Mr. 124 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 29. Mai 1955
ünlenvegs mit unsterblichen Wanderern.
Oie Eroberung der deutschen Heimat mit Rucksack und Wanderstab.
Von Or. Friedrich Schulze-Maizier.
„In Rom, Athen und bei den Lappen, da spähn wir jeden Winkel aus, dieweil wir wie die Blinden tappen umher im eignen Vaterhaus." Diese mahnenden Verse Karl S i m r o ck s bezeichnen hübsch und schlagend den wunderlichen Umweg, den wir Deutsche zu uns selber machen mutzten; wir haben offenbar unsere Heimat am spätesten entdeckt. Auch in diesem Falle gilt der Satz, datz das Nächste oft das Fernste ist. An Beispiele von vier Wanderer-Gestalten des deutschen Schrifttums soll hier kurz aufgezeigt werden, wie lange es dauerte, bis selbst vaterländisch gesinnte deutsche Autoren es lernten, ihre Heimat mit derselben Entdeckerfreudigkeit zu durchwandern, die sie längst für außerdeutsche Länder aufgebracht hatten. Wie lange es währte, bis deutsche Welt-Offenheit ihre schlimmste Klippe vermeiden lernte:. Ueber der schönen Fremde nicht die eigene Erde zu vergessen.
Spaziergang von Leipzig nach Syrakus.
In den ersten Dezembertagen des Jahres 1801 wanderte der 38jährige Johann Gottfried S e u m e, mit einem Paar derber Stiefel, einem Ranzen aus Seehundsleder und einem Knotenstock ausgerüstet, durchs Muldetal bei Grimma in der Richtung auf Dresden. Er war ein Thüringer Bauernsohn aus dem Weißenfelsischen, der als Student das Unglück gehabt hatte, hessischen Werbern in die Hände zu fallen und nach Amerika verschleppt zu werden. Ein glühender Patriot, der das Elend deutscher Kleinstaaterei und Fürstenwillkür zu bitter am eigenen Leibe erfuhr, um nicht leidenschaftlich für bessere politisch-soziale Formen zu kämpfen. Ein tüchtiger Mensch, dem das Herz auf dem rechten Flecke saß, ein ehrlicher Kerl, der freimütig das Schlechte beim Namen nannte und frischweg nach seinem Grundsatz lebte: „Nur Mut, damit kommt man auch in der Hölle durch!" Und Courage, nicht bloß körperliche, gehörte allerdings zu dem „Spaziergang" den er sich vorgenommen hatte. Ueber Dresden, Prag, Wien mitten im Winter durch die tief verschneiten steierischen Berge nach der Adria zu wandern und mutterseelenallein durch das nach dem Abzug der Franzosen noch immer unruhige, von Straßenräubern arg heimgesuchte Italien herunter nach Kampanien zu spazieren. Seume segelt von Neapel nach Palermo hinüber, wandert die sizilianische Südküste entlang nach Syrakus, dem Ziel seines Spaziergangs, besteigt den Aetna, pilgert über Rom und die Schweiz zurück nach Norden, macht gleich noch einen Abstecher über Paris und trifft schon im Spätsommer, nach kaum dreiviertel Jahren, wieder zu Hause ein. Wohlgemerkt, in denselben soliden Stiefeln, welche ein Leipziger Schuhmacher dem rüstigen Spaziergänger ange- fertiqt hatte.
