Auch hier marschieren die Vertrauensleute, die zu vereidigen sind, an der Spitze der Marschteilnehmer uno bleiben während der lieber« traauna zusammen.
Abends: Volksfest.
Die Organisation des Abends liegt in der Stadt Gießen bei den einzelnen Betrieben. Kleinere Betriebe schließen sich zusammen. Im Kreis setzen sich die größeren Betriebe mit den zuständigen OG. in Verbindung. In allen übrigen Fällen sind die OG. allein zuständig.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Die Vorbereitungen zum 1. Mai.
Die Vorbereitungen für den nationalen Feiertag des deutschen Volkes am 1. Mai sind in Gießen rege im Gange. Auf Oswaldsgarten sieht man bereits das große Fahnengerüst für die Kundgebung am Mittwoch errichtet. In den Straßen wird das Festabzeichen ab 1. Mat überall zum Verkauf feilgehalten. Jeder deutsche Volksgenosse und jede deutsche Frau sollte nicht versäumen, dieses Festabzeichen zu erwerben und
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durch sein Tragen die innige Verbundenheit mit dem Führer und seinem großen Werk zu bekunden. Daß an diesem hohen nationalen Feiertag die deutsche Arbeit und der deutsche Arbeiter auch durch den Schmuck der Häuser und Straßen mit der Hakenkreuzfahne und mit frischem Grün geehrt werden, ist eine Selbstverständlichkeit für jeden, der sich daran erinnert, daß die deutsche Arbeit und der deutsche Arbeiter ihre wahre Freiheit erst unter der Hakenkreuzfahne erhalten haben. Weiterhin sollten die Schaufenster der deutschen Geschäfte am 1. Mai mit dem M a t p l a k a t, auf dem man das Festabzeichen sieht, geschmückt sein. Mögen - alle Volksgenossen sich eifrig bestreben, durch würdigen Schmuck der Häuser und Straßen die Bedeutung des Festtages besonders zu betonen.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ihr größter Erfolg"
— Deutsche Stenographenschast, Alte Pestalozzi- schule: Beginn der Kurse.
Oer Urlaub 1935.
LPD. Der Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen, F. I. Schwarz, erläßt folgende Bekanntmachung:
Jedem schaffenden Deutschen einen alljährlichen bezahlten Erholungsurlaub zu gewähren, ist eine ursprüngliche Forderung nationalsozialistischer Sozialpolitik. Für die Regelung des diesjährigen Urlaubs werden hiermit folgende Grundsätze bekanntgemacht:
1. In allen Gewerben, für welche Tarifordnungen erlassen sind, gelten die in diesen Tarifordnungen enthaltenen Urlaubregelungen als unabdingbare Mindestbedingungen. Ebenso sind in allen Gewerben, für welche als Tarifordnungen weitergeltende ehemalige Tarifverträge sich in Kraft befinden, die darin enthaltenen Urlaubsbestimmungen maßgebend. Sind diese Bestimmungen u n- g ü n st i g e r als die nachstehend aufgeführten Empfehlungen, so ist die Urlaubszeit möglichst den n a ch- stehenden Sätzen anzupassen.
2. In allen Gewerben, in denen die Gefolgschaft in der Regel das ganze Jahr über beschäftigt ist und rechtsverbindliche Urlaubsbestimmungen in einer Tarifordnung noch nicht erlassen wurden, sind als Urlaub für Gefolgschaftsmitglieder je nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit mindestens sechs Werktage, steigend bis zu mindestens zwölf Werktagen, anzusehen. Reben der Dauer der Betriebszugehörigkeit soll bei der Staffelung auch die Dauer der Zugehörigkeit zum gleichen oder ähnlichen Berufszweig berücksichtigt werden.
3. Für Schwerbeschädigte empfehle ich die Festsetzung eines Zuschlages von drei Tagen zu dem in sonstigen Fällen zu gewährenden Urlaub.
