Nr.M Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheyen)Freitag, 28. Juni (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Bräuche gegen Heimweh.
Don Nöck Sylvus
Trotz der „Landflucht" der letzten Jahrzehnte darf man nicht etwa glauben, der Bauer hänge nicht an seiner Heimat. Es wird wenige von jenen „Landflüchtigen" gegeben haben, hinter die sich nicht das herbste Heimweh setzte; und es ist bezeichnend, daß in jener Zeit das Wort aufkam: „Tüchtig schaffen ist das beste Mittel gegen Heimweh!" Vielfach war die durch wirtschaftliche Not erzwun- gene Flucht aus der Heimat zugleich eine Flucht in die eifrigste Arbeit, weil Arbeit ablenken kann und vergessen macht.
In Wahrheit geht der wirkliche Bauer nur ungern aus seiner Heimat fort. Er nimmt das Gefühl des aus seiner Gemeinschaft Gerissenen mit. Sein Heimweh ist nicht allein die Sehnsucht nach der heimischen Scholle, nach den oft nur ihm ge- offenbarten Schönheiten der Landschaft daheim, sondern ebenso das Verlangen nach der gewohnten Umgebung, der gewohnten Regelung des Lebenslaufes, den vertrauten Dingen und Personen, nach dem Schutze, den der bäuerliche Mensch durch Festhalten an ererbter Sitte und altem Brauche ge- meßt, nach jenem Gefühl des Geborgenseins, der Sicherheit und Würde, welches das Leben in der angestammten Gemeinschaft gewährt.
Der Bauer weiß genau, daß er einer neuen Gemeinschaft nie restlos angehören kann, daß ihn immer etwas in der Fremde fremd ansprechen wird. Er sieht sich in der fremden Umgebung, da er ihre Sitte und ihre Regelung der gegenseitigen Beziehungen nicht mehr im Blute sitzen fühlt, ohne rechten Halt und Schutz. Und gerade das wird in ihm Heimwehr aufleben lassen. Hat nicht das Fronterleben gezeigt, daß weniger die Landschaft als vielmehr das Leben in vertrauter Gemeinschaft das wahre Heimatgefühl weckt und erhält! Und in der Volksdichtung klagt das wandernde Kind schlicht und ergreifend: „Da kam ich für der Fremden Tür, da sagten sie: Du gehörst nicht zu uns!" Stimme des Blutes, Stimme der Heimat!
So nimmt der Bauer in seinem Blute das Heimweh mit in die Fremde. Es sind rührend einfache Mittel, die er von Anfang an gegen dieses tiefe Weh einsetzt: Er nimmt etwas von daheim mit, ein Sinnbild der Heimat, das ihm die Heimat ersetzen soll. Die ostpreußische Mutter gab ihrem ins Feld ziehenden Sohne ein Beutelchen mit Heimaterde mit, darauf er des Nachts seinen Kopf betten sollte. Und als er zum Tode verwundet lag, bat er die Kameraden, sein Haupt darauf zu legen, damit er gewissermaßen in der Heimat stürbe.
In Baden nimmt der Fortwandernde ein Stück „Heimwehbrot" oder „Gwenebrot" vom Selbstqe- backenen mit, daß er sich aufbewahrt. Im Schwarzwald und anderswo näht man Staub oder Stubenkehricht ins Kleid ein und bäckt es ins „Heimwehbrot". Da und dort wird ein Löffel von Zuhause mitgenommen.
Die Magd, die in Stellung geht, näht sich Salz und Brot in den Saum des Rockes. Oder sie zieht ihr Hemd verkehrt an, mit dem Vorderteil nach hinten, auf daß sie den Weg zurückfinden möge in die Heimat.
In einigen Gegenden verleibt man sich gewißer- maßen die Heimat ein, indem man zum Abschied einen Schluck Wasser aus dem letzten Dorfbrunnen trinkt (Thüringen) oder indem man vom Stubentisch ein wenig Holzfasern abschabt und in den Kaffee gibt, den man zuletzt trinkt. In einigen Alpentälern näht das Dirndl dem Burschen ein Stück Dachschindel des Vaterhauses in den Hut, damit ihn das väterliche Dach draußen in der Fremde beschützen möge. Der Niederösterreicher streut auch etwas Heimaterde zwischen die Doppelsohlen seiner Schuhe, um immer auf heimatlichem Boden zu wandern.
