m.5 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 4. Zanuar (956
Bürgermeister Mengel-Schotten über seine Amerika-Fahrt.
Am gestrigen Freitag nach Schotten zurückgekehrt. - Unterredung mit einem Mitglied der (^chnstleitung des Gießener Anzeigers.
JS?* sechswöchiger Abwesenheit ist Bürger- meister Menge! von Schotten am gestrigen 8^'^vormittag von seiner Amerikafahrt nach Schotten zuruckgekehrt. Bekanntlich war Büraer- Stadt^ 6*nf?eI Ql5 93vrtreter unserer oberhessischen ? r*^°ttenmD0n Schottener Män- n/r ?A et1 nu e “ 9 0 r f emgeladen worden, fei» «nh 0 a b r t e 1 e r m Neuyork als Ehrengast nen iQrm 1 deutschen Heimat beizuwoh- nen. Am 19. November hatte Bürgermeister Menge! über Gießen und Hamburg die Fahrt nach Amerika - angetreten. Als Ehrengaben für den Ä^^ereln nahm er u. a. ein Glückwunschschreiben des Reichsstatthalters Gauleiters Spren- Ö * r * ferner zwei Oelgemälde als Gaben der Stadt Schotten und der Prooinzialdirektion Oberhessen, Ehrenurkunden und Ehrennadeln des Schottener Mannerchors in Schotten und des Hessischen Sängerbundes ferner eine silberne Schale mit Heimaterde aus dem Vogelsberg für den 80 Jahre alten öU5 Schotten in Oberheffen stammenden Charles Weitz, einen Mitgründer des Schottener Männerchors in Neuyork, mit hinüber in die neue Welt Ueber den Verlauf feiner Fahrt hat Bürgermeister Menge! im „Gießener Anzeiger" vom 11. Dezember 1935 bereits eingehend berichtet. Ferner haben wir im „Gießener Anzeiger" Nr. 292 vom 14. Dezember 1935 nach einem Bericht der N"w Yorker Staatszeitung" über die Jubiläumsfeier selbst eingehende Mitteilungen gebracht.
Bürgermeister M e n g e l' hat vor einigen Tagen in Hamburg wieder deutschen Boden betreten und sich dann für einige Tage nach Berlin begeben, 11m dort den für die Arbeit zum Besten des Deutschtums im Auslande zuständigen Stellen Bericht über seine Eindrücke zu erstatten. Von Berlin aus ist er gestern früh mit dem Berliner Nachtzug in Gießen eingetroffen und nach kurzem Aufenthalt nach Schotten weitergefahren, wo er gegen 7.30 Uhr ankam. Wir hatten im Verlaufe des gestrigen Nachmittags Gelegenheit, mit Bürgermeister Menge! über seine auch für unsere ober- hessische Heimat bedeutsame Amerikafahrt zu sprechen. Aus dieser Unterhaltung sei folgendes mitgeteilt.
Die Aufnahme des Bürgermeisters Menge! bei den deutschen Brüdern und Schwestern in Neuyork und in den anderen Orten, die zu besuchen er Gelegenheit hatte, war außerordentlich herzlich; ganz besonders natürlich bei dem Schottener Männerchor in Neuyork, den sein Besuch in erster Linie ja galt.
Ueberal! konnte er die sehr erfreuliche Wahrnehmung machen, daß unsere deutschen Brüder und Schwestern jenseits des Ozeans ihre treue Volksdeutsche Gesinnung bewahrt haben und sie insbesondere auch durch den Zusammenschluß in den deutschen Vereinen hochhalten.
In dieser volksdeutschen Gesinnung und in der Vereinigung in den deutschen Vereinen erblicken unsere Brüder und Schwestern das beste Mittel, um immer eng völkisch mit der alten deutschen Heimat verbunden zu bleiben. Eine besondere Aufgabe erfüllen dabei in manchen Vereinen die Fr a u e n. So besteht z. B. in dem Schottener Männerchor in Neuyork ein besonderer Damenoerein, der die Verbindung zwischen den Frauen der Vereinsmitglieder aufrechterhält, und seine besondere Aufgabe auch darin erblickt, alte deutsche Sitten liebevoll zu pflegen, wie es namentlich bei der herrlichen Weihnachtsfeier in diesem Kreise zutage trat.
