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M.54 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 4. Marz 4936

Im Dienste der deutschen Aahrungsfreiheit.

den Beamten sind dort 70 einheimische und 14 Saisonarbeiter beschäftigt. Ein Rundgang auf die­sem Gute gestattete einen umfassenden Ueberblick über seine vielfältigen Einrichtungen.

Ziele der zweiten Erzeugungsschlacht. Eindrücke von einer Rundfahrt.

(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)

Nach dem Besuch des Hofgutes Wickstadt galt eine eingehende Besichtigung der Walzenmühle von Assenheim, deren moderne, vollautoma­tische Einrichtungen eine vollkommen hygienische Verarbeitung des Weizenkornes zu Mehl und

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Die zweite Erzeugungsschlacht ist nur ein wei­terer Abschnitt im Kampfe um die deutsche Nah­rungsfreiheit. Die Aufgaben, die der Führer dem Bauern gestellt hat, sind sehr vielseitig und um­fangreich; sie sind zum Teil leicht, teils schwierig zu lösen. Sie verlangen auch an manchen Stellen betriebswirtschaftliche Umstellungen; die Arbeit mutz sich auf rechnerischen Grundlagen aufbauen; wissenschaftliche und praktische Erfahrungen sind zu berücksichtigen; da und dort wird die Rückkehr zu guten Ueberlieferungen notwendig sein.

Alle Maßnahmen find auf die Steigerung der

Qualität und der Ertragsmenge gerichtet.

Die Wege zum Ziel liegen in den meisten Fällen bereits fest. Viele sind dabei berufen, mitzuhelfen. Der Bauer steht in vorder st er Linie. Aber auch die Presse mutz mithelfen. Sie muß dazu beitragen, daß die Gedanken und Pläne für die große Sache der deutschen Nahrungsfreihett in jedes Bauernhaus getragen werden.

Um der Presse Gelegenheit zu geben, am prak­tischen Beispiel die Möglichkeiten der Erzeugungs­schlacht kennenzulernen, veranstaltete die Lan­desbauernschaft Hessen-Nassau am gestrigen Dienstag für die Vertreter der rhein- mainischen Presse eine aufschlußreiche Rund­fahrt, die in ihrem ersten Teil in einige Orte der W e t t e r a u führte. Unter Führung des Lan­destierzucht-Direktors Dr. Schneider und des Referenten für Pflanzenbau bei der Landesbauern­schaft, Dr. G r e b e r, gewannen die Fahrtteilneh­mer einen Ueberblick über die Maßnahmen, die die Landesbauernschaft im Auftrage des Reichsnähr­standes zu fördern hat.

Der erste Besuch des gestrigen Vormittags galt der dem Erbhofbauern Adolf B a u s ch in Nieder- W ö l l st a d t anvertrauten Staatlichen D e ck - st a t i o n. Hier wurden zwei Hengste vorgeführt: ein Warmblüter (Hannoveraner), mittelschwer, sehr wendig, und ein Kaltblüter (Rheinländer), beide von kräftigem Wuchs und der erstrebten gedrunge­nen Bauart. Beide Tiere präsentierten sich in aus­gezeichnetem Zustand.

Es wurde darauf hingewiesen, daß es für den mittleren Bauern nicht möglich ist, Hengstauf­zucht durchzuführen, da von vielleicht sechs zur Hengstaufzucht eingestellten Tieren schließlich nur eines, im glücklichsten Fall vielleicht zwei, angekört werden könnten.

Das Risiko muß also auf breitere Basis getragen werden. Die Haltung des schwarzbunten Niede­rungsviehes ist für viele Bauern unseres Gebietes deshalb nicht empfehlenswert, weil für diese Tiere eine ausreichende Weidegelegenheit wichtigste Vor­aussetzung für die Gesunderhaltung des Viehbe­standes ist.

Aufschlußreich war ferner der Einblick in die Schweinezuchten, sowohl des Hof gut es Wickstadt, als auch der Gemeinde Nieder- Weisel. Die Zuchten sind ziemlich einheitlich auf das deutsche Edelschwein und das deutsche veredelte Landschwein eingestellt. Im Hofgut Wickstadt waren in den zweckmäßigen Boxen etwa 150 Schweine zu bewundern, unter de­nen sich etwa 30 Zucht­sauen befanden. Die Be­urteilung der Zuchttiere erfolgt dabei nach streng­sten Grundsätzen. In Nie- der-Weisel sah man zwei gut gehaltene Eber dieser Rassen. Der Schafzucht und der Hühnerzucht galt ebenfalls die Auf­merksamkeit.

