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Samstag, 1. August 1956
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
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Die Folgen
Am Seltersweg: Gesperrt in einer Fahrtrichtung!
Gesperrt für jeglichen Fährverkehr!
Eins der neuen Warnzeichen vor ungeschützten Bahnübergängen.
Eindrucksvolles Warnungsplakat bei Lich.
B-rkehrswidrig-s Verhalten ist Gesahr! Ein Bauernmädchen geht schräg über den Platz am Selterstor.
Lutzgänger in Vejahrl Sie sollten auf dem Bürgersteig warten.
Grützte Verlehrssündel Der Wagen biegt falsch in den chindenburgwall ein.
„Manneszucht", oder „Ordnung". Unmißverständlich also!
Leider sind wir noch weit von jenem Jdeal- zustand entfernt, wie er in der Reichsstraßen-Ver- kehrsordnung allenthalben zur Forderung erhoben wird. Wenn dem anders und besser wäre, dann brauchte das Reichsverkehrsministerium nicht allwöchentlich jene höchst betrübliche Statistik zu veröffentlichen, die immer wieder von vielen Toten berichtet, die im Laufe einer Woche Opfer des Verkehrs wurden. Ganz abgesehen von dem Heer der Schwer- und Leichtverletzten! Diese Statistik
eines vermeidbaren Vergaserbrandes.
der zu beobachten. Es gibt Autofahrer, die unmittelbar unter oem Parkoerbotsschild ihren Wagen stehen lassen, wenn sie nicht ein wohlmeinender Volksgenosse auf das Verbot aufmerksam macht. Ein junger Radfahrer stellt sein Fahrrad rasch am Geländer des Bürgersteiges ab, selbstverständlich da, wo es am meisten stört. Zwei Mädchen biegen nebeneinander aus dem Seltersweg in den Hinden» burgwall ein und unterhalten sich dabei sorglos von Rad zu Rad. Kaum eine Minute später begeht ein Autofahrer die schwerste Sünde, die am Sel- terstor begangen werden kann: er fährt von der Frankfurter Straße her um die Straßeninsel her
um in den Hindenburgwall ein (!). Einige Fußgänger, die gerade die Insel erreicht hatten, schütteln die Köpfe. Ein Motorradfahrer bringt es fertig, an der schärfsten Kurve am Hettler-Eck unmittelbar am Geländer abzusteigen, obwohl gerade dort die Fahrzeuge die Kurve zum Hindenburgwall eng zu nehmen haben. Bald darauf passiert ein rankes Bauernmädchen in hübscher Marburger Tracht den Platz. Aber wie!? Die Geländer hat das Mädchen offensichtlich als eine Störung empfunden, es über- sieht auch beide Fußgängerwege und geht schräg, auf längstem Weg, über den Platz. Zahlreiche Fußgänger warten meist auf der Fahrbahn das vorbei- fahrende Auto ab, anstatt auf dem sicheren Bürgersteig stehenzubleiben. Radfahrer benehmen sich auch hier ziemlich willkürlich. So mancher Radfahrer gibt schon lange vorher sein Fahrtrichtungszeichen, andere wieder denken überhaupt nicht daran die Hand zu heben
Alle diese hier nur in kürzester Form dargestellten Fälle sind keine Erfindungen, sondern Tatsachen, die stündlich am Selterstor in vielen Varianten beobachtet werden können. Wie unwichtig erscheinen all diese Verkehrssünden, wenn nichts passiert, wenn es wieder und immer wieder gut abläuft. Wie rasch sind dann die Sünden von allen Beteiligten vergessen. Wie aber, wenn sich die Verkehrssünde zum Unfall auswächst, wenn es dramatisch wird, daß allen, die den Vorfall beobachten, das Blut auf dem Weg zum Herzen stockt, wenn es im Tragischen, meist aber im Traurigen endet?!
Leser sagen, mühsam nachgrübelnd in seinem Gewissen. Er findet vielleicht wirklich keine begangene Sünde, die er vor Gott, der Welt oder der Polizei zu berichten hätte.
Hier liegt ein entscheidender Punkt: die meisten Verkehrssünden werden unbewußt begangen, sie dringen gar nicht als solche bis in das Bewußtsein, sondern bleiben gedanklich irgendwo hängen und werden zwei Minuten später immer wieder begangen!
So haben viele Menschen in Gießen immer noch den fragwürdigen Ehrgeiz, in einem möglichst weiten Winkel über den Seltersweg zu gehen, also auf möglichst langem Weg, um sich auf diese Weise ausgiebig in der Gefahrenzone zu bewegen. Es geschieht gewohnheitsmäßig! Um im rechten Winkel die Straße zu überqueren, würde ja auch den Gedanken daran und außerdem den Entschluß dazu voraussetzen! Beides erscheint manchem für diesen einfachen Fall ein zu großer geistiger Aufwand. Der Kraftfahrer hat es zu entgelten. Er muß seine Aufmerksamkeit zum Aeußersten steigern. Der Seltersweg am Samstagnachmittag und am Samstagabend ist — verkehrspolitisch gesehen — ein ganz düsteres Kapitel. Daß in dieser Hauptstraße nicht mehr Unfälle geschehen, ist lediglich darauf zurückzuführen, daß die Fahrzeugführer das an Vorsicht mehr aufbie-
Sache von ihr zu tun war.