Seume ist ein guter Beobachter, der zuverlässig, ohne Sentimentalität und Uebertreibung, seine Erlebnisse erzählt, ob es sich nun um Banditenüber- fäsie, um bedrohte Nächte in zweifelhaften Herbergen oder um römisches Bettlerelend handelt; er hat einen klaren unbestechlichen Blick für die politischen und wirtschaftlichen Zustände der von ihm durchwanderten Gebiete, ein offenes Auge für Volkstum und Volksleben. Gewiß kommt auch die Heimat bei ihm zur Geltung; die schlichte Anmut des Muldetals wird mit derselben Liebe erwähnt wie der großartige Blick vom Aetna herunter. Aber sogar dieser aufrechte Vaterlandsfreund sieht
die Heimat sozusagen nur nebenher; der Hauptton der Schilderung ruht doch auf der südlichen Landschaft und ihren antiken Erinnerungen. Man spürt: hier bleibt noch manches zu entdecken
politisOe Fahrten
Im Wein- und Kometensommer 1811 fuhr der 42jährige Greifswalder Professor Ernst Moritz Arndt nach Berlin, um sich Pässe nach Rußland zu besorgen. Ein Jahr später stand er zu Petersburg vor dem Freiherrn vom Stein, der gleich Arndt von Napoleon geächtet war. Arndt trat in Steins Dienste und machte nun an der Seite dieses großen Staatsmannes in politisch hochbewegter Zeit alle jene Kreuz- und Querfahrten durch Rußland, Polen und Deutschland mit, die er viereinhalb Jahrzehnte später in seinem berühmten Altersbuch, den erstaunlich frischen „W anderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn vom Stein", beschrieben hat. Dieses gar nicht greisenhafte politische Wanderbuch des 88jährigen Arndt ist nicht nur eine unserer wertvollsten Reiseschilderungen geworden, sondern auch eines der besten deutschen Volksbücher überhaupt, das jeder kennen muß, der das Zeitalter der Befreiungskriege unmittelbar vor Augen haben will. Unendlich vieles hat der ausgezeichnete Beobachter Arndt in diesen Schicksalsjahren gesehen: Fürsten und Staatsmänner, Feldherren und Publizisten, Bauern und Bürger, Bilder furchtbaren Elends wie die Rückzugsstraße der geschlagenen französischen Armee, Szenen frohen Aufschwungs wie die Erhebungstage in Königsberg und Breslau. Kein Flüsterer und Leisetreter erzählt hier, sondern ein aufrechter Mann, der auch Machthabern gegenüber sich lieber die Zunge verbrennt, als daß er notwendige Wahrheiten verschwiege. Erstaunlich, was alles dieser Kämpfer für deutsche Freiheit und deutsches Volkstum beobachtet und behalten hat; sogar Goethes Kurzbeinigkeit, des Olympiers merkwürdige Befangenheit vor dem jüngsten Grafensohn; die sehr energische Abfuhr, welche Stein dem 'Herzog Karl August vor versammelter Gesellschaft zuteil werden ließ, als der sich in schlüpfrigen Reden gefiel — das alles ist so nah, so lebendig erzählt, als ob es gestern geschehen wäre.
Was aber dem Leser unserer Tage an diesem prachtvollen politischen Wanderbuche am meisten auffällt, ist Arndts für damalige Zeit noch ganz ungewöhnlicher Blick für die rassischen Verhältnisse der von ihm bereisten Gebiete. Man merkt, hier macht ein Mann die Augen auf, der tief durchdrungen ist von der elementaren Wahrheit, die erst wir Heutigen in ihrer ganzen Bedeutsamkeit würdigen lernten: Volkstum ist Schicksal. Aufmerksam studiert Arnt die verschiedenen rassischen Typen, die ihm im russischen Volke begegnen; ausgezeichnet, was er zur Psychologie der Rundköpfe zu sagen hat. Als besonders wichtig erkennt Arndt mit Recht die Probleme der ger- manisch-slawischen Rassemischung; nachhaltig beschäftigt ihn angesichts der deutschen Balten jene Frage, die auch heute wieder soviel Beachtung fand: Ob und inwieweit der Deutsche, der im Ausland lebt, durch seine Umgebung beeinflußt und umgewandelt werde. Arndt ist also einer der ersten gewesen, die das deutsche Rassenschicksal gesehen oder wenigstens geahnt haben. Der Leser seiner „Wanderungen und Wandelungen" spürt, hier wandert ein Politiker, der auch ein Stück Rassenforscher ist, dem । schon die Beziehungen zwischen Rassenschicksal und politischem Schicksal aufdämmern Und das macht I sein Werk gerade heute aktuell.
