Einzelbild herunterladen

Nr. 81 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) 8amrtag, 4. April 1936

Nationalisierung, Preis und Lohn.

Von Professor Or Inh Schmidt, Ordinarius für Äetriebswirischastslehre an der Universität Frankfurt a. M.

NSG. Schon einmal zu Beginn der Arbeits­schlacht nach dem politischen Umschwung wurde die Rationalisierung als ein Problem von gemeinwirtschaftlicher Bedeutung erkannt. Damals aber sah man in ihr den Feind, der die Zahl der Arbeitslosen noch zu vermehren drohte und sicher­lich bereits vermehrt hatte. Man hörte Vorschläge, die darauf hinausgingen, besonders leistungsfähige Maschinen stillzulegen, um dadurch Raum für Hand­arbeit zu schaffen. Wenn nun demgegenüber jetzt der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP. Bernhard Köhler die Forderung nach verstärkter Rationalisierung auf­stellt so klingt das wie ein unlösbarer Widerspruch.

l^s ist kein Widerspruch, denn wenn man wirt­schaftspolitisch in zwei verschiedenen Lagen das gleiche tut. so ist es nicht gleich in der Wirkung. Der Ruf gegen die Rationalisierung erscholl in einer Zeit, die aus einer Vorperiode der über­mäßigen Auslandkredite eine übermäßige Ratio­nalisierung liquidieren mußte. Damals waren Men­schen und Betriebe ganz unzulänglich be­schäftigt und die Bedarfsdeckung der Gemein­schaft infolge dieser Lage sehr gering. Weil aber die politische Führung dem arbeitslosen Menschen ein größeres Recht auf Beschäftigung zubilligte als der toten Maschine, deswegen mußte zuerst für ihn gesorgt werden. Praktisch hat das all­mählich auch zur Wiederausnutzung der vorher un­beschäftigten Maschinen geführt. Rein wirtschaft­lich gesehen ist das Brachliegen von arbeitswilligen Menschen und arbeitsfähigen Maschinen in jedem Falle ein Verlust für die Volksgemeinschaft, weil dadurch die Bedarfsdeckung geringer bleibt als sie sein könnte, wenn alle Produktionskräfte der Na­tion voll genutzt würden.

Rationalisieren heißt den Grundsatz der Wirt­schaftlichkeit in der Volkswirtschaft verwirk­lichen. Rationalsierung bedeutet durch verbesserte Arbeitsverfahren zu geringeren Kosten, d. h. mit geringerem Aufwand von Produktivkräften herzu­stellen oder anders ausgedrückt, mit den bisher beanspruchten produktiven Kräften mehr Er­zeugnisse als bisher herzustellen. Die Folge muß in jedem Falle ein Mehr an Gütern sein, die für die Bedarfsdeckung zur Verfügung stehen. Man sollte meinen, daß demnach kein Zweifel an der volkswirtschaftlichen Nützlichkeit der Rationali­sierung möglich sei. In der Tat ist sie es gewesen, die seit dem Beginn des Maschinenzeitalters die Güteroerseorgung der deutschen Volkswirtschaft auf einen Stand gebracht hat, der uns heute erlaubt, auf dem gleichen Boden 70 Millionen Menschen besser zu erhalten als die 20 Millionen um 1800. Nu r durch Steigerung der Produkti­vität kann der Unterbau für die nationalsozia­listische Bevölkerungspolitik der Zukunft gesichert werden Wenn trotzdem immer wieder Zweifel an der Nützlichkeit einer eindeutigen Pflege des tech­nischen und wirtschaftlichen Fortschritts in Form der Rationalisierung auftauchen, so sind sie, wie nach­zuweisen ist, durch zeitlich beschränkte Nachteile zu erklären, die ihrem Wesen nach Störungen in der Anpassung aller Wirtschaftsfak­toren an eine durch Rationalisierung veränderte Wi^Ochaft darstellen.

Die Arten der Rationalisierung sind verschieden. Sckian eine Verbesserung der Arbeits­weisen, ohne jede Aenderung durch neue Ma­schinen mindert den Erzeugungsaufwand pro Stück. Allgemeinbildung und sorgfältige Berufsschulung sind die Voraussetzung für Qualitätsarbeiten. Arbeitsfreude und Arbeits- djszivlin heben die Leistung. Doch denkt man nahe-

Dieses Haus stellie der Iiihrer kinderreichen Jliöttem zur Verfügung.

