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Nr. 257 Zweiter Blatt

IasMommenvvmli.M

Von unserem Str.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Wien, Oktober 1936.

Seit dem Abschlüsse des vom Führer und Reichs­kanzler sowie vom österreichischen Bundeskanzler unterzeichneten Abkommens vom 11. Juli 1936 ist nun etwas mehr als ein Vierteljahr vergangen und man kann sich schon den ersten Ueberblick über seine vorläufigen Auswirkungen machen. Trotz der Kürze der bisher abgelaufenen Zeit kann man schon mit ziemlicher Sicherheit die Richtung feststellen, in der die weitere Entwicklung der gesamten Beziehunaen laufen wird. " .

Auf politischem Gebiet hat das Abkommen zu­nächst eine wesentliche Entspannung der Lage im Donauraum gebracht. Es hat sich so auch in der Wirklichkeit als das erwiesen, was es nach dem Willen und dem Wunsche seiner Spöpfer sein sollte: ein Beitrag zur Sicherung des europäi­schen Friedens. Auch i n n e r p o l i t i s ch hat es sich in Oesterreich durch die große politische Amnestie, die zehntausend österreichischen Nationalsozialisten, die sich noch im Juli in den Gefängnissen und Kon­zentrationslagern befanden, die Freiheit gebracht hat, als F r i e d e n s w e r k eingeführt. Mit dieser Amnestie zeigte sich nämlich der erste Ansatz eines innerpolitischen Befriedungswerkes, auf das nicht nur die Bevölkerung Oesterreichs, sondern das ge­samte deutsche Volk nach wie vor große Hoffnungen setzt. In diesem Zusammenhang seien auch die psy­chologischen Auswirkungen des Abkommens er­wähnt, die in den letzten drei Monaten in Oester­reich immer wieder festgestellt werden konnten und die sich vor allem in den oft ergreifenden Sym­pathiekundgebungen der gesamten Bevölkerung beim Erscheinen reichsdeutscher Reisegruppen oder Ver­bände wie zum Beispiel bei der Fahrt einer Gruppe des NSKK. mit Korpsführer Hühnlein an der Spitze, oder beim Besuch der Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereine in Innsbruck zeigten. Hier kommt spontan ein neues und starkes Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck, das dem am Abend des 11. Juli verkündeten Charakter des Ab­kommens entspricht.

Auch auf kulturellem Gebiete sind bereits erfreuliche Auswirkungen zu verzeichnen. Die immer schon vorhandenen geistigen Bande zwischen den beiden deutschen Staaten wurden neu gefestigt und die Teilnahme der in Oesterreich lebenden Kriegs­dichter an dem großen Treffen der deutschen Kriegs­dichter in Berlin kann als ein besonderes Symbol für dieses neue Sichtbarwerden einer gesamtdeut­schen Kultur- und Geistesgemeinschaft gewertet werden. Die begeisterten Berichte, die die öster­reichischen Teilnehmer an diesem Treffen, wie etwa Bruno Brehm und Karl Springenschmid, in österreichischen Zeitungen veröffentlichen und in denen sie von dem tiefen und starken Erlebnis dieser Deutschlandfahrt berichteten, sind wertvolle Belege hierfür. Zu den Auswirkungen des Abkommens auf geistig kulturellem und auf künstlerischem Ge­biet gehören dann vor allem die Wiederzplassung einer Reihe deutscher Tageszeitungen in Oesterreich, die Wiederaufnahme des Rundfunkaustausches und die kürzlich mit Erfolg vom Direktor der Wiener Staatsoper, Hofrat Dr. Kerber, in Berlin ab­geschlossenen Verhandlungen über ein umfangreiches Gastspielprogramm von Mitgliedern der Berliner Staatsoper in Wien.

