Karten zu ermäßigten Preisen auch an der Theaterkasse ausgegeben. Man beachte die heutige Anzeige. — Warum tut Blutuntersuchung not? lieber dieses Thema wird der Direktor des Physiologischen Instituts der Universität, Professor Dr. B ü r k e r, im Rahmen seiner öffentlichen Dorträge über Physiologie am kommenden Sonntagvormittag im Physiologischen Institut sprechen. Der Dortrag ist für jedermann zugänglich. Siehe heutige Anzeige.
** Reichshandwerksmeister Schmidt spricht heute im Reichssender Frankfurt. In der ständigen Sendung des Reichssenders Frankfurt „Aus Wirtschaft und Arbeit" spricht am heutigen Dienstag, 29. Januar, von 18.15 bis 18.30 Uhr der Reichshandwerksmeister W. G. Schmidt zu den beiden neuen Verordnungen über den Auf
bau des deutschen Handwerks und ihre Auswirkungen.
** Stadttheater-Abonnement. Die Einlösung des fünften Abschnittes des Stadttheater- Abonnements betrifft eine Bekanntmachung der Bürgermeisterei in unserem heutigen Anzeigenteil, auf die besonders hingewiesen sei. ,
** „Die Schule im Dien sie des Luftschutz." Der Reichsluftschutzbund teilt uns mit: Unsere Mitglieder und alle Volksgenossen aus Stadt und Land werden auf die auf den Deutschland- und Reichssender Frankfurt übertragene Reportage von der Eröffnung einer Luftschutzschule hingewiesen. Die Sendung lautet „Die Schule im Dienste des Luftschutz" und wird heute von 19 bis 19.20 Uhr übertragen. Es spricht auch der Präsident des Reichs- luftschutzbundes, Generalleutnant a. D. Grimme.
Erbbiologische Ehe- unb zamilienberaiungsflelle (Bei der Abteilung Lrbgesundheits- und Rassenpslege, Gießen. Friedrichstraße 18. Seitenbau der Augenklinik. — Sprechstunden: Freitags. 17 bis 18 Uhr nachmittags. — Telephonnummer 3173.)
Ausgehend von der Erkenntnis der großen Bedeutung der Familien- und Sippenforschung für die Ausartung unseres Volkes und für die Hebung des Familiensinns und die Erzielung einer erbgesunden Nachkommenschaft hat die Abteilung für Erbgesund- heits- und Rassenpflege eine öffentliche und kostenlose Beratungsstelle eingerichtet.
Famitiensterben ist Volkssterben. Entartung der Familie ist Entartung des Volkes und Aufstieg der Familie bedeutet Aufstieg des Volkes. Die Familienforschung ist nicht nur in der Lage, jeden Klassengeist und Standesdünkel zu beseitigen. sondern sie ist Wegbereiterin der Vererbungswissenschaft. die bei der Eheberatung und den notwendigen rassenhygienischen Ge- sehesmahnahmen von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Die Beratung erstreckt sich demnach auf L h e- beratüng und Beratung in fami- llengeschichtlichen Fragen. Die Ehebe- ratung erstreckt sich auf Untersuchung der Ehe
partner, auf Ehetauglichkeit und auf Beurteilung der Frage, ob von erbgesundheitlichem Standpunkt aus Nachkommenschaft der betreffenden Ehe empfehlenswert ist, oder nicht.
Wie bereits erwähnt, erteilt die Abteilung auch Rat in familiengeschichtlichen Fragen. Um hier allen Irrtümern vorzubeugen, sei bemerkt, daß die Abteilung, wenn sie auch sehr reiche Bestände an familiengeschichtlichen Unterlagen besitzt, nicht jedem Ratsuchenden einen fertigen „Stammbaum" mitgeben, oder die Aufstellung von Stammbäumen abnehmen kann. Biologische Familienkunde unterscheidet sich von der rein historischen Familiengeschichtsforschung im wesentlichen dadurch, daß erstere in die Breite, letztere aber in die Tiefe forscht. Der Rat kann sich daher nur erstrecken auf Fragen über die Anlagen von Stamm-, Ahnen- und Sippschaftstafeln, Rat im Aufsuchen von Quellen usw.
