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Mr. 102 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Overhefsen)

Somstög, 2. Mai 1936

Geschichten aus aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Aufregende Zirkusnummer.

er .. -rv v (bk) Sidney.

In amerikanischen und australischen Zirkussen konnte man lange Zeit hindurch eine Tigernummer des Dompteurs Fritz Hertzoss bewundern. Die Vor- suhrung findet nicht mehr statt, seit jenem furchtbaren Abend, an dem plötzlich einer der Königstiger toll­wütig wurde. Hertzoff befand sich bereits mit den Tieren im Manegenkäfig. Zu allem Unglück ging m den nächsten Sekunden infolge einer Kabelstörung das Licht aus. Der Tiger tat einen gewaltigen Satz um den Dompteur zu erreichen. Dieser aber hatte sich hinter einen Sockel geworfen. Außerdem setzte im gleichen Augenblick, als der rasende Tiger lossprang em anderer Tiger zum Sprung an. Dieser war das Lieblingstier Hertzoffs. Er hatte die Gefahr recht­zeitig erkannt und wollte Hertzoff offenbar retten. Hertzoff konnte sich im Dunkeln aus dem Käfig fluchten. Als das Licht wieder aufleuchtete, fand man zwei ineinander verbissene Tiger in ihrem Blute Der eine hatte den Dompteur töten wollen Der andere wollte ihn retten. Beide kamen ums Leben.

Ein guter Magen.

CK. Kalkutta.

Im hiesigen Universitäts-Hospital wurden in einer sechsstündigen Operation aus dem Magen eines früheren Offiziers E. I. H. Drummond fol­gende Dinge zutage gefördert: 84 Rasierklingen, 233 Nägel von 5 bis 10 Zentimeter Länge, zer­brochenes Glas, mehrere Hundert Grammophon­nadeln, Metallfeilen. Das Gesamtgewicht betrug 4,5 Kilogramm. Heute ist der Mann zum größten Staunen der Aerzte auf dem Wege Für Besserung. Unter dem Artistennamen Chamison war Drum­mond jahrelang auf Tourneen in allen indischen Städten und hat dort seine Fertigkeit im Ver­schlucken von Nägeln, Nadeln und Giften vorge­führt. Er behauptet, seine Unempfindlichkeit ver­danke er den Studien der Yoga, der mystischen Uebungslehre der indischen Asketen. Sein Wissen um diese Geheimlehren rühre von einer Eisenbahn­bekanntschaft mit einem Pogi her, die er kurz nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst gemacht h-abe. Er lernte die Wissenschaft von den Heil­kräutern, er lernte ferner Atem- und Konzentra­tionskräfte so anzuwenden, daß er fähig wurde, die erstaunlichsten Vorführungen zum Besten zu geben und selbst medizinische Autoritäten mit seinen Lei­stungen zu verblüffen. Er weigerte sich zwar, Näheres von seiner Methode bekanntzugeben, be­hauptete aber auf das bestimmteste, daß jedermann, der die Geduld besitze, sich die Yogä-Lehren zu eigen zu machen, viele Dinge vollbringen könne, die dem Laien als Unmöglichkeit erschienen. Die Operation war nur durch einen Unfall notwendig geworden, den der merkwürdige Mann während einer Vorführung in Patna erlitten.

Die Schätze von Port Arthurs

B/Co. Chardin.

Das Gerede, daß in der ehemaligen russischen Festung Port Arthur noch ein großerKriegsschatz" verborgen sei, will auch jetzt noch 31 Jahre nach der Eroberung der Festung durch die Japaner nicht verstummen und hat durch Angaben eines alten Mannes neue Nahrung erhalten. Dieser Mann, namens Ilja Alexandrow, ist nach mühseli­ger Wanderung aus China in Charbin eingetrof­fen. Er will sich nach Port Arthur beaeben, um dort die verborgene russische Kriegskasse, diein 28 Kisten" verpackt ist, und deren Versteck Alexandrow genau zu kennen vorgibt, heben. Heber diesen Schatz, der angeblich einen Wert von 12 Millionen Goldrubel darstellt, hatte er folgendes vorzubringen:

