Nr. 28 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 3.5ebruar Mb
Die Gestapo.
Der „Völkische Beobachter" bringt über die „Geheime S t a a t s p o l i z e i", die er „eine der am meisten beredeten und am weniq- stey gekannten Einrichtungen des nationalsozialistischen Staates" nennt, einen Aufsatz dem wir folgendes entnehmen:
Der Staat darf sich nicht damit zufriedengeben, bereits begangene Verbrechen des Hoch- und Landesverrats aufzuklären und die Täter zu bestrafen Diel wichtiger ist, der Begehung derartiger Straftaten oorzubeugen und damit die Wurzeln dieser dem Staate drohenden Gefahren zu vernichten. Deshalb ist ein weiteres großes Aufgabengebiet der Geheimen Staatspolizei die vorbeugende Bekämpfung aller dem Staate und der Staatsführuna drohenden Gefahren.
Mag die Verfolgung politischer Delikte die Auf. gäbe der Krimilnalpolizeien aller Zeiten und Länder gewesen sein — auch der Weimarer Staat hatte in den Abteilungen I A seiner Polizeibehörden eine solche auf politische Delikte spezialisierte Kriminalpolizei — so ist eine Geheime Staatspolizei als vorbeugendes Kampfinstrument gegen die dem Staate drohenden Gefahren ihrem Wesen nach unlösbar mit dem nationalsozialisti- schen Führerstaat verbunden. Denn seit der nationalsozialistischen Revolution ist jeder offene Kampf und jede offene Opposition gegen den Staat und gegen die Staatsführung verboten. Die Gegner des Führers und der nationalsozialistischen Idee sind aber, insbesondere soweit sie im Auftrage ausländischer Zentralen im Reich tätig waren und sind, mit dem Verbot ihrer Organisationen und ihrer Zeitungen keineswegs beseitigt worden, sondern haben sich lediglich in andere Formen des Kampfes gegen den Staat zurückgezogen. Wo die Regierungen des demokratisch-parlamentarischen Systems gegnerische Parteien, Fraktionen und Kampfbünde in der Oeffentlichkeit sich betätigen sahen, muß der nationalsozialistische Staat die unterirdisch gegen ihn kämpfenden Gegner in illegalen Organisationen, in getarnten Vereinigungen, in den Zusammenschlüssen wohlmeinender Volksgenossen und selbst in den eigenen Organisationen der Partei und des Staates aufspüren, überwachen und unschädlich machen — und zwar bevor sie dazu gekommen sind, eine gegen das Staatsinteresse gerichtete Handlung wirklich durchzuführen. Diese Aufgabe, mit allen Mitteln den Kampf gegen die geheimen Staatsfeinde zu führen, wird keinem Führerstaat je erspart bleiben, weil immer die staatsfeindlichen Mächte von ihren auswärtigen Zentralen her irgendwelche Menschen in diesem Staate sich dienstbar machen und zum unterirdischen Kampf gegen den Staat einsetzen werden. Aus diesem Grunde ist ein Kampfinstru- ment gegen diese Staatsfeinde für jeden Führer- staat eine organische Notwendigkeit, die nicht ohne schwerste Gefahr vernachlässigt werden darf.
Die vorbeugende Tätigkeit der Geheimen Staats- Polizei besteht in erster Linie in der umfassenden Beobachtung der Tätigkeit aller Staatsfeinde im Reichsgebiet. Da die Geheime Staatspolizei neben den ihr in erster Linie obliegenden Vollzugsaufgaben diese Beobachtung der Staatsfeinde nicht in dem notwendigen Maße durchführen kann, tritt ihr ergänzend der Sicherheitsdienst des Reichsführers S S., der vom Stellvertreter des Führers als der politische Nachrichtendien st der Be- wegung eingesetzt wurde, zur Seite und stellt damit einen großen Teil der von ihm mobilisierten Kräfte der Bewegung in den Dienst der Staatssicherheit.
