große, stark bewaffnete und stark gepanzerte Kampf' mögen. Ja, dehnte den Panzerschutz auch auf das Raupengetriebe aus und machte die Wagen dadurch noch sichtbarer und unhandlicher. Der Schlußpunkt dieser Entwicklung sollten die beiden Riesentanks ein, die gegen Ende 1918 fertiggestellt sein sollten. Sie wogen bei einer Panzerung von 30 Millimeter
an den Seiten und 40 Millimeter vorne uno ymren 150 Tonnen und mußten bei längeren Marschbe- weaungen in Einzellasten von 40 bis 50 Tonnen zerlegt werden. Für 1919 war die Massenanferti» gung von Tanks in Aussicht genommen. Tatsächlich hatten wir aber im Sommer 1918 nur etwa 45 eigene und Beutetanks an der Front.
oen Gonern um chcec tSunjl wtueri ourgeorachr werden konnte, waren Blut und Seele eines Menschen.
Mit solchen Erklärungsversuchen sind dle Ratlel von Carnac aber noch nicht am Ende. Die ungeheuren Steinmassen, die hier bewegt worden Md, und nicht minder die Masse eines benachbarten Tu- mulus, der oben eine mittelalterliche Kapelle tragt (tumulus St. Michel), setzen eine sehr zahlreiche und fest unter Fürsten oder Priestern zusammengefaßte Bevölkerung voraus. Ein Steinblock von doppelter Mannshöhe und entsprechender Breite und Dicke wiegt Hunderte von Zentnern, und diese Lasten sind nicht an Ort und Stelle gefunden, sondern zum Teil über längere Strecken hergeschafft worden. Wie hat man das gemacht? Wovon und wofür haben die Menschen gelebt, die zahlreich genug waren, diese Steinsetzungen zu bauen, und einen Hügel, wie den Tumulus St. Michel aufzuwerfen? Warum hat sich das alles auf diesen Teil der bretonischen Küste konzentriert? Für den Ackerbau taugt das Land wenig, Wild kann es bei der Menschenmenge kaum noch gegeben haben — bleiben nur Viehzucht und Fischfang übrig. Das Meer bei Carnac ist reich an Sardinen, Austern und Krabben; sind die Steinzeitleute auch schon Sardinen- und Austernfischer gewesen? Seeräuberei wird damals noch nicht viel abgeworfen haben, denn wo waren die Schiffe, die man anfallen und plündern konnte?
So viele Fragen, so viele fehlende Antworten. Oder führen uns noch unbekannte Fäden von der vorgeschichtlichen Bretagne zu den späteren Obelisken und den Sphinx-Alleen der Aegypter? Zu dem Pfeilerrund des englischen Stonehenge? Zu den Hünengräbern Norddeutschlands, Dänemarks, Schwedens? Die Forschung hat da noch ein weites Feld und kann sich feiner freuen.
Aufpsa-enverGejchichtedurchIrankreich Don Dr. Paul Rohrbach
Die von weit her auf den Cromlech und die dazugehörigen Dolmen zielenden Reihen der tausend Menhirs würden also, Stein für Stein, die Seelen» male für Tote aus jenem alten Volk bedeuten, für Gefolgsleute des großen Häuptlings, der in dem Dolmen am Rande des Cromlechs bestattet lag. Dem einfachen Volk sind sie noch heute unheimlich als Hexentanzplätze.
Unter den Seelensteinen der Reihensetzung von Mence, nur einen Kilometer von Carnac, ragt ein Riese von fast fünf Meter Höhe weit über seine Nachbarn empor, als ob es ein Vorkämpfer im Getümmel der Schlacht wäre. Es mag der Menhir eines gewaltigen Häuptlings fein. Indem ich an feinen Fuß trat und mich mit der Schulter an den grauen Giganten lehnte, dachte ich daran, wie wohl der Seelendienst ausgesehen haben mag, der vor viertausend und mehr Jahren hier begonnen wurde. Wild, ja für unsere Begriffe grausig genug mag er gewesen sein: nicht nur Kampfspiel und Opfer« »?, sondern auch Menschenopfer wird es ge» oben, denn das Beste und Wertvollste, was
Go sieht dos Geld aus, über das die Welt spricht.