K

<

4- %

Fff »V |

« . V"

Der kürzlich verstorbene Goslarer Sanitätsrat Dr. G e l h o r n schenkte seine NervenanstaltT He­re s i e n h o f" dem Führer Adolf Hitler. Dieser übergab das Sanatorium an b i e NSV. Süd­hannover-Braunschweig. Das Heim wird nach einem Umbau vielen kinderreichen Müttern mit ihren Kindern zur Erholung dienen. (Presse-Bild-Zentrale-M.)

zu immer bei dem Begriff Rationalisierung an den Einfluß der Maschine als Hilfsmittel, zur Steigerung der produktiven Kraft, weil sie beson­ders deutlich eine Vervielfältigung der mensch­lichen Leistung erlaubt. Sehr wenig beachtet wird dabei aber, daß auch die Maschine selbst das Erzeugnis von Menschenarbeit ist, daß es sich im Grunde nur darum handelt, ob ein Volk seine verfügbare menschliche Arbeitskraft ausschließ­lich in der relativ rohen Form der Handarbeit oder umgewandelt in die Form des leistungsmeh­renden Werkzeugs und der Maschine an­wendet. Hinter den Maschinen steht die große Schar ihrer Erfinder und ihrer H e r st e l l e r als Leistende der Volksgemeinschaft. Nur solche Ma­schinen verdienen Anwendung, die produktiv mehr leisten als bei einfacher Handarbeit ihrer Erzeuger erzielt werden könnte.

Die Wirkung der fortschreitenden Rationalisierung in einer Volkswirtschaft ist immer eine Vermehrung der für die Bedarfsdeckung der einzelnen Arbeiter zur Verfügung stehenden Güter- und Dienstmenge oder -qualität. Wenn dies in der Vergangenheit nicht eindeutig als zweifelsfreier volkswirtschaft­licher Vorteil erkannt worden ist, so liegt die Ur­sache in Mängeln der kapitalistischen Wirtschaft, die trotz ihrer angeblichen Freiheit, die sofortige An­passung des wirtschaftlichen Kreislaufs an den Zu­stand gehobener Produktivität verhinderte und offensichtliche Nachteile der Gemeinwirtschaft herbei­führte. Solche Nachteile sind in den folgenden Punkten nachweisbar:

1. Der wirtschaftliche Fortschritt der kapitalisti­schen Epoche hat sich immer ungleichmäßig vollzogen. Im. Auf und Ab der Konjunkturen sehen wir die Vermehrung des Maschinenparks fast aus­schließlich in den Zeiten der Hochkonjunktur sich vollziehen, wobei die Scheingewinne dieser Periode regelmäßig die disponierenden Betriebsführer dazu

verleitet haben, den Umfang ihrer Betriebserweite­rungen über das einer dauernden B e - fchäftigung sichere Maß hinaus durch­zuführen. Weil man aber regelmäßig übertrieb, schuf man durch die übermäßig gesteigerte Güter­menge auch die Grundlage für den Zusammenbruch der Krise, der infolge des Ueberangebots der Güter unvermeidlich wurde. In der Krise mußten dann viele an sich produktionsfähige Anlagen regelmäßig brachliegen und vor allem aber traf dieses Schicksal auch die arbeitenden Menschen in Gestalt der Ar­beitslosigkeit. Gleichmäßig zeitliche Ver­teilung des Rationalisierungsverfahrens würde solche Nachteile verhindert haben Die natio­nalsozialistische Wirtschaftspolitik wirkt mit ihrer Einstellung auf Stabilisierung von Preis und Lohn ganz in der Richtung des Ausgleichs.

2. Rationalisierung ohne Preissenkung muß den Absatz der zusätzlichen Gütermengen hemmen wenn die Einkommen gleich bleiben. Wenn ohne Aenderung der Einkommen und ohne Veränderung der Preise infolge Rationali­sierung durch Verbesserung der Arbeitsverfahren oder neue Maschinen ein Arbeiter das zu leisten vermag, was bisher zwei zu leisten hatten, so wird der Lohn eines Arbeiters erspart. Verkauft nun der Unternehmer zum alten, jetzt zu hohen Preis, so kann er auch nicht mehr Stück als bis­her absetzen. Zeder zweite Arbeiter kann entlassen werden, und sein Lohn wird Zusatzgewinn des Unternehmers. Die liberale Wirtschaft erhoffte dann einen allmählichen Ausaleich durch den Lohndruck, den die entlassenen Arbeiter ausübten, und der dazu führen sollte, daß ein neuer Anreiz zur Vermeh­rung der Stückmengen und allmählicher Preis­senkung entstand. Das aber ist nur ein geringer Trost für die Arbeiter, die bei voller Leistungs­fähigkeit unter Umständen jahrelang auf diesen sehr allmählichen Ausgleich arbeitslos warten mußten.

