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Nr. 250 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)

Donnerstag, (.Oktober 1936

Vom Autor und vom Urheberrecht

Zur Tagung des LL. Internationalen Kongresses der Autoren und Komponisten.

tfporf

Das Gausachamt 1 Turnen tagte in Kassel

auch beide

Dies der Sinn des Zusammenschlusses in den Verwertungsgesellschasten im allgemeinen und der gegenwärtigen Tagung im besonderen. Und mir, die wir die Genießenden der Dichtungen und Mu­sikwerke sind, können wohl nur den einen Wunsch haben, daß es durch diese Tagung zu einer Eini­gung aller Glieder der Kette kommt.

Daß sich der Kongreß mit dieser Urhebersrage nicht erschöpft, sei ergänzend hinzugefügt; daß er sich nicht im Stofflichen (Materiellen) festrennt, da­für bürgt die glückliche Zweiheit, daß sowohl der italienische Propagandaminister Dino Alfieri,. der den Vorsitz führt, als auch der deutsche Pro­pagandaminister als Schirmherr mit am Werke sind; dafür stehen nicht zuletzt die Dichter und Ton­setzer selbst ein, die nur um Anerkennung wirt­schaftlicher Rechte ringen, um das ist der kul-

Wer will hier Recht sprechen? Zuletzt muß der Kampf um das WortUrheber" ein Kampf um Worte werden. Wichtiger ist: den Anteil an der Gemeinschaftsarbeit vom erstenErzeuger der Idee" bis zum letztenGestalter der Auffüh­rung" festzustellen oder wenigstens durch Verein­barung festzulegen.

Rur darum ist es auch denAutoren" undKom­ponisten" zu tun. Sie wollen, um an den Anfang anzuknüpfen, nicht Dauer-Vorbilder desPoeten in der Dachstube^ sein; sie wollen nicht zeitlebens hungern; sie führen keine Wirtschaftskämpfe, son­dern wollen ihr (Urheber-)Recht, soweit es ihnen verdientermaßen zusteht.

fortab vielmehr den Urhebern ein bestimmter Hundertsatz der laufenden Unternehmer-Ein­nahmen zugesprochen und gesichert werden.

Indessen: hier wird plötzlich der Zwiespalt im Urheberrecht sichtbar! Wer ist Urheber? Die Sänger der Heldenlieder im Altertum und die Minnesänger des Mittelalters, sie waren Urheber und Verkünder (Gestalter und Verbreiter) ihrer dichterischen und musikalischen Schöpfungen zugleich. Die Erfindung Gutenbergs schob zwischen den Sänger" und den Hörer, der nun zum Leser wurde, den Drucker und Verleger! Roch Shake­speare war Bühnendichter und Buhnengestalter, warStückeschreiber", Schauspieler und Theater­unternehmer in einer Person. Das moderne The­ater schob zwischen den Dramatiker und den Zu­schauer den Bühnenoerleger, den Intendanten, den Dramaturgen, den Spielleiter, den Darsteller, nicht zu vergessen den Bühnenbildner, den Ausstatter und Beleuchter.

Rundfunk, Schallplatte und Film aber entfernten den Dichter und Tonsetzer vollends von ihren Zu­hörern und Zuschauern. Wie weit, das wissen wir, auch ohnevon der Zunft" zu sein, genug, um zu erkennen, daß von diesenZwischengliedern" und ihrer Gestaltungskraft oft der Erfolg einer Dichtung oder eines Musikwerkes abhängt. Sind aber diese selbständig gestaltendenZwischenglieder"

treter Engelhardt (Eschwege), Gauvolksturn- wart Engelbrecht (Kassel), Kreisfachamtsleiter Giebel (Heinebach), Gaufachamtspressewart- w a l d (Bad-Nauheim) und Gaumännerturnwart Dahms (Bad Wildungen). Deutsche Gemein­schaftstänze beschlossen den schönen Abend der Kameradschaft.