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Hier sind die Münzen und Scheine verschiedener Länder, die im Verlaufe der Frankenabwertung einen erheblichen Teil ihres Goldwertes einbüßten. Rechts oben: Vorder- und Rückseite der französischen 1-Frank-Münze, darunter die Vorder- und Rückseite der Schweizer 1-Frank-Münze. In der Mitte eine englische 1-Pfund-Note (oben) und eine amerikanische 1 - Dollar - Note. Links unten: Vorder- und Rückseite eines holländischen 1-Gulden-Stückes, darüber
Vorder- und Rückseite der belgischen 1-Belga-Münze. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Der japanische Reisbauer.
Don JRuOoif Weise, Tokio.
Modell vor, vus wert besser war als alle später im Weltkrieg in Erscheinung getretenen Kampfwagen. Es war bereits ein Raoerraupentank, das heißt: her Wagen sollte im Gelände auf zwei gefederten Raupenketten, auf der Straße mit Hilfe von vier heb» und senkbaren Rädern, die vorne als Lenkräder und hinten als Triebräder gedacht waren, laufen. Außerdem trug er hinten und vorn je zwei heb- und senkbare Auslegerpaare mit kleinen breiten Rollen, deren er sich als Stützen beim Ueberroinben größerer Geländehinderniffe bediente. Er erreichte eine Straßengeschwindigkeit von 20 bis 30 Kilometer und eine Geländegeschwindigkeit von 5 bis 8 Kilometer in der Stunde. Er verfügte über eine, für einen Erstversuch erstaunliche Steig- und Kletter- fähigkeit. Oberleutnant Burstyn hatte seinem Wagen in richtiger Erkenntnis der feindlichen Gegenwirkung nur einen niedrigen Aufriß und kleine Abmaße gegeben. Dennoch konnte er ihn für die damaligen Begriffe mit einer ausreichenden ge« wehr- und maschinengewehrsicheren Panzerung und mit einem kleinkalibrigen, automatischen Schnellfeuergeschütz bewaffnen. Seine Bedienung erforderte drei bis vier Mann. Ohne Zweifel stellte das Modell ein äußerst wertvolles, neuzeitliches und bei überraschendem Einsatz für alle Gegner äußerst gefährliches Kampfmittel dar.
Bedauerlicherweise hat die österreichische Heeresverwaltung, höchstwahrscheinlich aus Mangel an den notwendigen Geldmitteln, diese vielversprechende Erfindung nicht erworben und weiter entwickelt. Sie scheint den Wagen sogar für so wenig kriegsbrauchbar gehalten zu haben, daß sie gar nicht auf den Gedanken kam, andere womöglick Oesterreich feindliche Staaten könnten Nutzen aus dieser heimischen Erfindung ziehen. Sie bereitete wenigstens der Veröffentlichung der Konstruktionszeichnungen in Wiener und Berliner Fachzeitschriften und der Patentierung in Oesterreich und Deutschland keinerlei Schwierigkeiten. „Es ist gar nicht aufzuseben", schrieb kürzlich ein österreichisches Blatt anläßlich der Aufstellung des Tankmodells im österreichischen technischen Museum, „welche Entwicklung die Kampfhandlungen im Jahre 1914 für die Mittelmächte genommen hätten, wenn die österreichisch-ungarische Monarchie diese Chance, die das Schicksal dem alten Reiche gegeben hatte, ausgenutzt und einige hundert dieser Kampfwagen gegen die primitiven russischen Soldaten eingesetzt hätte."
