in keiner Weise einem Zahlungsbefehl oder gar der Eintreibung von Forderungen durch den Gerichtsvollzieher vergleichbar. Die Postnachnahme ist vielmehr eine bequeme Verkehrseinrichtung der Deutschen Reichspost, die der Absender zur Einziehung einer Forderung benutzt, um dem Empfänger die Zahlung des Geldbetrags zu erleichtern: erspart sie ihm doch das Ausschreiben einer Postanweisung, Zahlkarte usw., sowie den Weg zum Postschalter. Es ist dabei ganz gleich, ob es sich um die Bezahlung von Waren handelt, ob Mitgliederbeiträge erhoben oder sonstige Geldforderungen ausgeglichen werden sollen. Auch dem Geldempfänger bietet die Postnachnahme mancherlei Vorteile. Er spart besondere Schreiben um Uebersendung des Geldes, erhält rechtzeitig den ausstehenden Betrag und verärgert seine Geschäftsfreunde nicht mit Mahnbriefen. Kurz, die Postnachnahme ist ein getreuer Helfer des täglichen Lebens, darauf abgestellt, dem einzelnen zu bienen und den Geldverkehr zu erleichtern und flüssiger zu gestalten. Niemand braucht sich daher vor der Postnachnahme zu scheuen, jeder sollte sich vielmehr dieser praktischen Verkehrseinrichtung der Deutschen Reichspost in möglichst weitem Umfange bedienen.
Amt für Volkswohlfahrt.
Ortsgruppe Giehen-Mtte.
Vetr. Pfundsammlung.
Am Mittwoch, 1. April, werden die Spenden (Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft ein- gesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarte zur Quittungs- einzeichnung bereitzuhalten.
An alle EinzelhandelSgefchäste und Firmen derStadtund desKreifesSießen
Das Winterhilfswerk des deutschen Volkes wird am 31. März 1936 abgeschlossen. Um in der vorgeschriebenen Zeit eine endgültige Abrechnung an die vorgesetzten Dienststellen vornehmen zu können, werden die Inhaber aller im Geschäftsverkehr mit dem WHW. stehenden Firmen und Betriebe aufgefordert, ihre Ansprüche an die Kreissührung Gießen des WHW. bis spätestens zum 5. April aeltend zu machen. Rechnungen, die in doppelter Ausfertigung einzureichen find, und die bis zu dem obigen Termin nicht eingegangen sind, können nicht mehr berücksichtigt werden.
Die Kreisführung des WHW. Gießen.
7!S<S. »Kraft durch Freude": „Lache mit uns!"
In einer Veranstaltung der N S. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in der Volkshalle konnte man gestern abend erstklassige artistische Kunst bewundern. Alle, die den Abend miterlebten, kamen vollkommen auf ihre Rechnung.
Nach einleitender Musik stellte sich Bobby Haus- mann vor, gab in einem ungeheuren Redeschwall viele witzige Geistesblitze von sich, so daß ihm kaum zu folgen war, und bereitete dann das Publikum auf das vor, was der Abend bringen sollte. Drei Ninons, sehr bunt angezogen, zeigten zunächst einmal zwei temperamentvolle Tänze spanischer Prägung und warteten im weiteren Verlaufe des Abends mit einer ägyptischen Tempeltanzstudie und einem Tanz in Kostümen von Gladiatoren auf.
Anhaltenden Beifall fanden die beiden H a I • locks für jedes einzelne ihrer Schießkunststücke. Zunächst fetzte die Partnerin mit ihrer Zivilkourage in Erstaunen: sie ließ sich scharfe Messer links und rechts neben Kopf und Hals werfen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Ihr Partner ging erstaunlich schnell und sicher mit den Messern um. Die beiden Artisten schossen dann von der Kantenseite her auf ein Kartenblatt und rissen es so in zwei Teile; sie schossen auf kleine Ballons, die sie sich gegenseitig auf dem Kopfe befestigt hatten, und zum Schluß warteten sie gar mit Musik auf, die sie dadurch erzeugten, daß sie mit Luftdruckgewehren abwechselnd auf klingende Metallblättchen schossen. Eine Melodie aus dem .Zarewitsch", deutlich erkennbar, kam dabei heraus. Es gab, wie gesagt, stürmischen Beifall. B u st e r und Joe Strobl gaben durch ihre Parterreakrobatik und ihre Jonglier-Kunst nicht nur Anlaß zu berechtigtem Staunen, sondern durch die urkomische Art ihres Vorttags auch zu vielem Lachen. B u st e r zeigte außerdem exzentrische Tänze und gymnastische Leistungen, wie man sie sicherlich nur selten sieht.
