Nr. 78 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, (.April |936
Die Lösung einer schwierigen Frage.
Eine Entscheidung des Kreisausschusses des Kreises Gießen.
Die Entscheidung über diesen Vorschlag lag nun beim Kreisausschuß, der sich zur Beratung zurück- Aog. Die Beratung nahm geraume Zeit in Anspruch. Oberregierungsrat Dr. S ch ö n h a l s verkündete sodann folgenden
Der Kreisausschuß des Kreises Gie - ß e n hatte sich in seiner Sitzung am gestrigen Vor- mittag unter dem Vorsitz von Oberregierungsrat Dr. Schönhals mit einem interessanten Fall zu beschäftigen, der weniger ein Streitfall zu nennen war, als eben die Lösung einer schwierigen Frage. Es handelte sich um die Ablösung von Steuerre'ch- ten der Gemeinde Trohe für Grundstücke, die außerhalb der Gemarkung Trohe in den Gemarkungen der Orte Großen-Buseck, Alten-Buseck und Rödgen liegen. Diese Frage hatte bereits in früheren Jahren zu Auseinandersetzungen, zu Besprechungen üsw. geführt und mußte auch bereits einige Male vor dem Kreisamt bzw. dem Kreisausschuß behandelt werden, ohne daß jedoch bisher eine Lösung möglich gewesen wäre.
Nun aber war diese Frage abermals akut geworden, und zwar dadurch, daß durch die Feld- bereinigung diese zur Gemeinde Trohe gehörigen Grundstücke teils durchschnitten, aufgeteilt, in ihren Formen geändert wurden und dadurch eine Bereinigung der steuerlichen Belange dringend erforderlich wurde. Nicht nur die Gemeinde Trohe drängte auf die Ablösung der bestehenden Verhältnisse, sondern auch die Feldbereinigung wies auf die Notwendigkeit dieser Ablösung hin.' Die Landfläche, um die es sich handelt, hat nach der Einheitsbewertung einen Wert von etwa 90 000 Mark. In die Gemarkung Alten-Buseck fällt Gelände im Werte von 31 000 Mark, in die Gemarkungen Großen-Buseck und Rödgen Gelände im Werte von je 29 800 Mark.
auf hin, daß nicht allein der Buchstabe des Gesetzes ausschlaggebend ist, sondern auch die Moral. Außerdem müssen die veränderten Verhältnisse (das entsprechende Gesetz wurde im Jahre 1911 erlassen) in Betracht gezogen werden.
In kurzen Worten legten sodann die Bürgermeister der Gemeinden ihren Standpunkt dar. Der Bürgermeister von Großen-Buseck wies besonders auf die Lasten hin, die der Gemeinde durch die Feldbereinigung erwachsen und die es unmöglich machen, den für die Ablösung nötigen Betrag ohne weiteres flüssig zu machen. Der Bürgermeister von Trohe wies besonders auf zwangsläufige Landabgaben hin, die für die Gemeinde einen erheblichen Steuerausfall mit sich bringen. Nachdem auch der Bürgermeister von Alten-Buseck kurz zur Sache Stellung genommen hatte, wurde dem Bürgermeister von Trohe der Vorschlag unterbreitet, die Ablösungssumme nach einem durchschnittlichen Steuerausschlagsatz, wie er sich aus den Ausschlagsätzen der vier Gemeinden ergibt, als Grundlage für den Ablösungsbetrag anzusehen. Die Bezahlung der Beträge soll nach bestem Können der Gemeinden, im Zeitraum auf mehrere Jahre verteilt, erfolgen. Für den Betrag, der nicht sofort erlegt werden kann, erklärten sich die Bürgermeister bereit, 4 o. H. Zinsen einzusetzen.
