Dienstag, 29. Zanuar M5
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 24 Drittes Blatt
Aus der provmzialhauptstadi.
Nicht bestellt und nicht abgeholt.
Gelegentlich wird dem Hausherrn eine Ueber- raschung zuteil, daß ihm eine Sendung Zigarren, die er nicht bestellt hatte, ins Haus geschickt wird in der Hoffnung, er würde die Summe einschicken, die auf dem Begleitschreiben gefordert wird. Auch die Hausfrau erhält oft unbestellte Sendungen und ist dann in Verlegenheit, was sie damit anfangen soll. Sie hat das Paket aufgemacht, sah, daß sich der Inhalt für ihren augenblicklichen Bedarf nicht eignet und glaubt, gewissenhaft wie sie ist, die AZaren an den Absender zurückschicken zu müssen. Der Mann erklärt ihr, daß sie unbestellte Waren grundsätzlich nicht zurückzuschicken braucht. „Aber", wendet die vorsichtige Hausfrau ein, „es lag doch Rückporto bei". Auch das ist im Grunde genommen kein Anlaß, die unbequeme Last durch die weitere Unbequemlichkeit, sie zur Post zu bringen, wieder los zu werden. Aber wenn man sie liegen läßt, so kann unter Umständen ein Zahlungsbefehl der absendenden Firma einlaufen, und nun heißt es handeln. Jetzt muß man dem Lieferanten klar machen, daß seine Ware unwillkommen war, und man muß gegen den Zahlungsbefehl Widerspruch erheben, sonst hat die Sache noch ein unangenehmes gerichtliches Nachspiel.
Auch an der Flurtür werden oft Postkarten oder Warenproben abgegeben, die manchmal achtlos beiseite gelegt werden und im Augenblick, wo der Spender nach ihnen fragt, unauffindbar sind. Wir haben daher in einer besonderen Ecke in der Küche die „Vorratskammer" für unbestellte Waren angelegt, und machen vorsichtshalber die Pakete auch nicht auf, wenn wir nicht zufällig gerade Bedarf an dem Inhalt haben.
Für immer würden Lieferanten von der Versendung nichtbestellter Waren Abstand nehmen, wenn es ihnen so erginge wie einem Kaufmann in einer östlichen kleinen Stadt, der einen Holzhändler zum Gegenstand seiner überraschenden Zusendungen ausersehen hatte. Er sandte mit unermüdlicher Ausdauer seine Warenproben und Pakete, die der Empfänger sorgfältig aufstapelte. Zuletzt wurde diesem die Sache doch zu bunt, und eines Tages beauftragte er seine Arbeiter, einen dicken Baumstamm in voller Größe auf einem Lastwagen zu dem betreffenden Kaufmann hinzufahren und mitten in sein Geschäft als „Probepäckchen" abzuladen. Diese Geschichte soll den Vorzug haben, wahr zu sein.
Die Hausfrauen werden am besten tun, solche Racheakte nicht auszudenken, sondern die unbestellten Waren lieber umgehend zurückzusenden. Das ist nett von ihr. Auch erspart sie sich dadurch oft Briefe oder Auseinandersetzungen mit dem Absender. Es genügt jedoch, Zeitmangel vorausgesetzt, wenn sie die unbestellten Waren aufbewahrt und zur Abholung bereithält. Unbeschädigt und unbenutzt sind sie zurückzugeben. Sobald man sich einer unbestellten Ware bedient, Scheuertücher oder Taschentücher in Gebrauch nimmt, hat man damit stillschweigend den Kauf vollzogen. Dann muß die Ware bezahlt werden, der Absender braucht sie nicht zurückzu- nchmen
Achtung! Geschützte pflanzen!
Vom Reichsbund Volkstum und Heimat, Ortsring Gießen, Abteilung Naturschutz, wird uns geschrieben:
Das Blühen der Pflanzen hat in diesem Winter fast keine Unterbrechung erfahren. Bald stellen sich auch die Frühblüher unter den geschützten Pflanzen ein, von denen zwei hier hauptsächlich Erwägung verdienen.
