Nr. 140 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 29. Zuni 1955
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte.
^3on Ernst v. Riebelschüh
Die amerikanische Erfindung einer elektrisch betriebenen Schreibmaschine, die statt einzelner Buchstaben gleich ganze Sätze produziert/ bedeutet eine weitere Etappe aus dem Wege zur Metropolisieruug des Menschen. Man braucht dabei nicht zu verkennen, das; im täglichen Geschäftsverkehr, wo sich in der Tat gewisse Sätze wie Eingangsbestätigungen und Höslichkeitsforrneln immer wiederholen, die neue Erfindung mit einer Kräfte- ersparnis verbunden, also als ein Gewinn zu buchen sein wird. Nun dient die Schreibmaschine aber nicht nur zur Erledigung einer mehr oder weniger gleichförmigen Korrespondenz, sie ist seit lange auch das willige Instrument des literarisch tätigen ©ei ft es. Wie aber, wenn die Verlockung in kürzester Zeit eine enorme Arbeitsleistung zu vollbringen, sich auch auf den freien Schriftsteller als so unwiderstehlich erwies, daß er die Produktion eigener Gedanken in Zukunft als einen nicht mehr zu rechtfertigenden Luxus empfände und auf den naheliegenden Ausweg verfiele, das Hervorbringen ganzer Ideenflügen der Maschine zu überlassen? Man müßte blind sein, wollte man in der neueren Literatur bic latente Neigung zu einem solchen, auf das Geistige angewandten „Normierungsverfahren" übersehen und sich einreden, die dem Metropolis-Ideal mit Riesenschritten zustrebende Menschheit werde sich angesichts der modernen Gleichsetzung von Zeit und Geld ein solches Mittel zur Lebensvereinfachung entgehen lassen. Ganze Häuser werden ja bereits mit fertig aus der Fabrik gelieferten Versatzstücken erbaut. Warum nicht Bücher? Sie lesen zu müssen, wird allerdings eine Qual sein. Aber vielleicht kommt es auch dabei bloß auf die Gewohnheit an.
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Das wäre kein weitblickender Arzt, der annehmen wollte, daß physische Krankheiten, besonders wenn sie epidemisch auftreten, auch stets physische Ursachen haben müßten. Vielmehr hängen gewisse Zeitkrankheiten, von denen man geradezu behaupten kann, daß sie „an der Mo de" sind, ohne Zweifel mit ganz bestimmten Strömungen des allgemeinen Seelenlebens zusammen, es sind physische Aeußerungen einer gestörten physischen Gleichgewichtslage. So hat vor kurzem ein Wiener Uyiversitätsprofessor auf die außerordentliche Z u ° nähme der Blutdrucks st örungen seit dem Weltkriege aufmerksam gemacht und diese merkwürdige Erscheinung mit der krankhaften geiftigen Atmosphäre unserer Zeit erklärt, wie sie vor allem in der Wirtschaftskrisis, der Arbeitslosigkeit und der weitverbreiteten Lebensunruhe zum Ausdruck komme. Der Krankheitserreger fei also seelischer Art, und darum dürfe man sich bei der Bekämpfung der Krankheit nicht auf die Anwendung rein ärztlicher Gegenmittel beschränken, sondern müsse dem Grundübel durch eine an« dere Erziehung der Heranwachsenden Jugend zu Leibe gehen. Anstatt weiter Haß und Verachtung gegen Andersdenkende und sozial Bessergestellte zu säen, möge man in den jugendlichen Seelen die Gefühle des Respektes und der Güte wecken, in deren Fehlen die eigentliche Ursache der Blutdruckerkrankung zu erblicken sei. Man wird gut tun, sich diese Diagnose zu merken, die von der zwar nicht neuen, aber etwas in Vergessenheit geratenen Erfahrung ausgeht, daß Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden und kein Wesensteil erkranken kann, ohne daß der andere in Mitleidenschaft gezogen wird.
Die Bevölkerungsentwicklung der Bereinigten Staaten von Amerika zeigt heute die aufsteigende Tendenz, die Europa im 19. Jahrhundert hatte und die dazu führte, das Problem mit dem selbstmörderischen Mittel der künstlichen Geburtenbeschränkung lösen zu wollen.