Entscheid:
„Dem Antrag der Gemeinde Trohe auf Ablösung des Besteuerungsrechtes für die in den Gemarkungen Alten-Buseck, Rödgen und Großen-Buseck liegenden Grundstücke wird stattgegeben. Die Absösungs- summe beträgt das 25fache des jährlichen Steuerertrages. Der Steuerausschlagsatz (Durchschnitt der vier Gemeinden) beträgt 60,5 v. ch. Für die Gemeinde Alten-Buseck beträgt bei einem Wert des Geländes von 31000 Mark die Ablösungssumme 4700 Mark; für die Gemeinden Großen-Buseck und Rödgen beträgt der Grundstückswert 29 800 Mark, die Ablösungssumme je 4504 Mark. Die Ahlösungs- beträge sind in fünf Jahresraten abzutragen. Der Zinssatz für die Ablösungssumme beträgt 4 v. ch."
Der Kreisausschuß hatte sich in seiner gestrigen Sitzung mit zwei weiteren Fällen zu beschäftigen. Der Einspruch des Martin Reck gegen einen Entscheid des Kreisamtes wegen Verweigerung des Führerscheines wurde als unbegründet zurückgewiesen. Der Einspruch der Gemeinde Wieseck in der Fürsorgesache des Lehrers a. D. Schwedes wurde kostenpflichtig zurückgewiesen.
Aus -er Provinzialhauptstadt.
Die Bereinigung der Frage wäre von Grund auf nicht so sehr schwierig, wenn nicht die Steuer- ausschlagsätze aus landwirtschaftlich genutztem Grundbesitz in den vier Orten verschieden wären. Dabei tritt besonders erschwerend in Erscheinung, daß gerade Trohe, die Gemeinde, die das Land in den anderen Gemarkungen steuerlich abgelöst haben will, den höchsten Steuerausschlagsatz erhebt. Die Gemeinde Trohe muß schon seit langen Jahren ihre steuerlichen Ausschlagsätze sehr hoch halten, weil die Lage der Gemeinde, der jeder Waldbesitz fehlt, in finanzieller Hinsicht schwierig ist.
Die übrigen drei Gemeinden konnten sich bisher nicht dazu verstehen — aus Rücksichtnahme auf ihre eigene gemeindliche Finanzpolitik, — die Ablösung nach dem hohen Steuersatz der Gemeinde Trohe anzuerkennen, während andererseits die Gemeinde Trohe durch ihren Bürgermeister — ebenfalls ihre finanzielle Lage berücksichtigend — ihren Steuersatz als maßgebend für den Betrag der Ablösung der Steuern angesehen haben möchte. Auf dieser Grundlage ist es jedoch bisher zu keiner Regelung gekommen.
Zu der gestrigen Kreisausschußsitzung hatten sich deshalb die Bürgermeister der Gemeinden Trohe, Rödgen, Alten-Buseck und Gr.-Buseck eingefunden. Man erwarteten den Entscheid des Kreisausschusses. Die Verhandlung und die Verfechtung der Interessen der Gemeinden geschah in durchaus freundnachbarlichem Sinne, in nationalsozialistischem Geiste. Die Bürgermeister verschlossen nicht etwa die Augen vor den Nöten der Gemeinde Trohe, sondern waren bemüht, eine glückliche, tragbare und doch befriedigende Lösung zu suchen.
Oberregierungsrat Dr. S ch ö n h a l s erläuterte zunächst die Rechtslage, die dem Buchstaben bzw. dem Paragraphen nach, durchaus für die Gemeinde Trohe spricht. Die Gemeinde Trohe kann die steuerliche Ablösung fordern und das 25fache des jährlichen Steuerertrages als einmalige Ablösungssumme für sich in Anspruch nehmen. Das Recht der Besteuerung, das seit Jahrhunderten für die Grundstücke in den fremden Gemarkungen bei der Gemeinde Trohe lag, geht dann aber für alle zukünftige Zeiten an die anderen Gemeinden über. Der Vorsitzende des Kreisausschusses wies aber dar-
Ein Gärtchen für die Kinder.
