Nr. 76 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, ZV. März (935
Mlingssonne lockt die Kinder zu Wem Spiel!
Beobachtungen auf Gießener Straßen und Plätzen.
Nach der Schule; Bereinigung kleiner Meinungsverschiedenheiten. Wie viele balgen sich hier?
Mädchen beim Seilspringen. Der kleine Kavalier hat sich zum Seilschwingen zur Verfügung gestellt.
Rrrrrrr! Die Klingeln im Schulhaus schrillen durch die Gänge und in die Schulsäle, in denen Jungens und Mädchen während der Vormittagsstunden auf den Bänken saßen, mehr oder weniger unruhig, weil draußen die Frühlingssonne schien. Ordentlich mojm war es in den ersten Tagen der vergangenen Woche geworden, und der Frühling führte sich gut ein. Daran können auch einige kalte Tage nichts mehr ändern. Zu solcher Zeit fällt es den Kindern schwerer, in der Schule zu sein, als in den Stunden, da es regnet und stürmt. Aber nun hat sie die Klingel und damit auch der Lehrer freigegeben. Wenn es gerade Mittwoch oder Samstag ist, dann wissen sie, daß ihnen der Nachmittag ganz gehört. In wenigen Sekunden nach dem alarmierenden Glockenzeichen ist das Schulhaus erfüllt von dem vielstimmigen Lärm, wie ihn losgelassene Jugend zu vollführen pflegt. Die Treppen werden im Sturm genommen. Es gilt, möglichst rasch das Freie zu gewinnen. Für Minuten ist dann auch der Schulhof, der Tummelplatz der Pausen, von Leben und Bewegung erfüllt, bis sich die Scharen nach allen Richtungen verlaufen. Hin und wieder treiben sich aber noch einige herum, die untereinander noch etwas auszumachen haben. In handgreiflichen Auseinandersetzungen wird beleidigte Fungenehre gerächt. Denn so etwas darf nicht auf- 1 ie schoben werden. Der Schulhof ist just der rechte Kampfplatz. Wer unten liegt, hat immer Unrecht, schließlich verkrümeln sich auch diese und machen lich auf den Heimweg. —
Oder auch nicht! Wenigstens nicht gleich! Denn ruf dem nahen Oswaldsgarten wird in diesen lagen die Messe aufgebaut, und da gibt es für Jungens, wie auch für Mädchen, allerlei zu sehen. Die Jungens interessierten sich bisher besonders für die vier Zeppeline im Kleinformat, die in den letzten Tagen noch erdgebunden auf einem Wagen lagen und darauf warteten, ihrem Zweck zugeführt tu werden. Die Jungens umlagerten die blanken Dinger und beschäftigten sich mehr ober weniger hochachtungsvoll mit den konstruktiven Einzelheiten. Manch einer wollte dabei die Festigkeit der Steuer- Ilächen probieren und tat das, indem er sich darauf- ietzte. Schließlich kam von Zeit zu Zeit einer der
eim „Doppfche". (Auf dem glatten Asphalt geht es besonders gut.)
in her Nähe beschäftigten Arbeiter herbei und verjagte die neugierige Gesellschaft. Aber es war klar: diese Aufsicht war eine Sisyphusarbeit. Hatte er die eine Gesellschaft vertrieben, dann war in der nächsten Minute eine andere da. Es gab in dieser Woche auf Oswaldsgarten keinen abgeladenen Wagen, auf dem sich die Jugend nicht belustigt hätte. Die Schausteller ließen die Jungens und Mädchen gewähren. An den massiven Wagen war ja nichts koputt zu machen.
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Die Kinder waren in den schönen Tagen der vergangenen Woche wenig' zu Hause zu finden. Die warme Frühlingssonne lockte allzu sehr. Allenthalben wurde das Spielzeug hervorgekramt, mit dem sie sich auf der Straße beschäftigen. Vom Boden oder aus dem Keller wurden die Stelzen geholt, denn die jüngeren Jahrgänge möchten ihre Umgebung auch einmal aus der Perspektive der Erwachsenen sehen. Außerdem ist es ein Vergnügen ganz eigener Art, auf Stelzen zu marschieren. Schneller kommt man zwar nicht vorwärts, etwas anstrengend ist es auch — aber Stelzenlaufen muß man im Frühling, wenn man im Besitz solcher verlängerter Beine ist. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.
Ebenso wie man im Frühling „doppsch e" muß! Die Mutter wird um ein geeignetes Stück Kordel gequält und um einen entsprechenden Stecken. Der Gehsteig der Straßen ist dann der Spielplatz, und die Erwachsenen tun gut, einen Bogen um die Spielbeflissenen zu machen. Die von dem schnurrenden Kreisel faszinierten Kinder haben nämlich kein Auge für ihre Umgebung. Mit besonderer Vorliebe und zur steten Sorge der Eltern wird der „Doppsch" auf der glatten asphaltierten Straße getrieben, weil es da am besten geht. Autofahrer, Motorradfahrer, Radfahrer werden — fo scheinen die Kinder zu denken — schon aufpassen ...
Selbstverständlich spielt auch der Ball eine große Rolle. Die Mädchen spielen mit Eifer und ohne viel Lärm mit ihren Bällen an Hauswänden und Gartenpfosten. Viele zeigen sich dabei sehr geschickt. Es gibt dabei ein richtiges System des Spieles, die „Probe"; wer den Ball auch nur einmal fallen läßt, hat verloren. Das ist ein friedlicher Wettbewerb, der sehr der Art der Mädchen entspricht.