Es kann jedem empfohlen werden, die' Beratungsstelle, die kostenlos fachmännischen Rat erteilt, aufzusuchen, nicht nur in seinem persönlichen Interesse, sondern auch im Interesse einer erbgesunden Nachkommenschaft.
Oberheffen.
Generalversammlung der Vieh- verwertungsgenoffenschast Butzbach.
4- Butzbach, 26. Jan. Im Saale des „Hessischen Hofes" tagte die Generalversammlung der Bezirksgenossenschaft für Diehverwertung Butzbach. Die Vertreter waren fast vollzählig erschienen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Bürgermeister Schneider aus Ostheim, begrüßte die Teilnehmer. Anschließend gab der derzeitige Direktor der hiesigen Bezirksgenossenschaft den Jahresbericht für 1934, in dem er besonders hervorhob, daß ein weit höherer Umsatz als im vorhergehenden Jahre zu verzeichnen und somit der Beweis erbracht sei, daß mehr Vertrauen zur Diehverwertungsgenossenschaft bestünde. Die Zahl der Mitglieder sei gleichzeitig um mehr als 200 gestiegen. Daraufhin gab der Geschäftsführer Morr die Bilanz bekannt. Verglichen mit dem Umsatz des Gründungsjahres 1930 mit rund 75 000 Mark, betrug er 1934 1 589 570 Mark, wobei die Monate April mit rund 62 000 Mark und Juli mit 67 000 Mark als diejenigen Jahresabschnitte mit dem Höchstumsatz zu nennen sind. Insgesamt wurden im Berichtsjahre 4214 Stück Vieh, gegenüber 3847 im Jahre 1933, verkauft, darunter waren 593 Stück Großvieh, 2526 Schweine, 1000 Kälber und 92 Schafe. Außerdem gaben die Genossenschaftsmitglieder direkt an Metzger 1229 Stück Vieh ab, nämlich 138 Stück Großvieh, 908 Schweine, 183 Kälber. Die Haftsumme hat sich um fast 20 000 Mark und die Geschäftsguthaben um 915 000 Mark erhöht. Die Zahl der Mitglieder be
trägt nunmehr 1304. Nachdem der Jahresbericht eine kurze Besprechung erfahren hatte, wurde er nebst der Bilanz von der Generalversammlung einstimmig angenommen.
Durch den Oberrevisor Hartmann wurde im Sommer eine Kassenrevision vorgenommen, die keine wesentliche Kritik erfuhr. Es folgten nun die satzungsgemäß vorzunehmenden Wahlen: Für das ausscheidende Aufsichtsrats - Mitglied Schneider aus Kirch-Göns wurde W. Ruth (Pohl-Göns) neugewählt. Eine Wiederwahl erfuhr das Vorstandsmitglied W. Philipps aus Fauerbach. Ebenfalls kam neu hinzu der Geschäftsführer M o r r. In dem Aufsichtsrat verblieben weiterhin durch Wiederwahl A. Schneider (Ostheim), Hitze! (Münzenderg) und Burk (Ober-Mörlen).
Bei Punkt Verschiedenes entspann sich eine längere Aussprache, in der entsprechende Anregungen für die Beschaffung von Nutzvieh gegeben wurden. Ein eingebrachter Antrag wurde angenommen, der beim Einkauf von Nutz- oder Zuchtvieh von feiten der Viehverwertungsgenossenschaft eine gewisse Garantiesumme zur Verfügung gestellt wissen will. Aus der Versammlung heraus wurde von Genossen an einzelnen Mißständen am Frankfurter Schlachtviehmarkt Kritik geübt, denen auch der Kreisbauernführer D ö r r s ch u ck (Friedelhausen) und der Abteilungsleiter Sauer (Frankfurt) beipflichten muhten. Der frühere Geschäftsführer, Landwirtschaftsassessor Fahney, konnte zur Beruhigung und Aufklärung mitteilen, daß die verurteilten Mißstände inzwischen abgestellt worden seien.
Nachdem noch einige interne und persönliche Fragen erörtert und eingehend geklärt worden waren, schloß der Aufsichtsratsvorsitzende Schneider in der üblichen Weise mit einem „Sieg-Heil!" auf Führer und Vaterland die anregend verlaufene ordentliche Generalversammlung der Diehverwertungs- genossenschast des Bezirks Butzbach.
Landkreis Gießen.