Nur soll in Amerika die Kontrolle des Bevölkerungszuwachses gesetzlich zugelassen werden, während sie heute noch verboten ist. Nicht uninteressant ist es, wie die Vorkämpfer einer straffreien Geburtenreae- lung ihre Forderungen begründen. Erstens: Infolge der fortschreitenden Rationalisierung der Industrie sind heute schon in USA. 13 Millionen Men- Ichen ihrer Arbeit beraubt, und es ist damit zu rechnen, daß diese Zahl rapide steigen wird. Zweitens: Der große Kindersegen des amerikanischen Arbeiters auf der einen Seite und die Fortschritte der Wissenschaft zur Verlängerung der Lebensdauer auf der anderen haben zu einem Geburtenüberschuß geführt, der zur Folge hat, daß derWert der menschlichen Arbeitskraft immer tiefer sinkt. Drittens: Die scharfen amerikanischen Einwanderungs- gesetze sind der drohenden Uebervölkerung gegenüber machtlos.
Da man nun die weitere Technisierung des Lebens nicht verhindern kann und die Auswanderung nicht geradezu fördern will, scheint als einziges Mittel — so argumentiert man in Aryerika — nur noch die Beschränkung der Geburtenzahl übrig zu bleiben — also das Mittel, auf öem nach allen bisherigen Erfahrungen der Fluch des leiblichen und seelischen Todes einer Nation ruht. Hören wir eine Stimme unter vielen: „Mit der Weiterentwicklung der maschinellen Produktion werden wir niemals mehr die Arbeitsmassen benötigen, die in der Vergangenheit erforderlich waren: es muß daher Vorsorge getroffen werden, daß diejenigen, deren Arbeitskraft überflüssig geworden ist, nicht leiden". Das ist die Sprache der beginnenden nationalen Vergreisung,
denn im Grund heißt es nichts anderes als: um den Menschen das Leiden zu ersparen, läßt man sie besser gar nicht erst geboren werden. Mit diesem circulus vitiosus beißt sich die Schlange der Zivilisation wieder einmal in den eigenen Schwanz. Sie erfindet Maschinen um des Menschen willen und gelangt schließlich dahin, um der Maschine willen dem Menschen zu verbieten, ins Leben zu treten. Wohin aber eine solche geistige Haltung notwendig führen muß, hat uns die Entwicklung in Europa gelehrt.
Als kürzlich ein Pariser Blatt von einem kleinen Ort in der Nähe der Hauptstadt zu plaudern wußte, der in dem glücklichen Nicht-Besitz von Postamt, Telephon, Eisenbahnstation, Wasserleitung, Gas und Elektrizität sei, eilten die stadtmüden Pariser zu tausenden nach Mongresin — so heißt das Idyll — um sich für kurze Zeit von all den technischen Errungenschaften ihrer Zivilisation zu erholen. Daß sich der moderne Mensch zuweilen nach dem Urwald zurücksehnt, ist wohl der beste Beweis dafür, wie sehr er sich zum Sklaven des Fortschrittes gemacht hat. Wir erfinden immer mehr, wir glauben uns das Leben durch die Technik zu erleichtern, und das Ende vom Liede ist, daß jede neue „Bequemlichkeit" nur dazu dient, die allgemeine Nervosität zu steigern. Man kann zehn gegen eins wetten, daß die Freude der Pariser nicht lange dauern wird; bald wird Mongresin alles das besitzen, was nicht zu haben fein bescheidener Ruhm war. Denn die Zivilisation ist schneller als der Mensch: sie läuft ihm nach und überholt ihn, gerade wenn er ihr entfliehen zu können meint.
Bei drei Pionieren europäischer Kolonialgeltung.
Eine beschauliche Reise zu den glücklichen Inseln.
Don unserem H. Er.-Sonderberichterstatter*.
iv.
Marokko.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Casablanca, Anfang Juni 1935.
Gibt es einen Jungen, dessen Träume und Phantasien sich nicht um Afrika bewegt hätten? Wer hat in Gedanken nicht all die Gefahren und Kämpfe mit Schwarzen bestanden, die Begegnungen mit wilden Tieren, womöglich auch mit dem König der Wüste? Ein winziger Teil dieser Kindheitsträume soll seine Erfüllung finden, denn einen kleinen Zipfel Afrikas soll uns diese Reise auch zeigen: Französisch-Marokko. Aber ach, alle Jungensillusionen zerrinnen!