Ein Tierpark im Gießener Giadiwald.
Arn Montag berichteten wir von den im Eich- aärtenteich ausgesetzten Schwänen, und am gestrigen Dienstag konnten wir diese schöne Bereicherung unserer Stadt der Bevölkerung im Bilde zeigen. Heute sind wir nun in der Lage, unseren Lesern über eine weitere Erscheinung in unserem Stadtbereich berichten zu können.
In aller Stille sind nämlich von opferfreudigen Naturfreunden unserer Stadt alle Vorbereitungen für einen Tierpark im Gießener Stadtwalh geschaffen worden. Es wurden zu diesem Zwecke in dem Waldbezirk zwischen dem Nizza, dem alten Schiffenberger Weg, dem Forstgarten und der Landstraße nach Hausen eine große Waldfläche erworben, auf der man seltene Tiere der verschiedensten Arten heimisch machen will. Ob sich diese Einrichtung später einmal zu einem Zoologischen Garten entwickeln wird, kann natürlich heute nicht gesagt werden.
Fürs erste handelt es sich darum, daß am heutigen Nachmittag, etwa zwischen 14 und 18 Uhr, von Dem bekannten Vogelfänger M. U m p i tz eine Anzahl in unserer Landschaft bisher noch nicht seßhafter Vögel ausgesetzt werden wird. Dabei befinden sich u. a. Flamingos, Pinguine, Marabus, Kolibris, Paradiesvögel usw. Ferner hat man auch schon eine Anzahl fremdländischer Säugetiere her- beigeschafst, für die zunächst lange Laufgänge mit Umgitterung quer durch das Waldrevier vorgesehen sind, bis sie sich an ihre neue Heimat gewöhnt haben werden. Unter diesen Tieren befinden sich z. B. einige junge Känguruhs, ein Zebra, ein Gnu, zwei junge Antilopen, ein kleiner Wasserbüffel. Aber auch die Kriechtiere sollen durch ihre hauptsächlichsten Vertreter eine Stätte in diesem Tierschutzpark er
halten; sie werden durch mehrere Exemplare seltener Schlangen vertreten sein, die nach unserer bisherigen Kenntnis der Vorbereitungen über die bekannte Hamburger Firma Hagenbeck aus den Dschungeln Indiens beschafft worden sind.
Da wir eben auf die Mithilfe der Firma H a - genbecf hingewiesen haben, sei in diesem Zusammenhang hervorgehoben, daß dieses weltbekannte Tierhaus sich auch an der Beschaffung eines Teiles der Geldmittel für den Tierpark bei Gießen beteiligt hat, ein weiterer erheblicher Teil der natürlich nicht unbedeutenden Summen von Gießener Geldleuten gegeben wurde, die keine bessere Verwendung für ihr Vermögen finden konnten. In Anbetracht des gemeinnützigen Zweckes dieser Einrichtung, in der man seine Kenntnisse von der fremden Tierwelt erweitern kann, ohne deswegen weite und kostspielige Reisen machen zu müssen, haben die Stadtverwaltung und das Finanzamt die für diesen Zweck investierten Gelder zunächst auf drei Jahre von allen steuerlichen Abgaben befreit, eine Entscheidung, die von den beteiligten Kreisen sicherlich mit Genugtuung ausgenommen worden ist.