Die wichtigsten und bedeutendsten Folgen des Abkommens vom 11. Juli zeigten sich aber bisher auf wirtschaftlichem Gebiet. Hier ent­standen ja besonders in Oesterreich, wo man das Ausbleiben des Reiseverkehres aus dem Deutschen Reiche seit drei Jahren so schmerzlich ver­mißt hat, große Hoffnungen. Die Aufhebung der Tausend-Mark-Sperre hat sie nicht nur als durch­aus begründet erscheinen lassen, sondern noch weiter verstärkt. Obwohl nun der Fremdenverkehr hin­sichtlich der Devisenzuteilung für Reisende stark von der Entwicklung der Einfuhr reichs­deutscher Waren nach Oesterreich ab­hängig ist, und sich diese in Anbetracht noch be-

Montag, 2. November 1956

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

stehender vertraglichen Bindungen Oesterreichs nach anderen Richtungen hin bisher nicht im wünschens­wertem Maße entwickeln konnte, hat doch auch der Reiseverkehr nach Oesterreich eine gewisse Steige­rung erfahren. So meldet Innsbruck, daß es im vergangenen September 21800 übernachtende Fremde gegenüber 16 855 im September des Vor­jahres gezählt hat und daß dabei der reichsdeutsche Anteil von 623 auf 3972 gestiegen ist. Da aber die überwiegende Mehrzahl der reichsdeutschen Be­sucher nur zu eintägigem Besuch kam und daher nicht übernachtete, ist die Anzahl der Gäste aus dem Reiche mit einem Vielfachen der gemeldeten Zahl anzunehmen. Allerdings bleiben diese Ziffern immer noch weit hinter denen des reichsdeutschen Fremdenverkehres der Jahre vor 1933 zurück. Es ist nun Sache der österreichischen Regierung die übrigens gerade in der jüngsten Zeit entsprechende Maßnahmen hierfür ergriffen hat, den öster­reichischen Markt für die Aufnahme reichs­deutscher Erzeugnisse fähiger zu gestalten und auf diese Weise eine erhöhte Devisen­zuteilung für den Reiseverkehr mög­lich zu machen. Die Spanne, die dabei überbrückt werden muß, ist allerdings außerordentlich groß: denn während noch im Jahre 1932 als Ueberschuß aus dem Handelsverkehr etwa 84 Millionen Mark für den Reiseverkehr zur Verfügung standen, blei­ben jetzt für diesen Zweck nur noch 27 Millionen Mark übrig. Die österreichische Bevölkerung hofft, daß es der Regierung in Wien gelingen wird, die Wareneinfuhr aus dem Reiche in der nächsten Zeit so zu verstärken, daß diese Spanne möglichst rasch

und möglichst weitgehend abgebaut werden kann.

Die stärksten und erfreulichsten wirtschaftlichen Auswirkungen des Abkommens vom 11. Juli er­gaben sich bisher für die , österreichische Landwirtschaft, deren Erzeugnisse nunmehr zu einem wesentlichen Teile in das Deutsche Reich geliefert werden. Wie rasch sich hier der Um­schwung nach dem Abschluß einstellte, geht daraus hervor, daß der Wert der österreichischen Ausfuhr nach dem Reiche, der im August des Vorjahres 10 539 000 Schilling betrug, im diesjährigen August, also einen halben Monat nach dem 11. Juli, schon um beinahe anderthalb Millionen Schilling auf 11927000 Schilling stieg. Die Ausfuhr von Nutz- und Schlachtvieh ist im August ge­genüber dem Vorjahre allein fast auf das Sieben­fache gestiegen, während sich die Ausfuhr an an­deren landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf das Zweieinhalbfache erhöht hat. Alle diese Tatsachen können aber erst als Anfänge einer neuen Ent­wicklung betrachtet werden: denn solange der Reise­verkehr aus dem Reiche nach Oesterreich nicht in stärkerem Maße einsetzt, wird der einstige Normal­zustand des österreichisch-deutschen Wirtschaftsver­kehrs nicht hergestellt werden können. An den maß­gebenden Stellen in Wien und Berlin ist man sich dieser Tatsache auch bewußt und der Behebung der hier auftauchenden Probleme gelten die Bemühun­gen, die im Gange sind und Die dazu dienen, die Wirtschaftsbeziehungen schon in absehbarer Zeit so zu gestalten, daß sie den Bedürfnissen beider Länder und damit des Gesamtdeutschtums Rech­nung tragen.

Die Wissenschaft vom Fisch.

