Randglossen
zur kleinen Zeitgeschichte
Von Ernst v. Riebelschüh.
Der mit so viel lobenswertem Eifer aufgenommene „Kampf gegen den Lärm" scheint in jenes kritische Stadium getreten au sein, wo man sich in die Defensive gedrängt sieht und an der Möglichkeit des Endsieges zu zweifeln beginnt. Darauf läßt jedenfalls die Tatsache schließen, daß kürzlich in Bad Blankenburg in Thüringen der Grundstein zu einem neuartigen Wohnhause gelegt wurde, das den vielsagenden Namen „S i l e n t i a - r i u m" führt und offenbar den Zweck hat, ruhebedürftigen Menschen einen gegen Autohupen, Motoren und Radio vollständig geschützten Zufluchtsort zu bieten. Mit anderen Worten: man kämpft nicht mehr gegen den Lärm, man flieht vor ihm in das „Haus der Stille". Man läßt die schnöde Welt, in der es täglich lauter zugeht und die Nerven immer mehr an Widerstandskraft abnehmen, einfach auf sich beruhen und zieht sich als Philosoph ins „Silentiarium" zurück, so wie man in früheren Zeiten ins Trappistenkloster ging. Es soll bereits eine Gesellschaft von Menschen geben, die sich in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Lärmschutzoerband die Aufgabe stellt, mit schall- icheren Baustoffen in geschützter Lage mehrere olcher Ruheinseln zu errichten, deren Bewohner ich dann allerdings auch auf die Innehaltung be- timmter Lebensregeln verpflichten müssen, wenn !>ie Sache klappen soll. — Es ist doch bemerkenswert, auf welche Einfälle man heute kommt, um das natürliche Leben, das man verloren hat, auf künstlichem Wege wieder herzustellen.
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Jeder wirkliche Erzieher wird die alte Erfahrung bestätigen können, daß geistige Kräfte, die in jugendlichen Menschen nicht rechtzeitig aufgerufen oder gar vorsätzlich unterbunden werden, nicht etwa absterben, sondern wild wachsen und dann eine einseitige und gefährliche Richtung nehmen, durch die sich der so lange unterdrückte Geist an der Gesellschaft rächt. Das Verbrechertum ist oft nichts anderes als solch ein Ausbruch gewaltsam gehemmter Anlagen, die bei richtiger Führung möglicherweise durchaus positive Ergebnisse hätten zeitigen können. Eine wahrhaft schauerliche Illustration zu dieser Beobachtung liefert die Kriminalistik im bolschewistischen Rußland, besonders unterder Jugend. Sie hat jetzt einen Umfang angenommen, daß diejenigen, die solche Zustände verschuldet haben, wenigstens nicht mehr den Kopf in den Sand stecken können. So gestand die „Prawda" offen ein, daß die jugendlichen Vagabunden, die heute die Straßen in allen Großstädten unsicher machen, ehemalige Sowjetschüler seien, und der Sekretär der kommunistischen Jugendverbände, Kossarew, sieht sich zu der Feststellung genötigt, das Banditentum und ähnliche sozialen Uebelstände seien für viele Schulen in Moskau und der Sowjetunion überhaupt kennzeichnend. Aus die wirklichen Ursachen dieser um sich greifenden allgemeinen Verwahrlosung der Sitten kommt man natürlich nicht, oder man verschweigt sie sich selbst und anderen. Sie liegen deutlich genug auf der Hand. Wenn nämlich jahrzehntelang den Kindern die materialistischen Lebensgrundsätze, wonach der Mensch nur ein höherentwickeltes Tier sei, systematisch gepredigt und eingeimpft werden, so kann es in der Tat nicht wundernehmen, wenn sich zu gelegener Stunde der brutal vergewaltigte Geist auf seine Fähigkeiten besinnt, sie nun aber mißbraucht und der Gesellschaft mit unsozialem Verhalten antwortet. Ob wohl die Herren, die all diese vergifteten Kinderseelen auf dem fluchbeladenen Gewissen haben, das noch einmal begreifen werden?
