Amt für Volkswohlfahrt.
Ortsgruppe Giehen-Ost.
Vetr.: Lebensmittel-Opferring der Ortsgruppe Giehen-Ost.
Die Sammlung wird am Dienstag, 3., und Mittwoch, 4. März von der NS.-Frauenfchaft durchae- führt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen oe- reithalten, und die Mitgliedskarten zur Eintragung oorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Betr. Kohlenversorgung.
Die Kohlenhändler wollen die Kohlengutscheine bis zum 5. März täglich in der Zeit von 15—19 Uhr auf der Geschäftsstelle Kaiserallee 52 gegen Wertquittungen umtauschen. Später eingehende Kohlengutscheine können nicht mehr angenommen werden. Für die Kohlengutscheine der Serie E und der Sonderausgabe am 30. 1. 36 sind getrennte Rechnungen auszustellen.
Winterhilfswerk 1935/36
Ortsgruppe Giehen-Vord.
Vetr.: Kohlenscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine Serie E und Serie S bis zum Donnerstag, den 5. März 1936 auf der Geschäftsstelle Walltorstraße 16 abzuliefern. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Vetr.: Pfundsammlung.
Am Dienstag, dem 3. und Mittwoch, dem 4. März 1936 findet die Pfundsammlung für den Monat März 1936 statt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Lebensmittel zur Abholung bereitzuhalten.
Amt für Volkswohlfahrt.
Ortsgruppe Giehen-TNitte.
Vetr.: Lebensmittet-pfundfpende.
Am Mittwoch, 4. März, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Mitte die Lebensmittel-Pfundspende für den Monat März statt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpakete bereitzuhalten.
Gez.: S ch e l l h o r n.
NS.-Lehrerbund, Gießen.
Fachschaft Volksschule.
Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Deutsch am Mittwoch, 4. März, 15 Uhr, im Lehrerzimmer der Schillerschule.
Landschastsbund Volkstum und Heimat.
Ortsring Giehen.
Der in unserem Rundschreiben angekündigte Löns-Abend des Goethe-Bundes findet bereits heute abend statt. Eintritt für unsere Mitglieder 60 Pf.
Oie Bismarckfeier des VHE
Die diesjährige Bismarckfeier des Gefamt-DHC. (Vogelsberger Höhen-Club) findet am Samstag, dem 4 April, auf dem Hoherodskopf statt. Zu dieser Feier werden alle Mitglieder des VHC. erwartet. Die Gedenkansprache hält Dr. F ü ß l e r vom Zweigoerein Grünberg des VHC.
Innungsverfammlung der Klempner und Installateure.
Am gestrigen Sonntaa wurde im Saale F a u l - st i ch eine Jnnunasversammlung der Klempner-, Installateur- und Kupferschmiedeinnung für Stadt und Kreis Gießen abgehalten. Es wurde einleitend darauf hingewiesen, daß der scheidenden Jn- nungsführung ein ehrenvoller Abschied bereitet und die neue Jnnungsführung eingeführt werden soll. Dann sprach zunächst Kreishandwerksmeister Stüh- l e r über Wesen der Innungen und des Jnnungs- lebens und ermahnte die Meister, immer treu zu ihrer Innung zu stehen. Abschließend verpflichtete Kreishandwerksmeister S t ü h l e r den Klempnermeister L i ch jun. (Gießen) als neuen Obermeister der Innung und führte ihn in sein Amt ein.
Rach seiner Verpflichtung nahm Obermeister L i ch das Wort und führte u. a. aus, daß er sich verpflichtet fühle zu seinem Teil mit dazu beizutragen, daß seine berufständige Vertretung, d. h. die Innung, den Inhalt erlange, den der Führer fordere und den die Meister erstrebten. Er sei sich dessen bewußt, daß das nur gelingen könne, wenn jeder der Jnnungsmeister auch an seinem Platz
ftine Pflicht tue. Grundlage für ein gutes Innungsleben sei der Gemeinschaftsgedanke. Er erinnerte daran, wie früher in der Systemzeit durch den fehlenden Gemeinschaftsgedanken sogar die Zusammenarbeit zwischen Meister und Gesellen zerstört worden sei. An die anwesenden Gehilfen richtete er die Mahnung, treu zu ihren Meistern zu stehen, wie diese selbstverständlich immer zu ihren Gehilfen stehen würden. Er bat sie, sich auch immer ihrer Pflicht bewußt zu sein, gemeinsam mit dem Meister den Lehrlingen, die ja einst Gesellen und dann Meister werden sollen, all das zu übermitteln, was diese zu ihrem Berufsleben brauchen.