poelen-Wanderung
Unter allen wanderfreudigen Poeten des deutschen Schrifttums verdient wohl keiner so sehr den Ruhmestitel eines Wanderdichters wie Eichen- dorff. Kein anderer hat unser Volk mit so vielen herrlichen Wanderliedern beschenkt; gar manche von ihnen sind Volkslieder geworden, wie das köstliche „Wem Gott will rechte Gunst erweisen". Die erste Abteilung seiner gesammelten Gedichte trägt, bezeichnend genug, die Überschrift „Wanderlieder". Gleich das zweite, „Allgemeines Wandern", erlebt (ähnlich bei Goethe) im Wandern den Rhythmus der Weltbewegung nach. Diese Eichendorffschen Wanderlieder sind uns allen so tief in Fleisch und Blut überaegangen, daß wir kaum noch wissen, in welchem Ausmaße sie der deutschen Landschaft die Stimme gegeben haben. Es ist durchaus nicht zuviel behauptet, wenn die Literaturgeschichte feststellt, erst Eichendorffs Wanderlieder hätten die deutsche Welt recht eigentlich zu dem gemacht, was sie uns heute ist. Man braucht nur an „O Täler weit, o Höhen" zu denken, an „Wer hat dich, du schöner Wald" oder an das sehnsuchtstiefe „Es schienen so golden die Sterne", an all die Eichendorffschen Lieder, welche Robert Schumann und Hugo Wolf vertonten, um zu ermessen, was dieser eine Poet von Gottes Gnaden für das deutsche Landschaftsgefühl bedeutet. Hier wird keine Literatur gemacht, hier weht der freie Atem der Natur. Hier klingt wirklich, was wir Heutigen wieder so inständig suchen: Der echte, ungekünstelte Volkston, der ganze Bibliotheken voll Aesthetenlyrik überlebt, weil er aus einem starken und reinen Herzen kommt.
Der Entdecker der Mark.
Eichendorffs entzückende Wanderer.- Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts^ birgt ein gutes Stück Romantik. Nicht mit Unrecht haben feinsinnige Betrachter festgestellt, über den Landschaftsschilderungen der Eichendorffschen Erzählungen liege oft noch der Schleier des Allgemeinen, durch den die Wirklichkeit des einzelnen erst ahnend hindurchschimmere. Wieviel es auch nach Eichendorff noch zu entdecken gab für deutsche Wanderer, merkt man so recht, wenn man von dem schlesischen Spättomantiker zu dem großen märkischen Realisten Theodor Fontane kommt. Die fünf Bände seiner „W anderungen durch die Mark Brandenburg", die der Unermüdliche in den Jahren 1862 bis 1889 schuf, sind ein wahres Entdeckerbuch geworden, ein Erzeugnis rastlosen Wanderns, Forschens, Schauens und Aufspürens. Hier hat einer die Heimat erwandert, der nicht nur ein echter Dichter und ein launiger Humorist ist, sondern auch ein kluger Menschenkenner und Psychologe, ein niemals langweiliger Anekdotenerzähler, Historiker und Geograph. Was ist nicht alles in diesen fünf Bänden zusammengetragen an Volkskundlichem und Geschichtlichem, mit welch weitem und wachem Blick durchstreift man die herbe Schönheit unserer Mark, wenn man sie zuvor mit dem alten Fontane im Geiste durchwanderte! Wieviel lernt man aus diesen Bänden, und wie anregend und mannigfaltig ist die Belehrung! Etwa die paar Seiten über den Schwielowsee: Meisterhaft und unaufdringlich ist hier Geologisches mit Historischem, Lokales mit Volkswirtschaftlichem verbunden, ohne daß darüber das Landschaftliche zu kurz käme. Oder die Schilderung der grimmigen, zum Glück nicht sonderlich gefährlichen Seeschlacht auf der Molche, ausgefochten zwischen Berliner und Spandauer Seehelden anno 1667; der Abschnitt über Pastor Schmidt von Werneuchen, den von Goethe unsanft verspotteten märkischen Heimatpoeten; die liebevollen Beschreibungen alter Schlösser und Herrensitze: wie lebt das alles, wie sauber und unsenttmental und doch wie gütig ist es hingestellt! Mag es sich um das dürftige Nest und Krähwinkel handeln, an dem der abgebrühte
Asphaltmensch achtlos vorübergeht — Theodor Fontanes liebreicher Wandererblick spürt überall Schönheiten und — was noch schwerer wiegt — Schicksale auf. Ein großzügiger, durchaus weltoffener Geist hat sich hier zum Nahen und Nächsten und eben damit zu sich selber zurückgefunden. Kein Zufall, daß Fontane erst nach den „Wanderungen" seine reifften und eigentlichsten Werke schuf. Gerade an diesem geborenen Wanderer, der erst spät den ganzen Reiz der Mark entdeckte, bewahrheitet sich die Einsicht seines „Archibald Douglas":
„Der ist in tieffter Seele treu, Wer die Heimat liebt wie du".