4. Für jugendliche G e f o l g s ch a f t s Mitglieder empfehle ich im Wirtschaftsgebiet Hessen folgenden Urlaub: Bis zum 15. Lebensjahr 18 Werktage, vom 15. bis 16. Lebensjahr 15 Werktage, vom 16. bis 17. Lebensjahr 12 Werktage, vom 17. bis 18. Lebensjahr 9 Werktage. Zum Zwecke der Teilnahme an einem Lager der Hitlerjugend sollen im Rahmen des zustehenden Urlaubs min- oestens 12 Urlaubstage auch Angehörigen derjenigen Jahresgruppen gewährt werden, denen fönst ein geringerer Urlaub zustände. Der Urlaub für Jugendliche soll in die Sommermonate verlegt werden, damit in dieser Zeit die Zeltlager der Hitlerjugend besucht werden können. Eine großzügige Rücksichtnahme auf die Erfordernisse einer gesunden körperlichen und seelischen Ertüchtigung unseres jugendlichen Nachwuchses ist hier besonders am Platze.
5. Vor Urlaubsbeginn soll der übliche Lohn (Gehalt) oder bei Akkordarbeit ein festzustellender Durchschnittssatz als Urlaubsentgelt gezahlt werden.
6. In Betrieben, welche durch Betriebsordnungen oder Einzelvereinbarungen ihren Gefolgschaftsmit
gliedern einen zeitlich ausgedehnteren Erholungsurlaub gewähren, als er in den vorgenannten Mindestsätzen empfohlen wird, gelten selbstverständlich die günstigeren betrieblichen Regelungen
7. Das Bestreben, jedes Gefolgschaftsmitglied in den Genuß eines wohlverdienten Urlaubs zu bringen, muß jeden sozial gerecht denkenden Betriebsführer erfüllen. Die hier angeführten Grundsätze der diesjährigen Urlaubsregelung sollen als Richtschnur für den aufzu st eilenden Urlau b s p l a n dienen. Ich vertraue auf die Einsicht der Betriebsführer und auf ihren durch die Tat zu beweisenden Willen, den empfohlenen Urlaub als Mindestregelung allgemein zu gewähren. Ich behalte mir vor, diesen Grundsätzen dort, wo es sich als zwingend notwendig erweist, durch Erlaß von Tarifordnungen oder Zusatzregelungen für bestehende Tarifordnungen rechtsverbindliche Form zu geben.
Schwere Motorradunfälle bei Gießen.
Am gestrigen Sonntag ereigneten sich zwei schwere Motorradunfälle, bei deren einem leider
ein junger Mann auf der Stelle den Tod fand, während im anderen Falle der Verunglückte heute vormittag in der Chirurgischen Klinik verstarb.
Bei dem ersten tragischen Unglücksfall handelt es sich um den in Butzbach beschäftigten 20 Jahre alten Friedrich Lotz aus Garbenteich, der gestern seinen in Garbenteich wohnenden Eltern auf dem Motorrad einen Besuch abstatten wollte. Der junge Mann passierte gegen 12 Uhr Eberstadt und wollte in der Kurve kurz hinter dem Dorfe einige Fußgänger überholen. Dabei geriet er mit seiner Maschine zu dicht an den Straßenrand, streifte einen Baum und stürzte, wobei er sich mit der Maschine überschlug. Die rasch herbeieilenden Fußgänger fanden den bedauernswerten jungen Mann bereits tot vor. Der Tod war durch Bruch der Wirbelsäule eingetreten. Das Motorrad wurde schwer beschädigt.
Der zweite schwere Unglücksfall ereignete sich auf der Landstraße Gießen—Krofdorf in der Nähe des Umspannwerks. Dort wollten äroei junge Krof- dorfer namens Willi Heyer und Walter Moos, mit dem Motorrad von Wetzlar kommend, nach Krofdorf fahren, wobei sie, wie Augenzeugen berichten, scheinbar infolge eines plötzlichen Motordefekts schwer zum Sturz kamen. Dabei trug der auf dem Soziussitz mitfahrende Walter Moos, ein Sohn des Gastwirts Moos von Krofdorf, leider einen doppelten Schädelbruch davon, während Heyer leichte Verletzungen an der rechten Hand und am Kopfe erlitt. Ein zufällig vorbeikommender Kraftwagen verbrachte den schwerverletzten jungen Mann nach der Chirurgischen Klinik zu Gießen, wo er heute gegen 9 Uhr leider verstarb.
