nationaler Richter, als Fachmann im Saarkampf
be
treibt nicht nur Limnologie, sondern auch Klima-
f o r s ch u n
scheu.
So liegt das politische Schwergewicht des arabi-
der es
schichtigkeit, die wir mit der Vorstellung von Levante mit Recht verbinden. Hinzu tritt noch die außerordentlich schwerwiegende Tatsache der politischen Unselbständigkeit, die es den wirklichen Führernaturen des arabischen Nationalismus in der Levante nicht gestattet, an die Macht zu gelangen und so das Tempo der Entwicklung zu erzwingen. Stattdessen wird von den europäischen Mandotarmächten sorgfältig eine arabische Schicht am Ruder gehalten, die sich zwar gern der nationalen Terminologie in Zeitungen und besonders in Interviews mit ausländischen Journalisten bedient, der aber jede unpersönliche und ausschließlich sachliche Beziehung zur nationalen Idee und Sache völlig abgeht. Es ist in der Tat ein völlig korrupter Notabeln-Klüngel, der in kläglicher Abhängigkeit von England und Frankreich einen bloßen Atrappen- Nationalismus vertritt.
dingt.
Ein Institut mit ähnlichen Aufgaben wirkt in biologischen Station Lunz in Oesterreich:
Institute im Ausland, außer Lunz noch Haus Sonnblick und Haus Obir in den Ost alpen, mit Höhenobservatorien, ein meteorologisches Institut in Danzig, ein Institut für Meeresbiologie in Rovigno in Istrien, eines für Mikrobiologie in Sao Paulo in Brasilien, das vor allem Lepra- s o r s ch u n g treibt und rastlos nach Linderung für die — schätzungsweise noch 3 Millionen — Leprakranken auf der Erde sucht. Dazu tritt noch das Institut fürKunst- undKulturwissen- s cha ft i n R o m.
Weiter möchten wir den für wissenschaftliche Dinge und deutschen Aufbau Interessierten führen in das Institut für Völkerrecht im Berliner
Schwindende Romantik der Sahara.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Tunis, Ende Dezember 1935.
Bei dem Wort Sahara denkt man noch von der Schulzeit her an unermeßlich große Sandflächen, an kühn geschnittene Beduinengesichter mit weißen Turbanen und an Kamelkarawanen, die Elfenbein und Gold europäischer Kultur und Zivilisation zu- führen. Aber die Wüstenromantik hat allmählich den Erfordernissen westlichen Fortschrittsgeistes und moderner Verkehrstechnik weichen müssen. Heute findet man dort, wo ehemals wilde Beduinenstämme einsamen Karawanen auflauerten, die ermattet von mühsamer Wüstenwanderung einer Oase als Fata Morgana zustrebten, T a n k st a t i o n e n. Dennoch darf man nicht annehmen, daß es schon ein Vergnügen nach landläufiger Anschauung wäre, längere Zeit durch glutheißen Wüstensand im Auto zu kutschieren. Die Gesesellschast, die diese Tankstellen errichtete, hatte auf die Unternehmungslust reicher und extravaganter Abenteurerseelen spekuliert und gehofft, eine Rentabilität ihres Anlagekapitals zu erreichen. Eine Rechnung, die infolge der Krisenzeiten, von denen ja auch selbst die Abenteuerreisenden betroffen wurden, nicht ganz aufgegangen ist.
Nun darf man sich dabei nicht vorstellen, daß das ungeheure Wüstengebiet der Sahara, das
und als Kenner aller zwischenstaatlichen Beziehun- acn auf Grund des schön ausgestatteten Institutes (mit über 90 000 Bänden) Deutschland die größten Dienste erwiesen hat und erweisen kann. Oder in das Institut für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem, dessen Leiter Thiessen besonders Kautschukuntersuchungen betreibt, die für das rohstoffarme Deutschland wichtig sind, und der zugleich einer der stärksten Rufer im Kampf um eine volksnahe und nationalpolitisch ausgerichtete Wissenschaft ist. Oder in das Lederin st itut in Dresden, das auf Grund feinster chemischer und mikroskopischer Untersuchungen neue Gerbstoffe erschließt — neben Eiche und Fichte auch Weide, Erle, Birke und Badanpflanze — und es erreichte, daß das deutsche Häutematerial sich in letzter Zeit viel besser konservieren läßt als früher.