Oie Oüppeler Mühle durch Feuer vernichtet
(Scherl-M.)
i
Die historische Mühle von Düppel ist in einer der letzten Nächte durch ein Großseuer vollkommen vernichtet worden. Das Feuer griff mit großer Schnelligkeit um sich. Die Feuerwehr mußte sich unter Mithilfe der Einwohnerschaft darauf beschränken, eine weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern. Es gelang auch, das in der Nähe liegende Müllerhaus, in dem sich ein Museum mit Erinnerungsgegenständen an den Krieg von 1864 befindet, zu retten. Die Ursache des Brandes ist unbekannt, man vermutet, daß das Feuer durch Selbstentzündung entstanden ist. Wie die Kopenhagener Zeitung „Politiken" allerdings wissen will, ist Nach Ansicht der Polizei aber auch mit der Möglichkeit einer Brandstiftung zu rechnen. — Um die Mühle wurden während des Krieges von 1864 heftige Kämpfe ausgefochten; am 18. April 1864 wurde sie von den Preußen im Sturm genommen.
Daten für den 29. Mai
1456: Gründung der Universität Greifswald; — 1594: der kaiserliche Feldherr Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim in Pappenheim geboren (gestorben 1632); — 1809: Sieg der Tiroler am Berg Jsel; — 1918: Einnahme von Soissons; — 1932: Landtagswahl in Oldenburg, die Nationalsozialisten erringen zum erstenmal in einem deutschen Lande die absolute Mehrheit. — 1933: die Fliegerin Marga von Etzdorf in Aleppo gestorben (geboren 1907).
Gießener Gtadttheater
Kraatz und Neal: „Der Hochtourist".
Die Spielzeit geht zu Ende. Die letzte Premiere trug bereits recht vergnügten Charakter und schien geeignet, eine passende Ueberleitung zu der im Programmheft angekündigten Sommersaison zu schaffen, welche im Zeichen des Humors stehen und eine Reihe von Lustspielen und Schwänken zur Aufführung bringen soll. Der Schwank „Der Hochtourist" von K r a a tz und Neal, in drei Akten, ist zwar schon älteren Datums, bewies aber eine unverwüstliche Anziehungskraft, und wenn die Sommerspielzeit ähnliche Erfolge zeitigen sollte, bann kann es in den nächsten Monaten nicht fehlen.
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Der Hochtourist, offenbar ein naher Verwandter des kühnen Schwimmers, des Fußballkönigs und der Spanischen Fliege, ist gar kein Hochtourist, sondern ein Berliner Direktor, der seine fröhlichen Amüfierreisen nach München als Gletscherpartien frisiert und seiner ahnungslosen Gemahlin brieflich haarsträubende Schilderungen von wilden Erstbesteigungen und halsbrecherischen Kaminklettereien zum Besten gibt, nicht ahnend, daß der Schwindel mal rauskommen könnte. Er kommt aber raus, und zwar ausgerechnet an seinem 50. Geburtstag, an dem die stolze und freudestrahlende Gemahlin ihm ein Buch in die Hand drückt: die Gute hat, um ihm eine freudige Ueberrafchung zu bereiten, bie Briefe, die der tüchttge Direktor aus einem echten Bergsteigerbuch abgetrieben hat, ^mcr rns C drucken lassen und auch schon allen guten Freuuden, Verwandten und Bekannten ein Exemplar zukommen lassen.
Fürwahr eine freudige Ueberrafchung. Aber damit ist erst der Knoten geschürzt. Das ist em Jubel, als wenig später die beiden rauhen Bergführer m kurzer Wichs zum Gratulieren erscheinen, welche in des Direktors Abenteuern eine beträchtliche Nolle spielen und von dessen Gemahlin in ihrem Feuereifer eingeladen worden sind. Das gibt em gerührtes Wiedersehen. Und im Zweiten Akt, welcher auf der Alm spielt, ist vollends des Wiedersehens und der freudigen Ueberrafchungen kein Ende. Der Direktor kommt wider Willen, aber der Not gehorchend, mit feinem ganzen Anhang heraufgestiegen und trifft dort oben zum Beispiel aus gerechnet den Mann, aus dessen Buch er seine hoch' touristischen Taten ohne Gram und Scham wortwörtlich abgeschrieben hat. Auch feiert er gerührtes Wiedersehen mit einer bühnenbeflissenen Dame, Die er seinerzeit in München in dem Glauben gelassen hat, er sei Direktor nicht eines industriellen Unternehmens, sondern eines Theaters Das ist em
Schwindel, den der tüchtige Bergsteiger in seinen großen Nöten zwar spät, aber bar und ziemlich teuer bezahlen muß.
