Ausgabe 
30.10.1935
 
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Ur. 254 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Mittwoch.. Oktober 1955

Gießener Anzeiger

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MWM General-Anzeiger für Oberhessen i|||s

gtonifurt -m Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfiläts-Vuch- und Steindruckerei «.Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstraße r Mengenabschlüsse Staffel B

^Generale von morgen"

Von Karl von Schoch, Generalleutnant a.D. i.

Unter der UeberschriftGenerale von morgen" hat der bekannte englische Militärschriftsteller C. I. F Fuller eine in hohem Maße fesselnde Streit­schrift herausgegeben. Es muß als ein großes Ver­dienst des Verlages Ludwig Voggenreiter in Pots­dam (Preis 1,80 Mk.) (411) hervorgehoben werden, daß er in einer ganzen Sammlung von Schriften aus dem Ausland, die sich mit der schwer­wiegenden FrageVolksheer oder Berufs­heer" befassen, auch der Studie Fullers den ge­bührenden Raum eingeräumt hat.

Der englische Verfasser kritisiert mit leidenschaft­licher Rücksichtslosigkeitdas Feldherrntum im W e l t k r i e g". An die Spitze seiner Ausfüh­rungen stellt er die Worte aus einer Schilderung der Kämpfe um Gallipoli:Geschäftsmäßig, unpersönlich geführt wird der Krieg zu einer rohen seelenzermürbenden Plackerei, zur Ursache des Klas­senhasses und schlechter Dienstauffassung. Unsere älteren Offiziere, wie hoch auch ihr Rang sei, müs­sen es wieder lernen, so wie Seeleute die Gefahr mit ihren Leuten zu teilen. Das war einst britische Art, aber leider wurde sie im letzten Krieg allzu oft vergessen." Diese Sätze bilden sozusagen das Leitmotiv der ganzen Abhandlung. Schon vor dem Krieg, so behauptet Fuller, wurde die Kriegskunst immer mehr schablonisiert und geriet immer tiefer in eine Art von krassem Materialismus. Schuld daran föi vor allem der ständig wachsende U m - f a n g der Heere, der die Leitung erschwert und zum Ausweg mechanischer Maßnahmen zwang. An einer Reihe von Beispielen sucht Fuller dann nachzuwei­sen, daß die höheren Führer jede persönliche Füh­lung mit der Truppe verloren hätten.