Die Arbeit des Sonntags begann mit einer gemeinsamen Tagung und wurde dann in Sonder­sitzungen und Uebungsstunden fortgeführt, lieber Zusammenarbeit des RfL. mit der NS.-Frauen­schaft und dem Frauenwerk sprach Gaufrauenwartin V o p e l - Kassel, während die Gaufrauenturnwartin Luise Schwarz- Friedberg kommende praktische Aufgaben des Frauenturnens erläuterte.

In der Sitzung der Kreisoberturnwarte be­handelte Gauoberturnwart H a u f f e - Kassel die Reichsbund- und die Gauschulung; Gaufachamts- spielwart Denn- Kassel zeigte, wie die Spiele in die Lehrgänge einzubauen sind; Gauvolksturnwart Engelbrecht - Kassel forderte Durchführung von Volksturnoeranstaltungen, und zwar möglichst in der Form der so beliebten Bergfeste in allen Krei­sen, Gaujugendwart Geiß- Hanau a. M. sprach über die Jugendarbeit und Gaufachamtspressewart O ß w a l d - Bad-Nauheim über das Pressewesen im DRL. und im Fachamt.

Für die Männerturnwarte gab es eine praktische Uebungsstunde in der Turnhalle. Unter Leitung von Gaumännerturnwart Dahms wurden die Hebungen für die Rundenwettkämpfe bespro­chen. Auch die Uebungsstunde der Frauenturnwarte bot viel Anregung.

Wichtige Verwaltungsfragen wurden in einer Sitzung der Kreisfachamtsleiter und Kreiskassen­warte behandelt. Gaukassenwart Herzog (Kassel) gab über das Abrechnungs- und Kastenwesen ein­gehende Auskunft. Zustimmung fand die Satzung

Das Gaufachamt I, Turnen, führte zum Wochen­ende in Kassel eine wichtige Arbeitstagung durch, an der der Gaufachamtsstab, die Kreisfachamts­leiter, Kreiskaffenwarte, Kreisoberturnwarte, die Kreismännerturnwarte und die Kreisfrauenturn­warte teilnehmen. In gemeinsamer Sitzung, die von Gaufachamtsleiter Brunst (Vollmarshausen) am Samstagnachmittag eröffnet wurde, sprach Gau- fachamtsoberturnwart Hauffe (Kassel) in grund­legenden Ausführungen über den Deutschen Neichsbund für Leibesübungen und seine Ziele. Er stellte besonders die Schulungs­arbeit heraus und konnte in dem Zusammenhang die erfreuliche Mitteilung machen, daß auch der Gau XU, Hessen, in aller Kürze seine G a u s p o r t- schule in Marburg erhalte, in der schon im Oktober dieses Jahres eine rege Lehrtzangstätigkeit überfad)Iich'r und fachlicher Art einsetzon werde, nicht nur für die Kreise und Vereine des DRL., son­dern auch für HI., BDM. und SA. Gaumännerturn­wart Dahms (Bad Wildungen) machte mit den Richtlinien für die Durchführung der Runden­wettkämpfe im Gerätturnen vertraut, und Gaudietwart Mäder (Kassel) sprach über die Notwendigkeit und große Bedeutung der Diet- arbeit.

Wie Sietarbeit gestaltet werden muß, um zu er­hebendem Erleben zu führen, das kam wirkungs­voll zum Ausdruck bei dem Kameradschafts­abend. Der Gaufachamtsleiter nahm dabei eine Ehrung von einigen älteren Turnern vor, die in jahrzehntelanger unermüdlicher Arbeit in der Turnerschaft Volk und Vaterland treu gedient haben. Es erhielten den Gauehrenbrief Gaufachamtspresse­wart O ß w a l d (Bad-Nauheim) und Gaumänner­turnwart Dahms (Bad Wildungen); und als be­sondere Auszeichnung wurde die Gauehren­nadel ehrenhalber verliehen an: Ehrenkreisver-

