Nr. 203 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zamstag, 3'. August 1935
Sas neue Notlengespräch.
Don Dr. Hans von Malottki.
Im Schatten des immer größere Kreise ziehenden italienisch-abessinischen Konfliktes hat ein Problem allzu geringe Beachtung gefunden, das gerade in den letzten Wochen eine nicht uninteressante Fortentwicklung genommen hat: die Flottenfrage. Gewöhnlich pflegen zwar Zeiten der Hochspannung, die die Aufmerksamkeit der Diplomatie auf einen Gefahrenpunkt konzentrieren, eher eine hemmende und ausschiebende Wirkung auszuüben. Vergegenwärtigt man sich aber die eigentümlichen Bedingungen, unter denen auch heute noch von den Westmächten auswärtige Politik getrieben wird, die Verfilzung aller Probleme, die Tendenz, mittels künstlich geschaffener Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Fragen ganz verschiedener Natur die eigenen Einflußmöglichkeiten zu steigern, dann weiß man, daß die damit gegebene ständige Bereitschaft zu Kompensationsgeschäften oft überraschende und auf den ersten Blick mitunter schwer zu durchschauende Wirkungen auszuüben vermag.
Seit dem Abschluß des deutsch-englischen Flottenabkommens hatte die britische Politik das Seerüstungsproblem nicht aus den Augen verloren. So wichtig und nützlich der in dem Abkommen zwischen beiden Ländern festgelegte Verzicht auf ungeregelte Seerüstungsmaßnahmen und die Fixierung eines endgültigen Verhältnisses der beiderseitigen Flottenstärken für die Beteiligten zunächst war, die Beseitigung der Gefahr der deutschenglischen Flotten-Rivalität sollte mehr erbringen. Sie stellte den festen Ausgangspunkt dar, der weitere Abmachungen ähnlicher Art erleichtern und so das Werk der allgemeinen Seerüstungsbegrenzung fördern sollte, dessen Dringlichkeit sich aus dem herannahenden Ablauf der Flottenabkommen von Washington und London ergibt. Die Zuversicht Londons, durch das Abkommen vom 18. Juni einem Bedürfnis der praktischen Politik entsprochen und den Weg für die weitere Verständigung geebnet zu haben, wurde arg enttäuscht. Weniger von Seiten Japans und der Vereinigten Staaten, die schon aus geographischen Gründen nicht unmittelbar interessiert waren, auch nicht so lehr von Italien, das sich im wesentlichen auf Beanstandungen der Methoden der englischen Politik beschränkte. Desto nachdrücklicher war der Protest der formaljuristischen Pariser Politik gegen die rrue — diesmal von Enaland aktiv unterstützte und geförderte — Verletzung der „euro-^ päischen Ordnung und Sicherheit". In der Verstimmung, die die sture, jeden Fortschritt sabotierende Haltung Frankreichs hüben, der „Verrat" Englands drüben auslöste, ging die Aufforderung Londons an Paris, sich zu Flottengesprächen ein- zufinden, ohne weiteres unter. Wieder einmal stand das englisch-französische Verhältnis im Zeichen einer Spannung, die in London um so unangenehmer empfunden wurde, als sie dem jenseits des Kanals immer noch vorhandenen Glauben an die Produktivität der französischen Politik einen empfindlichen Stoß versetzte.
Man muß sich der bitteren Gefühle erinnern, die die englische Presse damals, im Juni, beseelte, der schroffen Gegensätze, um den jetzt eingetretenen Szenenwechsel in seinem ganzen Ausmaß und in seiner vollen Bedeutung ermessen zu können: die Bereitschaft Frankreichs, seine Flöt- tenverständigen demnächst nach London zu schicken und die — wenn auch vorsichtige — Billigung der englischen Vorschläge zur Seerüstungsbegrenzung. Was war vorgefallen, das den Quai d'Orsay zu dieser Schwenkung veranlaßte?