Doch genug der Bilder, die allzu leicht eine verwirrende Fülle ergeben. Sie sollten zeigen und haben sicher gezeigt, welchen Schatz das deutsche Volk an seinen wissenschaftlichen Instituten hat, die am 11. Januar mit Stolz auf ihr 25jähriges Bestehen zurückblicken können.
Schwindende Romantik der Sahara
Von unserem Hö.-Äerichierstatter.
fünft der deutschen Landschaft hinein, die ja Existenz und Charakter des deutschen Volkes so stark
Huna, besonders in bezug auf den Men- Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat mehrere
Rationen im Aufbruch.
Eine Umschau unserer Auslands-Korrespondenten an der Jahreswende
Die nationale 3hee im Orient.
Von unserem W.M.'Äerichierstatier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Jerusalem, Ende Dezember 1935.
Als im vergangenen Jahrhundert aus vielen Gründen auf vielen Wegen der Vordere Orient begann, mit Europa bekannt zu werden, antworteten diejenigen orientalischen Kreise, die vor allem am Mittelmeerbecken die Träger dieser Berührung waren, zunächst mit kritikloser Bewunderung, die sich in einem hemmungslosen Assimilationsprozeß äußerte. Orientalische Art, Sitte, Kleidung wurden als Rückständigkeiten empfunden, die den Eintritt in die neue, abendländische Wunderwelt hemmten, die sich plötzlich aufgetan hat und die die allgemeine Voraussetzung zur menschlichen Weiterentwicklung des Orientalen zu sein schien. Es war für jene Schichten eine Zeit der hemmungslosen Aufgabe, in der das Alte, die Tradition, das Gewachsene schlechthin entwertet schienen. Aber der Orient machte die Bekanntschaft Europas zu einer Zeit, als sich dort gerade die Idee des Nationalismus als lebensbestimmendes Prinzip durchsetzte. So konnte es nicht anders kommen, als daß die orientalische Assimilation sich auch bis zur Idee des Nationalismus' durchrang. Damit hatte die Assimilation des Orients die paradoxe Folge des orientalischen Nationalismus gehabt, der sich naturgemäß nunmehr gegen den europäischen Lehrmeister auflehnen und durch die Verwirrungen des Weltkrieges ein gutes Stück vorwärts kommen mußte.
Aber für die orientalischen Völker bedeutete das Ergriffenwerden von der nationalen Idee einen ungleich größeren Umbruch als etwa für die verschiedenen ost- und südosteuropäischen Völkerschaften mit einem jungen Nationalismus. Denn während jene ständig von Europa umgeben waren und europäische Maximen ihr Dasein auch außerhalb des Politischen formten, bedeutete für den Osten die Aufnahme der neuen Idee eine revolutionäre Abkehr von der bisherig en Lebens- f o r m überhaupt. Entwickelte sich bei den europäischen Völkern die nationale Idee organisch und in einem sinnvollen Stufenbau unter einer jahrhundertelangen Bearbeitung des geistigen Bodens, so wurde sie im Orient als fertige Idee übernommen, um auf eine Lebensform gefetzt zu werden, die ohne jede Verbindungslinie zu ihr war. Soziologisch und ökonomisch lag der Orient noch im tiefsten Mittelalter, die sozialen Formen waren patriarchalisch und die ökonomischen gebunden und undifferenziert.
