Nr. 81 Drittes Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 4.2IpriI1956
Arbeitsdienstrekruten rücken ein
Aus der Provinzialhauptstadt
Auftakt wurde allerdings das Eßgeschirr ausgegeben, das zum Morgenkaffee gleich in Benutzung genommen wurde.
Auf den Stuben herrschte ausgezeichnete Stimmung. Während die einen noch zu warten hatten, bis sie zur Personalaufnahme und der Ausstaffierung gerufen wurden, während sie sich mit Musik auf der Mund- und der Ziehharmonika unterhielten, richteten andere bereits ihre Schränke ein, zogen sich die Arbeitskleidung an, experimentierten mit den Fußlappen (zunächst ein schwieriges Kapitel) und probierten die Krätzchen in allen möglichen Variationen. Kurz nach der Mittagsstunde konnte die Einkleidung der 163 Arbeitsdienstmänner beendet werden.
Die nächsten Tage werden zunächst die nötige Schulung in der Disziplin des Auftretens des Einzelnen und der gesamten Kameradschaft bringen, bis es schließlich zur Arbeit in die oberhessische Landschaft hinausgehen wird.
o*" f1ÜU/ß-n ^?wohner bes (Siebener Arbeitsdienstlagers werden dem Abteilungsführer, Oberfeldmeister Losch (im Vordergrund lmks), tm Hofe des Lagers gemeldet. — (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)
Oie kulturpolitische Arbeit unserer Studenten.
Semestereröffnungs.Schulungslager auf der Burg Gleiberg.
NSG. Im Anschluß an das erste Reichslager für kulturpolitische Erziehung des NSD. Studentenbundes findet in der Zeit vom 3. bis 6. April auf der Burg Gleiberg bei Gießen ein Semester- Eröffnungs-Schulungslager statt, in das sämtliche Schulungsleiter und Kulturreferenten der Hoch- und Fachschulgruppen des NSDStB. im Gau Hessen-Nassau von der Gaustudentenbundsführung einberufen werden. In diesem Kurzlager erhalten die für die politische, weltanschauliche und kulturelle Haltung des deutschen Studenten verantwortlichen Männer die Richtlinien für ihre Weiterarbeit. Das Lager steht unter Leitung des Gauschulungsreferenten des NSDStB. Salon; u. a. referieren die Parteigenossen Handwerk und Fell. Bei dem Kampf um die neue studentische Form fällt den kulturpolitischen Erziehungsmitteln ein wesentlicher Anteil zu. Die Neugestaltung der studentischen Lebensformen auf allen Gebieten wird für das künftige Verhalten der geistigen Führerschaft unseres Volkes ebenso wichtig sein, wie die Neuausrichtung der wissenschaftlichen Zielsetzung, und wird geradezu die Voraussetzung für die neue Gestaltung der Hoch- und Fachschulen und des Kultur- und Geisteslebens durch den nationalsozialistischen Staat darstellen.
Da das äußere Gartentürchen nur lose angelehnt war, gingen wir hinein in den Garten und begrüßten den Alten. Er lächelte schon, als wir kamen und sagte unvermittelt: „Gelt, Sie wollen wissen, warum gerade in unferm Garten eine Birke steht?" Als wir ihm das bestätigten, lud er uns ein, auf der Bank Platz zu nehmen und erzählte uns in schlichten Worten, wie er als Wandergeselle — er war Wagner — auch einige Jahre in einem Dorfe in der Nähe der Lüneburger Heide gearbeitet habe. Don seiner Wohnung aus hätte er jeden Morgen beim Aufwachen einen schmalen Heideweg gesehen, der links und rechts mit Birken bepflanzt gewesen wäre. Diese Baume, die es ja hier in den Wäldern nur vereinzelt gäbe, hätten ihm eine solche Freude gemacht, daß er nach seiner Heimkehr den Förster gebeten hätte, ihm ein schönes Birkenbäumchen zu schenken. Er hätte es dann an das Ende seines Gartens gesetzt, trotzdem seine Kinder widersprochen hatten. Nach einigen Jahren sei durch die Feldbereinigung der Garten vergrößert worden und so stunde der Baum nun mitten im Garten. Aber nun hatten alle ihre Freude daran. Und er schaute liebevoll nach seinem Birkenbaum.