X Wieseck, 28. Ian. Unser Gesangverein „Eintracht" hatte sich in dankenswerter Weise entschlossen, das hier schon einmal gegebene Schauspiel „Der Glockenguß zu Breslau" zu wiederholen und die Gesamteinnahmen des Abends dem Winterhilfswerk restlos zur Verfügung zu stellen. Der Leiter des Vereins, Sparkassendirektor Werner, wies in seiner Begrüßungsansprache auf die Aufgaben des Winterhilfswerkes hin und betonte, daß auch die Besucher durch ihr zahlreiches Erscheinen gezeigt hätten, daß sie dem Führer in seinem Kampf um Hunger und Kälte beistehen. Er schloß mit dreifachem Sieg-Heil auf Führer und Vaterland. Umrahmt von Vorträgen des Orchesters kam das Schauspiel zur Aufführung, das nicht zuletzt durch das ausgezeichnete Zusammenspiel von Otto S e u l i n g, Erich und Emma Schreiner, Ernst Simon, Otto Schäfer, Elli Erb, Alfred Wacker, Karl V ö l z e l und Ernst Werner tiefen Eindruck hinterließ. Verstärkt wurde dieser noch durch den Gesang von zwei Chören „O Schutzgeist alles Schönen, steig hernieder" und „Deutschland", die der Verein unter der bewährten Leitung seines Dirigenten Leib (Gießen) vortrug. Ein militärischer lustiger Einakter, gespielt von Hch. Abel und Ernst Simon, beschloß den schönen Abend.
S A11en - Buseck, 28. Jan. Am Samstagabend fand im Saale von Wilhelm Rühl die diesjährige Generalversammlung des Männerg es ang - Vereins statt. Vorsitzender M u h l y begrüßte die Mitglieder und eröffnete die Tagesordnung mit der Bekanntgabe des Jahresberichtes. Anschließend verlas der Kassenwart S ch ä s e r die Jahresabrechnung, deren Prüfung keinerlei Anstände ergab. Der Vorsitzende brachte alsdann die von der Gauleitung herausgegebenen neuen Satzungen zur Kenntnis der Versammlung. Anstelle eines ausscheidenden Vorstandsmitgliedes wurde Friedrich Krämer als Vorstandsmitglied bestimmt. Die freigewordene Stelle des Kassierers und Vereinsdieners wurde Heinrich Reif übertragen. Für 25jährige treue Mitgliedschaft wurden die beiden Sänger Wilhelm Rühl und Friedrich Wagenbach zu Ehrenmitgliedern ernannt. Auch in diesem Jahre konnte wieder eine Anzahl Mitglieder für pünktlichen und regelmäßigen Besuch der Gesangstunden mit lieber» reichung der Ehrennadel bedacht werden. Der zweite Vorsitzende, Bürgermeister Kahl, richtete dann noch ermahnende Worte an die Sänger und Gesangsfreunde, alles Trennende zu vergessen und sich auch in den Gesangvereinen geschlossen hinter unseren Führer zu stellen. Mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer wurde der geschäftliche Teil der Versammlung beendet, dem sich noch einige Stunden gemütlichen Beisammenseins anschlossen.
wg. Großen-Buseck, 28. Jan. Im Gasthaus „Zum Schwanen" wurde die gut besuchte Generalversammlung der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr abgehalten. Der erste Kommandant Wilhelm Harbach III. eröffnete die Versammlung, gedachte der segensreichen Arbeit des Führers Adolf Hitler und erinnerte an den Tod des Reichspra- fibenten von Hindenburg. Zum Gedenken erhoben sich die Versammlungsteilnehmern von den Plätzen. Für vorbildliche Pflichterfüllung sprach der Kommandant sodann den Kameraden, den Obmännern, den Ab- teilungsführern Dank aus. Mit dreifachem „Sieg- Heil!" auf den Führer schloß er seine Ansprache. Gemeinsam wurden das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied gesungen. Sodann wurde der Jahresbericht erstattet. Es fanden sieben Hauptver- sammlungen, sechs Vorstandssitzungen und sechs Hebungen statt. Die Hebungen verliefen zur allgemeinen Zufriedenheit. Die Feuerschutzwoche war mit entsprechenden Veranstaltungen begangen worden, die Wehr war bei dem Frühjahrs- und beim Herbstverbandstag in Gießen bzw. in Leihgestern vertreten, sie nahm am Oberhessischen Feuerwehrtag in Bad-Nauheim teil und entsandte verschiedene
Kameraden zum Besuch der Feuerwehrschule nach Frankfurt. Nachdem man den Revisionsbericht des Kameraden Otto Sfephan gehört hatte wurde dem Rechner Entlastung erteilt. Die Kasse weist einen befriedigenden Stand auf. Dem Kassenwart Henß, dem Zeugwart und dem Schriftwart, insbesondere aber der Gemeinde für finanzielle Unterstützung, wurde herzlicher Dank gesagt. Dem Spritzenmeister wurde Anerkennung für die Jn- ftanbnaltung der Geräte zuteil. Im vergangenen Jahre konnten 14 Mitglieder für 15jährige treue Dienstzeit geehrt werden. Kamerad Wilhelm Schmidt wurde zum Beisitzer ernannt Zum Schluß der Versammlung verlas Kamerad Meyer einen Vortrag über die Feuerwehren im neuen Deutschland.