Sodann wurde die neue Jnnungsführung berufen, die sich wie folgt zusammensetzt: Gg. D a h - mer, L. Mootz, L. Jrle, W. Dörr, Hch. Luch (Gießen), Rob Drücke! (Lang-Göns), Hch. Wagner (Wieseck).-
Obermeister L i ch richtete Worte des Dankes an die ausscheidenden Mitglieder der früheren Jnnungsführung und bat Altmeister Rudolf R ö d i - g e r (Gießen) an den Tisch.
Obermeister L i ch erklärte, daß es ihn freue, als erste offizielle Amtshandlung dem um das Jnnungswesen sehr verdienten Altmeister Rüdiger den Dank für seine Tätigkeit aussprechen zu können, und ernannte Altmeister Rudolf Rüdiger zum Ehrenobermeister der Klempner- und Installateur-Innung und übergab ihm eine entsprechende Urkunde. Ehrenobermeister Rüdiger dankte bewegt und streifte kurz den Kampf, den er seit früher Jugend für die Innung geführt habe, bis heute, da er nun alt geworden sei. Auch er richtete an die Meister die Bitte, immer treu zur Innung und zu ihrem neuen Obermeister zu stehen.
Es sprach dann noch kurz der Bezirksinnungs- meifter Leonhard (Frankfurt). Rach kurzen geschäftlichen Mitteilungen schloß Obermeister Lich die Versammlung mit treuem Gedenken und Gruß an den Führer. Die Feierstunde wurde umrahmt durch Musikvorträge.
Don einem Anko umaeranni.
Auf der Landstraße Gießen—Reiskirchen wurde am Freitagabend in der Nähe des Wasserbehälters inmitten des Waldes ein Kraftdreirad von einem Personenkraftwagen beim Ueberholen angefahren und über den Straßengraben hinweg in den Wald geschleudert, wo es umstürzte. Dabei wurde das Kraftdreirad erheblich beschädigt, zum Glück kamen aber Menschen nicht zu Schaden. Der Führer des Autos ergriff, als er das angerichtete Unglück sah, mit seinem Auto die Flucht und konnte sich unerkannt seiner Verantwortung entziehen.
♦* Straßensperre. Wegen Kanalisierungsund Wasserleitungsbauarbeiten wird die Straße Kinzenbach — Krofdorf, vom Straßenkreuz bei der Kirche in Kinzenbach bis zur Einmündung in die Landstraße Rodheim—Gießen, vom 4. März ab auf die Dauer von drei Wochen für den Fuhrwerks- und Kraftfahrzeugverkehr polizeilich gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Heuchelheim.
♦* E i n Naturkuriosum meldet uns der Dienstmann Wilhelm Gelzenleuchter (Dammstraße 42). Der alte Herr, der seit Jahrzehnten Blumen züchtet, fand an seinen Geranien ein aus dem Stengel heraus vollkommen geschlossenes Blatt, das die Form eines Trichters hat. Es handelt sich um ein größeres Blatt, das unbeschadet dieses seltsamen Wuchses sich lebensfähig entwickelt hat. In den langen Jahren seiner Praxis ist Herrn Gelzenleuchter, der in Feld und Wald und Garten manches Kuriosum der Natur aufgespürt hat, wie er selbst erzählt, ein ähnlicher Fall noch nicht begegnet.