Was ist es mit diesem Persönlichkeits­recht? Es wird von den Schriftstellern und Ton­setzern (immer in dem einengenden Sinne dieses Kongresses) betont, weil es im Urheberrecht eine große Rolle spielt. Diese Betonung des Persönlich­keitsrechtes soll (unter anderem) das Aufkäufen geistigen Eigentums mit einer einmaligen Zahlung undAbfindungssumme" durch den Unternehmer" grundsätzlich verhindern. Es soll

, . ___ , , turelle Wert dieses Kongresses sie dann urn-

Urheber? Das eben ist die Frage, die zusetzen in gottbegnadete Geschenke an uns alle. Lager" aufs heftigste bewegt. | Dr. H. D.

Es darf uns nicht gleichgültig sein, ob Dichter und Tonsetzer hungern. Nicht nur sie haben Nach­teile, sondern auch, denen ihre Werke gelten. Gar mancher hochbegnadete Geist, gar manche be­schwingte Seele brach frühzeitig zusammen, weil der Körper nicht zu seinem Recht kam. Um dieses Recht des Körpers geht es zunächst bei den Ta­gungen der internationalen Kongresse öer Autoren und Komponisten, geht es auch diesmal bei dem 11. Kongreß, der zur Zeit in Berlin unter der Schirmherrschaft des Reichs­ministers Dr. Goebbels entscheidende Sitzungen abhält. a

Das will sagen: es tagen die in derConfectera- tion Internationale des Societes dAuteurs et Compositeurs zusammengeschlossenen Verwer- tungs- und Abrechnungsgesellschaf- t e n jener Schriftsteller und Tonsetzer, die Werke zum Zwecke der Aufführung (also nicht: zum Zwecke der Drucklegung in Zeitung, Zeitschrift oder Buch) schaffen. Aufgabe dieser Verwertungs- und Abrechnungsgesellschaften ist es, alle aus dem gei­stigen Eigentum hervorgehenden Urheberrechte zu wahren und für die Urheber nutzbar zu machen.

Nun stelle man sich aber nicht vor, daß es sich bei diesem internationalen Kongreß um eine Art Börsentagung" handele oder gar darum, den Gegnern", das sind die Theater, der Rundfunk, die Schallplatten- und Filmhersteller, auf haste, was kapnste das Wasser abzugraben.

Der Auftakt des Kongresses am Vorabend der Verhandlungen bot vielmehr (und wahrheitsgetreu) ein ganz anderes Bild. Es war zu einer Teestunde in denTerrassen am Stadion" geladen, der eine Besichtigung des Reichssportfeldes voranging. Die­ser Teestunoe beizuwohnen, war, man kann es ge­trost so ausdrücken: ein Erlebnis. Denn unter den hundert Männern und Frauen, die an den weiß­gedeckten, anmutig mit bunten Herbstblumen und mit den Farben der teilnehmenden Nationen ge­schmückten Tische saßen, miteinander in allen euro­päischen Sprachen plauderten und Gedanken aus­tauschten, waren viele bekannte und von der Welt gerühmte Persönlichkeiten.

Sprach man soeben mit dem schwedischen Kom­ponisten Kurt Atter berg und seinem Lands­mann und Berufskameraden Eric W e st b e r g, so bedurfte es nur weniger Schritte, um mit dem französischen Komponisten Rousseau in eine an­geregte Unterhaltuna zu kommen; übrigens trägt dieser Rousseau nicht die Vornamen seines be­rühmten Namensvetters, sondern er hat sie dem französischen Dramatiker Jean Jacques B e r n a r d überlassen, dessen weißes Künstlerhaar in einer der Fensternischen aufleuchtet. Oder man sprach mit dem portugiesischen Bühnendichter Felix Bermudes über die Entwicklung des portugiesischen Dramas, um bald darauf mit dem Berliner Lustspielautor Leo Lenz über die Zukunft der deutschen Komö­die ins Reine zu kommen. Kurzum: es war ein Nachmittag voll Geist und Scherz, mitunter auch mit Ironie, der die tiefere Bedeutung nicht fehlte.

