Ur. 100 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheflen)
Dienstag. 30. April 1035
Oer ftanzösisch-sowjetrusische Beistandspakt unter Dach und Kach?
Dem pariser Miniflerrai heute vorgelegt. — Völkerbundssatzung und Locarnoverpflichtung Zweifel an der Bündnisfahigkeit Moskaus.
Paris, 30. April. (DNB. Funkspruch.) Der französisch-sowjetrussische Beistandspakt ist nach Ansicht der Pariser Morgenblätter nunmehr endgültig a b g e f a ß t. Die Unterredung, die der sowjetrussische Botschafter in Paris am Montagnachmittag mit dem französischen Außenminister hatte, galt noch Ansicht der Blätter der Bereinigung der letzten noch vorhandenen Meinungsverschiedenheiten, die jetzt bis auf eine oder zwei nebensächliche Fragen aus- geschaltet seien. Unter diesen Umständen rechnet man damit, daß der Ministerrat heute vormittag das Abkommen gutheißen wird, so daß es nach einer letzten Aussprache zwischen Laval und Potemkin entweder heute oder am Mittwoch paraphiert werden könnte. Heber die Moskauer Reise Lavals sind Beschlüsse noch nicht gefaßt. Es verlautete, daß sie wahrscheinlich am 8. Mai beginnen wird. Laval wird zunächst nach Warschau fahren und dann Moskau besuchen.
„Excelsior" glaubt schon jetzt die wesentlichsten Punkte des französisch.sowjetrussischen Beistandspaktes folgender- maßen zusammenfassen zu können:
1. Das Abkommen werde im Rahmen des Völkerbundspaktes abgeschlossen.
2. Das Abkommen hindere in keiner weise die Durchführung des Locarnopaktes.
3. Der Beistand werde auf der Grundlage einer gerechten Gegenseitigkeit durchgeführt und solle sich in einem Mindest Zeitraum vollziehen, der lm Einklang mit den Vorrechten des Völkerbundsrates stehe.
Alle Meinungsverschiedenheiten über die Bedeutung oder Tragweite sowie die Durchführungsbestimmungen des Dokuments würden durch eine gemeinsame Auslegung der verschiedenen Artikel geregelt, in der die einzelnen Verpflichtungen der Vertragspartner genau umschrieben würden.
5. Das Abkommen fei gegen keine dritte Macht gerichtet, sondern stehe jedem Staate offen, der mit gleichen Rechten und gleichen pflichten an einem erweiterten System der gegenseitigen Garantien für Osteuropa im Rahmen des Völkerbundes Mitarbeiten wolle.
Das „Journal" ist der Ansicht, daß die Entschluß- freihett der Unterzeichner unangetastet geblieben sei und deshalb auch keine Rede von einem automatischen Bei st and sein könne. Der neue Pakt berühre außerdem in keiner Weise das Locarno-Abkommen. Hiernach habe man es vermieden, die Organisierung der Sicherheit im Westen in irgendeiner Weise bloßzustellen. Auch dem polnisch-französischen und rumänischen Bündnis habe man Rechnung getragen und es als den Grundstein der Ordnung ich Osten beibehalten.
„Quotidien" hält den ganzen französisch-sowjet- russischen Pakt für einen diplomatischen Betrug Moskaus. Moskau habe glauben machen wollen, daß der Ostpakt mit dem Locarnopakt vergleichbar sei. Locarno sei aber ein Friedenspakt, während der Ostpakt einen Krieg zum Ziele und zur Folge haben werde. Wenn die beiden Pakte wirklich so viel Gemeinsames hätten, so würde es sicherlich
nicht so schwer gewesen sein, den Ostpakt aufzu« setzen, denn dann würde es genügt haben, die Artikel des Locarnopaktes abzuschreiben. Russischer Geist spreche von einer „vollkommenen Gegenseitigkeit der Derpflichtun- gen", man müsse sich aber fragen, was Sowjetrußland überhaupt als Gegenleistung anzubieten habe. Sowjetrußland besitze keine organisierte und kampffähige Armee und verfüge auch über keine finanziellen und wirtschaftlichen Reichtümer, von denen Frankreich Nutzen ziehen könne. Wo bleibe da die Gegenseitigkeit? Wenn man davon spreche, daß der Pakt gegen niemand gerichtet sei, so müsse man das wohl als einen Scherz auffassen, der durch Hunderte von Erklärungen sowjetrussischer Persönlichkeiten dementiert sei.