In jedem Menschen steckt etwas Liebe zur Natur. Wohl können Abgeschlossenheit, verkehrte Erziehung und Ueberkultur diesen Drang zum Naturgenießen in verkehrte Bahnen lenken, zum Teil auch einschläfern, einmal aber kommt er doch zum Durchbruch. In den letzten Jahren hat die Schrebergartenbewegung einen gewaltigen Umfang angenommen. Erwachsene sind von dem Ruf I. I. Rous- seaus: „Zurück zur Natur!" erfaßt worden und benützen die freien Stunden zur Betätigung im Pflanzstück oder Garten. Wenn schon der daraus erzielte geldliche Gewinn in der jetzigen Notzeit für viele Haushaltungen von besonderer Bedeutung ist, noch viel höher ist der gesundheitliche Wert für Leib und Seele des Gartenfreundes anzuschlagen. Sollen nicht auch unsere Kinder daran teilhaben?
Nun regt sich wieder die Natur, und mit der höhersteigenden Sonne verbringt das Kind einen größeren Teil seines Tageslaufes im Freien. In manchem Kinde wird mit dem Wiedererwachen der Natur der Sinn für das Leben und Treiben in Flur und Wald und besonders im Garten geweckt. Pflicht der Eltern ist es, diesem Drange des Kinderherzens entgegenzukommen und Verständnis zu haben für feine Wünsche. Auch im kleinsten Hausgärtchen ist eine Ecke, die man dem Kinde überlassen kann. Hier kann es, seinem Betätigungsdrange folgend, Blumen, Gemüse, ja Bäumchen und Sträucher pflanzen, seine Hasengärtchen anlegen und eine Sitzgelegenheit einrichten. Wie freut sich der Bub, wenn die im Walde gefundene Wildkirschengerte anwächst und alljährlich einen guten Jahrestrieb entwickelt! Wie strahlt das Gesichtchen eines Mädchens. wenn es der Mutter „selbstgezogenen" Salat bringen kann, der als etwas ganz Besonderes auf dem Mittagstisch erscheint.
Leider läßt der Eifer der Kinder oft bald nach, sodaß dann das Gärtchen verwildert und vernachlässigt daliegt. In den meisten Fällen trifft die Schuld die Eltern. Einmal soll man dem Kindergärtchen nicht den schlechtesten Platz zuweisen, sondern einen guten Gartenboden, zu dem Luft und Licht reichlich Zutritt haben. Zum anderen aber
muß man dem kleinen Gärtner mit Hinweis auf rechtzeitige Düngung an die Hand gehen. Die erste Bedingung also, um Lust und Liebe der Kinder zu ihrem Gärtchen zu erhalten, ist der Erfolg ihrer Arbeit. Wir lassen sie selbst arbeiten, also hacken, düngen und säen, stehen ihnen nur mit Rat zur Seite, und nur höchst selten greifen wir helfend ein.
Unbedingt notwendig ist es aber auch, daß die Eltern den eigenen Garten im besten Zustande halten. Denn e i n Muster ist besser als zehn Meister. Mustergültig für das Kind müssen Wege, Blumenrabatten, Gemüseland, Zier- und Nutzsträucher, Bänke usw. sein. Sieht das Kind im Garten des Vaters das Unkraut wuchern, so wird das böse Beispiel bald den guten Kern beim Kinde verdorben haben. Es wäre ein Stück Unwahrhaftigkeit, in diesem Falle das Kind zur Unkrautvertilgung in seinem Gemüsebeet anhalten zu wollen. Kinder sehen und beobachten sehr gut. Man lasse die Kinder bei Instandsetzung des Zaunes, der Laube und des Weges mithelfen, zeige ihnen, wie Hammer, Beißzange und Spaten, auch der moderne Garten- kultioator und Furchenzieher zu handhaben sind, damit sie nachher diese Werkzeuge im eigenen Gärtchen anzuwenden verstehen. Man zeige den Kindern das Säen, Pflanzen und Gießen und erzähle ihnen, daß sie selbst nicht hungern und dürsten wollten und deshalb auch ihre Pfleglinge nicht vergessen dürften, sondern regelmäßig abends die kleinen Pflanzen gießen müßten. Ob durchweichend gegossen ist, läßt man sie einmal nachprüfen. Für die ganze Lebenszeit werden sie sich dann das oberflächliche Spritzen abgewöhnt haben.