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Das neue Rom amerikanisiert si ch in einem dermaßen unheimlichen Tempo, daß die Reste des Altertums, deren es freilich noch immer mehr besitzt als jede andere Stadt der Welt, sich bald etwas kümmerlich ausnehmen werden gegenüber den sich häufenden Dokumenten einer Bautätigkeit,
von der man allerdings kaum hoffen darf, daß sie einmal das Urteil zweier Jahrtausende nicht zu fürchten braucht. Wer das auf das antike Kapitol gesetzte Marmorgebirge des Nationaldenkmals kennt und nicht das Glück hat, über ein unbegrenztes Vertrauen zu dem baukünstlerischen Takt der heuti- aen Römer zu verfügen, kann sich ungefähr ein Bild von dem Aussehen des caput mundi in etwa fünfzig Jahren machen, und wahrscheinlich wird das Bild noch weit hinter der drohenden Wirklichkeit Zurückbleiben. Selbst mit der vielgepriesenen Einsamkeit und Schönheit der Campagna wird es wohl bald vorbei sein: wenn nämlich erst die geplante große Filmstadt, die der Phantasie Neu-Roms als ein überamerikanisiertes Hollywood vorschwebt, aus dem heiligen Boden zwischen Via Appia und Via Tusculana emporgestiegen sein wird. Es ist die verehrungswürdige Landschaft des ersten Christentums. Nahe dabei liegt die kleine Kirche Domine quo vadis, wo nach der Legende Christus den aus Rom fliehenden Petrus im Glauben gestärkt hat; hier liegt San Sebastiano, eine der sieben großen Wallfahrtskirchen der Ewigen Stadt, und die Namen der Katakomben am Sudrande Roms rufen die Erinnerung an die ersten Blutzeugen wach. Es war eine Welt für sich, dieses Rom der Märtyrer draußen vor der aurelianischen Mauer, ein Boden, den man nicht betreten konnte, ohne sich zuvor im Geiste der Schuhe entledigt zu haben. Und in der Reichweite aller dieser ehrwürdigen Stätten wird sich nun binnen kurzem das Scheinwesen einer Filmmetropole erheben. Roma aeterna, verhülle dein Antlitz!
Als man vor einiger Zeit die kleine Dorfkirche in K a m p e h l bei Neustadt an der Dosse wiederherstellte, hat man sich auch jenes Ritters Kahle- butz erinnert, dessen Leichnam die unheimliche Eigenschaft hatte, nicht zu verwesen, obwohl es feststeht, daß der Tote seinerzeit nicht einbalsamiert worden ist. Eine befriedigende Erklärung für die merkwürdige Tatsache, daß unter allen in Der Kirche beigesetzten Leichen nur die des Kahlebutz dem natürlichen Auflösungsprozeß widerstand, hat auch Rudolf Virchow, der die Mumie des Ritters als „interessanten Fall" untersucht hat, nicht geben können. Die Sage freilich will wissen, Kahlebutz habe einmal vor Gericht einen falschen E i d geschworen, leichtsinnigerweise aber hmzugesügt, wenn seine Aussage nicht der vollen Wahrheit entspräche, solle sein Leib niemals zu Staub werden. Wie sich die Sache nun auch in Wirklichkeit verhalten haben mag, sicher ist, daß der Tote im Grabe keine Ruhe gefunden hat, Da fein mumifizierter Leichnam jahrhundertelang unzählige Neugierige herbeilockte und so der kleinen Dorfgemeinde als nicht zu verachtende Einnahmequelle diente. Vielleicht war das ja nun wirklich die gerechte Strafe für begangene Sünden. Gleichwohl war Die jetzige Kirchenbhörde der Ansicht, daß der Ritter, er mag noch so fluchwürdig gewesen sein, nun genug gebüßt habe, und daß es weder christlich und geschmackvoll sei, die Leiche eines Menschen öftentlich gegen Geld zur Schau zu stellen. Womit sie unbedingt recht haben dürfte.