In allen schweren Lebenslagen sei ihm der Birkenbaum Trost gewesen. Er hätte sich in dem guten Boden zu einem gewaltigen Baurn entwickelt, er hätte ihm im Frühjahr mit seinem zarten Grün die schönste Jahreszeit verkündet, hoch oben im Gipfel niste jedes Jahr ein Amselpärchen, und an warmen Abenden sei es eine Freude, nach der Arbeit hier zu sitzen. Aber auch im Sommer, wenn das Laub sich dunkelgrün färbe, und erst im Herbst, wenn
Im Lager der Arbeitsdienstabteilung 5/222 „Justus von Liebig" am Rande des Philosophenwaldes war Mitte voriger Woche nach monatelangem emsigem Betrieb für einige Tage Stille und "Einsamkeit eingekehrt, die an diesem Platze des emsigen Wirkens im Dienste einer großen Aufgabe zum Vesten des deutschen Volkes ganz seltsam anmutete. Oie Arbeitsdienstmänner des Winterhalbjahres 1935/36 hatten nach Ablauf ihrer Dienstzeit dem lager den Rücken gekehrt. So manches Mal waren ie in prächtigem Gleichschritt und in wunderbarer Oisziplin, ein frohes Marschlied singend, vom La- qer durch die Straßen der Stadt, oder die Wege zu hren Arbeitsplätzen draußen irgendwo im Gelände ahinmarschiert. Ihre vortreffliche Haltung im Dienst und in ihren Freistunden, in denen sie gerne durch die Straßen des „Städtchens" spazierten, hatte hnen die aufrichtige Sympathie der Bevölkerung gebracht. Dann aber kam der Tag, da hieß es auch ür sie: Reserve hat Ruh! Und mit dem Re- ervisten-Spaten über der Schulter dem Koffer an er Hand und wieder im Zivilanzug marschierten ie, ihre prächtigen Lieder singend, zum letzten Male om Lager durch die Stadt zum Bahnhof, um leimzukehren nach treu geleistetem Dienst. Und so vie hier, war es überall im Reiche.
Nur wenige Tage gingen ins Land, und schon sind neue Männer im Lager: die Rekruten i e 5 Arbeitsdienstes. Am gestrigen Freitag rückten sie allenthalben ein. Die arbeitsdienstpflichtigen jungen Männer aus unserer Stadt traten gestern vormittag zusammen mit ihren Kameraden von Marburg und Wetzlar in einem Sonderzug die Fahrt nach der Gegend des Nahetals an. Unser Gießener Arbeitsdienstlager erhielt seine junge Mannschaft am gestrigen Freitagnachmittag mit einem Sonderzug, der aus der Gegend von Trier tarn und neben dem Transport für Gießen noch die neuen Lagerbelegschaften im Marburger und im Biedenkopfer Bezirk mit sich führte. Gegen 16.30 Uhr kam dieser Sonderzug auf dem Gießener Bahnhof an. Hier wurden die jungen Männer nach ihrer langen Fahrt zunächst verpflegt. In den Gasträumen der Bahnhofswirtschaft, in der alle Tische schnell gedeckt waren, verzehrten sie mit gutem Appetit eine Erbsensuppe mit einer tüchtigen Wurst, dazu ein Stück guten Brotes. Während nach der Verpflegung der Sonderzug nach Norden weiterfuhr, marschierten die jungen Arbeitsdienstmänner des Gießener Lagers unter dem Gesang flotter Marschlieder vom Bahnhof durch das Stadtzentrum über den Landgraf-Philipp-Platz zu ihrem Lager am Philosophenwald, das sie nun für die Dauer ihrer sechsmonatlichen Arbeitsdienstzeit bewohnen werden. Auf allen Gesichtern der jungen Männer
0er Frühlingsbaum im Garten.