Mitunter jetzt schon zeigen sich die kleinen Pfirsichblüten ähnlichen, am Holz sitzenden Blütchen des Seidelbastes (Daphne mezereum). Erst nach der Blüte erscheinen die Blätter. Alle Teile der Pflanze sind stark giftig. Jede Beschädigung des Seidelbastes durch Abschneiden von Zweigen und das Mitführen der letzteren ist verboten. Es wurde festgestellt, daß seither noch an versteckten Stellen im Wald regelmäßig an einzelnen Pflan
zen Zweige mit Blüten abgeschnitten und dadurch die Sträucher in ihrem Wachstum gehemmt und verkrüppelt wurden. Wer sich nicht Bestrafungen aussetzen will, lasse den Seidelbast ungestört im Wald, wo er hingehört, und erfreue sich dort an seinem Dasein.
Noch schlimmer als dem Seidelbast ist es seither der Frühlingsknotenblume (Leucojum vernum), auch „großes Schneeglöckchen" genannt, ergangen. Hauptsächlich im Oberwald vorkommend, trat sie auch in der Umgebung Gießens auf. Hier ist die Frühlingsknotenblume wohl kaum noch zu finden, während sie im Oberwald stellenweise noch häufig vorkommt. Man unterlasse das unsinnige, unter Strafe stehende Ausgraben und Verpflanzen
Fahnen heraus zum 30. Januar!
Am 30. Januar, 20 Llhr, im Case Leib
Großes Militärkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte 116, Gießen, verbunden mit einer
Kundgebung der NSDAP. Gießen
Es spricht: Oer Oberbürgermeister der Stadt Gießen pg. bitter.
Es nehmen teil: Sämtliche Gliederungen der NSDAP. - Oie politischen weiter der Gießener Ortsgruppen sind um 20 Uhr vor dem Eaf6 Leib mit Fahnen angetreten. Alle Volksgenoffen sind zu dieser Kundgebung eingeladen.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Oie Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung Gießen.
Achtung! Betriebsappell am 30. Januar 1935
Am 30. Januar, dem Tag der Reichsgründung und der Machtübernahme durch unfern Führer, werden in sämtlichen Betrieben (auch Handwerksbetrieben) vetriebsappelle abgehalten.
Wegen der großen Anzahl der Betriebe ist es nicht möglich, überall einen Redner hinzuschicken. In diesem Fall wird der Appell von dem Betriebsführer bzw. dem Betriebsgemeinschaftswalter abgehalten. Der Appell soll nicht länger als fünf Minuten dauern, er hat lediglich die Aufgabe, dem Gedanken der Gemeinschaft zu dienen und dieses zum Ausdruck zu bringen.
Der Appell wird mit einem nationalsozialistischen Lied eröffnet, dann hält der Betriebsführer bzw. der Betriebsgemeinschaftswalter eine kurze Ansprache oder liest einige nicht aus dem Zusammenhang gerissene Worte von Adolf Hitler «Mein Kampf" vor. Anschließend Sieg-Heil auf den Führer. .
Diejenigen Betriebe, in denen ein Redner der Partei oder der DAF. den vetriebsappell abhalt, erhalten besondere Nachricht.
Die Gottesdienste am morgigen Zahrestag.
Gießen. Stadtkirche. 19 Uhr: Pfr. Becker. — Jo- hanneskirche. 19: Pfr. Bechtolsheimer. — Kapelle des Alten Friedhofs. 19: Pfr. Anthes. — Petrus- kapelle. 19: Pfr. Trapp. — Wieseck. 20: Dankgottesdienst: Gesangverein Eintracht. — Steinbach. 20: Gottesdienst. — Albach. 19: Gottesdienst. — Heuchelheim. 20: Gottesdienst. — Kirchberg. 20: Dankgottesdienst. — Garbenteich. 19.45: Gottesdienst. — Hausen. 19: Gottesdienst. — Münzenberg. 20: Gottesdienst; Kollekte für bedürftige evangelische Saargemeinden. — Trais-Münzenberg. 18.30: Gottesdienst; Kollekte für bedürftige evangelische Saar- qemeinden. — Hungen. 20: Gottesdienst. — Langd. 18.30: Gottesdienst. — Wirberg. 20: Kirchspiel
Gottesdienstbeginn in Gießen morgen um 19 Uhr.
