Nr. 280 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 30. November (035
Annemarte.
Kathrin cheiA.
Bier kleine Mädchen im Advent.
Variationen über ein Thema.
Die kleine Bärbel brabbelt vor sich hin:
Ui, wie lecker, Bienenhonig, Mutti backt heut lauter gute Sacken 3imt- f erne unb Belgrader Brot, aber was ich eben am Finger gehabt'hab OE ist es schon unten) — das war vom Honigkuchen. Der wird fein meine Scküme «ft ganz voll Mehl, und Muiti ist bald ärgerlich, weil ich immer mit dem b V*? <?d,ÜffCl bm, wo doch der rohe^Teig beinah noch besser schmeckt als hernach fertig gebacken am Heiligen Abend oder am ersten Feiertag, wenn man sowie,° men ens satt ist ... Ich hab aber auch beim Aus- fte*en gebolfen, drei große Bretter voll, lauter Sternchen und halbe Monde unb Schaden und Männerchen und Kringel. Die werben an ben Christbaum gebongt. Da kommen auch blanke Glaskugeln unb rote Aevsel unb silbernes
Außerdem aber, vor allen Dingen, krabbelt da in der Ecke des Zimmers ein Lebewesen umher, bunt angetan in Kleidchen, Kamelhaarsöckchen, hell besternt mit aroei großen, unsagbar zutraulich auf- leuchtenden Augen, darunter dann ein dummdummes Stupsnäschen und ein korallenrotes, frisches, unvergrämtes Mündchen, und dieses Ding ist ein Kind und freut sich quiekend vor Freude, daß du da bist. Und heraus mußt du aus dem Mantel, aus dem die Kälte noch strömt, und sofort erfährst du Neuigkeiten von deinem Kinde.
Denn du weißt ja noch aar nichts.
Gestern abend hat das Kind seine kleinen Schühchen ins Fenster gestellt, und heute morgen war ein kleines Marzipanschwein darin, und der es hineingetan hat, das war der Nikolaus. Der Nikolaus ist dazu da, daß er über Nacht gute, kleine Sächelchen in Kinderschuhe legt, aber die Schuhe müssen am Abend vorher schon in die Fensterbank gestellt worden sein, und das Kind muß immer Halbwegs brav gewesen sein, sonst tut er es nicht. Ja, und das Schweinchen hättest du eigentlich noch sehen sollen, heute abend, eigentlich, aber ... es ist aber im Laufe des langen, langen Tages doch aufgegessen worden. Und morgen ist vielleicht wieder etwas im Schuh.
Das geht natürlich nicht alle Tage. Aber alle zwei oder drei Tage, das geht. Mal ein Pfefferkuchen und mal ein kleiner Weihnachtsmann, und jedesmal freut sich das Kind und glaubt daran. Es kommt auch vor, daß bei Mutti morgens früh im Hausschuh ein Stück Marzipan liegt, und daraufhin liegt zwei Tage später sogar bei Vati eine prima Zigarre, jedoch ...
„Nein, wirklich, das ist ja ungeheuer lieb von dir, aber ..
„Ach was, na ja, es ist doch nur, damit man mal ..."
Ilsebill.
Die Kinder in der Nachbarschaft reden untereinander viel darüber. Die Dreijährigen Horen nur zu und verstehen fast nichts, die Vierjährigen glauben es heilig wahr, und die Fünfjährigen glauben es beinahe nicht, denn manche von den Sechsjährigen schnauzen sie aufgebracht und verächtlich an, so auf- gebracht und wütend voll Verachtung, wie Aufklärung stets mit Feuer und Schwert verbreitet wird. Bei uns aber, als das Kind vier Jahr alt war da gab es den Weihnachtsmann, und siehe, es waren sogar Beweise für ihn vorhanden. Oder sind das keine Beweise: ein Marzipanschwein, ein Lebkuchenherz, ein grüner Zweig mit roter Schleife, und an der Schleife ist ein Birnbirn- Glockchen. Das kann man doch sehen!