Bei der Aussetzung der exotischen Vögel am heutigen Nachmittag etwa in der Gegend der Eisteiche an der Schiffenberger Chaussee kann jedermann kostenlos Zeuge des denkwürdigen Augenblicks sein. Damit das Ereignis sich besonders wirkungsvoll abwickelt, wird ein weithin hallendes Trompetensignal das Zeichen zur gleichzeitigen Oeffnung der etwa drei Dutzend Käfige geben. Unmittelbar darauf wird man den unvergeßlichen Anblick der mit rauschendem Flügelschlag nach ihrer neuen Heimat hinstrebenden Vögel genießen können.
Rudolf Claus bestürmte dann die Hörer mit seinen temperamentvollen und virtuosen Darbietungen auf dem Akkordeon. Er mußte sich zu mehreren Zugaben entschließen.
Ausgezeichnet unterhielt ferner der Illusionist Christoph, der seine Zauberkunststückchen nut einer verblüffenden Sicherheit an den Mann brachte.
Den Abschluß bildeten zwei Fallkünstler, die mit den Gesetzen der Schwerkraft einen Sondervertrag abgeschlossen zu haben schienen. Daß sie ihre erstaunlichen Künste in einer sehr humorvollen Fassung servierten, sicherte ihnen besonderen Beifall.
Der Abend in feiner Gesamtheit brachte zwei anregenbe Stunben, für bie ber NSG. „Kraft burch Freude" bankbare Anerkennung gebührt.
* ^4 Die deutsche Arbeitsfront
n.3.=6cmcinf(haft „firaft durch freute"
Experirnenlalvorlrag am 4. April Im Cafe Leib.
Arn Samstag, 4. April, hält ber bekannte Experimentalpsychologe unb Graphologe Rubolf Polster einen Experimentalvortrag über bas Thema: ,Zm Kampf mit bem Unmöglichen, Aberglaube unb Uebersinnliches". Man sieht bie Geheimnisse okkulter Erscheinungen, Wünschelrute unb Erbstrahlen, Graphologie, Psychonomik, Astrologie, Telepathie, Hellsehen, bie Macht bes Willens, Fernfühlen, Diplomatie unb Vorausschauen. Man hört auch bie neuesten Ergebnisse ber wissenschaftlichen Forschung. Es werben keine Lichtbilber gezeigt, sondern alles finb persönliche Vorführungen. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pf. Karten finb im Vorverkauf in ben bekannten Dorverkaufsstellen zu haben.
Amt Wandern.
Betriebswanderwarte! Am Sonntag, 5. April, findet die Radwanderung über Bieber — Königsberg — Blasbachtal — Wetzlar statt.
Abfahrt 8.30 Uhr Lahnbrücke.
Führung: Betriebswanderwart Spahr.
©porfotnf „Kraft durch Freude".
heule folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule (Frauen und Männer). Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.
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Neue kdF.-Sporlkurfe ab 1. April.
Reitkurse. Es werden Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene eingerichtet. Die Kosten betragen für den sechsstündigen Kursus für Mitglieder
ber DAF. 6 Mark, für Nichtmitglieber 9 Mark. Da bie Kurse sehr stark besucht werben, empfiehlt sich umgehenbe Anmelbung auf ber Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18.
Fechtkursus. Diese Kurse werben ebenfalls für Frauen unb Männer aufgestellt. Die Kosten betragen für ben sechsstünbigen Kursus 3,60 Mark. Die Waffen werben gestellt. Anmeldungen an bie Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18. Wer macht mit?
Rollschuhlaufen. Das Rollschuhlaufen erfreut sich mehr unb mehr größerer Beliebtheit. Durch unsere Kurse ist bieser schöne Sport nunmehr allen Volksgenossen erschlossen. Der Preis für bie Kurse liegt auch hier so niebrig, baß sicher viele Volksgenossen, Anfänger unb Fortgeschrittene, bar- an teilnehmen werben. Anmelbungen an bie Geschäftsstelle.
Schach. Für biese Kurse liegen schon Anmelbungen vor, so baß ber erste Uebungsabenb in ber nächsten Woche stattsinbet. Wer noch baran teilnehmen will, melbe sich umgehenb auf ber Geschäftsstelle. Die Kosten betragen pro Uebungsabenb 20 Pf. (Anfänger unb fortgeschrittene Spieler.)
