Nr. 27 viertes Blaff
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 1. Februar M6
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Bei den Langholzfahrern im Walde
hat. Der Förster schlägt mathematischen Formeln
Nicht die Anzahl der Stämme, sondern die Fest» meter bestimmen, wieviel geladen werden kann. Die Festmeter liest der Langholzfahrer ebenso wie der Förster an Hand der in die untere Schnittfläche eingebrannten Ziffern aus einem Heftchen ab. Zur genauen Uebersicht schreibt er sich die Kubikinhalte der einzelnen Stämme auf die Wagendeichsel und verschafft sich so den Ueberblick. Auf einen normalen Holzabfuhrwagen können bis zu 95 Zentner
ster Kraftleistung herausgefordert werden müssen. So rauh die Schale manches Fuhrmannes zu sein scheint, so sehr lieben sie alle auch ihre Pferde, denen sie den Dienst so leicht machen, wie es möglich ist. ,,
Wenn man die Langholzfahrer mit ihren Fuhrwerken durch die Stadt fahren sieht, dann fragt sich unwillkürlich mancher: wie schaffen die Manner die langen und doch sehr schweren Stämme auf ihren
Die sauber ausgeasteten und geschälten Baumstämme, die wir auf sonntäglichen Spaziergängen an den Schneisen liegen sehen, sind wichtige Wertobjekte. Sie sind der Zins, den der Wald dem Menschen gibt, dafür, daß er ihn seit Jahrhunderten hegt und pflegt. Der Wald ist ja nicht nur Erholungsaufenthalt für den Städter, sondern ein Wirtschaftsfaktor, eine Einkommensquelle für den Staat, für Gemeinden und Private. So manches Dorf ist nur durch seinen Waldbesitz reich.
vielen Zentimetern Dicke sich allerdings nicht mit (r2 • k • h usw.) herum.
Bon den Schneisen aus geht der Weg des Holzes in die Welt. ,,
Aber Holz ist nicht gleich Holz. In grober Unterscheidung sagt man: Nutzholz bzw. Brennholz. Nutzholz ist aber auch nur ein Sammelbegriff! Denn erstens trennt man die Hölzer nach Arten (Fichte, Kiefer, Eiche usw.), zweitens unterscheidet der Forstmann, wie auch der holzverarbeitende Fachmann, nach Stammholz, nach Stangenholz und
geladen werden. Es gibt aber auch schon ballonbereifte Spezialwagen, die mit 135 Zentnern belastet werden können.
Die Langholzfahrer sind meist den ganzen Tag unterwegs. Oft haben sie lange Anfahrten. Mittagsrast halten sie in irgendeiner Gastwirtschaft im Dorfe oder in der Stadt. Die Langholzfahrer, die nach oder durch Gießen kommen, kehren gern in den Gaststätten an der Kaiserallee oder in den Wirtschaften an der Licher Straße ein. Fast jeden Tag kann man die schwerbeladenen Fuhrwerke dort stehen sehen. Aber kein Fuhrmann setzt sich an den Mittagstisch, bevor nicht das Pferd versorgt ist. Es wird an kalten Tagen sorglich zugedeckt und erhält außerdem eine tüchtige Portion Haferschrot mit Häcksel.
Die Fuhrleute, die seit Jahren in den Wäldern um Gießen, im Krofdorfer Forst, im Schiffenberger Wald ihrer Arbeit nachgehen, kennen die Forste sozusagen wie ihre Tasche. Sie kennen meist die Forstdistrikte nicht nur nach ihrer Numerierung, wie sie die Forstbehörden eingeführt haben, sondern meist auch nach den alten, im Volksmund
sondern er nimmt ein Heftchen zur Hand, aus dem er einfach ablesen kann: bei dieser Länge und jener Dicke (gemessen in der Mittedes Stammes) hat der Stamm x Festmeter Holz. Den Durchmesser des Stammes stellt er mit einer „Kluppe" (Gabelmaß) fest. Die Festmeter brauchtet nur abzulesen.