Hier sei schon umgreifend bemerkt, daß in allen j Schilderungen Fullers immer etwas Wahres ist; wer etwa wollte leugnen, daß der Kampf und die Führung aus bombensicheren Unterständen nicht ein schwerer Nachteil gewesen ist? Aber die Verallge­meinerung und teilweise maßlose Uebertrei- b u n g e n stempeln das Ganze doch zu einer Ten- denzschrift. Wenn er zum Beispiel den kühnen Satz aufstellt:Der G e i st schwand dahin" oder Das System der Truppenführung, wie es in der Neuzeit arbeitete, hat das Feldherrntum enthauptet, und die Schlachten find ein plumpes Ringen und Würgen kopfloser Ungetüme entartet", so ist wohl genau das Gegenteil richtig: der Führer, der mit dem Säbel in der Faust mitten in seiner Truppe kämpft und das ist Fullers Jdealgestalt bedarf entschieden weniger Geist als jener Kom­mandeur, der, in einen Unterstand hinabgezwungen, mit dem Zirkel in der Hand die schwierigsten Ent­scheidungen gewissermaßen prophetisch vorausahnen und berechnen muß. Welcher Führer hätte nicht als schweren Nachteil empfunden, daß er, statt seinen ganzen Befehlsbereich mit eigenen Augen zu über­sehen, fast nur auf die Augen und die Meldungen anderer angewiesen war? Aber auch ein Fuller wird nicht bestreiten können, daß die Zeiten von 1870 unwiederruslich vorüber sind, wo bei Wörth der Kronprinz Friedrich und Mac- rncihon von ihren Feldherrnhügeln aus auf etwa 2V2 Kilometer s i ch gegenüberstanden und nach persönlichen Eindrücken das Gefecht leiten konnten. Er wird auch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß heute eine Jnfanteriebrigade im Gefecht einen Breitenraum von sechs Kilometer und mehr einnimmt und daß schon aus diesem Grunde das Heldenbeispiel eines Generals, der in den vor­dersten Reihen ficht, in den allermeisten Fällen ganz wirkungslos bleiben muß, schon weil er nur von 'wenigen Gruppen rechts und links gesehen werden kann. Will man die an sich berechtigte Forderung Fullers ihrer Uebertreibung entkleiden, so wird man sagen können: Der General Napoleon Bona­parte, der 1796 mit der Fahne in der Hand die Brücke von Ledi stürmt (oder gestürmt haben soll), war damals eine Ausnahme und wird in Zukunft erst recht eine solche bleiben; ebenso aber wird jeder höhere Führer sich bewußt sein müssen, daß auch in einem kommenden Krieg die Pflicht ihn in die vorderste Reihe rufen kann. Wenn aber Fuller sich weiter zu dem Satz versteigt:Glanz und Ruhm war dahin, die Macht der Fuhrerpersönlichkeit nicht länger fühlbar, so sei ihm einzig der Name H in» denburg entgegengerufen, der Name, der feit Tannenberg bis zum letzten Ende wie ein Zauber­wort gewirkt hat, auch wenn er nicht im vordersten Graben war!

Ein weiteres Kapitel erzählt unsBeispiele persönlichen Einsatzes"; wir können uns ein Eingehen darauf um so eher sparen, als sie zum größten Teil früheren Zeiten, dem amerikani­schen Sklavenkrieg und Kolonialunternehmungen angehören und überdies fast nur von ganz unbe­rühmten Größen berichten. Ungleich wichtiger er­scheint der nächste AbschnittErkannte Schwä­ch e n". Als die schlimmste dieser Schwächen gilt Fuller das durchschnittlich viel zu hohe Alter 2)er Generäle. Wir lesen da recht beachtenswerte Sätze wie:Erstens ist eben der Krieg ein Bereich Öer jungen Männer; zweitens ist es Tatsache, daß ein Mensch mit wachsendem Alter immer vorsich­tiger und zaghafter wird, und drittens werden er­fahrungsgemäß seine Ansichten immer starrer." Man wird die Richtigkeit dieser Anschauungen im allge­meinen zugeben, aber doch beifügen müssen, daß gerade die deutsche Kriegsgeschichte auch neben dem .Marschall Vorwärts" noch manchen alten General äufroeift, der Fuller Lügen straft.

Wenn er dann weiter den greifen General schil­dert, der gar nicht mehr in der Lage ist, die Muhen eines Krieges mit feinen Leuten zusammen zu tra­gen, zu biwakieren oder Kommisbrot zu essen und 'an einem eiligen Frühstück teilzunehmen, weil er

Litauen unterhöhlt das Memelstatut.

Ein aus Litauern bestehendesGtatutgericht" soll in Streitfällen zwischen Litauen und dem Memelland die Memettonvention bindend auslegen.

Man hätte erwarten sollen, daß nach dem für die litauische Politik so katastrophalen (Ergebnis der Me- melwahlen vom 29. September die* Kownoer Re­gierung die Lehren aus diesem Ereignis ziehen würde. Tatsächlich aber stellt die erste Handlung, die der litauische Staat nach dem Abstimmungssieg der Memelländer vorgenommen hat, eine neue Verletzung der Memelsatzung dar. Der Staatspräsident Smetana hat nämlich die sie­ben Richter ernannt, die das am 13. März die­ses Jahres beschlossene Statutgericht bilden sollen. Wie nicht anders zu erwarten war, sind die Mitglieder ausschließlich litauischer Nationalität. Steht schon diese Tatsache in klarem Widerspruch zu der Gleichberechtigung der Memelländer, so ist auch das Gesetz f e I b ft, das das Statutgericht einführt, mit den Bestimmun­gen der Memelkonvention nicht in Einklang zu brin­gen.