Kinbergymnastik. Unter ber Leitung von geprüften Lehrkräften werben für Kinber im Alter von 5 bis 11 Jahren Gymnastikkurse eingerichtet. Die Kurse werben zeitlich so gelegt, baß evtl, bie Mütter auch baran teilnehmen können. Anmelbungen nimmt bie Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, entgegen.
Fahrtrichtungs-Anzeiger der Straßenbahnwagen.
Entsprechend den Vorschriften der Reichssttaßen- verkehrsordnung werden vom heutigen Tage oh auch die Wagen der Gießener Straßenbahn Fahrtrichtungs-Anzeiger im Betrieb haben. Die Straßenbahnwagen finb zu diesem Zwecke am Führerstand mit einer Einrichtung versehen worden, bei welcher der Wagenführer durch einen leichten Heberdruck bas Fahrtrichtungszeichen in Tätigkeit setzt. Diese Zeichen befinden sich an ben Seitemvänben der Wagen, je nach ber Fahrtrichtung.
Abschlußprüfungen
an der Gewerbeschule Gießen.
Am Montag fanden vor der staatlichen Prüfungskommission die Abschlußprüfungen des Winter-Semesters der Gewerbeschule statt. Der Prüfungskommission gehörten an Regierungsbaurat Kuhlmann als staatlicher Prüfungskommissar und Vorsitzender, Kreis- unb Stabtschulrat Nebeling als Vertreter ber Landesregierung, Kreishandwerks- meifter Stühler als Vertreter der Handwerks
kammer unb Vorsitzender der Meistervüfungskom- mission für die Provinz Oberhessen, Mertes als Vertreter des Amtes für Arbeitsführung und Be- rufserziehuna ber DAF., ber Direktor der Schule Rust und das Lehrerkollegium der Schule. Der Prüfung unterzogen sich insgesamt 21 Prüflinge, von denen 9 das Prädikat „gut bestanden" erhielten. Sowohl die ausgestellten Semesterarbeiten, als auch bie Prüfungsarbeiten lieferten in ganz besonderem Maße ben Beweis, baß bie Schule mit Erfolg be- ftrebt ist, einmal bem hanbwerklichen Nachwuchs Dasjenige fachliche Wissen unb Können zu vermitteln, bas auf Grund bes großen Befähigungsnach- weises von jedem Meister verlangt werden muß, und zum anderen in den Schülern das nationalsozialistische Gedankengut zu vertiefen, damit sie wertvolle Glieder unseres nationalsozialistischen Staates unb seiner großen Volksgemeinschaft werden. Nach Ansprachen Des staatlichen Prüfungskommissars, des Kreishandwerksmeisters und des Direktors, in denen besonders der Abstimmung vom Sonntag gedacht wurde, bei der sich 99 v. H. des deutschen Volkes freudigen Herzens zu unserem großen Führer bekannten, schloß der Direktor mit dem Treuebekenntnis zum Führer die schlichte Feier.
Verband deutscherEisenbahnfachschulen Zweigstelle Gießen.
Der Eisenbahndienst stellt an die Beamten Anforderungen, die ohne gründliche Ausbildung in den einzelnen Dienstzweigen nicht erfüllt werden können. Neben der Ausbildung erhalten die Dienstanfänger u. a. planmäßig Unterricht bei ihren Dienststellen ober auch in besonderen Dienstanfänger- unb Verwaltungsschulen ber Reichsbahn. Aus- oildung unb Unterricht erstrecken sich aber nicht auf die Allgemeinbildung. Die notwendigen Kenntnisse in den Fächern des Schulwissens muß sich daher jeder Dienstanfänger selbst aneignen. Gelegenheit zur schulmäßigen Fortbildung in den Fächern des Allgemeinwissens bieten ihm im Rahmen des freiwilligen Bildungswesens die vom Verband Deutscher Eisenbahnfachschulen eingerichteten und von ber Reichsbahn geförberten Fachschulen. Auch in Gießen besteht eine Zweigschule des Verbandes, dessen Träger der Reichsbund ber Deutschen Beamten „Fachschaft Reichsbahn" unb bie Reichsbetriebsgemeinschaft „Verkehr unb öffentliche Betriebe" sind.