Man sieht schon aus diesen keineswegs erschöpfenden Schilderungen, wie prächttg die beiden Autoren ihr Geschäft verstehen und eine Situation von allen Seiten auszuschlachten imstande sind. Der dritte Akt bringt unter anberm einen mehr als zeitgemäßen Beittag zum Thema „Stadt und Land", außerdem die Entwirrung des kompliziert geschürzten Knotens und die Vereinigung der drei Liebespaare, die fa nach alter Weise spätestens bis zum letzten Vorhang richttg unter Dach und Fach gebracht sein wollen. *
Die Aufführung wurde von Herrn L ü p k e geleitet und zeitigte ein verwirrendes Durcheinander auf der Bühne, strotzte von fituattonskomifchen Ueberrafchungen und Effekten, hätte aber gegen Ende gut und gern etwas zufammengerafft werden dürfen. Die Dekorationen von Löffler gipfelten buchstäblich in einer romantischen Hochalpenszenerie im zweiten Akt.
Der Direktor Mylius als Hochtourist war eine Paraderolle für Herrn Hub, der hier mit einem phantastischen Wortschwall alle Register seiner Schwankroutine ziehen konnte. Welch eine Szene, wenn man ihn auf offner Bühne feines bürgerlichen Saccos entkleidet und ihn in die krachlederne Alpenhofe steckt, worin er alsbald ein aus Möbeln und Tischtüchern improvisiertes Gebirge besteigt, um sich in der Pose eines tollkühnen Kletterers photographieren zu lassen. Oder gar wenn er hinter dem Rücken der besorgt durchs Fernrohr starrenden Familie statt in die Höllenklamm die Leiter hinauf in sein Zimmer steigt und wenig später als sein eigener Geist im weißen Nachthemd wieder herunterturnt
Frau Schubert-Jüngling machte die respektgebietende und stolzgeschwellte Gemahlin. Frl Wiel and er in der Sennennnenhose, die Herren Dieten und Geiger als tüchtige Bergführer vertraten das Volk der Alpen. Fräulein Pflug und Herr Lindt spielten der Widerspenstigen Zähmung und traten zuletzt zu einem beinahe blutigen Florettgefecht an. In kleineren Aufgaben machten sich die Damen D e ck e r und S a l z - mann, die Herren V o l ck, Kühne und Qu ad- flieg um die Aufführung verdient. Auch alle übrigen waren mit Eifer bei der Sache.
Der Erfolg war stürmisch; es wurde gelacht und geschrien, getrampelt und geklatscht; sogar bei offener Szene hthi
Moeller van den Bruck.
Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. Bon Wilhelm Kunze
Am 30. Mai des Jahres 1925 schied Arthur Moeller van den Bruck in Berlin im Alter von 49 Jahren aus dem Leben. Er war es, der den Begriff Des „Dritten Reiche s" geprägt hat als Idee, er gehörte zu den Vorläufern und geistigen Vorkämpfern des neuen Deutschland. Unter seinen schriftstellerischen Leistungen ist vor allem sein 1922 entstandenes und seither außerordentlich verbreitetes Buch „Das Dritte Reich" zu nennen; aber er ist auch durch seine deutsche Dostojewski-Ausgabe bekannt geworden.