Im Weltkriege waren es nun d i e G e g n e r der Mittelmächte, die den gleichen Gedanken in die T a t umsetzten. Franzosen und Engländer streiten sich um den Ruhm, wer den ersten kriegsbrauchbaren Kampfwagen hergestellt hat. Sie gingen beide schon im Winter 1914/15, als es offenbar wurde, daß die Kraft der Maschinengewehre durch die bisherigen Kampfwaffen nicht zu brechen war, an den Bau von Kampfwagen. Im Gegensatz zu Burstyn stellten sie nicht die Schnelligkeit und die geringe Sichtbarkeit, sondern bie Stärke der Panzerung und Bewaffnung in den Vordergrund. Sie kamen daher zu Modellen, die bei einem gegen Jnfanteriegeschosse schützenden Panzer zwei Geschütze (männliche Tanks) oder mehrere Maschinengewehre (weibliche Tanks) trugen, bie aber bei einem übermannshohen Aufriß einer tragenben Länge von 4 Meter unb einem Auflagedruck von 0,7 kg/qcm 27 bis 28 Tonnen wogen unb sich knapp mit ber Gefchwinbigkeit eines Fußgängers durch das Gelände bewegten. Aus Tarnungsgründen wurden die Fahrzeuge als „Tank s" (Kraftstoffbehälter) in Berichten unb Befehlen geführt, ein Name, ber ihnen dann im internationalen Sprachgebrauch verblieben ist.
Im Herbst 1916 wurden sie zum erstenmal an der Somme beim Angriff auf das Dorf Flers eingesetzt. Ihre Erfolge waren nicht allzu vielversprechend. Von 40 Wagen kamen 32 an den Feind, richteten aber wenig Schaden an. Auch die nächsten Versuche mit verbesserten Modellen in der Aisne-, Champagne- und Arras-Schlacht im Frühjahr 1917 mißglückten. Die deutsche Arttllerie schoß die langsam dahinschreitenden Ungetüme zusammen. Das sollte anders werden, als die Tanks in solchen Massen auftraten, daß die zahlenmäßig schwache deutsche Stellungsarttllerie nicht in der Lage war, alle rechtzeittg aufs Korn zu nehmen, als sie sich auf ihr Grundelement, die Bewegung, besannen, bank ihrer gesteigerten Gefchwinbigkeit bas deutsche Abwehrfeuer unterliefen unb alsdann aus nächster Entfernung mit ihrem Gegner ben Kampf aufnahmen, als an bie Stelle bes schweren Tanks der leichte Tank, ber Winbhundtank, ber Wipper trat. Ein späterer Aufsatz wirb darüber Näheres berichten.
Die deutsche Heeresleitung hat zweifellos der Tankfrage nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Ihre Abwehrerfolge an der Somme hatten sie die Entwicklungsmöglichkeiten dieses neuen Kriegsmittels unterschätzen lassen. Sie glaubte den Kampfwagenbau hinter anderen Aufgaben, dem Geschütz- bau unb ber Munitionsanfertigung, burch bie bie deutsche Rüstungsindustrie schon mehr als erwünscht belastet war, zurückstellen zu können und gab nur wenige Tankmodelle in Auftrag. Sie ging dabei die gleichen Irrwege wie die Gegner, bevorzugte
Hunaernde Gowiet-Kinöer.
Die Sowjet-Machthaber lieferten ein Millionenvolk dem furchtbarsten Hunger aus. Oft sieht man Kinder wie diese mit ben charakteristischen Zeichen bes Verhungertseins. Gierig stürzen sie sich auf ben Blechnapf mit Suppe und den Kanten trocknes Brot. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
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Steinmale in der Bretagne.
Im Frühling hegt bie Bretagne in Grün und Gold gekleidet da. Nirgends in Europa bricht ein olcher Farbenrausch ins Auge, wie von ber Ginsterblüte um bie Bucht von Morbihan.
Ich kam durch die Nacht von Paris, wechselte in Rennes, ber nüchternen Hauptstadt der Bretagne, ben Zug nach Vannes unb fanb dort gleich einen Autobus nach Carnac. In Vannes steckt wohl noch ber Name ber Veneter, bie mit ihrer Seetüchtigkeit ben schlechten Schiffen und ungeübten Matrosen Julius Cäsars soviel zu schaffen machten. Zwischen Vannes und Carnac greift der Golf von Morbihan wie eine Spinne mit vielen Beinen in die Küste der Bretagne ein. Manche Bucht ist so schmal, daß an einer Enge eine Brücke sie überquert. Unser chweres Gefährt sauste sicher durch alle Kurven, nahm auch bie Brücken im Sturm unb hielt ein paarmal in alten romantischen Stäbtchen, von benen jebes seine Geschichte bat. Es ist hier oft büfter unb blutig hergegangen. Man rounbert sich, wie wohlhabend die Bauten früherer Jahrhunderte aussehen, Bürgerhäuser, Rathäuser, Kirchen. Das kam vom Kabeljaufang auf ben Bänken von Neufunbland und von der Seeräuberei. Die Bretonen waren verwegene Schiffer (sie sind es auch noch heute), und auf den Meeren galt im 16. und 17., ja noch im 18. Jahrhundert em ähnliches Faustrecht wie zu Lande in der Raubritterzeit. Den Humor jener Zeit zeigt eine berühmte Holzschnitzerei an einem windschiefen Fachwerkhause in Vannes; das Paar an der Ecke im ersten Stock heißt Herr und Frau Vannes. Nicht geschmeichelt, aber drastisch!