Demgegenüber wird die Wirtschaftspolitik der Zukunft andere Wege einschlagen müssen, wenn sie die Nachteile der Rationalisierung vermeiden will. Sie muß dafür sorgen, daß jede K o st e n » senkung durch Rationalisierung gründ« sätzlich im Augenblick ihres Entstehens auch durch Preissenkung den Konsu­menten zugute kommt. Dann kann auch bei ganz unveränderten Volkseinkommen die zuneh­mende Menge der Güter reibungslos abgesetzt wer­den, weil das gleiche Volkseinkommen zu billigerem Preis die vermehrte Gütermenge kaufen kann, ohne daß Ar­beitslose entstehen. Dem Einwand, daß nicht in jedem Produktionszweig im Verhältnis zur Preis­senkung vermehrte Mengen abgesetzt werden kön­nen, ist dadurch zu begegnen, daß die bei einem Gute ersparte Kaufkraft dann für andere Märkte zur Verfügung steht, und dort Arbeitskräfte zu­sätzlich bindet.

3. Ein anderer Weg wirtschaftspolitischer An­passung liegt in einer der zunehmenden Stückzahl entsprechenden Vermehrung des Volksein­kommens, wie es automatisch einträte, wenn wir uns vorstellen, daß alle Arbeit im Akkord be­zahlt würde. Steigt dann mit der Rationalisierung die Stückzahl der Produkte, so steht auch ein stei­gendes Volkseinkommen für den Absatz zur Ver­fügung und die Preise selbst können unverändert bleiben; allerdings muß dann aber der Geldumlauf steigen.

Demnach ergeben sich wirtschaftspolitisch zwei Wege der Anpassung an eine in Folge der Ratio­nalisierung steigende Gütermenge. Hält man die Löhne und Einkommen gleich, so muß der Preis gesenkt werden, wenn Arbeits­losigkeit vermieden werden soll. Paßtmanaber die Löhne und Einkommen ber ft ei­gen b e n Gütermenge an, so kann sie auch bei unoeränberten Preisen abgesetzt werben. Da wir in ber Gegenwart ein Lohnsystem haben, in bem starrer Stunden- unb Tagelohn neben bem mit ber Erzeugungsmenge schwankenben Akkorblohn gemischt auftritt, so müssen bei fteigen« ber Gütermenge pro Kopf ber Arbeiteten entroeber bie Akkorbsätze herab- ober bie Stunbenlöhne her- aufgesetzt werben, wenn sie untereinanber in glei­chem Verhältnis bleiben sollen. Steigert man bie Stunbenlöhne bei gleichbleibenben Akkorbsätzen, so steigt bas Gesamtarbeitseinkommen in gleichem Verhältnis wie b,ie Gütermenge, unb ber Stückpreis kann infolge allgemein fteigenber Einkommen auch bei vermehrter Menge gleichbleiben. Senkt man aber bie Akkordsätze bei unoeränberten Stunben- löhnen, so muß im Verhältnis ber zunehmenben Gütermenge ber Stückpreis gesenkt werben.

Läßt man aber ben Dingen ihren Lauf, so steigt mit ber Stückzahl nur ein Teil bes Volkseinkom­mens, soweit Akkorblohn vorliegt, infolgebessen brauchen auch bie Güterpreise nicht so schnell zu sinken wie bie Stückzahl steigt, wohl aber müssen sie insoweit sinken als ben Empfängern von starren Löhnen bie Kaufkraft für höhere Mengen zu glei­chen Preisen fehlt.

Falsch aber wäre es anzunehmen, baß auch bei so burchgeführter Anpassung schon vor ber Ratio- nalisierung vorhanbene Arbeitslose burch ben Ra­tionalisierungsprozeß aufgesogen werben könnten. Sie mürben nur ben Vorteil einer geringen Bes­serung ber Kaufkraft ihrer Unterstützungbeträge haben können. Die Anpassung mürbe nur eine Vermehrung ber Arbeitslosen verhinbern unb allen Volksgenossen eine Besserung ihrer Lebenshaltung ermöglichen.