Dieser nur von Litauern beherrschte Gerichtshof maßt sich nämlich an, gewissermaßen in Vertretung des Haager Gerichtshofes über alle Kompe- t e n 3 ft r e i t i g f e i t e n zu entscheiden, die zwischen dem Memeldirektorium, dem Landtag und dem Gouverneur, zwischen den autonomen Be­hörden des Mernellanhes und den litauischen Zen­tralbehörden in Kowno entstehen können. (Er soll fein Urteil darüber abgeben, ob die Gesetze und Anordnungen, die von der litauischen Regierung, dem Gouverneur ober den autonomen Memelbehör­den erlaßen werden, mit dem Memel st atut überein ft immen. Die von ihm getroffenen Entscheidungen sind für alle Gerichte sowohl auf litauischem als auf memelländischem Boden bin­dend. Außerdem ist diesem Gerichtshof keine zeitliche Frist gesetzt, innerhalb deren er seine Ent- jcheioungen fällen muß. Damit ist den Litauern die Möglichkeit gegeben, jede Beschwerde, die von memelländischer Seite erhoben wird, Jahre hindurch zu verzögern, dagegen die Anord­nungen Kownos, mögen sie noch so unrechtmäßig sein, im Handumdrehen gutzuheißen und in Kraft treten zu lassen. Angeblich soll das Statutgericht den Litauern dazu dienen, ihre Souveräni­tät s r e ch t e über das Memelland zu wahren. In Wirklichkeit aber ist es ein neues raffiniertes Mit­tel, um d i e Autonomieverpflichtungen zu umgehen und auch nach der Volksabstimmung vom 29. September die räuberische Unterdrückungs­politik gegen das Memeldeutschtum fortzusetzen.

Aus dem von den vier Großmächten garantier­ten Memelstatut, dessen Auslegung dem Völker­bundsrat und dem Haager Gerichts- h 0 f vorbehalten war, ist somit ein Rechtsmittel geworden, daß von einem einseitig zu° lammengesetzten litauischen Gerichts- h 0 f ausgelegt werden soll. (Ein derartiges Statut­gericht ist nach dem Memelstatut in keiner Meise vorgesehen. Es entsvricht ebenso wenig wie dasStatutsgesetz" diesem Statut. Es ist aber auch unmöglich, daß ein von Litauern einseitig zu­sammengesetztes Gericht über die Auslegung eines internationalen Vertrages entscheiden kann, der von vier Großmächten unterzeichnet worden ist. Dieses Statutgesetz" kann deshalb weder für die Memel­länder noch für die übrigen Vertragspartner als bindend gelten. Nach Artikel 17 des Status kann die litauische Regierung bei Meinungsverschieden­heiten in der Auslegung des Status keineswegs allein entscheiden. Sie ist im Gegenteil dazu ver­pflichtet, sich den Entscheidungen des Ständigen Gerichtshofes im Haag zu fügen.

Litauen hat mit der Einsetzung des Statuts­gerichts bewiesen, daß seine Zusicherungen an die Signatarmächte, das Autonomiestatut zu achten, eitel Schall und Rauch sind, daß es weder fähig noch willens ist, die Durchführung der Memel­satzung zu gewährleisten. Damit ist jener Fall ein­getreten, den kürzlich im englischen Unterhaus der konservative Abgeordnete Hauptmann C a z a l e t im Auge hatte, als er den Vorschlag machte, das Memelproblem in der Weise zu lösen, daß für eine Reihe von Jahren eine internationale Kontrolle eingerichtet werde, und daß dann möglicherweise eine Volksentscheidung über

die weitere Zugehörigkeit des Memellandes entschei­den müsse. Wir Deutschen haben die Gesamtrevision des Memelstatuts niemals zum Gegenstand unserer auswärtigen Politik gemacht, wir haben nur ver­langt, daß die Unterzeichner des Statuts, also