Oie Lebensrettungsprüfung bestanden.
Im Monat April haben sich die nachgenannten Personen einer Lebensrettunas-Prüsung unterzogen und diese mit Erfolg bestanden:
Den Leistungsschein erhielt Wilhelm K r a u s ch, Gießen, Hammstraße 15. .
Den Grundschein erhielten: Jürgens Muller, Gießen, Plockstraße 2., Diether Stuhl, Gießen, Hitlerwall 4—5, Eberhard K ü st e r , Gießen, Senckenbergstraße 15, Emil Uhl, Nidda, Johan- niterhof, Hugo Lenz, Klein-Linden, Georg Messerschmidt, Fritz Wilhelm F e r t s ch, Kurt Nau, Heinz Nau, Karlheinz Kumpf, Erich O st h e i m und Heinrich Keiß, sämtlich von Friedberg.
Reichstreubund Gießen.
Der Kameradschaftsabend des Reichstreubundes am Samstag im „Aquarium" galt in erster Linie den Vorbereitungen für die Fahrt nach Saarbrücken am 4. und 5. Mai zur Teilnahme an der Kundgebung der ehemaligen Berufssoldaten.
Nach einer Sitzung des Beirats eröffnete der an Stelle des erkrankten 1.Vorsitzenden Schwender mit der Leitung der Ortsgruppe beauftragte Verwaltungsinspektor Hans Bill den Abend. Zunächst gab er die Anordnung, durch die er bis zur Wiederherstellung des Kameraden Schwender mit der Führung der Ortsgruppe beauftragt wurde, bekannt; den Kameraden Schwender begleiten die besten Wünsche zu seiner Genesung. Der Vorsitzende gedachte dann des im Alter von 75 Jahren in Breslau verstorbenen Alterspräsidenten des Reichstreubundes, Stein, der nach zäher Aufbauarbeit den Bund in die neue Zeit hinübergeführt hat. Ihm zu Ehren erhoben sich die Versammelten von ihren Plätzen. Das bedeutsamste Ereignis der jüngsten Zeit, die Wiederaufrichtung der deutschen Wehrhoheit durch den Führer und Reichskanzler, fand eine besondere Würdigung, da sie aanz besondere Freude bei den alten Soldaten auslöste. Durch dreifaches Sieg-Heil auf den Führer, die alte und die neue Wehrmacht brachte die Versammlung Dank und Treue zum Ausdruck.
Die Kundgebung des Reichstreubundes am 4. und 5. Mai in Saarbrücken, an der Zehntausende von Berufskameraden aus allen Gauen des Reichs teilnehmen werden, soll der Dank an die Volksgenossen an der Saar und ein überwältigendes Bekenntnis der alten Berufssoldaten zum Führer sein. Der Arbeitstagung am Samstag folgt ein großer Vorbeimarsch am Sonntag. Außer dem Bundesführer, Gauleiter Pa. Schwede, werden Vertreter des Reichswehrministers und der Reichsregierund daran teilnehmen. Hessen als der kleinste Gau wird 200 Teilnehmer mehr als vorgesehen entsenden. Die genauen Zeiten der Abfahrt und der Rückreise werden den Teilnehmern mitgeteilt. Die Teilnehmer tragen dunklen Anzug, schwarzen Binder und Ordensschnalle. Fahnenträger sind Eifert, Jöckel und Pfeil. Den Transport leitet Kamerad Ritter (Universität). — Kassenwart Friedrich gab u. a. bekannt, daß die Mitglieder der Ortsgruppe außer den Familienmitgliedern freie Fahrt haben.
Nachdem noch einige weitere Fragen behandelt worden waren, schloß Kamerad Bill die Sitzung mit dreifachem Sieg-Heil auf den Führer und Reichskanzler. Ein geselliges Beisammensein beschloß den Abend.