Die Gottesdienste, die morgen, Mittwoch, 30. Januar, aus Anlaß der Machtübernahme durch den Führer Adolf Hitler in den hiesigen evangelischen Kirchen veranstaltet werden, waren ursprünglich auf 20 Uhr festgesetzt. Mit Rücksicht au die am gleichen Abend stattfindende Kundgebung der NSDAP, mit großem Militärkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte 116 wird der Beginn der Gottesdienste auf 19 Uhr vorverlegt. Die evangelische Bevölkerung wird zur regen Beteiligung aufgefordert.
in den Garten, welcher Umstand wohl am meisten zum Verschwinden des Schneeglöckchens aus der Umgebung Gießens beigetragen hat. Für wenige Pfennige kann man in den Gärtnereien Schneeglöckchenzwiebeln kaufen. Das Pflücken der Frühlingsknotenblume ist selbstverständlich ebenfalls verboten.
Spende für die Winterhilfe.
Die Gießener Gasgemeinschaft hat von ihrem jüngsten Bunten Abend einen Reinertrag in Höhe von 157,40 Mark an das Winterhilfswerk abgeführt. Die dankenswerte Spende wird im Rahmen des Winterhilfswerkes manchen bedürftigen Volksgenossen eine Erleichterung im Daseinskampf bringen.
Die Äetriebsappelie am 30. Januar.
Amtlich wird aus Berlin mitgeteilt:
Soweit am 30. Januar 1935 Betriebsappelle abgehalten werden, sollen sie, um Erhöhung der Be- triebstoften zu vermeiden, in den Betriebspausen oder vor oder nach der Arbeitszeit stattfinden.
1530 Mart in Gießen gesammelt.
Die von den Schulkindern m unserer Stadt am vergangenen Samstag und Sonntag durchgeführte Straßensammlung des VdA. für das Winterhilfswerk erbracht den Betrag von rund 1530 Mark.
Neichsversichernngsanstalt
und „Hilfswerk tür Mutter und Kind".
Die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte hat beschlossen, sich an dem „Hilfswerk für Mutter und Kind" zu beteiligen. Sie gewährt
a) Zuschüsse zu Erholungskuren für kinderreiche Mütter und deren Kinder,
b) Heilverfahren s ü r kinderreiche Mütter und deren Kinder auch bei nichttuberkulösen Leiden.
Die Durchführung der Erholungskuren und des Heilverfahrens für die Kinder und der Erholungskuren für die Mütter (Heimverschickung) bleibt den bisherigen Entsendestellen (NSV., Krankenkassen, Fürsorgeämtern, Vereinen usw.) überlassen. Die Reichsversicherungsanstalt beteiligt sich an den Kosten mit einem Zuschuß.
Heilverfahren für kinderreiche Mütter sind als freiwillige Mehrleistung versuchsweise neu eingerichtet worden. Die bisher bei der Heilverfahrensgewährung an nichtversicherte Angehörige bestehende Beschränkung auf heilstättenbedürftige Tuberkulose fällt hierbei weg. Die Heilverfahren für die Mütter werden von der Reichsoersicherungsanstalt selbst durchgeführt gegen gewisse Zuzahlung von dritter Seite.
Voraussetzung für die Erholungsfürsorge und für das Heilverfahren der Mütter und ihrer Kinder ist, daß es sich um Mütter handelt, die mehr als zwei lebende und wirtschaftlich nicht selbständige Kinder besitzen und das 55. Lebensjahr noch nicht über« schritten haben, daß die Familie zu den erblich gesunden, sozial wertvollen und bedürftigen Familien zählt und daß der Ehemann oder die Mutter selbst bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte versichert ist.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 29. Jan. Aus dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, frische Landeier 11 bis 13, inländische Kühlhauseier 10 bis 13, ausländische 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 10 bis 12, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 15, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Unterkohlrabi 8 bis 9, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 70 bis 80, Zwiebeln 10 bjs 12, Meerrettich 25 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln 4, der Zentner 3,20 bis 3,50 Mark, Aepfel, das Pfund 12 bis 15 Pf., Blumenkohl, das Stück 40 bis 60, Salat 20, Endivien 10 bis 15, Lauck 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30 Pf.
vornotizen.
