Nr. 54 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 4. März 1936
< Aus dem Reiche der Frau.
Meisterinnen der Hauswirtschaft.
NSG. Davon haben viele Frauen nie etwas gehört. Aber es gibt geprüfte Meisterinnen der Hauswirtschaft schon seit dem Jahre 1926. In Königsberg wurden nach der vom preußischen Staat anerkannten Prüfungsordnung die ersten Meisterinnen geprüft. Jetzt finden ständig Prüfungen in fast allen größeren Städten des Reiches statt.
„Meisterin der Hauswirtschaft", schon dieser Titel unterstreicht die Bedeutung des Hausfrauenberufes. Wie alle Berufe erfordert er angeborene Fähigkeiten, aber auch viel gründliche Schulung. Das wird heute allgemein anerkannt. Die Hausfrau kann dem Staat durch kluges Wirtschaften, das sie der Lage des Marktes anpaßt, unendlich wertvolle Dienste leisten. Das ist der Grund, warum es so wichtig ist, daß jedes junge Mädchen, bevor es einen, der Hausfrau und Mutter fernliegenden Beruf ergreift, einmal ein Jahr in einem Haushalt gewesen ist und wenigstens einen kleinen Einblick in d e n Beruf der Frau gewonnen hat.
Meisterin der Hauswirtschaft zu werden, erfor-' dert schon eine lange Zeit praktischer und theoretischer Ausbildung. Acht Jahre Praxis im eigenen oder fremden Haushalt find die Voraussetzung zur Zulassung als Prüfling. Dazu kommt noch ein l^/sjähriger Kursus, der jede Woche einen Nachmittag in Anspruch nimmt. Prüfungen können dann in den städtischen Haushaltungsschulen abgelegt werden. Sehr aufschlußreich sind die Aufgabengebiete, die während der Ausbildungszeit durchgearbeitet werden müssen:
1. Ernährungs- und Nahrungsmitte l l e h r e und ihre Nutzanwendung bei der Zubereitung und Zusammenstellung von Mahlzeiten unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit und Arbeitstechnik, einschließlich der Kranken- und Kinderkost, Resteverwertung und dergleichen.
2. Pflege von Wohnung und Hausrat, also alle Reinigungsarbeiten einschließlich Waschen und Plätten unter besonderer Berücksichtigung der chemischen Vorgänge. Dieser Unterricht ist für die sparsame Wirtschaftsführung von hervorragender Bedeutung. Hier werden u. a. auch zeit- und kraftsparende Arbeitsmethoden gelehrt.
3. Nadelarbeit verbunden mit Materialkunde. Die praktischen Arbeiten umfassen die Anfertigung einfacher Wäschestücke, die Herstellung von einfachen Schnittmustern und alle Arten von Ausbesserungsarbeiten an den verschiedenartigsten Stoffen und Geweben.
4. Säuglingspflege und Gesundheitslehre. Bei diesen Fächern liegt das Schwergewicht auf der praktischen Auswertung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse unserer Zeit.
5. Erziehungslehre. Hier gilt es, sich mit den Erziehungsproblemen vertraut zu machen und sich auseinanderzusetzen, um daraus die Nutzanwendung zu ziehen.
6. Staatsbürgerkunde, Berufskunde und Sozialversicherung. Der Unterricht in diesen Fächern vermittelt einen Ueberblick über die mannigfachen sozialen Einrichtungen unseres Volkes und gibt insbesondere Aufschluß über die Pflichten und Rechte der Hausfrau als Arbeitgeberin.
Es gibt sicherlich noch manche Frage über die Ausbildung einer „Meisterin der Hauswirtschaft", die jede Frau schriftlich oder mündlich gern in der Beratungsstelle der Abteilung Volkswirtschaft- Hauswirtschaft, Frankfurt a. M., Kaiserstraße 10, 1. Stock, beantwortet erhält.
schön, in der wir Alten wieder lustig werden und die Kinder noch lustiger!
Aber halt, was ist denn noch in der Schublade? Ein Papposterhäschen! Jedes Jahr lugt es wieder, bunte Zucker-Eichen in seinem Bäuchlein, unschuldig aus einer Ecke. Oh, was für ein reizendes weißes Schnäuzchen es hat! Sein linkes Oehrchen ist geklebt, dicke Tränen kullerten damals über die runden Bäckchen des Kindes: „Mutti, auf einmal war es kaputt! Ganz von selber!" Und süße, weicht hellgelbe Kücken sind auch noch da, und ein buntes großes Osterei, das jedes Jahr einen anderen schönen Inhalt birgt. Das letzte Mal waren es Haarschleifen.
