Nr. 28 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 4. Abruar (936
Dienstantritt des neuen Kmsdirektors Dr. Lotz.
Der neuernannte Kreisdirektor des Kreises Gießen Pg. Dr. Lotz hat am gestrigen Montag die Dienstgeschäfte übernommen. Aus Anlaß seiner Amtseinführung hatten sich die Beamten und Angestellten des Kreisamts Gießen und der Provinzialdirektion Oberhessen im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes versammelt.
Oberregierungsrat Pg. Dr. S ch ö n h a l s begrüßte namens der Versammelten den neuernann
ten Kreisdirektor und brachte zugleich die Glückwünsche der Beamtenschaft dar. In seiner Ansprache führte er u. a. aus: Der Führer und Reichskanzler habe ihn, den Kreisdirektor, in ein hohes und verantwortungsvolles Amt berufen. Auch die Beamtenschaft wisse, daß er als Leiter der Verwaltung diese Verantwortung nur tragen könne, wenn jeder einzelne Beamte und Angestellte den Platz, auf den er gestellt werde, restlos ausfüllen werde. Er versichere dem neuen Kreisdirektor, daß die Beamtenschaft ihre ganze Ehre und ihr ganzes Können einsetzen wolle, um auch unter seiner Leitung genau wie bisher voll und ganz ihre Pflicht zu tun, und er bat den Kreisdirektor, auch der Beamtenschaft' sein Vertrauen entgegenzubringen.
Kreisdirektor Pg. Dr. Lotz dankte für die freundlichen Worte der Begrüßung und führte in seiner
Ansprache an die Bamten u. a. aus: Das Vertrauen des Reichsstatthalters hat mich auf diesen Posten geführt, und es wird mein Bestreben sein, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Ich weiß, daß Beamter im nationalsozialistischen Dritten Reich zu sein nicht leichter ist als vorher, schon um deswillen, weil das Reich Adolf Hitlers eine Umformung mit sich gebracht hat auf allen Gebieten unseres Lebens, und es ist selbstverständlich, daß auch wir davon nicht verschont bleiben. Einen neuen Staat kann man nur auf Opfer aufbauen, und gerade der Beamte ist in erster Linie dazu berufen, Opfer auf sich zu nehmen und durch persönliche Mehrarbeit beizutragen am Aufbau unseres neuen Vaterlandes. Wenn früher der Staat im Gegensatz stand zum Volk, das zerfallen und zerklüftet war, so haben wir heute einen geeinten Staat, in dem wir stehen, mit dem wir leben und in dem wir als Beamte Vorleben müssen. Wir können das selbstverständlich nicht als Einzelner, sondern wir als Behörde haben das in der Form der Gemeinschaft zu tun. In diesem Sinne wollen wir die nationalsozialistische Gemeinschaft fein, die aufgebaut ist auf dem gegenseitigen Vertrauen und ohne die eine Arbeit nicht ersprießlich sein kann. Getragen von diesem Gedanken werden wir alle jeder für den einzelnen einstehen müssen, um so mitzuarbeiten am Aufbau der Nation, wie es unser Führer und Reichskanzler Adols Hitler will.
Nach der Ansprache wurden sodann die einzelnen Beamten und Angestellten dem Kreisdirektor vorgestellt.
Im Anschluß hieran sand im Verwaltungsgebäude am Hitler-Wall in gleicher Weise die Vorstellung der Beamten und Angestellten der Provinzialverwaltung Oberhessen statt, wo der neue Kreisdirektor durch den Provinzialrat Vogt begrüßt wurde.
Kreisdirektor Dr. Lotz steht im 43. Lebensjahr. Er stammt aus Gießen, wo sein Vater als Verwalter der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt tätig war. Sein Studium der Jura verbrachte er an der Landesuniversität Gießen. Den Krieg machte er zuerst beirp Infanterie-Regiment Nr. 116 als Kriegsfreiwilliger mit, später focht er als Oftizier im Infanterie-Regiment Nr. 87. Er wurde mehrmals verwundet. Nach dem Krieg war er u. a. beim Kreisamt Büdingen tätig, von wo er zum Kreisamt Alsfeld versetzt wurde; bei beiden Kreisämtern arbeitete er als Regierungsrat, in Alsfeld eine ganze Reihe von Monaten als Stellvertreter des Kreisdirektors. Von Alsfeld führt ihn fein Lebensweg nunmehr in die jetzige Dienststellung in Gießen.