„Italien unter den Sanktionen."
politische Eindrücke von einer unpolitischen Heise.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
lieb unserer Berliner Schriftleitung nimmt an einer Studien- fahrt durch Italien, Sizilien und Nordafrika teil. Wir werden seine Reisebriefe in zwangloser Folge veröffentlichen.
Z. Zt. Rom, März 1936.
Es begann mit einer Auseinandersetzung, die dem planmäßigen und reibungslosen Verlauf der Relse aber freilich nicht den mindesten Abbruch tat: a u f dem Münchener Hauptbahnhof nämlich meinte der Leiter unserer Fahrt, daß mit dem Besteigen des Zuges nach Rom unsere „Exkursion" anfange. Worauf der nicht ganz ungerechtfertigte Einwand gemacht wurde, daß man ja ebenso gut auch „S t ud i e n f a h r t" sagen könne. Bevor dieser Auslegungsstreit sich zu einer „akademi - s ch e n", also langwierigen Auseinandersetzung auszuwachsen drohte, — denn die 67 Teilnehmer dieser Reise unter Führung des bekannten Münchener Theaterwissenschaftlers Professor Dr. Artur Kutsch e r sind durchweg Akademiker —, hatte man sich bereits darauf geeinigt, eine „Akademische Studienfahrt" zu unternehmen. Und die begann also mit dem Besteigen des Nachtzuge nach Rom...
Wer, — einen amtlichen Stempel im Paß, als Reichsdeutscher österreichischen Boden ohne Aufenthalt passieren zu dürfen —, durch die gewaltige Alpenwelt über den Brenner fährt, wird irgendwie ein Gefühl innerer Beklemmung niederzwingen müssen. Gewiß: in Innsbruck darf man den Zug verlassen, um auf dem Bahnsteig echte Wiener Würstchen ober eine Erfrischung au kaufen, unb bas Möbel im Verkaufshäuschen ist ausnehmend freundlich. Auch die österreichischen Grenzbeamten sind es, die den Zug zur Paßkontrolle besteigen. Aber da ist es gleich wieder: — die Sache mit dem Handkoffer. Er stand als herrenloses Gut im Zug. Einige übermütige Studenten unserer Reisegesellschaft bieten ihn auf dem Innsbrucker Bahnhof einem halbwüchsigen Brezelverkäufer als Geschenk an. Er würde ihn offensichtlich gern nehmen. Aber er schlägt — so schwer ihm dieser Entschluß fallen mag — das Geschenk aus. Es könnten ja Dinge in diesem Köfferchen fein, ver
botene Zeitungen aus dem Reich vielleicht oder ähnliches, was die bereits sehr aufmerksam zuschauenden Bahnpolizisten nicht bei ihm finden dürften. Daß, nebenbei gesagt, dieser bittere Gedanken an bedauerliche politische Entwicklungen auslösende Handkoffer indessen einen sehr harmlosen, nämlich gar keinen Inhalt aufwies, wurde hinterher von italienischen Milizbeamten festgestellt.
Es ist übrigens eigenartig: hier im Eisenbahnzug spürt man deutlicher als später in Rom selbst, daß der abessinische Krieg die Gemüter erregt. Jedes Gespräch mit den Milizsoldaten dreht sich um Abessinien, und zur Bekräftigung ihrer Versicherung, daß der Negus bald, sehr bald sogar schon werde kapitulieren müssen, ziehen sie Flugblätter aus der Rocktasche, die durch sehr bunte und recht drastische Bilder bas siegreiche Vorbringen der Italiener barstellen...