*
** Schlesierfahrt nach Saarbrücken. Der Landesverband 8 (Südwestdeutschland) hält am Sonntag, 5. Mai, in Saarbrücken seinen ersten Landesverbandstag ab, in dessen Mittelpunkt die feierliche Eingliederung der Heimattreuen Schlesier des Saarlandes in den großen Bund steht. Aus diesem Anlaß ist Gelegenheit zur Teilnahme an einem Sonderzug gegeben, der am Samstag von Gießen abfährt. Die Fahrtkosten betragen 5,50 Mk. Anmeldungen mit Angabe über eventuelle Prioat- unterkunft sowie mit gleichzeitiger Einsendung des Fahrpreises sind bis zum Mittwoch an den Ortsgruppenführer H. K o st o r z, Gießen, Postfach 40, einzusenden.
** Ostpreußen-Sonderfahrt. Die deutschen Ostbünde veranstalten zu Beginn der großen Ferien einen Ferien-Sonderzug nach Ostpreußen. Die Teilnahme steht allen deutschen Volksgenossen
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Gut, daß Du da bist -!
von Friedrich Eisenlohr ab Freitag, 3.Mai, in den
Gietzenev KamMenblüiievn
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Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Irene preßte die Lippen zusammen. Damit war eigentlich alles gesagt. Er trat offen für die kleine Liane ein, er machte ihr Geschenke.
„Nun, was hältst du von dieser Antwort?" „Meinst du, es stecke etwas Besonderes dahinter?" „Ich glaube beinah, daß das Ableben von Li- anes Vater nur die Verlobung binausschob. Herr Scholz wird auch in dieser Beziehung gut für seine Tochter gesorgt haben, und ich kann mir nicht denken, daß Herr Morland sich der Arbeit zuliebe die vielen Sorgen aufgeladen hat, um den Verdienst später mit einem anderen teilen zu müssen."
Liane war sehr erfreut über den Besuch, nur bedauerte sie lebhaft, mit Irene keine Ausfahrt machen zu können. Zeigen aber mußte sie unbedingt ihren Besitz.
Irene bewunderte den Wagen, wie es ihm gebührte, und fügte hinzu: „Ich bin ganz erstaunt, daß dir nun doch dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Jeder wundert sich darüber."
„Jeder?" fragte Liane befremdet.
Irene schlug sich mit einem hörbaren Klaps auf den Mund, sie lachte. „Was habe ich da gesagt! So indiskret zu fein. Als ob ich nicht warten kann, bis du mir selbst das große Geheimnis mitteilst."
„Was denn für ein Geheimnis?" fragte Liane mehr und mehr befremdet.
Es kann nicht wahr fein, sie kann sich noch nicht als Braut Fred Morlands fühlen!, dachte Irene: aber sie konnte nun nicht auf halbem Wege stehenbleiben, sie mußte sich vergewissern.
„Stell dich doch nicht so! Die Spatzen werden es bald von den Dächern pfeifen, daß du dich mit Herrn Morland verloben wirst."
Liane wurde leichenblaß. „Wie sagst du?"
„Aber Kleinchen, du barfft die Leute doch nicht für dumm halten. Aus reiner Begeisterung zu der Sache kann Herr Morland doch nicht das Geschäft deines Vaters übernommen haben Nun schenkt er dir sogar noch den Wagen."
„Er soll mir den Wagen geschenkt haben?"
„Nun ja, er hat sogar selbst gesagt, daß zwar nicht die Firma deines Vaters, wohl aber die feine sich den Kauf des Autos erlauben konnte."
„Das ist nicht wahr."
„Das ist wahr, er hat sich selbst damit gebrüstet." Liane lehnte an der Wand der Garage: sie hatte das Gefühl, umsinken zu müssen. „Das glaube ich nicht", stammelte sie
„So frag ihn doch selbst!" warf Irene lässig nm.
Liane war es, als ob eine kalte Hand nach ihrem Herzen griffe, um es langsam, aber sicher zu zer
drücken. Nicht genug, daß er ihr stets seine chwächste Seite zeigte — er gab sie öffentlich den tollsten Redereien preis. Konnte er einer solchen Handlungsweise fähig fein? „Ich glaube es nicht", tammelte sie noch einmal
„Natürlich, du glaubst ja an deinen Retter."
Liane richtete sich auf, einige Farbe kam in ihr Gesicht zurück. „Wenn es wahr ist, dann soll er mir Rede stehen. Ich werde ihn zur Verantwortung ziehen. Ich fahre sofort zu ihm — ich will wissen, was er gesagt hat."