Die Geheime Staatspolizei trifft auf Grund der Beobachtungsergebnisse gegen die Staatsfeinde die erforderlichen polizeilichen Vorbeugungsmaßnahmen. Die wirksamste Vorbeugungsmaßnahme ist zweifellos die Freiheitsentziehung, die in der Form der „S ch u tz h a f 1' verhängt wird, wenn zu befürchten ist, daß die freie Betati- gung der betreffenden Person in irgendeiner Weise
die Staatssicherheit gefährden werde. Die Anwendung der Schutzhaft ist durch Richtlinien des Reichsund Preußischen Ministers des Innern und durch ein besonderes Haftprüfungsoerfahren der Geheiheimen Staatspolizei so geregelt, daß — soweit es Aufgabe des vorbeugenden Kampfes gegen die Staatsfeinde zuläßt — ausreichende G a - rantien gegen einen Mißbrauch der Schutzhaft gegeben find. Vor allem aber hat die einheitliche Erziehung und die Gleichrichtung der Praxis bei allen Behörden der Geheimen Staatspolizei dazu geführt, daß die Erfolge der Anwendung der Schutzhaft die gelegentlich nicht zu vermeidenden Härten unendlich aufwiegen.
Während kurzfristige Schutzhaft in Polizei- und Gerichtsgefängnissen vollzogen wird, nehmen die der Geheimen Staatspolizei unterstehenden Konzentrationslager diejenigen Schutzhäftlinge auf, die für längere Zeit aus der Oeffentlichkeit herausgenommen weroen müssen. Den größten Stamm der Insassen der Konzentrationslager bilden diejenigen kommuni st ischen und sonstige marxistischen Funktionäre, die nach den gemachten Erfahrungen in Freiheit sofort ihren Kampf wieder aufnehmen würden.
Weitere polizeiliche Vorbeugungsmaßnahmen gegen staatsfeindliche Bestrebungen bestehen in der A uflösung von Verbänden, in dem Verbot und der Auflösung von Versammlungen und Zusammenkünften, in dem Verbot von Schrif- t e n aller Art und dergleichen. In der Anwendung der polizeilichen Vorbeugungsmaßnahmen ist die Geheime Staatspolizei ein notwendiges Instrument in der Hand der Staatsführung, durch das der Wille der Staatsführung überall da durchgesetzt werden kann, wo andere' Zweige des Staatsapparates sich nicht durchsetzen können oder nicht eingesetzt werden sollen. Da auch der NSDAP, und ihren Führern durch gesetzliche Bestimmungen ein besonderer Schutz gewährt wird, obliegt der Ge
heimen Staatspolizei auch die Verfolgung von Delikten gegen diese Gesetze und der vorbeugende Schutz Der Partei und ihrer Führer.
Die Aufgaben der Geheimen Staatspolizei können nur von Menschen erfüllt werden, die ganz in der nationalsozialistischen Weltanschauung leben und die die Verwirklichung der nationalsozialistischen Idee als das eigene Lebensziel betrachten. Deshals ist es das Bestreben der Führung der Geheimen Staatspolizei, aus den Angehörigen der Geheimen Staatspolizei nicht nur einen einwandfrei und erfolgreich arbeitenden Behördenapparat, sondern ein weltanschaulich und kameradschaftlich fest in sich geschlossene Staatsschutzkorps neuer Prägung zu schaffen. Das äußere Zeichen dieser inneren Geschlossenheit ist die schwarze Uniform der SS., die heute schon von einem großen Teil der Beamten und Angestellten der Geheimen Staatspolizei getragen wird.
Alle Angehörigen der Geheimen Staatspolizei sind sich bewußt, daß ihnen mit dem steten Kampf gegen die negativen und zerstörenden Erscheinungen die schwerste, aber zugleich eine der ehrenvollsten und notwendigsten Aufgaben im nationalsozialistischen Staate auferlegt ist.. Sie fühlen sich bewußt als der Schnittpunkt von Staat und Bewegung, indem sie bestrebt sind, als tadellos arbeitender Behördenapparat die Anordnungen der Staatsführung und die Verwirklichung der Gesetze reibungslos zu vollziehen — indem sie aber zugleich als der Teil der nationalsozialistischen Bewegung sich fühlen, der noch heute Brust an Brust mit den Gegnern der Kampfzeit ringt und so die Erfolge der nationalsozialistischen Revolution verteidigt.