Litauen und die Garantiemächte, das vertrag­liche Recht der Memelländer auf Selbstverwal­tung und kulturelle Autonomie erfüllen. Aber dis Frage nach der Durchführbarkeit des Memelftatuts ist jetzt erneut von den Litauern verneint worden.

Noch keine brauchbaren Verhandiungs- grundlagen im Abessinienkonflikt.

Drummond bei Mussolini. Die Sachverständigen besprechen sich in Paris. Die italienischen Anregungen von England abgelehnt.

Rom, 29. DFL (DNB.) Mussolini hatte am Dienstag eine Unterredung mit dem britischen Bot­schafter Drummond, lieber den Inhalt der Be­sprechung wird strengstes Stillschweigen bewahrt.

In unterrichteten italienischen Kreisen erklärt man, es werde nur sondiert, ob sich vielleicht irgendeine Verhandlungsgrundlage biete. Falls Frankreich und England Vorschläge und Anregungen unterbreitet hätten, würde sie Italien mit Aufmerksamkeit und Interesse prüfen. Man warnt jedoch, die internatio­nale Lage zu optimistisch zu betrachten.

Das PariserPetit Journal" will genaueres über die Vorschläge wissen, die der Besprechung englischer und französischer Kolonial- sachverständiger zugrunde gelegt waren. Das Blatt berichtet darüber:Man wird eine Unter­scheidung zwischen den a m h a r i s ch e n und dem nichtamharischen Abessinien machen. Das erstere wird unter öie Kon­trolle des Völkerbundes gestellt werden. Danach ergeben sich folgende Punkte:

1. Verwaltung: ein italienischer Berater beim Negus, italienische Lokalgouverneure oder ita­lienische Berater in den Randprovinzen und beson­ders westlich von Addis Abeba.

2. A r m e e : Einrichtung eines Fremden­legion - Systems, das die Aufstellung italieni­scher Einheiten und zum Teil italienischer Truppen­teile gestattet.

3. Gebiets-Bestimmungen: Harrar bleibt bei Abessinien; Ogaden wird Ita­lien zugesprochen; in Tigre und Dana kil werden Grenzberichtigungen vorgenommen, die wahrscheinlich darauf hinzielen, die von Italien gemachten (Eroberungen zu bestätigen.

4. Abessiniens Zugang zum Meer: Man wird vom Freihafensystem abgehen zugunsten eines Korridors. Es scheint aber noch nicht ent­schieden zu sein, ob dieser durch italienisches, fran­zösisches oder engliches Gebiet gehen soll."

Nach Meldungen aus London handelt es sich bei

diesen Vorschlägen um italienische Entwürfe, die von englischer Seite als nicht diskutabel bewertet worden sind.Preß Association" berichtet darüber, daß der Sachverständige des Londoner Außenamtes für abessinische Fragen, Maurice Petterson, in Paris mit seinem Kollegen vom französischen Außenministerium St. Quentin Anregungen geprüft habe, die aus einer ita­lienischen Quelle stammten. Beide hätten aber diese Anregungen für praktisch wert­los erklärt. Der Pariser Vertreter derTimes" berichtet über Gegenvorschläge zu den italienischen Anregungen, die die französische Regie­rung versuchsweise ausgearbeitet habe und die jetzt in London geprüft würden. Es handele sich um rein französische Ideen. Von einer Vereinbarung könne schon deshalb keine Rede sein, da Petterson, der am Sonntag nach London zurückkehrte, gar keine Vollmachten dazu besaß. Wahrscheinlich habe er nur mitgeteilt, ""welche Vorschläge nach seiner Ansicht offenbar unannehmbar für Groß­britannien sein würden. Heber den Inhalt der fran­zösischen Vorschläge sei nichts zuverlässiges bekannt, man glaube aber, daß sie eine italienische Kontrolle der einen oder der anderen Art über mehrere Provinzen vorsehe.