schen Völker zur Einschränkung, Verlagerung ober Zerstörung dieser Formen und Bindungen einige Jahrhunderte gebrauchten, um die nationale Idee reisen zu lassen, so daß sich die einzelnen Etappen im wesentlichen nacheinander abwickeln konnten, mußte der Orient die Entwicklung vom Mittel- alter zum Gegenwartsnationalismus in einige Jahrzehnte zusammenpressen. Die einzelnen Etappen — wie etwa Aufklärung, Romantik, Liberalismus, Demokratie, Sozialismus — hatten zu einem organischen Nacheinander keine Zeit (da ja das Endziel bereits bekannt war!) und liegen so, noch umgeben von den früheren Daseinsformen, in einem seltsamen Mosaik nebeneinander, wenn nicht sogar durcheinander:
Politische Parteien haben zwar eine moderne nationale und demokratische Terminologie, sind aber auf alten Sippen- und Familienvorstellungen auf- gebaut; man fordert Pressefreiheit und hält gleichzeitig die weibliche Hälfte des Volkes nach alter Sitte in einem Paria-Verhältnis; man klammert sich an faschistische Ideen des 20. Jahrhunderts und treibt, falls man nicht die alte Bigotterie vorzieht, in religiösen Dingen eine Aufklärung, wie sie im Abendlande vor 150 Jahren im Schwange war; man will das Moderne und übersetzt — Häckels Welträtsel ins Arabische!
In den politisch selbständigen Staaten geht die Durchsetzung der nationalen Idee relativ rasch von- ftatten, wenn überragende Führerpersönlichkeiten, wie Kemal Pascha in der Türkei, der verstorbene F e i f a I im Irak, Reza Khan in Iran (Persien), bie politische Macht in ben Händen hatten. Auch im Hedschas schreitet bie Nationalisierung unb bamit bie Europäisierung auf vielen Gebieten unter bem außergewöhnlich klugen Ibn Saub fort. Aber bie Bedingungen der Landschaft, die Struktur der Bevölkerung, bei der trotz aller kolonisatorischen Anstrengungen doch immer noch der Hauptakzent auf bem Beduinen liegt, die hier in Form des Wahabitismus vorliegende besondere Bindung an die Religion, — das alles verlangsamt im allgemeinen das Tempo des inneren Modernisierungsprozesses sehr stark, trotz aller Flugzeuge und Automobile.
Die orientalischen K ü ste ngebiete des Mittelmeers sind entwicklungsmäßig einerseits bevorzugt, indem sie durch den Handelsverkehr frühzeitig und intensiv Berührung mit dem Abendland erlangten. Andererseits verführte jedoch die Art der Berührung
schen Nationalismus zweifellos beim Irak unb beim Hedschas. Aber die Dinge stecken noch zu sehr in den Anfängen, als daß sich schon heute sickere Prognosen stellen ließen. Es läßt sich vor allem noch nicht beurteilen, wie weit es gelingen wird, trotz aller Angleichung an Europa und an die abendländische Ideenwelt „den orientalischen Menschen" in die neue Lebensform hineinzuretten. Es läßt sich um so schwerer sagen, als eine Definition des spezifisch Orientalischen keineswegs leicht ist, weil die Unterscheidung zwischen bem Rassischen, bem „was im Blute liegt" (unb nur bas wäre ber Träger bes eigentlich Orientalischen!) unb bem sozial Bebingten, also bem mehr Zufälligen, außerorbentlich schwierig ist. Liegen bie sprichwörtliche Ruhe unb Gelassenheit bes Orientalen, sein mangelnber Sinn für bie uns so kostbare Zeit, in seinem Blute, in feiner Rasse also, ober ist sie nur eine Folge ber patriarchalischen Wirt» schaftsordnung, in ber er bisher steckte unb in ber Eile freilich auch keinen Sinn gehabt hätte? Ober ist es genau umgekehrt? Wirb fein naiver Egoismus, ber entsprechet ber bisherigen Dafeinsform nur noch bie Familie unb bestenfalls bie Sippe zu umspannen vermochte, sich unter bem Einfluß ber nationalen Jbee zur Nation erweitern, ohne sich um politische Grenzen unb bynastische Interessen zu bekümmern? Wirb im Orient auch einmal klar unb scharf ber untrennbare Zusammenhang zwischen Nationalismus unb Sozialismus durchschaut werben? Wie wirb auf bie Dauer ber Orient auf bie geschickte Propaganda unb bie offensichtlich verkannten Oebanfengänge Sowjetruhlanbs antworten, bas burch ben freiwilligen unb großzügigen Verzicht auf Sonberrechte und Kapitulationen im Nahen und Mittleren Osten einen nicht schlechten Ruf hat? Wird etwa aus dem Zusammenstoß zwischen Sowjetrußland und dem Abendlande, der sich im östlichen Raum täglich vollzieht, — vielleicht mit Unterlegung spezifisch orientalischer Gegebenheiten — etwas ganz Neues entstehen, das sich weder mit dem Abendlande noch mit Sowjetrußland deckt?