Als die Russen erkannten, daß sie die Festung gegen die Japaner doch nicht würden halten können, hätten sechs höhere Offiziere die 28 Kisten nachts heimlich in eine kleine Höhle geschafft, die dann mit Feldsteinen so geschlossen wurde, daß ihre Ent-

deckung durch Unbefugte kaum zu erwarten war. Von den Offizieren, die geschworen hatten, das Ver­steck nicht zu verraten, fielen im Kampfe fünf. Nur einer kam in die Heimat zurück, wo er vor nicht langer Zeit verstarb. In seinem Nachlaß befand sich eine genaue Aufzeichnung der Stelle, wo der Kriegsschatz verborgen liegen soll. Wie Ilja Alexan­drow zu diesem Plan gelangt ist, verrät er nicht. Er will sich auch nicht mit den Japanern in Ver­handlungen einlassen, sondern den Schatz ganz allein für sich beanspruchen. Wie er die 28 Kisten Gold in Sicherheit bringen will, ist schließlich seine Sorge. Natürlich werden die Japaner ihn nicht in den Festungswerken dulden und ihm die Er­laubnis, dort nach dem Schatz zu suchen, ver­weigern.

George Washingtons falsches Gebiß.

(th) Washington.

Das zahnärztliche Institut der amerikanischen Universität Maryland hat eine Ausstellung eröffnet, deren Reinertrag zur Errichtung einer zahnärzt­lichen Klinik verwendet werden soll. Das Hauptaus­stellungsobjekt, vor dem Studenten und Besucher sich tagtäglich drängen, sind die falschen Zähne George Washingtons, des großen Befreiers, die er sich gleich nach dem Revolutionskriege anfertigen ließ und bis ans Ende seines Lebens getragen hat.

Dieses falsche Gebiß, das Eigentum des genann­ten Instituts ist, ist für ungefähr 30 000 Mark nach deutschem Selbe versichert und besteht aus zwei Kie­fernachbildungen aus Elfenbein mit fast messerschar­fen Kanten zum Beißen. Die Zähne sind nur ober­flächlich angedeutet. Die beiden Kiefer werden hinten durch eine springfederartige Verbindung zusammen­gehalten, die das Kauen ermöglichte. Immerhin muß eine gewisse Kunstfertigkeit und Gewöhnung dazu gehört haben, dieses primitive Werkzeug zu be­nutzen.

Die Katze als Horchposten.

(ur) Philadelphia.

Es ist nichts Besonderes, wenn in Amerika Zucht­häusler plötzlich beginnen, die Mauern ihres Ge­fängnisses zu unterwühlen, um auf diese Weise aus- zubrechen. Verblüffender ist es dagegen, wenn sich die Sträflinge, um eine Entdeckung ihrer dunklen Absichten zu verhüten, eines Tieres bedienen, das eigentlich zumPersonal" des Gefängnisses gehört.

Ein solcher Fall ist jetzt aufgedeckt worden. 21 Monate hindurch arbeiteten die Sträflinge eines Ge­fängnisses Nacht für Nacht an einem unterirdischen Gang. Als Wachtposten hatten sie eine Katze dressiert, die jedesmal laut zu miauen begann, wenn irgend­wo ein Wärter in Uniform auftauchte. Die Benach­richtigung erfolgte zeitig genug, um rasch alle Spuren der Wühlarbeit zu beseitigen und der Zelle das normale Aussehen zu geben. Die Katze ist in­zwischen von der Gefängnisdirektionstrafversetzt" worden.

Englands Volkssport: Golf.

B. Li. Liverpool.

Das in Deutschland leider viel zu wenig ge­pflegte Golfspiel ist in Großbritannien neuerdings so verbreitet, daß man es bereits als britischen Volkssport bezeichnen kann. Die Golfclubs haben nach den letzten Statistiken rund eine Million Mit­glieder, eine Zahl, mit der nicht einmal die Tennis­clubs wetteifern können. Auch unter den Frauen gewinnt das Golfspiel immer mehr Anhängerinnen. Etwa 250 000 Spielerinnen sind bis jetzt in Clubs organisiert.