In den frühen Morgenstunden nähern wir uns Casablanca, der Hauptstadt des französischen Protektorats! Was sich, je näher umso deutlicher, den Augen bietet, ist das Bild einer Stadt, die man in Amerika vermuten möchte, nicht aber in Afrika. Schneeweiße Wolkenkratzer wachsen mit dem Näherkommen immer höher in den Himmel Ein großer, ganz moderner Hafen mit höchster technischer Vervollkommnung nimmt bald darauf das Schiff auf. Ist das das Marokko von heute? Frankreich hat in Marokko ein Riesenkapital hineingesteckt. Das Land ist reich, und Paris erhofft von ihm eine hohe Verzinsung für das viele investierte Geld. Casablanca mit etwa 120 000 europäischen Einwohnern ist eine schöne, elegante und saubere Stadt. Nichts fehlt, was zu europäischem Komfort gehört. Von Casablanca gehen breite asphaltierte Chausseen hinaus in die Wüste. Schnelle, komfortable Autobusse, die mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer
"Vergleiche „Gießener Anzeiger" Nr. 143 vom 22. Juni 1935. __________
fahren, sind das Hauptverkehrsmittel, das noch dazu außerordentlich billig ist.
Wenn die Leistung auch Achtung abnötigt — Casablanca in der heutigen modernen Form ist in den letzten 10 Jahren erst entstanden — so hat man auch als Nichteingeweihter schon das Gefühl, daß hier des Guten zuviel getan ist. Und Unterhaltungen mit Europäern, die jahrelang in Marokko ansässig sind, bestätigen diesen Eindruck. Alles was hier gebaut und geschaffen ist, entstand auf der unsicheren Grundlage von Wechseln auf die Zukunft. Noch ist nichts amortisiert. Aber einmal muß ja auch das beginnen, und dann befürchtet man einen Riesenkladderadatsch. Denn die Krise hat auch Marokko ergriffen. Auch hier herrscht Arbeitslosigkeit: die schönen Hafenanlagen werden heute nur zum Teil ausgenutzt, während sie vor einigen Jahren nicht einmal genügten, um die Casablanca anlaufenden Schiffe aufzunehmen. Frank- reich tut alles, um neue Anbau- und Produktionsmöglichkeiten zu erschließen. Exportierte das französische Marokko bisher vorwiegend Getreide, Erze und Phosphate, so versucht man jetzt mit Erfolg die Tomaten- und Bananenkultur im Großen. Den kanarischen Inseln kann hier ein gefährlicher Konkurrent entstehen.
Soweit das Marokko, das eigentlich gar nicht mehr Marokko ist. Nach der bisherigen Schilderung könnte man glauben, als gäbe es kein Arabertum mehr, als wäre Marokko ein Teil v 0 n'F r a n k- reich. — Eine Droschke mit Sonnendach, ein Marokkaner auf dem Bock, bespannt mit zwei schnellen, kleinen Arabern, bringt uns durch alle Teile der Stadt. Der Uebergang vom europäischen zum ara- bischen Casablanca geht plötzlich, wie abgehackt. Man meint aus der Wirklichkeit in ein Märchen zu fahren. Hier sieht man noch unverfälschtes Arabertum. Das bunte Leben spielt sich
Marburger Festspiele.
„Die lustigen Weiber von Windsor?'
Kaum ein anderes Shakespeare-Lustspiel scheint sich — wenn wir vom „Sommernachtstraum" absehen, mit dem diese Spielzeit eröffnet wurde — jo zwanglos und selbstverständlich zu einer Darstellung unter freiem Himmel anzubieten wie „Die lustigen Weiber". Zwar ist der mitternächtliche Elfenspuk, mit dem der Junker Falstaff zum brüten Male gröblich zum Besten gehalten wird, nur em scherzhaftes Zwischenspiel, nur ein Abglanz vorn Naturzauber des Sommernachtsspieles: im übrigen ist der Humor hier zu Windsor derber und realistischer und wirkt in feiner Situationssteigerung wie ein galanter Schwank des Boccaccio. Aber das ganze Stück paßt in seiner Stimmung und seiner ungebundenen Laune vorzüglich in einen weiten und flüchtig gegliederten Spielraum im preien, der, wie das in Marburg der Fall ist, eine schnelle und fließende Verwandlung komplizierter Szenengesuge gestattet und dennoch sämtliche Schauplätze, gruppen und handelnden Figuren in eine Umhert des Raumes und der Bewegung zusammenfatzt.