Wir wissen bas alles noch nicht, unb am wenigsten weiß es ber Orient selbst. Wir können nur bie Der- schiebenen Tendenzen, bie sich in biefem interessanten Prozeß bemerkbar machen, bloßlegen unb zergliedern, aber wir kennen ihre Zukunft nicht. Wir wissen nur, daß eine alte Welt im Abbruch und eine neue im Aufbruch ist. Doch können wir auch hier nicht abschätzen, ob es sich um eine bloße Imitation handelt ober um ein echtes unb starkes „come back“ von ehemals schöpferischen unb kulturell kraftvollen Völkern.
aus diesen der Wirkllchkeit und der Wandlung des deutschen Volkes bienenden Forschungen (die auch tm Ausland immer mehr Beachtung finden), daß die wissenschaftlichen Grundlagen ber beutschen Erd- aesetzgebung richtig finb und daß es sich um ein Werk von epochaler Bedeutung handelt.
Nun möchten wir am liebsten den Leser durch lie Welt der 33 Institute führen: nach Rossitten zur Vogelwarte, wo man Hunderttausende von Vögeln beobachtet und dem Geheimnis des Vogelzuges — der sicher auch erbbiologisch bedingt ist — auf die Spur kommen. Nach Plön in das Insti - tut für Limnologie, das ist die Wissenschaft von den Binnenseen, die alle Vorgänge mit chemischen, physikalischen, bakteriologischen, mikrobiologischen, geologischen Methoden untersucht. Es handelt sich hier darum, die Grundlagen zu schaffen für die Ausnutzung der pflanzlichen und tierischen Produktion der Gewässer. Das Institut untersucht nicht nur die norddeutschen Binnenseen, die einer Verschil- fung oder Verschlammung entgegengehen, sondern auch Eifelmaare, Strandseen mit zum Teil brackigem Wasser, mittelschwedische Seen, holsteinische Tümpel, schlesische Karpfenteiche, raschfließende Gewässer der Ebene und Alpenbäche. Ueberall findet sich eigentümliches Leben in chemisch-physikalischer,
botanischer und zoologischer Hinsicht. Und die Fra» s Schloß, dessen Leiter Professor Bruns als Infer- gen reichen überall ins unmittelbar gegenwärtige nntimnilpr Nickte nf« Kn-ammm im KrmrFnmnF Problem der Volkswirtschaft und in eine weite Zu-
auf eine Oberfläche von 7,8 bis 9,2 Millionen Quadratkilometern geschätzt wird, etwa wie Deutschland durck Straßen erschlossen worden wäre. Richtig abschätzen kann man die Unermeß- lichkeit dieses Gebietes nur, wenn man Vergleiche zieht, zum Beispiel mit Deutschland, das mit seinen 472 000 Quadratkilometern 15- bis 18mal in die Sahara paßt. Interessant ist die Gegenüberstellung der Bevölkerungszahlen, die für Deutschland 66 Millionen betragen gegen 800 000 bis 1 Million geschätzte Nomaden und Oasenbewohner der Mü'te.
Es ist noch heute ein großes und mit vielen Entbehrungen verbundenes Wagnis, in der Wüste spazieren zu fahren. Gibt es doch hier nicht etwa richtige Straßen in europäischem Sinne, sondern nur Wüstensandpfade, die den einzigen Vorzug haben, nicht dauernd verweht zu werden, wie es Karl May in seinen Indianer- und Beduinenromanen über den Gran Chaco und die Wüsten des Morgenlandes beschreibt. Aehnlich wie in dessen Schilderungen sind die Wüstenpfade auch durch Stangen gekennzeichnet. Trotzdem kann man die Orientierung verlieren, denn die Markierungspunkte und Tankstationen liegen weit voneinander entfernt. Die Hitze beträgt durchschnittlich 55 Grad im Schatten; wobei zu bedenken ist, daß sich der Sand nachts nicht selten bis zu 0 Grad abkühlt.