Gartenbau erzieht ungewollt zur Naturbeobachtung, und es ist leicht, das Kind von der Notwendigkeit des Vogelschutzes und der Vogelpflege im Winter zu überfeinen. Es bedarf höchst selten eines besonderen Hinweises, um den Kindern auf Grund stiller Beobachtungen das nützliche Tun beispielsweise des Gartenrotschwanzes in der Zeit der Frühjahrsbestellung vor Augen zu führen. Wer hätte sich noch nicht am fünfen Meischen erfreut, das bald fopfoben, bald kopfunten Aeftchen für Aeftchen des Apfelbuschbaumes nach Blattläusen absucht?
Durch Gartenarbeit erziehen wir unsere Kinder zu praktischen Menschen, fördern den Sinn für die
Bismarck auf der Jagd.
Zum Geburtstage des Altreichskanzlers am il. April
Bismarck ist in seinen jüngeren Jahren ein leidenschaftlicher Jäger gewesen. In seinen Briefen, seinen „Gedanken und Erinnerungen", überall finden wir Weidmannssinn und Weidmannsart, überall echt deutsches Gefühl für Wild und Wald, Hund und Pferd, für alles, was den Germanen, den Deutschen ans Herz gewachsen ist.
Wie köstlich ist z. B. der Brief aus Schönhausen, den der Neunundzwanzigjährige am 4. Dezember 1844 über die „Komödie einer Fuchsjagd" schreibt, wie voll von feiner Beobachtung und gesunden Humors sind seine Briefe aus der Bundestagszeit in Frankfurt a. M. Treffend spricht er die „Taunushasen" als „Gemsen" an, was ihm heute noch mancher Taunusjäger nachfühlen wird. Wie packend sind seine Jagd- und Reiseschilderungen aus Dänemark, Schweden, den russischen Ostseeprovinzen und Rußland selbst! Bismarck ist uns allen gegenwärtig in der Uniform seiner Kürassiere, aber seiner Jägerneigung hat er in seiner Jugend dadurch Ausdruck gegeben, daß er als Einjähriger ein halbes Jahr bei dem pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 in Greifswald gedient hat.
In die Schönhausener Zeit führt uns der erste „Jagdbrief" Bismarcks; er stammt vom 4. Dezember 1844 upb ist an seine Schwester Malwine gerichtet: „Nächstdem lebe ich hier, mit dem Vater rauchend, lesend und spazieren gehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen eine .Komodie' mit, die es ihm gefällt .Fuchsjagd' zu nennen; mir gehen nämlich bei starkem Regen oder sechs Grad Frost mit Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermäßigen Vorsicht lautlos unter sorgfältiger Beachtung des Windes einen Kiefernbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater, unumstößlich überzeugt sind, daß außer einigen holzsuchenden Weibern kein lebendes Geschöpf dann ist. Darauf gehen Ihle, Karl und zwei Hunde unter Ausstoßung der seltsamsten und schrecklichsten Tone, besonders von feiten Jhles, durch den Busch, der Vater steht regungslos und mit schußfertigem Gewehr, genau, als wenn er wirklich ein Tier erwarte, bis Ihle dicht vor ihm ,Hu, la, la, pe, he, faßt, häh, häh!' in den sonderbarsten Kehllauten schreit. Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug von Verwunderung im Tone: .Nein, nicht das Mindeste. Dann gehen wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem anderen Busch, dessen vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich ge-
spielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen dal segno. So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne daß in Vater, Ihle und Fingal (einem der Hunde) die Passion einen Augenblick zu erkalten scheint." —
„Das Jahr „jägermäßig" einteilend, schreibt Bismarck am 5. April 1847: „Ich versichere Dir, daß ich zur Hühnerjagd verheiratet sein werde". In Frankfurt, wo er seit 8. Mai 1851 preußischer Gesandter beim Bundestage war, lernte er alle Ränke und Schliche der Feinde Preußens kennen: „Ich richte mich nach dem feinsten Politiker, den ich auf den jüngsten Jagden kennengelernt habe (Meister Reineke), der ruhig im Bau sitzen bleibt, wenn er schlechtes Wetter voraussieht. Hier (in Frankfurt) gibt es leidlich gute Jagd; auf den besten schießt man etwa 300 Hasen bei etwa 50 Schützen. Gestern haben wir dicht bei der Stadt hier 100 und einige 20, ich selbst 11 geschossen. Vorgestern kamen auf mich fünf Hasen und vier Fasanen, deren letzterer ich sieben schießen konnte, wenn ich wußte, daß auch die Hennen sterben sollten. Du siehst, daß ich in dem Aktenstaube dem edlen Weidwerk nicht ab- fterbe; leider gehört es zu den großen Seltenheiten, daß ich die Zeit habe, die ich mir meist durch späte Abend- ober Nachtarbeit schaffen muß."