Gazeta Polska" schreibt, für die Ansichten des großen Teiles der englischen Qeffentlichkeit sei die Bemerkung des konservativen Lord Wvlmer bezeich­nend, daß ein italienischer Sieg schlecht, aber eine italienische Niederlage noch schlimmer wäre. England werde seinen ganzen Einfluß auf­bieten, um ein befriedigendes K 0 mpr 0 - miß zu erreichen, das das italienische Ausdehnungs­recht berücksichtigt und dessen Ko st en natür­lich Abessinien zu tragen habe. Die Lo­sung desbewaffneten Friedens" werde der Regierung vermutlich den Wahlsieg sichern, da sie nach einer gewissen Beruhigung des englisch­italienischen Konfliktes eher künftige Streitigkeiten ernsterer Natur ins Auge fasse.

Italien wehrt sich gegen die Sanktionen.

Rom, 29. Dkt. (DNB.) Bei feiner Abwehr gegen die Sühnemaßnahmen wird Italien grundsätzlich den Warenbezug aus den Sanktions- ländern ablehnen bzw. den Handel mit nicht unter die Sanktionen fallenden Erzeugnissen auf einen vollkommen ausgeglichenen Clearingverkehr ein­schränken. Nach dem Ausfall der Kohlentransporte aus England hofft man, den Kohlenbezug aus anderen Ländern steigern zu können. Für Getreide und Zucker ist der Jnlands- verbrauch vollständig f i ch e r g e ft e l l t. Für Zucker bleibt sogar ein Ueberschuß zur Verfügung. Ohne die in den letzten Tagen zustandegekommenen Ver­träge über größere Gefrierfleifchlieferun- gen aus Argentinien und Brasilien hätten für die Rationierung des Fleischverbrauches heute schon einschneidendere Maßnahmen getrof­fen werden müssen. Soeben wurde jedoch in Rom ein Vertrag unterzeichnet, daß Brasilien 33 000 Tonnen Gefrierfleisch nach Italien schickt, während es sich bereits im Juni zur Lieferung von 22 000 Tonnen verpflichtete.

Die Regierung hat zwei Maßnahmen getroffen, durch die der Fleischverbrauch herabge­setzt werden soll. Vom 5. November ab bleiben für die Dauer von sechs Monaten die Fleischer­läden am Dienstag jeder Woche ge­schlossenem Mittwoch können nur andere Arten als Rind-, Schaf- und Schweinefleisch verkauft wer­den. Die Fleischerläden, die seit einigen Wochen Sonntags geschlossen sein mußten, können bis vor­mittags 11 Uhr geöffnet bleiben. In der gleichen Zeit wird in den Hotels, Restaurants und Speise­wagen nur ein Fleisch- oder Fischgang geliefert. Zur Papiereinsparung werden alle staatlichen Veröffentlichungen auf ein Mindest­maß beschränkt. Ferner sollen bei der Ausstat- tung von Büros alle Neuanschaffungen von Möbeln und anderen Bürogegenständen möglichst eingeschränkt werden. Alle staatlicken Tele­gramme und staatlichen Telephongespräche sollen gekürzt werden. Schließlich soll zur Kohlen- einfparung der Bürobetrieb auf die Zeit von 8 bis 18 Uhr beschränkt bleiben, um während des Winters mit Heizung und Licht zu sparen.