Und dann die Klavierstunde durch Mutti und die schönen, alten Lieder. Mutti spielt vor, ganz leise singt sie dazu, und das Kind steht dabei und lernt mitsingen. Und öfter brennt im kleinen, roten Holzleuchter ein dickes Licht es riecht auch öfter gut und heilig, und öfter sind Pakete da, die niemand anfassen darf. Das Kind lernt ein Weihnachtslied, von dem aber Vati nichts wissen darf, und Mutti sitzt bis in die Nacht hinein auf und „macht Sachen" und ist reinweg verzweifelt, denn sie meint, sie schafft es nicht mehr. Eigentlich düster ist in diesen Tagen nur Vati, denn er rechnet und rechnet und sieht nicht, wie das jemals soll aufgehen können. Er ist so düster, daß das Kind ihn beinahe schon streitbar und voll Erstaunen ansieht, wenn es so umherläuft in der Wohnung,, rätselhaft vergnügt von innen heraus und prachtvoll süß geborgen in den war- men Kamelhaarenen. Und dann soll morgen Weihnachten sein. Erst war es vorgestern schon Weihnachten, aber das war ein Irrtum; dann war es gestern aber da war es auch nicht, auch heute ist es noch nicht ganz so weit, aber morgen — „sowie du dann wach wirst, mein Kind". — Und das stimmt wiederum nicht, denn beim Erwachen ist alles wie alle Tage, es ist sogar ein ziemlich schwieriger Tag, und Mutti muß mindestens zehnmal mahnen: „Du mußt nicht so viel fragen, Kind, da wird ja Mutti ganz hin von!" „Ganz hin von" ist schon; es ist nicht richtig im Sinne der Sprachforschung, aber man weiß genau, was gemeint ist.
Und dann muß das Kind hinaus in die Küche; dann trampelt und rumpelt und brummelt und brammelt da jemand auf der Diele, das ist der Weihnachtsmann.
Wir haben sogar einen richtigen Weihnachtsmann gehabt, von dem wir Großen selber nichts wußten. Onkel August von nebenan hat den Weihnachtsmann gemimt, er wollte sich sogar für uns nicht zu erkennen geben, an feinem verbogenen linken Brillenbügel haben wir ihn erkannt. Das Kind hat ihn durchaus nicht erkannt, es hat ihn aber auch nicht gefürchtet. Es war immer sehr brav gewesen und hatte keinen Grund, sich vor dem lieben Weihnachtsmann zu fürchten.
wohl auch wieder nicht wünschen, denn Jlsebill erinnert sich dunkel, was es mit der Frau im Märchen, die genau so hieß, für ein schlimmes tenöe genommen hat, — und warum? Weil sie so gierig gewesen war! Siehste. Na, für König und Malier und „paabft", wie da geschrieben steht, hat ja das Kind Jlsebill weiter keine Verwendung — aber einen wunderbar bunten Ball mit roten und gelben und blauen Punkten über und über und rund- vrun}..j?a* sie neulich gesehen, und dann war da so
f j e' blitzblanke Kochküche mit Herdchen und Kesselchen und Töpfchen und Näpfchen und ... und . schreib langsam, Jlsebill, sonst machst du einen Klecks, und das Christkind ist nicht für Kleckse, sondern für einen sehr sauber und ganz ohne Fehler geschriebenen Wunschzettel.
Kathrinchen und der Nikolaus.
£,riPp^gt Kathrinchen zum Puppenkind, Mathrinchen hat Kakau gekocht, der ist schön warm im Vauchel, warum trinkst du denn nicht, bist du bos, mußt du „Dudu" haben, oder bist du vielleicht krank, muß Kathrinchen den Doktor holen, „und ber Herr Doktor sitzt dabei und gibt ihm bittere zlr^enei . Aber die Puppa rührt sich nicht, nicht einmal die bittere Arzenei kann sie bewegen, Puppa ist krank, arme Puppa, Kathrinchen stößt einen öirfen Seufzer aus, stellt das lustige Holländer- becherchen beiseite und sieht ihr Jüngstes mit schweren Sorgen an ... Fieber messen, fällt ihr cin' und es ist ein großes Glück, daß die ahnungs- volle Mutter das zerbrechliche Dingsda im silbernen Jtobrdjen so gut versteckt hat ... Kathrinchen kommt also von ihrer Wanderung durch die Woh- nung ergebnislos und tief bekümmert zurück, sie schleift die Puppa am Aermchen hinter sich her und ist mit Gott und aller Welt zerfallen ...
Aber auf einmal geht die Klingel, und die große Schwester kommt heim vom Weihnachtsmärchen, und schon ist die ganze Wohnung voll von Gelächter und Geschrei, von Weihnachtsbaum, Christkind und Nikolaus. Nikolaus: das ist das erlösende Wort. Der wird in den allernächsten Tagen erwartet, er geht schon um, er steht schon vor der Tür. Nikolaus ist besser als Onkel Doktor, denkt Katbrin- chen, besser als bittre Arzenei und silbernes Röhr- chen. Der Nikolaus wird auch die arme Puppa wieder zur Vernunft bringen und gesund machen ... mit seinem Säckchen oder, wenn es gar nicht anders geht, mit der Rute.