Betrüblich genug, daß es nicht schwerfällt, innerhalb von 10 Minuten 10 verschiedene Verkehrssün-
Immer noch mehr Verkehrsdisziplin!
Zetrübliche Wochenstatistiken. - Rücksicht ist Höflichkeit im Straßenverkehr. Oie Kamera ertappt Verkehrssünder.
ten, was sich die Fußgänger in den Stunden eines gemütlichen Bummels schenken.
Wie aufschlußreich ist eine halbe Stunde Beobachtung am Selterstor! Sicherlich ist dort die oer- kehrstechnische Lage am schwierigsten, aber es ist durch die Schaffung einer neuen verkehrstechnischen Anlage (Straßeninsel, Fußgänger-Ueberwege, Geländer) die Voraussetzung dafür geschaffen, daß sich der Verkehr in Ordnung abwickeln könnte. Die Polizei hat an dieser Stelle (wie auch an mancher anderen Stelle) alles getan, was nach Lage der
Die Forderung, die der Straßenverkehr an den ?nlksgenossen stellt, ist wohl kaum kürzer und voll- inbiger auszudrücken, als es im einleitenden Satz ;s Kapitels „Verhalten im Verkehr" der Reichs- : aßen-Verkehrsordnung vom 28. Mai 1934 gesagt
„Jeder Teilnehmer am öffentlichen Verkehr hat sich so zu verhalten, daß er keinen anderen schädigt oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt."
'2In Stelle einer Regelung aller erdenklichen Der- lchrsvorgänge, die doch nicht vollständig und wegen hres Umfanges nicht volkstümlich fein kann, wird
jenige sei, auf den Rück
sicht genommen werden muß. Selbstverständlich gibt es auch Kraftfahrzeugfahrer, die sich als die alleini- gen Herren der Straße fühlen und die der staunenden Mitwelt inmitten der Stadt gerne vorführen, was ihr Wagen leistet. Im übrigen braucht man die Hand nicht umzudrehen. Verkehrssünder sind wir allzumal! Wer von sich behaupten wollte, daß er sich nie gegen Verkehrsvorschriften vergangen habe, der lügt oder er ist, wenn seine Behauptung pure Wahrheit sein soll, ein Engel, zu gut für diese Welt, mindestens aber ein Uebermensch!
„Ich entsinne mich im Augenblick keiner begangenen Verkehrssünde!" könnte vielleicht mancher
sollte eine ernste Warnung sein, die wohl jedem Volksgenossen in das Stammbuch gehört. Wer wollte für sich behaupten, daß ihn dies nicht an- ainge, wo ihn doch — aus eigener oder fremder Leichtfertigkeit oder aus einem unglücklichen Zusammentreffen ungünstiger Umstände — schon an der nächsten Straßenecke das Schicksal treffen kann! Dabei braucht noch lange nicht der Aengstlichkeit das Wort geredet zu sein! Es ist demgegenüber nur die Tatsache festzuhalten, daß die meisten Verkehrsunfälle in irgendeiner Leichtfertigkeit ihre Ursache haben.
Wer sich nur einmal eine halbe Stunde lang an irgendeiner belebten Stelle aufhält (möglichst nicht verkehrswidrig), wird kaum Augen genug haben, um alle jene Leichtfertigkeiten zu beobachten, die sich viele Volksgenossen immer wieder zu schulden kommen lassen. Wie viele beachten die Verkehrszeichen überhaupt nicht oder denken, daß sie vielleicht nur „für die anderen" da sind! Diele wandeln oder fahren mit überaus erstaunlicher Sorglosigkeit ihres Weges uno scheinen zu denken, daß ja „der andere" aufpassen soll, der Motorradfahrer und der Autofahrer natürlich in erster Linie. Manche Mitmenschen sind gar heute noch der Meinung, daß der Fußgänger allein der-
cjso von jedem Verkehrsteilnehmer ein Verhalten t »dangt, das von einem sorgfältigen, verständigen, tie jeweilige Verkehrslage beachtenden Menschen c?5 elbstoerständlich gefordert werden muß. ^as scht Verantwortungsgefühl voraus, erfordert äußerste Rücksichtnahme auf andere Derkehrsteil- rchmer, erhebt außerdem die Forderung der Hof- lchkeit, die sich mehr und mehr auch 'm Straßen- r»rkehr durchsetzen sollte. Sch leßlich laßt sichZU cll dem noch das Wort „Disziplin m die Waag, svale werfen, dessen Sinn und Begriffsbestimmung in Grunde niemand unbekannt jem fann. 2>as tiort „Disziplin" heißt auf gut Deutsch «Zucht,
Die Reihe der Verunglückten allein aus unserer Stadt ist groß genug, um eindrucksvolle Warnung zu sein. Kaum ein Tag vergeht, da nicht auch in unserer Stadt ein Arm- ober Beinbruch, eine Ge- Hirnerschütterung usw. als Folge eines Verkehrs- Unfalles zu berichten finb. Wieviel mehr sollte jeher- mann bie Unsallmelbungen ber Zeitung als eine
(Sämtliche Ausnahmen: Neuner, Gießener Anzeiger.)