Aus der Provinzialhauptstadl.
Srübling im Winter.
„;LCr<=Sanuar ist vorüber. Aber der Winter kam JmTjpon ™ ^gen, Sonnenschein und ziehende wechselten ab. Milde Luft schlug uns ent- roifr xQS Haus verließen. Selbst in den Gebirgen schmolz der Schnee.
Kopfschüttelnd schaut der Bauer nach dem Wetter- pachte uns der erste Monat m 1936. Was soll das werden?
Die Getreidefelder und die Wiesen zeigen schon Ö»ntr"S a" ben Frühling erinnert, die Sno|pen der Baume schwellen
Au, den Straßen spielen die Kinder mit dem Ball, Sjter und da gehen sie schon aus Stelzen. Und die kleinen Meisen zirpen, als ob der Winter vergangen
Der Haselnußstrauch, der seine lockeren Kätzchen sonst im Februar zemi, hat schon ausgeblüht Der W,nd wehte ganze Wolken des Blutenstaubes auf bte weiblichen roten Blüten. Wir hatten einen Strauß ,m Zimmer stehen, war die Tischdecke nicht wie m,t goldnem Mehl bestreut? Und das alles ge- fchah im Monat Januar 1936.
Am Wegrain schauen die Gänseblümchen schüchtern aus dem nassen Grase. Die Veilchen schlafen noch, aber auch sie werden bald kommen Die Schneeglöckchen strecken ihre grünen, schmalen Blättchen schon hervor.
Und wir denken an das Bauernsprichwort- Wenn die Katze im Februar in der Sonne liegt, im" März sie wieder hinter den Ofen kriecht."
Soll er nun doch kommen, der strenge Winter? Soll er wieder, wie im Jahre 1879, im Monat März auftreten, wenn der Saft schon in den Bäumen steht? Was waren das damals kalte Nächte! Und ein Lärm drang aus dem Garten, als ob mit Kanonen geschossen würde. Das kam von den Bäumen, deren Saft im Innern gefror und die Rinde aufplatzen ließ mit lautem Getöse. Hunderte, Tausende von Bäumen gingen damals zugrunde.
Doch hoffen wir, daß der Februar noch seine Schuldigkeit tut, daß er den hereinstürmenden Frühling zurückdämmt und ihn zügelt. Schnee und Eis stehen noch aus. Mögen sie bald kommen! Z.
Werden die Winter wärmer?
Aus unserem Leserkreise wird uns geschrieben: „Es gibt gar keine kalten Winter mehr, so mit Schnee und Eis wie in unserer Jugendzeit. Die Winter werden immer wärmer." So hört man jetzt öfter sagen. Das stimmt nicht. Es gibt heute warme und kalte und gab früher warme und kalte Winter.
Liegt mir ein Zettel aus einer alten Familienchronik eines Urgroßvaters zu Wintersheim in Rheinhessen aus dem Jahre 1806 vor. Darin heißt es: „Bis Weihnachten hat es nicht gefroren, am 24. Dezember stund ein Acker mit Kohl (wohl Winterfamen) wenigstens der zwanzigste Teil in der Blüthe und hatte Schoten. Es war so schön wie im Sommer. In unserem Garten blühten alle Sorten Blumen auf Weihnachten, als wenn es Pfingsten wäre, auch Kornähren hat man um diese Zeit hin und wieder auf den Stoppeln blühend angetroffen. Eben, den 25. Dezember, haben die Bienen eingetragen von den Kohlblumen wie im Sommer, es war nachmittags Heller Sonnenschein, wie mitten im Sommer so warm, welch ein Wunder? Die Witterung war durch beyde monate des Jahres 1807 Jänner und Februar Sehr gelind und fast ohne Eis, hingegen war der ganze Mertz Sehr Schneereich und kalt, auch der April der 2. und 4. zeichnete sich in hiesiger Gegend mit ein Schuh hohem Schnee aus. Den 18. April war die Kälte sehr groß, den 20. erfror der Klee, den 21. und 22. warf es Schuh hohen Schnee, den 24. ward es wieder sehr warm, den 25 und 26. so heiß wie in den Hundstagen."