Die Erklärung scheint in der abessinischen Verwirrung zu liegen. Je mehr die ostafrikanische Auseinandersetzung Ausmaße annahm, an die man auch in Paris zunächst nicht gedacht hatte, desto stärker wurde die Tendenz, der unbehaglichen Situation durch die Wiederanknüpfung des im Juni gerissenen englischen Fadens zu begegnen. Das Kräf.te- spiel im Dreie ck Paris-Nom-London
ist gewiß auch zur Stunde noch alles andere als übersichtlich, und die Januarabmachungen Lavals mit dem italienischen Regierungschef haben für Paris ein erhebliches Schwergewicht. Gleichwohl, im Laufe der im Zusammenhang mit der abessinischen Frage geführten englisch-französischen Besprechungen hat sich eine merkliche Annäherung zwischen Paris und London herausgebildet. Ob sie in den nächsten Wochen der ausschlaggebende Faktor wird, ist ebenso offen wie die Frage, welche der beiden Mächte der treibende Teil ist. Wahrscheinlich beide. Jedenfalls deutet sich hier zunächst in Umrissen eine neue Linie an, der auch England Rechnung getragen hatte, als es zu den letzten Pariser Dreierverhandlungen jenen- Mann entsandte, der das Symbol enger französisch-englischer Zusammenarbeit darstellt: den ständigen Sekretär des englischen Außenamtes, Sir Robert V a n s i t t a r t.
Das erste, auch für die breite Oeffentlichkeit sichtbare Zeichen dieser neuen Entwicklung war die Wiederaufnahme der englisch-französischen Flottenbesprechungen. Bereits Anfang August weilte ziemlich unauffällig als Vertreter der britischen Admiralität Kapitän Danck- werts in der französischen Metropole. Wenige Tage später schrieb der Londoner „Star" mit Befriedigung: „Noch vor wenigen Wochen hatte die britische Regierung jede Hoffnung aufgegeben, die Flottenkonferenz noch vor Ablauf des Washingtoner Vertrages abhalten zu können. Kapitän Danck- werts hat jedoch einen Bericht vorqelegt, der die Hoffnungen auf eine diesjährige Konferenz neu belebt hat" und die „Times" sprach von der „dünnen Eisschicht", die als Folge des deutsch-englischen Flottenabkommens die englisch - französischen Beziehungen „einen Augenblick lang" bedeckt hatte und die nun zerbrochen sei. Beide Pressestimmen umschreiben einen Tatbestand, der es der englischen Politik gestattete, die durch den ursprünglichen französischen Widerstand unterbrochenen Bemühungen vom Juni wieder aufzunehmen.
Zunächst konzentrieren sich diese Bemühungen daraus, in Vorbesprechungen mit den einzelnen Unterzeichnermächten der Flottenverträge — Amerika, Japan, Frankreich und Italien — das Gelände zu sondieren und, wenn irgend möglich, eine gemeinsame Aussprache zur Vorbereitung der eigentlichen Flottenkonferenz zustande zu bringen, an der auch Deutschland, sowie Sowjetrußland teilnehmen sollen. Anfang des Monats wurde deshalb von der englischen Regierung den interessierten Flottenmächten eine Denkschrift überreicht, die nähere Vorschläge enthielt. Aus den Angaben der englischen Presse weiß man, daß sie einen kühnen Bruch mit den bisher geltenden Grundsätzen der Seerüstunasbeorenzung darstellen, wie sie im Washingtoner und Londoner Abkommen festgelegt waren und ein die kurz erinnert werden muß.
Das Ergebnis des Washingtoner Abkommens vom Februar 1922 war eine Rüstungsbegrenzung zur See für einzelne Schiffsklassen: das Stärkeverhältnis an Großkampfschiffen zwischen den Vereinigten Staaten, England, Japan, Frankreich und Italien wurde auf 5:5:3:1, 75:1,75 festgelegt. Gleichzeitig wurden die Höchstgrenzen für Großkampfschiffe, das größte Geschützkaliber und die Altersgrenze der Schiffe festgelegt. Für alle übrigen Schiffsklassen wurde feine Begrenzung erreicht, lediglich für die geschützten Kreuzer wurde eine Höchsttonnage von 10 000 Tonnen festgesetzt. Das Wettrüsten war also nur für einige Schiffskategorien ausgeschaltet. Es entwickelte sich um so lebhafter bei den nicht begrenzten Kategorien, den leichten Seestreitkräften. Auf der Londoner Seeabrüstungskonferenz im Frühjahr 1930 gelang es, die in Washington offengelassenen Lücken zu schließen, d. h. auch hinsichtlich der leichten Seestreitkräfte bestimmte Rüstunasverhältnisse festzulegen. Freilich nur für die drei Mächte England, Vereinigte Staaten, Japan, während eine Einigung mit Frankreich und Italien sich wegen der italienischen Forderung nach völliger Parität mit Frankreich als unmöglich
erwies. Beide Mächte traten deshalb nur den Bestimmungen über die Großkampfschiffe und die Höchsttonnage der U-Boote bei.