„DieSowletunion-dasVollwerk derWeltrevolution."
Moskau, 30. April (DNB.) Kriegskommissar Woroschilow veröffentlicht zum 1. Mai einen Aufruf an die Rote Armee, in dem es u. a. heißt: Sowjetrußland — dieses Wort klinge für die Arbeiter und Werktätigen aller Länder w i e ein Schlachtruf — Sowjetrußland sei das Bollwerk der Weltrevolution. Die Sowjetregierung verfolge auch weiter ihr Werk des Friedens. Sie sei aber entschlossen, jeden Angriff auf ihr Gebiet zurückzuweisen, und die Rote Armee werde sie hierbei wirksam unterstützen. Die Rote Armee verfüge über eine erstklassige Bewaffnung, jeder einzelne Soldat sei bereit, sein Leben für die Verteidigung des proletarischen Vaterlandes einzusetzen. Weiterhin gratuliert Woroschilow
der Roten Armee zu dem „Tag der großen Kampfparaden der Revolutionsmacht des internationalen Proletariats" und schließt mit den Worten: „Es lebe die Rote Armee, der unerschütterliche Wächter der proletarischen Revolution".
Französisch-italienische Zusammenarbeit in der Lustfahrt.
Paris, 29. April. (DNB.) Der französische Luftfahrtminister General D e n a i n wird sich auf Grund einer Einladung der italienischen Regierung am 9. und 10. Mai nach Rom begeben, um mit dem Staatssekretär im italienischen Luftfahrtministerium General Valle, mehrere die Zivil- und Kriegsluftfahrt beider Länder berührende Fragen zu klären. So soll das in Stresa unterzeichnete Luftabkommen auf eine feste Formel gebracht werden und ein Plan zur engeren Zusammenarbeit der französischen und italienischen Zivilluftfahrt entworfen werden. Weiter will man die Zusammenarbeit in allen technischen Fragen, über die bereits im vorigen Jahre Uebereinstimmung erzielt werden konnte, weiter fördern.
Dor seiner Abreise nach Rom hat der Minister die Presse empfangen, um ihr mitzuteilen, daß sämtliche französischen Militärflugzeuge, die ursprünglich bis zum Frühjahr 1937 geliefert sein sollten, b e - reite Ende dieses Jahres zur Verfügung stehen würden. Mehrere sehr schnelle Jagdflugzeuge wurden nach Metz beordert, um die dortige Sperrzone zu überwachen. Diese Flugzeuge sollen ebenso wie die, die in Straßburg stehen, über 3 5 0 Stunden- Kilometer-Geschwindigkeit erreichen.
Deutschlands Ll-Boot-Bauten.
Simon antwortet auf Anfragen im Unterhaus.
London, 29. April. (DNB.) Im Unterhaus wurde am Montagnachmittag die Frage gestellt, ob der Außenminister darüber unterrichtet worden sei, daß die deutsche Regierung Anweisungen für die Kiellegung von Unterseebooten und die Wiedereröffnung der Unterseebootsschule in Kiel erteilt habe. Der Außenminister Sir John Simon erwiderte: „Die deutsche Regierung hat mitgeteilt, daß An- Weisungen für den Bau von 12 Unterseebooten zu je 250 Tonnen erteilt worden sind. Die Angelegenheit wird zur Zeit erwogen. lieber die Unterseebootsschule in Kiel ist keine solche amtliche Mitteilung erfolgt".
Ein Abgeordneter stellte darauf die Frage, ob der Außenminister die nötigen Schritte unternommen habe, um diese „weitere Verletzung des Versailler Vertrages" zur Kenntnis des Völkerbundes zu bringen und ob man beabsichtige, die Flottenbesprechungen zwischen Deutschland und Großbritannien stattfinden zu lassen. Sir John Simon erwiderte: „Ich habe bereits gesagt, daß wir die Angelegenheit mit dem Ernst prüfen, den sie zweifellos verdiene. Ich möchte jedoch jetzt nicht gedrängt werden, heute eine weitere Antwort zu erteilen".