<£ Reiskirchen, 28.Ian. Am Samstagabend fand bei Gastwirt Gundrum der alljährliche Fami- lienabenb des hiesigen Kriegervereins statt. Vereinsleiter Menget begrüßte die Gäste mit einer Ansprache, in der er die Verdienste Hindenburgs würdigte. Kamerad Glaub wies in einer weiteren Ansprache auf die Größe Hitlers und die Zusammen- hänge zwischen Soldat, SA.-Mann und Volksgemeinschaft hin. An den gemeinsam eingenommenen üblichen Kaffee schlossen sich Tanz und eine Tombola an. Damit fand der sehr harmonisch und kameradschaftliche Abend feinen Abschluß.
* Ettingshausen, 28. Jan. Ein Bunter Abend sand hier am Samstag statt, der von der NS. - Kulturgemeinde „Kraft durch Freude" veranstaltet wurde und sich des besten Besuchs erfreuen durfte. Den Gießener Künstlern wurde ein herzlicher Empfang bereitet. Gleich der Ansager fand den richtigen Ton, Freude und Humor aufkommen zu lassen und Stimmung zu halten. Es stellte sich zunächst der Bassist des Gießener Stadttheaters, Franz Valckenberg, vor: fein mächtiges und gepflegtes Organ sowie die lustige Art seines Vortrages fanden herzliche Anerkennung und verdienten Beifall. Für den leider durch Erkrankung verhinderten Kurt Richter war Rudolf Kley vom Landestheater Braunschweig einge- fprungen; die sympathische Art seines Vortrags und die mühelose Tongebung, dazu die sehr ansprechende Zusammenstellung der Darbietungen sicherten ihm allgemeinen Beifall. Die jugendliche Tänzerin Hilde Plank zeigte neben hübschen Kostümen beachtliche Proben gediegenen Könnens und ertanzte sich schnell begeisterte Zustimmung. Allen war Thea Petry eine sorgsame, feinfühlige Begleiterin am Klavier; außerdem bereicherte Frl. Petry das Programm mit hübschen Gedichten „Um das Kind", die sie in netter, lieber Art mit aller naiven Humorigkeit zum Vortrag brachte. Eine Nummer für sich: Paul Nieren als Ansager: man kann ihm nicht böse sein. Sehr beachtlich seine humorvollen Vorträge voll lachender Philosophie. Die drei Gebrüder Schmidt (Lich) übernahmen den musikalischen Teil und erfreuten durch gutes musikalisches Können und reiche Abwechslung der Dortragsfolge. Man bedauerte es lebhaft, als das Programm mit dem „Radio-Sketsch" seinen Abschluß fand. Ein „Bunter Abend" wie er fein soll und wie er hinsichtlich der' Programmgestaltung gewünscht wird. Man blieb noch lange bei Unterhaltung Und Tanz zusammen.
[Q Queckborn, 28. Ian. Die vergangene Woche stand wieder ganz im Zeichen des Winterhilfswerks. Das Mehl von 39 Zentner Roggen steht in der hiesigen Mühle Schillinger zum Abtransport bereit. Die Wurst- und Specksammlung ergab 85 Pfund Dauerware. Eine Pfundsammlung ergab 73 Pfund Bohnen, Erbsen usw. Der DDA- Opfertag für die Winterhilfe ergab 11,45 Mark. Das ist Sozialismus der Tat!