Das Problem ber Wiebereinglieberung unserer Arbeitslosenreste ist eine Frage ber harmonischen Gestaltung von Lohn unb Leistung, bie bei ben jetzt noch Arbeitslosen vielfach burch die mangelnde Hebung mährend langer Arbeitslofig- feit gemindert ist, aber auch eine Frage der Neu- organifation vieler Märkte, insbeson­dere nach dem Ausland hin, mie die Anpassung der Umlaufsmittel in den Betrieben.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn als Traumspiel und Oper.

Uraufführung in Dresden.

Die OperDer d e r I ar e n e Soh n" von Ro­bert Heger gelangte an der Dresdner Staatsoper vor ausverkauftem Haufe zur Uraufführung. Pro­fessor Heger, der als Preußischer Staatskapellmei­ster an der Berliner Staatsoper und als musikali­scher Oberleiter am Staatstheater in Kassel rnirkt, hat das biblische Gleichnis in unsere Zeit über­tragen. Der vom Komponisten selbst geformte Text biejet eine theatralisch farbige und vielgestaltige Handlung, deren kühne Gegensätzlichkeit und psycho­logische Einheitlichkeit in her Kunstform ber Oper ungemöhnlich finb.

Eine Rahmenhanblung (Vor- unb Nachspiel) führt in ben länblichen Frieben eines Kantors; zmei stäbtische Erscheinungen, bieDame" unb ber Herr", verlocken ben Kantorssohn in bie große Welt meg von feinem bereits komponierten Te- beum, meg von ber angenommenenTochter" feines Vaters. Vor ber Abreise erlebt ber Sohn bie Wunsch- unb Schreckbilber seine Zukunft als Traum. In sechs Szenen sieht er sich als berühmten Operntenor in einem gleißenben Salon, bann als Mann unb Partner einer Varietebiva in einer Tanzbär an ber Riviera, geflüchtet als schäbigen Musikanten in einer Mansarbe, heimgekehrt in bie Dorfkirche, mo sein Tebeum gesungen roirb, ausge­stoßen vom älteren Bruber unb besten Frau aus bem Hause bes reichgemorbenen Vaters, schließlich als Ausmanberer in ber Lasterhöhle einer Hafen­stab t zmischen Opiumrauchern, Schnapssäufern, Ko­kainschluckern unb Verbrechern. Vater,Tochter" (bie naive Geliebte),Dame" (bie raffinierte Ge­liebte) undHerr" gehen durch alle Traumbilder m den wunderlichsten, aber immer sinnvollen Ge­staltmandlungen mit. Stöhnend erwacht der Sohn und entschließt sich, der dörflichen Heimat treu zu bhüben,in ber Stille tätger Einsamkeit" zum Künstler zu reifen an ber Seite ber Geliebten (Tochter"). Das Traumspiel stellt sich als ein Läu- terungsbrama bar, besten erzieherische Tenbenz im Cbor ber Lanbleute aufklingt.Wo mir geboren finb ba rnollen mir leben, treu ber Heimat immer­dar".

*

Der Komponist ^Heger stand vor ber schmierigen Aufgabe, ben einander völlig entgegengesetzte» Sze­nen eigenes Gesicht zu geben unb sie gemäß ber Sinnfügung bes Ganzen auch musikalisch einheit­lich zu verbinden. Er erreichte diese Doppelgestal­tigkeit weitgehend, indem er nummernmäßige Ein­

lagen von scharfer Profilierung brachte (italienische Arie, Walzer, Tango, Tanz-Duett mit Jazzmusik, ein prachtvolles Tedeum), das wechselnde Kolorit aber von ber bekenntnishaften Lyrik immer roieber burchstrahlen ließ. Dabei erwies sich bie in allen Verwandlungen reine Gestalt derTochter" auch in musikalischer Hinsicht als geeignetes Bindeglied. Die Liebesszene im Salon, das Duett in der Man­sarde, die musikalische Verschmelzung ber Visionen bes Opiumrauchers mit ber strahlenben Unschulb bes Mäbchens in ber Lasterhöhle finb ebenso wie ein Gebet bes Sohnes an bie Mutter, bie wörtlich übernommene biblische Szene vom heimgekehrten Sohn unb bas große Terzett bes Nachspiels voy starker Einbruckskraft.