Hinsichtlich der Hühner­zucht wurde betont, daß eine Steigerung des Eier­anfalls von der bisheri­gen durchschnittlichen Lei­stung eines Huhnes von 60 bis 70 Eiern auf 100 Eier einen wesentlichen Fortschritt in der Siche­rung unserer Dolksernäh- rung bedeuten würde. Auch die Schafzucht wurde in den Kreis der Be­

trachtungen gezogen, wenngleich hier betont wurde, daß es nur sehr schwer möglich sein werde, den gesamten deutschen Bedarf an Wolle aus eigenen Herden zu decken.

Während der Fahrt durch das fruchtbare Land der Wetterau gab Dr. G r e b e r Aufschluß über den Stand der Saaten, die durchweg gut durch den Winter gekommen sind. In diesem Zu­sammenhang galt auch hier dem großen Hofgut Wickstadt (dem größten in Hessen) alle Aufmerk­samkeit. Das Gut umfaßt 1256 Morgen Land, von dem 1000 Morgen unter dem Pflug liegen. 250 Morgen sind Grünlandflächen, davon wiederum 100 Morgen Wiesen. Seit über 30 Jahren ist das Hofgut Wickstadt anerkannte Saatbau­stelle für Hessen. Der ganze Betrieb wird nach exakten wirtschaftlichen Grundsätzen geführt. Außer

Grieß gestatten.

Ml großem Interesse wurde der neuerbauke riesige Silo betrachtet, der als größter Ge­treidesilo Europas rund 50 000 Zentner Ge­treide saht.

Der Silo ist 45 Meter hoch und tft in 13 Zel­len aufgeteilt, deren jede einen kreisrunden Hohl­zylinder darstellt. Eine wesentliche Neuerung für diesen Silo besteht darin, daß das Getreide nicht umgeschaufelt zu werden braucht, sondern frische Luft durch eine Preßluftanlage zugeführt erhält, so daß es in einem ständig fließenden Luftstrom liegt.

Der Nachmittag brachte eine Besichtigung der Genossenschaftsmolkerei O st heim, die mit den modernsten Maschinen ausgerüstet ist und aus 29 Gemeinden der Umgebung eine tägliche An­lieferung von etwa 28 000 Liter Milch aus etwa 1900 bäuerlichen Viehhaltungen erfaßt und ver­arbeitet.

Während einer Mittagspause in Butzba ch hielt der Obmann der Landesbauernschaft Pg. Seipel (Friedberg-Fauerbach), eine Ansprache, in der er sich kurz mit den wesentlichen Punkten der Erzeu­gungsschlacht beschäftigte.

Er appellierte an die Einsatzbereitschaft aller Berufenen und betonte besonders, daß eine Leistungssteigerung durchaus möglich sei. Die Beispiele bewiesen es. kein Mittel, die Erzeu­gung aus unserem Boden zu steigern, würde unversucht bleiben.

Der Reichsnährstand, der die Landesbauernschaft mit der Förderung der Erzeugungsschlacht beauf­tragte, habe das fei ein weitverbreiteter Irr­tum nicht allein die Interessen des Bauern zu vertreten, sondern vor allem die Ernährung des deutschen Volkes sich er zu stellen.

Bei H u n d st a d t wurden im weiteren Verlaufe der Fahrt die Meliorationsarbeiten und die Feldbereinigung beobachtet. Dabei wurde von fachmännischer Seite auf die hohe wirt­schaftliche Bedeutung dieser Maßnahmen hingewie­sen. In Naunstadt wurde noch der typische rasselose Stall gezeigt, wie er nicht erwünscht ist. In Bad Schmalbach fand die Fahrt für den ersten Tag ihren Abschluß.

Der heutige Mittwoch bringt eine Besichtigung eines bäuerlichen Weinbaubetriebes in Eltville, dann wird der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Darmstadt ein Besuch abgeftattet, eine Besich­tigung der Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Gemüsebau in Groß-Umstadt ist ebenfalls vor­gesehen. Schließlich wird auch das neue Dorf Ried- rode im hessischen Ried besucht werden.