Die Geheime Staatspolizei weiß, daß sie sich mit ihrer Arbeit, in der sie unmittelbar und mittelbar zahllosen Menschen weh tun muß, weder Liebe noch Dank gewinnt. Sie erstrebt ebensowenig äußere Anerkennung und Ehre.
Sensationen, Mondraketen und Kanonen
Oer Londoner Filmregisseur H. &. Wells und sein Tleuyorker Interview.
Schon in den Urzeiten des Films haben die phantastischen Möglichkeiten der Filmphotographie die Autoren immer wieder verführt, sensationelle Stoffe, Zukunftsträume der Menschheit, die wildesten Abenteuer zu erdenken und auf die Leinwand zu bannen. Don den verschiedenen nie recht geglückten Verfilmungen des sagenhaften „Atlantis"- Stoffes bis zu „Metropolis" und der „Frau im M o n d" haben wir immer neue Formungen utopischer Vorwürfe erlebt, geboren aus dem Drange, Wunderwerke der Technik in den Dienst entfesselter filmischer Visionen zu stellen.
Es liegt in der besonderen wirtschaftlichen und seelischen Struktur des Amerikanertums begründet, daß die dortigen Produktionsfirmen hier den Vorrang hatten. Die Maßlosigkeit aller Lebens- und Kunstformen im Lande der Dollarfürsten, der Wolkenkratzer und der Hollywood-Königinnen .mußte naturgemäß gerade auf dem Gebiete grotesker Phantastik und greller technischer Bluffs iu überspitzten filmischen Formungen gelangen, Formun- oen, die, vielfach töricht, vielfach prickelnd wie die Schmöker unserer Kindheit, blendeten und überraschten, mit wenigen Ausnahmen jedoch innerlich kalt und leer waren.
Der Unterschied zwischen deutschen und angelsächsischen Filmen dieser Art tritt uns in seiner ganzen Schärfe vor Augen, wenn wir uns einmal klar machen, was uns eigentlich die Filme Harry Piels so liebenswert macht. Es ist nicht nur die regietechnische Leistung, es sind nicht allein die be- wunderswerten Bravourstücke Harry Piels: es ist vor allem die klare, charaktervolle, gemütstiefe Männlichkeit, die uns immer wieder in diesen Filmen packt und uns so manches Bild noch lange Zeit nicht vergessen läßt.
Wie sehr der im Gegensatz hierzu ganz in der rein äußerlichen Beherrschung der technischen Werkzeuge haften bleibende Sen- sationalismus (um dieses nicht schöne oder hier zutreffende Wort einmal zu gebrauchen) mitunter das gesamte Denken von Filmautoren und Spielleitern beherrscht, zeigt eine interessante und aufschlußreiche Unterredung des bekannten Londoner Filmregisseurs H. G. Wells mit Vertretern der amerikanischen Presse anläßlich seiner jetzigen Amerikareise. Dieses Frage- und Antwortspiel zwischen Wells und dem Journalisten ist aufschlußreich für manches Fremdartige in der amerikanischen und auch der englischen Mentalität (die freilich nirgends so sehr wie in der Filmproduktion von Amerika stark beeinflußt ist).
Das Interview, das in einer bekannten Londoner Film - Monatsschrift abgedruckt ist („Screen Pictorial“, Februar 1936), dreht sich zwar zunächst um H. G. Wells gegenwärtige Filmpläne, vor allem um seinen mit Spannung erwarteten Film „Kommende Dinge" („Things to come“), der das Problem der Eroberung des Mondes von neuem aufgreift, spielt dann aber auf allgemeine Fragen über filmische Dinge hinüber. Und da äußert denn im Verlauf der Unterhaltung Mr. Wells Ansichten, die schon deswegen, weil sie ja durch die gesamte amerikanische Presse gehen werden oder bereits gegangen sind, nicht unwidersprochen bleiben können.