Nach dem Jubiläum der Hochseefischerei in Weser- münde findet der R e i ch s f i s ch e r e i t a g für die Binnenfischerei, Fischzucht und See- und Küsten­fischerei in R o st o ck statt. Die Vereinheitlichung aller Gruppen des Fischereigewerbes kommt auf ihm zum Ausdruck. Die Tagesordnung beweist, daß das Abfischen der geschuppten Bewohner unserer Binnengewässer und der Hochsee heute ebenso wohl eine Wissenschaft geworden ist wie die Technisie­rung des gesamten Fischereibetriebes. Wir haben z. B. fürdie Binnenfischerei ein wis­senschaftliches Forschungs - Institut, u. a. bei Friedrichshagen, das feit 1893 den Schutz der Fischereibelange, die Frage der Abwässerschä­den, der Fischkrankheiten usw. studiert und für die Heranbildung eines fischereiverständigen Nach­wuchses sorgt. Die Fischkost spielt im Haushalt der Deutschen leider noch eine verhältnismäßig geringe Rolle. Von der englischen Bevölkerung werden pro Kopf im Jahre 25 Kilogramm Fisch verzehrt, der Deutsche dagegen führt sich nur 11,5 Kilogramm See- und Flußfische zu Gemüte, aber 54,4 Kilo­gramm Fleisch.

Das mag darauf beruhen, daß vordem die Fische nur an Ort und Stelle gegessen wurden, weil die Transportmöglichkeiten nicht gegeben waren, aber heute bringen infolge der Einführung der Kälteverfahren bei den Transportmöglichkeiten die Fischfirmen ihre Fänge sehr schnell ins Binnen­land, auch in die küstenfernsten Neichsteile, und zwar werden vielfach Nachtzüge mit Kühleinrich­tungen benutzt, um die Ergebnisse unserer Hochsee­fischerei auch nach Mittel- und Süddeutschland zu bringen. Daher kauft man in Süddeutschland im Kleinhandel Nordseefische, die in Eis verpackt sind, 36 bis 48 Stunden nach ihrer Ausladung im Ha­fen, so daß also die Fische bei dem Stande unserer Kältetechniklebend frisch" sind. Das Gleiche gilt für die Erzeugnisse unserer Binnenfischerei, die zum Teil noch schneller auf den Markt gelangen. Die Sage aus Großmutters Zeiten, daß die Fische nur an Ort und Stelle ihres Fanges gegessen werden könnten, ist also völlig verstaubt.

Die deutsche Hausfrau weiß nun aus eigener Erfahrung, wie sich der Ehemann gegen die Ein­führung von Fischgerichten sträubt. Er will etwas Gediegenes" für den Magen haben, sagt er. Aber abgesehen von der Tatsache, daß überholte Vorstel­lungen hierbei eine Rolle spielen, liegt die hier

und da verbreitete Abneigung gegen Fischgerichte auch an der deutschen Haussrau/die immer wieder Bratheringe oder Schellfisch mit Senf- ober Butter­tunke auf den Tisch bringt, statt die vielen Koch- und Bratvorschriften auszuprobieren, die den Fisch gerade in fischreichen Gegenden zu einem Lieblings­gericht auch der Männer machten. Eine Bresche in dieses Vorurteil wird durch die V e r a n st a l t u n g von Fischkochkursen gelegt, ferner durch die Vervollkommnung der Kunst, die deutsche Fischpro­duktion zu räuchern oder zu marinieren. Gerade diese beiden Arten der Fischzubereitung haben in den letzten Jahren einen großen Auf­schwung genommen und zur Belebung des Fisch­oerbrauches beigetragen.

Aber immer noch bestehen durchaus irrige Vor­stellungen über den Nährwert des Fischfleisches. Die Wissenschaft hat die chemische Zusammensetzung des Fischfleisches genau untersucht und ist zu fol­gendem Ergebnis gekommen: Aal enthält 28 v. H. Fett, Lachs 11 v. H., der Hering 78 v. H., der Schellfisch ist der fettärmste mit 0,3 v. H. Mageres Rindfleisch enthält 4 v. H., Kalbfleisch 3 v. H., Schweinefleisch 7 v. H., während fettes Fleisch beim Kalb 11 v. H., Rind 25 v. H. und Schwein 34 v. H. aufweist. Die Eiweißkörper des Fischfleisches sind mit 15 bis 18 v. H. durchweg die gleichen wie bei Rind und Kalb, der Kohlenstoffgehalt liegt bei Fischen um 1 v. H. höher. Das Fischfleisch ist an und für sich lockerer als das Fleisch von Haustieren, man muß also etwa 30 v. H. mehr Fisch essen als mageres Rindfleisch, aber nur bann, wenn man bie sogenannten mageren ober fett­armen Fische verzehrt.