Von den Mitgliedern des Schottener Männerchors in Neuyork wurde das Jubiläums-Glückwunschschreiben des Reichsstatthalters Gauleiters Sprenger mit besonderer Freude und Dankbarkeit ausgenommen. Die gleiche Freude herrschte über die weiteren Jubiläumsgaben aus der alten Heimat, insbesondere über das von der Stadt
Schotten gestiftete Oelgemälde, das die oberhessische Heimatstadt Schotten darstellt, und über das von der Provinzialverwaltung Oberhessen gestiftete Gemälde, das Niddert'al bei Liß- b e r g darstellend. Freudige Genugtuung herrschte auch über die Ehrengaben des Schottener Männerchors in Schotten und des Hessischen Sängerbundes, sowie die Zeichen treuen Gedenkens von behördlicher Seite in der alten Heimat.
Alle diese Jubiläumsgaben wurden vor allem auch deshalb mit Freuden begrüßt, weil man sie in den Kreisen der deutschen Sänger in Amerika als Zeichen dafür ansieht, daß die alte Heimat sich in treuem Gedenken mit ihnen volksverbunden fühlt.
Weit über den Kreis der Sänger und ihrer Frauen hinaus ging die Wirkung dieses Gedenkens auch dadurch, daß viele andere deutsche Vereine Neuyorks an der Jubiläumsfeier teilnahmen.
Wie stark der Widerhall dieser Feier war, zeigte sich u. a. darin, daß Bürgermeister Menget bei seinen Besuchen nach dem Feste in anderen deutschen Häusern und Vereinen überall feststellen konnte, daß die Jubiläumstage des Schottener Männerchors als ein bedeutsamer Höhepunkt im Erleben der deutschen Stammesbrüder in Amerika schlechthin betrachtet wird. Besonders bemerkenswert in der Reihe dieser Besuche war für Bürgermeister Mengel der Aufenthalt bei dem Präsidenten des Nordöstlichen Sängerbundes in Amerika, Dr. Seyfarth in Brooklyn, der zugleich Präsident des größten deutschen Gesangvereins in Amerika des „A r i 0 n", ist. Dieser Verein besitzt sogar ein eigenes Haus für feine Vereinszwecke.
Der starke Eindruck des Besuches aus der allen Heimat hat den Entschluß des Vereinspräsidenten Dr. Seyfarth und seiner Sänger, vom „Arian" bestärkt, zum diesjährigen Deutschen Sängerfest in Breslau in großer Zahl zu kommen und anschließend auch der Sladt Schollen einen Besuch abzustatlen. Ferner werden viele Sänger des Schottener Wännerchors in Jteu- york zum Deutschen Sängerfest herüberkommen und dabei auch Schotten besuchen, wo sie an der Hundertjahrfeier des Schottener Wännerchors im Sommer dieses Jahres teilnehmen wollen.
Interessant ist übrigens, daß die deutschen Sänger Amerikas auch eine Einladung zum Singen im Vatikan in Rom erhalten haben, der sie Folge leisten werden.
Bei der Abfahrt des Bürgermeisters M e n g el in Neuyork hatte sich der ganze Schottener Männerchor mit vielen Frauen der Mitglieder an Bord des Schiffes eingefunden. Der Präsident des Vereins und zahlreiche weitere Vertreter des Deutschtums in Neuyork brachten dabei noch einmal zum Ausdruck, wie eng sie sich oolksverbunden fühlen mit der alten Heimat, an deren weiteren Aufwärtsentwicklung sie in außerordentlichem Maße interessiert sind. Der Schottener Männerchor fang seinem heimkehrenden Ehrengast, der — wie von uns schon berichtet — zum Ehrenmitglied des Schottener Männerchors in Neuyork ernannt wurde, zum Abschied noch einige schöne Chöre.
Als Zeichen der engen Volksverbundenheit mit der alten deutschen Heimat brachte Bürgermeister mengel auch eine besondere Gabe des Schottener Wännerchors in Neuyork nach der deutschen Stadt Schotten mit. Der Schottener Wännerchor in Neuyork hat zum Besten von hilfsbedürftigen Volksgenossen in der oberhessischen Heimatstadt Schotten einen ansehnlichen Dollarbetrag gestiftet, der durch Bürgermeister Blenget zur Verteilung kommen soll.