Je näher an Carnac, desto berauschender mischt ich das Gold des Ginsters auf den Höhen unb m ben Hecken in bas feuchte Grün ber Vieh tragen- ben ©eiben unb ber massenhaft zur Abgrenzung ber Felder gepflanzten Baumreihen. In Carnac hielt ber Autobus vor bem kleinen, netten Hotel bes Voyageurs. Es ist altmobisch, gemütlich, ganz unb gar gute, französische Provinz, aber in Dingen, bie ber Reisenbe gern hat, wie z. B. warmes unb kaltes, fließenbes Wasser, erfreulich mobernifterL Eine Tafel neben der Tür vom Touring Club de France meldete: „Hotel wird empfohlen." Gleich gegenüber liegt die stattliche Kirche von 1637 (in Deutschland Dreißigjähriger Krieg!), deren Maße unb alte Ausschmückung auch auf bie besonderen Derdienstmöglichkeiten eines guten Bretonen Hinweisen.
Rasch fand sich auch ein Auto zur Fahrt in die großen Merkwürdigkeiten, durch bie Carnac berühmt ist: bie vorgeschichtlichen Steinsetzungen, die Dolmen, Cromlechs und Menhirs. Das find keltische Worte — noch svricht eine Million Menschen in der Bretagne keltisch —, aber die Objekte sind viel älter als die älteste Keltenzeit. Ein Dolmen ist eine aus großen rohen Steinblöcken gefügte Grabkammer, eine Totenstube, oft noch mit einem gedeckten Zuführungsgang derselben Bauart. Ein Cromlech ist eine offene, gerundete Steinsetzung, die einen freien Platz umschließt. Ein Menhir endlich ist ein einzelner, zu einem kultischen Zweck auf- gerichteter Stein. Es gibt ganz kleine M-mhirs, kaum einen halben Meter hoch, und es gibt Riesen von fünf unb mehr Meter Höhe, ja, einige, die jetzt gestürzt liegen, finb noch weit größer.
Schon nach ein paar Minuten Fahrt war ich mitten in einem ber brei großen Wunber von Carnac. Es finb bie drei „Alignements": Steinsetzungen, die bis zu tausend und mehr Menhirs zählen, alle in parallelen Reihen aufgestellt, die sich etwa über einen Kilometer hinziehen. Ursprünglich hat jede Steinsetzung auf einen Cromlech hingeführt, an dessen einem Ende ein großer Dolmen stand, aber dieser Zusammenhang ber Anlagen ist nur noch teilweise zu erkennen. Es war ein höchst merkwürbiges Bilb! Wie eine Heerschar sieht man bie Reihen von weitem heranziehen, bie kleinsten Steine in der Ferne, bann kommen größere unb größere, bis zu ben doppelt mannshohen Riesen mit denen jede Reihe am Rand bes Cromlechs abbricht. Von ben Cromlechs unb ben Dolmen ist nur je einer deutlich erhalten.
Die drei Alignements stehen auf ein paar Kilometer Entfernung beieinander. Es sind alles unbehauene Steinmassen von ganz verschiedener Ge- taü. Chronologisch gehören sie ins Neolithicum, die jüngere Steinzeit, also frühestens an den Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. Sie können aber auch Jahrhunderte älter und gleichzeitig mit den Pyramiden errichtet fein. Höchstwahrscheinlich haben sie dem Toten- ober Seelenkult gebient.