In der hintersten Ecke aber finde ich — sorgsam in einem Kästchen — einen seidenen, bemalten Fächer! Erinnerungen an schöne Jugendzeiten steigen mir auf. An Tanz und Flirt, erste Liebe und schmerzliches Entsagen, betörend duftende rote Nelken und selige Walzerträume. Und während ich die Kücken — liebliche Boten des Frühlings — wieder sanft hineinlege in meine schönste Schublade, durchflutet es mein Herz:
Jugend und Frühling, wie seid ihr schön!
E. L. Stoltenberg.
Mas sollen wir tragen?
PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS
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Meme schönste Schublade.
Schubladen finden nicht immer die Gnade ihrer Besitzer. Denn oft sind sie in greulicher Unordnung und Aufräumen ist doch so schrecklich langweilig! Zudem, es nützt oft gar nicht viel, denn ehe man es sich versieht, sind sie wieder im alten Zustand.
Nun habe i ch aber eine Schublade, die liebe ich, obwahl sie nicht immer aufgeräumt ist. Sie ist m einem alten Schrank, der schon manches Jahrzehnt auf seinem braunen Rücken hat, und der schon öfters seinen Besitzer und seinen Standort gewechselt hat.
Der Inhalt dieser Schublade nun verbindet die Vergangenheit in Gestalt von schönsten Erinnerungen mit der Zukunft, in die wir Hoffnungen und Wünsche hineinträumen. _ f f . ....
Jetzt wollen wir aber mal die Schublade offnen. Und siehe! sie enthält die wunderbarsten Dinge. Zuerst: einen bunten Geburtstagskranz. Wie ost schon hat er leuchtende Kinderaugen gesehen. Mögen seine Lichtlein nie erlöschen! Dann die Lampion s ! Frohe Sommertage im elterlichen Garten sehe ich wieder vor mir, wo die bunten Dinger uns zu heiteren und ernsten Gesprächen leuchteten, die oft durch eine Bowle (aus „Aeppelwoi", versteht sich!) gewürzt wurden.
Dann liegt da die Larve des Nikolaus und seine Rute. Jedes Jahr ist es wieder ein aufregendes Ereignis, das sich genau so abspielt, wie es „immer" war, nur spielt man jetzt die Rolle der Mutter. Ob immer gut? Einmal sagte das Kmo, als ihm Naschen vorgehalten wurde, mit heller, unschuldsvoller Stimme: ..Ich hal?s aber gar nicht gemerkt!" Wenn der böse Nikolaus da war kommt die W e i h n a ch t s u h r. Alljährlich hilft sie uns getreulich über den Dezember bis zu dem Tag, an dem der strahlende Baum alle Kinderwunsche zum Schweigen bringt. Die ersten Jahre war diese Uhr mit Süßigkeiten behangen, dann brachte sie Grissei' Radiergummi und andere nützliche Dinge. Wie schnell vergehen die Jahre, und die Kinder fliegen aus, aus dem warmen Nest in eine kalte Wei
Schauen wir weitere Da liegen Ne; suchen! Sie rufen mir tausend bunte Bilde_ ube - schäumender Fröhlichkeit zuruck Neben d°r H°ll-m derhaube mit dem Goldschmuck lieg das kle ne selche Tirolerhütchen mit der Spielhahnseder bunte P piermützen mit roter Troddel neben einer Mon ft“« mitgenommenen Klatsche und em paar “*rm9 ten leuchtend bunten Papierschlangen. 3m ®et|te fphp frh Briaitte das Kind, nun in der Hollanoer haube^ unter der die Stupsnase süß h°rv°rschaut Hyazinthenduft umweht mich P10^'* Uüh. ^nhr hrncfite sie mir solch einen leuchtenoen
Nnderstltz rnnzend und 7p^ng°end voller Kon^ettt, mit glühenden Bäckchen. Wie .st dach d,e ^eit 1°
Die ersten Jackenkleider für das Frühjahr 1936 in unserer heutigen Skizze zeigen zwei gegensätzliche Formen der kommenden Mode. Sowohl sür das s p o r t l i ch e, w e i ch g e a r- beitete Kostüm als auch für das strenge, nur wenig abgewandelte klassische Schneiderkleid sind P a st e l l t ö n e bevorzugt.