Annemarie ist sehr beschäftigt...
... man kann zwar noch nicht genau erkennen, was das wird, ob es ein Puppenkleidchen wird oder ein Topflappen oder ein Untersetzer, aber daß „es" am Heiligen Abend unter dem Christbaum liegen wird, das ist ziemlich gewiß... Eine prachtvolle kleine Person, die Annemie, kein Erwachsener könnte mit mehr Eifer und gesammeltem Ernst über seine Arbeit gebeugt fein als dieses Kind im Advent.
Es fitzt am Fenster, gleich wird es dunkel fein, dann muß man vom Fenster weg und Licht anmachen. Die Stube ist warm und von einem sanften, goldenen Schein erfüllt; es ist sehr still, und man kann so gut seinen fünfjährigen Mädelaedan- ken nachgehen dabei, die fangen in diesen Tagen um den ersten Advent herum mit Kuchenbacken an und hören mit Christbaum auf, und wenn sich hernach die Mutter ans Klavier setzt, dann kann man bei seiner emsigen Handarbeit sein eigenes kleines Herz klopfen hören. Es geht immer im gleichen laft: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit... —y—
(Aufnahmen [4|: E. Hase, Frankfurt a. M.)
Bald ist es Weihnachten.
Bon Felix Niemkasten.
Weihnachten ist nicht erst am 24. Dezember, sondern Weihnachten fängt schon viel früher an. Es fangt an mit jenen Tagen, an denen es draußen srühe dunkel wird, an denen der Wind derart grimm in die Backen schneidet, daß jeder, der zu Hause eintritt, erst einmal die Hände reibt, den Ofen lobt und dann mit einem wahren Erstaunen (als wäre das etwas Neues) inne wird, wie heimisch heimelig eigentlich ein Heim ist. Und wenn in solchem Heim dann noch die Frau fitzt, mollig in Wolle, und die Füßchen schön warm eingekusthelt in weiche Schuhe, und näht da etwas oder häkelt oder strickt ... Gott, es ist ja ganz egal, was sie tut, nur da muß sie sein, und also kommt man von draußen aus der Kälte nach innen hinein in die Wärme, das Licht leuchtet, vier Wände stehen ringsum, und wenn deine Seele jetzt nichts inniger wünscht als Stiefel aus, warmen Trank und so, dann ist ja alles beisammen und hat schon gewartet auf dich, und außerdem duftet es meist auch leise nach Aachener Printen, nach Nürnberger Leb- kuchen ... das also ist ungefähr Weihnachtsbeginn.
Bärbel.
Engelshaar dran, und oben in der obersten Spitze- soll der Stern schweben mit einein goldenen Kometenschwanz ...
m Wenn bann das Glöckchen klingelt, alle Jahre wieder, und wenn der , Aater mit feiner tiefen Stimme ganz andächtig zu brummen anfängt: „Stille ^"cht, .belege Nacht...', und ich seh den Stern da oben, dann muß ich an bie Geschichte denken, die mir die Mutti vorm Einschlafen erzählt hat, von.den Hirten und den Herden auf dem Felde, vom Engel und vom Christkind in seiner Krippe mit Ochs und Esel dabei, und von den drei Königen aus dem Morgenland ... die haben so komische Namen, ich hab sie schon wieder vergessen .. aber einer davon ist ein kohlpechrabenschwarzer Mohr...
Jlsebill wünscht sich was.
Wie steht geschrieben im Märchen „Von dem Fischer un syner Fru"? "Myne Fru de Jlsebill will nich so as ik wol will." Na, wat will se denn, sagte der Butt. War's nicht so? Ja, so war es. Und was wünscht sich die «Jlsebill, die noch keine „Fru" ist, aber nächstens ein kleines Fräulein wird? ! Wie sie so dasitzt mit aufgestemmten Aermchen, ist ihr eben grab eingefallen, Daß in vier Wochen, wenn man es recht bedenkt, das Christkind kommt, und Daß Jlsebill sich also ernstlich Gedanken darüber machen muß, was sie alles «auf ihren Wunschzettel schreiben soll. Na, was soll sie wohl? Ach, entsetzlich viel, so schnell kann ein kleines Kind noch gar nicht schreiben, und wenn es einen Wunsch aufgeschrieben hat, ohne daß dabei vor Anstrengung die Zunge zum Vorschein gekommen ist, dann hat es den anderen schon wieder vergessen. Aber so entsetzlich und unvernünftig viel darf sich ein kleines Mädchen ja