Die inbogermanischen Kelten sinb nicht früher als in ber ersten Hälfte bes ersten Jahrtausenbs v. Chr. in das später nach ihnen benannte Gallien eingedrungen. Man hat sich daran gewöhnt, die nach Stamm und Sprache unbekannte vorkeltische und vorindogermanische Bevölkerung des atlantischen Westeuropa Iberer zu nennen. In Spanien gab es ein keltisch-iberisches Mischvolk, die Keltiberer, unb möglicherweise steckt auch in ben heutigen Berbern in Norbafrika außer ber Namensähnlich' feit eine Stammesverwanbtschaft mit ben vorgeschichtlichen Bewohnern Spaniens, Frankreichs, Eng- lanbs. Menhirs unb Dolmen finben sich auch in ganz Norbafrika, ja selbst noch im palästinensischen Ostjorbanlande. Die Dolmen finb kaum etwas anderes als unsere sogenannten Hünengräber, und bie „Siebenstein-Häuser" in ber Lüneburger Heibe sind ebenso gebaut wie die Dolmen ber Bretagne. Die Menhirs bagegen scheinen ben von ber prähistorischen Wissenschaft angenommenen . Iberern unb außerdem ber allen Mittelmeerwelt eigentümlich gewesen zu fein.
Den Schlüssel zur Erklärung der bretonischen Steinsetzungen glaube ich in der Deutung zu finden, die Carl Schuchhardt, jetzt unser Altmeister in der Vorgeschichtsforschung, ben Menhirs gegeben hat: daß man sich auf der Spitze dieser Steine die Seele des Verstorbenen sitzend dachte, wenn ihr die Nachfahren mit kultischer Verehrung nabten. Schuchhardt belegt diese Auffassung von den Menhirs mit guten Gründen, sowohl aus kretischen Abbildungen, die ebenso alt ober wenig jünger sein mögen als die Anlagen bei Carnac, als auch aus ber späteren klassischen Literatur. Noch in den „Persern" bes Aeschylus wirb ber Geist bes verstorbenen Königs Darius angerufen: er möge auf der Spitze seines Grabmals erscheinen.
Don Marunouchi, dem modernen Bankenviertel Tokios mit feinen achtstöckigen, erdbebensicheren Be- tongebäuben, bis zu den Reisfeldern der Tokio- Ebene ist es nicht weit. Geht man einige Schritte seitwärts ber verkehrsreichsten Straße Japans, nämlich ber Tokio—-Jvkvhama-Lanbstraße, durch bas Gewirr ber hölzernen japanischen Wohnhäuser, so ist man in ber fruchtbaren Kanagawa-Reisebene. Dort trifft man ben japanischen Reisbauern, besten Leiben die wachsenben inneren Spannungen in Japan mit verursachen.
Neben dem Bahndamm der elektrischen Schnellbahn Tokio—Jokohama steht er bis zu den Knien im breiigen Schlamm seines umgegrabenen, bewässerten Reisfeldes, zerdrückt mit feinen Händen die Erdklumpen. Dort stehen seine Frau und seine Kinder und stampfen Gründünger, Unkraut und Stroh in ben schlammigen Grund. Unter den mächtigen Hochspannungsleitungen ber Ueberlanb» zentralen, bie das moderne Japan als sein Sinnbild betrachtet, stehen bie Bauernfamilien im bewässerten Felde, tief gebückt, unb setzen mit den Händen sorgsam jede einzelne kleine Rerspflanze aus dem Saatbeet in bas mühsam vorbereitete Naßfeld wie vor taufenb Jahren. Später in der Jahreszeit mag man bie gleichen Menschen beobachten, wie sie, dicht neben der Mauer einer modernen Maschinenfabrik, mit ber Kraft ihrer Beine ein hölzernes Wasser- r a b brehen, um bas spärlicher geworbene Wasser aus den Kanälen auf die eingebämmten Felder hinzuleiten. Und unbekümmert um stahlfressende Drehbänke, bie elektrischen Kraftanlagen unb bie mobernsten Probuktionswerkzeuge, die in seiner unmittelbaren Nachbarschaft für alle japanischen Wirtschaftszweige außer für die Landwirtschaft hergestellt werden, greift der Bauer im Herbst die gelbgewordenen Reishalme händeweise zusammen, schneidet diese Bündel mit einem primi- tioen Handmesser ab und schlagt die reifen Reiskörner über einer Holzstange auf ausgebreitete Strohmatten aus den spröde gewordenen Halmen heraus.