Zunächst eine Kuriosität des Denkens, die nicht nur aus fanatischer Filmbesessenheit entsprossen sein kann, sondern einfach die besonderen Gesetze und die ewige Gültigkeit anderer Künste snobistisch und ehrfurchtsvoll mißachtet. Der lebendige Mensch, der auf der Bühne leibhaft vor uns steht, dessen Lebenshauch zu uns herüberschwingt,
Notgroschen, den sich die Bäuerin für kleine Verdienste zurücklegte. Nun wird seine Tür die große Geburtsurkunde der Haustiere.
O, wie gewaltig, wie wichtig und erlebnisgroß kann doch so ein Bauernschrank sein! Nun steht er hier im Kellerlicht. Etwas Vollendetes umschwebt den schweren Schrank. Hat ihn die Not hierhergeschleppt? Und die Kette seiner reichen Jahre unterbrochen? Wo ist die Hand, die den lebendigen Segen des Hofes hütete und das Wachsen dieses Segens treu und gewissenhaft dem Schranke anvertraute?
Nun schließe ich ihn wieder. Wer riß den Schrank aus seiner Heimat, wo er sich hilfefroh an die Menschen lehnte, und die Menschen sich an ihn? Wo sich Mensch und Ding, Ding und Mensch aneinanderschlossen mit Herz und Hand. Denn daß der Schrank auch ein Herz und eine Hand hat, das sieht man ihm sofort an. Er steht da und wartet, grübelt in sich hinein. Seine Gedanken berühren nicht die Dinge, die um ihn hocken und liegen. Er steht da in einer Vollkommenheit, die etwas Großes und zugleich tief Tragisches hat.
Oberhessischer Kunsivereiu.
Oelgeinälde, Aquarelle und Radierungen von Josef Steib.
Josef Steib, der aus dem Rheinland stammt, unter anderem fünfzehn Jahre in Düsseldorf wirkte und jetzt in Berlin lebt, hat schon früher einige Bilder im Kunstverein ausgestellt. Jetzt füllt er mit seinen Arbeiten den ganzen Raum, man erhält einen Ueberblick über das gesamte Werk, und man ist zunächst etwas betroffen insofern, als es unmöglich erscheint, die verbindende Formel zu finden, die Einheit in einer auf den ersten Blick verwirrenden Vielheit der Gesichte: nicht nur im Stofflichen nämlich, nicht allein im Technischen bietet das Werk von Steib ein immer wechselndes Bild. Man kann das, was an Arbeiten hier ver- einigt ist, kaum auf einen Nenner bringen, was ja übrigens auch nicht unbedingt erforderlich scheint. Auch kann man kaum irgendwo Anklange oder gar Einflüsse aufstöbern, was jedenfalls nicht unsympathisch berührt. Wir wissen gar nicht, bei wem etwa Steib in Düsseldorf gemalt hat, wer seine Lehrer waren, ob er überhaupt Lehrer im lanö= läufig-akademischen Sinne gehabt hat.
Wenn man ein Charakteristisches dieser Malerei herausfinden und benennen wollte, so tonnte man etwa auf eine vielfach sich äußernde fprubenbe Freude am Farbigen Hinweisen, die Steib freilich
Hölzerner Geburtsschein.
Von Max Iungnickel.
In einem Kellerladen, wo man hinuntersteigt wie in eine Grabkammer, sah ich, neben alten Stühlen, Tischen und Fußbänken, einen großen, mächtigen Schrank stehen. Ein festes Stück aus Nutzbaum- holz. Die Tür hing freilich etwas windschief. Es kehlte auch ein Fuß. Di- Politur war hier und dort abgekratzt und schrundig geworden, aber sonst hatte der Schrank in feiner ganzen Erscheinung soviel von Standhaftigkeit und Große. Man bedauerte, ihn hier, gerade hier, zwischen Scherben und Splitter, Kehricht und dumpfer Kellerluft, zu begegnen. Der Schein der Gaslampe lag wie Gespensterlicht auf ihm.