Nicht wenig enttäuscht ist man zu erfahren, daß
Wie im abendländischen Mittelalter umspannte I leicht zu jener grenzenlos oberflächlichen Dünn- bie Religion als unbestrittenes und zentrales fffiirMmPoit hi» wir mit ho*- Onnnnb
Prinzip das gesamte Leben, so daß es keinen „profanen" Bezirk gab, der ihrer Geltung entzogen ge- geroefen wäre. Bürgerliches, Straf- und Staatsrecht waren religiöses Recht. Während die abendländi-
Guter Besuch.
Von Anion Schnack.
An einem Winternachmittag, windig war es draußen, ein Eisstrom zog mit der Luft und Schnee wkrbelte nachlässig und unentschlossen vor dem Inster, ereignete es sich, daß unvermutet, mir A.chts bir nichts, mitten im warmen Zimmer ein Kaserchen sich auf meine linke Hand fetzte, mitten in die Haare purzelte das kleine Wesen, stand noch einige Sekunden mit offenen, zitternden Miniatur- [lugeln in meinem Haarurwald, dann klappte es feine Hornblättchen zusammen und da, als es sie zusammengeklappt hatte, erschrak ich; bei Gott, ich er>chr?k, obwohl es lächerlich ist zu sagen, ich sei vor einem winzigen und unscheinbaren Käferwesen erschrocken. 1
Doch ich erschrak leichthin bis in die Herzgrube, roed das erbsengroße Dina mitten in meinen melancholischen und überflüssigen Gedankengang auf mich zugeflogen und auf meiner Hand gelandet mar: ick war soeben in eine neue Wohnung einge- 3ogen, Koffer standen herum, noch zugeschlossen oder chon. halbgeöffnet, Unordnung herrschte, Unfreundlichkeit, die mit jedem Umzug einhergeht, atmete aus jeöem Stuck, aus Wand, Tischplatte und Lampen- fchirm; alles war noch fremd und mußte erst erobert werden. Und ich wußte in diesem Augen- bluf noch nicht, ob es mir gelingen würde; denn n? -öar jede Wohnung ihre eigene Lust hat, eine Wesentlichkeit, die gut oder böse ist Ich dachte noch an jene Wohnung, die ich eben verlassen hatte. Dreieinhalb Monate lebte ich in ihr dreieinhalb Monate kam keine rechte Freude auf' im Gegenteil, Frost schien aus allen Wänden zu wehen Unruhe schlich sich von ihr in meine Stim- Sur9/ri. ,as Leben teilte mir lauter kleine, boshafte Nadelstiche aus, Pläne gingen schief, beileibe keine wichtigen und großartigen Pläne, aber es waren doch Plane, nette, luftige Wünsche, die in meiner Borstellung und m den Gedanken von der Zu- kunft waren und manches Angenehme als Erfüllung gebracht hatten. Die Erinnerung an diese freudlose und erkaltende Wohnung die mir Krankheit, seelische Niedergedrücktheiten, unangenehme Briefe, kleine Zankereien als unabreifjbare Kette gebracht hatten war noch mit in meine neue Wohnung gegangen und ich dachte mit leichter Bitterheit daran es konnte das schlimme und feindliche Fluidum sich mit w'r In die Zimmer eingeschlichen haben. Ja, das dachte ich. Wahrend dieses überlegenden Denkens aber schwebte der zierliche und leichtdefMgelte Luftgeist Hemieder, irgendwoher getrieben und lehre sich vertraut und still auf meine Hand. Ueberrascht
niederschauend erkannte ich, daß es mein Lieblings- fafer, der schwarzgepunktete, rotgrundierte Marienkäfer war, der allerdings in einer seltsam frühen Zeit, mitten in Eis und Schnee, bei mir im geheizten Zimmer auftauchte, in einem Zimmer, das gar nicht blumenhaft und blattgrün war; nur ein stachliger verhutzelter Zwergkaktus stand gnomhaft auf dem Fensterbrett und eine einzige, rote, glocken- haste Saffianblüte eines anderen Blumenstockes hielt ihren Kelch gegen die eisüberhauchte Fensterscheibe.