Man sieht, es kann noch kalt werden. Ich denke an den Winter 1887/88. Der fing erst am 1. Februar an und brachte sechs Wochen große Kälte und Schneemassen. Hoffen wir, daß die Kälte noch
im Januar und Februar einfetzt, damit nicht das Wachstum draußen zu weit vorschreitet. Wir hätten dies Jahr wieder einmal nach der vorjährigen Mißernte eine gute Obsternte nötig. Alle Obstbäume sitzen voll Blütenknospen. Die Pfirsichknospen fangen schon bedenklich an zu schwellen.
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik, nur für Frauen, im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20 bis 22 Uhr Gastspiel von Ludwig Linkmann „Die große Chance". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der höhere Befehl". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Klosterjäger". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Josef Steib-Berlin.
Stadttheater Gießen.
Heute von 20—22 Uhr Gastspiel des bekannten früheren Gießener Schauspielers Ludwig Link- mann als Kuhlmann in dem Lustspiel: „Die
große Chance" von A. Möller und H. Lorenz. Spielleitung: Hans von Spallart. Die Vor- stellung gilt zugleich als 17. Vorstellung im Dienstag-Abonnement.
Frauenbund der Deutschen kolonialgesellfchaft.
Bei einem Kolonialabend am nächsten Freitag im Großen Hörsaal der Universität hält Professor Dr. Karl Hummel einen Lichtbildervortrag über feine Reise durch Afrika. (Siehe heutige Anzeige.)
Amt für Volkswohlfahrt.
Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Vetr. Pfundsammlung.
Arn Mittwoch, 5. Februar, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft ein- aesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Quittungseinzeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die für den Monat Januar gültigen Kohlengutscheine der Serie D am Mittwoch, den 5. Februar, abends 8.30 Uhr, beider NSV. Geschäftsstelle, Kaplansgasse 18, mit Firmenstempel versehen nebst den entsprechenden Rechnungen einzureichen. Der Termin ist unter allen Umständen einzuhalten, da eine Ablieferung nach dem 5. Februar strengstens untersagt ist und die Scheine ihre Gültigkeit verlieren.
Amt für Dolkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießeu-Güd.
Kohlenscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine am Mittwoch, 5. Februar, von 19 bis 20 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen.
Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Pfundsammlung.
Arn Montag, 3., Dienstag, 4., und Mittwoch, 5. Februar, findet im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die Pfund- sarnrnlung für den Monat Februar 1936 statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelpakete zur Abholung bereitzuhalten. Weiter werden alle Spender unserer Ortsgruppe gebeten, vorkommenden Wohnungswechsel bei unserer Geschäftsstelle. Crednerstraße 24, zu melden zwecks Berichtigung bzw. Ueberweisung unserer Kartei.
NSV., Ortsgruppe Gießeu-Ost.
Cebensmiftd-Opferring der Ortsgruppe Giehen-Ost.
Vetr.: Ivinterhilfswerk.
Die Sammlung wird Dienstag, 4., und Mittwoch, 5. Februar, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarten zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Vetr.: kohlengulscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler wollen die Kohlengutscheine der Ortsgruppe Ost bis zum 5. Februar auf der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52, täglich von 15 bis 19 Uhr gegen die Wertquittung umtauschen. Später einlaufende Kohlengutscheine können nicht mehr angenommen werden.
RÄWK.1936.
Wettkampfgruppe: Bau.
Antreten Mittwoch 7.50 Uhr im Schulhof, Kirch- straße 16.
Dr. Schmidt, Kreisjugendwalter.
Achtung Hausgehilfinnen!
Mittwoch, 5. Februar, morgens 8 Uhr, treten alle Teilnehmerinnen zum Reichsberufswettkampf an der Mädchenberufsschule an. Mitzubringen ist: Nähnadel, Stecknadel, Zentimeter.
Leistungklasse I, II und III: Fingerhut, Schere, Zwirn (schwarz und weiß), Federhalter, Blei.