Der S ä t t i g u n g*s ro e r t ber Fische hängt na­türlich von ihrer Zubereitung ab. Wenn ber Fisch gebraten ist, sättigt er Nährwert unb Sät­tigungsgrab fallen ja nicht zusammen mehr, als wenn er gekocht ist, bie englischen Fischbratstuben haben sich biese Erfahrung zunutze gemacht unb ver­abreichen ben Fisch durchweg gebraten, unb zwar in allen möglichen Arten unb mit allerlei Gemüsen usw. Die Leichtverdaulichkeit ber Fische, ber Jobgehalt ber Seefische, sinb bekannt unb wirb überall geschätzt. Die Tagung des Reichsverbanbes ber Fischerei in Rostock wirb nicht zuletzt auch bie Bedeutung ber Fischnahrung im Rahmen ber Volksernährung behanbeln, ein Problem, bas ge- rabe jetzt eine Tagesfrage ist, ba es barauf an­

kommt, uns nach Möglichkeit mit ben Nahrungs­mitteln zu ernähren, bie wir selbst haben. Unb dazu gehört ber See- wie ber Flußfisch.

Ein Mariin-Lucher-Denkmal in Baltimore.

Baltimore, 31. Oft. (DNB.) Samstag nach­mittag würbe hier ein Martin-Luther-Denkmal feierlich enthüllt. Das Bronzestanbbilb würbe von Arthur W a l l e n h o r ft, einem langjährigen Mit­glied ber Lutherischen Gemeinbe, gestiftet. Wallen- horft, ber 1850 in Quakenbrück im Hannoverschen geboren würbe, ließ sich in Baltimore als Uhr­macher unb Golbschmieb nieber. In seinem Testa­ment hinterließ er 50 000 Dollar zur Errichtung bes Denkmals, bas von Hans Schuler, bem beutschstämmigen Direktor ber staatlichen Kunst­schule von Maryland, geschaffen würbe. Luther wirb alsHerolb einer neuen Zeit" bargefteUt. Die Bronzefigur mißt 7 Meter von ber Sohle bis zur Spitze ber erhobenen rechten Hanb. Der granitne Sockel ist 4 Meter hoch. Der Steinvorbau mit Trep­pen unb Aufgangsfläche im gleichen Granit ist 22 Meter breit unb 10 Meter tief. Ein langer Quer­stem vorn am Vorbau trägt bie Inschrift:A Mighty Fortress is our God" (Ein feste Burg ist unser Gott).

Die Enthüllung ber Lutherfigur würbe von Eva Marie Luther vollzogen. Ihr Vater, Bot­schafter Dr. Hans Luther, sprach ein kurzes Grußwort. Die Festrebe hielt ber Präsident des Lutherischen Theologischen Seminars in Philadel­phia, Professor Dr. Charles M. Jacobs, einer der bedeutendsten ßutberfenner der Gegenwart. Er hat, aus alter amerikanischer Familie stammend, in Leipzig studiert und ist seit 30 Jahren mit der Übertragung von Luthers sämtlichen Werken ins Englische beschäftigt. Sodann hielt der Baltimorer Pastor, Fritz Evers, eine Ansprache in Deutsch. Umrahmt wurde die Feier durch einen Festzug aller lutherischen Sonntagsschulen von Baltimore unb durch Chorgesänge in deutscher und englischer Sprache. Der Entgegennahme des Denkmals durch Bürgermeister Jackson folgte der gemeinsame Schlußgesang:Ein feste Burg ist unser Gott".

Kunst und Wissenschaft

Eine der wertvollsten IN'neralfammlungen der Delk.