Auf einer Wanderung tarnen wir vor einigen Tagen in ein Dorf, in dem uns zahlreiche schöne Fachwerkhäuser auffielen. Die meisten waren neu verputzt worden und leuchteten mit ihren frischen Farben und den schönen eingeschnitzten Haussprüchen, daß man unwillkürlich stehen blieb, schaute und las.
Wir gerieten so von der Hauptstraße ab in eine schmale Nebengasse und standen plötzlich hinter den Häusern, mitten auf einem Pfad, der an den Gärten herführte. Da wir Zeit hatten, gingen wir auf diesem mit Gras bewachsenen Wege weiter und blickten über die Zäune hinein in die Bauerngärten. Auch im Frühling ist ein solcher Garten schön. Wohl fehlt noch der reiche Blumenschmuck, aber die Grasflächen, Wintergemüse und Salat leuchten aus der dunklen Erde. Einige Beete sind schon besät und schmale Wege getreten.
Vor einem Garten blieben wir wie auf Befehl stehen, denn mitten darin stand eine große, mächtige Birke. Das war doch merkwürdig, daß hier in einem zum Teil mit Gras bewachsenen Garten ein so schöner Waldbaum stand. Wir schauten nach den andern Gärten, sahen aber in keinem eine Birke.
Gerade dieser weithin leuchtende Frühlingsbaum war es, der der ganzen Landschaft hinter den Scheunen das Gepräge gab. Er überragte alle andern Bäume und hatte schon sein grünes Kleid angelegt. Und dann sahen wir auch, daß weiter hinten im Garten ein alter Mann auf einer einfachen Bretterbank saß und sich von der Sonne bescheinen ließ.
konnte man den frohen Abglanz eines bedeutsamen Erlebens sehen, das sie aus ihrer engeren Heimat hinausführte in ein neues und schönes Stück unseres deutschen Vaterlandes, das ihnen hoffentlich bald für die Zeit ihrer Arbeitsdienstpflicht zur zwei- ten Heimat wird. Unmittelbar nach ihrer Ankunft im Lager und nach der Meldung an den Oberfeld- meister konnten sich die neuen Arbeitsdienstmänner nach anstrengendem Reisetag zur Ruhe legen.
Der heutige Samstagmorgen brachte nach dem Frühstück zunächst die Aufnahme der Personalien. Dann begann sofort die Uniform-Ausgabe auf den Kammern. Jeder empfing zwei Arbeitsanzüge, einen Sportanzug, Schaft- und Schnürstiefel, Sportschuhe, die dazu gehörigen Fußlappen, und was sonst alles gefaßt werden muß. Zuerst und als freundlicher
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der Baum fein golbnes Kleid anziehe, fei das eine Augenweide. —
Wir freuten uns mit dem Alten und saßen noch einige Zeit bei ihm in seinem Garten. Milder Frühlingswind fächelte die kleinen grünen Blättchen der großen Birke, die zarten, hängenden Aeste und Zweige gaben jeder Windbewegung nach.
Wir sind gewöhnt, in den schlanken, jungen Birkenbäumchen des Waldes das Sinnbild der Jugend zu sehen. Hier aber sahen wir einen großen, voll entwickelten Baum, der nach allen Seiten seine Aeste ausbreitete und wie segnend über den größten Teil des Gartens hielt. So schützt eine Mutter ihre Kinder, ganz unwillkürlich kam mir dieser Gedanke. —
Mit herzlichem Dank verabschiedeten wir uns und setzten unsere Wanderung fort. Immer wieder steht die große, schlanke Birke vor meinen Augen, wenn ich an diesen Sonntag nachmittag denke. Ich sehe den alten Wagnermeister, wie er mit frohen Augen zu seinem Baum aufblickt, als suche er dort Trost und Lebensfreude. M.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSG. „Kraft durch Freude".- 20.30 Uhr tm Cafe Leib Vortrag von Rudolf Polster „Im Kampf mit dem Unmöglichen". — Ortsgruppe Gießen Reichsbund für Leibesübungen; Fachamt Skilauf: 20 Uhr in der Aula der Universität Lichtbildervortrag „Die 4. Olympischen Winterspiele 1936". — Stadttheater (Ring Deutsche Bühne): 20 bis 22.30 Uhr „Die Insel". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Herbstmanöver". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das letzte Fort". — Artillerie-Verein, Gießen: 20.30 Uhr Kameradschaftsabend im „Hessischen Hof". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner-Düsseldorf.