Der konservative Abg. Hauptmann Macdonald wies darauf hin, daß frühere deutsche Untersee- । bootsoffiziere aufgeboten worden fe-ien. Sir John ! Simon wiederholte, daß hierüber keine
amtliche Mitteilung gemacht worden sei.
Der Abg. Thorne fragte, ob Sir John Simon jetzt nicht glaube, daß Hitler ihm bei seinen Berliner Gesprächen nicht by? ganze Wahrheit gesagt habe. Der Abg. Herbert sagte: „Ist die erklärte Absicht der deutschen Regierung, von neuem Unterseeboote zu bauen, nicht ein weiterer Beweis dafür, daß die deutsche Wiederaufrüstung in der Hauptsache gegen Großbritannien gerichtet ist?" Der Konservative Adam erklärte: „Will Sir John Simon versuchen, bevor es zu spät ist, mit den Stresa-Mächten und möglicherweise mit Sowjetrußland Maßnahmen z u vereinbaren und zu ergreifen, um dieser einseitigen und gefährlichen Vertragsverletzung Einhalt zu gebieten?" Der Außenminister ließ diese weiteren Fragen unbeantwortet.
Das Memelstaiui.
Die Forderung der Signatarmächte in Kowno.
London, 29. April (DNB.) lieber die neue englisch-französisch-italienische Note an Litauen in der Memelfrage erklärte der englische Außenminister Sir John Simon im Unterhaus: „Mit den Regierungen Frankreichs und Italiens wurde in Stresa vereinbart, daß von den drei Mächten eine gemeinsame Mitteilung an die litauische Regierung gerichtet werden soll. Diese
inzwischen Übersandte Mitteilung erkennt zwar an, daß die litauische Regierung gewisse Schwierigkeiten beseitigt hat, erklärt aber, daß d i e gegenwärtige Lage in Memel unvereinbar mit den Bedingungen des Memel st atuts ist, in dem als Grundlage' eines Regierungssystems das Bestehen und regelmäßige Funktionieren des Landtages und eines das Vertrauen des Landtages besitzenden Direktoriums vorgesehen ist. Die litauische Regierung ist daher aufgefordert worden, diese Lage „prompt" zu beenden und die Einsetzung eines solchen Direktoriums und einer baldigen Sitzung des Landtages sicherzustellen."
Der Abgeordnete Oberstleutnant Moore fragte, ob der Außenminister angesichts des unbefriedigenden Verhaltens der litauischen Behörden die Ein« setzung eines Oberkommissars Vorschlägen wolle, der die Signatarmächte des Völkerbundes an Ort und Stelle vertreten würde. Simon erwiderte, daß dieser Vorschlag eine Angelegenheit für den Völkerbund wäre.
Der Arbeiteroertreter Wedgwood fragte hieraus, ob das in der Note ins Auge gefaßte Direktorium nach dem „Nazi-Vorbild oder nach dem internationalen Vorbild" gewählt werden solle. Der Außenminister antwortete: „Wedgwood ist sicherlich mit den Bedingungen des Memelstatuts vertraut, in dem vorgesehen wird, daß das Direktorium so ernannt werden soll, daß es das Vertrauen des Landtages genießt, der die gewählte Körperschaft ist". Die weitere Frage, ob das Direktorium in irgendeiner Weife eine internationale Körperschaft sein soll, beantwortete Simon mit Nein. Als Oberstleutnant Moore noch einmal auf seinen Vorschlag, einen Oberkommissar zu ernennen, zu sprechen kam, erwiderte Simon: „Es ist meiner Ansicht nach besser, die Antwort der litauischen Regierung abzuwarten".
Kunfl und Wissenschaft.
Ronlgenkongreß in Berlin.