Die Kündigung der beiden 1936 ablaufenden Abkommen durch Japan, das Flottengleichheit mit Amerika verlangt — eine Forderung, die Washington rundweg ablehnt —, hat eine prekäre Situation geschaffen. Sie erklärt auch die Bemühungen Englands, der Gefahr uferlosen Wettrüstens auf anderen Wegen zu begegnen, nachdem sich der bisherige Grundsatz der Festsetzung bestimmter Stärkeoerhältnisse als überholt erwiesen hat. Bemerkenswert ist nun, daß sich die neuen englischen Vorschläge zweier Grundsätze bedienen, die in dem deutsch-englischen Abkommen bereits mit Erfolg zur Anwendung kamen: die gegenseitige Unterrichtung über die Bauvorhaben der nächsten Jahre, also der Grundsatz des Austausches der Flottenprogramme, und daneben der Grundsatz der qualitativen Begrenzung, wodurch Höchsttonnage und Stärke der einzelnen Schiffe fest- gclegt werden. Das deutsch-englische Abkommen dient also geradezu als Vorbild und Modell, und dieser Umstand allein widerlegt schon die Behauptungen, die in der spät genug erfolgten maßvollen Wahrnehmung eines elementaren Rechtes eine bedrohliche Aufrüstung sehen wol-
Der Bericht des DNB. - Vertreters Dr. Müller - Peiping über seine Gefangennahme durch Banditen in der Provinz Tscha- char wird mit dem nachstehenden zweiten Brief* fortgesetzt:
Reitstunbe bei den Banditen.
P e f i n g, 10. August 1935.
Die Tage mit den Banditen in Tschachar brachten mir den ersten systematischen Reitunterricht meines Lebens. Am ersten Tage Schritt, kurzen Trab und langen Trab, am zweiten Tage Wiederholung des ersten Tagespensums und Galopp, am dritten Tage Geländeritt über 35 Kilometer. Das alles in gebirgigem Gelände und auf dem engen und hohen mongolischen Holzsattel und in Shorts und dünner chinesischer Bauernhöfe. Ich habe seit meinen Kinderjahren nur gelegentlich im Sattel gesessen und seit dem ersten Kriegsjahr überhaupt nicht mehr. Dazu riß gleich nach dem Aufsitzen der oftgeflickte Strick, der an Stelle eines Sattelgurtes um den dicken Leib meines Gaules — einer schwangeren Stute — geknüpft war und Pferd, Sattel und Reiter lagen auf der Erde. Man. wird verstehen, daß meine Proteste gegen diese A r t der Fortbewegung echt klangen, und in der Tat berieten die Führer der Banditen, ob sie mich nicht gleich laufen lassen sollten. Aber das Auto war schon auf dem Wege nach Paochang, und so begnügten sie sich damit, daß sie mir einen guten Reiter als Begleiter und Reitlehrer zuteilten.
