Ausgabe 
30.4.1935
 
Einzelbild herunterladen

Ur. 100 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheflen)

Dienstag. 30. April 1035

Oer ftanzösisch-sowjetrusische Beistandspakt unter Dach und Kach?

Dem pariser Miniflerrai heute vorgelegt. Völkerbundssatzung und Locarnoverpflichtung Zweifel an der Bündnisfahigkeit Moskaus.

Paris, 30. April. (DNB. Funkspruch.) Der französisch-sowjetrussische Beistandspakt ist nach An­sicht der Pariser Morgenblätter nunmehr endgül­tig a b g e f a ß t. Die Unterredung, die der sowjet­russische Botschafter in Paris am Montagnachmittag mit dem französischen Außenminister hatte, galt noch Ansicht der Blätter der Bereinigung der letzten noch vorhandenen Meinungsverschiedenheiten, die jetzt bis auf eine oder zwei nebensächliche Fragen aus- geschaltet seien. Unter diesen Umständen rechnet man damit, daß der Ministerrat heute vormittag das Abkommen gutheißen wird, so daß es nach einer letzten Aussprache zwischen Laval und Potemkin entweder heute oder am Mittwoch para­phiert werden könnte. Heber die Moskauer Reise Lavals sind Beschlüsse noch nicht gefaßt. Es verlautete, daß sie wahrscheinlich am 8. Mai be­ginnen wird. Laval wird zunächst nach War­schau fahren und dann Moskau besuchen.

Excelsior" glaubt schon jetzt die wesentlich­sten Punkte des französisch.sowjet­russischen Beistandspaktes folgender- maßen zusammenfassen zu können:

1. Das Abkommen werde im Rahmen des Völkerbundspaktes abgeschlossen.

2. Das Abkommen hindere in keiner weise die Durchführung des Lo­carnopaktes.

3. Der Beistand werde auf der Grundlage einer gerechten Gegenseitigkeit durchgeführt und solle sich in einem Min­dest Zeitraum vollziehen, der lm Ein­klang mit den Vorrechten des Völ­kerbundsrates stehe.

Alle Meinungsverschiedenheiten über die Be­deutung oder Tragweite sowie die Durchfüh­rungsbestimmungen des Dokuments würden durch eine gemeinsame Auslegung der verschiedenen Artikel geregelt, in der die einzelnen Verpflichtungen der Vertragspartner genau umschrieben würden.

5. Das Abkommen fei gegen keine dritte Macht gerichtet, sondern stehe jedem Staate offen, der mit gleichen Rech­ten und gleichen pflichten an einem erweiterten System der gegenseitigen Garantien für Osteuropa im Rahmen des Völkerbundes Mitarbeiten wolle.

DasJournal" ist der Ansicht, daß die Entschluß- freihett der Unterzeichner unangetastet geblie­ben sei und deshalb auch keine Rede von einem automatischen Bei st and sein könne. Der neue Pakt berühre außerdem in kei­ner Weise das Locarno-Abkommen. Hiernach habe man es vermieden, die Organisierung der Sicherheit im Westen in irgendeiner Weise bloß­zustellen. Auch dem polnisch-französischen und rumänischen Bündnis habe man Rechnung getragen und es als den Grundstein der Ordnung ich Osten beibehalten.

Quotidien" hält den ganzen französisch-sowjet- russischen Pakt für einen diplomatischen Be­trug Moskaus. Moskau habe glauben ma­chen wollen, daß der Ostpakt mit dem Locar­nopakt vergleichbar sei. Locarno sei aber ein Friedenspakt, während der Ostpakt einen Krieg zum Ziele und zur Folge haben werde. Wenn die beiden Pakte wirklich so viel Gemeinsames hätten, so würde es sicherlich

nicht so schwer gewesen sein, den Ostpakt aufzu« setzen, denn dann würde es genügt haben, die Artikel des Locarnopaktes abzu­schreiben. Russischer Geist spreche von einer vollkommenen Gegenseitigkeit der Derpflichtun- gen", man müsse sich aber fragen, was Sowjet­rußland überhaupt als Gegenleistung anzubieten habe. Sowjetrußland besitze keine organisierte und kampffähige Armee und verfüge auch über keine finanziellen und wirtschaftlichen Reichtümer, von denen Frankreich Nutzen ziehen könne. Wo bleibe da die Gegenseitig­keit? Wenn man davon spreche, daß der Pakt gegen niemand gerichtet sei, so müsse man das wohl als einen Scherz auffassen, der durch Hunderte von Erklärungen sowjetrussischer Persönlichkeiten dementiert sei.