So ist das Modell links aus einem weichen, maisgelben Tweed-Angora gearbeitet, dessen Ergänzungen (Kravatte, Mütze und Handschuhe) aus rot-1 braunem Wildleder sind. — Der neuartig eingesetzte, I
die Schulter verbreiternde Aermel und braune Steppnähte geben dem Anzug die eigene Note.
Auch das Schneiderkleid rechts aus mantelgrünem Jersey weicht in der Hauptsache nur durch seine Aermelform von der üblichen Schnittlinie ab. Die Jacke ist wesentlich länger und schlanker als bisher gehalten, der Rock seitlich etwas geschlitzt. Aermelaufschläge, Kragen und der kleine Hut sind aus mantelgrünem Samt, die Knöpfe sind mit Jersey bespannt. H.
Großreinmachen - ein Vergnügen!
„ Hude $rie., Seriln
Dank vielen praktischen Gerätschaften, in erster Linie Staubsauger und Mop, find die Wohnungen meist so gepflegt, daß der unerfahrene Ehemann die No w ndigkeit des Großreinmachens nicht ohneweiteres einsieht. Aber auch die Hausfrau selbst, die vie leicht vor der Ehe berufstätig war begreift, we che Belastung der mehrere Tage auf dem Kopse stehknde Haushalt, wie er früher mindestens zweimal m Jahr üblich war, für den müde heimkehrenden Mann fein müßte. Um diesen Zustand zu vermeiden, ist es nötig, sich vorher einen genauen Plan zu machen wik ein Zimmer nach dem andern vorge- nvmmen werden kann. Es gilt, sich klar darüber zu werden, ob Decken, Tapeten oder Fußboden erneuert werden müssen, damit ein lieberem vmmen mit den Handwerkern über den genauen Zeitpunkt rechtzeitig aetrossen wird, denn ehe sie nicht wieder aus dem Liause sind, kann mit dem eigentlichen Reinmachen chcht angefangen werden. Wohl aber können nur nor und "wahrend der ungemütlichen Tage ihrer Anwesenheit allerlei Vorsorge treffen. Da ist vor dem Streichen und Tapezieren das Zimmer auszu- röumen, Papier auf die andern Fußboden zu legen, damit d e Fußtapfen nicht überall hmgetragen wer- be" Polstermöbel sind mit Tüchern oder großen Z ungen vor dem überall durchdringenden Staub zu bewahren, Gardinen und Deckchen können abgenommen, gewaschen und gespannt werden, um sie q eich wieder zur Hand zu haben, wenn es wieder an bas Einräumen geht. Schranke werden aus- qcwischt, Vasen und wenig benutzte Glaser abge- waschen Silber kann geputzt, Betten und Teppiche gek öpft und gereinigt werden, wobei wir kleinere Flecken gut mit warmer Seifenlauge h-rausbursten dürfen.