Wesentlich anders ist die Situation, wenn eine Rotte Jungens einen Ball hat. Das bedeutet unweigerlich „Fußball" — auch wenn der Ball noch so klein ist. In der Polizeiverordnung steht zwar nichts davon, daß die Straße auch als Fußballplatz Verwendung finden kann, die Jungens spielen aber doch auf der Fahrbahn, wenn kein Sportplatz und kein Schutzmann in der Nähe find. Mancher Vater merkt die Teilnahme seines Sproßlings an solchen Fußballkämpfen' erst dann, wenn eine Rechnung über zerbrochene Fensterscheiben zu bezahlen ist. Meistens kommt es ja nicht heraus, wer es war, denn so bald es klirrt, rückt die ganze Bande mit Blitzesschnelle ab.
Eine große Rolle im Verkehrsleben spielen auch die Fahrzeuge der Jugend. Der Roller erfreut sich aller Sympathien, bei den Jungens, wie auch bei den Mädchen. In raschem Tempo geht es auf dem Gehsteig hin und her und mit x-Kilometer- Geschwindigkeit in die Kurven. Uebrigens ist das Rollerfahren eine glückliche Verbindung zwischen Spiel und Sport. Manchmal ist der Roller auch Beförderungsmittel. Da klemmt sich dann irgend so ein kleiner Kerl hinter die.Lenkstange und der an
dere, der Stärkere, besorgt den Antrieb. Kinder sind erfinderisch. Sehr beliebt ist auch das Dreirad.
Das „Klicker n" wird von Jungens und Mädchen mit gleicher Leidenschaft und Ausdauer geübt. Stundenlang* beschäftigen sich die Kinder damit. Meistens dauert es so lange, bis der eine Teilnehmer seinen ganzen Bestand verspielt hat und der andere Spieler triumphierend abzieht. (Sofern er nicht gemogelt hat und erst eine „Naht" bezieht, bevor er feinen Gewinn in Sicherheit bringen kann!)
Die Stadtverwaltung hat in allen Anlagen Sandkästen aufstellen lassen, die insbesondere von kleineren Kindern gern aufgesucht werden. Mit einer einzigen kleinen Schaufel und, wenn es hoch kommt, mit einigen Sandformen ober einem Eimer- chen läßt sich viel machen. Sehr beliebt ist der Bau einer Burg, die mit Mauern und Gräben umgeben sein muß. Meistens soll in diesen Gräben — wie es sich für eine mittelalterliche Burg ziemt — auch Wasser fließen, das irgendwoher geholt wird. Dieses Wasser aber, mit seiner auflösenden Kraft bedeutet meistens das Ende der Burg, über die zym effektvollen Abschluß ein Sturm der Zerstörung hereinzubrechen pflegt. Mit deutlich sichtbaren Spuren ihrer Tätigkeit an Händen und Kleidern, manchmal auch im Gesicht kehren die „Burgbaumeister" dann zu der darüber hocherfreuten Mutter zurück.
Ein schönes und unterhaltsames Spiel ist das Seilspringen, das „Hippe". Es wird in der Hauptsache von Mädchen geübt. Kleinere Jungens beteiligen sich zwar auch daran, aber schon die Schulpflichtigen halten es für unter ihrer Würde, mit den Mädchen zu spielen. Wer es dennoch tut, braucht oft für den beißenden Spott feiner Kameraden nicht zu sorgen.
Seltener sieht man gegenwärtig das früher sehr beliebte „Heckele" oder „Hinkeln", das Spiel „Himmel und Hölle". Nur hin und wieder trifft man einmal auf dem Gehsteig die mit Kreide gezogenen Striche mit den kindlichen Hieroglyphen an, die in einer bestimmten Regel zu überspringen sind. Auch vom „Landstechen" scheint die männliche Jugend etwas abgekommen zu sein. Das „Knüppelches- Spiel" ist ebenfalls etwas in Vergessenheit geraten. Schade!
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Die Reihe der kindlichen Spiele ließe sich noch lange fortsetzen. Es mag aber an dieser Stelle genug sein. Interessant ist es, festzustellen, daß manche Spielsitten der Kinder landschaftlich gebunden und in den Spielregeln oft auch verschieden sind. Ganz abgesehen davon, daß man für die einzelnen Spiele überall andere Namen hat.
Immer läßt sich aber auch eines feststellen: Die Jugend, soweit sie sich auf der Straße ihre Unterhaltung sucht, weiß sich immer mit den denkbar geringsten Mitteln Unterhaltung zu verschaffen. Fast jedes Kind ist da ein kleiner Erfinder. Mancher Junge entwickelt dabei schon in früher Jugend Eigenschaften, die ihn dann zum Anführer einer ga-nzen Gesellschaft machen, die zum Zweck kleiner Abenteuer in die Gegend zieht. Im Wettbewerb mit den Kameraden gewinnt hierbei jeder einzelne an Kräften, und an Geschicklichkeit. Man geht kaum fehl mit der Behauptung, daß diejenigen, die sich im kameradschaftlichen Spiel bewähren und durchsetzen, auch später in der Regel ihren Mann stellen werden.
Nur Muttersöhnchen und Stubenhocker bleiben, wenn die Frühlingssonne scheint, hinter dem Ofen ...
Ein Anziehungspunkt für Jungens sind die Zeppeline auf Oswgldsgarteü-
Im Sandkasten: Die Vorarbeiten für den Burgbau werden gemeinsam betriebene
Zwei Jungens und ein Roller. (Ein luftiger Transport.)
m In o ir
Auch den Mädchen gefällt das Stelzenlaufen gut. (Aha! Wir werden photographiert!)
W. - J
Auf dem Dreirad; kleine Ruhepause. (Was gibt es dort Interessantes?)
1
Ballspiel an der Hauswand; bas Spiel der Mädchen
(SäuMche Ausnahmen; Gichcucr