Ohne sich noch um die Freundin zu kümmern, lief sie eilends ins Haus —
Nach acht Tagen wurde Irene jäh und in einer Weise an die Freundin erinnert, daß sie minutenlang fassungslos auf das Kärtchen starrte, das die Poft ihr gebracht hatte. Es war ein Kärtchen, einfach und schmucklos, wie es hundert andere gab, und das doch schwerer wog als alle zusammen. Zwei Namen standen darauf und bann barunter bas eine Wort: Verlobte.
Irene war außer sich. Was war geschehen? Wie kamen die beiden so plötzlich zusammen? Hatte Liane sich nur verstellt? Oder hatte sie von seinem Entschluß noch nichts gewußt? War es möglich, daß ein Mann wie Fred Morland Liane freite, um sich noch sicherer als Herr der Firma Scholz zu fühlen?
Ein wildes Schluchzen überkam sie. Fred Morland hatte sie verschmäht, hatte die kleine Liane ihr, der schönen Irene, vorgezvgen. Warum?
Sie sprang auf, verließ die elterliche Wohnung, nahm den Weg durch die Stadt, kam in die alten, winkligen Straßen, erreichte fast sein Geschäftshaus und diesmal, nachdem sie diesen Weg immer vergebens gemacht hatte, diesmal traf sie ihn.
Ihr Zorn, ihre Wut verflog bei feinem Anblick; sie ging ihm entgegen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Herr Morland!" klang ihre Stimme voll unterdrückter Erregung.
Er hielt ihrem Blick stand „Kommen Sie, um mir Glück zu wünschen?"
„Fred, warum haben Sie das getan?"
„Man ist nicht immer Herr seiner Handlungen", antwortete er und fügte leichthin hinzu: „Schließlich — warum hätte ich es nicht tun sollen?"
„Ein Mann wie Sie hätte sich nicht verkaufen dürfen."
Sein Kopf flog jäh zurück, in feine Augen kam kalte Abwehr. „Sie sollten Ihre Worte nicht gar so keck wählen", erwiderte er schroff. „Man übersieht die Lage des anderen stets nur lückenhaft."
Sie ließ den Kopf sinken, fühlte, wie Tränen in ihrer Kehle würgten.
Nun tat sie ihm fast leid. Sie konnte ihrem Herzen ebenso wenig gebieten wie er dem feinen. Und das feine... Wie lange mochte es her fein, I daß es verlernt hatte, rascher zu schlagen?
Er nahm ihre Hand, drückte sie warm. „Irene, ich habe nie Unordnung in Ihr Leben bringen
wollen", sagte er leise und eindringlich. „Sie werden darüber hinwegkommen. Freuen Sie sich, daß Sie Ihren Weg jetzt so klar, so unbeirrt gehen können."
Sie fühlte den Druck seiner Hand, hörte seine Schritte sich von ihr entfernen, ging weiter.
Sie hatte sich ihm angeboten, war verschmäht worden; sie hatte das Aeußerste gewagt — umsonst. Ihre Lippen preßten sich aufeinander, ihre Zähne knirschten. Wie sie ihn haßte! Wie mochte er ihrer Liebe jetzt spotten. Wie kalt, wie roh mußte dieser Mensch sein!
Zwei Sonntage darauf hielt Irene großen Empfang. Sie stand strahlend, festlich geschmückt, eine auffallend kostbare Brillantenkette um den Hals, den funkelnagelneuen Verlobungsring am Finger, neben ihrem Bräutigam, der noch röter als sonst aussah, und gemeinsam mit ihr die Glückwünsche entgegennahm. Die ganze Diele in der Wohnung ihrer Schwiegereltern stand voll Blumen; zwei Zimmer reichten kaum aus, um die vielen mehr oder weniger kostbaren Geschenke aufzubauen. Es war eine Verlobung ganz großen Stils, wie Irene es immer erträumt hatte. Sie fühlte den Neid und die Bewunderung ihrer Freundinnen und war glücklich.
„Du siehst fabelhaft aus, Irene."
„Und der Schmuck! Welch ein Glück du hast! Es gibt nicht viele Kurt Lechners", klangen die Stimmen ihrer Freundinnen zusammen.