Aus her proviuzialhaupifiadi.

3n Erwartung des Frühlings.

Schöner Frühling, komm' doch wieder, Lieber Frühling, komm' doch bald!

Bring uns Blumen, Laub und Lieder, Schmücke wieder Feld und Wald!

Fabian, Sebastian (20. Hartung) treibt den Saft im Baume an", sagt ein alter Bauernspruch. Immer mehr längen sich die Haselkätzchen, und schon ein sachter Windzug bringt sie in Bewegung. Immer dicker schwellen die Knospen der Salweiden an, und aus der braunen Hülle lugt behutsam die filzig­silbrige Spitze des Kätzchens. Aus der weiblichen Blütenanlage des Hafelftrauches kommt das rote Narbenbüschel zum Vorschein und harrt der befruch­tenden Bienen und Hummeln. An den Erlen am Wiesenbach leuchtet's rötlich von den zahlreichen Troddelkätzchen, und die Espen sind mit sammet- weichen Kätzchen geziert.

Wohl geht es dem Lenz entgegen, aber gewöhn­lich gibt der Winter im Hornung noch einmal eine kürzere oder längere Gastrolle, ehe er sich langsam zurückzieht.

Wenn's um Lichtmeß stürmt und schneit. Ist der Frühling nicht mehr weit!

Ist es aber hell und klar,

Kommt der Lenz noch nicht, fürwahr!"

Oder wie eine andere Bauernregel lautet: Lichtmeß Sturm und Schnee, Bringt des Frühlings Näh'!"

Die ersten milderen Tage des Februar lassen dann die ersten Blüher der Blumenwelt aufwachen. Zag­haft reckt das Schneeglöckchen fein Blütenhäuptchen und läutet, bis es in der Abendkühle fein Läutewerk einzieht. Unter Hecken und Gebüsch versteckt lenkt an warmen Südhängen das bescheidene Veilchen unsere Aufmerksamkeit auf sich und lädt durch seinen Wohlgeruch zum Pflücken ein.Brichst du Blumen, sei bescheiden", sagt das Dichterwort; dicke Sträuße lassen immer den Naturschänder vermuten. An ge­schützten Stellen hat das Blattwerk des Gänseblüm­chens und Leberblümchens der Kälte zu trotzen ver­mocht, und schon machen sich die krummen Blüten- stielchen bemerkbar.

Um diese Zeit wird die erwachende Natur auch allmählich von der Vogelwelt belebt. Der Zaunkönig, nächst dem Goldhähnchen der kleinste der gefiederten Freunde, hat auch in Not und Frost seinen melo­dischen Gesang ertönen lassen. Jetzt aber singt die Lerche ihre Jubellieder zum Preise des Schöpfers, und von der Spitze eines einzeln stehenden Birn­baumes schmettert die Amsel mit dem erwachenden Tage und mit der schlafengehenden Sonne ihre herr­lichen Weisen. Gewiß ist sie bei ihrer Umstellung zum Feld- und Gartenoogel zu einem großen Teil schädlich geworden. Aber mit ihrem nachtigallähn­lichen Schlag macht sie manche Räubereien am Beerenobst vergessen. Vor seinem Hause erweckt der Star, der lustige Herold des Frühlings, mit seinen herrlichen Weisen neue Hoffnungen in der Menschen- bruft. Das helleSpitz-die-Schar" der Kohlmeise ruft den Bauer zu den Vorbereitungen zur Früh- jahrssaat auf. Noch fehlen die Kleinmusikanten der Natur, die Bienen, Hummeln und andere Kerfen. Nur um eine günstige Mittagszeit macht sich hier und da ein vereinzeltes Summen bemerkbar.

Lerchengesang, Schneeglöckchens Läuten, schwel­lende Knospen, allmählich sich färbendes Grün der Wiesen und vereinzeltes Jnsektengesumm sind Weg­bereiter zu Frühlings Glück und Frühlings Auf- erftehen.

Wir wollen die werdende Natur in vollen Zügen genießen und damit die Tugend paaren, in jeg­lichem Geschöpf den Schöpfer zu ehren.

Die Fenster auf, die Herzen auf, Der Frühling kommt mit Saus und Braus In Flur und Hain gezogen, Mit Kinderfana und Lerchenschall Und mit dem Lied der Nachtigall, Da kommt das Glück geflogen. B.