Nichts also von schrankenloser Gewinnsucht! In­dessen klang doch auch der Ernst der bevorstehenden Tagung durch alle Gespräche und immer wieder war von dem Persönlichkeitsrecht (droit moral) des schöpferischen Menschen die Rede.

des VereinsHilfswerk des Gaues XII, Hessen, der Deutschen Turnerschaft". Gaufachamtspressewart Oßwald regte für das Jahr 1937 eine Gaufahrt zu den Jahn-Erinnerungs­stätten in Freyburg a. d. 11. an; außerdem wies er hin auf die 100. Wiederkehr des Todes­tages des hessischen Turnvaters Fr. L. Weidig, eines Vorkämpfers für deutsche Einheit und Frei­heit, und schlug vor, den Gedenktag im nächsten Jahre durch eine Feier auf der hessischenHasen­heide" bei Butzbach zu begehen, wo Weidig bereits 1814 deutsches Volks- und Wehrturnen pflegte.

Gaumeisterschafts-Marathonlauf in Weilburq.

Am kommenden Sonntag findet in Weilburg a. d. L. ein reichsoffener Marathonlauf, verbunden mit dem Gaumei st erschaftslauf des Gaues XII (Hessen), statt. Weit über 50 Läufer haben ihre Meldung abgegeben. Unter den Läufern befinden sich ein großer Teil namhafter Langstreckler. Bertsch, VfB. Stuttgart, der wieder vollständig gesund ist, und Bödner, BSC. Komet, der diesjährige Brockenlaufsieger, werden einen er­bitterten Kampf um den ersten Platz führen. Noch zu nennen fei Orbanz (Dresden), Jahn (Berlin), Kreglinger (Wilhemshaven). Letzterer hat Deutsch­land schon öfters international vertreten und macht in Weilburg feinen 28. Marathonlauf. Um die Gau­meisterschaft kämpfen 10 Läufer. Favorit wird Berndt, VfB. Diez (früher Niederlahnstein) sein. Start ist 14.30 Uhr auf dem Marktplatz. Die Strecke führt von Weilburg durch das Weiltal über Weil­münster bis vor Emmershausen und wieder zu­rück zum Sportplatz an der alten Kaserne.

Als Rahmenprogramm findet auf dem Sportplatz an der alten Kaserne als Abschluß der Leichtathletik- saison ein Klubkampf zwischen Gießen und Well- bürg statt.

Schaumburaek neuester Rekord.

2000 Meter in 5:27,4.

Der deutsche Meister im 1500-Meter-Lauf Fritz Schaumburg-Oberhausen unternahm am Mittwoch auf der Hauptkampfbahn des Kölner Stadions einen Angriff auf feinen eigenen deutschen Rekord über 2000 Meter. Der Oberhausener Polizist hatte besten Erfolg; er durchlief die Strecke unter der offiziellen Kontrolle von sechs Teilnehmern in der neuen deut­schen Bestzeit von 5:27,4 (seither 5:28,0). Zwei der Uhren zeigten sogar 5:27,2 an. Für die 1500 Me­ter benötigte Schaumburg als Zwischenzeit 4:06 Minuten. Einige Kölner Langstreckler, die mit Vorgabe bedacht wurden, waren die Gegner des Oberhauseners, der am Sonntag in Budapest auf den Nurmischüler Höckert trifft

Haupt- und Abschießen des Gchützenveeeins Laubach.

Am Sonntagnachmittag veranstaltete der Schützen­verein Laubach sein diesjähriges Haupt- und Ab­schießen. Trotz des regnerischen Wetters nahmen zahlreiche Schützen, auch von auswärts, an dieser Veranstaltung teil. Die erzielten Ergebnisse waren gut. Es wurde mit Groß- und Kleinkaliber geschos­sen. Abends fand im Schützenhof die Preisvertei­lung statt, die von dem Vereinsführer, Bürger­meister Högy, nach feiner Begrüßungsansprache vorgenommen wurde: Die Würde des Schützen­königs errang mit 170 Ringen Karl Becker, den 1. Ritter Gustav Schnei dt jun. mit 165 Ringen. Die Preisträger der übrigen Scheibengattungen waren:

Blättchen (100 Meter): 1. Ernst Rühl, 2. Ed. Göbel II., 3. Dr. Roßbach, 4. Arnold Enders, 5. derselbe, 6. H. Wallenfels (Nidda), 7. K. Becker,

Das Raubtter vor meinem Fenster Beobachtungen an einem Spinnennetz.