Im Ganzen führt Heger jeboch bie mufikbrama- tifche Trabition von Wagner über Pfitzner unb Schillings weiter, ist ben instrumentatorischen Er­rungenschaften eines Richarb Strauß unb bem im­pressionistischen Zauber Schrekers (Der ferne Klang".') tief verpflichtet. Die Musik ist bas Werk eines hochbebeutenben Technikers mit jahrzehnte­langer Opernpraris unb ernstem Willen zur Ver­tiefung bes Gehalts, sie erweist sich jeboch in ber kontrapunktischen Erfassung bes Klangrauschs stär­ker als in ber eigentlichen Erfinbung. Das zeigt sich vor allem an ber schwer eingängigen Melodik. Mit ihrer gewollten Herbheit, ja stellenweise bewuß­ten Zerstörung macht der hervorragende Verarbei­ter und satztechnische Meister aus der Not bes mu­sikalischen Schöpfers eine Tugenb unb bezeichnet damit einen rounben Punkt in ber gesamten Opern- probuktion ber Gegenwart

Sa rückt Wesentlichstes in die symphonischen Zwischenspiele des Orchesters, bie währenb ber sze­nischen Umbauten bie innere Hanblung program­matisch weiterführen, sich zum Teil aber auch stren­ger Form beugen (Fuge!). Das gleiche Streben zur kunstgerechten Regelmäßigkeit offenbart sich auf ber Bühne, wenn ber mit schwierigen Aufgaben betraute Chor eine zwanglose gesellschaftliche Un­terhaltung in ber Dariationenkette ' einer Passa­caglia führt. *

Der verlorene Sohn" steht und fällt mit der Qualität der Aufführung. In Dresden setzte Gene­ralmusikdirektor Karl Böhm als hingebungsvoller Führer des prachtvollen Orchesters erste Kräfte ein, die ihre halsbrecherischen Rollen mit nachtwandleri­scher Musikalität bewältigten. Vor allem der Te­nor Torsten Ralf (Sohn) unb Maria Cebotari (Tochter). Neben ihnen glänzten Martha Fuchs, Pauf Schäffler unb Sven Nilffon burch scharf prägenbe Darstellungskunst. Komponist unb Werk errangen starke" Schlußbeifall

Johannes Jacobi.

Der Gieinbock.

Von Maria Schierl-Koch.

Wenn ein Steinback, ber jahrelang bas Rubel angeführt hat, einmal in so vorgeschrittenem Alter ist, daß er feine Kräfte mit denen eines jungen Bockes nicht mehr messen kann, dann wird er zum Einzelgänger. Er sondert sich von dem Rudel ab und verbirgt sich tagsüber in dem niedrigen Zwerg­holz, ben sogenanntenLatschen", weshalb er in ber Jägersprache auchLatschenbock" genannt roirb. Die Bewohner ber Alpentäler allerdings sprechen von ihm nur als von bemAlten", unb bas Herz so manchen Wilberers schlägt höher bei bem Ge­danken, daß er den Alten vor die Flinte bekommen und seines geradezu sagenhaft prächtigen Gehörns habhaft werden könnte.

DerAlte" aber geht jeglicher Gefahr mit ber Weisheit bes Alters aus bem Wege. Das Wenige, was er bei seiner geruhsamen Lebensweise noch an Nahrung bebarf, holt er sich am frühen Mor­gen, unb feinen Durst stillt er zur selben Zeit an bem frischen Bergquell. Dann liegt er halb träu- menb, halb wachenb in seinem Verstecke, unb es stört ihn in seiner Ruhe nicht, wenn ber Jäger ober ber Wilberer mit bem Tobe im Jagbrohre oft nahe an ihm vorübergeht, ohne feiner ansichtig zu wer­ben. Die anberen Steinböcke aber achten feine Zu­rückgezogenheit unb meiben benAlten", der ihre Spielereien griesgrämig ablehnt. Davon aber, daß er sich dennoch zu ihnen gehörig fühlt und das Rudel im Auge behält, weiß so mancher Jäger zu erzählen, bem wenn er eben im Begriffe ftanb, sich an ein Rubel anzupirschen unb wäre es auch nur, um sich an seinem Treiben zu ergötzen, benn ber im Aussterben begriffene Steinbock roirb in unseren Tagen fast überall geschont plötzlich herAlte" auf einem schmalen Felsvorsprunge ober (Brasbanbe entgeqentrat unb ihn burch feine starre Haltung zur Umkehr zroana.