Tageskalender für Sonntag.
NSG. „Kraft durch Freude", Amt Wandern: Radwanderung, Abfahrt 8.30 Uhr von der Lahn- brücke. — Stadttheater.- 11.30 bis 12.30 Uhr 3. Morgenfeier. 19 bis 21.30 Uhr „Krach im Hinter- haus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Herbstmanöver". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das letzte Fort". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 13 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner-Düsseldorf.
Dornotizen.
Stadttheater Gießen.
Heute, van 20 bis 22.30 Uhr, zum letzten Mal, als Vorstellung der Deutschen Bühne „Die Insel", Schauspiel von Harald Bratt. Spielleitung: Anton Neuhaus. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse.
Der Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 5. bis 15. April.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 5. April, von 11.30 bis 12.30 Uhr, Dritte Morgenfeier anläßlich der Erstaufführung des „Tollen Christian" von Th. Haerten. Einführende Worte des Intendanten, Rezitationen aus des „Knaben Wunderhorn" und aus dem „Dreißig- jährigen Krieg" von Ricarda Huch. Mitwirkende: Aenne Markgraf, Heinrich Hub, ein Spielmannszug der Hitlerjugend. Von 19 bis 21.30 Uhr zum letzten- mal der Lustspielerfolg „Krach im Hinterhaus" von M. Böttcher. Spielleitung: Heinrich Hub. Die Vorstellung ist außer Abonnement. — Dienstag, 7. April, von 20 bis 22.45 Uhr, Erstaufführung der neuen historischen Dichtung „Der tolle Christian", ein Drama aus dem Dreißigjährigen Krieg von Th. Haerten. Spielleitung: Der I n t e n d a n t. 25 Vor- stellung im Dienstag-Abonnement. — Mittwoch, 8. April, von 19.30 bis 22 Uhr, die neue Lustspieloperette „Die unvollkommene Ehe" von Albrecht Nehring. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul W r e d e. 25. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. — Gründonnerstag, 9. April, non 20 bis 22.45 Uhr, als 25. Vorstellung im Freitag-Abonnement, „Der tolle Christian", ein Drama aus dem Dreißigjährigen Krieg von Th. Haerten. Spielleitung: Der I n t e n b a n t. — Karfreitag bleibt bas Theater geschloffen. Die Freitags- vorftellung ist auf Grünbonnerstag, 9. April, vor-
Die Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Gtegmonn
Urheberrechtsfchutz: Aufwärts-Derlag, Berlin, SW 68.
30. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Da steht, zwar nicht gerade sehr klar und deutlich aber ich bin überzeugt davon, daß die Buchstaben, die hier fehlen, einmal so gelautet haben, wie ich sie jetzt ergänzte:
„Mariella, kleine Mariella, meine Tochter! Denn das italienische Bambina heißt Tochter, müssen Sie missen!"
„Dann hätten wir also den untrüglichen Beweis, daß der Prinz hier lebt, in Händen von Eingeborenen?"
„Bestimmt! Aber wer ist das Mädchen, das er bei sich hat?"
Jaan zuckte die Schultern.
„Los!" Walter sprühte jetzt voller Leben und Energie. „Wir wollen auf die Suche gehen!"
„Wir allein? Wäre es nicht besser, das Luftschiff abzuwarten?"
„Nein!" Vielleicht bemerkt man uns beim Wiederaufstieg, und die Gefangenen werden abermals verschleppt."
Ein leises Rascheln im Gebüsch ließ die Männer herumfahren. Erschüttert sahen sie in die Augen eines weißen Mannes, der bei ihrem Anblick am ganzen Körper zu zittern begann und sich nur mühsam aufrecht hielt.
„Prinz Giovanni di Bonaglia?" fragte Walter zaghaft.
Der Mann nickte, aber dann war es offenbar mit feiner Kraft vorbei. Er taumelte und fiel, halb bewußtlos, in den weichen Moosboden. Jaan schrie auf.