DieSowletunion-dasVollwerk derWeltrevolution."

Moskau, 30. April (DNB.) Kriegskommissar Woroschilow veröffentlicht zum 1. Mai einen Aufruf an die Rote Armee, in dem es u. a. heißt: Sowjetrußland dieses Wort klinge für die Arbeiter und Werktätigen aller Länder w i e ein Schlachtruf Sowjetrußland sei das Bollwerk der Weltrevolution. Die Sowjetregierung verfolge auch weiter ihr Werk des Friedens. Sie sei aber entschlossen, jeden Angriff auf ihr Gebiet zurückzuweisen, und die Rote Armee werde sie hierbei wirksam unterstützen. Die Rote Armee verfüge über eine erstklassige Be­waffnung, jeder einzelne Soldat sei bereit, sein Leben für die Verteidigung des proletarischen Vater­landes einzusetzen. Weiterhin gratuliert Woroschilow

der Roten Armee zu demTag der großen Kampf­paraden der Revolutionsmacht des internationalen Proletariats" und schließt mit den Worten:Es lebe die Rote Armee, der unerschütterliche Wächter der proletarischen Revolution".

Französisch-italienische Zusammen­arbeit in der Lustfahrt.

Paris, 29. April. (DNB.) Der französische Luft­fahrtminister General D e n a i n wird sich auf Grund einer Einladung der italienischen Regierung am 9. und 10. Mai nach Rom begeben, um mit dem Staatssekretär im italienischen Luftfahrtmini­sterium General Valle, mehrere die Zivil- und Kriegsluftfahrt beider Länder berührende Fragen zu klären. So soll das in Stresa unterzeichnete Luftabkommen auf eine feste Formel gebracht werden und ein Plan zur engeren Zusam­menarbeit der französischen und italienischen Zivilluftfahrt entworfen werden. Weiter will man die Zusammenarbeit in allen tech­nischen Fragen, über die bereits im vorigen Jahre Uebereinstimmung erzielt werden konnte, wei­ter fördern.

Dor seiner Abreise nach Rom hat der Minister die Presse empfangen, um ihr mitzuteilen, daß sämt­liche französischen Militärflugzeuge, die ursprünglich bis zum Frühjahr 1937 geliefert sein sollten, b e - reite Ende dieses Jahres zur Ver­fügung stehen würden. Mehrere sehr schnelle Jagdflugzeuge wurden nach Metz beordert, um die dortige Sperrzone zu über­wachen. Diese Flugzeuge sollen ebenso wie die, die in Straßburg stehen, über 3 5 0 Stunden- Kilometer-Geschwindigkeit erreichen.

Deutschlands Ll-Boot-Bauten.

Simon antwortet auf Anfragen im Unterhaus.

London, 29. April. (DNB.) Im Unterhaus wurde am Montagnachmittag die Frage gestellt, ob der Außenminister darüber unterrichtet worden sei, daß die deutsche Regierung Anweisungen für die Kiellegung von Unterseebooten und die Wiedereröffnung der Untersee­bootsschule in Kiel erteilt habe. Der Außen­minister Sir John Simon erwiderte:Die deutsche Regierung hat mitgeteilt, daß An- Weisungen für den Bau von 12 Unter­seebooten zu je 250 Tonnen erteilt worden sind. Die Angelegenheit wird zur Zeit er­wogen. lieber die Unterseebootsschule in Kiel ist keine solche amtliche Mitteilung erfolgt".

Ein Abgeordneter stellte darauf die Frage, ob der Außenminister die nötigen Schritte unternom­men habe, um dieseweitere Verletzung des Ver­sailler Vertrages" zur Kenntnis des Völ­kerbundes zu bringen und ob man beabsichtige, die Flottenbesprechungen zwischen Deutschland und Großbritannien statt­finden zu lassen. Sir John Simon erwiderte:Ich habe bereits gesagt, daß wir die Angelegenheit mit dem Ernst prüfen, den sie zweifellos verdiene. Ich möchte jedoch jetzt nicht gedrängt werden, heute eine weitere Antwort zu erteilen".