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Im Programmheft ist des Näheren ausgeführt, wie sich hieraus der Jnszenierungsgedanke für die „Lustigen Weiber" organisch ableiten laßt. Die Spielführung von Dr. Fritz Budde macht sich den weiten, mehrfach überhöhten Raum der Mar- burger Schloßparkbühne geschickt zunutze. Er leitet das Spiel mit der berühmten Qpernmustk von Nicolai bei sinkendem Licht sehr stimmungsvoll em und lost wo es angebracht scheint, den Vorgang auch später in fließende Bewegung undtänzerische Gruppen auf. Das entspricht dem improvtsaton scheu Stiel undder ÜberströmendenLaune desStuckes durchaus. Bei einfallender Dunkelheit wirken die Darsteller dann fast wie Silhouetten vor dem helleren Himmel, eingefaßt von einem ber drei großen gotischen Bogen, welche bie Buhne nach rückwärts begrenzen. Später schneibet ber Scheinwerfer e- wells den Schauplatz heraus, auf dem sich bie f misch fortschreitende Handlung fammelt.
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Im Mittelpunkt steht natürlich die Falstast-Ko- mödie, das groteske Abenteuer des dickbäuchigen Ritters, der unbedacht genug und aus mehr als . unlauteren Motiven gleich mit zwei Ehefrauen von Windsor anbmöet und dreimal auf die lächerlichste und lehrreichste Weise Schiffbruch leidet Die Laune des großen Briten hat mit einer virtuosen Leichtigkeit die Fäden geknüpft, die zwischen Falstaff uno
den beiden wahrhaft luftigen und listigen Weibern, deren Ehemännern und der geschäftigen Liebesbotin Frau Hurtig hin und wieder laufen.
Das rollt vor den Augen des Zuschauers so verblüffend, witzig und aufs Stichwort ab, daß die Leute mit hellem Vergnügen das wahrhaft lustfpiel- hafte Durcheinander auf der Bühne an sich vorbeiziehen lassen und zuletzt noch mit lächelnder Genugtuung Zeuge werden, wie das echte Liebespaar dieses Stückes' mit einer witzigen Doppelfinte die unerwünschten Bewerber aus dem Felde schlägt und zu seinem guten Recht kommt.
Der heitere und harmonische Eindruck der Aufführung wurde durch eine Reihe tüchtiger darstellerischer Leistungen unterstützt. Walter Brandt als Falstaff brachte nicht nur die „wackere Figur", sondern auch den shakespeareschen Humor mit, der Die Gestalt so lebendig macht. Ein munteres Duett bildeten Hella Weiß und Hanne Mertens als die Damen Page und Fluth. Sehr hübsch auch die betriebsame, mundfertig kupplerische Zwischentrage- rin Frau Hurtig (Maria Leininger).
Einen Heiterkeitserfolg für sich hatte Bruno Z i e- ner als .sächsisch redender Pfarrer. Herr Link- mann, der früher in Gießen war, machte aus dem Junker Schmächtig einen krähenden Narren von betörender Tölpelhaftigkeit. Vom Ensemble nennen wir Hansi Nasseeund Hans H e i n i cf e als Jungfer Anne Page und Fenton, Erwin Aderhold (Herr Fluth)),' Emil L o h k a m p f (Doktor Caius) und Carl Willi Vogt (Wirt zum Hoienbande).
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Zahlreiche Besucher folgten angeregt der beschwin- ten Aufführung unterm Sternhimmel und fpenbeten zuletzt freundlichen Beifall. hin.
Goethes „Gustgen".
ZUM 1OO Todestage der Gräfin Auguste Stolberg am 30. Juni.
Mitte Januar 1775 erhielt Goethe durch Vermittlung der Brüder Stolberg in Göttingen den anonymen Brief eines Mädchens, den er, ebenfalls anonym, in abgerissenen, in der Zett vom 18- bis 3um 30. Januar hingeworfenen Sätzen beantwortete und an die „teure Ungenannte" auf demselben Umweg befördern ließ. Aus dieser romantischen Anknüpfung einer Beziehung, die in den !chreibseligen Tagen des empfindsamen Briefkultes nichts Ungewöhnliches war. entstand ein Brieftoechsel der zu den kostbarsten Zeugnissen für die Entwicklung des jungen Genius gehört.