So spricht nur ein leidenschaftlicher Jäger; am 22. Dezember 1852 berichtet er seiner Schwester: „Ich jage ziemlich fleißig auf Jagden, wo der einzelne sechs bis fünfzehn Hasen und einige Fasanen schießt, selten einen Rehbock oder Fuchs und mitunter ein Stück Rotwild in bedeutender Entfernung sieht." —
Wie gern Bismarck in Frankfurt gejagt hat, geht aus dem Brief an feine Schwester Malwine vom 14. Dezember 1857 hervor: „Ich habe so viel zu schreiben, daß ich heute und morgen zwei sehr gute Jagdeinladungen (Rotwild) habe ablehnen müssen".
Nach genau einem Jahre, am 14. Dezember 1858, schreibt er an seinen Bruder: „Ich bin jeden freien Tag auf der Jagd, gestern bei Gerau, nahe Mainz, wo ich elf Fasanen schoß und bei dem sehr ungünstigen Holzdestand fast eben so viele fehlte; Sonnabend waren wir im Taunus bet Königstein, höchst ermüdende Kletterpartie in Fels und Geröll und mäßige Jagd, neunundzwanzig Hasen, wovon vier für mich, zwei Rehböcke, ein Fuchs, ein Birkhahn. Ich rechne mir die Hasen aber als -Gemsen' an und fühle meine Knie noch vom Steigen. Tags zuvor war ich auf der Saujagd beim Großherzog von Darmstadt und erlegte für meine Person em überjährig Schwein und einen dreijährigen Keiler, einen stärkeren fehlte ich; das Büchsenschießen im Stangenholz auf flüchtiges Wild ist keine leichte Sache, man hat nicht Hebung genug dazu. Morgen ist wieder eine recht gute Jagd, dicht am Rhein,
zwischen Worms und Oppenheim; Hasen und Füchse, vielleicht ein Bock, besonders aber Fasanen, auch Darmstädter Hofjagd. Das Schlimme dabei ist, daß man immer um 5 Uhr aufstehen muß, um 6 Uhr zur Eisenbahn; aber ich wäre längst krank von allen Diners und Ballsoupers, wenn ich nicht eifrig jagte; morgen versäume ich zwei andere gute Jagden, die leider mit jener zusammenfallen; eine, auf der 300 Hasen geschossen zu werden pflegen, aber auch nichts anderes. Du siehst, wovon mein Herz voll ist " -
In Petersburg, wo Bismarck vom 1. April 1859 ab als Gesandter tätig war, widmete er sich in seiner dienstfreien Zeit ebenfalls eifrig dem edlen Weidwerk. Im April 1862 ward Bismarcks Versetzung aus Petersburg entschieden, am 10. Mai traf er in Berlin ein, und ging von da nach Paris. Am 20. September 1862 eilte er auf Roons Depesche nach Berlin, am 22. September stand er in Babelsberg vor seinem König, der sich mit Abdankungsabfichten trug, am 23. September wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt. Vom „Konflikts-Ministerium" ging sein Weg zum Kanzler des Deutschen Reichs, vom vielverspotteten „politischen Dilettanten" zum ersten Staatsmann Europas, vom verhaßtesten Mann Deutschlands zum populärsten; in zwei Jahren hatte er die schleswigschen Lande nicht nur dem König von Dänemark, sondern drei Großmächten abgetrotzt. Zwei Jahre später hat er Oesterreich aus Deutschland hinausgedrängt und durch schonende Behandlung des Gegners das künftige Bündnis vorbereitet. Nach weiteren vier Jahren und einem dritten siegreichen Kriege wurde das Deutsche Reich gegründet. Das Entscheidende seines Lebenswerkes war getan In acht Jahren! Bei solch gigantischer Arbeit mußte die geliebte Jagd allerdings zurücktreten. Am 12. April 1863 schreibt Bismarck aus Gastein: „Ich habe vorgestern, 7000 Fuß hoch, zwei Gemsen geschossen; ganz gebraten trotz der Höhe".