Mein Fenster liegt zu ebener Erde, es geht auf einen großen Garten und ist auf allen Seiten von Efeu umsponnen. Es ist angenehm, zwischen der Arbeit den Blick zu heben und in den Garten hin- auszuschauen. Vor ein paar Monaten, an einem schönen Sommertage, der nach regnerischer Nacht doppelt klar strahlte, traf mein Blick beim Hin­auswandern aus dem Fenster auf ein vollkomme­nes Kunstwerk. Zwischen den Efeublättern aufge­hängt war ein unerhört feines, aber lückenlos re­gelmäßiges Spitzengebilde, fast kreisrund, nur mit abgestumpften Ecken, seidig in der Sonne funkelnd. Genau in der Mitte des Gewebes, da wo alle Strahlen zusammenliefen, saß die Derfertigerin die­ses Kunstwerkes, den Kopf nach unten, alle acht Beine von sich gestreckt, der Leib ungefähr em Zweipfennigstück groß, braun, mit heller schöner Zeichnung. Sie sah aus wie ein kostbarer Edelstem, wie sie da vollkommen regungslos m der Sonne glänzte. Auch die Beine, feingegliedert, dunkel- und hellbraun gegen einander abgesetzt, waren kleine Kostbarkeiten. Den ganzen Tag freute ich mich an dem Anblick und trat am nächsten Morgen mit einer gewissen Spannung an mein Fenster. Aber es war eine Enttäuschung, das Netz war zwar so vollkommen wie tags zuvor, die Spanne aber ver­schwunden. Ich wunderte mich, wie konnte em^Tier freiwillig eine solche Heimstätte verlassen wen» aber ein Kamps stattgefunden hatte und sie vom Feinde überwältigt worden war, wie konnte dann das Netz so tadellos in Ordnung sem? Da entdeckte ich plötzlich, daß eins der Efeublatter nach unten eingerollt war, und zugleich sah ich ^langes gel­bes und braunes Bein darunter hervorragen. Da­hin also hatte sie sich zurückgezogen!

Seitdem galt mein erster Blick jeden Morgen meiner neuen Freundin. Entweder traf ich sie m der haften und

* SSÄK regte sie sich nicht. Eines Tages aber kam Plotzl ch Ä7 In b«. 4

igr Den jiunei n deinen, die etwas un=

glückliche Opfer lostrommelten, es um uns um

wirbelten und das immer noch Zappelnde und Zuckende in wenigen Augenblicken mit zähen Fäden gefesselt hatte. Es war eine große dicke Fliege, die Spinne hockte über ihr, ihr immer wieder neue Stöße versetzend. Sie hatte plötzlich gar nichts Edelsteinhaftes mehr, der ganze Leib war in ei­gentümlich vibrierender Bewegung. Nach einer hal­ben Stunde war der Leib der Fliege etwa auf die Hälfte zusamckiengeschrumpft, nach einer Stunde war nur noch ein schwarzes dürres Klümpchen üb­rig, das zur Erde geworfen wurde. Danach saß die Mörderin wieder in ihrem Netz, unnahbar wie je.