** Seinen Verletzung en erlegen. Mitte voriger Woche wurde der 72 Jahre alte Invalide Johannes Meuser aus Wald-Dernbach (Kreis Wetzlar) in die hiesige Chirurgische Klinik eingeliefert, da er durch einen unglücklichen Sturz Rippenbrüche und innere Verletzungen erlitten hatte. Der bedauernswerte Mann erlag am Samstag den Folgen des Unfall.
Wir find des Führers Zöllnerschar!
Fachschastsabend der Fachschaft „Reichszollverwaltung", Kreis Gießen.
Die in der Fachschaft „Reichszollverwaltung", Kreis Gießen, vereinigten Zollbeamten Oberhessens hielten am Samstag im „Bayerischen Hof" einen Fachschafts- und Kameradschaftsabend ab, der mit einer Abschiedsfeier für einen aus dem Dienst scheidenden Berufskameraden verbunden war.
Fachschaftsleiter Zollsekretär Pg. M a n i k o w - s k i eröffnete die Tagung und gab der Freude der Berufskameraden über das Erscheinen des Vertreters des Landesfinanzamtspräsidenten, Ober-Reg.- Rat Roos, und des Hauptzollamtsvorstehers Zollrat Jensen (Gießen) Ausdruck. Dem nach Gießen versetzten Zollsekretär B a a s n e r (früher Grünberg) hieß er im Kreise der Gießener Berufs- kameraden willkommen und begrüßte besonders ntfü) den scheidenden Berufskameraden Reinhard (Friedberg). Hierauf hielt der
Kreis-Hauptstellenleiter Zollinspektor pg. G. Ulrich einen Vortrag über das Thema „V o m Wesen des deutschen Idealismus", wobei er u. a. sagte: Der Nationalsozialismus formt mit umfassendem Anspruch das deutsche Leben. Unsere Staatsmänner haben mit gesundem Instinkt und im Gegensatz zur Revolte von 1918 wieder an die große deutsche Vergangenheit angeknüpft. Es gilt, die große Blütezeit des deutschen Geistes und ihre wesentlichen Ideen lebendig zu machen, die höchsten Gedanken in unser Erlebnis hineinfließen zu lassen und sie aus eigenem Schöpferwillen umzuformen. Wie jedes Lebewesen die Anlagen einer langen Ahnenkette in sich trägt und doch ein neues, eigenes Leben führt, fo birgt auch das nationalsozialistische Gedankengut den Reichtum einer langen völkischen Entwicklung in sich und lebt in ihm fort mit eigener, frischer Kraft.
Der Redner faßte dann alle großen Leistungen der deutschen Geistesgeschichte zusammen in dem Wort „Deutscher Idealismus", weil sie getragen waren von einem gewaltigen Ringen um höchste Werte und vorgestotzen waren in den Bereich letzter geistiger und religiöser Fragen. Zunächst beschäftigte sich der Redner mit einer Deutung des Wesens der Religion, für das er nach wissenschaftlichen Erläuterungen den Ausdruck des Laien nach dem „Gefühl", das nach Goethe alles ist, anführte,
und den er fo formte: Religion ist höchste Ehrfurcht, die es gibt, Ehrfurcht vor dem Urgrund alles Seins. „Was den deutschen Idealismus kennzeichnet, ist der nie ermüdende Drang, die Religion zu durchgeistigen, sich nicht mit überlieferten Vorstellungen zu begnügen, nicht an starren Dogmen festzuhalten, sondern immer reinere religiöse Gedanken zu formen, Hand in Hand mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Forschung."