Der konservative Abg. Hauptmann Macdonald wies darauf hin, daß frühere deutsche Untersee- bootsoffiziere aufgeboten worden fe-ien. Sir John ! Simon wiederholte, daß hierüber keine

amtliche Mitteilung gemacht worden sei.

Der Abg. Thorne fragte, ob Sir John Simon jetzt nicht glaube, daß Hitler ihm bei seinen Ber­liner Gesprächen nicht by? ganze Wahrheit gesagt habe. Der Abg. Herbert sagte:Ist die erklärte Absicht der deutschen Regierung, von neuem Unter­seeboote zu bauen, nicht ein weiterer Beweis dafür, daß die deutsche Wiederaufrüstung in der Haupt­sache gegen Großbritannien gerichtet ist?" Der Konservative Adam erklärte:Will Sir John Simon versuchen, bevor es zu spät ist, mit den Stresa-Mächten und möglicherweise mit Sow­jetrußland Maßnahmen z u verein­baren und zu ergreifen, um dieser einseitigen und gefährlichen Vertragsverletzung Einhalt zu gebie­ten?" Der Außenminister ließ diese weiteren Fra­gen unbeantwortet.

Das Memelstaiui.

Die Forderung der Signatarmächte in Kowno.

London, 29. April (DNB.) lieber die neue eng­lisch-französisch-italienische Note an Litauen in der Memelfrage erklärte der englische Außen­minister Sir John Simon im Unterhaus:Mit den Regierungen Frankreichs und Italiens wurde in Stresa vereinbart, daß von den drei Mächten eine gemeinsame Mitteilung an die litau­ische Regierung gerichtet werden soll. Diese

inzwischen Übersandte Mitteilung erkennt zwar an, daß die litauische Regierung gewisse Schwie­rigkeiten beseitigt hat, erklärt aber, daß d i e gegenwärtige Lage in Memel unvereinbar mit den Bedingungen des Memel st atuts ist, in dem als Grundlage' eines Regierungssystems das Bestehen und regel­mäßige Funktionieren des Landtages und eines das Vertrauen des Landtages besitzenden Direk­toriums vorgesehen ist. Die litauische Regierung ist daher aufgefordert worden, diese Lageprompt" zu beenden und die Einsetzung eines solchen Direktoriums und einer baldigen Sitzung des Land­tages sicherzustellen."

Der Abgeordnete Oberstleutnant Moore fragte, ob der Außenminister angesichts des unbefriedigen­den Verhaltens der litauischen Behörden die Ein« setzung eines Oberkommissars Vorschlä­gen wolle, der die Signatarmächte des Völker­bundes an Ort und Stelle vertreten würde. Simon erwiderte, daß dieser Vorschlag eine Ange­legenheit für den Völkerbund wäre.

Der Arbeiteroertreter Wedgwood fragte hier­aus, ob das in der Note ins Auge gefaßte Direk­torium nach demNazi-Vorbild oder nach dem internationalen Vorbild" gewählt werden solle. Der Außenminister antwortete:Wedgwood ist sicher­lich mit den Bedingungen des Memelstatuts ver­traut, in dem vorgesehen wird, daß das Direkto­rium so ernannt werden soll, daß es das Ver­trauen des Landtages genießt, der die gewählte Körperschaft ist". Die weitere Frage, ob das Direktorium in irgendeiner Weife eine internationale Körperschaft sein soll, beantwortete Simon mit Nein. Als Oberst­leutnant Moore noch einmal auf seinen Vorschlag, einen Oberkommissar zu ernennen, zu sprechen kam, erwiderte Simon:Es ist meiner Ansicht nach besser, die Antwort der litauischen Re­gierung abzuwarten".

Kunfl und Wissenschaft.

Ronlgenkongreß in Berlin.