Ich weiß nicht, wie es kam, aber das Bild dieses Schrankes fing mich tief ein. Ich öffnete feine Tür — Und da sehe ich, auf der gehobelten Innen- leite, eine Schrift. Bl-ististschrift, dick und schwer- fällig geschrieben. Offenbar von einer Hand geschrieben, die jeden Buchstaben wichtig, sehr wichtig nahm. Fast die ganze Innenseite war oollgeschrieben. „ Da stand- „Am 10. Oktober die rote Kuh gekalbt^ — llnb so ging das weiter über die „große Sau , über Ziegen, Gänse und Glucken. Die ganze -Lur mar eine gewaltige Geburtstafel der
SArant hielt das gigantisch- Na.zbuchblatt eines Bauernhofes in feinen Angeln fest.
Als ich stand und buchstabierte, bevölkerte sich plötzlich der verschüttete Keller mit dem ganzen leidigen Reichtum eines Gehöftes. Es lebte und wimmelte um mich herum. Nicht nur Tiere sondern auch Pflug und Wagen, Ställe, gelber nen Und ich sah bie Bauersfrau, die sich bie Geburtstage bir Tiere in ein richtiges Buch notiert batte Eine Bauersfrau mit einer ganzen Schar o°nBindern. Und sah, wie der älteste Junge das
kommt in ihren Arbeitstag. Wer soll das ^es fm Kopfe behalten? Wann hat doch d e große toau ihre Ferkel geworfen? Wann hat die alte Gans ausqebrütel? Wieviel Kinder datte die schwarze Glucke^ Nein nein, so etwas kann man nicht alles im Kopfe behalten! Da greift sie 3^ 2 glücklichen und sicheren Mittel, der Kleiberschrank muß herhalten. Er ist DoUgelaben mit Wasche Kleidern, Andenken, Schmuck, Birnen und mit den
mit Vielen, Alten und Jungen, gemein hat. Steib sieht, wie uns scheint, in seinen Motiven zuerst die koloristischen Elemente, die Farbwerte im wechselnden Licht; dies scheint wesentlicher als der lineare Umriß, als der stoffliche Vorwurf überhaupt. Man kann als Beleg dafür etwa die nordafrikanifche Szenerie (an der Rückwand) heranziehen, mit den braunen Männern im weißen Burnus, mit dem leuchtenden Rot der Basare, mit dem Azur des wolkenlosen Himmels darüber, oder die große Schneelandschaft, in der merkwürdigerweise gar nicht die weiße Winterfarbe dominiert, sondern rote und gelbe und feuchte, föhnblaue Valeurs; ober die „Schiffe auf Rhodos" eine Farbensymphonie auf blauem Grund, über den dann die ganze Palette mit gelben, violetten und cremefarbenen Tönen sich ausbreitet, und der zuletzt noch vom glühroten Viertelbogen eines gerefften Fifchersegels fast sensationell überschnitten wird.
Hierher gehören auch — wir können bei der Fülle des sich anbietenden Materials natürlich nur Ausschnitte geben — eine Reihe von Aquarellen, in denen die Farben weich und verschwenderisch fließen: die Thüringer Mohnfelder z. B., die „grüne Gewitterluft" ober das Blumenstück, das in seiner verschleierten Art ein wenig an manche Bilder des alten Rohlfs erinnert.
In Arbeiten dieser Art erweist sich auch das malerische Temperament Steibs, vielleicht Erbteil und Mitgift feiner rheinischen Herkunft: alle die Bilder, die wir bisher erwähnten, schienen sehr schnell, ja heftig gemalt zu fein, mit vollem Pinsel, saftig und fett; ober sogar mit dem Spachtel derb aufgestrichen; unbekümmert auch und gelegentlich kühn in der Nebeneinanderstellung sehr heterogener Farbwerte.
Doch bieten andere Arbeiten auch wieder ein völlig verändertes Bild: Steib kann, wie etwa die den Thüringer Landschaften gegenüber hängenden Aquarelle erweisen, auch ganz einfache und fast idyllische Wirkungen erzielen; eine schlichte Mauer, ein wenig Grün davor, und ein hoher, nur tan fernen Dogelschwingen durchschnittener blauer Himmel darüber. Er geht gelegenttich liebevoll aufs Detail ein, wie in der „Strauch-Studie" oder im „Hühnerstall", und gibt auch ganz schwerblütige, in der Stimmung verhaltene Bilder wie die auf einen ober zwei ruhige Töne gestimmten norwegischen Aquarelle oder etwa die fast primitiv vereinfachte lyrische Stimmung der „Mondnacht in der Eifel".