„Die Freude hat ihn getötet!" sagte er erschreckt. Doch schon hatte sich der Fremde aufgerichtet. Ehe Doktor Heßling ihm beispringen konnte, stand er abermals vor seinem Retter.
„Wer Sie auch sein mögen", flehte er, „nehmen Eie mich und mein Töchterchen mit! Lassen Sie uns richt eine Minute länger in der Gewalt der Wilden." Seine Stimme bebte vor Dual.
„Ihr Töchterchen?" Doktor Heßling hatte ein Gefühl, als schnürte sich ihm das Herz zusammen.
Arme Mariella! Hatte er ihren Vater nur wieder- aefunden, damit sie ihn mit einer jüngeren Stiefschwester teilen mußte? Doch da kam Jlaro schon auf ihn zu, rührend schön in ihrer Angst vor den beiden fremden weißen Männern, den ersten, die sie seit ihrer Kindheit wiedersah.
Der Prinz schritt ihr entgegen, und es war erschütternd zu sehen, wie besorgt er um sie schien. Walter vermochte keinen Blick von ihr zu lassen, und Jaan kam sie vor wie eine verwunschene Märchenprinzessin.
„Jlaro, mein geliebtes Pflegetöchterchen!" klärte Giovanni die Situation. „Doch wer sind Sie, die Sie meinen Namen kennen?"
„Ihre Tochter, Ihre ferne Tochter Mariella, Prinz ...", begann Walter gerade, als Jlaro leise aufschrie und angsterfüllt nach einer bestimmten Richtung zeigte.
Da kamen sie in Scharen heran, die Akka, in wilder Kriegsbemalung. Doch nicht schnell genug für die Tatkraft dreier Europäer, die alle drei lieber gestorben wären, als das weiße Mädchen erneut in den Händen dieser gefährlichen Farbigen zu wissen.
Mehr als drei Passagiere konnte die Maschine nicht fassen — sie waren jedoch ihrer vier. Doch Jaan wußte Rat: „Die Prinzessin da und ich nehmen bestimmt nicht mehr Raum ein als ein ausgewachsener, gewichtiger Mann", drängte er. „Los, Herr Doktor, an den Steuerknüppel!"
Immer näher kamen die heulenden Wilden, blieben indessen in achtungsvoller Entfernung von dem Flugzeug stehen und starrten es wie verzaubert an.
„Jeder ihrer Pfeile ist vergiftet", rief Bonaglia und machte seine Schußwaffe fertig.
„Wie sollen wir hier starten?" rief Walter verzweifelt. „Vom Boden loskommen?"
„Es muß gehen."
Jaan, der ungeheuer gelenkig war, schwang sich, das Mädchen im Arm, in den Sitz hinter dem Steuerknüppel, und er hatte recht. Beide fanden bequem Platz. Auch der Prinz sprang in die Maschine. Walter drehte inzwischen die Propeller an, raste auf seinen Sitz zurück und zog einen bestimmten Hebel an. Das Unwahrscheinliche wurde zur Tatsache — zum grenzenlosen Erstaunen und Ent
setzen der Wilden setzte sich der riesige, bläuliche Bogel auf der Wiese in Bewegung, glitt langsam davon. Nur mühsam rissen sich seine Räder'aus dem sie umklammernden Boden los. Langsam setzte er sich aber doch in Fahrt. Mit unerhörter Meisterschaft dirigierte Walter die gefährdete Maschine so, daß sie sich in die Hohe hoö, ohne mit einem der gewaltigen Urwaldbäume in Konflikt zu geraten. Noch einmal den Steuerknüppel herumgeworsen — noch einmal — und die heulenden Wilden sahen, wie größere Götter als die ihren, „König Schießpulver" und Prinzessin Jlaro in Weiten erhoben, die sie ihnen für immer unerreichbar machten.
Der Jubel ihrer Befreier war vielleicht noch großer als der der Befreiten, die ihr Glück zunächst noch nicht zu fassen vermochten. Erst als in der Ferne der lleleftrom auftauchte und Walter dem Prinzen die Insel mit dem Luftschiff zeigte, war Giovanni von seiner Rettung überzeugt. Das Mädchen hingegen war von einer wohltätigen Ohnmacht ergriffen worden. Bewegungslos ruhte das Köpfchen auf Jaans Schulter, der sich nicht ;u rühren wagte.