In Berlin wurde der 2 6. Kongreß der Deutschen Röntgengesellschaft eröffnet. Professor Frik, der Leiter der Gesellschaft, wandte sich in seiner Begrüßungsansprache vornehmlich an die ausländischen Besucher: Sie seien in ein freies Deutschland gekommen, das durch den Entschluß des Führers vom 16. März eine gleichberechtigte Stellung unter den Völkern zurückerobert habe. Das Hauptthema des ersten Tages war die röntgenolo­gische Schädeldiagnostik. Professor Gruber- Göt­tingen und Professor O st e r t a g - Berlin gaben einen erschöpfenden Ueberblick über die pathologische Anatomie der Hirngeschwülste. Professor Stens v e r s - Utrecht und Professor Grashy - Köln skiz­zierten die durch Hirngeschwülste bedingten Verän­derungen am Schädel. Die Professoren Lohr und Jacobi, beide Würzburg, demonstrierten die Be­funde bei Hirngeschwülsten durch Kontrastfüllung des Gefäßsystems. Professor Olivecrona- Stockholm sprach über operative Behandlung der Hirntumoren. Privatdozent Mittelmaier - Frei­burg und Zuppinger -Zürich berichteten über die Röntgenuntersuchung bet Ohrenkrankheiten. Aus allen Referaten ging hervor, welche bedeutende Hohe die moderne Röntgendiagnostik erreicht hat.

Ein Van Dyck in Hannover entdeckt?

Der Hannoversche Maler Richard Schlossert ist bei der Restaurierung von Bildern im Vater­ländischen Museum einem Werk auf die Spur ge­kommen, das seiner Meinung nach Van Dyck zuzuschreiben ist. Das Bild stellt eine jugendliche Frau in königlicher Haltung dar. In einer Inschrift wird die Frau alsHenriette Stuart, 3. Tochter Karls I. von Großbritannien, Gemahlin des Herzogs von Orleans" bezeichnet. Nach Angabe Schlossers stieß er bei Entfernung der fremden Uebermatung des Hintergrundes nicht nur auf den ursprünglichen Hintergrund, sondern fand auch auf der linken Bild­seite die Signierung A. v. Dyck. Da nun diese Hen­riette Stuart erst drei Jahre nach dem Tode Van Dycks gestorben ist, vermutet Schlösser, daß die Dargestellte nicht die Tochter, sondern die Gemahlin Karls I. ist, die ebenfalls Henriette Stuart hieß.

Profile der Arbeit.

Von M. Kaufmann.

Der Transportarbeiter.

Der Mann in der blauweißgestreiften Bluse mit dem Lederschutz, der so zuverlässig und hart wie seine Muskeln ist, lebt davon, daß er Kisten und Ballen von Wagen herunterhebt oder auf Wagen rollt. Das ist eine mechanische Arbeit, sagte der­jenige, der sie nicht kennt.

Der Transportarbeiter mit seiner tausendfältigen Fracht ist die lebendige Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Heimat und Uebersee. Er trägt auf feinen Schultern ein Frachtkolli die Treppe em­por und wenn er nicht gerade Dialekt spricht, hat er schon etwas Antikes in feiner Gebärde, etwas von dem Atlas, der die Welt auf feinen Schultern trägt und sei es auch nur ein Stück davon.

Was geht nicht alles durch seine Hände! Alles, was Erde und Wasser hervorbringen, seien es Büch­sen mit Ananas aus Hawai oder Tran aus Labra­dor. Maschinen, Möbel, Gemälde, Felle, Seife und Porzellan, alle Industrien, alle Fabriken, alle Werk­stätten vertrauen ihm seine Güter an, und er schleppt sie zwar oft schimpfend, aber doch mit Stolz auf seine Kraft und auf die Ausgefallenheit seiner Ladung den Menschen in die Häuser.

Er macht sich Gedanken, wenn er die Aufschrift Ceylon" lieft und, umwittert von dem feinen Tee- geruch, schweben ihm für einen Moment Bilder von Schiffen und Küsten mit bezopften Chinesen vor seinen Augen.

Er weiß, was die Welt liefern kann: Apfelsinen aus Messina, Sardinen aus Portugal, Kreppstoffe aus Japan.

Er redet manchmal darüber, wenn er ein Glas Bier trinkt er trinkt es gern, denn das Schlep­pen und Tragen macht höllischen Durst er streicht danach seinen Schnurrbart und den knatternden Lederschurz zurecht und geht wieder an die Arbeit.

Und wenn er auf seinen Wagen steigt, so denkt er gewiß nicht daran, daß er eine so wichtige Per­sönlichkeit für den Güteraustausch zwischen den Ländern ist.

Der Buchhändler.

Wenn man ihn zum erstenmal zwischen der An- fammlung seiner Bücher sieht, wirkt er wie ein alter, weiser Vogel. Er verkörpert die Weisheit und die Gravität und er liebt die Abgeklärtheit des Halbdunkels, wie dos nachdenklichen Menschen so wohl ansteht.