In Berlin wurde der 2 6. Kongreß der Deutschen Röntgengesellschaft eröffnet. Professor Frik, der Leiter der Gesellschaft, wandte sich in seiner Begrüßungsansprache vornehmlich an die ausländischen Besucher: Sie seien in ein freies Deutschland gekommen, das durch den Entschluß des Führers vom 16. März eine gleichberechtigte Stellung unter den Völkern zurückerobert habe. Das Hauptthema des ersten Tages war die röntgenologische Schädeldiagnostik. Professor Gruber- Göttingen und Professor O st e r t a g - Berlin gaben einen erschöpfenden Ueberblick über die pathologische Anatomie der Hirngeschwülste. Professor Stens v e r s - Utrecht und Professor Grashy - Köln skizzierten die durch Hirngeschwülste bedingten Veränderungen am Schädel. Die Professoren Lohr und Jacobi, beide Würzburg, demonstrierten die Befunde bei Hirngeschwülsten durch Kontrastfüllung des Gefäßsystems. Professor Olivecrona- Stockholm sprach über operative Behandlung der Hirntumoren. Privatdozent Mittelmaier - Freiburg und Zuppinger -Zürich berichteten über die Röntgenuntersuchung bet Ohrenkrankheiten. Aus allen Referaten ging hervor, welche bedeutende Hohe die moderne Röntgendiagnostik erreicht hat.
Ein Van Dyck in Hannover entdeckt?
Der Hannoversche Maler Richard Schlossert ist bei der Restaurierung von Bildern im Vaterländischen Museum einem Werk auf die Spur gekommen, das seiner Meinung nach Van Dyck zuzuschreiben ist. Das Bild stellt eine jugendliche Frau in königlicher Haltung dar. In einer Inschrift wird die Frau als „Henriette Stuart, 3. Tochter Karls I. von Großbritannien, Gemahlin des Herzogs von Orleans" bezeichnet. Nach Angabe Schlossers stieß er bei Entfernung der fremden Uebermatung des Hintergrundes nicht nur auf den ursprünglichen Hintergrund, sondern fand auch auf der linken Bildseite die Signierung A. v. Dyck. Da nun diese Henriette Stuart erst drei Jahre nach dem Tode Van Dycks gestorben ist, vermutet Schlösser, daß die Dargestellte nicht die Tochter, sondern die Gemahlin Karls I. ist, die ebenfalls Henriette Stuart hieß.
Profile der Arbeit.
Von M. Kaufmann.
Der Transportarbeiter.
Der Mann in der blauweißgestreiften Bluse mit dem Lederschutz, der so zuverlässig und hart wie seine Muskeln ist, lebt davon, daß er Kisten und Ballen von Wagen herunterhebt oder auf Wagen rollt. Das ist eine mechanische Arbeit, sagte derjenige, der sie nicht kennt.
Der Transportarbeiter mit seiner tausendfältigen Fracht ist die lebendige Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Heimat und Uebersee. Er trägt auf feinen Schultern ein Frachtkolli die Treppe empor und wenn er nicht gerade Dialekt spricht, hat er schon etwas Antikes in feiner Gebärde, etwas von dem Atlas, der die Welt auf feinen Schultern trägt — und sei es auch nur ein Stück davon.
Was geht nicht alles durch seine Hände! Alles, was Erde und Wasser hervorbringen, seien es Büchsen mit Ananas aus Hawai oder Tran aus Labrador. Maschinen, Möbel, Gemälde, Felle, Seife und Porzellan, alle Industrien, alle Fabriken, alle Werkstätten vertrauen ihm seine Güter an, und er schleppt sie zwar oft schimpfend, aber doch mit Stolz auf seine Kraft und auf die Ausgefallenheit seiner Ladung den Menschen in die Häuser.
Er macht sich Gedanken, wenn er die Aufschrift „Ceylon" lieft und, umwittert von dem feinen Tee- geruch, schweben ihm für einen Moment Bilder von Schiffen und Küsten mit bezopften Chinesen vor seinen Augen.
Er weiß, was die Welt liefern kann: Apfelsinen aus Messina, Sardinen aus Portugal, Kreppstoffe aus Japan.
Er redet manchmal darüber, wenn er ein Glas Bier trinkt — er trinkt es gern, denn das Schleppen und Tragen macht höllischen Durst — er streicht danach seinen Schnurrbart und den knatternden Lederschurz zurecht und geht wieder an die Arbeit.
Und wenn er auf seinen Wagen steigt, so denkt er gewiß nicht daran, daß er eine so wichtige Persönlichkeit für den Güteraustausch zwischen den Ländern ist.
Der Buchhändler.
Wenn man ihn zum erstenmal zwischen der An- fammlung seiner Bücher sieht, wirkt er wie ein alter, weiser Vogel. Er verkörpert die Weisheit und die Gravität und er liebt die Abgeklärtheit des Halbdunkels, wie dos nachdenklichen Menschen so wohl ansteht.