Der Verkauf des Holzes geschieht auf verschiedene Art. Durch freihändigen Verkauf, durch Versteigerung an Ort und Stelle oder durch schriftliches Angebot. Vom Handwer- ker kann ein einzelner Stamm ebenso gut erworben werden, wie vielleicht von einem Sägewerk ein ganzer Kahlschlag. Wenn der Kauf abgeschlos-
sen ist, dann pflegt sich der Käufer mit einem Langholzfuhrmann in Verbindung zu setzen, der Fuhrmann wird den Preis nennen, den er für den Transport pro Festmeter haben muß und schließlich wird man handelseinig. Der Käufer kann sich beruhigt nach Hause begeben, denn der Fuhrmann besorgt alles weitere, auch die eventuelle Verladung auf dem Güterbahnhof. Größere Sägewerke halten sich für ihre Holzabfuhr aus unseren heimischen Wäldern häufig ihre eigenen Fuhrleute, die oft das ganze Jahr hindurch Tag für Tag unterwegs sind...
Langholzfahren ist fast ein Beruf und keine Arbeit nur so nebenbei. Es will gut verstanden sein. Der erfahrene Lcmgholz- suhrmann ist gesucht. Es gibt manchen ergrauten Mann in dieser Gilde, die, wie der alte Leinweber von Annerod, schon seit 30 Jahren ihr Brot damit verdienen. Also in vollkommenem Sinne „alte Fuhrleute", Männervon echtem Schrot und Korn, denen es einmal auf einen kernigen Fluch nicht ankommt, wenn die Waldschneisen zu weich sind, die Wagen bis an die Achsen einsinken und die Pferde zu äußer-
nach Scheitnutzholz. Und drittens ist das Holz in Klassen einqeteilt, die sich aus den Starken der Stämme abUiten. Meist lassen die Förstereien das sertia bearbeitete Holz an die Schneisen schleifen, w-i?°s d°rt am besten fartlaufend numeriert wer-
Selbstverständlich werden die Stamme nicht nach Ü” <■«Ä» -•
soldaten, die im Kriege in den russischen Wäldern, in den rumänischen Forsten, in den Karpathen oder in den Vogesen Holz zu schlagen und zu verladen hatten, ist mit dieser Schilderung kaum etwas Neues gesagt, viele Volksgenossen haben aber sicherlich noch keine Gelegenheit gehabt, die Langholzfahrer bei dieser Arbeit zu beobachten.
Der treueste Helfer des Fuhrmanns ist das Pferd. Zwischen beiden besteht immer ein herzliches Verhältnis. Fuhrmann und Pferd arbeiten meist reibungslos zusammen. Es ist oft erstaunlich, zu sehen, mit welcher Geschicklichkeit das Pferd den Anregungen seines Herrn folgt. Das gilt insbesondere beim Schleifen des Holzes an den Wagen. Es muß mit viel Gefühl geschehen. Für den Laien würde vielleicht jeder Stamm, der irgendwo quer zwischen vielen Bäumen im Wald liegt und nun an die Schneise geholt werden soll, ein Problem bedeuten. Der erfahrene Fuhrmann aber orientiert sich mit raschem Blick darüber, wie er den Stamm packen und bewegen muß. So mancher schwere Stamm ist mit einem einzigen Pferd nicht zu rücken. Hauptsächlich dann nicht, wenn er an einem steilen Hang empor zur Schneise geschleift werden soll. Da kommt es nicht selten vor, daß vier Pferde angespannt werden müssen. . g, -ri .. .
Ein Stamm nach dem anderen wird aufgeladen. I Forst sind
überlieferten originellen Flurnamen. Meist sind sie , schon zu früher Morgenstunde unterwegs. Auf ihren Fahrten begegnet ihnen viel Wild. Im Krofdorfer I Forst sind es immer wieder die Hirsche, die ihren
Zu unseren Bildern:
Oben links: Schwere Fuhren werden mit vier Pferden aus dem Wald gefahren.