Und dann: die Nelke, die dem jungen Manne das Mädel zum Abschied ins Knopfloch steckt, wird
Gartenanlage fürArbeiterun-Angestellte bei Schunk & Ebe.
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Die Firma Schunk & Ebe, Gießen (Windhof), hat im Laufe dieses Frühjahrs durch den Giehener Gartenarchitekten Schwarz eine Gartenanlage schaffen lassen, die den Arbeitern und Angestellten der Firma für ihre Freizeit, so weit sie innerhalb der Geschäfts- und Arbeitszeit liegt, zur Verfügung steht. Die Anlage ist vor kurzer Zeit endgültig fertiggestellt worden und zeigt sich bereits in gutem Degetationsstand. Es wurden zahlreiche junge Bäume gepflanzt, schöne Rasenflächen geschaffen, Blumenbeete voll bunter Pracht dem Ganzen eingefügt und Plattenwege gelegt. Ferner wurde ein kleiner Pavillon gebaut, der nach seiner endgülti-
aen Fertigstellung einen fast idyllisch zu nennenden Aufenthaltsort darstellen wird. Ein Teil des Gartens wurde terrassenförmig erhöht und gestattet einen Ueberblick über die schöne Anlage. Selbstverständlich wurden auch zahlreiche Bänke aufgestellt, die sich aber trotz ihrer großen Anzahl harmonisch in das Ganze einfügen. Ein glücklicher Umstand ist es, daß der unmittelbar an der Rodheimer Straße hinter dem Hauptgebäude liegende Garten von allen Werkstätten aus in kaum einer Minute zu erreichen ist. Die gesamte Anlage gereicht der Firma sehr zur Ehre. (Aufn.: Neuner, Gießener Anzeiger.)
später in einem Buche getrocknet und vergilbt liegen bleiben. Oder sei es auch nur ein Blütenblatt von der Abschiedsrose. Immer ist es ein Stück der Heimat, immer handelt es sich um sehnsüchtige Gebärden, die in irgendeiner Weise den Zusammenhang mit der heimatlichen Gemeinschaft bewahren sollen.
Am liebsten freilich nimmt der in die Fremde ziehende bodenoerwurzelte Mensch einen oder eine aus der Heimat mit, gemäß dem Liede Eichendorffs, dos da anhebt: „Wer in die Fremde will wandern, der muß mit der Liebsten gehn, es jubeln und lassen die andern den Fremden alleine stehn".
Spotte man nicht über das Heimweh und nicht über die „Heimwehbräuche". Sie sind mit das erschütterndste Zeugnis für die Macht von Blut und Boden und für die Kraft, die aus der heimischen Gemeinschaft, in die man hineingeboren ist, in den Menschen fließt. Wie singt doch der Oberösterreicher: „Dahaim is dahaim, wannst net furt mueßt, so bleib; denn d'Haimat ist ehnta da zweit Mueda- leib!"
NSDAv. — Amt für Volkswohlkabrt.
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Montag, 1. Juli, und Dienstag, 2. Juli 1935, findet in der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die Opferringsammlung (Lebensmittelsammlung) für die NS.-Dolkswohlfahrt statt.
Es wird gebeten, die Lebensmittelspende (Pfundpakete) zur Abholung bereit zu halten. Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die „Opfer- rinqsammlung" nicht durch das allgemeine Sam- meioerbot berührt wird.
Ortsgruppe Giehen-Nord.
Betr.: Lebensmittelopferring.
Am Montag, 1. Juli, und Dienstag, 2. Juli, findet die Einziehung des Lebensmittelopferringes statt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpakete bereitzuhalten und den Inhalt auf den Umhüllungen anzugeben.
NS.-Lehrerbund, Gießen.
Abteilung Höhere Schule.
Die deutschkundliche Fachschaft hält ihre nächste Sitzung am Montag, 1. Juli, in der Oberrealschule ab. Beginn 16 Uhr pünktlich. Gegenstand: Carossas Rumänisches Kriegstagebuch.