— Tageskalender für Dienstag. Stadt, theater: 20 bis 22.45 Uhr „Vier Schlaumeier". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich sehne mich nach dir!" — Dozentenschaft und Studentenschaft der Universität: 20.30 Uhr im Studentenhaus, Reichsgründungsfeier, verbunden mit Kameradschaftsabend. —> Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr 1. Jahres-Ausstellung.
— Stadttheater Gießen: Heute abend die Biedermeier-Operette: „Die vier Schlaumeier" von Walter W. Goetze; Spielleitung Hub, C u j e, B ä u l k e.
— Z u der Sondervorstellung im Stadttheater für die Arbeitsgemeinschaft der Militär- und Regiments- vereine am morgigen Mittwochabend werden
Tanz der Völker.
Von Paul Eipper.
Mein Großvater erzählte uns oft von seiner „Weltreise" nach Schweden: wie er viele, viele Tage im Postmagen von.seiner süddeutschen Heimat immer weiter nach Norden gerumpelt sei, dann noch die Fährnisse der Meerfahrt glücklich überstehen mußte und schließlich seltsamen Tieren und fremden Menschen begegnete. Ader am schönsten war es doch für uns Kinder, wenn der alte Mann von der blonden Schwedin erzählte, die „beinah" seine Frau geworden wäre. Dann stand er mit flatterndem Gehrock mitten in der Stube, summte „seine Schwedenmelodie" und schlug mit den Füßen den Takt dazu. Wir Buben waren begeistert, wenn wir als Statisten mitspielen und am Ende gar auf seinen Armen „Karussell" fahren durften, so wie es sich zum Schluß dieses Tanzes gehörte. Die Mieter im Parterre haben sich mehr als einmal beschweren müssen, weil wir morgens und abends das Radschlagen übten, um es doch ja bald den Tänzern der „Jössehäradspolka" gleichzutun. „Denn die Polka itt noch viel schöner ..., aber da muß man schon fast ein Akrobat werden, bis man so tanzen kann hatte der Großvater unseren Eifer angespornt.
Neuzeitliche Technik hat die Entfernungen zusammenschrumpfen lassen: in der gleichen Zeit, die mein Urahn für feine „große" Schwedenreise brauchte, könnten wir heute leicht eine „kleine Reise durch die Länder Europas machen, um die Volkstänze zu studieren.
*
Zwei Geigen, eine Laute und die uralte Panflöte spielen den Rumänen zum Tanz auf, der fast ebenso alt und primitiv ist, wie die Instrumente selbst. Des Abends kommen die Bergbauern und Viehhüter von der Arbeit, legen das regenschützende Schaffell und den Hirtenstab in die Mitte des Tanzbodens — und nun überfällt diese Menschen, die einsam, jeder an seinem Platz, ihr Tagewerk verrichtet haben, die Beglückung der wiedergefundenen Gemeinsamkeit. Sie schlingen die Arme umeinander, fassen des Nachbarn Schulter, der Kreis wird geschloffen und im Tanzschritt lockern sich die durch einseitige Tätigkeit angespannten Glieder — unbewußte Ausgleichsgymnastik der Natur.
Hingegen froh, ganz unfeierlich, lassen sich Die Frauen im Kreise schwingen: der Tanz ist ja kein besonderes Fest, nur der Beginn eines gesellig schönen Feierabends.