Bornoiizen.

Tageskalender für Mllwoch.

Deutsche Arbeitsfront, Gruppe Hausgehilfen: 20.30 Uhr im Haus der Deutschen Arbeitsfront rassenpolitischer Vortrag von Pg. Dr. Kran z, Gießen. NSG.Kraft durch Freude": Ab 20.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum. NSLB.

Dies geschehe aber erst nach sorgfältigster Prüfung. Hengstaufzucht ist sehr schwierig. Für die Wetterau werden verhältnismäßig schwere Tiere gebraucht. Erstrebt ist das gedrungene Tier, das leicht- f utteri g sein soll, d. h. die Nahrung gut aus­werten soll.

Einen ausgezeichneten Pferdebestand von 4 5 Tieren sah man auf dem in vieler Hinsicht vor­bildlichen Hof gut Wickstadt. Es handelte sich dabei in erster Linie um Tiere des belgischen Schlages, die fast alle aus eigener Zucht stammten. Zuchtziel ist auch hier das tiefe, gedrungene Pferd. Wert wird dabei vor allem auf vollkommene G e fundheit des Tieres gelegt, als Grund­lage für die beste Leistung. Die Tiere sind in ge­räumigen Ställen untergebracht. Das Hofgut Wick- ftadt bot in tierzüchterischer Hinsicht noch viel Interessantes. Die Viehherde umfaßt 190 Tiere des schwarzbunten Niederungsviehes, das hier gehalten werden kann, weil umfangreicher Weidebetrieb möglich ist. Auch diese Tiere sind in vorbildlichen Ställen untergebracht. Seit 30 Jahren wird im Hofgut Wickstadt Rindviehzucht getrieben, mit besonderem Erfolg allerdings erst seit der Auf­nahme des Weidebetriebes im Jahre 1921.

91 Kühe des Tierbeflandes stehen unter Lei­stungskontrolle. Die durchschnittliche Milchmenge pro Kuh betrug im Jahre 4098 Kilogramm Mich, 135,42 Kilogramm Fett, also ein Fett- gehalt der Milch von etwa 3,3 v. h.

Den von der Landesbauernschaft besonders ge­förderten Gedanken der F l e ck v i e h r a s s e , als der für unsere heimischen Verhältnisse besonders geeigneten, fand man in Nieder-Weisel rest­los verwirklicht. Im Faselstall der Gemeinde stehen ausschließlich Bullen des rotbunten Viehes. In der Hofreite von Karl Mack (Nieder-Weisel) fand man nur rotbunte Kühe von ausgezeichneter Beschaffen­heit und Leistung. Es wurde dabei besonders be­tont, daß Nieder-Weisel in dieser Hinsicht vorbild­lich ist. Landestierzuchtdirektor Dr. Schneider sagte, daß es für die Bauern des hiesigen Gebietes darauf ankommt, ein besonders widerstandsfähiges und bodenständiges Vieh einer Raffe, und zwar der des rotbunten Viehes, zu halten. Eine einseitige Milchviehhaltung ist hier nicht angebracht.

Es müsse daraus gesehen werden, daß die Dieh- hattung nicht nur Ertrag aus der Mich, fon- bern auch Ertrag aus dem Schiachtwert bringt.

Zu unseren Bildern.

Links oben: Der Kaltbluthengst aus der Staatlichen Deckstation zu Nieder-Wöllstadt.

Rechts oben: Einer Der Fleckoiehbullen aus dem Gemeinde - Faselstall von Nieder-Weisel. Die Gemeinde Nieder-Weisel ist wegen der vorbild­lichen Rasse - Viehhaltung weit und breit bekannt.

Mitte rechts: Ein Blick in die mit den mo­dernsten Maschinen ein­gerichtete Genossenschafts­molkerei in Ostheim bei Butzbach.

(Aufnahme: Landesbau­ernschaft Hessen - Nassau.)

Links: Der 45 Meter hohe Getreidesilo der Walzenmühle in Assen- heim, der die Menge von 50 000 Zentner (Betreibe zu fassen vermag.

(Aufnahmen [3]: Neuner,

l Gießener Anzeiger.)

Europas gröhterOeireidesilo steht in derWetterau