Unb dann kommt man nach langer Fahrt durch fruchtbares unb frühlingsfrisches Land nach Rom, in die überwältigend eindrucksvolle Ewige Stadt. Wenn man vom Rundgang um die riesige Kuppel der Peterskirche auf das sonnenüberflutete Rom schaut, und wenn von unten her sich in den Klang alter Glocken der Lärm einer modernen und von viel Leben erfüllten Weltstadt mischt, will man nicht glauben, in einem Lande zu sein, das Krieg führt und unter Sanktionen leidet. Unb diesen Eindruck wird auch bestätigt finden, wer durch den Corso Umberto I., die Hauptstraße Roms, zu Piazza Venezia, dem Sitz der italienischen Regierung, geht. Es ist geradezu überraschend, welcher gepflegten Eleganz man hier begegnet, und wie groß die Zahl überaus luxuriöser Verkaufsläden ist. Abends, wenn die Oper aus ist und prächtige Kraftwagen vorfahren, um die Damen im großen Abendkleid, geführt von befrackten Herren ober schnittig uniformierten Offizieren, abzuholen, ober wenn sich die Tausenbe von Lichtern einer bezent angebrachten Reklame auf bem blanken Pflaster ber Pia Nazionale spiegeln, — bann muß eigentlich auch ber letzte Zweifel schwinben, baß jener unsympathisch bitte Mann mit auffaüenb schmalzigem Haar unb maßlos schmutzigen Fingernägeln unrecht gehabt haben könnte, mit bem man spät abenbs vor einer Bar auf der Straße sitzend ins Gespräch kommt. „Italia sanzionata? Bah, sehen Sie sich am Bahn-
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Vor dem Röntgenhaus des St.-Georgs-Kranken» Hauses in Hamburg wird auf Veranlassung ber Deutschen Röntgen-Gesellschaft ein Gebenkstein geweiht, der allen Röntgenologen, Radiologen, Aerzten, Physikern, Chemikern, Technikern, Laboranten und Krankenschwestern gewidmet ist, die ihr Leben im Kampfe gegen die Krankheiten ihrer Mitmenschen opferten. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Hof einmal die riesigen Kohlenlager an. Wir können lange, sehr lange aushalten. Sie als Deutscher wissen selbst, wie lange man durchhalten kann, wenn man es will. W i r Italiener wollen es, und wir werden auch siegen." Dabei tupft er mit feinem eisernen Ehering bedächtig gegen das Orangeadeglas. „Die Sanktionen sind sogar ein Glück für uns", meint er Man könne unb werde sich einfach darauf einstellen, den Bedarf an allen Dingen im Inland zu decken und auf die Einfuhr ausländischer Güter möglichst weitgehend zu verzichten. '
Was wohl die Dame am zweiten Tisch links, Die gleich uns noch die laue Abendluft genießen will, dazu sagen würde? Wenn sie und viele, wirklich auffallend viele ihrer Schwestern dieser schon n Stadt darauf verzichten müßten, über einem hocheleganten Kompletmantel nach letztem Pariser Schnitt feuerrot geschminkte Lippen zu zeigen? Sie würde vermutlich, ebenso wie der Besitzer unseres sauberen und freundlichen Hotels anderer Mei- ♦ nung sein. „Gewiß", hat der Kellner vorhin gesagt, „es kommen noch viele Ausländer zu uns, Deutsche, Franzosen unb Hollänber vor allem". Aber b i e Engländer unb Amerikaner bleiben weg, unb gerabe bie nahm man früher befonbers gern auf, weil sie viel Gelb auszugeben hatten. Heute will man auf bie Engländer offenbar noch gern verzichten, auch wenn es — vom Hotelbesitzer
Die Ahnfrau.
Von Karl Lerbs.