Die Zuiderzee wird eingedeicht; der schiffbare Raum schrumpft ein. Aber zur Insel Marken, dem Trachten-Eiland, muß man auch heut noch mit einem kleinen Dampfer fahren. „Lassen Sie es lieber — es ist dort alles künstlich hochgezüchtetes Volkstum, aufgebaut für Amerikaner und Photographen", warnt mich mein holländischer Freund. Ich fuhr trotzdem und tat recht daran: zwar ist Vieles sichtlich „gemacht"; hier wird ein Winkel besonders malerisch „konserviert"; dort sieht es ver- zweifelt nach spekulativer Romantik aus. Aber unter all dem geschäftstüchtigen Firnis schlummert Echtes, derbes 'Bauerntum, die Tradition der Fischerei.
In einer Wolke von Teer- und Tabaksgeruch klappern ein paar biedere Schiffer bedächtig über die holprige Straße — in Holzschuhen! Dennoch ist ihr Gang federnd und fast weich: und wenn man sie tanzen sieht, dann weiß man, daß diese scheinbar so plumpen Holzschuhe gerade so paßrecht und gebrauchsgewohnt an ihren Füßen sitzen, wie die Woll-Mieder an den derb-gesunden Körpern der Meisjes.
Waren die Holländer schon nicht plump, so setzen die dänischen Tänzer fast zierlich Schritt vor Schritt mit einer bezaubernd weichen Liebenswürdigkeit, die sofort gefangen nimmt. Oder ist es die von innen her strahlende Fröhlichkeit aller Gesichter, das wie goldene Kappen leuchtende mattblonde Haar der Männer und Frauen? Eine fast bieder- meierliche Hochzeitsgesellschaft schlingt da den Kontertanz und zaubert so für Minuten eine längst vergangene, still verträumte Beschaulichkeit in die Hast und den Lärm unseres zwanzigsten Jahrhunderts zurück. •
Wenn man diese Heiterheit der Seele miterlebt — muß man da noch eine Apologie des Volkstanzes schreiben? *
Bunt ist das Kostüm der ukrainischen Tänzerinnen, seidig glänzen die weiten Hosen der Männer. Die Standarte der Heimat wiegt sich leise über dem aufziehenden Trupp, ordnet sich willig ein in die festlichen Farben. — Schöne Buntheit des Südens! *
Ungarmädchen, jung, mit braungebrannten Armen, tragen reichgestickte Kissen hoch über dem Kops: Zeichen ihrer Handfertigkeit und ihres häuslichen Fleißes; dem geliebten Mann soll es Lockung sein und Versprechen zugleich auf Ruhe am stillen Herd.
Wenn auch der Czardas nur der ausgelassene Höhepunkt der sonst viel ruhigeren, fast schwermütigen Volks- und Zunfttänze ist, ein Furioso des Temperaments und der überschäumenden Lebenskraft, Czardas — das ist Ungarn!
Meilenweit dehnt sich die Puszta, sonnenüberglühte, graubraune Steppe. Da und dort reckt ein Schöpfbrunnen feinen ungefügen Holzschwengel in den Mittagshimmel. Von Süden her kommt wie lang anrollende Dünung eine unübersehbare Herde gezogen: Durst peinigt die Tiere, denn das Gras ist trocken und brandig.
Wenn dann Kühe und Pferde getränkt sind, wiederkäuend oder ruhend im Schatten liegen, sitzt der Hirte beim Tokayer in der Czarda, dem flachen weißen Wirtshaus neben dem Brunnen. Die Wirtstochter ist hübsch — weiß leuchten die vielen Unterröcke beim Gehen unter der Glocke des roten Kleides: „Noch eine Flasche Wein!" Und wenn dann der zerlumpte Wanderzigeuner feine Geige singen läßt, springt Feuer ins Blut. Stühle poltern um — Tisch weg! schon wirbeln die Paare, daß Stampfen und Jauchzen weit hinausklingt in die nächtliche Puszta — so tanzt man Czardas. In Ungarn.
Dies aber ist der tiefere Sinn aller Volkstänze, ob nun im Burgenland, in der Ukraine oder in Bulgarien sich frohe Menschen im Kreise drehen: der Einzelne soll sich einordnen, soll wissen, daß er Glied einer Gemeinschaft ist, fühlen, daß er mit dazugehört in Freud und Leid.
„34 sehne mich nach Dir".