Ausgehend von der Frühzeit, in die uns die alt- isländischen Sagas einen Einblick in die Religion der nordischen Germanen ermöglichen, über die Anfänge des Christentums in Deutschland um die Wende des 7. und 8. Jahrhunderts und die deutsche Mystik des Meisters Eckehart und Angelus Silesius (schlesischer Gottesbote) hinweg zu Martin Luthers Befreiungstat, die geistig und politisch die Bahn öffnete und hinüberleitete zu der Gedankenwelt unserer aroßen Denker und Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts, der Zeit des deutschen Idealismus im engeren Sinne, zeigte der Redner das gewaltige Ringen um das Wesen der menschlichen Freiheit, die auch eine religiöse Freiheit ist. Die.Gestalt dieser religiösen Freiheit kennzeichnete er an Aussprüchen Immanuel Kants, der die Freiheit als sittliche Freiheit bestimmte und dem Menschen den Weg zu ihr in der Erfüllung der Pflichten im Zusammenleben mit den anderen, also in der Volksgemeinschaft, wies. Am klarsten bezeichnete den Weg verantwortlichen Suchens nach der Wahrheit Schopenhauer mit den Worten: „Das Beste, was der Mensch erreichen kann, ist ein heroischer Lebenslauf!" Fichte, der Prediger der deutschen Erneuerung in den Freiheitskriegen, sucht seine Deutschen dazu immer wieder anzutreiben, indem er ihnen zuruft: „Handeln! Das ist es, wozu wir da sind. Vollkommenheit ist das unerreichbare Ziel des Menschen, Vervollkommnung ins Unendliche aber ist seine Bestimmung". Stark berühren sich mit solchen Gedankengängen Adolf Hitlers Worte, der 1934 einmal sagte: „Wir haben hinter uns eine Zeit, die mit zu den schwersten der deutschen Geschichte gehört. Ich sehe als das Schlimmste dieser Zeit an die planmäßige Zerstörung jedes Vertrauens unseres Volkes auf feine eigene Kraft und damit auf die wichtigste Voraussetzung zu jeder Daseinserhaltung. Gleichgültigkeit und Verzagtheit verbreiten sich immer mehr. Wenn ein einzelner Mann in
Oie Tippgräfin.
Roman von Klothilde v Gtegmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Derlag, Berlin, SW 68.
1. Fortsetzung. Nachdruckverboten!
Aber Erhard von Hagens Gesicht hellte sich nicht auf:
„Mariella, ich muß dir beinah undankbar erscheinen, daß ich deine Hoffnungen immer wieder zerstöre. Aber sieh, eine Frau kann vielleicht nicht verstehen, was es für einen Mann bedeutet, deklassiert zu sein. Ich wünschte, ich wäre damals draußen im Felde geblieben. Mein alter Freund Verdingen hätte mich lieber liegen lassen sollen, anstatt mir das Leben zu retten. Was ist mein Leben schon wert?"
Die blauen Mädchenaugen füllten sich mit Tränen:
„Und daß du für mich alles bist — gilt das nichts, Erhard? Ich möchte Verdingen Tag für Tag auf den Knien danken. Ohne feine Tapferkeit, die dich gerettet hat, wäre auch mein Leben nichts mehr wert. Du weißt ja, ohne dich wäre ich mutterseelenallein auf der Welt. Vom Vater habe ich nie mehr ein Lebenszeichen erhalten. Er ist ja auf der letzten Forschungsreise im Innern Afrikas verschollen. Ich habe Jahre um Jahre gehofft, und seine Freunde mit mir. Dor einem Jahre aber schrieb mit einer seiner Freunde, daß keine Hoffnung mehr wäre. Und Tante Annina? — du weißt ja, was zwischen ihr und mir steht; sie wird mir nie verzeihen, daß du mich liebst, und nicht sie."
Und nun stürzten doch die Tränen aus den blauen Augen.
Erhard von Hagen deckte seine schlanke, gepflegte Hand über die Augensterne des Mädchens. Mariella schauerte unter dieser zarten Liebkosung zusammen. Poll tiefen Glücks hielt sie ganz still. So entging ihr auch bas Gespannte in Erhards Ausdruck. Plötzlich fragte er:
„Und du hast von dem Freund deines Vaters, dem Herzog, nichts weiter gehört, Liebling?"
Mariella schüttelte den Kopf. Aber sie bemühte sich, ihr Gesicht unter der sanften Berührung zu lassen.
„Hat denn dein Vater kein Testament gemacht, Kind? Vor solchen gefahrvollen Forschungsreisen pflegt doch jeder Mensch sein Haus zu bestellen. Dein Vater hat dich ja so zärtlich geliebt. Aus deinen Erzählungen habe ich es immer wieder herausgehört. Sollte er nicht irgendwie für dich gesorgt haben? Ob deine Tante nichts Näheres darüber weiß?"