Dr. Kiefer, Fachschaftsleiter.
LandschastSbunt) Volkstum undHeimat.
Ortsring Gießen.
Arn morgigen Samstag, 29. Juni, um 16 Uhr, führt Geh. Rat Professor Dr. Sommer in der Müllerschen Badeanstalt seine Wasser-Ski vor und gibt anschließend jedermann Gelegenheit zur praktischen Erprobung seiner Erfindung. Unsere
Mitglieder und die Mitglieder der angeschlossenen Verbände zahlen 10 Pf. Eintritt (Mitgliedskarte oder Anstecknadel), die Familienangehörigen haben freien Eintritt.
Die NS.-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude" lädt unsere Mitglieder ein zum Besuch der Abendmusik auf dem Schiffenberg am 29. Juni, 21 Uhr, und zum Besuch des Schiffenbergfestes am Sonntag, 30. Juni, 15 Uhr. Wir bitten, der Einladung zu den beiden Veranstaltungen recht zahlreich Folge zu leisten.
Unser neuer Homon in der Illustrierten.
In der am Samstag erscheinenden nächsten Nummer der Illustrierten des Gießener Anzeigers beginnen wir mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romans, der ohne Zweifel ein nicht minder interessiertes und gespanntes Publikum finden wird als sein Vorgänger „Dämon im Märchenland" von Olaf Bouterweck. Unser neuer Roman heißt
„Woltenwanderer" von Ernst Grau und behandelt, wie der Titel schon andeutet, ein heute brennend aktuelles und jedermann angehendes Thema: Wanderer auf den unbegrenzten Straßen zwischen Himmel und Erde, Menschen unserer Zeit — von ihnen handelt dieser Roman. Im Mittelpunkt steht die Gestalt eines unbekannten Ingenieurs, der in einer kleinen Werkstatt mit den bescheidensten Mitteln seine Konstruktionen zu verwirklichen beginnt; im Laufe der Jahre wird aus der kleinen Werkstatt ein weltbedeutendes Werk. Aber nicht nur das heute so überaus brennende Problem der Fliegerei ist in unserem neuen Roman gestaltet, sondern es entwickelt sich hier eine bunte, konfliktreiche Handlung, in der auch die Liebe nicht fehlt. So bieten wir den Lesern unserer Illustrierten mit diesem Roman ein Werk, das sie mit ungeteilter Spannung und wärmster Anteilnahme verfolgen werden.
Amtsgerichtsrai Ludwig ZRaab tritt in den Ruhestand.
Am 1. Juli tritt Amtsgerichtsrat Ludwig Raab auf sein Nachsuchen in drn Ruhestand. Geboren in Laubach, als Sohn des Oberamtsrichters Raab, besuchte er das dortige Gymnasium, studierte an den Universitäten Leipzig, München, Berlin und Gießen Rechtswissenschaft, bestand zu Ostern 1895 in Gießen die juristische Fakultätsprüfung, im Herbst 1898 die große juristische Staatsprüfung in Darmstadt. Er genügte seiner Militärpflicht beim 2. Bayerischen Infanterieregiment in München und wurde im Juli 1900 zur Rechtsanwaltschaft am Landgericht Gießen zugelassen. Seine anwaltliche Tätigkeit fand ein vorläufiges Ende, als er zu Beginn des Weltkrieges zu einem Landsturmbataillon einberufen wurde.
Vom Frühjahr 1916 bis 1918 war er juristischer Mitarbeiter bei der Prooinzialdirektion Oberhessen auf dem Gebiete der Veraltungsrechtspflege. Dom März 1918 war er juristischem Hilfsarbeiter beim Deutschen und Preußischen Städtetag und zugleich Vertreter eines Beigeordneten in der Gemeindeverwaltung Berlin-Tegel. Nach Wiederaufnahme seiner Gießener Anwaltspraxis wurde Raab im Mai 1919 mit der Geschäftsführung und dem Vorsitz des staatlichen Schlichtungsausschusses für Oberhessen betraut. Zugleich war Herr Raab einige Zeit Vorsitzender des städtischen Mieteinigungsamtes. Im Juni 1927 wurde er zum Vorsitzenden des Arbeitsgerichts Gießen bestellt und am 6. Oktober 1931 zum Amtsgerichtsrat am Amtsgericht Gießen ernannt. Hiernach übernahm er gleichzeitig die Bearbeitung der Jmmobiliarzwangsvollstreckungs- sachen.