So ftieq auch einmal ein Wilberer aus bem Tale in bie Felsen ein. Er hatte bas Rubel Steinböcke ausgespäht, an bas beranzukommen bas Ziel seines Strebens roar. Der Wind wehte sanft unb leise von ber Höhe nieder, und da er von unten anstieg, war der Wilderer sicher, daß die Steinböcke ibn nicht gewahr wurden, bis er in Schußweite kam. War er aber erst so weit, bann war ihm bie Jaab- beute gewiß.

Siegesgewiß setzte ber kühne Steiger einen Fuß vor ben anberen unb fanb immer roieber einen Halt, roo ber Minbergeübte längst versagt hätte. Er bohrte bie Finger in die Svalten unb Schrunsen brs Felsens unb zog sich höher unb höher. Ein Grasband, das durch die Felsen lief, war sein

nächstes Ziel. Bei aller Vorsicht aber konnte er es nicht verhindern, daß sich unter seinem Fuße ein Steinchen löste und in die Tiefe kollerte. Das dadurch verursachte Geräusch aber genügte, die Steinböcke in schleunige Flucht zu versetzen. Nur em Muttertier, das ein Junges bei sich hatte konnte dem Rudel nicht folgen und stand ratlos, den ausdrucksvollen Kopf lauschend hochgeworfen. Es konnte weder ben Wilberer, noch ben Jäger sehen, ber auf bem gegenüberliegenben Hange bas ganze Geschehen burch sein Fernrohr beobachtete. Er roar zu weit entfernt, um schützenb eingreifen 3U können, boch konnte er sehen, wie aus bem Zwergholz sich berAlte" erhob. Unwillig den Kopf aufwerfend, schritt er langsam bis hart an ben Nanb bes Felsens vor unb äugte in ben Abgrund. Und da mochte er wohl den an dem Felsen kleben­den Wilderer erblicken, der sich eben wieder ein Stückchen höher schob.

Eine kurze Weile nur sah ber Steinbock auf bie sich nähernbe Gefahr nieber, bann roanbte er sich bem (Brasbanbe zu, auf bem er sich zwar etwas steif unb ungelenk, aber zielbewußt abwärts be­wegte. Just an ber Stelle aber, unter welcher ber Wilberer bem (Brasbanbe zustrebte, verhielt er reglos und harrte mit trotzig gesenktem Kopfe des- fen, der ba kommen sollte.

Der Wilberer ahnte bie Gefahr nicht. Schon hob sich sein Kopf über bem Felsen empor, da erblickte er den Steinbock, der in entschlossener Haltung breit- spurig vor ihm stand. Daran, daß ber Bock keine Miene machte, zu entfliehen, erkannte er benAl­ten", unb er hätte viel bafür gegeben, wenn er bie Hänbe freigehabt hätte. Wie' aber sollte er so das Gewehr entsichern, bas über feiner Schulter hing?

Es war ein verzweifelter Augenblick für ben Wilderer, ber aber dennoch versuchte, neben dem Steinbock bas (Brasbanb zu erreichen. Kaum hatte er sich aber roieber um eine Hanbbreite empor» gehoben, als ber Bock schlau die hilflose Lage des Wilderers nützend mit den starken Hörnern nach ihm stieß. Ein gellender Schreckensruf, der sich von Felswand zu Felswand fortpflanzte und non jeder schaurig widerhallte, roar die Antwort auf diesen Angriff. Unb ein Fallen unb Poltern. dem ein Steinregen fetflrr ..

Der alte Steinbock zog sich gemächlich in sein Versteck in ben Latschen zurück. Das Muttertier unb bas Junge waren gerettet, unb so war er boch noch zu etwas nütze gewesen. Die Anstrengung mochte jeboch ben Rest seiner Kräfte erschöpft haben, benn als ber Jäger, ber bie traurige Kunbe zu Tols trug, am anderen Tag nach ihm suchte, spiegelte sich bie Schönheit der Alpenwelt ringsum zum letzten Male in seinem brechenden Auge.