Dem Vorsitzenden des Schottener männerchors in Schotten, Oberforstmeister Deuster, und dem Ehormeister des Vereins, Verwaltungs- Inspektor Weber vom Kreisamt Schotten, wurde von dem Bruderverein in Neuyork je eine goldene Ehrennadel verliehen, ferner wurden beide zu Ehrenmitgliedern des Neuyorker Vereins ernannt.
Begrüßung in der alten Heimat.
Arn gestrigen Freitagabend versammelte sich die Bevölkerung von Schotten in außerordentlich großer Zahl in der dortigen Turnhalle, um dem Bürgermeister ihren Willkommengruß darzubrin- aen. Beigeordneter Straub als Vertreter des Bürgermeisters machte sich zum Sprecher der Volks
genossen und Volksgenossinnen von Schotten und hieß Bürgermeister Mengel mit herzlichen Worten in der Heimatstadt willkommen. Der Schottener Männer chor erfreute durch den guten Vortrag mehrerer Lieder, die Musikkapelle bereicherte den Abend durch schöne instrumentale Darbietungen. Im Verlaufe des Abends gab Bürgermeister Mengel einen eingehenden Bericht über den Verlauf und die Eindrücke von feiner Amerikafahrt. Die Zuhörer folgten den interessanten Darlegungen mit größter Spannung. Am Schlüsse seines Berichtes brachte Bürgermeister Mengel ein freudig aufgenommenes dreimaliges Sieg-Heil auf den Führer und das deutsche Volk aus. Sodann blieb man noch einige Stunden in schöner Geselligkeit beieinander.
Deutschlands ällesies predigerseminar in Herborn
In diesem Jahr wichtige Gedenktage in der alten nassauischen Stadt.
LPD. Herborn, 3. Jan. Die mehr als tausenü- jährige, im Herzen Nassaus gelegene Stadt Herborn mit ihrem herrlichen Schloß, dessen Entstehung bis in das 13. Jahrhundert zurückgeht, wird in diesem Jahre der Mittelpunkt bedeutungsvoller kirchengeschichtlicher Gedenktage sein, die sich u. a. mit Caspar Ole- Dian, dem bedeutenden Reformator nach Luther befassen, dessen Einfluß es bekanntlich zuzuschreiben ist, daß Herborn Sitz der „Hohen Schule" wurde.
In dem das Stadtbild beherrschenden Herborner Schloß befindet sich übrigens schon seit dem Jahre 1818 das Evangelische theologische Landesseminar, das zugleich
Das Schloß in Herborn. — (DNB-Heimatbilderdienst, Photo: Archiv DNB.)
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das älteste Predi
ge r s e m i n a r Deutschlands ist. Das Schloß 1 aufwand erneuert und besitzt u. a. eine wertvolle wurde vor wenigen Jahren mit erheblichem Kosten-1 Bibliothek mit über 25 000 Bänden.
Aus der provinzialhaupistadi.
Das Auge des Dorfes.
Wer hat nicht schon einmal als Wanderer, wenn auf waldiger Höhe sein Auge wieder den Blick ins Freie gewinnt, in der romantischen Stimmung des Augenblicks davon geschwärmt, wie friedlich das stille Dorf sich da unten in das anmutige Tal hineinschmiegt? Und hat darüber, seinem Gefühlsüberschwang hingegeben, nicht einmal vergessen wollen, daß unter diesen roten Dächern mit ihrem weißen Dunstschleier auch Menschen wohnen von Fleisch und Blut, mit Sorgen und Leidenschaften wie überall?
Aber die paar holprigen Dorfgaffen haben vor ihren stolzeren Brüdern mit den in Sonne und Regen spiegelnden Asphaltdecken in der Stadt doch etwas voraus: sie gehören mit zu einer Lebensgemeinschaft, die in Spiel- und Schulkameradschaft, Nachbarschaft in Dorf, Garten und Feld, im Gleichschritt der Jugend, in Wechselfällen von Freud und Leid wurzelecht und faserfest immer wieder nachwächst. Man spricht nicht davon im Dorf, wie von allem, was selbstverständlich geworden ist, man lebt diese Gemeinschaft nach den Gesetzen blutvoller Wirklichkeit, in die jeder mit seinem ganzen Wesen gestellt ist.