Die Rücksicht auf feine durch die große Arbeitslast und Verantwortung angegriffene Gesundheit veranlaßte nunmehr Herrn Raab, in den Ruhestand zu treten. Mit ihm scheidet ein vielerfahrener Richter aus dem Amte, dessen Gewissenhaftigkeit und große Sachkunde auf vielen Gebieten des Rechtslebens allseitige Anerkennung gesunden hat. Mit dem Ar-
Wochenmartt in Buenos Aires.
Von Margot Hilleprandt, Buenos Aires.
Heute ist Feria. Wochenmarkt. Ein knallblauer Himmel und eine wohlmeinende Sonne stehen über dem buntesten Bild, das man sich vorstellen kann. Blumen und Lebensrnittel, Stoffe, Küchengerät, Schmuck und Kanarienvögel — es gibt wenig Wünsche im Herzen einer Vorstadtfrau, die sie nicht auf der Feria erfüllen könnte. — Die hübschen, schmalhüftigen Mädchen kommen daher wie zu einem Fest mit langen Kleidern aus Organdy mit kunstvollen Locken unb schneeweiß gepuderten Gesichtern. Den weitläufigen Figuren ihrer Mamas und deren schmierigen Schlafröcken bleibt es überlassen, das Gewichtige, Seriöse der Angelegenheit „Feria", zu betonen.
Die Händler preisen ihre Waren mit einer inbrünstigen Beredsamkeit an, man muß ein gänzlich verhärtetes Gemüt ober sehr viel Erfahrung haben, um ihnen zu wiberstehen. Denn jeber hat angeblich bie saftigsten Melonen, bie schönsten Artischocken, bie billigsten Ananas. Zu verlockenben Bergen find die Früchte und Gemüse gestaffelt. Paprikaschoten, süße Kartoffeln, Maiskolben und die pflaumenblauen, blankpolierten Eierfrüchte. Kürbisse in allen Größen und Farben, ganz und in Stücke geschnitten, sind sehr gefragt. Sie werden mit vielen anderen Gemüsen, nebst Rindfleisch und scharfen Würstchen, zum „Pucherv", dem argentinischen Nationalgericht gebraucht.
Vom Sellerie kennt man nur das Kraut, da dieses eigenwillige Gemüse hier nicht zu bewegen ist, Knollen anzusetzen. Auch Rhabarber und Meerrettich sind so gut wie unbekannt, und ich denke immer noch mit herzlicher Schadenfreude an bie entsetzten Gesichter argentinischer Gäste, als bei einem Essen auf einem beutschen Schiff geeister Meerrettich gereicht würbe.
Die Hausfrau muß eben verstehen, sich umzustellen, muß auf manches Gewohnte verzichten, finbet aber überreichlichen Ersatz unb schließt schließlich Freunbschaft mit ben frembartigen Gewächsen, ihrer neuen Heimat, mit ben vielen scharfbuftenben Gewürzkräutern, mit Oliven, grünem Paprika unb ben süßen, nach Toiletteseife schmeckenben Kartoffeln, aus denen auch Marmelade bereitet wird.
Sie wird sich gewöhnen, daß die angesehenste Leckerei „Dulce de leche* ist, Milch mit Zucker sehr dick und braun eingekocht, daß man süßes Teegebäck mit Schinken ober pikantem Käse füllt. Sie wirb ihren Kummer über das Fehlen jeglicher Beerenart unb über bie Luxuspreise ber (noch bazu wässrigen) Aepfel bei einer eisgekühlten Grapefruit,
bei Ananas unb Melonen vergessen, ober bei einer Sanbia, bie groß wie ein Kinderwagenrab, knall- grün von außen, knallrot von innen, mit lackschwarzen Kernen, unb überbies sehr wohl- schmeckenb ist.
