der vorgeschriebenen Preise und Dertriebsbindun- gen verpflichten, und zwar die Großhändler durch Unterzeichnung des Großhändlerreverses und die Kleinhändler durch Unterzeichnung der Kleinhänd- ler-Lerpflichtungsfcheins oder durch schriftliche Anerkennung der Lieferungsbedingungen des Fabrikanten. Im übrigen widmet sich der Markenschutzverband der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs und der Beratung seiner Mitglieder in Angelegenheiten des gewerblichen Rechtsschutzes. Nicht zuletzt ist der Verband bestrebt, das Publikum und die Händlerschaft durch Vorträge, Schrif- ten und Aufsätze mit dem Wesen und der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Markenartikels oer- traut zu machen.
In der Frage des Preisschutzes stellen sich die deutschen Gerichte schon seit vielen Jahren einmütig auf den Standpunkt, daß Verletzungen der Preisbindungen für Markenartikel gegen den § 1 des Unlauteren Wettbewerbsgesetzes verstoßen, sofern der Markenartikelfabrikant ein lückenloses Preisschutzsystem aufgebaut, d. h. seine sämtlichen Abnehmer zur Einhaltung der vorgeschriebenen Preise rechtswirksam verpflichtet hat. Für die dem Markenschutzverband angeschlossenen Firmen ist dies wie oben dargelegt — durch das Reverssystem des Verbandes geschehen.
Zu den Vertriebsbedingungen der dem Markenschutzoerband angeschlossenen Fabrikanten gehört der Grundsatz, daß Markenartikel nicht an Markt- und Straßenbändler sowie Hausierer geliefert werden dürfen. Der Grundsatz, nur an Fachgeschäfte zu liefern, ist von den Markenartikelfabrikanten im Interesse der Qualitätserhaltung ihrer Artikel und nicht zuletzt auch im Interesse des Fachhandels aufgestellt worden.
Anerkannt muß werden, daß der Markenartikel in den letzten 30 Jahren zu einer soliden Einnahmequelle besonders für den mittelständischen Geschäftsmann geführt hat. Vielfach bildet der
Markenartikel die einzig sichere Kalkulationsgrundlage des Einzelhändlers. Auch die exportfördernde Wirkung eines qualitativ hochstehenden Markenartikels ist nicht zu verkennen. Es hat sich gezeigt, daß Qualitätswaren dem allgemeinen Preisdruck des Weltmarktes besser standgehalten haben als Stapelwaren. Es dürfte deshalb richtig sein, daß der Markenartikel bei den Bestrebungen zur Exportförderung noch eine weit größere Rolle spielen wird als bisher.
Schließlich fei noch darauf hingewiesen, daß die Preisschleuderei mit Markenartikeln auch in den meisten anderen Ländern, die über einen hochentwickelten Industrie- und Handelsstand verfügen, von den Gerichten als unlauterer Wettbewerb anaesehen wird. Fast überall finden wir die gleichen Bestrebungen wie bei uns, soweit Fragen des Markenartikels zur Debatte stehen. In Oesterreich, Ungarn, der Tschechoslowakei, Dänemark, Schweden und Norweaen gelten dieselben Bestimmungen wie im deutschen Recht, während in der Schweiz, in Holland und England dagegen die Preisbildungen der Markenartikelfabrikanten durch die Gerichte geschützt werden. Allerdings ist die Rechtsprechung in diesen Ländern noch nicht soweit gediehen, wie in Deutschland, da sich der Fabrikant lediglich an den mit ihm vertraglich verknüpften Abnehmer halten kann, aber nicht an einen Dritten, der etwa die Vertragsverletzung vorgenommen hat. Spanien hat sogar die Preisschleuderei mit Markenartikeln gesetzlich verboten. Lediglich in den Vereinigten Staaten lind heute noch alle Preisbindungen, auch solche bei Markenartikeln, unzulässig und unaesetzlich, da sie der Sherman Act von 1890 widersprechen. Allerdings macht sich in Urteilen auch hier in Verbindung mit der neuen Wirtschaftsgesetzgebung des Präsidenten Roosevelt eine allmähliche Aenderung in dieser Auffassung geltend. H. D.
Eignen Sie sich zum Flieger?
Oie körperlichen und seelischen Voraussetzungen.
Von Dr. W. Hansen.