Ist kein Raum ganz neu h°rzur>chten o tun mir hoch gut, Wände und Wobei auf schadhafte Stellen
nachzusehen, die der Hand des Fachmannes bedürfen. Das schönste Sosakissen büßt seinen Reiz ein, wenn es nicht von Zeit zu Zeit nachgefüllt, der Polstersessel seine Form, wenn er nicht rechtzeitig nachgesehen wird. Flecken auf den Teppichen, weiße Stellen auf dem lackierten Fußboden entstellen ein ganzes Zimmer, und beim Großreinmachen sollten alle Nägel nachgeprüft, jede fehlende Schraube usw. ersetzt werden, damit nachher das Haus wirklich in neuem Glanze erstrahlt. Ein Farbtopf kann in den Händen der kundigen Hausfrau zum unschätzbaren Helfer in Küche und Badezimmer werden, versteht sie jedoch nicht damit umzugehen, so tut sie klug, ! einen Handwerker heranzuziehen, denn Farbe ver- ] deckt nicht nur Schäden, sie erhält auch die Wände. । Nach Möglichkeit rücken rar alle Schränke ab, damit wir auch die Wand dahinter und die Rückseite des I Schrankes abwischen können. Decken und Wände werden abgefegt und soweit wie möglich abgesaugt, i die Fensterleisten abgeseift, die Scheiben geputzt. Gestrichene Fußböden müssen von Staub und Schmutz gereinigt und nach dem Trocknen gewachst werden, wodurch die Farbe länger erhalten bleibt. Die Behandlung der Parkettfußböden erfordert besondere Aufmerksamkeit. Sind sie sehr schmutzig, so muß mit einer Lösung von Terpentin und Wasser eine sorgfältige Reinigung, immer dem Strich der Bretter entsprechend, erfolgen, und erst nach dem völligen Trockenwerden darf das Wachs möglichst dünn auf- getragen werden, damit der Boden nach dem Bohnern nicht zu glatt wird. Weiter find in Küche und Badezimmer sorgsam alle Flecken zu beseitigen und die Gerätschaften nachzuprüfen. Ueberhaupt ist die Pflege der arbeitsparenden Helfer ein wichtiges Kapitel, ebenso wie ihre richtige Aufbewahrung. Wer i keine Besenkammer hat, tut gut, die Besen, Bürsten usw. an einem Brett aufzuhängen, das hoch genug befestigt ist, damit auch der Staubsauger Platz hat. Wir wollen alles hübsch einteilen und uns keineswegs überanstrengen, weil nur bann das Großreinmachen ein Pergnügen ist.
Das „richtige" Kinderkleid.
öon Else Paul
Fast alle Kinder lieben das Bunte, das Farben- röhliche. Darum suchen sie eifrig nach einem farbigen Band, nach einer gemusterten Borte, sie binden sich eine lustige Schleife ins Haar, und wenn sie gar nichts anderes finden, dann stecken ie sich ein Blümchen an, immer begierig, etwas Heiteres an sich zu erleben.
Gesunde, echte Kinder werden sich stets am meisten an denjenigen Kleidungsstücken freuen, die ihren Sinnen schmeicheln, durch hübsche Farben wirken, und durch irgendeine Eiyenart, eine leichte Stickerei, einen besonderen Schnitt oder eine reizvolle Verzierung ihre Aufmerksamkeit erregen. Ost wird ihr Spieltrieb durch solch freundlichen Schmuck erweckt, es gibt kleine Kinder, Knaben und Mädchen, die ihr Mützchen, ihr Täschchen, ihre Schühchen o sehr lieben, daß sie sich auch dann nicht von ihnen trennen wollen, wenn sie ihnen zu klein geworden sind. Viele Mütter werden von den liebenswürdigen Regungen ihrer Kinder erzählen können, meist handelt es sich um Kleidungsstücke, die durch eine Besonderheit das Herz der Kleinen gewonnen haben und die ihnen nun unentbehrlich erscheinen. Die Liebe zum Farbenfrohen ist ein gesunder Zug, wir sollten ihn pflegen und nicht verkümmern lassen. Ein farbig gekleidetes Kind sieht immer kindlich aus, unser Geschmack wird die Grenzen innehalten und alles Uebertriebene geschickt vermeiden. Jede Mutter ist bemüht, ihre Kinder hübsch anzuziehen, ie daraus hinzuweisen, ein schönes Kleid, ein handverziertes Mützchen zu schonen, damit das Kind recht lange daran Freude haben kann und so fast unmerklich die Kleinen zur Sauberkeit, zur Sorg- amfeit zu erziehen.
Nicht alle Kinder dürfen in gleicher Weise gekleidet werden, manchmal wirkt es nicht einmal bei Geschwistern angenehm, wenn dieselben Farben, dieselben Muster immer wiederkehren. Werden aus Gründen der Sparsamkeit die gleichen Stoffe für die Kleinen gewählt, so sollte wenigstens in Schnitt und Verzierung ein Unterschied gemacht werden, besonders wenn die Ähnlichkeit der Geschwister nicht sehr groß ist. Kindern mit ausgesprochen kindlichen Zügen, mit frischem, unbefangenem Wesen und lebhaftem Ausdruck steht manches, was bei blassen, schüchternen Kindern störend wirkt. Trotzdem wäre es falsch, gerade diese an sich schon farblos wirkenden Kinder auch noch farblos zu kleiden, es gehört nur viel mehr Aufmerksamkeit dazu, ihre Art zu treffen. Meist gelingt dies durch einen besonderen Schnitt des Anzuges, denn es muß immer wieder gesagt werden, daß die Verzierung erst in zweiter Linie kommt, die Hauptsache ist die Form. Ist die Form nicht geschickt ausgewählt, ist der Sitz nicht gut, dann nützt die schönste Farbe nichts, dann kann auch die beste Verzierung nichts helfen, das Hauptwerk liegt in den Händen der Schneiderin. Die Farbe des Gesichts, der Haare ist beim Aus- fuchen des Stoffes zu beachten, das Verlängern und Verbreitern spielt eine große Rolle in der Wachstumsperiode, es soll auf möglichst viel Bewegungsfreiheit geachtet werden, wenn es sich um den Halsausschnitt, um die Aermel handelt.