Leistungklasse II und III: Schürze, Kopftuch und Topflappen.
y-. Die öeutfche Rrbeitefront
% V*/ n. 5.=Gern ei nfdiaft „Kraft durch freute'
Das Mo natsprogramm für den Monat Februar, das die gesamten Urlaubsfahrten und Wanderungen für das Jahr 1936 enthält, ist erschienen und zum Preise von 10 Pf. auf der Kreis- dienststelle und bei den Betriebswarten erhältlich.
Am Freitag, 7. Februar, findet in der Neuen Aula abends 8 Uhr ein Lichtbildervortrag von Kurt Hielscher „Die nordischen Län - d e r" statt. Der Goethebund hat uns hierzu Karten zum Preise von 0,40 Mark zur Verfügung gestellt. Diese sind auf der Kreisdienststelle „Kraft durch Freude" erhältlich.
Gloria-palast.
„Unsere Wehrmacht."
Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Leni R i e f e n st a h l entstand auf dem Parteitag der Freiheit, Nürnberg 1935, der großartige Film „Unjere Wehrmacht", ein erhebendes Bilddokumcnt unseres im letzten Jahre wiedererstandenen Heeres, ein Film, der bereits seinen Siegeszug durch viele deutsche Lichtspieltheater genommen und bei feinem ersten Erscheinen in Gießen ebenfalls vom freudigen Beifall eines zahlreichen Publikums begrüßt wuroe. Beim letzten Parteitag irr Nürnberg ist Die neuerstandene Wehrmacht zum ersten Male in großzügiger und repräsentativer Weise vor der Nation angetreten und zur Schau gestellt worden. Der Filmstreifen, der im Auftrage der NSDAP, unter der in ähnlich großen Aufgaben erprobten Führung von Leni R i e f e n st a h l hergestellt wurde, gibt allen denen, welchen es nicht vergönnt war, persönlich jene erhebenden Tage mitzuerleben, Gelegenheit, in ausgezeichneten, packenden Bildern einen Eindruck von dem mit nach Hause zu nehmen, was das letzte Jahr mit der Wiederherstellung Der deutschen Wehrhoheit der Nation beschert hat. Die markigen und programmatischen Worte des Fuh- rers und Reichskanzlers als des Schöpfers der neuen Wehrmacht geben den Bildern S^uhsam das aufrüttelnde Motto und bezeichnen ihre geschlchtliche Bedeutung. Wir stehen bei den Vorführungen g wissermaßen hinter dem Führer dem Reichs- kriegsminister von B l o m b e r g und dem Chef der Heeresleitung General Frhr. von F ritsch auf dem Kommandoturm und erleben den großrrrtlg.Aufmarsch und Vorbeimarsch der zum Parteitag ange tretenen Waffengattungen. Zwar bildet das, was hier auf naturgemäß begrenztem Raum geboten und gezeigt werden konnte, nur einen kleinen Ausschnitt aber er genügt, um vor Augen zu fuhren, was in erstaunlich kurzer Zeit geschaffen wurde. Unter den Klängen der alten Armeemarsche marschiert die aroße Fahnengruppe vorbei, em stolzes, NfurchtgebLdes Bilds dann folgen dieemze - nen Truppenteile im Parademarsch. Infanterie, Kavallerie^ Artillerie, Marinetruppen, Panzerwagen Maschinengewehr-Abteilungen, Uak- Besonders Die motorisierte schwere Artillerie, d.e F-UM°bwchr unv di- Fliegergeschwader, ihrem obersten B- sehlshaber, General der N'-ger G o r l n g , ausmerk fam verfolgt, bieten außerordentlich einDruasDOue Bilder. Den Abschluß gibt ^ne ho.chmteressante G fechtsübung mit Einsatz der verschiedensten Waffen Gattungen: diese Aufnahmen fuhren punkt Des Bildstreifens, sie geben eine Vorstellung
vom hochentwickelten Stande der modernen Kriegstechnik wie von der vorzüglichen Durchbildung und Disziplin in allen Einheiten unserer neuen Wehrmacht. Der Film, zu dem P. K r e u d e r die Musik schrieb, und bei dessen Aufnahme eine Anzahl der tüchtigsten deutschen Kameraleute eingesetzt war, verdient allgemeine Beachtung; kein Volksgenosse sollte versäumen, ihn auf sich wirken zu lassen. —
„Der höhere Befehl."