Das Mineralogische Institut der Technischen Hoch­schule Berlin-Charlottenburg betreut seit langen Jahren eine der bedeutendsten privaten Mineral­sammlungen der Welt, ein Vermächtnis des Berg­rates Dr. T a m n a u an den preußischen Staat. Diese Sammlung, die auf einen Wert von minde­stens einer Million Mark geschätzt wird, ist oeson- ders nach den Gesichtspunkten der Rohstoffgewin­nung geordnet und dadurch heute von besonderem Interesse. Die Technische Hochschule Berlin leidet zur Zeit an Raummangel, außerdem besitzt sie eine gleichwertige große Sammlung, die von der alten Bergakademie herstammt. Man hat daher beschlossen, damit bie Sammlung nicht ungenützt bleibt, diese einer anderen Hochschule zu überweisen, unb hat vor allem ben zunächst in Betracht fommenben Universitäten Hamburg unb Köln sowie ber Tech­nischen Hochschule in D a r m st a b t ein Angebot gemacht. Die endgültige Entscheibung wirb rom Reichserziehungsministerium getroffen werben.

Am 6. November beginnen wir in den Kamillen- blättern mit dem Abdruck einer neuen Erzählung: nach derHalsbandgeschichte" von Wilhelm Schäfer wird der bedeutende norwegische Dichter und Nobel­preisträger Knut Hamsun mit seiner Erzählung Viktoria" bei uns zu Wort kommen. Diese Geschichte einer Liebe", der großen, verzehrenden Leidenschaft junger Menschen, hat vielleicht von allen Büchem Hamsuns den Buhm des Dichters in der Welt am tiefsten und dauerndsten begründet.

Abenteuerliche Ballonfahrt.

Bericht aus Minnesota.

Freiballonfahrten haben ihren eigenen Reiz unb ihre eigenen Gefahren. Die Fahrt, bie ber ameri­kanische Finanzmann van Williams mit seiner Frau unb seiner Tochter unter Leitung bes kana­dischen Piloten John L e b g e r vor einigen Jahren eines Morgens von Duluth im norbamerikanischen Staate Minnesota aus unternahm, hätte tragisch ausqehen können, wenn nicht ber Helbenmut eines Kinbes vier Menschenleben gerettet hätte. Anfangs verlief alles nach Wunsch. Der Ballon trieb sanft füboftroärts, vollstänbig bem Plan bes Piloten ent- fprechend ber vorhatte, am frühen Nachmittag zu lanben, wo, bas kam nicht so sehr barauf an, vor­ausgesetzt, baß man schönes flaches Gelanbe fanb unb nicht allzuweit von ber nächsten größeren Stabt entfernt war, vielleicht irgenbwo am Michigansee.

Man überflog die dunkle Masse von Straßen, die Superior City bildeten. Aus d-r hohe von fast 1000 Metern schrumpften auch die höchsten Wolken­kratzer au flachen Gebilden zusammen. Ledger blickte über die weite blaugrüne Flache des Oberen Sees unb runzelte ein wenig bie Brauen, als er sah, welche Richtung der Ballon nahm. Sie sollten dem langen Landstreifen, der sich wie em gekrümmter Finger in den See hineinschob Das bedeutete, daß der Wind gedreht hatte und sie nordwärts trug. Es bedeutete außerdem, daß sie sich m kürzester Zeit über den Wassern de- Oberen Sees behüben würden. Die Sage war mißlich. Zwar hatte Ledger keine wirkliche Sorge um ^e Sicherheit des Bal­lons, aber er hatte doch N'-Ht den Wunsch vom ßanbe abgetrieben zu werben. Hastig setzte er Wil­liams bie Lage auseinander aber maprenb er noch sprach, frischte der Wmd aus. Mit philo ophi- schem Lächeln blickte er abwärts. -Nun sagte er, diese kleine Brise hat uns schon die Entscheidung äbgenommen. Wollten wir setzt landen, wurden wir bereits auf den See geraten.

So trieb man also nordwärts über das Wasser bald in rascher Fahrt, wenn eine Boe kam bald beinah regungslos, wenn sie wieder abflaute. Stunde um Stunde verrann^ Royal Island, em dunkler, grauer Schatten lm Rordosten, schien Nicht näher zu kommen. Ledger starrte auf das Wasser Nieder, bann roieber aufwärts, zu ber riesigen Ballonkugel über ihnen. Seine Stirn mar gefurcht. Komi ch", murmelte er endlich.Wir verlieren

Höhe." Er kletterte auf den Rand des Korbes unb beugte sich, an bie Seile geklammert, weit hinaus. Als er roieber in ben Korb zurückglitt, roar fein Gesicht weiß.Oben muß irgenbwo ein Riß fein", bas war alles, was er sagte.Unb nun?" Williams schleuberte ihm bie Frage entgegen.Nun, wenn es nicht ausgebessert wirb, werben wir halb genug unten sein, unb wir sinb bestenfalls 70 Kilometer vom Lanb entfernt." Ruhig setzte er bie Lage aus- einanber. Er hatte Faden, er hatte eine Nabel. Nach seiner Meinung mußte ber Riß an ber äußersten Spitze sein, unb wer ihn ausbessern wollte, mußte am Netzwerk zu ihm emporklettern.