Es gibt Dörfer, in denen Hof und Haus dem Durchblick bei Sonnen- und Lampenlicht offen stehen; und wieder andere mit anderer Bauweise, die schließen ihre Hofreiten durch große Torbauten
gegen die Sicht von der Gasse her ab, und ihre Bewohner gehen in der Regel durch das hintere Scheunentürchen, durch Grasgärten ins Dorf und Feld. Dem ortsfremden Menschen gelingt es nur schwer, vielleicht nie, unter der leicht sich kräuselnden Oberfläche den Pulsschlag im Adergeflecht der Dorf« gemeinfchaft zu fühlen, ober gar zu deuten. Ader das Auge der Dorfgemeinfchaft sieht nicht in Einzelheiten, sondern jeden, auch den kleinsten und unscheinbarsten Vorgang in gewachsenen Zusammenhängen. Deshalb ist das Dorfurteil auch milder und gerechter.
Mancher, der aus Berechnung oder Instinkt einmal vom rechten Pfad abweicht, der also „eans Groas doppelt", empfängt fein Urteil auch in derbhumorvoller Formel: fo wurde aus einem Leopold, der sich bei Nacht und Nebel eine Last Klee von einem Nachbaracker unberechtigt heimgeschafft hatte, kurzerhand ein „Kleopold", und ein Bursche, der bei Nacht und Nebel zu seinem Mädchen schleicht, fühlt sich „ewescht", wenn die Morgensonne sein zartes Geheimnis sinnfällig an den Tag bringt, leuchtend über einem „Pädchen", mit Sand ober in der Zeit bes Honigkochens auch mit Zwetfchensteinen bis offene Gaffe entlang gestreut.
Das Dorf schläft nicht; Arbeit bis in ben späten Abenb unb Arbeit schon roieber vom frühen Morgen an, Krankheit unb Sorgen bei Mensch und Vieh, Freundschaft und Bosheit, Freude und Trauer wandern auch auf nächtlichen Gassen und Pfaden.
Nachdruck verboten!
25. Fortsetzung.
Nicht müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lanzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
„Donnerwetter noch mal — soll bas etwa hei- ^'bas soll heißen. Aber Sie brauchen nicht noch nachträglich bie blasse Furcht zu bekommen. Es war ein ganz harmloses Mittel, aber es hat genügt. Sie für ein paar Tage krank zu machen und von der Fahrt zum Rennen abzuhalten. Unb das war ja ber Zweck ber Sache."
„Donnerwetter noch mal!" wieberholte Costa. „Das wäre ja ein starkes Stück! Unb Mia, sagen Sie — was hätte sie benn bamit bezwecken sollen?" „Sie wollte ohne Sie zum Rennen fahren. Unb sie ist gefahren, ist bis heute noch nicht zurück."
„Ja, aber warum denn?"
Lore Birkner richtete sich auf.
„Was ich Ihnen jetzt sage, ist meine persönliche Ansicht. Eine Vermutung, aber sie trifft sicher zu. Mia wirb sich erinnert haben, baß bort em alter Verehrer zu Hause ist, ben sie seinerzeit auch hat fallen lassen, um Rechberg zu heiraten. Sartorius __ Günter Sartorius, ich weiß nicht, ob Sie sich noch auf ihn besinnen können..."
Costa erinnerte sich sofort. Sie waren seinerzeit scharfe Rivalen gewesen
„Na, mir kann es gleichgültig fern, was sie treibt. Aber Sie meinen wirklich ..."
Ich meine wirklich. Unb es wirb schon stimmen. Sie sehen aus bieser kleinen Geschichte baß Sie für Mia erlebigt sind — glatt erlebigt Unb biefe Erkenntnis wirb Sie hoffentlich ein für allemal kurieren. Darum fyabc ich es Ihnen ja nur erzählt. Und nun hat sich dieser Punkt auch für uns erledigt — nicht wahr? Jetzt wollen mir es mit Ihren Worten halten: „Wir haben Wichtigeres und Angenehmeres zu tun, als an Mia Jtedjberg zu den- Kn und non ihr zu sprechen" Der Markobrunner will übrigens auch getrunken fein, -pitte ...