Fragt man heute einen jungen Mann oder einen Knaben darnach, welchen Beruf er später besonders gern ergreifen würde, dann wird in zahlreichen Fällen die Antwort lauten: Ich möchte Flieg er werden! In der Tat ist der Andrang zur Fliegerei — erfreulicherweise! — ganz außerordentlich stark; allerdings sind die Anforderungen, die an die Bewerber gestellt werden müssen, naturgemäß schärfer, als in vielen anderen Berufen. Welche besonderen Bedingungen muß nun ein angehender Flieger erfüllen? Wir wollen diese Frage einmal kurz zu beantworten versuchen.
Bei einem Menschen/ der Flieger werden will, ist die allererste Voraussetzung, daß er den üblichen Bedingungen entspricht, die etwa bei der Einstellung der Rekruten ins Heer maßgebend sind. Darüber hinaus muß er aber seelisch und körperlich besondere Anlagen besitzen, die die verantwortliche Tätigkeit des Fliegers nun einmal erfordert. Von den körperlichen Bedingungen ist besonders wesentlich der Zustand der Atmungsorgane, des Herzens und des Blutkreislaufes. Das ist schon deshalb sehr wichtig, weil jegliche körperliche Tätigkeit in der sauer st offarmen Luft größerer Höhen weit größere Anforderungen stellt, als eine an sich wesentlich schlechtere Arbeit auf dem Erdboden. Es kann daher verhältnismäßig leicht geschehen, daß Flieger, deren Herz oder Blutkreislauf nicht absolut gesund ist, in großen Höhen plötzlich ohnmächtig werden — und eine Ohnmacht des Piloten wird natürlich in den meisten Fällen zum Absturz führen.
Wer Flieger werden will, muß ferner über besonders gute Augen verfügen. Ein Mensch, der auch nur auf einem Auge nicht tadellos sieht, ist zum Flieger weniger geeignet, weil nur mit beiden Augen das stereoskopische (räumliche) Sehen gewährleistet ist. Diese Art des Sehens aber ist not
wendig, um bei der ß a n b un g — bekanntlich der größten Schwierigkeit bei der ganzen Fliegerei — die Entfernung vom Boden richtig abschätzen zu können. Wer ohne Augengläser nur mangelhaft sieht, taugt schlecht zum Flieger, denn die Brille kann ja zerbrechen oder auch nur beschlagen — in solchen Fällen muß natürlich eine ausreichende Sehleistung vorhanden fein. Schließlich ist vom Flieger zu fordern, daß er in der Dämmerung oder bei Nacht gut sieht und nicht farbenblind ist. Letzteres ist beispielsweise sehr wichtig für das richtige Erkennen von roten und grünen Leuchtzeichen, Raketen usw.
Vertragen Sie Höhenflüge?
Die Unglücksfälle, die sich in letzter Zeit bei Höhenflügen zugetragen haben, sind teilweise nicht auf technische Umstände, sondern auf ein körperliches Versagen der Flieger zurückzuführen. So ist das Unglück, dem die beiden deutschen Ballonfahrer Dr. Schrenk und Dr. M a s u ch zum Opfer gefallen sind, höchstwahrscheinlich dadurch entstanden, daß die beiden in einer Höhe von etwa 10 000 Meter infolge der Ueberanftrengung beim Heben einer Sauerstofflasche oingeschlasen und daher schließlich erstickt sind. Aber auch ganz abgesehen von derartigen Flügen in die Regionen der Stratosphäre muß ein Flieger jederzeit Damit rechnen, sich längere Zeit in einer Höhe aufzuhalten, die sehr hohe Anforderungen körperlicher Art an ihn stellt. Der niedrige Luftdruck und der Sauerstoffmangel sind aber nur von absolut gesunden, nicht zu alten und besonders widerstandsfähigen Menschen zu ertragen.
Flieger „unter Orurf".
Seit einiger Zeit ist man dazu übergegangen, die angehenden Flieger auf ihre „Höhentauglichkeit" in besonderen Kammern zu prüfen, deren Einrichtung die Herstellung eines beliebig niedrigen Luftdrucks gestattet. So besitzt das Institut für Luft-
feine Vegetation. Nur ab und zu das Grabmal eines Scheichs, der auf einer Hügelgruppe begraben liegt. Mazagan, ein kleiner arabischer Hafen wird kurz angelaufen. Hier zeugten noch alte portugiesische Befestigungen von Portugals versunkenen Kolonialmacht, während das alte phönizische A n f a, jetzt der Wohnort reicher Europäer in Casablanca, von der Seefahrt dieses alten Volkes redet. Einen halben Tag später trennen wir uns von der afrikanischen Küste. Kurs — Insel der Glücklichen!