Weit weniger wirb sie begreifen, baß zu Zöpfen geflochtene Därme, unmenschlich scharfe Knoblauchwürste unb Spatzen, wie sie nackt, winzig unb zu Dutzenben gebünbelt, überall verkauft werben, auserlesene Delikatessen sinb. Ober bie Palta! Eine birnenförmige Frucht, beren weiches Inneres mit Essig, Del unb Worcestersauce begossen unb bann ausgelöffelt wirb unb trotzbem noch unerträglich fab schmeckt. Aller dieser Zweifel- ober unzweifelhaften Genüsse kannst bu habhaft werben hier auf ber Feria.
Bei ben Geflügelstänben herrscht bas Pavo, ber Truthahn. Gänse unb Enten sinb magere, armselige Geschöpfe, mit trainiertem, vom harten Daseinskampf gestähltem Muskelfleisch.
Die Fischbuben präsentieren sich in einer Wolke von Fliegen unb penetrantem Geruch. Schleimige, greulich aussehenbe Tintenfische, Krabben, Muscheln unb lebenbige Schnecken liegen ober kriechen neben silberschuppigen Meeresbewohnern.
Gewürze, Cerealien unb ben ganz unb gar unentbehrlichen Yerba Mate, bieten grünen, aromatischen Tee, ber bas wichtigste unb volkstümlichste Genußmittel Sübamerikas überhaupt barstellt, hat ber nächste Hänbler vor sich aufgebaut.
Alle schreien unb ermuntern, — aber bie Auf- bringlichkeit ber Türken, ber Syrier und Armenier, dunkelhäutigen, olivenfarbigen Gesindels, schlägt jeden Rekord. Sie zerren ihre ' Stoffe, Pyjamas unb Schürzen vom Labentisch unb breiten sie vor bir über ben Weg, sie versuchen, bich in Baumwollspitzen unb bunten Bänbern wie in Fußangeln zu fangen, sie reben beutsch, englisch unb spanisch auf bich ein. Wenn du bei ihnen kaufst, gib ihnen die Hälfte von dem, was sie fordern, du kannst dich ruhig trotzdem betrogen fühlen.
Spielzeugverkäuser fahren dir mit Lärminstru- menten unter die Nase unb beschwören bich, boch auch beiner Kinber zu gebenden.
„Ein Almosen, Rubiecita (Blonbchen), für bie arme Blinbe!" jammert eine verwahrloste Frauensperson vom Boben her.
Aber schon schrillt bas Glöckchen des Aufsehers, der hingebungsvoll bimmelt, mit kindlicher Freude am erzeugten Lärm, durch die Händlerreihen zieht: es 'ist elf Uhr und Schluß der Feria. Die herannahende Mittagshitze verbietet das Ausstellen von Lebensrnitteln.
Schwerbepackt, mit Körben und Taschen, wan- I bern bie bitten Senoras heim.
Die Hänbler laben ben Rest ihrer Waren auf Pferbekarren unb überlassen bas Felb unb bie Abfälle ihrer Tätigkeit großmütig Bettlern, Hun- ben unb Fliegen.
»Licht im Dunkeln."
Dies ist ein amerikanischer Film der Paramount, ber in seiner Hanblung ein wenig an den „Stählernen Strahl" erinnert; der deutsche Film, ben wir von kurzem hier gesehen haben, ist künstlerisch wertvoller, ber Amerikaner ist mehr auf Sensation unb leichte Sentimentalität eingestellt, doch hält sich beides, wie man zugeben muß, für Hollywooder Verhältnisse in manierlichen Grenzen. Es handelt sich dabei um das technische Problem des sog. Blindfluges, bas in ber Fabel nicht ungeschickt mit bem menschlichen Konflikt ber Erblinbung bes Er- finbers oerbunben ist. Uebrigens spielt auch eine Liebesgeschichte hinein, bie bas rein technische Motiv angenehm lockert unb nach einem aufregenben Ozeanflug auch zu einem in boppelter Hinsicht glücklich zu nennenben Enbe führt. In ben Hauptrollen sieht man Myrna Loy unb Cary Grant; Regie führt James F l o o b. — Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. Im Vorprogramm sieht man außer ber Wochenschau einen amerikanischen Kulturfilm unb Silber von dem großen deutschen lleberfeebampfer „Cap Arcona".