(rofta riß sich zusammen und füllte die Glaser zvieder. Aber seine Hand mar unsicher. Wenn das
wahr ist!, kreiste es wie ein Wirbel durch seinen Kopf. Wenn das wahr ist!
Ohne daß es ihm zum Bewußtsein kam, leerte er sein Glas mit einem Zuge bis auf den.Grund.
„Sie hätten ruhig mit mir anstoßen können", bemerkte Lore Birkner gelassen.
Er entschuldigte sich mit einem zerfahrenen Lächeln und füllte sein Glas aufs neue. Dann hob er es ihr entgegen:
„Daß alles fo kommen möge, wie wir es uns wünschen."
„Das ist ein doppelzüngiges Wort", entgegnete sie mit leise flackernder Stimme. „Aber ich nehme es an. Aus Ihnen sprechen im Augenblick zwei Menschen: Einer, der krank war und nicht zum Rennen fahren konnte — und einer, ber zum Start für ein neues Rennen angetreten ist. Ich trinke mit bem zweiten. Hals- unb Beinbruch, Costa!"
„Sie finb ein gescheites unb, wie immer, sehr vernünftiges Möbel, Lore", sagte er unb führte fein Glas an bie Lippen.
„Bin ich", erroiberte sie, nachbem sie getrunken hatte. „Unb barum bürfen Sie mich jetzt noch mal küssen, wenn — Sie noch mögen . ."
Er zog sie an sich, mit plötzlichem inneren Wi- berftreben unb nur unter bem Zwang ber Situation. Aber als er ihre Lippen spürte, kam es mit einem Male wie ein toller, unsinniger Rausch über ihn. Ihm war, als hielte er Mia in ben Armen, als könnte er alles hinwegküssen, was ihm angetan worben war. Lore Birkner gab sich seinen Küssen hin wie ein bürftenbes Wilb im Sonnen- branb. Atemlos machte sie sich enblich frei.
„Jetzt hat man es aber wirklich gesehen", beutete sie zur Seite.
Der Wirt war gekommen unb wollte sich eben bisfret wieder zurückziehen.
„Kommen Sie nur schon, Herr Wirt , rief Costa, aus feinem Rausch erwachend. „Der Wein ist alle, und da haben wir unseren Durst eben auf andere Weise stillen müssen. Die Schuld kommt also auf Ihr Haupt. Waschen Sie sich rein, indem Sie uns schleunigst eine neue Flasche bringen!"
Es war weit nach Mitternacht, als der Wagen wieder vor der Villa vorfuhr. Lore Birkner hing einen Augenblick in Costas Armen, als er ihr heraushalf. . .. . ,
„Wie schnell die paar Stunden vergangen sind!
Wann sehen wir uns wieder?"
„Ja, mann? Heute in acht Tagen?"
Sie schien nicht ganz damit zufrieden, aber sie drängte nicht. Noch einmal hing sie an seinem Halse, dann huschte sie leise ins Haus.
Costa fuhr davon. Eine jämmerliche Leere saß in ihm, unb boch hatte er bas Gefühl, als ob er ersticken müßte. „Wenn bas wahr ist ...!" bohrte es immer roieber in feinem Hirn. Hatte Lore Birkner ihm ein Märchen aufgetischt, um ihn ganz von Mia abzuziehen? Es war kaum benkbar. Es sprach ja auch alles bafür, baß ihre Angaben ber Wahrheit entsprachen. Nun, man würbe sich schon Gewißheit verschaffen. Man kannte Mias Aufenthaltsort, unb man würbe sie bort zu finben wissen.
10. Kapitel.
„Sie gehen ein bißchen zu scharf ins Zeug, lieber Schulenburg", sagte Mia Rechberg unb nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. „Ich bin boch nicht hierhergekommen, um mich Hals über Kopf zu verlieben, zu verloben unb roieber zu verheiraten. Das ist ein Tempo für unmünbige Gemüter, unb bazu brauchen wir uns wohl alle beide nicht mehr zu rechnen — nicht wahr?"