Das alles verbindet sich zeitlich auf einem verhältnismäßig engen Raum — fast alle Bilder, die wir hier haben, stammen aus den letzten Jahren — und wird zusammengehalten von der Persönlichkeit des Künstlers, der sich übrigens mit einem Selbst-
unb bie von ihm gesprochene ober gesungene Sprache bes Bühnenbichters: bas ist ein völlig für sich bestehenbes Erlebnis künstlerischer Wirksamkeit, bas ber Film nicht zu geben vermag. Er braucht es auch wahrhaftig nicht, er schenkt uns eine Fülle anberer Wunder und hat seine eigene Schönheit, bie roieberum burch nichts ersetzt werden kann. Herr Wells aber meint, der Film werde allmählich „die Oper und die Bühne verdrängen". Und auf die Frage, ob das nicht sehr schade wäre, meint er lediglich, das eine müsse eben dem andern weichen, künstlerische Formen hätten sich zu wandeln mit den Zeiten.
Soweit die Frage Bühne und Film, wie sie sich in diesem Urteil spiegelt. Ist dies aber immerhin eine Ansicht, bie zu kennen wichtig ist, bie aber bas beutsche Leben unb bie beutsche Kunst wenig berührt, so würben in biefer Presse • Unterredung noch anbere Dinge erörtert, bie zwar nicht Deutschlanb birekt — wenigstens auf ben ersten Anschein nicht — angehen, bie aber eine Vorhersage über bas (ommenbe europäische Schicksal barstellen. Da ist Herr Wells unb anscheinenb auch ber ihn befragenbe Journalist ber Meinung, baß zwar gegenwärtig noch niemanb kriegsbereit ist in Europa, baß aber um 1940 herum „bie Kanonen so weit sein werden, loszugehen".
Das alles ist natürlich vorsichtig formuliert, es fehlt nicht an Einschränkungen und Vorbehalten, „wenn" der Krieg käme, würde es um 1940 sein usw., aber schließlich, es genügt. Sensation, Sensation um jeden Preis. Sie spricht schon aus den Fragen der Journalisten, nicht nur aus den Antworten des Herrn H. G. Wells. Und der staunende Leser, der lediglich glaubt, eine Unterhaltung über filmkünstlerische Dinge zu lesen, hat Gelegenheit, die tiefgründige politische Weisheit eines Filmgewaltigen zu bewundern.
Diese Dinge gehen uns, denke ich, denn doch etwas an. Handelt es sich doch, wie ausdrücklich eingangs betont wird, um eine große Zusammenkunft der ganzen amerikanischen Presse anläßlich der Ankunft des Londoner Gastes und Hollywood- Besuchers. Und Eurova, das schwere Krisen unb Spannungen burchzukämpfen hat, bas aber auch alle ehrlichen Friebensfreunbe heute auf ben Plan ruft unb bas gewiß seine geeinigten Kräfte einmal brauchen wirb, kann solcher ungewissen, nur an- beutenben qualligen unb barum um so gefährlicheren Meinungsbilbung im Äuslanb nicht unberührt zuschauen. Wir haben in diesen Tagen das wichtige Gespräch des Führers mit einer französischen Journalistin erlebt — aber Herr Wells meint ...
Die berufliche Beschäftigung mit Sensationen hat, scheint es, ihre Gefahren. Sie färbt, wenn man keine Gegenkräfte entwickelt, alles Denken sensationell. Die größte Sensation aber ist uns leider vorenthalten worden: wir erfahren nicht, ob Herr Wells und die amerikanischen Journalisten die Absicht haben, selbst in die Mondrakete zu steigen. Dann könnten sie auch die dortige Welt einmal in Fieberphantasien versetzen ...