Die Schreiberin war die Gräfin Auguste Stolberg, die Schwester der beiden Dichter Friedrich Leopold und Christian Stolberg: sie wandte sich vertrauensvoll an den Dichter des „Werther , um von ihm selbst Näheres über fein Wesen zu erfahren. Wohl nie sind Hoffnungen dieser Art von einem großen Geiste so reich erfüllt worden wie damals von Goethe. In dem Bekenntnisdrang, der ihn in dieser Zeit bewegte, schüttete er der „unbekannten Vertrauten" sein übervolles Herz aus. Zwar erfuhr er bald ihren Namen und horte Näheres von ihr, als ihn die Brüder Stolberg besuchten und die drei gemeinsam nach der Schweiz wanderten, aber von Angesicht zu Angesicht hat er sein „Gustgen", wie er sie nannte, nie gesehen. Es war eine schwärmerische Neigung, ganz im Geist der Empfindsamkeit, der damals die Gemüter beherrschte, und gerade Goethe hatte zu jener Zeit ein tiefes Verlange, seine geheimsten Gedanken einem Menschen anzuvertrauen, der ihm selber ein Geheimnis war.
In dieses Mädchen auf dem norddeutschen Gut konnte er alle seine Vorstellungen und Träume hineinphantasieren und sie als feine Beatrice anbeten, ohne durch die Wirklichkeit aufgeschreckt zu werden. So „stolpert" er ihr seine „dumpfen tiefen Gefühle" vor, entwirft gleich im zweiten Bries ein wunderbares Bild seines Doppelwesens, des „Fast- .nachts-Goethe" und des „Sturm- und. Drang"- Goethe, sendet ihr seinen Schattenriß, deutet aus dem ihrigen die Schönheit ihrer Seele, läßt die dichterischen Visionen, die ihn beschäftigen, besonders die des „Urfauft", anflinqen und zeichnet in diesen Briefen das anschaulichste Bild seines Charakters kurz vor der Weimarer Wandlung.
Unbewußt flüchtet er zu dieser Frau, um bei ihr Schutz zu suchen gegen die Gefahren der dämonischen' Unrast, die ihn bedrohen: er will wie ein ..armer Junge" seinen geplagten Kopf in ihren Schoß bergen Als er dann diesen „Engel des Friedens", der „Mäßigung dem wilden Blut tropfte", in Charlotte von Stein gefunden hatte, werden feine Briefe an „Gustgen" spärlicher. Er sucht die Fäden wieder anzuknüpfen. Im Mai 1776 fängt er ein sachliches „Tagebuch" für sie an: dann folgen in längeren Abständen noch einige Lebenszeichen, und schließlich bricht der Briefwechsel ab.
Vierzig Jahre später tritt Auguste noch einmal bedeutsam in Goethes ©efi<ht?freis Sie hatte stch mit dem Gatten ihrer verstorbenen Schwester dem dänischen Minister Andreas Peter Bernstorfs vermählt und diesen 1797 durch den Tod verloren. Nach schweren inneren Erlebnisien war sie zur
Professor Dr. Ferdinand Ganerbrnch
Professor Dr. Sauerbruch, der weltberühmte deutsche Chirurg, feiert am 3. Juli seinen 6 0. Geburtstag. — (Scherl-Bildarchiv-M.)
auf der Straße ab. Die Bazare und Werkstätten sind nach der Straße offen. Schlangenbeschwörer und Kartenschläger sitzen auf der Straße. Ganze Straßenzüge beherbergen nur Eisenschmiede, in anderen sitzen wieder andere Handwerker. Ein Leben und Treiben wie aus Tausend und eine Nacht. Die Augen vermögen das fremdartige gar nicht so schnell zu trinken, wie es ihnen geboten wird. Etwas außerhalb liegt der Palast des Sultans. Er wohnt in Casablanca allerdings nur vorübergehend: sein eigentlicher Sitz ist Rabat oder Mara- kesch. Schöne Gärten umgeben den Palast, in dem 20 Haremsfrauen auf den gelegentlichen Besuch ihres Sultans warten. Dahinter dehnt sich noch einmal eine .neuere Araberstadt mit ihren Reizen und ihrer Romantik.