Schulenburg rückte aufgeregt auf feinem Stuhl hin unb her .
„Schon richtig. Frau Mia. Aber trotzbem — ich habe bas ja auch sonst nie an mir gekannt, unb man kann boch nicht bafür, wenn es einen so mit aller Gewalt packt. Es muß boch schon eine ganze schwere unb ernste Sache fein, wenn man Tag unb Nacht keine Ruhe mehr finbet."
Mia zerteilte lässig ben Rauch mit ber Hanb.
„Man barf solche Sachen nicht gleich zu schwer unb zu ernst nehmen. Das verbirbt bas Spiel unter Umftänben gleich von vornherein Unb bann ..."
Sie unterbrach sich unb blinzelte ihn aus halb geschlossenen Augen an.
„Wenn ich mein Vater wäre, würbe ich Sie zum Beispiel vorsorglich erst mal fragen: ,Können Sie eine Frau, eine verwöhnte Frau meinetwegen, auch anftänbig ernähren?* Ich stelle biefe Frage natürlich nicht, unb Sie brauchen sich infolgebessen auch nicht mit ber Antwort abzuquälen. Ich könnte es mir auch leisten, einen völlig mittellosen Mann zu heiraten. Das wissen Sie wohl auch — nicht wahr? Ich vermute es wenigstens stark. Unb eben barum habe ich Bebenken. Es ist sehr leicht, einer reichen Frau Liebesbeteuerungen zu machen, unb ich verzichte barauf, nur — ober boch in ber Hauptsache — meines Gelbes 'wegen geheiratet zu werben. Das wird Ihnen gewiß einleuchten."
Schulenburgs Schläfen röteten sich.
„Aber Frau Mia!", verwahrte er sich. „Setzen Sie wirklich solche Motive bei mir voraus? Natürlich muß man Ihnen recht geben. Es ist ja auch durchaus kein Fehler, wenn die Frau Vermögen in bie Ehe bringt, aber baran habe ich boch noch keinen Augenblick gebucht."
„Na ja, ich spreche ja auch nur im allgemeinen. Sie brauchen also keineswegs ben Kopf hängen zu lasten. Daß Sie ein netter Kerl finb, unb baß ich große Sympathie für Sie habe — nun, das sage ich Ihnen doch nicht zum erstenmal. Nur Geduld müssen Sie haben, man muß sich doch erst selber mal richtig klar werden."
Er sah mit zusammengepreßten Lippen vor sich hin. Dann hob er ben Kopf roieber.
„Darf ich mal ein offenes Wort sprechen, Frau Mia?"
„Aber natürlich."
„Ich fürchte, Sie finb sich schon klar geworben ..."
„Wieso?"
„Ich fürchte, baß — Günter Sartorius erheblich größere Aussichten hat als ich. Trotzbem er verlobt ist ..."
Mia lachte hell auf. Aber Schulenburg schien es, als ob in ihrem Lachen ein fonberbar slackernber Ton mit schwänge, ber ihre Heiterkeit nicht ganz echt erscheinen ließ.
Sie wich feinem forschenben Blick aus unb zer- brückte ihre Zigarette in ber Schale.
„Davon habe ich bis jetzt aUerbings noch nichts bemerkt. Ober finben Sie, baß er mir befonbere Aufmerksamkeit roibmet? Ich möchte eher bas Gegenteil behaupten."
„Sie kennen sich boch schon von früher her?" forschte Schulenburg weiter.
„Na, unb ...?"
„Ich möchte natürlich nicht inbisfret sein, aber ..."
„Lassen Sie bas Aber lieber beiseite. Der gute Schulenburg ist ein bißchen eifersüchtig, wie es scheint, unb bas ist gar kein so schlechtes Zeichen. Vielleicht überlege ich es mir noch, ob ich iym bas nicht als ein bebeutenbes Plus anrechne. Vorausgesetzt, baß er sich als hübsch folgsam unb gebulbig erweist. Unb das wirb er gleich jetzt mal zeigen, inbem er sich für heute verabschiebet. Ich habe der Frau Senator meinen Besuch versprochen unb muß mich beeilen, nx?nn ich sie nicht warten lassen will."
(Fortsetzung folgt!)