In einer Bank, die in einer norddeutschen Kreisstadt behaglich, zuverlässig und ein wenig verschlafen die nicht sehr aufregenden Geschäfte ihrer ländlichen Kundschaft erledigte, erschien am ersten Tage eines jeden Monats eine alte Dame. Sie entstieg mühelos unb ohne Hilfe einer riesigen Kutsche, die ein verschlissen aussehender, livrierter Schnauzbart auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Bankgebäude mit unnötig nachbrücklichem Zügelruck zum Halten brachte, und durchquerte dröhnenden Schrittes den Schalterraum: bolzengerade, in derben Schuhen, umrauscht von einer Mantille aus starrer schwarzer Seide, im Bogen der unter bem Kapotthut kühn vorspringenden Nase, im scharfen Blick ber blauen Augen, in ben erzenen Falten des grauen Gesichts bie bebrohlich gesammelte Tatkraft eines alten Generals. So trat sie an ben Schalter, zielte mit dem aus schwarzem Halbhand- schuh knochig vorschnellenben Zeigefinger auf ben Kassierer, der ihr dienstwillig entgegensah, und fragte mit kräftiger Baßstimme: ob nun endlich ihr Gelb angekommen wäre? Der Kassierer verwandelte sich bann regelmäßig mit schiefgeneigtem Kopfe, gehobenen Achseln unb hilflos ausgespreizten Händen in ein Stanbbilb des Bebauerns. Worauf die alte Dame den Zeigefingerknöchel mit Hartern Prall auf das Zahlbrett schlug und den Mann ein paar Sekunben lang mit einem Blicke ansah, der die ernstliche Befürchtung weckte, daß ihren grimmig verkniffenen Sippen ein Kriegerfluch von rnänner- morbenber Scheußlichkeit entfliehen könnte. Dann wandte sie sich stumm und schritt hinaus; und erst wenn draußen ber livrierte Schnauzbart die dicken Gäule mit einem nun sehr nötigen nachdrücklichen Zügelruck in Bewegung setzte, wagte sich im Gesicht des Kassierers das belustigte und ein wenig gerührte Lächeln hervor, das schon längst hinter der beflissenen Dienstwilligkeit gelauert hatte.
Nun begab es sich, daß in dem alten grauen Bankgebäuoe ein neuer Direktor zu wirken anhub, den die „Zentrale" aus der Großstadt entsandte, um mit seiner ehrgeizigen und wirkungsbedürftigen Person eine Lücke nutzverheißend auszufüllen. Es konnte nicht fehlen, daß er feine Entsendung als eine Sendung und diese als eine Verpflichtung zu strenger unb schneibiger Rührigkeit auffaßte —: ein tragikomisches Beginnen, das von Den alteingesessenen Bankleuten mit Erheiterung, Verständnis unb gelassener Zuversicht beobachtet würbe. Als dieser unruhige Mann eines Tages tatendurstig den Schalterraum durchforschte, gewahrte er Auftreten, Gebaren und Abgang ber seltsamen Kunbin
und nahm sich alsbald den Kassierer vor, um von ihm das Wer, Woher und Warum zu erfahren. Die Freude darüber, daß er für eine alte Geschichte einen neuen Hörer fand, begeisterte den alten Herrn zu einer Erzählung von ungewohnter Lebhaftigkeit.
Die Ahnfrau, sagte er — so würde sie überall genannt —, lebte als Großmutter ober Urgroßmutter oder weiß der Himmel vielleicht gar Ururgroßmutter im Hause einer nahewohnenden Gutsbesitzersfamilie, deren Geschäfte seit Generationen von der Bank betreut wurden. Sie hauste in einem Seitenflügel des weitläufigen alten Wohnhauses, einsam, nur bedient durch eine betagte Magd, voll harter und grimmiger Mißbilligung gegen alles, was rings um sie her sein neumodisches Wesen trieb. So war sie, von allen Bewohnern des Gutes in scheuer und doch verstohlen lächelnder Ehrerbietung gemieden, ein gespenstisches und zugleich unheimlich lebendiges Stück Vergangenheit, ein durch seltsame Fügung in die Gegenwart verpflanztes und ihr gänzlich entfremdetes und unzugängliches Dasein, straff und hart und von der einschüchternd herben Jovialität eines alten Feldherrn. In dem Maße aber, wie das Alter ihre Beziehungen zur Gegenwart lockerte, ihre Maßstäbe verschob und ihren Geist in eine wirre und wunderliche Abseitigkeit rückte, wuchs die gewaltige und schlagkräftige Uebertegenheit ihres Wesens: So daß der Gutsbesitzer, ihr Enkel, ein vergnügter und fleißiger Mann, ihr ratlos, gutmütig unb mit einer fast kirchlichen Ehrfurcht ben Lebensbezirk schuf, in bem sie, umgeben von alten Möbeln, Bilbern, Büchern, Pferben unb Hunben, ihr spukhaft seltsames und nach eigenen gegenwartsfernen Gesetzen geordnetes Leben entfalten konnte.