Im gleichen Programm bringt der Gloria-Palast einen neuen großen geschichtlichen Film der Ufa, dessen Spielhandlung mit dem ooraufgegangenen Wehrmacht-Film vortrefflich harmoniert. Das Drehbuch schrieben gemeinsam Philipp Lothar M a y - ring, Kurt Kluge, der sich in jüngster Zeit als Romanautor und Novellist einen Namen gemacht hat, und Karl L e r b s, den unsere Leser seit langem als Mitarbeiter am Feuilleton des „Gießener Anzeigers" schätzen. Die Handlung spielt in Preußen im Jahre 1809 und schildert die einsame und beispielgebende Tat des Perlebergers Rittmeisters von Droste, der, ein anderer Schill, auf eigene Faust und eigene Verantwortung, dem „höheren Befehl" der Pflicht und der Vaterlandsliebe gehorchend, wider Napoleon zu handeln wagt und zu seinem Teil an der Wiederaufrichtung der Nation beiträgt. Das war, wie man vielleicht anfänglich mit Staunen gewahr wird, damals auch für einen einzelnen, einen kleinen, namenlosen Schwadronschef in einer winzigen märkischen Garnison, möglich, wenn dieser eine das Herz auf dem rechten Fleck hatte, und wenn der Zufall, wie das hier geschildert wird, ihm günstig ist und Gelegenheit gibt, einen englischen Kuner in geheimer und hochwichtiger Mission den Nachstellungen der französischen Agenten und Spitzel zu entziehen und durch die immer undurchdringlicher sich zusammenziehende Kontinentalsperre Napoleons seinem Ziel zuzuführen. Der einzelne gilt nichts, die Idee ist alles, der höhere, der höchste Befehl rechtfertigt die Tat, die niemand decken will und kann, die von fast allen verurteilt, beargwöhnt und verdächtigt wird. Die ethische Grundhaltung des Drehbuches entwickelt sich in jener farbigen, lebendigen und spannenden Darstellung, die zahlreiche Spielfilme der Ufa, ähnlichen Charakters, zum Erfolg geführt hat. Der Regisseur Gerhard Lamprecht, in mancher Filmschlacht erprobt, findet auch hier die rechte Stimmung und den rechten Ton, und memand anders als Karl Ludwig Diehl hatte die Rolle des Rittmeisters von Droste so spielen können wie er: ernsthaft, aufrecht, ritterlich, verhalten und dennoch brennend vor Leidenschaft, feinen Auftrag zu erfüllen. Zwei trefflich charakterisierte Gegenspieler
stehen ihm gegenüber: Lil Dagover als die elegante, radebrechende französische Agentin, die ihr gefährliches Handwerk unter der Maske einer Pariser Schauspielerin zu verbergen trachtet; und Aribert Wäscher, dem in der Rolle des französischen Spitzels eine glänzend ausgeformte Charakterstudie gelingt. In ein paar kleineren Szenen bewährt sich die schöne, männlich reife Darstellungskraft Kayßlers. Heli Finkenzeller, eine zarte und liebliche Mädchengestalt, Schüren- berg, Win ter stein, Gertrud d e L a l s k y , Mierendorf und L e i b e 11 seien vom großen Ensemble noch mit Anerkennung hervorgehoben.