*

Er selbst war zu schwer, ebenso Williams. Das Netzwerk würbe sie nicht halten.Wollen Sie etwa sagen, daß ich hinausklettern soll?" fragte Frau Wil­liams. Er schüttelte den Kopf.Ich fürchte auch für Sie, gnädige Frau." Es entstand eine Pause, unb bann rief Williams leise:Elise". Das breizehn­jährige Mädchen roar ganz versunken gewesen in ben Anblick unter ihr unb hatte nichts gehört.Was ist, Papa?" Er erklärte es ihr. Einen Augenblick zauberte sie, bann sagte sie fröhlich:Nun, ich werbe klettern. Mit Vergnügen." Ledger banb ihr ein Seil fest um ben Leib unb gab ihr bie einge- fäbelte Nabel.

*

Sie zog ihre Schuhe aus und kletterte auf den Rand des Korbes. Dann ergriff sie bas Netzwerk unb zog sich an ihren jungen starken Armen baran empor. Langsam kletterte sie, nach einem Halt für ihre Füße taftenb, unb wenn sie einen gefunden hatte, sich roieber ein Stück höher ziehenb. Das Netz schnitt wie ein Messer burch bie bünnen Strümpfe, aber sie kehrte sich nicht baran. Zweimal rastete sie, um Atem zu schöpfen. Nieberschauenb kam sie sich verloren vor im unenblichen Raum ringsum sie unb mit bem weiten Wasser tief unter ihr. Grauen erfaßte sie, aber sie kletterte weiter. Als sie roieber nieberblirfte, roar ber Korb burch bie Krümung bes Ballons vollkommen ihren Blicken entzogen. Der Riß roar ganz oben an der Ballonkugel, und sie sah, wie er langsam weiterriß. Sie schob einen Arm durch bas Netz unb machte sich fieberhaft ans Nähen. Sie roar noch ein Kinb, aber sie begriff, baß ihr Leben unb bas ber brei älteren Menschen an bem hing, was sie tat. Ihre Füße schmerzten ent­setzlich, unb plötzlich hatte sie bie Vorstellung, ber Faben mürbe nicht reichen, sie mürbe noch einmal herunterklettern müssen unb roieber hinauf ... Erb­lich würbe sie boch fertig, nur einen halben Meter Faben hatte sie übrig.

Papa, ich hab's geschafft!" schrie sie, boch es kam keine Antwort. Der Abstieg war entsetzlich. Mehr­mals mußte sie innehalten, kaum fühlte sie noch ihre Füße vor Schmerz. Enblich berührten ihre Zehen ben Ranb bes Korbes, sie spürte ihres Va­ters Arme um sich, bie sie herunterhoben. Das roar bas Letzte, was sie für lange Zeit von sich wußte, benn sie fiel in eine tiefe Ohnmacht.

Spät am Abenb biefes Tages lanbete ber Ballon ein paar Kilometer süblich von Nipigon in ber kanabischen Provinz Ontario. Unb einige Wochen später ftanb, wie Phil Dunbar inEverybobys" diesem Bericht hinzufügt, Elise Williams, an die­sem Tage die stolzeste junge Dame in Amerika im Weißen Haus, um eine kleine Goldmedaille und die Glückwünsche bes Präsibenten ber Vereinigten Staa­ten entgegenzunehmen.

ßin Rembrandt-Stück im Frankfurter Schauspielhaus.