Wen er wirklich ein Buchhändler von rechtem Schrot und Korn ist, wird ihn immer etwas vom Geiste E. T. A. Hoffmanns umwittern, er wird das fein, was dieser Dichter so gut mit skurril bezeichnet. Man hort mit Respekt auf ihn, denn er ist der Herrscher über viele tausend Bücher und kennt den Inhalt aller, denn er betreibt den Buchhandel aus Neigung unb aus innerer Berufung.
Oft spricht er leicht geärgert über seinen Beruf, um seine Verbundenheit damit nicht zu sehr zu zeigen und doch ist er stolz auf das Vorrecht, das Wort „löblich" vor feine Firma setzen zu dürfen, diese altertümliche Anrede ist ihm allein gestattet.
Er betrachtet die Leute, die Bücher kaufen, mit kritischen Blicken. Ein Buchhändler durchschaut so- ort, ob sie wahrhaften Sinn für Bücher haben ober ie bloß als Prachtstücke hinter Glasschränken auf- peichern wollen, um sich ein Ansehen zu geben. Schon die Art, wie ein Mensch ein Buch in die Hand nimmt, ist für ihn bezeichnend. Er ist der beste Freund des Lichtes, der ehrfürchtig die Bände durchblättert, ohne sie plump anzufaffen ober sie roh auseinander zu brechen.
Seine Bewegungen sind behutsam, denn er ist ein Pfleger der Geistesgüter um ihn her. Er läßt den Schutzumschlag für einen Moment vom Buch herabgleiten, fährt mit der Hand liebkosend über den schönen Einband, rühmt Papier und Druck unb hüllt es wieder sorgfältig ein, wie eine Mutter ihr Kind. Er ist zwar bemüht, Bücher zu verkaufen, aber er tut es mit einem kleinen Lächeln des Bedauerns, denn er trennt sich ungern von feinen Lieblingen.
Man könnte ihn nach dreißig Jahren wieder vor eine Berufswahl stellen unb er würde wieder nichts als Buchhändler, denn er ist dazu geboren, inmitten der Ausstrahlungen der Literatur zu leben.
Die Gärtnerin.
Der Bauer pflügt bas Feld unb baute darauf Brot, um den Hunger zu stillen. Aber der Gärtner grub mit liebender Hand den Garten und gab der Welt Früchte und Blumen, den holden Uebersluß des Lebens. Mit den Gärten begann bie Kultur, begannen die sanften Melodien des Friedens.
Wohl steht der Frau der Beruf des Gärtners an: sie bettet Sämlinge sorgsam unter Frühbeetfenster, veredelt den' wilden Apfelbaum, der so lange unfruchtbar seine Blüten über das Land verstreute, sie sammelt vorsichtig Samen von den besten Pflanzen unb sät sie roieber im neuen Jahr. Jung, stark unb braun, trägt sie eimerweise Wasser zu den matten, jungen Pflanzen, überbraust mit bebächtigem Schwung die durstigen, so daß sie nicht von der
Flut des Wasser davongeschwemmt und doch alle zu trinken haben. Ueberall hält sie Maß, trägt die Kübel mit den schattenliebenden Gewächsen unter bie Frische bes Blätterdaches unb rückt die sonnen- hungrigen in bas Licht.
Sie weiß nichts von der Magie, die von ihr ausgeht. Sie ist ein tüchtiges, prachtvolles Geschöpf, das selbstverständlich seine Arbeit tut. Sie würde verlegen lachen, wenn man große Worte um etwas Selbstverständliches machte, es ist doch wohl nichts Besonderes dabei, wenn man einen Garten gräbt unb Pflanzen in das bazu geschaffene Erbreich setzt. Man muß auch Dung streuen unb die Erde mit der Hacke zerkleinern, und das ist in ihren Augen gar keine erhebende Beschäftigung, sondern vielleicht sogar etwas, wobei sie sich nicht gerne zusehen läßt, das liebt sie überhaupt nicht sehr, wie alle arbeitenden Menschen.
Aber nach der Arbeit geht sie aern im Garten auf und ab und pflückt dabei einen Strauß für den Besucher, der ihn vielleicht allzu achtlos nimmt und nicht daran denkt, daß die Erde dazu von ihr zehnmal gesiebt unb jede Blüte hundertmal begossen wurde.