Es ist schwer, Stunden lang durch blühende Wiesen und reifendes Korn zu reiten, ohne schließlich eine helle Freude zu empfinden, selbst wenn zu freie Bewegungen der Arme die Fesseln in das Fleisch einschneiden lassen und der Schmerz einen daran erinnert, daß man Gefangener von Banditen ist. Wie mir ging es auch Gareth Jones, und wir hätten unsere Freude hinaus- gefungen, hätten uns unsere Banditen nicht geraten, nicht zu laut und nicht zu viel zu sprechen, wie auch sie sich im allgemeinen Stillschweigen auferlegten. Vorsicht war bei allen Bewegungen geboten. Näherten wir uns einem Dorf, so ritt die Spitzengruppe hinein, stellte die Sicherheit des Platzes für uns fest und machte für uns Quartier. Dann folgten wir, Jones und ich wurden unserer Fesseln entledigt
* Der erste Bericht erschien in Nr. 201 vom 29. August.
len. Diese Vorwürfe waren um so böswilliger, art Deutschland bezüglich der Größe der Schiffs und des Geschützkalibers nicht einmal bis an dis Grenze der beiden Flottenverträge gegangen ist. sich also freiwillige Beschränkungen aufetlegt hat, von denen bei gewissen Machten bisher nichts zu merken war. Zudem stellt die deutsche Bereitschaft, die U - B o o t ro a f f e abzuschaffen, die Möglichkeit für weitere Fortschritte dar, deren Verwirklichung lediglich von der gleichen Bereitschaft derjenigen abhängt, die sich bisher nicht einmal zu einer Begrenzung des U-Bootbaues verstehen wollten.
Die Schwierigkeiten des neuen Flottengesprächs liegen außerhalb Deutschlands, nicht zuletzt bei Frankreich, das bisher dem Grundsatz der Bekanntgabe der Bauvorhaben die Zustimmung versagte. Nach der bekannten Methode hat man sich in Paris wieder einmal hinter der deutschen „Aufrüstung" verschanzt. Wenn demnächst in London die französischen Marinesachverständigen eintreffen und ihnen, nach dem „Daily Telegraph", „die volle Bedeutung des deutsch-englischen Flottenvertrages erklärt wird", muß man in Paris Farbe bekennen.
und in ein Haus geführt, und bald stand heißer Tee vor uns.
AruM M'chle.
Die Gegend, durch die wir zogen, war gebirgig und von Bauernfamilien aus Shansi und Shan- tung besiedelt. So hätten wir überall Hühner und Schweine erwarten können,^ wenn nicht teilweise die Bauern schon von unserem Nahen gehört hätten und geflohen wären, oder wenigstens ihre Tiere in Sicherheit gebracht hätten. Aber mit einiger Mühe ließ sich doch fast immer etwas zum Essen auftreiben: ein Huhn, ein paar Schweine, Gemüse, auch graues und stark mit Sand vermischtes Hafermehl und am ersten Abend Buchweizengrütze, die uns sehr gut mundete. Die Banditen entschuldigten fich einmal über das andere, daß sie uns nichts Besseres vorsetzen könnten, und vertrösteten uns auf die Zeit, wenn wir eine reichere Gegend erreichen würden. In der Zwischenzeit ließen sie uns jedenfalls das Beste haben, was sie auftreiben konnten, gaben uns auch Kandiszucker und reichlich Zigaretten.
Das Unangenehmste waren die Nächte. Die Bauern dieser Gegend sind arme Teufel. Ihre Häuser weisen fast nie auch nur einen Stuhl oder Tisch auf. Dafür ist aber wenigstens in einem Raum eine etwa kniehohe gemauerte oder gestampfte Plattform am Fenster, die Ruhe- und Schlafplatz für die ganze Familie ist, der bekannte chinesische Kang. Auf diesem Kang mußten wir schlafen, sechs bis acht Mann zusammen. Der Abzug aus dem mit trockenem Mist ober Stroh und Graswurzeln geheizten Herd geht durch den Kang hindurch und heizt diesen stellenweise so, daß man auf der Seite, auf der man liegt, halb geröstet wird, während durch das breite offene Fenster die kalte Nachtluft über einen streicht. Die Nächte waren, obwohl es Ende Juli war, empfindlich kalt und wir ließen es uns gerne gefallen, daß unsere Wachen uns die wattierten Röcke und Pelzmäntel der Bauern überwarfen. Aber aus den Mänteln und aus vielen Ritzen begannen Insekten» scharen hervvrzukriechen und fielen über uns her: Flöhe und Wanzen, Läu f e und ein merkwürdiges geflügeltes Infekt, klein und schwarz und mit einem respektablen Beißgerät. Wir warfen uns hin und her, und nur äußerste Ermattung zwang uns schließlich in den Schlaf.