Wenn man die ziemlich umständliche und nicht gerade auf das Wesentliche bedachte Inhaltsangabe im Programmheft auf die kürzeste Formel bringen will, dann wird man etwa sagen müssen, daß wir hier einen jener typischen Sängerfilme vor uns haben, dessen Handlung sich um Melodie und Text jenes langsamen Walzers gruppiert, welcher dem Ganzen seinen Namen gab. Das Thema, von allein Beiwerk entkleidet: Aufstieg eines begabten Tenors zur Weltberühmtheit; über der atemlosen Jagd nach Ruhm und Geld geht um ein Haar die Ehe des großen Sängers in die Brüche. Um ein Haar — da kommt zum Schluß die erlösende Wendung, mit der Beruf und Privatleben gerettet werden. Der bekannte Berliner Bonvivant Johannes Riemann führt Regie und gibt eine beachtliche Talentprobe: die Inszenierung ist mit dem Auge des Kameramannes gesehen, hat Tempo und Farbe, wendet sich gleichermaßen an Auge und Ohr des Besuchers. Der Tenor Louis Gra
veure gewinnt der Paraderolle des vom Erfolg zur Höhe getragenen Sängers die sympathischsten Seiten ab und hat natürlich reichlich Gelegenheit, feine stimmlichen Qualitäten — in großer Form übrigens — zur Geltung' zu bringen. Camilla Horn als seine Partnerin fand sich mit der nicht übermäßig dankbaren Rolle der Yvonne geschickt und taktvoll zurecht. Eine angenehme Entspannung und Auflockerung ergeben die freigebig eingestreuten komischen Szenen, in denen Adele Sandrock mit dröhnendem Komödiantenpathos und Theo Lingen als aufgeregter ^-tatiftenfüh'rer ihre längst feftgeleaten Chargenqualitäten wieder einmal ins rechte Licht setzen. Willy Engel-Berger schrieb die Musik. — Im Beiprogramm bringt das Lichtspielhaus einen ausführlichen, zusammenfaffen- den Bildbericht vom deutschen Abstimmungssieg an der Saar, ferner einen Kabarettfilm und einen Kulturfilm „Wege zur Höhe" (Bergsteiger und Bergbahnen in den bayerischen Alpen).
Aufregendes Theaterstück.
Als im Jahre 1783 in Salzburg das Trauerspiel „Agnes Bernauer" aufgeführt wurde, nskhm das Publikum in leidenschaftlicher Weise gegen den „Vicedom" Partei, der die Agnes am Ende des Spiels über die Brücke in die Donau stürzen läßt. Der Schauspieler, der ihn darstellte, wurde auch außerhalb des Spiels mit solchem Haß verfolgt daß er kein Gasthaus mehr zu betreten wagte und auch auf der Gasse nicht mehr seines Lebens sicher war. Wie von ungefähr konnte es ihm sonst geschehen, daß ein Theaterbesucher ihn zur Rede stellte und ihn wegen seines üblen Benehmens gegen Agnes Bernauer eine Tracht Prügel verabreichte. Da kam der Leiter der Theatergruppe, der beliebte Schauspieler Schikaneder, auf einen vortrefflichen Einfall. Er änderte einfach den Ausgang des Trauerspiels ab und ließ auf den Anschlagzettel mit großen Buchstaben aufdrucken: „Heute roirb, der Vicedom über die Brücke gestürzt." Die ganze Stadt lief ins Schauspielhaus und als der Missetäter von der Brücke gestürzt wurde, brach ein jubelnder Beifall aus und der bisher so grimmig gehaßte und verfolgte Schauspieler konnte mit dem Händeklatschen, das seinem „Abgang" folgte, wohl zufrieden fein. Den größten Gewinn aber von dieser Abänderung hatte der kluge Theaterdirektor Schikaneder, da nunmehr alle Besucher der ersten Fassung auch den Anblick der zweiten Fassung sich nicht entgehen lassen wollten. So war sein Theater Abend um Abend ausverkauft und es dauerte lange, bis ein anderes Spiel auf den Spielplan gefetzt werden mußte.