Der Markenartikel.
Gewisse Gesetze, Verordnungen, und Meinungsäußerungen in verantwortlichen Wirtschaftskreisen haben in letzter Zeit häufig das öffentliche Interesse auf den Markenartikel gelenkt. Beim Markenartikel handelt es sich bekanntlich um eine Ware oder ein Erzeugnis, das in ständig gleicher Form, gleicher Güte, gleicher Aufmachung und zum gleichen Preise herauskommt, sowie überall ausgezeichnet durch diese Eigenschaften erhältlich ist. Der Begriff des Markenartikels dürfte in der heute gültigen Form zum ersten Mal durch Karl August ßingner, dem Erfinder des „O d o l s", eine Auslegung erhalten haben, die heute noch die Vorstellungswelt des Verbrauchers ausfüllt, wenn er von „Markenartikeln" hört ober zum Kauf solcher Waren aufgefordert wird. Dabei kann erwähnt werden, daß natürlich auch schon in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten Qualitätsbezeichnungen für bestimmte Waren, wie z. B. „Bayrisch-Bier", „Kölnisck-Wasser", „Meißner-Porzellan" usw. geprägt worden sind, die rein begriffsmäßig dasselbe über die betreffende Ware aussagen wollten, was man heute vom Markenartikel verlangt und erwartet. Aber der Markenartikel in feiner modernen Bedeutung ist in den letzten 30 Jahren in eine Entwicklung der Wirtschaft hineingestellt worden, der ihn zu einem ausgesprochenen Massenartikel gemacht hat, dessen besondere^Cha- rakteristikum feine hochwertige gleichbleibende Qualität ist. Der Markenartikel zwingt seinen Hersteller, der mit seinem Namen und seiner Marke für das Erzeugnis bürgt, zur Schaffung einer hochqualifizierten Ware. Gerade weil der Hersteller von Markenartikeln bestrebt ist, einen möglichst großen Kreis von Abnehmern zu haben, muß er stets darauf bedacht fein, b'ie Vorstellung einer vorzüglichen Qualität mit feiner Marke zu verbinden und zu erhalten. Infolge der ihm innewohnenden Qualitätsgarantie hat der Markenartikel — man darf vielleicht an den Begriff Johann Maria Farina, ßeibnitz-Keks, 4711, Persil, Maggi u. a. erinnern — einen ungeheuren Siegeszug angetreten, von dem man heute noch nicht weiß, ob er feinen Höhepunkt fchon erreicht hat. Die Zahl der Markenartikel wird heute auf nahezu 20 000 beziffert, die sich auf mehrere taufend Hersteller verteilt.
Bei den Eingriffen, die in den letzten Jahren von der gesetzgeberischen Seite her erfolgt find, muß festgestellt werden, daß der Erzeuger oder Fabrikant auch heute noch grundsätzlich das Recht hat, den Preis zu bestimmen, zu dem er fein Erzeugnis auf den Markt bringen will. Durch die wirtschaftliche Entwicklung sind einschränkende Verordnungen erlassen worden, so z. B. die Preis- fenkungsoerordnung vom 8. 12. 31 und die Verordnung des Preisüberwachungskommifsars vom 11. 12. 34. Aber gerade durch diese Preisverordnungen wird die Tatsache unterstrichen, daß der Markenpreis an sich, einen wirksamen Schutz gegen Schmutzkonkurrenz bietet und deshalb leicht mit den neuen wirtschaftlichen Gedankengängen in Uebereinftimmung gebracht werden kann.
Die Markenfabrikanten liefern Markenware grundsätzlich nur mit Breis- und Vertriebsbindung. So verlangt grundsätzlich jede Firma, die Markenware verkaufen will, die Einhaltung der F e st p r e i s e und der sonstigen Verkaufsbedingungen. Um die Wahrung ihrer Interessen wirksamer gestalten und vertreten zu können, haben sich zahlreiche Firmen freiwillig im Markenschutz- verband eine Einrichtung geschaffen, der diese Aufgaben als Treuhänder für alle gemeinsam durchführt. Jeder Abnehmer der dem Martenschutzverband angeschlossenen Fabrikanten muß durch Unterzeichnung eines Verbandsreverses zur Einhaltung
Zweimal Waterkant.