3« der Gewalt chinesischer Band ten.
Oer deutsche Journalist Or. Müller berichtet über seine Gefangennahme.
Bergsimßer Weinberg.
23on Heinz Weis.
- Ays dem bleigrauen Glanz des Himmels fallen einzelne Tropfen. Gleich kleinen Geschossen schlagen sie ein. Der staubfeine, fchuhtiese Löß der Feldwege stäubt auf, wenn ihn Tropfen treffen. Eine dichte Wolke zieht niedrig über die Hügel, die blau von Tannen und hellgrün von jungem Lärchenlaub durchwirkt sind.
Am Abhang liegt ein Weinberg. Seine Reben sind beschnitten. Neben jedem Weinstock ragt ein wetterfarbener Eichenpfahl. Noch grünt kein Blatt am grauen, krummen Holze. Und so gleicht der Weinberg einem Gräberfelde. Aschbraun liegt sein Löß und festgestampft.
Ein alter Mann arbeitet im Weinberg. Gemächlich senkt er seinen dreizinkigen Karst ins Erdreich, um den Boden aufzulockern. Sein kurzes, schneeweißes Haar ist unbedeckt, sein Oberkiefer eingefallen, sein Kinn springt vor. Mehr aufrecht als gebückt bewegt er das Erdreich. Seine sparsamen Bewegungen sind dieselben, mit denen man vor tausend Jahren schon den Weinberg lockerte. Es ist derselbe Greis der weiland wie heute hier hackt. Ich erkenne ihn daran, daß er Zeit hat. Es wird Abend, und er könnte, wenn er sich müht, heute noch seine Arbeit vollenden. Aber der Rest ungeloderter Erde treibt ihn nicht zur Hast. Er ruht sich aus, obwohl er nur noch einige Schollen umzulegen hatte, um fertig zu sein.
Vornüber mit beiden Händen auf den langen Stiel seiner Hacke gestützt, schaut er sich um. Er sieht seinen Weinberg von blühenden Kirschbäumen umgeben. Zwischen vollem, weißem Blut spreizen sich mattglänzende, tiefschwarze Aeste. Die glatten Stämme schimmern grün. Der Greis hat jeden dieser Bäume eigenhändig gepflanzt. Und dann verweilt sein Blick auf dem rötlichen Schaum der Pfirsichblüte. Er besieht sich von Ferne ein Bäumchen nach dem anderen. Der Alte lächelt. Dies, denkt er sind meine Urenkelkinder. Dann hebt er sein Antlitz und stellt fest, daß die Wolke hinter den Hügeln verschwunden ist.
Heber die blühenden Kirschbaumkronen schaut fernher ein nabelfeiner Kirchturmhelm. Er ritzt den Himmel, ohne ihn zu verwunden. Es ist der Turm der Bickenbacher Kirche, die auf einer Dune steht, Dieser Turm ist dem Greis ebenbürtig an Atter
Hinter der Kirche, aus einer neuen, breiten Wolke strähnt ein warmer Regen auf die Walder, auf die grüne Saat der Ebene. Vor der Wolke her wandelt der Wind und rührt den Sand der Lunen
und den Staub der Wege auf. Der warme Regen rückt von der Ebene gegen die blühenden Hügel an. Das Erdreich dürstet nach Wasser. Indes der Alte mit einem Hölzchen Spuren von Lehm von seinem Karste kratzt, umwirbeln ihn Blütenblätter. Regentropfen zerschellen auf seinen braunen, sommersprossigen Händen. Er streift sich den Kittel über. Mit geschultertem Karst hebt er den Heimweg an...
An das Glück glauben.