Oh, ich wurde vergnügt; denn mit dem schwarz- gepunkteten Wesen wehte Gutes und Reines herein: ein ganzes Jugendzeitalter stand auf, Sommer auf Sommer, Sandwege mit dem glühenden Hut der Feuernelken, Wiesen, die sich mit weißen Margeritenwellen durch Täler schwemmten. Hügelzüge, in Dunst gehüllt, Maienabende, wo unter dem Stein, auf dem ich saß, eine Grille ihre Liebesstrophe wetzte; das alles kam mit dem geflügelten Tiere herein und noch viel mehr dazu. Glück kam mit ihm herein. Licht, Freude, Ruhe und Lächeln. Ich sah mich, da ich mich zu dem sich putzenden Käfer niederbückte, als einen heiteren, herumstrolchenden Knaben, der mit einem Hirten bis unter den Schatten der hohen Türme der Wallfahrtskirche zu Dettelbach am Main zog, der Fluß glänzte wie ein Silberbrett im Tal, auf den violetten Knöpfen der Distelbüsche sitzen die Marienkäfer, sagte der schwarze Barthirte, und wahrhaftig, sie saßen da, haufenweise, rote mit schwarzen Punkten, braune mit schwarzen Punkten, und ich sang mit umkippender Kinderstimme die schöne Einfalt eines alten Spielreimes:
„Marienkäfer, setze dich
Auf meine Hand und letze dich.
Ich tu dir nichts zuleide!"
Ich wußte von damals her, daß das plötzliche Erblicken eines Marienkäferchens einen ausgeschickten ßiebesgebanfen bedeutet. Ist ein Gedanke, den ein liebendes Herz einem anderen Herzen über Berge, Täler, Wälder und Flüsse entgegenschickt, nicht mit Gluck Zuspruch und Wärme gesegnet? Merkwürdig: Von diesem Augenblick und dieser Stunde an nahm olles ein anderes Aussehen, ein Aussehen der Verzauberung und der Erneuerung an; die Nieder- ^.schlogenheit wich von mir, ich wurde heiter und fröhlich: es war verblüffend, das Gute häufte sich, und das Unangenehme wurden immer weniger und weniger. Jeder Tag bescherte eine Freude, mit jeder ßoft kam ein besonderer Brief, von dem Worte der Kameradschaft oder nützliche Aufträge mitgebracht wurden, Pläne gingen in Erfüllung, Pläne, an deren
Verwirklichung ich nicht mehr geglaubt hatte; es war, als ob das Schwarze, Dunkle, Beengende und Feindliche über mir und um mich sich durch den Flügelschlag des kleinen Tierwesens zerstreut hätten.
Zwei Miniaturen.
Von Ludwig Doergens.
Menzel und das Schlüsselloch.
Man hat berechnet, daß Franz Schuberts ganze Lebensdauer, nur als Zeitspanne betrachtet, kaum ausgereicht habe, seine Werke zu schreiben. Sie hat dennoch ausgereicht. Solch eine Berechnung scheint eine müßige Tätigkeit zu sein und ist ooch im Staunen der Masse vor dem Schaffenswunder der Persönlichkeit begründet. Ich wurde dieses Staunen vor Adolph Menzel nie los, aber weniger, weil es mich begeisterte, ihm die Zeit nachzurechnen, als weil ich immer wieder den Menschen und sein Werk vergleichen mußte. Es war eine Frage der Dimensionen. Der Zwerg bewältigte Riesenmaße, das Männchen auf der Leiter vollbrachte nicht nur Historienbilder, deren Fläche sein Arm nur zum kleinen Bruchteil erreichen konnte — er übersah sie auch ordnend, immer das Ganze im Blick.