Es klang ganz unverfänglich und wie aus der Sorge um Mariella gesprochen. Und doch, mit dem Feingefühl der reinen Seele hörte das junge Mädchen einen fremden Ton heraus. Sofort schalt sie sich. Wie kam sie auf diesen Gedanken? Es war doch ungeheuer wichtig, ob sie nicht doch vom Vater hier einige Mittel zu erwarten hatte. Oder ob sie ausschließlich von der Gnade Tante Anninas leben mußte. Ach, wäre sie doch reich! Sie dachte nicht an sich. Aber bann hätte sie doch ihrem heimlich Verlobten helfen können. Denn auch Erhard besaß nichts weiter als seinen Namen.
Gerade wollte Mariella antworten, da klopfte es hart an die Tür. Schnell löste sich Mariella von Erhard. Gleich war sie an dem kleinen Tisch mit der Schreibmaschine. Erst als sie sich gesetzt hatte, rief der Mann: „Herein!"
Vor der Tür stand ein sommersprossiger, schlack- siger Junge von etwa fünfzehn Jahren mit einem unverschämten Lächeln:
„Herr Jraf, Mutta läßt Ihnen sagen, sie schickt das letztemal mit der Rechnung! Sie hat nicht Lust, länger zu warten. Wenn Sie nicht bezahlen können, dann können Sie uns ja was als Pfand geben. Wie roär's denn mit der da?"
Er wies auf die Schreibmaschine, an der Mariella saß. Mit verängstigten Augen, ganz blaß geworden, starrte Mariella auf den Burschen.
Der fuhr fort:
»Soll ich das Ding jleich mitnehmen, oder wollen Sie zahlen? Fünfzig Mark macht die Rechnung."
„Das gibt's nicht!"
Frau Wodny war aus der Küche herbeigestürzt und schob den Jungen unsanft beiseite:
„Aus meinem Hause wird nichts mitgenommen, junger Mann! Der Herr Graf ist mit der Schreibmaschine hier eingezogen. Die bleibt mir als Sicherheit für meine Miete. Und damit Schluß! Ich will Sie nicht wieder hier sehen. Das ist meine
Wohnung — verstehen Sie? Und wer ohne meine Erlaubnis die Räume betritt, begeht Hausfriedensbruch."
Der Junge war erschreckt zurückgewichen und verschwand schimpfend mit feiner Rechnung.
„Danke schön, Frau Wodny!" sagte Erhard mit gepreßter Stimme zu seiner Wirtin. Die sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an. Ein zweiter, sehr unfreundlicher Blick traf Mariella.
„Danke schön kann jeder sagen", kam es dann spitz, „aber sich dankbar zeigen, das scheint schwerer!"
Mit diesen rätselhaften Worten verschwand sie wieder im Hintergründe des Korridors.
Noch ganz weiß im Gesicht, sah Mariella ihr nach:
„Ich habe immer solche Angst vor Frau Wodny, Liebster!" klagte sie. „Mir ist immer, als hasse sie mich und möchte mir am liebsten etwas antun, weil ich zu dir komme. Sie weiß doch nicht, daß wir verlobt sind? Sie soll mich für nichts anderes halten als deine Sekretärin."
„Mit den Wirtinnen vom Schlage der Wodny ist das so eine eigene Sache, Liebling — die hören das Gras wachsen! Die Wodny ist eben eifersüchtig, weil du jung und schön bist, und sie nicht. Außerdem neidet sie dir deinen Prinzessinnentitel. Ach, ich wollte, ich könnte dich vor derartigen Begegnungen schützen. Siehst du es nun, daß es für mich keinen Ausweg aus diesem Elend gibt? Gib mich auf, Kind! Ueberlaß mich meinem Schicksal! Am besten: eine Kugel durch den Kopf. Dann hat alles ein Ende."
Mariella schrie aus. Sie warf sich in Erhards Arme.