Sie hatte ihre guten wie bösen Tage. An den guten ging ihr schon das zweite Opfer auf den Leim, während sie noch mit dem Verzehren des ersten beschäftigt war. Dann ließ sie das erste los, stürzte sich auf das neue, schlug es blitzschnell in unzerreißbare Fesseln und kehrte befriedigt zu ihrer Mahlzeit zurück. Manchmal war ihre Speisekam­mer ganz gut versehen. Drei oder vier Braten hin­gen im Netz und warteten auf ihre Vertilgung. Dann kamen aber auch wieder schmale Zeiten. Tagelang beobachtete ich die Spinne in ihrem Blätterversteck, sah die Fliegen sich draußen tum­meln . . . näher kommen . . . und wartete voller Spannung: wird eine ins Netz gehen? Da kommt etwas Dickes, Schwarzes angebraust, fliegt gegen das Netz, saust abwärts und ist verschwunden. Die Spinne hat sich nicht gerührt. In dem kunstvollen Spitzengebisde aber klafft ein riesiges Loch.

Manchmal sind es auch Sturm und Regen, die das Netz halb zerstören, während die Spinne unter dem Blätteedach sitzt. Doch qm nächsten Morgen er­glänzt es immer wieder in vollkommener Schön­heit. Merkwürdig, es ist nicht immer an derselben Stelle, manchmal etwas näher am Fenster, manch­mal weiter draußen, mandjmal höher, manchmal tiefer. Spinnt sie jedesmal ein ganz neues? Mein Wunsch, ihr einmal dabei zusehen zu können, bleibt unerfüllt. Sie scheint nur nachts zu spinnen. Aber ich wüßte gern, wie sie es macht. Wohl habe ich gesehen, wie sie sich an einem Faden von einem Blatt auf ein tiefergelegenes herabläßt. Doch beim Netzbau muß sie doch auch einmal an der anderen Seite wieder hinaufklettern. Wie macht sie das, da, wo noch kein Faden hängt? Es scheint mir das Ge­heimnis des Fakirs, der den Strick in die Lust wirft und daran in die Höhe klettert, Münchhau­sens, der sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht.

Seit mehreren Tagen aber habe ich einen trau­rigen Anblick vor meinem Fenster: die Spinne ist verschwunden. Ich habe den ganzen Efeu durch­sucht, nirgends eine Spur von ihr. Ist sie einem stärkeren Feind zum Opfer gefallen? Oder war ein­

fach ihre Lebensspanne um, ihre Zeit gekommen, um zu sterben? Aber müßte ich dann nicht ihre Reste finden, das, was von einem solchen Geschöpf übrig bleibt, wenn dasLeben" aus ihm entwichen ist? Doch wahrscheinlich sieht dieses Etwas der Erde oder den dürren Blättern schon so ähnlich, daß mein Auge es nicht mehr unterscheidet. Das Netz aber, das kostbare Spitzengebilde, das vollkom­menste Kunstwerk, das Wunder des Fakirs, schwankt entzaubert im Herbstwind, verschmutzt, zerrissen, verfilzt ein trauriges Spinnweben.

A. v. P.

Die Aequaior-Taufe.

Von Sofie ron Uhde.

Am Vorabend schon, als uns noch einige Brei­tengrade vom Aequator trennten, war plötzlich unter klingendem Spiel ein Abgesandter Neptuns, begleitet von zwei greulichen, aber offenbar gut­mütigen Meerungeheuern, im Speisesaal erschie­nen und hatte uns für heute den Besuch seines Herrn und Königs angekündigt, der allcrgnäbigft gewillt sei, uns die Linie passieren zu lassen, vor­her aber durch die Zeremonien der Aequator-Taufe uns vom Staub der nördlichen Halbkugel reinigen werde. Wir begannen trübe in die Zukunft zu blicken.

Kaum war das Frühstück vorbei, als wir uns, nicht gerade mit Fasten und Beten, aber mit Schwimmanzügen und Bademänteln für diese Tauf­zeremonien vorbereiteten; wir: das heißt die Vor­sichtigen unter uns. Die ewigen Optimisten erschie­nen, als ob nichts wäre, im weißen Tropendreß Und glaubten, nun könne ihnen nichts passieren.

Uni vier Uhr standen wir in seelischer Habacht­stellung erwartungsvoll ums Schwimmbassin ver­sammelt, wohin Seine feuchte Majestät uns besoh­len hatte. Na, uns schwante nichts Gutes!