Felix KügelesRernbranbt unb T i - t u s" würbe im Frankfurter Schauspielhaus ur= ausgeführt. Der Autor hegt wir folgern es aus einigen Bemerkungen zu feinem Stück im Pro­grammheft von seiner Jugenb an eine tiefe Liebe zu Rernbranbt unb feiner Kunst. Aus ben brei bekannten Silbern Rembranbts, bie feinen Sohn Titus barstellen ober aus einem, an biefen gebunbenen künstlerischen Erlebnis entstauben sinb, schöpft Kügele bei ber spärlichen schriftlichen Ueber- lieferung Gestalten unb Geschehen feinesdrama- tischen ©emälbes". Es wäre zu wenig gesagt, wollte man bas Werk einfach unter bie Variatio­nen bes ewigen Themas vom verlorenen ünb beim- finbenben Sohn einreihen: bavon ist Kügeles Schöpfung geschieben burch bie Verlagerung aller Entscheidungen unb auch alles Geschehens in die Sphäre des Seelischen und burch bie Fülle ber Motive, bie neben bem Thema vom verlorenen Sohn anklingen, obschon biefes am Enbe als bas Wesentliche bes Stückes erscheint. Die Gestalt Rem­branbts veranlaßt ben Autor zu klugen Worten über bas Verhältnis bes Genies zur Umwelt, zur Frau, zu ben materiellen Bedürfnissen bes Lebens, über feine Verstrickung in Schulb unb Sühne, feine Zweifel an ber göttlichen Berufung: ber junge Titus inbes quält sich mit bem Los des Sohnes eines berühmten Vaters, in dessen Umgebung bie Menschen an berAuszehrung" mgrnnbe gehen. Dargeboten in einer sprachlich vollenbeten Form unb dichterisch geschauten Bildern macht dieser

Reichtum der Gedanken den Wert und den Reiz des Stückes aus.

Kügele nennt fein Werkein dramatisches Gemälde". Mit dieser Bezeichnung sind bereits die Schwierigkeiten angedeutet, mit denen' die Dar­stellung auf der Bühne sich auseinandersetzen muß. Wir sehen bezaubernde Genrebilder altniederländer Lebens, in ihrer Wirkung unterstrichen durch das stilechte Bühnenbild von Ludwig Sievert in­des schreitet die eigentliche Handlung allzu langsam fort und bedarf starker dramatischer Akzente, lei­denschaftlicher Gefühlsausbrüche durch die Dar­steller. Das Geschick der Regie (Richard Salz­man n) in der Führung des Spieles verdient ebenso wie die glückliche Besetzung hervorgehoben zu werden. Der eindringlichen und ergreifenden Gestaltung vor allem des alternden Rembrandt durch Walter K i e s l e r gebührt der Hauptanteil am Erfolg dieser ersten Uraufführung des Thegter- rointers. Neben ihm stehen Werner Kreith (Ti­tus), Maria Wimmer (Titus' Braut Magdalena van Loo), Lotte B r a ck e b u f ch (Rembrandts zweite Frau Hendrikje Stoffels) und Bum Krü­ger mit einer herzerfrischenden Verkörperung des Dieners Philips. Die Darsteller und der Autor sonnten den reichen Beifall des Publikums ent­gegennehmen. Dr. W.

Der Onkel aus Addis Abeba.

In Saloniki lebt in den ärmlichsten Verhält­nissen ein alter Arbeiter namens Nicola Nunas, dem plötzlich ein großes Glück zuteil geworden ist. Ein Händler in Leder und Fellen, Demetrio Kalli- nikos, ist in Addis Abeba vor etwa zwei Monaten gestorben und hat sein ganzes Vermögen, das etwa acht Millionen beträgt, seinem Neffen, dem Arbeiter in Saloniki, hinterlassen. Es handelte sich dabei nicht etwa um den Beweis einer besonderen Zu­neigung des verstorbenen reichen Kaufmanns gegen den armen Arbeiter, sondern Kallinikos hat fein Testament hinterlassen, und sein nächster Ver­wandter ist der jetzt so beglückte Nunas, der Sohn eines seiner Vettern, der schon vor einigen Jahren gestorben ist. Dem Erben ist aber sein Glück nicht zu Kopf gestiegen. Er will seine Lebenshaltung nicht im geringsten ändern, bevor er wirklich in den Besitz der Millionen seines Onkels gelangt ist. Er arbeitet ruhig weiter und weist alle Angebote von Darlehen, die ihm natürlich von allen Seiten gemacht werden, zurück. Er versichert auch, daß er die Millionen seines Onkels, sobald sie ihm zuge­flossen sein werden, zu einem großen Teil an andere arme Leute verteilen wird.