Don 3- O. Bringezu.
Als der Vetter Sanitätsrat Tante Bettys Wasserkur in Warnemünde verordnete, gab es zunächst einen Aufstand. Eine Reise von Rostock nach Warnemünde? Im fremden Hause bei fremden Menschen wohnen? Auf fremden Möbeln fitzen und aus dem Fenster in ein fremdes ßand schauen? „Was für Strapazen für mich alte Frau!" Und dann vor allem: fremdes Wasser trinken? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre an dieser Wasserfrage Tante Bettys Kur doch noch gescheitert. Ein Tag ohne Wasser aus dem alten Brunnen im Hofe — „sechzig Jahre lang' hab' ich's morgens und abends getrunken" — wäre überhaupt gleich ihr Tod, wenn sie auch die Mühseligkeiten der Reise überstehen würbe. „Nein, nein, ohne das Wasser keinen Schritt aus dem Hause!"
Der Vetter Sanitätsrat fand den Ausweg: Oll Jehann kann' das besorgen. Oll Jehann hatte die ehrlichsten wafferbtauen Dienstmannsaugen von ganz Rostock, und Oll Jehann war mit seinen fünfzig Jahren der geriebenste Bursche, der je im Schneckentempo einen Koffer von der Bahn in die Stadt besorgt hatte. Er sollte also täglich zwei Steinkrüge voll Wasser aus dem alten Hosbrunnen schöpfen, mit dem ersten Morgendampfer nach Warnemünde fahren und hier das Wasser in die Wohnung von Tante Betty bringen lassen. Das Fahrgeld für das Schiff würbe er mit feinem täglichen ßohn ausbezahlt bekommen. Oll Jehann nahm an, unb alles ging wie am Schnürchen. Nach ben ersten ein wenig bekümmerten Postkarten würben Tante Bettys Briefe allmählich freubiger und froher; sie fühlte sich fchon gesünder und frischer. „Aber das schönste ist, daß ich jeden Tag mein Rostocker Wasser morgens vor der Tür finde. Oll Jehann ist doch ein fixer Kerl!"
Bis an einem Morgen der Vetter Sanitätsrat nach einer frühen Visite in Rostock Oll Jehann habet erwischte, wie er bas gute Brunnenwasser hinter der nächsten Straßenecke in den Rinnstein goß. „Den Düwel ok", war alles, was Jehann in feiner ersten Ueberraschung vorbringen konnte. Aber habet ließ es her schmunzelnbe Vetter nicht bewenben; Jehann mußte beichten. Drei Tage lang war alles programmgemäß verlaufen. Aber bann hatte sich Oll Jehann gedacht: Wozu bas Geschleppe unb Gelaufe in her schönsten Morgensrüh, wo her Schlaf am gesündesten ist. Und wozu das gute Geld auf dem tüdeltgen Kahn verfahren, wo bas Warne- münher Wasser hoch ebenso gut ist wie das Rostocker.
Und dann hatte der Rostocker Oll Jehann mit dem Oll Jehann aus Warnemünde einen Händel gemacht und wenn Jehann in Rostock die Wasserkrüge hinter der ersten Straßenecke ausgegossen hatte und für bas halbe Fahrgelb in feiner Stammkneipe ein heftiges Schinkenbrot unb einen Doppelkümmel als sauer oerbtentes Frühstück genehmigte, schöpfte her Warnemünber Jehann, gleich nachbem her Dampfer angekommen war, zwei Krüge vom besten Warnow- Hafenwasser unb stellte sie her Tante Betty vor hie Haustür. Unb bann ging auch er für bas halbe Fahrgelb frühstücken.
Seit biefer Begegnung war es freilich mit ben Geschäften zwischen ben Firmen Oll Jehann, Rostock unb Oll Jehann, Warnemünbe unb mit ben leicht oerbienten Doppelkümmeln nichts mehr. Aber als Tante Betty halb barauf frisch unb runb und strahlend nach glücklich überstandener Reife in Rostock ankam unb Oll Jehann nach alter Gewohnheit bas Gepäck auf feinen Wagen lud, waren ihre ersten Worte: „Ja, Oll Jehann, bas gute Rostocker Wasser! Wenn ich bas nicht gehabt hätte, wäre ich nicht zwei Tage in bem windigen Nest geblieben. Es ist doch wirklich ein richtiges Staatswasser!"