Das Golfspiel hat auch eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Etwa eine haloe Milliarde Mark wird jährlich für das Spiel aus­gegeben, davon 25 Millionen als Gehälter der Caddies" (Balljungen; entstanden aus dem Fran­zösischenCadets"), zwölf Millionen allein für Bälle und der Rest hauptsächlich für die Instand­haltung der Golfplätze und Clubhäuser.

Die Volkstümlichkeit des Golfsports sucht man

jetzt systematisch zu heben, indem man den ur­sprünglich recht teuren Sport stark verbilligt. So sind z. B. Golfplätze geschaffen worden, auf denen auch Anhänger des Sports spielen können, die nicht Mitglied eines Clubs sind. Die gesamten Unkosten belaufen sich in diesem Fall auf drei Mark für einen Spieltag.

Hermelin stark gefragt.

E. Z. London.

Die Pelzart, die augenblicklich am meisten gesucht wird, ist Hermelin. Britische Pelzhändler haben die­ser Tage unbesehen den gesamten Hermelinvorrat bestellt, der in Polen zu haben ist. Die Ursache ist die bevorstehende Krönung des britischen Königs, an der alle Peers des Königsreiches in Krönungs­roben teilzunehmen haben. Zu diesem Ornat gehört auch ein breiter Hermelinkragen. Da Hermelin seit vielen Jahrenunmodern" ist und nicht mehr ge­tragen wird, sind die Hermelinvorräte in England selbst äußerst gering. Obwohl nur etliche Hunderte Hermelinkragen benötig werden, sind die britischen Pelzhändler unfähig, den Bedarf zu decken. Ob die

Vorräte Polens ausreichen werden, steht noch da­hin. Der einst sehr hohe Preis für denköniglichen" Pelz war in den letzten Jahren außerordentlich gesunken. Dank der Nachfrage der britischen Peers ist er neuerdings wieder erheblich gestiegen.

Die Bollbärte von Texas.

A. Z. Neuyork.

In dem kleineren Ort Corwell in Texas ist es verboten, sich zu rasieren. Wer gegen das Verbot handelt, hat eine Strafe von fünf Dollar zu be­zahlen. Der Fremde, der nach Corwell kommt, kann daher mit Erstaunen feststellen, daß es in der Stadt ausschließlich vollbärtige Männer gibt.

Das sonderbare Rasierverbot hat seinen Grund darin, daß Corwell demnächst ein Jubiläum feiert Aus diesem Anlaß will man ein Festspiel aufführen, in dem die Gründung des Ortes geschildert wird. Nach Ansicht der Leute von Corwell trugen die Pio­niere von Texas ausnahmslos Vollbärte. Um mög­lichst lebenswahr auszusehen, hat man daher vor einiger Zeit beschlossen, sich ebenfalls die Bärte wachsen zu lassen.

Der Bürgermeister von Athen.

Von unserem ständigen G. ^.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Athen, Ende April 1936.

Die drei griechischen Politiker, die in der kurzen Zeit von zwei Monaten durch den Tod von der politischen Bühne Griechenlands abberufen wurden, wirkten entscheidend auf die politische Gestaltung Griechenlands. Diese drei waren die Vertreter der älteren Generation, die an den europäischen und an anderen Kriegen teilgenom­men hatte und dadurch tief von diesen Ereignissen beeinflußt worden war. Gerade der Kretenser V e - n i f e l o s und General Kondylis erinnerten durch die Methoden, mit denen sie Griechenland regierten, sehr an die Zeiten des Krieges.

Wer aus der Nähe die Entwicklung der griechi­schen Ereignisse verfolgte, beobachtete seit längerer Zeit einen heftigen Kampf zwischen der jungen und der alten Generation. Unter der neuen Gene­ration sind nicht die wenigen Anhänger inter­nationaler Gedankengänge zu verstehen, sondern die griechische Jugend mit ihrer gesunden Auffas­sung und ihren hohen Idealen. Die alte Genera­tion lebt mit ihren Boshaftigkeiten, mit dem Haß und der Leidenschaft der Zerrüttung. Sie besitzt zwar die Macht, aber die neue Generation hat die Kraft, sich in nicht allzuferner Zukunft durchzu­setzen. Aus diesem Kampfe wird mit Sicherheit d i e Jugend als Siegerin hervorgehen, sie lebt und bewegt sich innerhalb der heutigen Wirklichkeit, während die Alten an der Vergangenheit hängen.