Wieder näherte sich von der Back jenes klingen­des Spiel, ein Dreizack blitzte, eine Krone leuchtete. Und gefolgt von seinen bunten und ziemlich er­schrecklichen Heerscharen nahte der König der Meere, der alte Poseidon.

Er hatte seine Königin mitgebracht, ein verdächtig handfestes Frauenzimmer, erstaunlich an einen un­serer Matrosen erinnernd und mit Seetang be­kränzt und umwunden, das in ganz gefährlicher Weise einherschritt. Wir bewunderten alle aus Her­zensgrund den Mut des alten Meerkönigs und beteten ängstlich darum, dieser wehrhaften Nereide nicht.überantwortet zu mürben. Sie blieb benn auch Gott fei Dank auf ihrem Throne sitzen, obwohl es ihr bei jebem neuen Täufling sichtbar in ben Fingern zuckte.

Nun, die Henkersknechte, die sich Neptun da mit- gebracht hatte, waren auch nicht gerade aus zartem Stoffe! Und das Werkzeug, das sie sich zu dieser heiligen Handlung zurechtlegten gütiger Himmel!, wir ergriffen beim bloßen Anblick alle miteinander aufs rühmlichste die Flucht, wurden aber im Hand­umdrehen wieder an unseren Platz befördert; es entkam keiner. Die alten ßinientrotter, die schlau genug gewesen waren, ihren Taufschein von frühe­ren Fahrten her einzustecken und vorzuweisen, schauten in höhnischer Schadenfreude zu, wie zwei Mohren aus Neptuns Gefolge sich in das Schwimm­bad stürzten und dort nichts Gutes verhießen.

Welch eine Folterkammer! Teuflisch ersonnene Wasseilpritzen, Bonbons mit Pfeffer gefüllt, ab­scheuliche Essiggetränke; man konnte sich wehren, wie man wollte, es blieb einem nichts erspart. Triefend und spuckend, sprudelnd und niesend lan­dete man, o keineswegs freiwillig, auf dem Rand des Schwimmbassins, an dem ein Henkesknecht mit ungeheurem Rasiermesser, einem grauenhaften Pin­sel und einem unaussprechlichen Gefäß voll Seifen­schaum grinsend feines Amtes waltete. Im Hand­umdrehen erstickte und erblindete man hinter weißen, seifigen Wolken, der verdammte Pinsel fuhr einem immer gerade dann über den Mund, wenn man ihn zu einem Hilfeschrei öffnete; und plötzlich o Himmel! fühlte man sich, blind wie man war, mit gräßlichem Schwung nach rückwärts befördert ein Schrei und man landete mit einem Salto im Schwimmbassin, wo die Mohren einen unzart in Empfang nahmen und immer gerade in jenem Augenblick wieder tauchten, wo man glaubte, noch einmal die Luft und das Leben zurückgewonnen zu haben.

Ach, wie sah man aus, als man diesem Bassin entstieg! Da war nichts mehr von hübsch ondulierten Locken, nichts mehr von gefälliger Haltung, nichts mehr von Bügelfalten! Man konnte nur n-->ch spucken. Und die Optimisten, die sich unehrerbietig und herausfordernd in eitler, weißer Tropen­eleganz der heiligen Handlung genaht hatten, sie konnten weiß Gott Betrachtungen über die Hin­fälligkeit irdischen Tandes anstellen, als sie unter dröhnendem Beifall dem Bassin entftieaen.. Ja, Neptun reinigte uns gründlich vom nördlichen Staube!

Aber also gereinigt, erschienen wir ihm wohl­gefällig. Er überreichte uns prunkvolle Taufscheine, in denen wir mit den schönsten Namen genannt wurden, vom Hai bis zum Meerrettich, von der Move bis zum Seefloh. Und er gestattete uns aller- gnädigst, daß wir mit Musik und Tanz in die erste Nacht seiner äquatorialen Gefilde einzogen.