Für Kindersachen kommen allerlei Materialien in Betracht, vom leichten Kattun bis zum schweren Samt wird alles Brauchbare verwendet, um so eher als heute die wirtschaftliche Frage bei der Anschaffung der Kinderfachen sehr stark berücksichtigt werden muß. Zum Ausputz eignen sich besonders leichte Handstickereien, einfache Spitzen, es darf aber nie so weit gehen, daß ein Kinderanzug zum kunstgewerblichen Gegenstand gemacht wird. Ein Kinderkleid ist kein Sofakissen, ein Mützchen kein Kannenwärmer, ein Mäntelchen feine Tischdecke. Der Zweck muß gewahrt werden. Erst kommt die Kleidung als Sache an sich, in zweiter Linie kommt die Verzierung, und darum ist es ratsam, bei der Auswahl des Stoffes Form, Schnitt und Schmuck gemeinsam festzulegen und aus dem Material heraus zu arbeiten.
Der Hausarzt macht einen Küchenzettel.
„Nun, Frau Mia, haben Sie noch etwas auf dem Herzen?" Dr. R. hatte soeben den Hausherrn nach einer ziemlich schweren Grippeerkrankung aus feiner Behandlung entlassen und schickte sich an, zu gehen. Er gehörte zu den selten gewordenen Hausärzten, die auch ungerufen einmal kommen, um nach dem Rechten zu sehen und die meist zu den von ihnen betreuten Familien in einem besonderen Freundschafts- und Vertrauensverhältnis stehen. Da die bekümmerte Miene der jungen Frau mit der Genesung des Mannes nach ernster Krankheit schlecht zusammenstimmte, konnte er sich eine Frage als alter Hausarzt schon erlauben. „Ach, Herr Doktor, ich mache mir Sorge um unfern Jungen, er ißt gar zu schlecht, fast bei jeder Mahlzeit gibt es Tränen, wie soll das werden, wenn mein Mann erst wieder mit am Tisch sitzt!" „Klagt denn Gün- ter über irgend etwas? — holen Sie ihn doch mal her". „Er ist leider nicht daheim, nein, er klagt über gar nichts. Verdauung und Schlaf sind in Ordnung, sein Aussehen gefällt mir allerdinys nicht. Solange wir unsere regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten hatten, habe ich auch nie Appetitlosigkeit an ihm bemerkt, aber seit er allein essen mußte, ist es ganz schlimm geworden, dabei gebe ich ihm doch schon immer seine Lieblingsgerichte." Der Arzt lächelte: „Lieblingsgerichte täglich? Ich glaube, das würde uns Großen auch nicht gefallen, worin bestehen denn feine Leibspeisen?" „Kotelett und Bohnen, und dann Makkaroni mit Schinken, das geht beides schön schnell, war also in dieser Krankheitszeit zugleich eine Erleichterung für mich". „Und damit wechseln Sie also einen Tag den andern? Na, da würde ich auch streiken! Geben Sie ihm doch mal ein Gericht, was er vielleicht noch gar nicht kennt, wie steht's denn mit Fisch im Speisezettel?" „Fisch: Den würde er bestimmt nicht essen. Auf der Sommerreise bekamen wir einmal ein ziemlich trockenes Schellfischgericht, das haben wir alle noch in wenig angenehmer Erinnerung." „Das ist ja sehr bedauerlich und eigentlich kaum zu verstehen. Man bekommt doch jetzt überall die Seefische tadellos geliefert, es ist schon fast ein Kunststück, sie nicht schmackhaft auf den Tisch zu liefern. Es ist übrigens recht gut, daß Sie mich