Eine führende Gestalt in dem neuen politischen Leben Griechenlands ist der Bürgermeister von Athen, Konstantin Kotzias, der soeben zu einem Besuch in Deutschland eingetroffen ist. Den Athenern, aber auch bereits in Deutschland, ist er alsK a p p a - K a p p a" bekannt, eine volkstümliche Bezeichnung, die aus den beiden Anfangsbuchstaben seines Namens gebildet ist. Als er die Stimme der Athener verlangte, um ihr Bür­germeister zu werden, wählten ihn von 65 000 Wählern 35 000. Würde er sich heute zur Wahl stellen, so ist es eine große Frage, ob seine Geg­ner 10 000 Stimmen gegen ihn zusammenbringen würden.

Kotzias zeichnete sich schon als junger Student an der Rechtsfakultät der Universität Athen durch Fleiß und Auffassungsgabe aus. Seine Studien vervollständigte er in Italien, wo er sich besonders den wirtschaftlichen Pro­blemen widmete. Während seines Aufenthaltes in Italien \roanbte er sich der Journalistik zu, mit der er auch heute noch eng verbunden ist. Vor etwa 15 Jahren gab er eine eigene Zei­tung heraus, dieChronika", die zur Schrittma­cherin der griechischen Presse wurde. Er arbeitete dann mit dem bekannten Rechtsanwalt und späte­

ren Ministerpräsidenten T s a l d a r i s zusammen. Später wandte er sich dem Handel zu. Schnell wurde er Vorsitzender des Kaufmän­nischen Verbandes in Athen. Als ruheloser und lebhafter Geist mit bewunderungswürdiger Energie reorganisierte er den griechischen Handel und gestaltete den Kaufmännischen Verband zu einer achtunggebietenden Macht aus, die oft Revo­lutionen, Putsche und Regierungskrisen zu verhin­dern wußte. Gleichzeitig wurde er Mitglied des ober­sten Wirtschaftsrates und Rat der Handel s- und Jndustriekammer Athens. Großes Bedauern erfaßte die Kaufleute, die ihn heute noch tief verehren, als sie ihren Vorsitzenden verlieren mußten, damit er zur Freude der Athener die Leitung der Stadt übernahm.

Die bisherige Tätigkeit des Bürgermeisters Kotzias für die Stadt Athen ist wirklich Staunen erregend. Trotz der bescheidenen Mittel (der Vor­anschlag der Stadt Athen überschreitet kaum 160 000 000 Drach. oder 4 000 000 Mark) wurden die Straßen asphaltiert, die Plätze der Stadt in schöne Anlagen umgewandelt, neue Plätze errichtet, Krankenhäuser, Füidelhäuser, Gebäranstalten auf die Höhe der Zeit gebracht, so daß sie heute als vorbildlich angesehen werden können. Kotzias kon­trolliert in den frühen Morgenstunden bereits per­sönlich die Stadtbauarbeiten und beaufsichtigt die städtischen Einrichtungen. Das künstlerische und li­terarische Leben Griechenlands findet in ihm einen warmen Förderer, ebenso liegt ihm der Sport am Herzen. Selbst ein alter Sportler im Fechten, unterstützt er mit Begeisterung alle Aeußerungen des Sportes, weshalb ihn fast alle Sportvereini­gungen zu ihrem Ehrenpräsidenten ernannt haben und er außerdem Mitglied des griechi­schen O r g a n is a t i o n s k o mi t e e s der Olympischen Spiele wurde.