„Niemals gebe ich dich auf!" Unendliche Liebe lag in dem Aufschrei. „Sag nie mehr etwas fo Schreckliches. Es muß sich ein Ausweg finden."
2. Kapitel.
D i e Liede eines Fürsten.
„Herr Rechtsanwalt Heßling läßt bitten, gnädige Frau!"
Bewundernd sah der kleine Büroschreiber Annina von Gellern nach. Was der Ches jetzt für feine Kundschaft hatte! Wunderbar schön war diese Frau, die jetzt den Korridor entlang zum Zimmer des Rechtsanwalts ging. Ein feiner Duft von Flie-
so schwächlicher Art an seiner Zukunft verzweifel»» die Hände in den Schoß legt und den lieben Gott allein sorgen läßt, bau weiß man, was ihm passte« ren wird: sein Geschäft geht zugrunde, fein Hof verödet, feine Existenz bricht zusammen. Glaubt man aber, daß es etwa besser ist, wenn 30 oder 40 Millionen Menschen das gleiche tun? Man muß einem Volke bann mieber Die harte Lehre beibringen, baß bas Schlimmste, was geschehen kann, ist, wenn gar nichts geschieht. Nein! Man muß sich mieber zu Entschlüssen burchringen, muß bett Kampf um bas Leben aufnehmen!"
Dem „Jmmer-strebenb-sich-Bemühen" des deutschen, faustischen Menschen gibt Goethe Ausdruck: „In unseres Busens Reine wogt ein Streben, sich einem höheren. Reineren, Unbekannten aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, enträfelnb sich dem ewig Ungenannten: Wir heißen's fromm sein!..."
Mit Friedrich Nietzsche schließt sich der Ring einer heroisch-diesseitigen Welt des gemeinsamen Kampfes, wie sie zukunftswollend und schöpferisch gestaltend im Nationalsozialismus, vertieft durch das Fronterlebnis durch den Weltkrieg, neu zum Ausbruch kommt. Wir haben die Wehrfreiheit wie- der, aber die beste militärische Ausrüstung ist toter Mechanismus, wenn nicht die Kraft der geeinten Volksseele dahinter steht! Unser Glaube ist Deutschland! In der Volksgemeinschaft entscheidet sich Deutschlands Zukunft!"
Starker Beifall dankte dem Vortragenden für seine tiefgründigen Ausführungen. Noch einer musikalischen Ueberleitung gab
Kreis-Amtsleiter
Oberzollinspektor pg. Heß
persönliche Eindrücke von der sachwissenschaflichen Tagung für Reichszollbeamte in Eisenach wieder. In fesselnder Weise erzählte er von seiner Reisebekanntschaft, die sich aus einem Kriegskameraden aus Ostafrika und einem zur Zeit noch in Deutsch- Südwestafrika tätigen Lehrer zusammensetzte. Interessant' war die Meinung des Südwestafrikaners, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis wir diese Kolonie wieder bekämen. Ebenso interessant war die Begegnung mit Oberregierungsrat Kapitän Schmehl, dem Ehrenbürger Gießens.
Pg. Heß schilderte dann die historische Bedeutung der Wartburg und einen Rundgang durch die an Sehenswürdigkeiten reiche Stadt Eisenach. Aus dem Bericht über die Tagung ist das Zusammensein der Hessen mit den Vertretern Danzigs bemerkenswert, ebenso die Schilderung der eindrucksvollen Gefallenenehrung.
Mit einer Schlußansprache des Fachschaftsleiters schloß der Fachschaftsabend mit dem Gelöbnis zum Führer und dem Horft-Wessel-Lied.
Die Abschiedsseier
für den aus dem Berufe scheidenden Zollsekretär Reinhard aus Friedberg fand ihre feierliche Einleitung durch das Largo von Händel.
Als Vertreter des Landesfinanzamtspräsidenten übermittelte Oberregierungsrat Roos dem Scheidenden den Dank und die Grüße der Verwaltung, mit denen er die herzlichsten Wünsche für seinen ferneren Lebensabend verband.