„Den Düwel ok", dachte Oll Jehann; aber er sagte es nicht.
Der „Himmelslotse", bas ist her Schiffsgeistliche, auf S. M. Schulschiff N., war ein junger forschex Herr. Nicht sehr pastoral, dafür aber ein wenig eitel, unb wenn er mit feiner Nase hübsch in seinem Ressort geblieben wäre, unb die Jungens mit seinem Gewetter gegen die Sünden der Hoffahrt, der Eitelkeit und gegen die schöne Weiblichkeit im allgemeinen nicht so gelangweilt hätte, könnte folgende Geschichte nie erzählt werden.
Nach einem Sonntag, nachdem er wieder gewaltig gegen hie Sünben bes Fleisches unb her Ueppig» Feit zu Felbe gezogen war — obwohl feine Schäft lein von all ben gefchilberten höllischen Herrlichkeiten an Borb auch nicht ein Zipfelchen zu sehen, geschweige benn zu kosten bekommen hatten — sah sich her geistliche Herr genötigt, zu melben, baß er nur noch linke Stiefel hätte. Sein Bursche konnte nachweisen, daß er alle acht Paar her vastörlichen Lack- unb Borbschuhe, Stiefel unb Stiefeletten, Wander-, Reit- unb Gummistiefel orbnungsgemäß gereinigt unb vor her Kabinentür aufgebaut hatte; ihn traf also keine Schulb. Der erste Offizier ahnte zwar manches aber er wirkte nichts. Unb er erfuhr auch nichts, obwohl hie Mannschaft in ihrem ganzen Seemannsleben noch nie fo viel in ben Wanten herumgehetzt worben war unb noch nie so viel Strafexerzieren aufgebrummt bekommen hatte wie
in ben ersten brei Tagen nach her Stiefelkatastrophe. Es blieb bei dem eisernen Schweigen, wie es bei den vereinsamten Linken des ergrimmten Seelenhirten und dem stillvergnügten Schmunzeln in her Offiziersmesse blieb, wo man ben Stümper, ben bas Stiefel-Steckenpferb bes geistlichen Herrn bekommen hatte, nicht eben allzu tragisch nahm. Im übrigen glaubte man, daß die Stiefel wohl enbgültig ver- schwunben seien, weil alle Spinbuntersuchungen nichts Verbächtiges zutage gefördert hatten. Das Meer ist weit, unb ein guter Fisch frißt alles.
Arn nächsten Sonntag freilich tobte her pfarrherr- liche Sturm so gewaltig über hie Köpfe her Ge- meinbe bahin, baß er ihr fast ben Atem benahm. Sogar bie alten Propheten hätten ihre Freube an ihrem streitbaren Nachfolger unb an ben Prophezeiungen gehabt, mit benen er bie mutmaßlichen Berauder seiner unschulbigen Füße bebachte. Nein, feine Worte gingen wahrlich nicht, fo wie er in bie- fen Tagen, auf weichen Sohlen ober gar auf Taubenfüßen, unb sie waren auch alles anbere benn Boten bes Friebens, bie er in die Gemeinschaft her verstockten Herzen entsenben wollte. „Aber", so hon- nerte er am Schluß seiner Rehe, „ich werbe euch ein Beispiel geben unb euch zeigen, baß her Steg, ben ihr schon geoonnen glaubt, ein Nichts ist und leicht wiegt wie eine Feder, unb baß bie Schamröte euch brennen wirb, wenn ihr in Zukunft an eure schänb- liche Tat zurückhenken werbet!"
Unb so sah man benn gleich nach Beenbigung ber Prebigt ben erzürnten Herrn benen, bie seine rechte Wange geschlagen hatten, auch bie linke har« bieten, bas heißt, man sah, wie er bie vereinsamten linken Schuhe mit weitem Schwung über bie Reeling warf, um bann für ben Rest bes Tages in feiner Kabine zu verschwinben, seinen Triumph mit sich allein ausfoftenb.
Als er am anbern Morgen aus ber Tür trat, stauben hort in Parabeaufstellung bie rechten Schuhe ber paftörlichen Stiefelkompanie, fo wie es sich gehört, für jeben fehlenben linken eine Lücke lassend.