Man kann beinahe sagen, eine Schwäche empfin­det der Bürgermeister Athens für das Kind. Schon als Vorsitzender des Handelsverbandes sorgte er für die Verbesserung der Lebensbedingungen für die kleinen Kinder, und nach langen und geduldigen Anstrengungen ist es ihm gelungen, Kinderheime im Freien einzurichten, in denen heute bereits über 2500 Kinder in frischer Luft leben, lernen und spielen können. Mit dem Wahlspruch: Disziplin und Arbeit wurde der Bürgermeister Athens eine in ganz Griechenland bekannte Persönlichkeit. Er gilt heute als derjenige, der im Leben des griechischen Vol­kes noch eine hervorragende Rolle spielen wird.

MWWWWWW mit Garantieschein C - _ ~

Zwischen Süß- und Saizwaffer.

Von Hans Leip.

Zwischen Süß- und Salzwasser bin ich geboren, zwijchen den liebreizenden Hamburger Alsterseen und dem Hasen wuchs ich auf, früh erschreckten mich die Bässe der Überseedampfer und der Schwell, den sie ans Elbuser warfen, früh begeisterten mich die hellen Jachtsegel und das ungeheure Spmngeweb der großen Passat-Windjammer, früh lernte lch um Cuxhaven herum die See kennen; und das Gefühl der Küste für die See, halb Abwehr, halb gnaden­loses Verfallensein war von Anfang an in nur das Begreifen ihrer Rauheit, Unrast und Einsamkeit. Es ist das gleiche Empfinden geblieben, die gleiche ver­liebte Furcht. Als ich in der Schule die zehn Gebote lernen mußte mitsamt den wohlklingendenWas ist das?" des Herrn Martin Luther, da verstand ich daran nur den ewig einleitenden Satz: Wir sollen Gott fürchten und lieben, und hatte dabei das -vuo und Erleben der See vor mir, die wilde Brandung, die endlose Weite, die erste frühe herzumdrehende ^Schön^'st auch die erstarrte Brandung des Ge­birges Und wo man wie in Norwegen oder Tene­riffa oder Kapstadt und hier und da an der Kante der Kontinente beides hat, Meer und Gebirge da ist es nicht schlecht. Aber dennoch, es bleibt dort ^miesvalt und Gegensatz, Meer und Land, und der finrunnt-fialbEreis Doch jeder lobt die Wiege seines Ws S° l°b ä di- f-uchte Schürz- d-r Ni-d°r- eibe bie qraue Gtromebene, geborgt nom munter «türmten Hllg-lhang Blank-n-,-- und O-v-lg-mn--, unter der pertmuttfarbenen Himm-lskupp-I müde «säumt °°n Deichen und Marschgräben und den Pangen sanften dickbeerblauen Schwüngen der Sune- C »«»'«- Sy1"' " e«- '««»«" -

lieben Gegend unter schräger Sonne «us hauchzart endloser Palette wandelnd gekleidet. Schon ist d wilde' Monstre-Feuerwerk

gänge, aber es ist kurz, und die Nacht: t|IW plötzlich da; schön ist das zuckende Fa I des Nordlichts, aber es ist kalt und die Nacht will nicht enden. Hier aber auf der Aohe La Kamtschatkas, lau gelüftet vom

finden sich in lang schwebenden Dämmerungen Tr

penglut und Polarfeuer zusammen. Das ist der große Abendhintergrund des westlich gerichteten Strombetts, und die auslaufenden Schiffe wie oft schien es meiner kindlichen Phantasie, daß sie, schon schwarz geschattet wie Kohlenbrocken, geradeswegs in die himmlische Gloria oder in den höllischen Ofen führen.

Und nachts die fernen Bakenfeuer und die Lichter Buxtehudes, märchenhafter Goldstaub meilenfern, und näherzu die gleitenden Lampen der Schiffe, noch zählbar wie abgetropft vom Orion, der winters fo mächtig über Süd glitzert, hafenzu dichter und dichter, ein Milchstraßengewimmel, lärmvoll auch nachts, meteorisch durchzuckt vom Schweißfeuer der Werften. Bei Ostwind höre ich das Gebrumme des Hafens bis in mein Fenster und rieche den Sud aus Teer und Oel und Eisen und Faßholz und Sackleinen und den guten und Übeln Tausenddunst der Waren dieser Welt. Eine halbe Dampferstunde, ein Glas sozusagen unterhalb des Hafens, da wohne ich. Auf den San­den drüben wippert das Frühlingsgeschrei des Was­sergefieders, das tags, Möven, Seeschwalben, Kor- morane, Reiher und Krickenten, getupft dicht an den rosa Flutkanten fischt. Und der Ruf der Schiffe ist hier schon einzeln und von Ferne schwer.