Von Tanga aus war indessen dem Herzog der Abruzzen eine wichtige Meldung durch Radio zugegangen. Er mußte unverzüglich nach Rom zurück- kehren, um an einem Familienrat teilzunehmen, bei dem sein Erscheinen unerläßlich war. Nur Walters Erkundungsflug wollte er noch abwarten. Dann sollte der junge Pilot ihn nach Tanga zurückbringen, wo er ein anderes Flugzeug chartern konnte. Walter und Giovanni hatten während des Fluges nur ein paar Worte miteinander wechseln können.
„Sie nannten meinen Namen, mein Herr!" In feiner Erregung sprach der Prinz italienisch. „Kennen Sie auch meine Tochter persönlich?"
„Sie lebt und ist gesund..." Walter, von tiefster Ergriffenheit gepackt, fühlte, wie ihm die Tränen unter feiner Flugbrille hervor über die Wangen liefen
„Mille grazie! Oh, Madonna!"
Der Prinz faltete die Hände, und feine Gedanken eilten wieder, wie alltäglich in den entsetzlichen Fahren seiner Gefangenschaft, zu Mariella und ihrer Pflegemutter.
Die gute Annina! Wie dankbar wollte er ihr für die Betreuung feines Lieblings sein! Ob er ihr auch Jlaro bringen durfte? Sie stand ihm nicht weniger nahe wie sein eigenes Kind, das Mädchen,
das seine entsetzliche Einsamkeit bei den Akkaleuten geteilt und in ihm den Vater sah, den es vergötterte.
Mariella — Mariella, das alles würde sich finden, wenn er seinen Liebling erst wieder in den Armen hielt.
20. Kapitel.
Der Urteilsspruch.
Die Zuflucht in Renates Haus war für Mariella nur wie em kurzes Aufatmen. Wie ein Schreckge- fPenft stand der Prozeßtag vor ihrem Geiste. Auch Renate und Lore sahen diesem Tgge mit Bangen entgegen. Und nun war es so weit:'Nach zahlreichen Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter war das verhängnisvolle Schriftstück, das den Derhand- lungstermm bekannt gab, in das stille Heim Re- nates gekommen. Nun war es die kleine Princi- pessa, die gefaßter schien als Renate. Mit einem mühsamen Lächeln wehrte sie alle Tröstungsoersuche "2ß™5 ™an 9etan ^t — dafür muß man ein-
Vielleicht finde ich mehr Ruhe wenn ich qe- sühnt habe, Renate!" y
Lore aber ließ es auf der Geyerburg keine Ruhe mehr. In ihrer Angst um die Zukunft Mariellas kam sie mehrere Tage vor der Gerichtsverhandlung nach Berlin. Die Sühne sollte der Tat auf dem Fuße folgen, außerdem lag der Fall so sonnenklar, daß der Staatsanwalt es leicht hatte, die Anklage vorzubereiten.
Die Entlastungszeugen für Mariella hatten im gleichen Umfange zugenommen, wie Anninas Freunde sich verringerten. Ueberall war man außer firf) über die kokette, gefallsüchtige Frau, die ihr unglückliches Pflegekind nicht nur angezeigt, sondern auch verstoßen hatte, obwohl der wahrhaft Schuldige sich durch feigen Selbstmord der Verantwortung entzogen hatte.
„Wer hat denn die Imitation Herstellen lassen, Prinzessin — Sie doch bestimmt nicht?" drang Doktor Hartwig immer aufs neue in feine störrische Klientin. „Schon daraus geht doch klar und deutlich hervor, wer der eigentliche Drahtzieher bei dieser Affäre gewesen ist!"
„Hüten Sie Ihre Zunqe, Doktor!" Mariella zitterte am ganzen Leibe. „I ch habe die Imitation Herstellen lassen, i ch — und niemand sonst."
(Fortsetzung folgt!)