Die Zweigschule in Gießen gibt ben Eisenbahnanwärtern Gelegenheit, sich in gründlicher und zweckmäßiger Weise auf die von der Reichsbahn für die Bekleidung bestimmter Aemter vorgeschriebenen Prüfungen vorzubereiten. Die bei der Fachschule abgelegten Prüfungen befreien den Anwärter von der bei der Reichsbahn abzulegenden Vorprüfung für die in Betracht kommende Beamtenlaufbahn. Neben diesen Lehrgängen, die von tüchtigen Lehrkräften des Schuldienstes abgehalten werden, sind noch Fortbildungskurse für Beamte eingerichtet, die sich auf die Prüfung für eine Beförderung vorbereiten. Der Unterricht bei diesen Kursen wird von erfahrenen Reichsbahnbeamten erteilt.
Den Eisenbahnarbeitern und -beamten, die sich die Voraussetzungen für ein weiteres Vorwärts- kommen schaffen wollen, kann ber Besuch ber Fachschule zur Erweiterung ihres Wissens sehr empfohlen werben. Weltanschauliche Schulung wirb in ber Fachschule nicht gegeben, ba biese Aufgabe ben Parteigliederungen Vorbehalten ist, jedoch ist ber Unterricht selbstverständlich von nationalsozialistischem Geiste getragen.
Anmelbungen zu ben nach Ostern beginnenben Kursen werben von bem Leiter ber Fachschule, Reichsbahnoberinspektor Kliffmüller, bis zum 11. April noch entgegengenommen, auch wirb auf Wunsch von biefem Auskunft erteilt.
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** Dienstjubiläum. Direktor Albert F i - scher bei ber Gießener Filiale ber Dresbner Bank kann am heutigen 1. April auf eine 25jährige Tätigkeit bei diesem Bankunternehmen zurück- blicken.
** Dienstjubiläum bei der Reichsbahn. Am morgigen 2. April kann der Rangieraufseher Wilhelm Arnold aus Leihgestern auf eine 30jährige Dienstzeit im Bahnhof Gießen zurück»
Geschäftliches.
Der heutigen Gesamtausgabe liegt ein Werbeblatt der Firma kaiser's kafseegeschäst G. m. b. h., Viersen, bei. 2034V
Oie Tippgräfin.
Roman von Klothilde v. Stegmann.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Derlag, Berlin, SW 68.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit wehen Augen schaute Mariella die Freundin an.
„Ja, Lore, die gibt es."
„Aber ich erlaube es nicht, daß du verzweifelst, Mariella!" Lores Stimme klang energisch. „Und darum bin ich gekommen. Du hast doch noch Pflichten, Mariella! Pflichten gegenüber dir selbst unb gegenüber anberen."
„Wer sind denn die anderen?"
„Ich! Oder dachtest du, unsere Freundschaft fei nur ein Spiel gewesen, gut für die Tage, in denen es uns gut ging?" fragte Lore Ankermann ernst.
„Du lieber, treuer Kamerad!" Mariella griff reuevoll nach Lores Hand. „Ich mache euch so viel Sorge unb Mühe. Unb ihr seid so rührend gut zu mir. Womit habe ich das verdient?"
Sie versuchte zu lächeln; aber es war ein so trauriges Lächeln, daß Lore rasch den Kopf fort» wenden mußte, um nicht selbst in heiße Tränen auszubrechen. Ein Glück nur, daß in diesem Augenblick Renate mit vollgepacktem Frühstückstablett den Raum betrat unb es ohne weiteres auf einen Stuhl neben dem Bett stellte.
„Jetzt wird gefrühstückt", kommandierte sie bann munter, „und dann an die Arbeit! Die Schreibmaschine wartet schon auf dich, Mariella! Und mit der polizeilichen Meldung fängt es an. Im Hause Gellern bist du bereits abgemeldet. Bei Doktor Hartwig, deinem Verteidiger, darfst du dich ebenso bedanken, wie bei dem italienischen Generalkonsul. Damit du Ruhe vor zudringlichen Reportern unb Pressephotographen hast, hat bein Verteidiger dir ermöglicht, daß du unter deinem Namen Maria Novelli hier gemeldet werben kannst. Staatsanwaltschaft unb Präsidium sind natürlich fortlaufend daran interessiert, wo du wohnst, mein Kind! Aber sie wissen bereits, daß du bei mir Dauermieterin geworden bist."