Alle Arbeit auf ben Reisfeldern geschieht mit ber bloßen Hanb ober ben Beinen ber Bauern w i e vor Hunderten von Jahren. Vielleicht ist die Eisenspitze ihrer Holzpflüge etwas länger, kräftiger geworben in der Neuzeit. Die Maschine, die Fabrik, bie moderne Großindustrie Tokios, Joko- bamas ober Osakas betreuten bem Bauern nichts. Selbst ber künstliche Dünger, bas einzige Erzeugnis, mit dem sie die moderne Wirtschaft in großen Mengen versorgt, ist eher ein Fluch für bie Bauern geworden, vergrößert ihre Schuldenlast, bringt sie in immer größere Abhängigkeit vom Händler, vom Kreditwucherer und vom Industriellen. Geld
mangel und die all zu vielen schon jetzt fast beschäftigungslosen Hände in ihren wachsenden Familien halten die Bauern davon ab, moderne technische Errungenschaften einzuführen.
Eine japanische Bauernfamilie zähll im Durchschnitt sechs Köpfe. Das Stück Land aber, das sie bearbeitet, ist in den meisten Fällen winzig klein. Unter normalen Ernteoerhältnisfen ist ber Bestand einer Familie mehr ober weniger gesichert, wenn sie ein Stück Land von etwas mehr als einem Hektar bearbeitet. Also ein Grundstück, wir würden jagen einen Garten, von etwas mehr als 100 mal 100 Meter. Doch in Japan hat nur eine Minderhell ein solches zum Lebensunterhall ausreichendes Kleingrundstück. Sieben Zehntel aller Bauernhaushalle haben erheblich weniger ober kommen gerade in die Nähe dieses „idealen" Minimums. lieber 36 v. H. aller Bauern bearbeiten nicht einmal die Hälfte dieses theoretischen Normal- Grundstückes. Nur knapp drei Zehntel aller japanischen Bauernfamilien haben also ausreichend Land zur Verfügung. Dazu kommt noch die extreme S t r e u l a g e der verfügbaren Landfläche. Die scherzhafte Erzählung von einem Bauern, der, von der Arbeit ausruhend, seine Bodenstücke zählte und das neunte Landstück nicht sehen konnte, weil er nämlich auf ihm saß, hat einen Kern trauriger Wahrheit in sich.
Doch selbst diese kleinen Landbrocken gehören dem Bauern in den meisten Fällen nicht zu eigen. Nur rund drei Zehntel aller Bauern sind selbständige Bauern, die auf eigener Scholle leben. Alle anderen sind entweder rein Pächter, die keinen Fetzen eigenes Land besitzen und bie jeben Fußbreit pachten müssen ober solche, bie zu einem winzigen Eigenbesitz noch hinzupachten müssen. Damit eine landwirtschaftliche Betätigung überhaupt möglich wird. Diese Gruppe ber Pächter unb Halbpächter vergrößert sich ständig und ist besonders in der reichen, großen Reisebene weit über ben angegebenen Durchschnitt angewachsen. Nur ganz leiten haben wir bei unseren Streifen durch die Reisfelder der Tokio-Ebene Bauern getroffen, die mit deutlich zur Schau getragenem Stolze den bearbeiteten Boden i h r Eigen nennen konnten. Sie werden von den anderen mit Respekt die „Kane- mochi" genannt, das heißt die „Geldstarken", also d i e R e i ch e n.
Fast durchgehend, beim Reisbau ausschließlich, besteht in Japan noch die Natural-Rente. Nach der Ernte muß ber Bauer feine Packt in Reis an den Grundbesitzer abliefern, und zwar in der Regel d i e Hälfte der Ernte. In ben fruchtbaren Reisebenen finb Pachtrenten von 55 v. H. des Ertrags keine Seltenheit. Der Pächter hat in Japan so gut wie gar keinen Rechtsschutz.