Bon Eitelkeit unb Hoffahrt würbe von nun an nicht mehr viel an Borb gesprochen.
Oie Welle in der Haarnadel.
Während der moderne Erfinder zumeist über ein umfangreiches Wissen auf seinem Arbeitsgebiet verfügt unb von biefer sicheren Grundlage aus seinen Flug in bie noch unerschlossenen Wissensgebiete antritt, geschieht es doch auch immer wieder, daß einem unkundigen Laien durch einen Zufall eine bedeutsame Erfindung gelingt. Ja, zuweilen ist es geradezu seine Ungeschicklichkeit und Unwissenheit,
fahrtmebizin in Hamburg zwei große „Pneu, m a t i s ch e Kammern, in benen man gewisser, maßen Höhenflüge zu ebener Erde ausführen kann. Ihnen sind Vorkammern angeschlossen, um die zu untersuchenden Personen, „ein- und ausschleusen zu können. Kräftige Pumpen sorgen für langsame Erniedrigung des Luftdrucks, Gefrier- und Luftfil- trieranlagen sind eingebaut. In zehn Minuten läßt sich da etwa eine Druckerniedrigung bis auf ein Zehntel des normalen Luftdrucks erreichen, läßt sich die Luft in gewünschter Weise trocknen, ihr Charakter durch eine Heizungs- unb Luftbefeuchtungsan« läge weitgehend verändern, ja sogar einseitig elek» trisch kann man sie laden. Ultraviolettes Licht durchflutet auf Geheiß den Raum und vervollkommnet das Klimabild hoher und höchster Regionen, Hinter dem großen Beobachtungsfenster werden die Flieger überwacht, außerdem besteht ständige tele- Me Verbindung mit dem Kammerinnern, um iahr für die Prüflinge auszuschließen.
Die Wissenschaft ist natürlich bemüht, die Bedingungen des Höhenfluges in den Unterdruckkammern so gut wie möglich nachzuahmen, aber es hat sich doch herausgestellt, daß die Versuche in diesen Kammern kein vollständig richtiges Bild geben. Beim Fliegen in größerer Höhe treten neben den Einfluß der sauerstoffarmen Luft und des niedrigen Drucks noch andere Faktoren körperlicher und seelischer Art, die sich nicht ohne weiteres ex- perimentell nachahmen lassen. Die Forschung ist aber schon eifrig an der Arbeit, dieses Problem zu lösen.
Werden Sie lustkrank?
Menschen, die zur Seekrankheit neigen, werden beim Fliegen sehr leicht „luftkrank", weil bie Bewegungen bes Flugzeuges ganz ähnlich wirken, wie bas Schaukeln eines. Schiffes bei unruhiger See. Selbstverstänblich finb Menschen, bie besonders leicht seekrank werden, zum Beruf des Fliegers durchaus ungeeignet, wobei allerdings zu beachten ist, daß sich erfahrungsgemäß ein gewisser Prozentsatz der anfänglich „L u f t k r a n k e n" nach einigem Training an die Bewegungen bes Flugzeugs g e • wöhnt; bie Dinge liegen hier genau so wie bei ber Seekrankheit.
Eine anbere hierher gehörige Frage ist die nach bem Gleichgewichtsgefühl bes angehenden Fliegers. Es ist ja bekannt, daß ber Flieger im Nebel ober in ben Wolken sehr balb jebe Orientierung über seine Lage im Raum verliert — zahlreiche Unqlücksfälle sinh schon auf biefe Weise entstauben. Das Gleichgewichtsgefühl kommt nun burch verschiebene Faktoren zustanbe: zunächst burch bie Drucfempfinbungen, bie auf bestimmte Stellen ber Haut ausgeübt werben. Wenn wir stehen ober gehen, bann reagiert bie Haut unserer Fußsohlen außerorbentlich empsinblich auf jebe Drudoeränbe- rung, bie etwa burch Schwankungen bes Körpers hervorgerufen wirb. Für ben Flieger fällt biefe außerorbentlich zuverlässige Unterstützung feines Gleichgewichtsgefühls weg, aber neben ben in Betracht fommenben Instrumenten bie ja auch ben vollkommenen Blindflug ermöglichen — hilft hem guten Flieger, ein befonberer „G l e i ch gern i ch t s f i n n", ber im Zusammenhang mit bem sogenannten Labyrinth bes inneren Ohres steht. Völlig geklärt ist biefer „sechste Sinn" noch keineswegs, fest steht aber, daß die Menschen auch in bezug auf .diesen Sinn sehr verschieden veranlagt sind und daß daher eine praktische Prüfung dieser in ihren Ursachen noch recht geheimnisvollen Sin- nesempfinbung bei jedem angehenden Flieger unerläßlich ist.