Unser Kutscher, der etwas französisch und englisch spricht, erzählt uns dies und jenes. Immer wieder aber tritt eine starke Abneigung gegen die Franzosen zutage. Man ist vorsichtig gegenüber derartigen Aeußerungen: die Spekulation auf ein höheres Trinkgeld läßt derartige Aeußerungen geringer werten. Aber ich lasse mir später bestätigen, daß daß der Araber den Franzosen haßt, während der Deutsche hoch im Kurs steht. Es gab in Marokko einmal eine Zeit, da hing selbst in dem verlassensten Araberdorf ein Bild des deutschen Kaisers! Das war kurz nach feinem Besuch in Tanger. Der Marokkaner van heute sieht in dem Franzosen nur den Ausbeuter. Sein Sultan aber? Er ist ein (Befangener Frankreichs, den man mit goldenen Ketten fesselt. Er erhält von Frankreich eine Apanage von vielen Millionen, von denen er einen großen Teil alljährlich in Paris verleben muß. Was dabei aus Marokko wird, das haben wir beim Auslaufen drastisch erlebt, und dabei auch den Wert Marokkos für Frankreich gesehen: Ein großer Truppentransport von Marokkanern geht nach Frankreich ab. Verhüllte Mütter nehmen noch einmal Abschied von ihren Söhnen, die für Zwecke und Ziele in einem fremden Lande dienen, das sie nicht kennen, das sie sogar als Zwingherr ab(ehnen. Die Sohne der „grande nation" können französische Zwingherrschaft über Europa nicht mehr allein Der- treten. Das farbige Reservoir Frankreichs muß zum Sachwalter ihrer sogenannten Kultur werden! Frankreich benutzt seine farbigen Truppen als Bumerang. Kann es die zurückfliegende Waffe fangen, oder wird es von ihr erschlagen? ...
Einen ganzen Tag fahren wir längs der Küste von Marokko. Sandhügel, kein Baum, kein Strauch,
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frommen Herrenhuterin geworden und wandte sich nun an den Freund ihrer Jugend, dessen Briese sie als höchsten Schatz bewahrte, um seine Seele zu retten und dem von ihr vertretenen Christentum zu gewinnen. Ihr schöner edler Bekehrungsbrief, an dem sie neun Tage geschrieben hatte, erreichte Goethe im Oktober 1822, und dieser scheint ihn sofort beantwortet zu haben, schickte aber sein Schreiben erst, von langer schwerer Krankheit genesen, am 17. April 1823 ab. Dieses gereifte Bekenntnis des greifen Dichters zu einer Religion der Duldung und zu einem all-liebenden Vater ist der wunderbare Schluß des zarten und tiefen Briefromans, den Goethes Briefwechsel mit Auguste Stolberg darstellt. Er würdigte dankbar ihre reine Gesinnung, aber er konnte ihren Bekehrungswunsch nicht erfüllen. Auguste hat Goethe überlebt und ist am 30. Juni 1835 gestorben.
Die glückbringende Flaschenpost.
Auf der Insel Samoa wurde kürzlich eine Flaschenpost angejpült, die einen bedeutsamen Inhalt in sich barg. Man holte ein Testament aus ihr her- aus, das von dem Kapitän eines im Jahre 1896 untergegangenen Seglers stammte. Er setzte darin, da er keinen Verwandten hatte, den Sohn seines Freundes, F. Colbridge, zu seinem Erben ein. Die ganzen Jahre hindurch hatte das Vermögen des Kapitäns, auf das keiner rechtlich einen Anspruch erheben konnte, auf einer Bank geruht und inzwischen die Höhe von einer Million erreicht. Man fand glücklicherweise den Erben noch auf, er ist heute ein achtzigjähriger Mann und kommt also unvermutet in hohem Alter zu großem Reichtum.
Zeitschriften
— Die gewaltige Entwicklung der deutschen Eisenbahn von der Eröffnung der Linie Nürnberg — Fürth im Jahre 1835 an bis zu dem elektrischen Schnelltriebwagen und dem Stromlinienzug — von 20 bis zu 160 Stundenkilometer Geschwindigkeit — erleben wir gleichsam mit, wenn wir die Sondernummer der „Jllustrirten Zeitung" (I. I. Weber, Leipzig) betrachten und lesen. Vorzügliche Kenner des Eisenbahnwesens würdigen die Eisenbahn in ihrer mannigfaltigen Bedeutung: als Urheber der Vereinheitlichung des Deutschen Reiches, als Auftraggeber der deutschen Wirtschaft Förderer des Verkehrs, nicht nur aut der Schiene, sondern auch auf der neuen Reichsautobahn, zu Wasser und zur Luft. Zahlreiche Bilder aus alter und neuer Zeit ergänzen die Darstellung.