feit vielen Jahren gewohnt ist, zwischen wohlgelüf­teten Decken zu schlafen, an sauber gedeckter Tafel zu speisen,pünktlich um neun Uhr zu frühstücken". (Zum Vergleich etwa mein Kriegstagebuch vom 14. Mai 1915:Zum erstenmal fast feit drei Wochen ausgeschlafen bis 5 Uhr morgens"), so muh ich freilich dagegen Verwahrung einlegen, wenn da­mit die deutsche Generalität mitgetroffen werden sollte; kann mir aber auch nur schwer vorstellen, daß die sportgehärteten englischen Generäle insgesamt derart verweichlicht gewesen sein sollten. Teilweise erklärlich und verzeihlich werden ja Ful­lers Schilderungen dadurch, daß er selbst nur die Westfront und den Stellungskrieg kennt; hätte er etwa den großen deutschen Durchbruch 1915 von Gorlice bis zu den Pripetsümpfen oder aber den Feldzug gegen Serbien mitgemacht, so würde er sich kaum zu der unwissenden Behauptung versteigen, daß schließlich im Weltkrieg alle Führer über dem Divisionskommandeur eigentlich eine Art von Der- waltungsbeamten gewesen seien".

Weit mehr Berechtigung wird man dem Kritiker zuerkennen müssen, wenn er seinen Zorn gegen b en Fernsprecher losläßt. Wer von uns hatte

nicht gleichfalls über dieQuasselstrippe" geflucht? Wieder ist ein wahres Wort an seinem Ausruf: Nichts war im Weltkrieg schrecklicher, als Zeuge davon zu fein, daß eine lange Kette von Männern, angefangen vom Bataillonskommandeur und endend mit dem Armeeführer in Fernsprechzellen saßen und redeten, redeten, anstatt zu führen, zu führen und immer wieder zu führen!" Aber er fährt dann fort: Es ist ein Trugschluß, an dem besonders der Fern­sprecher schuld ist, daß der Ueberblick über die Lage immer umfassender wird, je weiter rückwärts der General sitzt; und je mehr Ueberblick, desto besser; je mehr örtliche Eindrücke, desto wünschenswerter." Hier begeht der Verfasser wohl selbst den größ­ten Trugschluß; denn ein Armeeführer, der nur auf eigenen Ueberblick und örtliche Eindrücke hinführen" wollte, müßte den ganzen Tag von einem Regiment zum anderen, von einem Armee­korps zum nächsten im Wagen sausen und käme in Wirklichkeit gerade deswegen überhaupt nicht z u mFühre n", weil die Lage am rech­ten Flügel sich zehnmal verändert hätte, bis er am linken Flügel ankäme. Hier ist also Ursache und Wirkung einfach verwechselt. Bei der Riesenaus­

dehnung der Gefechtsräume kann der Feldherr nicht aus einer Reihe persönlich erschauter Eindrücke zum richtigen Entschluß kommen, sondern immer nur, wenn er ein Gesamtbild des Schlachtfeldes gewinnt; das heißt, jeder Führer muß eine Stelle haben, wo alle Meldungen zusammenlaufen, wenn er nicht frei­willig auf das verzichten will, was Fuller mitR-cht selbst fordert: eine vernünftige Leitung aller seiner Truppen.

Daß der englische Schriftsteller sozusagen als Schulbeispiel für seine Auffassung die Marne­schlacht heranzieht, ist für ihn selbstverständlich. Moltke verlor in Spa über 150 Kilometer hinter der Front die Führung des Heeres und besonders des wichtigen rechten Flügels ebenso aus der Hand, als hätte er sein Hauptquartier auf dem Mond auf- geschlagen." Ganz richtig; über dieses Zurückbleiben des Großen Hauptquartieres ist mehr als genug Tinte verspritzt worden; und doch ist das Schul­beispiel falsch aewählt; es geht an dem gründ- legenden Fehler vorbei. Für die sieben Armeen der Westfront hätte mit Kriegsbeginn ein ge­meinsamer FührerOberroe st" mit einem besonderen Stab geschaffen werden müssen. Dieser