Für den Segelflieger beispielsweise ist es geradezu entscheidend, ob er sofort bie Auswärts- ober Abwärtsbewegung seines Flugzeugs richtig erkennt, weil er nicht immer Blindfluginstrumente unb ähnliche Hilfsmittel mitführt. Aber auch sonst wird nur der ein guter Flieger werden können, ber über ein gut ausgebildetes Gefühl für die Lage und Bewegung feiner Maschine in ber Lust oerfügt.
Neben diesen rein körperlichen Fähigkeiten, bie bei ber Frage nach ber Eignung zum Fliegen in Betracht kommen, sind natürlich auch die charaktermäßigen und geistig-seelischen Eigenschaften des angehenden Fliegers von allergrößter Bedeutung, wenn sie auch mit rein wissenschaftlichen Methoden schwerer zu beurteilen sind. Ein Angsthase taugt ebensowenig zum Flieger wie ein leichtsinniger, nicht genügend verantwortungsbewußter
die ihn auf einen neuen Weg führt, der für ben kundigen Fachmann verschlossen blieb. Verschiedene Beispiele lassen sich heranziehen, um diese Erfinder- tätigfeit von Laien zu veranschaulichen, bie,- ohne es zu wissen, eine technische Ausgabe lösten und damit zur Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses beitrugen. Zumeist mußte allerdings ein Fachmann hinzukommen, ber bie großen Möglichkeiten unbeabsichtigter Erfindungen richtig erkennt unb sie. so vervollständigt, daß sie sich auswerten lassen. So soll die Erfindung bes Löschpapieres die Folge eines Versehens gewesen sein. Ein Arbeiter schnitt gewöhnliches weißes Papier in einer falschen Größe zu. Die Blätter, die nicht brauchbar waren, wurden beiseite gelegt, und nun führte ber Wind einen soeben beschriebenen noch feuchten Brief auf diesen Papierstoß. Da die Tinte durch das Papier, wenn auch unvollkommen, getrocknet wurde, kam der Mann auf den Gedanken, anderes Papier zum Löschen zu verwenden, und nach einigen Versuchen hatte man das saugfähige Löschpapier erfunden. Auch das wasserdichte Tuch soll nur durch ein Mißgeschick erfunden worden sein. Ein Stück Tuch, das mit einer falschen Farbe gefärbt worden war, sollte mit Alaun gereinigt werden. Dieser Reinigungsversuch mißlang, aber als man das mit Alaun behandelte Tuch mit Wasser übergoß, zeigte es sich, daß die Feuchtigkeit nicht eindrang. Die Methode der Imprägnierung, bie alsdann noch viele Verbesserungen erfuhr, war damit in ihrem Grundprinzip yefunden worden. Die Glasur von Tongefäßen wird darauf zurückgeführt, daß ein Dienstmädchen, das einen Topf kochender Salzlauge bewachen sollte, dabei einschlief. Als es erwachte, fand es, daß die Salzlauge übergelaufen war, aber da, wo die Lauge die Wände des Topfes berührt hatte, war eine schöne Glasur entstanden. Die Entdeckung, daß ein Magnet Eisenteile von Messingabfall trennt, wurde von einem Handwerker gemacht, der aber diese Tatsache, die ihn sehr überraschte, nicht geschäftlich auszunutzen verstand. Erst durch Edison sind dann die großen praktischen Folgerungen aus dieser Erkenntnis gezogen worden. Das „Marmorieren" bei Buchbinderarbeiten wurde auch durch einen Zufall ermöglicht. Die Frau eines Buchdruckers hatte in spielerischer Weise festzustellen versucht, wie ölhaltige Tinte auf bem Wasser schwimmt. Ihr Mann schalt sie zunächst, baß sie die Tinte verschwendete. Ein erfinderischer Dritter aber kam auf den Gedanken, Papier hineinzutauchen. Die „Welle" in ber Haarnadel, die einen besseren Halt gibt als die glatte Nadel, war der glückliche Einfall eines sonst in technischen Dingen ganz unerfahrenen Mannes.