Er war 1876 in Solingen als Sohn eines Baumeisters geboren und wuchs in Düsseldorf auf. Seine Eltern wünschten, daß er Offizier werde; aber er zeigte dazu so wenig Neigung wie für ein Universitätsstudium. 1902 ging er nach Paris mit der Absicht, nach Amerika auszuwandern. Indessen kam es so, daß er gerade in dieser Stadt das Wesen der westlichen Kultur, die auch Dostojewski bekämpft hatte, begreifen lernte und dadurch dem Wesen und der Sendung des Deutschtums näherkam. Auch eine Reise nach Italien diente nur dazu, seinen Blick für die Werte des deutschen Mesens zu schärfen und die Bestimmung des deutschen Volkes zu erkennen. Denn immer ist ein Volk „ein Mittel zu den Zwecken Gottes auf Erden". So kam er zu feinem achtbändigen Werk über „Die Deutsche n", in dem er die großen Männer Deutschlands vorführte, und es waren nicht nur Männer der Politik und des Staates, es waren auch Dichter und Sänger, Seher und Propheten (Böhme und Novalis) darunter. Ein Werk deutscher Selbsterkenntnis, wenn man so will; denn ..kein Volk weiß weniger von sich als das deutsch-'", und so ist es denn notwendig, den ewigen Bestand der eigenen Werte festzustellen, um bann um so gründlicher das deutsche Volk „zum Bewußtsein seiner selbst" bringen zu können. Dann beschäftigte ihn ein Thema, das nur scheinbar abseits seines Weges gelegen und ein Spezialthema ist: „Der preußische Stil" war das Buch betitelt, das er 1915 erscheinen ließ. Preußen, das ist — obwohl ohne Mythos oder vielleicht gerade deshalb — die Vormacht, unter der das Deutschland Moeller van den Brucks sich selbst wiederfinden wird. Preußen war „die größte kolonisatorische Tat des Deutschtums, wie Deutschland die größte politische Tat des Preußentums fein wird'"
Im Jahre 1923 erschien „Das Dritte Reich", ein Buch, das auf Grund der jahrelangen Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Zusammenbruch von 1918/19 das Fazit zog. In der Untergangsstimmung
dieser Nachkriegszeit, da Spengler als Prophet des Chaos erschien, tat Moeller van den Bruck den Sprung in die Zukunft. „Und in diesem Augenblick gab es in Deutschland wieder einen Anfang", schreibt der Freund und Nachlaßverwalter des Verfassers, Hans Schwarz. Denn mit der Idee des „Dritten Reiches" war ein Ziel gesteckt, das vielen erstrebenswert erscheinen konnte, vor allem vielen von denen (und es wurden immer mehr), die nicht in der Vielheit der Parteien die Erfüllung sehen wollten. Der „Gedanke der Parteiüberwindung" ist der Grundgedanke dieses Buches, das darum auch eine Kritik der Parteien enthält. An die Stelle der Parteibevormundung setzt es den 'Gedanken des Dritten Reiches. „In unserem Ersten Reiche", saat Moeller van den Bruck und meint das Reich Karls des Großen damit, „besaßen wir ein starkes Wertunasbewußtsein". Das Zweite Reich war das Werk Bismarcks: „Die .Führung Preußens' und die .Einigung Deutschlands' wurden Ziele, die einander deckten, bis es schließlich Bismarck gelang, den preußischen Gedanken zu benutzen, uni den deutschen Gedanken jedem anderen überzuordnen, — aber Sorge um Deutschland lag bereits über dem Ausaange seines mächtigen Lebens." Dieses Zwecke Reich war ein Zmischenreich, es konnte für den Künder des Dritten Reiches nur ein „unvollkommenes Reich" scheinen Der Gedanke des Dritten Reiches aber ist ein „Weltanschauungsgedanke, der über die Wirklichkeit hinaushebt", — indessen kann er „nur dis ein Wirklichkeitsaedanke fruchtbar werden: wenn es gelingt, ihn ganz ... in das Politische einjube,sieben."
Wie dieser Gedanke, fo haben sich auch manche andere Gedanken Moeller van den Brucks aus- gewirkt. Gedanken, daß mir die Kraft bah"n müssen, in Gegensätzen zu leben, die von der Abkehr vom Liberalismus fvrechen und von der Na- ckonalisieruna des Sozialismus. Sie fnnbnn ihren Weg, sie fanden ihre Erfüllung und ihre Verwirk- l'chuna. aus Ideen wurden Ideale und wennaleich d^« firrrh^eirf) immer n«rh"ih"n und niemals erfüllt" ist, wenn es, das Nallkommene, „nur 'm Unvollkommen-'n erreicht wird". — das Wertunasbewußtsein, da« mir im ersten Reiche besaßen, wird doch wieder Möalichkeit. Das Buch vom
Dritten Reich" endet mit dem Mahnruf: „Wir haben die Wäckcker m fein an der Schwelle der TOerfe". Die ^ulturroerte sind aemeint: „Wir denken an das Eurova von aeftern. und an das, was sich auch aus ihm vielleicht noch einmal in ein Moraen hinüberretten wird Und wir denken an das Deutschland aller Zeiten, an bas Deutsch, sand einer im-'itaufenhiährim'n ^mnaaenheit. "nd an bas Deutschlanb einer emiaen Gegenwart, das im Geistigen lebt, gber im Wirklichen gesichert fein will und hier nur politisch gesichert werden kann."