Ehe Mariella noch etwas erwidern konnte, zog
sie bereits bie Füllfeber auf ber Tasche ihres Kittels unb begann, die Anmeldungen auszufüllen, die sie mit ins Zimmer gebracht hatte.
„Bitte, deine Personalien: Alter, Geburtsort; halt— und den Titel bitte!"
„Muß bas sein?" bat Mariella leise. „Genügt nicht die einfache Eintragung Maria Novelli?"
„In Deutschland nicht!" lächelte Renate. „Also bitte!"
„Contessa Maria Novelli!" brachte Mariella heraus. Dann fuhr sie tonlos fort:
„Gut, daß ich diesen zweiten Namen noch habe, unb daß ber Name Bonaglia allmählich vergessen wird. Und gottlob, daß mein Vater nicht mehr am Leben ist. Wenn er je zurückgekommen wäre unb erfahren müßte, welche Schmach ich unserem alten Namen angetan habe, er würbe es nicht ertragen. Er war immer so stolz auf feine Ahnen unb 'auf ben Klang feines Namens. Unb nun habe ich diesem Namen so viel Unehre gemacht. Er würde mich sicherlich nicht mehr als sein Kind anerkennen."
„Dann bringe ben Namen ber Tippgräfin Maria Novelli zu Ehren!" rief Lore hell. „Unb baß bu es nur weißt, mein Liebes: Ein Vater würbe fein Kind niemals von sich weifen, auch wenn es, durch ein schweres Schicksal getrieben, einmal unrecht tat. Ein rechter Vater liebt sein Kind immer und verzeiht ihm. Unb so mußt bu auch benfen, baß bein Vater im Geiste bei bir ist und deinen Lebensweg begleitet."
„Das war ein gutes Wort, Lore!" bekräftigte Renate. „Und nun nicht mehr in die Vergangenheit zurückfehen, sondern vorwärts in die Zukunft geschaut, Mariella? Lore, bu sorgst mir bafür, baß Mariella ordentlich frühstückt. Wenn bu aufgeftan- den bist, Mariella, erwarte ich dich! Du mußt ein paar Bilder meines Archivs mit Texten versehen. Ich habe viel Arbeit für dich. Lore wird fo gut sein und heute vorläufig deine Sachen von Annina holen."
Mariella sah sie an und drückte Lores Hand.
„Ihr denkt an alles, ihr Guten! Aber — aber —" Unb dann, mit bem Mut einer Ertrinkenben, die irgenbmo, unb fei es ganz in ber Ferne, Lanb entdeckt, flüsterte sie:
„Macht mit mir, was ihr wollt, aber sagt mir eines: Wann findet Erhards Beisetzung ... ?"
Die Stimme versagte ihr.
„Er wurde vor einer Stunde begraben."
Auf Zehenspitzen schlich Renate aus dem Zimmer. Lore Ankermann blieb die schwere Aufgabe, die Fassungslose zu trösten. Sie kämpfte einen schweren Kamps mit sich selbst, ob sie in dieser Stunde Mariella sagen sollte, welch einem Unwürdigen sie ihre Liebe geschenkt hatte. Doch sie unterließ es. Sie wollte helfen, lindern, nicht aber neue Wunden schlagen, da die alten noch bluteten, als seien sie in dieser Stunde erst entstanden. So ließ sie ruhig Mariella sich ausweinen. Erst als diese langsam anfing, still zu werden, wagte auch sie, die Freundin jetzt von ihren Sorgen abzulenken.
„Morgen früh fahre ich auf meine Raubritterburg zurück. Aber nachmittag wollen wir noch zusammen in die Stadt fahren und einkaufen. Also mach fix, wenn bu dein Schreibmaschinenpensum noch schaffen willst!"