Eine Zigeunerin hatte ihr, so erzählte der Kassierer weiter, in ihrer Jugend geweissagt, daß sie einmal einen großen Lotteriegewinn machen würde. Diese Prophezeiung war jetzt, in ihrem späten Alter, zu dem geworden, was man gemeinhin eine fixe Idee nennt, unb hatte sich auf geheimnisvolle Art mit der Vorstellung verbunden, baß bie Bank, die immer ihre Geschäfte erledigt hatte, für das Eintreffen dieses Geldes verantwortlich sei. Deshalb kam sie am Ersten eines jeden Monats an ben Schalter; und es war ihr nie auch nur in ben Sinn gekommen, baß sie bem Schicksal billigerweise durch den Kauf eines Loses sozusagen entgegenkommen müsse. Irgendwer hatte sie einmal darauf hingewiesen; ein Zweiter, der es wagte, hatte sich nicht gefunden.
Der Direktor klimperte nachdenklich mit dem Gelde, das er nach liederlicher Großstadtsitte immer noch lose in der Hosentasche trug. Dann lächelte er. Und schließlich fischte er ein großes Silberstück heraus und reichte es dem Kassierer: „Ich glaube
zwar nicht an so ’nen Zimt, aber ich lasse mich gern belehren, und jedenfalls ist es Dienst am Kunden. Kaufen Sie ein Los unb nehmen Sie es für die alte Dame ins Depot."
Als die Ahnfrau am Ersten des nächsten Monats durch den Schalterraum geschritten kam und auf den Kassierer ihre Frage abschoß, kam der alte Herr um die genießerisch vorgekostete Wirkung seiner Antwort, denn sie blieb ihm im Halse stecken. Er brachte nur eine zustimmende Verbeugung zustande und zählte mit zitternder Hand der alten Dame die zwanzig nagelneuen Tausendmarkscheine hin, die als Gewinn auf ihr Los gefallen waren. In der laut- und atemlosen Spannung, die den Schalterraum füllte, horte man jeden der Scheine schicksalhaft bedeutsam knistern. Neun Augenpaare saugten sich am ehernen Gesicht der Ahnfrau fest.
Nichts geschah. „Aha!" sagte die Ahnfrau mit grimmiger Befriedigung. „Na endlich!" Sie zählte die Scheine mit rasch blätterndem Daumen und fegte sie in den schwarzseidenen Pompadour, den sie zu diesem Zwecke mit geöffnetem Schlund an die Tifchkante hielt, hieb mit harter Hand ihre stakige Unterschrift auf die Empfangsbestätigung — wandte sich und schritt hinaus. Der Kassierer, zwischen Verblüffung, Enttäuschung und Heiterkeit, suchte den Blick seines Direktors. Aber dieser weltgewandte Mann hatte bereits die Tür seines Zimmers hinter sich geschlossen, um seine Stellungnahme zu dem Ereignis vor unberufenen Augen zu schützen. Wir kennen sie nicht.