Wen er wirklich ein Buchhändler von rechtem Schrot und Korn ist, wird ihn immer etwas vom Geiste E. T. A. Hoffmanns umwittern, er wird das fein, was dieser Dichter so gut mit skurril bezeichnet. Man hort mit Respekt auf ihn, denn er ist der Herr­scher über viele tausend Bücher und kennt den In­halt aller, denn er betreibt den Buchhandel aus Neigung unb aus innerer Berufung.

Oft spricht er leicht geärgert über seinen Beruf, um seine Verbundenheit damit nicht zu sehr zu zei­gen und doch ist er stolz auf das Vorrecht, das Wort löblich" vor feine Firma setzen zu dürfen, diese altertümliche Anrede ist ihm allein gestattet.

Er betrachtet die Leute, die Bücher kaufen, mit kritischen Blicken. Ein Buchhändler durchschaut so- ort, ob sie wahrhaften Sinn für Bücher haben ober ie bloß als Prachtstücke hinter Glasschränken auf- peichern wollen, um sich ein Ansehen zu geben. Schon die Art, wie ein Mensch ein Buch in die Hand nimmt, ist für ihn bezeichnend. Er ist der beste Freund des Lichtes, der ehrfürchtig die Bände durch­blättert, ohne sie plump anzufaffen ober sie roh aus­einander zu brechen.

Seine Bewegungen sind behutsam, denn er ist ein Pfleger der Geistesgüter um ihn her. Er läßt den Schutzumschlag für einen Moment vom Buch herab­gleiten, fährt mit der Hand liebkosend über den schönen Einband, rühmt Papier und Druck unb hüllt es wieder sorgfältig ein, wie eine Mutter ihr Kind. Er ist zwar bemüht, Bücher zu verkaufen, aber er tut es mit einem kleinen Lächeln des Bedauerns, denn er trennt sich ungern von feinen Lieblingen.

Man könnte ihn nach dreißig Jahren wieder vor eine Berufswahl stellen unb er würde wieder nichts als Buchhändler, denn er ist dazu geboren, inmitten der Ausstrahlungen der Literatur zu leben.

Die Gärtnerin.

Der Bauer pflügt bas Feld unb baute darauf Brot, um den Hunger zu stillen. Aber der Gärtner grub mit liebender Hand den Garten und gab der Welt Früchte und Blumen, den holden Uebersluß des Lebens. Mit den Gärten begann bie Kultur, begannen die sanften Melodien des Friedens.

Wohl steht der Frau der Beruf des Gärtners an: sie bettet Sämlinge sorgsam unter Frühbeetfenster, veredelt den' wilden Apfelbaum, der so lange un­fruchtbar seine Blüten über das Land verstreute, sie sammelt vorsichtig Samen von den besten Pflanzen unb sät sie roieber im neuen Jahr. Jung, stark unb braun, trägt sie eimerweise Wasser zu den mat­ten, jungen Pflanzen, überbraust mit bebächtigem Schwung die durstigen, so daß sie nicht von der

Flut des Wasser davongeschwemmt und doch alle zu trinken haben. Ueberall hält sie Maß, trägt die Kübel mit den schattenliebenden Gewächsen unter bie Frische bes Blätterdaches unb rückt die sonnen- hungrigen in bas Licht.

Sie weiß nichts von der Magie, die von ihr aus­geht. Sie ist ein tüchtiges, prachtvolles Geschöpf, das selbstverständlich seine Arbeit tut. Sie würde verlegen lachen, wenn man große Worte um etwas Selbstverständliches machte, es ist doch wohl nichts Besonderes dabei, wenn man einen Garten gräbt unb Pflanzen in das bazu geschaffene Erbreich setzt. Man muß auch Dung streuen unb die Erde mit der Hacke zerkleinern, und das ist in ihren Augen gar keine erhebende Beschäftigung, sondern vielleicht sogar etwas, wobei sie sich nicht gerne zusehen läßt, das liebt sie überhaupt nicht sehr, wie alle arbeiten­den Menschen.

Aber nach der Arbeit geht sie aern im Garten auf und ab und pflückt dabei einen Strauß für den Be­sucher, der ihn vielleicht allzu achtlos nimmt und nicht daran denkt, daß die Erde dazu von ihr zehn­mal gesiebt unb jede Blüte hundertmal begossen wurde.