Sommers auf diesen S nden, Wasser und Wind preisgegeben, dem schon brackigen Wasser, getrübt vom Ärbeitsschweiß des Hafens, und doch, wie lieben wir es, die alte gute Flutsegnung und ihren herben, a[genbaften Geruch. Und der Wind von West hat schon die See in sich, und der Sand ist weiß wie an der See Und nirgends in der Welt sind Unberührt­heit der Natur und Weltschiffahrt, Strandidyll und Großstadt so nahe beieinander wie hier.

Tags in der Sonne geschmort, sandburgbefriedigt, einsam im rispelnden Küssewind, in wunschlosem Hinsinken und Derschweben, nur den Himmel über sich Sand und Wind und Wasser, unfaßlich und nurlos wie das geheimnisvolle Dasein selber, und man glaubt zu verstehen, daß unfaßlich und spurlos nur andere Worte seien für Glück.

Abends im Hafen, ab Fahre VII durch den groß­artigen Schwall technischer Unterjochung der Natur, durch das tolle Bauwerkgewirr fester und schwim­mender Sorte, das so klüglich berechnet und gefugt, qualmüberbaUt, klangdurchschüttert, movenbezuckert sich immer wieder als das erregendste neuzeitliche Zauberwerk aus Landschaft und Gehirn erweist, aus nüchternen, sachlichen Gründen erschaffen, von wil­der Romantik durchtränkt, das Gebilde des See­hafens Sich verlieren in den Schluchten der kilo- meterlangen Speicher und Schuppen unter den Toren der Laufkrähne, unter den Rümpfen der Schiffe die aus Australien kommen oder Neuyork,,

die vor kleiner Weile Rio sahen ober die schwülen Nächte atmeten von Penang oder den Masutdunst von Tampico, oder deren Alltag es ist, nach Indien zu fahren oder Island, deren Straßenecken Erdteile sind, die über die Weiten schweben, kometenhafte Linien, geschlossene Kapseln voll Gut und Blut, Lust und Leid, Welten für sich.

An Bord derManhattan" Abschied zu feiern, den letzten Schrei Hollywoods auf der Leinwand des Gesellschaftssa^iles zu erleben und wieder zurück auf den Pier der Heimat zu treten, ehe der Blaue Peter sich aus dem Signalstag senkt. In den kleinen Bars Hafenstraße, Pinnasberg, Silbersack, Johannis Boll­werk, Vorsetzen oder auf St. Pauli Reeperbahn zu sitzen mit fremden Matrosen; vor den Läden zu stehen mit den seemännischen Ausrüstungen und mit den Schiffsersatzteilen; auf derDeutschland" zu frühstücken ober auf einem abgesalzenen, rostigen, muschelbewachsenen Tramp. Von ewigem Abschieb ist bie Luft tränenfeucht, von Wieberkehr beseelt, salzig und süß vom Anhauch ber Meere unb der Frembe. O Gnabe ber Weite, Unersättlichkeit, Glück, Mühsal, Enttäuschung unb ewig neu faugenber Lock­ruf ber Ferne! O Palmen, Korallen unb Kolibris, Kühnheit ber Seefahrt, Gefahr, Urgewalt unb Wunber, Sehnsucht und Verdienstgier, Glückstraum, Genuß, Erholung und härteste aller Männerarbeit!

Ja, selber mitfahren! Und selber heimkehren! Das ist es. Oder ist es die Sehnsucht danach?

Ob es Java oder Santos war, zwischen Nordkap und Südsee strähnt >er Wind manch blondes und dunkles Haar. Die Hauptsache bleibt, daß man sich sehnt.