Dagegen wissen wir, daß die vielköpfige Familie des Gutsbesitzers, die gerade beim Mittagessen saß, in der jeweiligen Gebärde der Nahrungsaufnahme erstarrte, als die Ahnfrau zum ersten Male seit vielen Jahren bas Eßzimmer betrat. Sie kam bröhnenben Schrittes an ben Tisch, leuchtenden Triumph in den erzenen Falten des grauen Gesichts, und der blanke Blick ihrer blauen Augen fuhr spöttisch über die regungslose Familie hin.
„Mal herhören!" sagte die Ahnfrau unb stieß den Zeigefingerknöchel mit hartem Prall auf bie Tischplatte. „Natürlich habt ihr immer heimlich über mich gegrinst. Für verschroben und abergläubisch habt ihr mich gehalten. Keine Ehrfurcht unb keinen Glauben habt ihr. Respektlose Banbe. Aber ich habe natürlich recht behalten! Da!"
Ihre knochige Hanb knallte bie Scheine verächtlich auf ben Tisch. Elf in fassungslosem Staunen Dorguellenbe Augenpaare waren auf das Gelb gerichtet. Dann hielt die Ahnfrau ihren schwarzseide- nen Pompabour mit geöffnetem Schlunb an die Tischkante, fegte die Scheine hinein, schloß ihn mit knirchendem Ruck an der Zugschnur — wandte sich und schritt hinaus. Mit einem groben Knall, der wie ein siegverkündender Kanonenschuß durchs
Haus dröhnte, fiel bie Tür endgültig hinter ihr ins Schloß.
Herrscher und Musiker.
Zwei hübsche Anekdoten zu diesem Thema finden wir im Aprilheft von Velhagen Lr Klasings Monatsheften.
Franz Liszt wurde wiederholt aufgefordert, vor dem Zaren zu spielen. Nikolaus I. schätzte aber die flotte Militärmusik mehr als die große Kunst. Eines Abends^unterhielt er sich während eines Klavier- oortrages laut mit seinem Adjutanten. Plötzlich unterbrach Liszt sein Spiel und sagte: „Wenn ein Kaiser spricht, muß man schweigen".
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Friedrich der Große spielte bei einer Abendgesellschaft ein von Quant} komponiertes Flötensolo, aber niemand spendete Beifall, es klang nicht gut. Aergerlich knurrte der König zu Quantz: „Er hat mir eine verstimmte Flöte gegeben!"
„Ew. Majestät müßten eigentlich wissen, daß man eine Flöte in der Hand nicht warm werden lassen darf!"
„Das ist nicht wahr!" schrie ber König und ging wütend aus dem Saal.
Nach einigen Tagen kam er zu Quantz und sagte: „Es ist doch wahr!"
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Otto Loos, Ordinarius für Zahn- heilkunde unb Direktor bes Zahnärztlichen Instituts Carolinum an ber Universität Frankfurt, ist im Alter von 65 Jahren in einem Sanatorium im Schwarzwalb gestorben. Professor Loos galt als hervorragenber Kieferchirurg unb als Spezialist auf bem Gebiete ber Parabentose-Bekämpfung; er starb am gleichen Tage, an bem seine Emeritierung wegen Erreichung ber Altersgrenze erfolgen sollte. — Der Nachfolger von Professor Loos 'auf bem Frankfurter zahnärztlichen Lehrstuhl ist Professor Dr. Kühn, Leipzig, ber fein Amt bereits angetreten hat.
Professor Dr. Richard Hartmann, Ordinarius für Orientalische Philologie an ber Universität Göttingen, ist in gleicher Eigenschaft an bie Universität Berlin berufen worben.
Dr. Heinz M a y b a u m , Dozent für mittlere und neuere Geschichte an ber Universität Hamburg, würbe zum ordentlichen Professor an der Universi» töt Rostock ernannt.
Dr. Kurt Mais, Prioatdozent an der Universität Tübingen, ist für bas Sommersemester 1936 mit ber Wahrnehmung ber romanistischen Professur an ber Universität Halle beauftragt worben.