Die Chemie bringt es an den Tag.
In Aegypten hat sich vor kurzer Zeit ein Der- brechen ereignet, das durch die eigenartige Methode seiner Aufklärung Aufsehen erregte. Am Tatort wurden Spuren von Tabakasche gesunden, die der Kriminalbeamte sofort an sich nahm. Im chemischen Laboratorium der Kriminalpolizei in Kairo nahm man die Untersuchung der Asche vor; die dort arbeitenden Sachverständigen sind in der Lage, mit Hilfe mikroskopischer und chemischer Untersuchungen etwa dreißig verschiedene Arten von Tabakasche zu unterscheiden. Die Untersuchung ergab, daß die Asche von einer bestimmten Tabaksorte stammte, und es konnte ermittelt werden, daß einer der Verdächtigen gerade diese Mischung rauchte. Andere Momente hatten den Verdacht schon mehr und mehr auf diesen Mann gelenkt. Das Ergebnis dieser Untersuchung schloß den Kreis der Beweisführung: der Täter bequemte sich angesichts dieses Belastungsmaterials zum Geständnis.
In einem anderen Falle wurde ein Mann wegen Mordverdachtes verhaftet. Er beschwor, an den in Frage kommenden Tagen weit vom Ort der Tat entfernt gewesen zu fein. Niemand hatte ihn ge- sehen, und doch konnte man ihm ziemlich einfach nachweisen, daß er sich am Tatort aufgehalten habe. Man untersuchte feine Schuhe und fand in den
Ritzen Spuren bestimmter Chemikalien, die gerade am Tatort vorhanden waren. Nach dieser Feststellung mußte der Täter den Mord eingestehen. Ein anderes Verbrechen wurde in einer Farbenfabrik verübt. Zwei Männer wurden verhaftet. In ihren Kleidern fand man Spuren von Farbstoffen, dis sich bei der chemischen Untersuchung als Erzeugnisss dieser Fabrik erwiesen.
Besonders aufschlußreich sind für die Kriminalpolizei Rückstände non Schmutz und Staub am Körper des Verhafteten. Ein Mann, der einen Gelb- schrank aufgebrochen und beraubt hatte, wurde dadurch überführt, daß man unter seinen Fingernägeln Spuren von Metall- und Farbstaub bes aufgefeilten Schrankes fand. Es hatte dem Manne nicht geholfen, das es ihm gelungen war, seine bei Ausführung der Tat getragenen Kleider vollständig zu vernichten. In einem anderen Fall war ein Mädchen überfallen worden: das Opfer war zwar noch lebend, aber völlig erschöpft aufgefunden worden. Die Untersuchung ergab bald, daß der Fundort nicht der Tatort fein konnte, denn es fehlte jede Spur eines Kampfes. Das Mädchen selber konnte keine Angaben machen, da es bewußtlos geworden war. Eine Untersuchung ihrer Kleider ergab das Vorhandensein bestimmter pflanzlicher Stoffe, die nur an einer gewissen Stelle der Umgebung zu finden waren. Diese Gegend wurde daraufhin genau geprüft und man fand wirkliche eine Stelle im Wald, an der offenbar ein harter Kampf der Tat vorangegangen war. Nachdem man einmal auf der richtigen Spur war, konnte man bald einen verdächtigen Menschen, der in der Nähe wohnte, verhaften. Mit Hilfe der gleichen Untersuchungsmethoden, die bei den Kleidern des Mädchens angewendet worden waren, konnte man dieselben pflanzlichen Spuren in den Kleidern des Mannes finden. Auch hier gestand der Verbrecher bann die Tat ein.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Lothar Kreuz, Extraordinarius für Orthopädie an der Universität Berlin, hat einen Ruf an die Universität Känigs'berg erhalten.
Professor Dr. Georg Joos, Ordinarius für theoretische Physik an der Universität Jena, hat einen Ruf als Nachfolger von Professor Dr. James Frank an die Universität Göttingen erhalten.
Professor Dr. Walter S ch ö n f e l d, Ordinarius für Haut- und Geschlechtskrankheii^n an der Universität Greifswald, ist an die Universität Heidelberg berufen worben.