> Queckborn, 28. Ian. Am Samstag hielt der hiesige Gesangverein „Iugendtreu" im Vereinslokal Görnert seine diesjährige Generalversammlung ab. Nach Vortrag eines Chores eröffnete der Vereinswalter H. Brück III. den geschäftlichen Teil. Der Verein zählt 45 aktive Sänger. Es wurden 34 Singstunden gehalten. Der Verein trat zwölfmal bei Ehrengesängen und vaterländischen, sowie kirchlichen Veranstaltungen an die Oeffentlichkeit. Der Besuch der Singstunde erfolgt wieder regelmäßiger, etwa 88 v. H. Die Kas- 1 senoerhältnisse des Vereins sind gut. Nach Vortrag
Andreas Hofer.
Eine sndeiendenffche Geschichte.
Von Robert Hohlbaum.
Ich sehe ihn noch vor mir, den riesigen Mann mit dem langen schwarzen,- später schwarzgefärbten Barte, in der für einen Schlesier mehr als absonderlichen Tracht, rotbraunem Janker, grünen Hosenträgern mit gesticktem „Grüaß Goot" und — das war für uns das Merkwürdigste — nackten Knien und Stutzen, kurz, es war eine Tracht, die ins Passeiertal, aber nicht in die Altvaterberge gehörte. Wir Lausbuben rannten hinter ihm her und schrien seinen Spottnamen „Andreas Hofer", was ihn aber nicht anfocht, er ging aufrecht weiter, unserer Rufe nicht achtend, denn für ihn war der Name ein ehrenvolles Beiwort und kein Schimpf. Wie er dazu gekommen war, darüber bestanden zwei Fassungen des Berichtes. Die erste, ehrenvollere wußte zu sagen, daß er einst in grauer Vorzeit bei der Vorführung eines Andreas-Hofer- Stückes im katholischen Gesellenverein die Hauptrolle gemimt und vergessen habe, auf den dröhnen- den^Schuß hin umzufallen, eine andere, daß er, als Zuschauer auf der Galerie eingeschlafen und vom plötzlichen Schuß erweckt, heruntergefallen sei. Daran sollte in der Hauptsache eine Flasche Schuld getragen haben, die er noch in unseren Tagen mit sich trug, rauhe Wurzeln ragten heraus und markierten verschämt den Begriff Kräuterlikör, im übrigen mar sie mit reinem Spiritus gefüllt. Er jedoch betonte stets, das fei die Lieblingsmarke des Sandwirts von Passeier gewesen, ohne die er die Schlacht am Iselberg nicht geschlagen hätte, und es fei nur recht und billig, daß er, die Inkarnation — dieses hochtrabende Wort gebrauche natürlich nur Och, der verbildete Nachkomme —, daß er sein Pietätsgefühl bis auf diese Einzelheiten erstrecke.
Der gute Mann war früher, Vernehmen nach, ein ruhiger friedlicher Zeitgenosse gewesen, aber mit dem Namen und der damit verbundenen neuen Würde hatte sich seiner ein stolzer Freiheitsdrang bemächtigt, der ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Wo immer ein Krakeel im Gange war, wo immer er Verdacht hegte, die Freiheit werde unterdrückt, mischte er sich hinein, störte sogar Amtshandlungen der Polizei und wurde des öftern gefangen gesetzt, was mit seiner Heldenwürde ganz gut übereinstimmte, denn Andreas Hofer hatte ja auch zu Mantua in Banden geschmachtet. Wenn man durch das düstere „enge Gasse!" ging, das die dichtvergitterten Fenster des Stadtgefängnisses flankierten, konnte man aus dem Unsichtbaren gar oft einen geheimnisvoll gegröhlten Gesang hören, der sich be
sonders Kundigen als das Andreas-Hofer-Lied entschleierte, und ich erinnere mich, daß mich in solchen Augenblicken die ganze Geisterhaftigkeit einer verklungenen Schauerzeit anwehte, und ich mir gelobte, nie mehr dem Andreas Hofer nachzuspotten, ein Schwur, den ich am hellen Tage allerdings wieder leichtlich brach.
