkamp überflog die Briefe, die vor ihm lagen.
„Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß Gebaren nicht mit h geschrieben wird", sagte er nach einer Weile.
Zwei blaue Augen sahen Surkamp bittend an. Das mit blonden Zöpfen umflochtene Haupt der Stenotypistin senkte sich ein wenig. Da nahm Surkamp schon den Gummi und ließ den über» zähligen Buchstaben verschwinden.
„Aber das nächstemal passen Sie auf", sagte er freundlich und blickte in die beiden blauen Augen, in denen es seltsam zuckte, als wäre ein Feuer darin angezünoet worden. Surkamp tat, als sähe er es nicht.
Einige Wochen später, es war kurz vor dem Tage, an dem Surkamp seine Stelle verlaßen sollte, rief ihn der Chef in sein Zimmer. Surkamp blieb neben der Tür stehen und wartete aus das, was man ihm sagen wollte.
„Sagen Sie mal, Surkamp", meinte der Chef, haben Sie sich schon nach einer neuen Stelle umgesehen?" Surkamp verneinte.
„So, das ist gut. Ich kann Sie nämlich gar nicht gehen lassen am Ersten. Ich brauche Sie nötig."
Surkamp blickte fragend hoch.
„Ja, es sind da nämlich Schweinereien passiert, hinter die ich jetzt erst richtig hintergekommen bin. Die Konkurrenzfirma war nämlich plötzlich im Besitz unserer Kundenliste. Und weil ich Sie häufig lange nach Feierabend noch im Büro gesehen habe, hatte ich Sie ein wenig im Verdacht... Na ja, müsien Sie mir nicht übel nehmen. Wenn sowas passiert, sieht man natürlich Gespenster."
„Nun, wenn Sie mich schon verdächtigt haben, ist es wohl besser, wenn ich auch gehe."
„21 d), Unsinn, Surkamp. Ich sage Ihnen doch, ich say Gespenster. Nur Gespenster. Und nun, wo ich die Beweise in der Hand habe und den Kerl kenne, der die Firma um Tausende geschädigt hat, ist von Entlassung natürlich gar keine Rede mehr. Ich wäre ja ein Esel, wenn ich einen Mann wie Sie laufen liehe. Ja, ja, ich weiß ganz genau, was ich an Ihnen habe. Und daß Sie dauernd für zwei gearbeitet haben. Na, es soll Ihr Schade nicht gewesen sein. Wie ist es, sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen fünfzig Mark zulege? Ich denke. Sie wollen auch mal heiraten. Oder nicht? Na alfo."
Paul Surkamp wußte nicht sogleich, was er darauf sagen sollte. Zuviel war in diesen Minuten auf ihn eingestürzt, aber soviel Besinnung blieb ihm doch noch, zu fragen, wem er dann diese plötzliche Aenderung seiner Lage verdanke.
„Ja", sagte Sodlinger, „das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich bekam vor einigen Tagen diesen Brief hier, der enthielt alle Angaben über Sie und Ihren Kollegen Towitzky. Ich hatte nur nötig, die Angaben nachprüfen zu lassen. Das ist inzwischen geschehen.
Surkamp warf einen Blick auf den Brief. Der war mit der Maschine geschrieben und trug keine Unterschrift. Auf einer Stelle des Brieses jedoch blieben seine Augen haften. Dann dankte er kurz und verließ das Zimmer seines Chefs.
Am Abend dieses Tages verließ er zum ersten Male seit langer Zeit pünktlich mit den andern feinen Arbeitsplatz.
Luise Hellborn wartete schon auf ihn. Zusammen gingen sie in den nahen Stadtwald. Dort fragte er sie etwas, auf das sie sich die Antwort schon lange zurechtgelegt hatte.
Sie waren beide sehr glücklich, als sie endlich nach Hause gingen und standen schon in der Haustür,
um Abschied voneinander zu nehmen, als er plötzlich sagte: „Ja, und was ich noch sagen mollte. Wenn du wieder mal einen Brief ohne Unterschrift schreiben solltest: Gebaren wird ohne h geschrieben. Ich habe es dir schon einmal gesagt."
Oie Jagd nach dem weißen Rhinozeros.
Selbst in Afrika haben wenige Menschen jemals ein weißes Rhinozeros gesehen. Es ist eine jener seltsamen Launen der Natur, wie der weiße Elefant oder der weiße Tiger, die in Indien gelegentlich beobachtet werden. Aber ein weißes Rhinozeros ist eine solche Seltenheit, daß die Stadt Johannisburg, die in diesem Jahr ihr fünfzigstes Jubiläum als Goldstadt der Welt mit einer großen Ausstellung feiern wird, es sich in den Kops gesetzt hat, so ein kostbares Tier den Ausstellungsbesuchern wenigstens ausgestopft vor Augen zu fuhren. Darum hat sie fünf Männern, Großwildjägern und Kennern der Dickhäuter, Vollmacht und Anweisung gegeben, in die für Großwild bestimmten Naturschutzgebiete Natals einzudringen und eins von den wenigen noch existierenden Tieren dieser Art zu erjagen.
Kein Zoologischer Garten der Welt besitzt ein weißes Rhinozeros. Man hat zwar hin und wieder versucht, ein paar junge lebend zu fangen, aber sie sind zu empfindlich, um die Gefangenschaft länger ZU ertragen. Gar ein ausgewachsenes weißes Rhinozeros lebendig zu erjagen, scheint ein unmög- lidjes Unternehmen. Wenn sie angegriffen werden, fo packt sie eine so wahnsinnige Wut, daß sie blindlings auf alles stürzen und niedertrampeln, was sich ihnen in den Weg stellt. Don einer früheren Jagd nach dem weißen Rhinozeros erzählt ein afrikanischer Jäger: „Einst jagte ich mit einem Amerikaner, der durchaus ein weißes Rhinozeros fangen und lebendig zu Schiff nach Neuyork bringen choltte. Vergeblich wurde ihm von allen Seiten die Unmöglichkeit feiner Absicht klargelegt, wir mußten zu diesem Abenteuer losziehen in Das Tal von Umfolosi, wo es noch eine kleine Herde dieser Tiere geben sollte. Nach langem Suchen durch Gegenden, die von Sonnenbrand und jahrelangem Mangel an Regen vollkommen verdorrt waren, trafen wir endlich Spuren der Herde und dann — nur die Gerippe der verhungerten Tiere, die die Raubvögel alles Fleisches beraubt hatten..."
Merkwürdig genug: man kann weiße Rhinozerosse nur in der Nacht suchen, da man nur dann unterscheiden kann, ob sie auch wirklich weiß sind. Bei Tageslicht sehen sie so grau aus wie die übrigen. Das weiße Rhinozeros haust bei Tag im Busch und geht nur nachts zur Tränke.