Die Chemie bringt es an den Tag.

In Aegypten hat sich vor kurzer Zeit ein Der- brechen ereignet, das durch die eigenartige Methode seiner Aufklärung Aufsehen erregte. Am Tatort wurden Spuren von Tabakasche gesunden, die der Kriminalbeamte sofort an sich nahm. Im chemi­schen Laboratorium der Kriminalpolizei in Kairo nahm man die Untersuchung der Asche vor; die dort arbeitenden Sachverständigen sind in der Lage, mit Hilfe mikroskopischer und chemischer Untersuchungen etwa dreißig verschiedene Arten von Tabakasche zu unterscheiden. Die Untersuchung ergab, daß die Asche von einer bestimmten Tabaksorte stammte, und es konnte ermittelt werden, daß einer der Verdächtigen gerade diese Mischung rauchte. Andere Momente hatten den Verdacht schon mehr und mehr auf die­sen Mann gelenkt. Das Ergebnis dieser Unter­suchung schloß den Kreis der Beweisführung: der Täter bequemte sich angesichts dieses Belastungs­materials zum Geständnis.

In einem anderen Falle wurde ein Mann wegen Mordverdachtes verhaftet. Er beschwor, an den in Frage kommenden Tagen weit vom Ort der Tat entfernt gewesen zu fein. Niemand hatte ihn ge- sehen, und doch konnte man ihm ziemlich einfach nachweisen, daß er sich am Tatort aufgehalten habe. Man untersuchte feine Schuhe und fand in den

Ritzen Spuren bestimmter Chemikalien, die gerade am Tatort vorhanden waren. Nach dieser Feststel­lung mußte der Täter den Mord eingestehen. Ein anderes Verbrechen wurde in einer Farbenfabrik verübt. Zwei Männer wurden verhaftet. In ihren Kleidern fand man Spuren von Farbstoffen, dis sich bei der chemischen Untersuchung als Erzeugnisss dieser Fabrik erwiesen.

Besonders aufschlußreich sind für die Kriminal­polizei Rückstände non Schmutz und Staub am Körper des Verhafteten. Ein Mann, der einen Gelb- schrank aufgebrochen und beraubt hatte, wurde da­durch überführt, daß man unter seinen Finger­nägeln Spuren von Metall- und Farbstaub bes auf­gefeilten Schrankes fand. Es hatte dem Manne nicht geholfen, das es ihm gelungen war, seine bei Aus­führung der Tat getragenen Kleider vollständig zu vernichten. In einem anderen Fall war ein Mäd­chen überfallen worden: das Opfer war zwar noch lebend, aber völlig erschöpft aufgefunden worden. Die Untersuchung ergab bald, daß der Fundort nicht der Tatort fein konnte, denn es fehlte jede Spur eines Kampfes. Das Mädchen selber konnte keine Angaben machen, da es bewußtlos geworden war. Eine Untersuchung ihrer Kleider ergab das Vorhandensein bestimmter pflanzlicher Stoffe, die nur an einer gewissen Stelle der Umgebung zu finden waren. Diese Gegend wurde daraufhin ge­nau geprüft und man fand wirkliche eine Stelle im Wald, an der offenbar ein harter Kampf der Tat vorangegangen war. Nachdem man einmal auf der richtigen Spur war, konnte man bald einen ver­dächtigen Menschen, der in der Nähe wohnte, ver­haften. Mit Hilfe der gleichen Untersuchungsmetho­den, die bei den Kleidern des Mädchens angewendet worden waren, konnte man dieselben pflanzlichen Spuren in den Kleidern des Mannes finden. Auch hier gestand der Verbrecher bann die Tat ein.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Lothar Kreuz, Extraordinarius für Orthopädie an der Universität Berlin, hat einen Ruf an die Universität Känigs'berg erhalten.

Professor Dr. Georg Joos, Ordinarius für theo­retische Physik an der Universität Jena, hat einen Ruf als Nachfolger von Professor Dr. James Frank an die Universität Göttingen erhalten.

Professor Dr. Walter S ch ö n f e l d, Ordinarius für Haut- und Geschlechtskrankheii^n an der Uni­versität Greifswald, ist an die Universität Heidelberg berufen worben.