Eine Frühlingsnacht im alten Berliner Westen braute mich plötzlich der Lösung des Rätsels näher — mehr durfte ich nicht erwarten. Ich kam aus der Matthäikirchstraße und bog in die Siegismundstraße ein Menzels Andenken zeigt dort heute nur noch eine hübsche Tafel. .Damals stand nur noch das feine, alte Bürgerhaus mit der schlichten, aber hohen und schweren Tür. Tiefe Stille war um mich her, eine der friedlichsten Berliner Straßen lag im Mondschein. Aber was bemerkte ich, als ich an jenem Haus vorüberging? Was konnte ich erst sehen, als ich vor der hohen schweren Tür war? Ein uralter Herr, der zu nicht solider Zeit eben heimgekommen, schloß sie auf. Es war eine Frage der Dimensionen. Die Hand des wunderreichen Zwerges hob den großen Schlüssel und erreichte eben noch gut das Loch, — in Stirnhöhe war es vor ihm, und er mußte eine Weile arbeiten, bis er den Schlüssel da oben drin hatte, mühsam um- drehen und die schwere Riesenpsorte aufstoßen konnte. Wehe, wenn man versucht hätte, ihm zu helfen — ich wäre nicht schlecht angeknurrt worden. Außerdem mußte von innen die Arbeit doch allein getan werden.
Selbstverständliches erobern, der Natur zum Trotz. Alles können, was man fühlt und sieht und will. Als Zwerg das Haus der Großen öffnen müssen und doch als der wahre Besitzer und Weihegeber.
Das war Adolph Menzel.
Bismarck mit Brille.
Ich war schon ein dreizehnjähriger Berliner und hatte Bismarck noch nie in der Nähe gesehen. Bildnisse genug und zu viel — von Lenbachs Porträt bis zu den kleinen bunten wie Zuckerguß wirkenden Kürassierbüsten. Lange überlegt ich den aussichtsvollsten Weg. Frech war ich nicht, und Mut hatte ich nur in Gefahren. Aber die Bewunderung machte auch einen Jungen meines Schlages fanatisch- Ehe ich es mir selber zugetraut, stand ich in der Wilhelmstraße und hatte das Glück, nicht nur die Wachposten, sondern auch den Pförtner im Kanzlerpalais anzutreffen. Ich sah den Mann so sehnsüchtig an, daß er meinen Blick fragend erwiderte. Plötzlich hatte ich mein Anliegen herausgebracht. Ich erhielt eine freundliche Antwort. Seine Durchlaucht reite fast täglich nachmittags um 4 Uhr spazieren. Ich müsse aber am Parktor in der König- grätzer Straße warten.
Das tat ich alsbald. Dazumal war es noch idyllisch in der Lennästraße und dem Tiergarten gegenüber. Kein Auto, keine Elektrische, nur langsame Droschken von Zeit zu Zeit. Ich war sehr allein mit meinem unwahrscheinlichen Wagemut. Je länger ich da wartend vor dem unheimlich stummen schwarzen Eisentor stand, desto ferner rückte die Möglichkeit, daß ich hier Bismarck vor mir sehen konnte. Seltsame Verängstigung rückte mich allmählich ins Unwirkliche. Ich sah ibn vor mir in der ehernen Denkmalsart, nur als Reichsverweser und Kaiser Wilhelms Paladin, wie sein Bild meine Kindheit begleitet hatte.
So träumte ich achtlos vor dem schwarzen Eisentor. Doch plötzlich mußte ich zurückprallen' Ein ungeheurer Effekt — es öffnete sich langsam nach innen — und Bismarck ritt heraus, direkt auf mick 3U. Ein Diener mit Zylinderhut folgte ihm. Ich konnte eben noch fortspringen und die Mütze herunterreißen. Ja, das war er und für immer nur noch das. Er sah mich an und erwartete den Gruß eines Schuljungen. Der Halberstädter Kürassier. Der Riese auf dem hohen Gaul, Legende und Darstel- lung wunderbar bestätigt — dennoch anders. Leben, menschliches Leben war das namenlos Ergreifende. Ein Siebziger, der noch standhielt nach einer unübersehbaren Arbeit, der noch durch den Tiergarten trabte wie die jungen Offiziere. Aber das alles traf mich nicht am seltsamsten. Das Ueberlieferte bekam eine Zutat, die anfangs enttäuschen!) war, dann immer wertvoller, weil menschlich rührender wurde: Bismarck trug bei seinem Ausritt eine Brille. Diese Augen hatten mich hinter Gläsern angeblich. Vergängliches — auch dies war noch sicht, bar. Ich lernte nun erst die eherne Vollkommenheit des Mannes in feinen Taten sehen.