Don Martin Richard Möbius
Drei Jahre lana hatte Heinrich Z. in Aegypten das Handelshaus seines Vaters vertreten, nun war er wieder zu Hause in Bremen, bummelte durch die Stadt und traf unterwegs gleich die hübscheste aller seiner Jugendfreundinnen, die blonde, braunäugige Marianne P., deren Vetter Otto M. schon während der Schulzeit sein bester Freund geworden war, weil er ihm in Mathematik und Physik immer nachgeholfen hatte, ohne jemals Gegenleistungen zu fordern.
Marianne hatte Heinrich auf den ersten Blick erkannt; in ihrer stürmischen Art fiel sie ihm um den Hals, und Heinrich wußte vor Verlegenheit nicht wohin. Marianne lachte ihn aus, nahm seinen Arm und zog ihn weiter. Bevor er die üblichen, höflichen Fragen stellen konnte, hatte Marianne schon einen Teil ihrer Vergangenheit in rasenden Geständnissen zum besten gegeben, und nun erfuhr er auch, daß sie seit mehr als einem Jahr eine glänzende Existenz hatte, indem sie mit Hilfe zweier älterer Mädchen kunstgewerblich ausgestattete Kaffeekannenwärmer herstellte.
„Kaffeekannenwärmer!?", fragte Heinrich und blieb unwillkürlich stehen, „sind denn die in großen Mengen heute noch verkäuflich?"
Marianne lachte, zog ihn weiter und erklärte, es handle sich tatsächlich um mattierte Mützen für Kaffeekannen, die sie sozusagen am laufenden Band, nämlich täglich wenigstens fünfzig Stuck, herstelle und der Firma Kiste & Co. verkaufe. Von diesen Kaffeewärmern war im folgenden nicht mehr die Rede sondern erst spät abends, als Heinrich mit feinem Freunde Otto bei einer Flasche Wein saß, kam er darauf zurück und erfuhr nun folgendes: Bor einem Jahre hatte Marianne ihrem Vetter Otto erklärt, sie habe es nun satt, für die hundert Mark monatliches Taschengeld, die er ihr als einziger wohlhabender Verwandter zahlte, nachdem ihre Eltern sie mittellos auf der Wett zurückgelassen hatten, seine strengen Bemühungen um ihre Erziehung zu ertragen, sie habe es satt, bevormundet zu
werden wie ein Schulmädchen und wolle sich auf eigene Beine stellen. Kurz und gut: Marianne begann, aus bunten Tuchfetzen Kaffeewärmer zu nähen, innen wattiert uni) oben mit Schlaufe aus dicker Kordel, einen nach dem anderen, Dutzende, Hunderte, für die es binnen kurzem keinen Absatz mehr gab! Aus reiner Anhänglichkeit wollte Otto der Kusine weiterhelfen, ohne daß sie von feiner Hilfe wußte, und so verabredete er mit dem Schnittwarenhändler Kiste, Fräulein Marianne P. alle Kaffeewärmer zu festem Preis abzunehmen und die Kosten mit Otto zu verrechnen.
Triumphierend hatte Marianne ihrem Vetter mitgeteilt, die bekannte Firma Kiste & Co. habe angerufen und den Auftrag erteilt, Kaffewärmer in allen beliebigen Farben und Formen zu festem Preis fortlaufend zu liefern. Otto hatte kein Wort gesagt. Acht Tage später war Marianne mit zwei Gehilfinnen in eine Werkstatt gezogen, um Kaffeewärmer in ganz großem Stile herzustellen. Also wirklich eine glänzende Existenz. Was tat nun aber Otto mit den täglich höher sich häufenden Kaffeewärmern in allen Farben? Lange Zeit zerbrach er sich den Kopf, dann brachte ihn ein Vertreter, der aus Norwegen gekommen war, auf die Idee, Kaffeewärmer als Kopfbedeckung nach Lappland zu verkaufen. Der Vertreter hatte sich spasseshalber einen Kaffeewärmer auf den Kopf gesetzt und einen Lappländer markiert, — aus diesem Spaß ging die Vereinbarung hervor, der Vertreter solle in Tromsö ein Kontor einrichten. Einige Wochen später gingen tatsächlich die ersten hundert Kaffewärmer dorthin ab. Da es sich meistens um Tauschgeschäfte mit den Lappländern handelte, hatte eine genaue Verrechnung noch nicht ftattfinben können, doch Otto war der Meinung, daß wenigstens ein Teil der Kosten, die durch die Fabrikation der Kaffewärmer entstanden waren und weiterhin entstanden, im Laufe der Zeit hereinkommen würde.