Oben rechts: Der Fuhrmann rechnet Festmeter und Gewicht auf der Wagendeichsel zusammen. Darunter: Die Stämme werden geknebelt.
Mitte links: Das „Schleifen" oder „Rücken" der Stämme. Darunter: Der Stamm wird auf den Wagen gezogen.
Mitte rechts: Mittagspause! Erst wird das Pferd versorgt! Daneben rechts: Das wichtige Schlußzeichen interessiert die Jungens besonders.
Links: Ein Spezialwagen für besonders schwere
Fuhren.
Rechts: Mittagspause in der Stadt.
(Aufnahmen [9J: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Wagen? Tatsächlich ist ja auch das Fahren selbst die weniger schwere Arbeit. Die Geschicklichkeit des einzelnen muß beim „Schleifen" oder „Rücken" und beim Ausladen einsetzen. Die Langholzfahrer haben dabei verschiedene Techniken. Die einen helfen sich mit einer für diesen Zweck besonders konstruierten Winde, die auf drei Beinen steht und durch einen langen Hebelarm betätigt wird. Der Stamm wird dabei so hoch gehoben (zuerst am einen Ende, dann am anderen), daß der Wagen darunter gefahren werden kann. Wenn der Stamm hoch genug aufgebracht ist, wird die Winde langsam gelöst und der Stamm senkt sich auf das Traggestell über der Achse. Diese Arbeitsmethode, die besonders für das Laden von kurzen schweren Stammabschnitten geeignet erscheint, ist etwas zeitraubend und anstrengend, denn der Stamm muß ja durch Menschenkraft — wenn auch durch Hebel günstig übersetzt — gehoben werden. Immerhin ist der einzelne Fahrer in der Lage, seinen Wagen allein zu laden. Wenn zwei Mann Hand in Hand arbeiten können, geht es rascher.
Die andere Technik, ebenfalls häufig geübt, erscheint einfacher und ermöglicht ein rascheres und leichteres Arbeiten. Bei dieser Technik, die wir hier insbesondere im Bilde zeigen, wird das Pferd zu Hilfe genommen. Die Raopaare werden von Anfang an auf die zweckmäßige Entfernung hintereinander gestellt. An jedem der beiden Teile des Wagens wird auf einer Seite je ein Balken schräg angestellt, über die dann der aufzuladende Stamm auf den Wagen rollt. Der Transport des Stammes auf den Wagen vollzieht sich überraschend schnell und sicher — und zwar mit Hilfe eines Drahtseiles, das an einem Ende um einen zunächst stehenden Baum geschlungen, dann über den Wagen hinweggeführt und unter dem aufzuladenden Stamm hindurchgezogen wird. Das freie Ende wird auch über den Wagen gelegt und im rechten Winkel zu Stamm und Wagen am Zugscheit des Pferdes befestigt. Der Stamm selbst, vom Seil halb umschlungen, liegt unmittelbar vor den beiden schräggestellten Balken. Auf einen Zuruf zieht das Pferd kräftig an, macht einige Schritte vorwärts (immer im rechten Winkel zum Wagen) und rollt damit den Stamm auf den schrägen Balken auf den Wagen. Das alles vollzieht sich schneller, als es beschrieben werden kann. Innerhalb von 15 Sekunden ist mit dieser Methode ein Baumstamm jeder Länge und Schwere aufgeladen. Den alten Front-
jeden Stammes festgestellt und in Festmetern ausgedrückt. Zu diesem Zweck macht sich ein Förster auf den Weg, nimmt einen Gehilfen mit und mißt die Stämme aus. Wer in der Schule aufgepaßt hat (oder nicht gerade fehlte) kann ohne große Mühe auch ausrechnen, wie viel Festmeter Holz ein Stamm von soundso vielen Metern Länge und so-