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Gin Denkmal für den ersten Raucher
Es ist eine recht merkwürdige Geschichte, aber es wird versichert, daß sie aus alten Chroniken entnommen ist. Als der erste Raucher der Alten Welt wird in Spanien ein gewisser Rodrigo de Jerez gefeiert, der an der Reise teilnahm, auf der Kolumbus Amerika entdeckte. Das Rauchen hat diesen Seemann in merkwürdige und für ihn recht unangenehme Abenteuer verstrickt. Als er aus Amerika zurückkam, brachte er eine große Menge von Tabakblätter mit, die er anzündete, nachdem er sie zusammengerollt hatte, und in den Mund steckte. Aber seine Ehefrau war mit dieser Gewohnheit keineswegs einverstanden. War es ihr nun unheimlich, daß ihr Mann Rauch aus dem Munde und den Nasenlöchern blies, ober wollte sie einfach die glückliche Gelegenheit ergreifen, um sich auf diese Weise seiner zu entledigen — jedenfalls lief sie zu der heiligen Inquisition und verklagte ihn, weil er teuflische Künste ausübe. Der Pater Thomas de Torque- maba, vor ben ber Fall gebracht würbe, ließ bekanntlich nicht mit sich spaßen, wie seine ganze Tätigkeit als berühmter Ketzerrichter bewiesen hat; er untersuchte ben Fall genauer unb kam zu ber Ueberzeugung, baß Robrigo vom Teufel besessen sein müsse; er ließ ihn also ins Gefängnis werfen unb bas Haus burch eine feierliche Reinigung von ben Dämonen befreien. Als ber unglückliche Gefährte bes Kolumbus aus bem Jnquisitionsgefäng- nis herauskam, wo er zehn Jahre Zeit gehabt hatte, über bie Unannehmlichkeiten eines Vorläufer-Schicksals nachzubenken, ba hatte bie Gewohnheit bes Tabakrauchens bereits angefangen, sich über Europa zu verbreiten. Die Bewohner bes Heimatdorfes bes Robrigo be Jerez, bes Ortes Ajamonte in ber Provinz Huelva, finb aber noch heute stolz auf biefen Märtyrer bes Rauchens, unb sie haben schon früher eine Straße des Dorfes nach ihm benannt Dann
entschloß sich die Gemeinde von Ajamonte zu einer neuen Ehrung ihres verdienstvollen Landsmannes. Sie bat die spanische Tabakgesellschaft, die gewiß alle Ursache hat, Rodrigo dankbar zu sein, die Kosten für die Anbringung einer Marmortafel an sein Geburtshaus zu tragen. Die Gesellschaft erklärte sich auch dazu bereit und so wurde eine Erinnerungstafel angebracht, die mit einer schwungvollen Inschrift der Nachwelt die Verdienste und Leiden des ersten Rauchers darstellt.
Zur Geschichte des Kalauers.
Kalauer nennt man im allgemeinen einen Wortwitz, der sich nicht gerade durch eine Fülle von Geist auszeichnet, der im Gegenteil sogar durch eine gewisse Plattheit wirkt, die Verblüffung, ja Verärgerung hervorruft, eine Art von Witz aber, bei der man sich doch veranlaßt fühlt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Man hat das Wort Kalauer von dem Ort Calenbourg bei Diedenhofen ableiten wollen, wo einst ein besonders witziger Apotheker gelebt haben soll, der seine Mitmenschen gern zum besten hatte Häufiger ist behauptet worden, hie Heimat dieser Witzform sei der Kahlenberg in der Nähe von Wien. Dafür spricht immerhin eine geschichtliche Wahrscheinlichkeit, denn in dem hübschen Weinort „Kahlenberger Dorf" lebte zu Anfang des 14. Jahrhunderts ein Geistlicher, der wegen feiner Schnurren und Schwänke weithin berühmt war. Die Anekdoten und Scherze, die damals von dem „Pfaffen von Kahlenberg" umgingen, wurden gegen 1400 in einer berühmt gewordenen Sammlung veröffentlicht, die eines der am meisten gelesenen Volksbücher jener Zeit war. Es erfolgte sogar eine Übertragung ins Französische und es ist durchaus möglich, daß dort aus „Kahlenberg" die Bezeichnung,,Calembourg" wurde. Nach Deutschland kehrte das Wort dann später als „Kalauer" zurück. Es bleibt jedoch zweifelhaft, ob hier tatsächlich eine Ableitung aus dem Französischen oorliegt. Es gibt auch eine Erklärung, die den Kalauer mit dem märkischen Orte Calau in Verbindung bringt. Dort wurden besonders derbe und grobe Stiefel angefertigt, und man vermutet, daß die Eigenart dieser Stiefel den Anstoß zur Charakterisierung des Wortwitzes gab, der besonders im alten Berlin heimisch war. Eine deutsche oder französische Erfindung ist aber der Kalauer jedenfalls nicht. Schon bei den alten Römern kannte man solche Witze. Ein Beispiel dafür ist ein Scherz, den Cicero in feinen berühmten Reden gegen Verres machte, er nannte nämlich dessen sehr anfechtbare Rechtspflege ein jus verinum, was ebenso gut „Recht des Verres" wie „Schweinesuppe" heißen kann.