„Ich soll mit in bie Stabt." Mariella schauderte. „Wo jeher mich kennt unb mit Fingern auf mich zeigt?"
„Niemanb zeigt mit Fingern auf bich. Du barfft doch nicht bein ganzes Selbstvertrauen verlieren, Mariella! Außerbern hat es gar keinen Zweck, wenn bu bich von ber Welt abschließt! Das Leben geht weiter!"
Mariella nickte. Lore hatte recht, bas Leben ging weiter unb sie mußte mit weiterschreiten, so schwer es auch sein mochte.
So saß sie nun tagaus, tagein in bem sonnigen Stübchen mit den breiten Fenstern ober in dem kleinen Garten. Ihre Arbeit interessierte sie täglich mehr. Sie war Renats Trotha unsäglich bankbar, baß sie es ihr ermöglicht hatte, hier unterzutauchen unb völlig zu verschwinben. Die Reporter zerbrachen sich schon ben Kopf über bas plötzliche Verschwinben ber kleinen Principessa.
Verbammt wurde deren Tat durchaus nicht, wie Annina von Gellern es erhofft. Ganz im Gegenteil bemitleidete man Mariella di Bonaglia auf das tiefste unb schob die Schuld an der ganzen Diebstahlsangelegenheit dem Grafen von Hagen zu. Mariella weigerte sich, auch nur eine der vielen Zeitungen zu lesen, die Renate immer wieder mit heimbrachte.
„Es ist ja so leicht, Tote, die sich nicht zur Wehr setzen können, mit Schmutz zu bewerfen!" sagte sie heftig.
„Das ist es nicht!" Doktor Hartwig wurde manchmal beinah ungeduldig. Da tat er alles, was in feiner Macht stand, um Mariella vor dem Gefängnis zu bewahren; aber dieses kleine zarte Geschöpf war in Bezug auf ihren ehemaligen Verlobten von einer geradezu unbegreiflichen Starrheit. Sie beharrte dabei, daß sie allein die Schuld trug. Er sah es schon kommen, sie würde dieselbe Haltung vor den Richtern einnehmen. Wollte sie sich noch unglücklicher machen, als sie schon war, und auch noch hinter Gittern eine Schuld abbüßen, deren Urheber sich feige ber Strafe entzogen, die er hun- dermal verdient hatte?
Mariella hatte bas Spiel wohl burchschaut, das ihr Anwalt vorbereitete. Sie ahnte mit hellseherischer Deutlichkeit, baß er in seiner Verteidigung vor Gericht alle Schuld Erhard würde zuschieben wollen. Dieser Gedanke war ihr unerträglich. Mit einer Energie, die Doktor Hartwig ihr niemals zugetraut hatte, erklärte sie:
„Herr Doktor, bauen Sie Ihre Verteidigungsrede nicht darauf auf, daß Sie mein Liebstes verunglimpfen! Ich zerbreche Ihnen die Waffe im Gerichtssaal, noch ehe Sie von ihr Gebrauch machen können. Entweder bekommt man, außer meinen Personalien, kein Wort aus mir heraus, oder ich antworte wahrheitsgetreu, wie alles sich zugetragen hat. Ich allein bin die Schuldige — i ch allein werde für das büßen, was i ch und niemand sonst begangen hat. Ach, wenn doch Doktor Heßling hier wäre, er hätte mich begriffen und mich nicht gequält wie Sie! Lieber Gott, ist denn niemand da, der mich versteht unb meinen Weg gehen läßt?"
Schluchzend sank sie in sich zusammen. Kopfschüttelnd sah sie Hartwig an. So eine Klientin hatte er noch niemals gehabt. Sonst hatten seine Mandaten ihn immer angefleht, für ihre Freiheit zu kämpfen unb bafür, baß sie wenigstens mildere Umstände zugebilligt erhielten. Darum kämpften sie, auch wenn sie wirklich allerschwerste Schuld auf sich geladen hatte. Dies Mädchen hingegen schien sich eher selbst verderben zu wollen, als daß es gegen feine fanatische Treue etwas aussagte.
(Fortsetzung folgt!)