Jagdliche Mitteilungen finden sich in seinen Briefen später nur noch selten. Das Jägerblut aber blieb, und als das Reich geschaffen war und mit Frankreichs Staatsmännern Verhandlungen wegen der Kapitulation von Paris und des Waffenstillstandes geführt wurden, da ereignete sich eine Szene, die uns den Jäger Bismarck zeigt. Am 23. Januar 1871 erschien Jules Favre und verhandelte bis spät abends mit Bismarck. Nach 11 Uhr abends begab Bismarck sich nach der ersten Unterredung zum Kaiser-König, und als er zurückkehrte, da sah er ungemein vergnügt aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen Brot dazu. Nach einer Weile fragte er feinen Vetter Bismarck- Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie pfiff: „Kennst du das?" Der andere ant-
Natur, die Liebe für Pflanzen- und Tierwelt und machen aus ihnen Menschen, die für das spätere Leben zu gebrauchen sind. Köstlichere Pflänzchen, wie unsere Kinder, hegen wir auch im schönsten Garten nicht!
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Die Insel". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Polizeiauto 99". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Letzte Rose". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner, Düsseldorf.
Stadttheater Gießen.
Heute von 19.30 bis 22 Uhr das Gesellschaftsstück „Die Insel" von Harald Bratt. Spielleitung: Anton Neuhaus. 24. Mittwoch-Abonnement.
Elektro-Gemeinschaft Gießen.
Im heutigen Anzeigenteil lädt die Elektro-Gemeinschaft Gießen zu einem Vortrag über die Fortschritte und Vorzüge der elektrischen Küche am morgigen Donnerstagabend im Cafe Leib ein. (Siehe heutige Anzeige.)
April.
„Der April macht, was er will", so heißt es im Volksmunde, um die neckische Launenhaftigkeit des Wettergottes im April zu kennzeichnen, der uns mit seinem unvermuteten Wechsel von heiterem Sonnenschein und kühlen Regenschauern zum Narren hält, uns häufig zum Mitführen von Mantel und schützendem Regendach zwingt und diese schönen Einrichtungen unserer Zivilisation bestimmt nur dann notwendig und begehrenswert macht, wenn wir sie nicht bei uns führen, kurz, um das Possenspiel der Aprilwetterlaune zu charakterisieren, hat der humorliebende Volksgeist die Inszenierung zahlloser Aprilscherze am ersten Tage dieses Monates ins Leben gerufen. Indes, der April kann mehr, als die Philister ärgern. Er führt den zarten Knaben Frühling, der im März feine ersten Schritte tat, weiter hinein ins Leben, er fördert die emsige Arbeit der Natur an ihrem Frühjahrskleide so gut, daß auch die letzten grauen Flecken, die hartnäckigsten Runzeln und Falten vom Winterschlafe her bald gänzlich beseitigt oder geglättet sind. Da wird geputzt und gereinigt mit brennendem Sonnenstrahl, befeuchtet mit flüchtigen Regenschauern, getrocknet und geplättet mit frischen, frohen Frühlingswinden und ehe es sich der hastende Kulturmensch versieht, hat die Natur wieder eins ihrer schönsten, immer wieder bewundernswerten Werte vollbracht: sie hat der Mutter Erde ihr ewig mobenes, prächtiges Frühlingskleid übergeworfen. Daher verdient es der April, eines der schönsten Volksfeste, das Osterfest, das Fest der Auferstehung allen Lebens, zu feinen Glanztagen zu zählen. Und ganz so schlimm wie sein Ruf ist der April häufig nicht; er weiß sich auch zu benehmen und viele seiner Brüder machen ihm in punkto Wetterlaunen Konkurrenz. Aber einer der schönsten Monate ist er gewiß, denn der jugendliche Frühling, der hauptsächlich in den April fällt, ist eine Jahreszeit von ganz besonderem Reiz.