Hauptzollamtsvorsteher Zollrat Jensen (Gießen) würdigte die Verdienste des Berufskameraden Reinhard während seiner langen Dienstzeit, die 1905 bei der Zollverwaltung begonnen hatte und ihn über Mainz nach Friedberg führte. Seine Pflicht erfüllte er selbstlos und treu. Mit dem Dank für seine Verdienste seien die persönlichen Wünsche für einen geruhsamen Lebensabend verbunden.
Im gleichen Sinne sprach der Vorsteher des Zollamtes Friedberg, Zollinspektor Jansen, zugleich für die Friedberger Fachschaftsangehörigen. Die herzlichsten Wünsche begleiten den Scheidenden. Zum Andenken an die Verdienste und zur Erinnerung an die Dienstzeit, überreichte Zollinspektor Jansen ihm ein großes Bild des Führers.
Zollsekretär Reinhard sprach seinen Dank für die Beweise kameradschaftlicher Verbundenheit aus und versprach, auch weiterhin seine Pflicht zu tun gegenüber Volk und Führer.
Nach der eindrucksvollen Abschiedsfeier nahm unter gesanglicher und deklamatorischer Mitwirkung der Berufskameraden der
Kameradschastsabend
seinen Fortgana. Fachschaftsleiter Pg. Manito w s k i gab seiner Freude Ausdruck über die kameradschaftliche Verbundenheit des Vertreters des
der entstieg wie eine zarte Wolke dem blonden Pelzmantel mit dem hochgestellten Kragen.
Das schöne, stolze Gesicht sah wie eine kostbare Blüte aus der weichen Umrahmung des Pelzes hervor. Vor der Tür von Heßlings Zimmer stand Annina von Gellern still. Sie zog Spiegel, Puder und Schminke heraus, um sich Lippen und Wangen nochmals sorgfältig zurechtzumachen.
Walter Heßling hatte die Anmeldung von Annina von Gellerns Besuch mit wenig Freude aufgenommen. Aergerlich klappte er das Aktenstück, an dem er arbeitete, zusammen und ging in seinem Arbeitsraume auf und ab. Es war ein kostbar aus» gestatteter Raum, so recht die Umgebung für einen Geistesarbeiter und schönheitsdurstigen Menschen wie Heßling.
Die Wände des sehr großen Raums mit seinen drei breiten Fenstern waren mit silbergrauen Tapeten bekleidet. Große Bücherregale in grau Ahorn mit schwarzen Intarsien waren in die Wände eingelassen und vollgefüllt mit Büchern und Zeitschriften. Vor der einen Fensterwand stand ein großer Schreibtisch. Bequeme Sessel warteten auf die Besucher. Ein großer, handgeknüpfter Teppich in grünen und grauen Tönen bedeckte fast das ganze Parkett.
Es war ein heller Frühlingstag. Der ganze Raum lag im vollen Glanz der Mittagssonne. Aber Walter Heßling hatte heute keinen Sinn für die Harmonie und Schönheit der Umgebung, die er sich selbst geschaffen. Dieser Besuch Anninas ließ vieles in ihm wach werden. Vor Jahren freilich war das anders gewesen. Als er zu Beginn feiner Anwalttätigkeit hierher kam, hatte er sich Hals über Kopf in Annina verliebt. Ihre sieghafte Schönheit berauschte ihn, den jungen, unerfahrenen Menschen, völlig. Aber nach kurzer Zeit hatte er sehr bald die innere Leere, die berechnende Kälte der schonen Frau erkannt.
Solange er vermögenslos gewesen, hatte Annina ihn kaum beachtet. Sie gab ihm sehr deutlich zu verstehen, ein Mann ohne Stellung und Praxis komme für sie nicht in Betracht. Dann kam er durch ein paar glücklich geführte große Prozesse schnell zu Ruhm und Geld. Sofort änderte sich Anninas Wesen. Sie zeigte ihm deutlich, wie sie ihn jetzt vor anderen Bewerbern bevorzugte. Sie schien nur darauf zu warten, daß er sich erklärte.
(Fortsetzung folgt!)
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