„Da waren wir am vorigen Sonntag in einem anderen Haus."
„Ja, da sah es anders aus."
„Irene zoa die Freundinnen beiseite. „Ihr wart bei Liane? Ich hatte natürlich keine Zeit."
„Ach du, da hast du etwas versäumt. Das war drollig! Er war gar nicht da, und sie war offensichtlich verlegen."
„Natürlich wurde alles auf das Trauerjahr geschoben, aber sie sah aus wie nach dem Tode ihres Vaters."
„Was ihr nicht sagt — und wollen sie bald heiraten?"
„Das wußte sie selbst noch nicht, das wird er bestimmen."
„Wenn er vom Geschäft abkommen kann. Man meint wirklich, er sei der beschäftigtste Mann von der Welt."
„Und denk dir, noch nicht einmal ein Bild hat sie von ihrem Verlobten."
„Hat er ihr gar nichts geschenkt?"
„Doch, einen wundervollen Platinanhänger mit einem Saphir."
Irene fühlte ihre breite Brillantenkette plötzlich an ihrem Halse brennen. „Hoffentlich ist der Saphir auch echt."
Sie lachten. „Tilde behauptet es, und die will doch etwas davon verstehen."
„Irene, Irene!" Kurt suchte nach seiner Braut.
„Was denn, Schätzchen?" lachte sie ihn an und nahm seinen Arm fest in den ihren.
„Die ist glücklich!" sagten die Freundinnen hinter ihr her. „Die hat ihr Glück gemacht."
Zweites Kapitel.
Liane.
Wie hatte geschehen können, woran zwei Menschen niemals gedacht? Was hatte sich ereignet, als Liane damals ihren Wagen aus der Garage genommen und nach Offenbach gefahren war?
Um zu dem Privatbüro ihres Vaters zu gelangen, mußte sie durch den Offertenraum und durch die Buchhaltung gehen. Sie öffnete die Tür zu dem letzteren, sah viele fremde Gesichter vor sich, die sich erstaunt und fragend auf sie richteten, und tiefe Verlegenheit Überkam sie.
„Ach, Fräulein Scholz, soll ich Sie Herrn Morland melden?" ertönte eine bekannte Stimme neben ihr. Der Prokurist war an ihre Seite getreten.
„Ich muß Herrn Morland sofort sprechen!" stieß sie hervor, während glühende Röte ihre Wangen bedeckte. Sie fühlte während der ganzen Zeit, die sie in dem Raum wartete, die neugierig-forschenden Blicke des Personals auf sich gerichtet und empfand es als Wohltat, als der Prokurist zurückkam.
„Herr Morland bittet Sie, sich noch einige Minuten gedulden zu wollen — er ist beschäftigt", sagte er, Liane wieder in den Offertenraum weisend.
Liane folgte, sie nahm mechanisch auf einem Stuhl Platz. Die Tür wurde hinter ihr geschlossen; sie saß ganz allein in dem engen Raum wie je» manb, der eine Offerte abzugeben hatte.
Ihre Verwirrung und Aufregung machten langsam einer ohnmächtigen Wut Platz. Sie wurde behandelt wie eine Fremde, hier konnte sie nun warten — sie, die Tochter des einstigen Chefs, vor der sich einst alle Türen aufgetan hatten; die überall, wohin sie in diesem Gebäude getreten war, mit freundlich-devotem Lächeln begrüßt worden war. Nun betrachtete man sie wie einen Eindringling, und sie konnte in diesem kahlen, oben Raum warten, bis es bem Herrn gefällig war, sie zu rufen.
Liane sprang auf, sie lief innerlich rebellierend mit hastigen Schritten in bem Raum auf und ab. Was maßte sich biefer Herr Morland an? Nu^ sie wollte ihm schon zeigen, wer sie war!
Endlich öffnete sich die Tür wieder; Liane wurde gebeten, einzutreten.
Fred lehnte an seinem Schreibtisch. Sein Blick sah ihr groß und ernst entgegen, und seine kühle Stimme klang: „Bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein Scholz! Was führt Sie zu mir?*
< Fortsetzung folgt!)