Ich entwuchs sowohl den Schauern als den Laus- bübereien, und als ich, nach Jahren langer Abwesenheit, wieder einmal die Heimat besuchte und mich nach dem Schicksal meines seltsamen Freundes erkundigte, erfuhr ich, er fei daran, im Greisenasyl ein unrühmliches Ende zu nehmen.
Und bann versank die alte sorglose Zeit und eine andere stieg auf, jener fernen viel näher, die uns als Kindern ein fernes Märchen gedünkt hatte. Fremde feindliche Soldaten marschierten durch die Gassen meiner kleinen Heimatstadt, wie einst durch die Dörfer Tirols.
Kein Andreas Hofer erstand, keine Schlacht am Berge Jfel wurde geschlagen, kein furchtbares Gefecht an der Ponzlatzer Brücke, nur einmal versammelten sich alle, die an Deutschland hingen, Männer, Frauen, Kinder auf dem Markte, um Zeugnis für ihre Verbundenheit mit dem großen Vaterlande abzulegen, friedliches, in den Rahmen des Gesetzes gebettetes Zeugnis.
Der Alte im Greisenasyl hatte eine unruhige Nacht verbracht und war von der Pflegerin des öfteren verwarnt worden. Im grauen Morgen erhob er sich, trat ans Fenster und lauschte. Eine Ahnung hatte ihn befallen, daß da draußen sich etwas vorbereitete, das mit seinem früheren Leben, mit der Rolle, die er unfreiwillig und freiwillig gespielt, in irgendeinem Zusammenhang stehe. Kein Zureden, kein Drohen half, unbewegt hielt er am Fenster und lauschte, bis der anhebende Lärm der Menge, die sich von allen Seiten nach dem Marktplatze wälzte, auch in die Stille des Asyls drang.
Da straffte sich noch einmal die gebückte Gestalt, [ein wankender Gang wurde aufrecht, die schlurfenden Füße faßten festen Tritt, das verschwommene Auge erspähte den Augenblick, da die Pfleaerin nach dem Frühstück ging, die zitternde Hand öffnete zielbewußt den Koffer, zog Daraus das vergilbte Gewand, die braunrote Jacke, den grünen Hosenträger mit der Grüaß-Goot-Jnschrist, die Lederhose, Stutzen und grobgenagelten Passeierschuhe, und legte, von den Gefährten stumpf beglotzt, Stück um Stück an. Dann ging er, wie mit dem Instinkt des witternden Tieres begabt, in einem unbewachten Augenblick aus dem Tor, tappte die Gasse lang, bis er in die Menschenflut tauchte und mit ihr dahinfloß.
Die Vorgänge sind bekannt. Das fremde Militär
choß in die friedlichen Waffenlosen, in Männer, Frauen, Kinder. Bald lag der Markt leer, nur die Toten deckten die Erde.
Unter ihnen war auch ein Greis in seltsamer Kleidung, in rotbrauner Jacke und Lederhosen, aus der die armen dürren Knie stachen, nur das „Grüaß Goot" des grünen Brusthalters war nicht mehr zu entziffern, das Blut hatte es verwaschen.
Ehe man die Toten forträumte, stand ich noch lange an der Leiche des Greises und las aus den entrückten Zügen dis seltsam ernste Erfüllung und Verklärung eines lächerlich wirren Lebenstraums.
Geschichten von Händel.