Die neue Arbeitszeit der hessischen Behörden.
Der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — hat für alle unterstellten Behörden die Dienststunden wie folgt festgesetzt: Montag bis Freitag 7.30 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Samstag von 7.30 bis 13 Uhr.
Oie Postnachnahme.
Es gibt Volksgenossen, die in der Einziehung von Forderungen durch eine Postnachnahme, die ihnen der Briefträger vorlegt, eine Gefährdung ihres guten Rufes erblicken. Die Postnachnahme hat aber nichts mit Zwangseinziehung zu tun und ist auch wartete: „Ja, gute Jagd." Hierauf der Kanzler: „Nein, das geht so", worauf er eine andere Melodie pfiff. „Es war das Halali!", sagte er dann, „ich denke, die Sache ist gemacht."
Nach der Reichsgründung ist der eiserne Kanzler m seinen eigenen Revieren dem edlen Weidwerk häufig nachgegangen. Sein Lieblingswild war das ritterliche Schwarzwild. Manchen wehrhaften Keiler hat er zur Strecke gebracht. Im Wald und auf der Jagd hat er feine liebste Erholung gefunden.
Dr. Ludwig Roth.
Zwei Kinokarten und ein Einbruch.
Vor der Strafkammer in Moabit, Berlin N., wurde ein Einbruchs-Fall verhandelt, in dessen Verlauf sich sehr anschaulich die Bedeutung kriminalistischer Kleinarbeit zeigte. Es war ein geringfügig scheinendes Indizium, das zur Aufklärung des Verbrechens führte: nämlich die Abschnitte von zwei Kinoeintrittskarten ...
In der Müllerstraße im Berliner Norden wurde eines Tages ein Einbruch in die im vierten Stock gelegene Wohnung verübt. Die Kriminalpolizei wurde gerufen und stellte an Ort und Stelle ihre Untersuchungen an. Es waren nicht die geringsten Spuren zu finden, die auf den Täter Hinweisen konnten. Die Kriminalbeamten verhörten die Bestohlenen. Unter anderen Sachen hatten die Einbrecher auch ein Jakett mitgenommen. „Was befand sich in den Taschen?" fragte ein Beamter. Der Mann zählte die Dinge in den Taschen auf. „Sonst nichts?" — „Doch, aber das hat ja keinen Wert! Zwei Abschnitte von Kinokarten waren drin." Die Beamten notierten sich gewissenhaft das auf diesen Karten vermerkte Datum und das betreffende Tb"ater.
Sehr bald zeigte sich, daß auch zwei Kinokarten für die Polizei von Wert sein können. Als die Beamten nämlich den Hof des Hauses und die daraufstehenden Nebengebäude absuchten, fanden sie auf einem Vordach — die beiden Kinokarten, lieber diesem Dach aber befand sich nur ein F e n st e r. Aus ihm mußte jemand die Karten geworfen haben.
Die Polizei begab sich in die verdächtige Wohnung und fand in ihr einen ihrer alten Bekannten, einen ehemaligen Zuchthäusler und Einbrecher, der in seinen Kreisen „E i e r k o p f" genannt wurde. Man verhaftete ihn, und als ihm die beiden Kinokarten gezeigt wurden, sah er ein, daß er einen großen Fehler begangen hatte, als er sie wegwars. Er gestand schließlich, den Einbruch verübt zu haben und wurde zu drei Jahren Zuchthaus oer- urteilt ...