Fahrt mit einer chinesischen Piratin

Der amerikanische Journalist Aleko ßilius hatte das Glück wenigstens empfindet er es als ein solches von einem chinesischen Seeräuberschiff auf einem feiner geheimnisvollen Fahrten mitge­nommen zu werden, und erzählt nun von feinen Erlebnissen. Die geschützbeladene Dschonke wurde dazu noch von einer Frau kommandiert und fuhr nach Bias Bay, nicht weit von Hongkong, dem berüchtigten Schlupfwinkel chinesischer Seeräuber. Von hort aus überfallen die Piraten nicht nur die Schiffe ihrer Landsleute, sondern kapern sogar auch gelegentlich vorüberfahrende Passagierdampfer, plündern sie und nehmen die Passagiere gefangen um ein reiches Lösegeld zu erpressen. Es hatte langer Unterhandlungen bedurft, bis der Amerika­ner es durchsetzte, für 45 Dollar pro Tag mitge­

nommen zu werden. Aber es scheint, daß er das Herz der Kommandantin gewonnen hat. Diese Dame, die ihren Namen Lai Choi San,Berg von Reichtum", nicht umsonst trug, war klein und zierlich, hatte tiefschwarzes Haar und vertauschte erst auf dem Schiff ihre vornehme weibliche Klei­dung gegen eine einfache, männliche. Sie hatte dunkle, scharf und kühn blickende Augen mit einem harten Ausdruck darin. Jede Bewegung, die sie machte und jedes Wort, das sie sprach, zeigte deut­lich einen starken Willen, dem alles gehorchen mußte. Die Mannschaft des Schiffes bestand aus ungewöhnlich großen, breitschultrigen Chinesen. Als das Schiff sich in Bewegung setzte, nahm die Kommandantin auf einer hohen Kiste auf dem Ach­terdeck Platz und spähte mit scharfen Augen aus. Ein mit Fischen reich beladenes großes Fischerboot schien ihr des Ueberfatls wert. Ihre Absicht aber wurde bemerkt, das Boot drehte und suchte zu fliehen. Die Piraten aber waren schneller, über­holten die Fliehenden und zwangen sie, nach kur­zem Gewehrfeuer zu halten. Nun erklärte der Kommandant" sich für einen Inspektor, dem jedes Schiff Zoll zahlen müsse andernfallswürde sich ein Unfall ereignen". Dieser ereignete sich einige Stunden später bei einem großen Schiff in der Tat, aber ßilius durfte nicht Zeuge des lieber- falls sein. Er lag währenddessen an Händen und Füßen gefesselt in seiner Kabine, hörte über sich wildes Geschrei und Geschützfeuer, dann verstummte alles. Wieder in Freiheit gesetzt, begegnete ßilius zwei Gfangenen an Bord, die offenbar Kapitäne der gekaperten Schiffe waren. Man hatte sie zurück­behalten, um ßösegeld zu erpressen. Die Komman­dantin war ßilius gegenüber höchst mitteilsam. Sie erzählte ihm, daß sie, von ihrem Vater in dem Seeräuberberuf" ausgebildet, ein großes Vermö­gen erworben habe. Sie sei zweimal verheiratet gewesen. Ihr ältester zwangzigjähriger Sohn soll ein ehrsames Gewerbe ergreifen und als Kaufmann nach Amerika gehen; der kleine fünfjährige Sobn aber würde ihr Nachfolger auf dem Piratenschiff werden. In Bias Bay angekommen, hatte der Re­porter Gelegenheit, das Haus zu besuchen, in dem die auf ßösegeld harrenden Gefangenen wohnten. Das Schicksal der Unglücklichen ist zuweilen sehr schwer, ßilius versuchte in Bias Bay und vor dem Haus der Tortur" zu photographieren. Das wäre ihm fast sehr schlecht bekommen. Eine Volksmenge beobachtete ihn stillschweigend und begann ihn plötz­lich mit großen Steinen zu bewerfen. Von den Chinesen verfolgt, war er froh, das Piratenschiff zu erreichen und zwei Tage später in Honkong zu landen.