„Mannberg" nannten ihn die Zeitgenossen, denn er war ein Riese von Wuchs, oder den großen Bären, und was er an Große schon besaß, gab ihm namentlich das Alter noch an Leibesfülle. Auf feinen krummen, säulenschweren Beinen schritt er schlurfend durch die Straßen von London, mit wiegendem Gang, geistesabwesend vor sich hin brum- wend, den Kopf zurückgeworfen, daß die große, weiße Perücke die Schultern überflutete. Sein Gesicht war furchteinflößend, gravitätisch, aber die Augen versöhnten mit dem Schrecken, den man oft von ihm empfing. Der edelgeformte Mund behielt den belustigt-lächelnden Zug, den er schon zu Knabenzeiten gehabt hatte, und in den Augen glomm — waren sie auch noch so zorndunkel — allzeit ein schelmisches Licht. Er konnte die drolligsten Geschichten erzählen und dabei ein Gesicht machen, als könnte er kein Wässerchen trüben, den Leuten nur ohne Scheu mitten ins Gesicht blickend, und „märe er ein so großer Meister der englischen Sprache gewesen wie Swift" — dessen »Gulliver* damals in aller Munde war —, „so würde er ebenso viele witzige Einfälle gehabt haben und ziemlich von eben demselben Schlag". Aber „um recht zu würdigen, was er sagte, mußte man fast vier Sprachen beherr- schen: Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch, die er alle miteinander vermengte". Im Jahre 1710, so lesen wir in dem meisterhaften Bildnis, das der Dichter Edzard H. Schaper im Februarheft von Delbagen & Klasings Monatsheften veröffentlicht, war er nach England gekommen, ohne ein Wort Englisch zu können; später lernte er ein paar Brocken, schreibt von einer Reise auf dem Festland nach London, daß er unterwegs -Sprachstudien triebe, aber zeit seines Lebens rang er doch mit einem Unikum von Sprache und kauderwelschte sich durch sein Leben. Aus diesen Sprachnöten läßt es sich, abgesehen von seiner Heftigkeit, auch ver- stehen, daß er soviel brüllte, schimpfte und fluchte: im Zorn verstand man ihn sofort. Er hatte eine
Art, „Chorus!" zu brüllen, wenn seine Choristen nicht bei der Sache waren, daß es das Parkett falt überlief. Und sobald die große Perücke sich sträubte und zu zittern begann, wußte man, was die Glocke geschlagen hatte. — „Still, Kinder, still, Vater Händel wird böse!" beschwichtigte die Prinzessin von Wales die plappernden Hofdamen in den Proben, denen sie beiwohnten, aber Händel drehte sich zu allem Ueberfluß noch um und rügte die erschrockenen Bösewichter, „indem er sie gemeyniglich bey ihrem Namen aufrief". „Während der Proben war er ein Mann von Autorität, aber in seinen Bemerkungen und selbst in seinem Tadel steckte oft ein Humor von größter Komik." Als sein Konzertmeister einmal bei einer Kadenz den Faden verlor und aus einer Tonart in die andere irrte, bis er endlich wieder die Tonart des Werkes an dieser Stelle gefunden hatte, rief er ihm vor versammeltem Publikum lachend zu: „Willkommen daheim, Mister Du- bourg!" Er nahm keine Rücksicht. Beständig war dieser Riese in ein bärenhaftes Brummen und Summen gehüllt, wenn er friedlich war, und er brüllte und fluchte, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. In ihm steckte ein unbändiger Drang, die Wahrheit zu sagen, „und distinguierte Herren von Stand bezeugten" — in einer Zuschrift an die Londoner Daily Post — „öffentlich ihre Unzufriedenheit mit feinem Betragen". Er hatte auch niemals bie Zeit, sich in verwickelte Höflichkeitsphrasen einzulassen, wenn ihm etwas nicht paßte. Als eine cholerische Primadonna sich weigert, bei einer Probe eine Arie zu fingen, die sie ihrer Stimme nicht würdig erachtet, packt er sie einfach um die Taille, schleppt sie zum Fenster, droht, sie aus dem zweiten Stockwerk hinunterzuwerfen, und sagt bündig: „Madame, ich weiß wohl, daß Sie eine große Teufelin sind, aber ich, ich bin Beelzebub, der Herr aller Teufel!"
Mark Twain und die Skulptur.
Mark Twain war bei einem Freund zu Besuch. Der Hausherr führte den berühmten Gast zu einem kleinen Kunstwerk, einer Skulptur, auf deren Besitz er besonders stolz war. Es war eine Frauengestalt mit graziös emporgehobenen Armen, die damit beschäftigt war, ihr Haar zu ordnen. Alle priesen die Feinheit dieser künstlerischen Arbeit, nur Mark Twain blieb schweigsam. „Nun," bemerkte schließlich der von Stolz erfüllte Besitzer zu dem Dichter, um auch dessen Urteil zu hören, „was halten Sie davon?" — „3a," meinte Mark Twain, „das ist gan- hübsch, aber nicht naturwahr". Ueberall großes Erstaunen. „Warum denn nicht?" fragt man den Dichter. „Sie müßte doch Haarnadeln im Munde haben," meinte Mark Twain mit unerschütterlichem Ernst.