„Wieviel solche Dinger hat Kiste bis heute schon übernommen?" fragte Heinrich, den die Geschichte im stillen mehr belustigte, als er dem Freunde zu erkennen gab.
„Etwa zehntausend Stück", erwiderte Otto und konnte nicht umhin, leise zu stöhnen. Seine gute Laune kehrte erst zurück, als die zweite Flasche zu Ende ging, und Heinrich gab sich die größte Mühe, das Thema Kaffeekannenwärmer zu vermeiden.
Ein paar Tage später saßen Marianne, Otto und Heinrich im Kino, weil ein Film lief, der viel von sich reden gemacht hatte. Nebenbei kam aber ein Film zur Vorführung, dessen Titel die beiden Männer in nicht geringen Schrecken versetzte: Aus dem Leben der Lappländer. Nichtahnend sand Marianne
die ersten Bilder recht vielversprechend, aber sowohl Otto als auch Heinrich waren bereits so kleinlaut geworden, daß sie nur zustimmend nicken konnten. Es folgten Aufnahmen einer Lappensiedlung bei Tromsö, und plötzlich machte Marianne ganz "große Augen: Mehrere der Eingeborenen hatten Kaffeekannenwärmer auf dem Kopfe, in allen möglichen Formen und mit den verschiedensten Mustern, innen wattiert und oben mit Schlaufe aus dickem Kordel!
„Was sagt ihr nun?!" wandte sie sich entgeistert an die beiden Männer.
„Täuschend ähnlich..." ließ sich Heinrich vernehmen, doch Otto sagte kein Wort, sondern starrte nur krampfhaft auf die Filmbilder. Es träten mehrere hundert Lappländer mit Kaffeewärmern auf dem Kopfe auf, und im Publikum erhob sich hie und da bereits Gelächter. Da nahmen die Gedankengänge Mariannens plötzlich eine Wendung, triumphierend sagte sie zu ihrem Vetter Otto: „Kiste ist ein Genie!... Morgen nehme ich noch eine Hilfe, und dann machen wir tausend Stück jeden Tag!" Dazu war nichts zu sagen.
Als die drei auf der Straße waren, sagte Marianne mit stärkster Betonung: „Man muß nur an das Glück glauben, dann hat man Glück!"
Marianne hat Glück gehabt. Es ist immerhin möglich, daß sie es auf tausend Stück jeden Tag gebracht hat und daß in Lappland Kaffewärmer als Kopfbedeckung ganz große Mode geworden sind. Aber Otto wäre dann wirklich zu bedauern.
Oie »Kaiserin der Gaiapagor-Inseln".
In Paris wird von neuem von der „Kaiserin der Galapagos-Jnseln" gesprochen. Es wird berichtet, daß die Baronin Bosquet von Wagner, die eine Zeit lang von der Bildfläche verschwunden war, noch heute auf einer der kleinen Inseln an der Küste von Ecuador lebt. Die Polizei dipses Landes hat sie dort in Gesellschaft eines Mannes entdeckt, der kein anderer als ihr alter Herzensfreund Ro- bert Philipfon sein soll. Es ist noch nicht bekannt, wie die beiden Personen auf der kleinen Insel zusammengekommen sind, aber man erinnert daran, daß die Auffindung zweier Leichen auf einer der Galapagos-Jnfeln in Zusammenhang mit der Flucht der Baronin gebracht wurde. Man sprach von einem Schiff, das einem sehr reichen Amerikaner gehörte, der. eine Zeit lang in den Gewässern der Inselgruppe gekreuzt hatte und eines Tages nicht mehr aufzufinden war, und allerlei wilde Gerücht« wurden laut. Es fragt sich nun, ob die Wiederauffindung der Baronin Licht in die geheimnisvolle Angelegenheit bringen kann. Die Polizei von Ecuador hat eine Untersuchung eingeleitet.