Scharfschießen bei Ebersgöns.
Am 10., 11., 12., 18., 19., 20. und 21. Februar, von 7.30 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr, finden in der Nähe von Ebersgöns Schießübungen mit scharfer Munition statt. Gefährdet ist das Gelände südlich Ebersgöns, südlich Oberkleen und ostwärts Kleeberg. Die Straßen Ebersgöns—Kleeberg und Ebersgöns—Hausen, letztere soweit der Kreis Wetzlar in Frage kommt, werden für die vorgenannte Zeit für jeglichen Verkehr polizeilich gesperrt.
Das gefährdete Gelände wird durch Posten abgesperrt unb muß eine Stunbe vor Beginn bis eine Stunbe nach Beenbigung bes Schießens von jedem Verkehr freibleiben. Die Bevölkerung wird darauf hingewiesen, daß sie den Weisungen der Absperrposten, die die Rechte und Pflichten eines Wachtpostens haben, unbedingt Folge zu leisten hat.
bildnis von 1928 vorstellt; Proben seines porträti- stischen und figürlichen Könnens geben daneben ber „Mäher" unb ber „95jährige bayerische Bauer", Das Gesamtbilb runbet eine Folge von Rabie- rungen ab, gefestigt in ber technischen Haltung, interessant auch, zum Beispiel im „Traum bes Boxers", im Spiel einer bizarren Phantasie; anbere Blätter — mit Schissen, Lanbschatten, Archi- tekturen — entsprechen etwa ber stilistischen Form ber Aquarelle. —y —
Zeitschriften.
— „D a s Innere Rei ch". Zeitschrift für Dichtung, Kunst unb beutfches Leben. Herausgeber: Paul A l v e r b e s unb Karl Benno v. Mechow. Preis 1,80 RM., vierteljährlich 4,80 RM., Verlag Albert Langen/Georq Müller, München. — Einen wertvollen Ueberblick über bie mannigfaltigen Strömungen bes geistigen unb künstlerischen Schaffens ber deutschen Gegenwart gewährt bas Februarheft, bas biesmal vornehmlich bie schöpferischen Kräfte bis nieberbeutschen Stammes zu Worte kommen läßt. Den Anfang macht Hermann Claubius mit bem Zyklus „Dütt Een is not", brei platt- beutfchen Gebichten voll menschlicher Innigkeit unb Frömmigkeit, bie sprachlich in Einklang stehen mit Moritz Jahns Ballabe von „De Fisker un fien Fro", bie bas bekannte Märchen Phil. Otto Runges zu neuem Leben erweckt. Daneben verbient vor allem ber umfangreiche Aufsatz „Das Zwischenreich unserer Wattenküste" von Martin Luserke Beachtung. Daß Luserke wie kaum ein zweiter dazu berufen ist, erklärt Willi Steinborn in seiner aufschlußreichen Stubie über biefen Erzähler. Neben Gebichten unb Prosabeiträgen von Georg von ber Dring unb Heinrich Ringleb oerbienen bie aus bem Nachlaß Henry von Heiselers veröffentlichten „Marginalien" Erwähnung. In einem eigenen Aufsatz unternimmt Josef Nabler ben bankens- roerten Versuch bas Werk biefes noch immer viel zu wenig bekannten Dichters zu beuten. Hervor- zuheben als außergewöhnliche Zeugnisse jüngster deutscher Lyrik finb ferner bie „Gedichte vom Arbeiter" von Walter Bauer. Breiten Raum nehmen auch bie Aufsätze von Hermann Ehr. Mettin über bas „Theater ber Gegenwart" unb Ernst Kemmer über ben Wert ber Erziehung für bas „Leben ber Schule" ein, währenb Karl Troebs eine grunb- legenbe geschichtsphilosophische Stubie beisteuert zu bem politischen Thema „Ranke unb bas Reich". Mit einer anmutigen Betrachtung „Don Belanglosigkeiten, vom Nichtssaaenben unb vom Geschwätz ober bie Schaffnergeschichte" beschwört ber Maler Max Unolb bie Geister ber Fastnacht.