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Heber Schaden und Nützlichkeit des Storches.
Noch immer ist bie Rolle des Storches im Haushalt der Natur und in seiner Nützlichkeit für den Menschen umstritten, und der Vorwurf, daß der weiße Storch beträchtliche Mengen Nutzvieh vernichte, will besonders in Jägerkreisen nicht verstummen. Einen großen Fortschritt zur Klärung dieser Frag« bedeuten die Untersuchungen, die inzwischen an der Vogelwarte Rossitten auf der Ku rischen Nehrung bzw. im Zoologischen Museum in Berlin vorgenommen worden sind. Nachdem von den Behörden im Sommer 1933 für Ostpreußen eine beschränkte Abschußerlaubnis erteilt worden war, konnten in der Zeit vom 2. Juni bis zum 18. August in Rossitten 100 erlegte Störche eingeliefert werden. Eine Prüfung des Mageninhalts ergab, daß rund die Hälfte stark von Pflanzenteilen durchsetzt war; in einem Drittel wurden neben anderen tierischen Resten dichte Haarfilze vorge- funden, und in 23 Fällen hat man ganze unverdaute Wirbeltiere, unb zwar 36 Felbmäuse, 2 Spitzmäuse, 7 Grasfrösche unb eine Kröte, festgestellt. In über 90 v. H. aller Mägen befanden sich Käfer
bzw. deren zerschrotete Reste. Das Hauptmerkmal dieses Befundes liegt, wie Joachim Stei'nbachex in ber im Hugo Bermühler Verlag in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Der Naturforscher" ausführt, in bem gänzlichen Fehlen von Resten jagdbarer Tiere, von Knochen, Fellteilen, Federn, Krallen oder Schnäbeln, woraus eine Vernichtung von Hasen, Rebhühnern ober Fasanen gefolgert werben könnte. Die bisher burchgeführten Untersuchungen ergaben jedoch kein lückenloses Bild, denn unter Den bearbeiteten Kabavern gab es keine von Tieren, bie im April und Mai erlegt worben waren, und so konnte immer noch angenommen werben, baß der Hauptschaben im Nieberwilb gerade in diesen Monaten entstand. Um sich auch über diese Möglichkeit Klarheit zu verschaffen, wurde im Frühjahr 1934 noch einmal eine be- schränkte Abschußerlaubnis erteilt, und auf diese Weise gelangten wiederum 34 erlegte Tiere an die Vogelwarte von Rossitten zur genaueren Untersuchung, wobei sich herausstellte, daß die Zusammensetzung des Schlund- und Mageninhalts gegenüber ben Dorangegangenen Prüfungsergebnissen kaum einen Unterschieb zeigte. Naturgemäß war ber Anteil an Maikäfern größer. Auffälligerweise treten die Lurchreste im Vergleich zu den Ermittlungen des Vorjahres stark zurück, auch Mäuse waren nicht so zahlreich. „Zusammenfassenb ist also festzustellen, baß die eingehenbe Untersuchung von 134 Mageninhalten ostpreußischer Störche, bie von Anfang Mai bis Mitte August erlegt würben, keinen Beweis für bie Jagbschädlichkeit Des weißen Storches erbracht hat. Damit soll nicht gesagt werden, baß ber Storch Nutzwilb jeber Art als Nahrung überhaupt meibet unb sich keine Uebergriffe in bieser Richtung zuschulden kommen läßt. Eine Schädigung des Niederwildbestandes durch ihn dürfte jedoch in den weitaus meisten Fällen in jenen erträglichen Grenzen bleiben, bie ben unbe- bingten Schutz bieses Vogels in gleicher Weife rechtfertigen wie etwa ben bes Mäufebuffarbs."
fHHbfdw ’ nn fbfpti.
Geh. Konsistorialrat Prof. D. Dr. Otto Ritsch!, ber entrichtete Drbinarius für systematische Theo- logie unb Dogmengeschichte an ber Universität Bonn, beging seinen 75. Geburtstag. Ritsch! ist ein Sohn bes berühmten Theologen Alb. Ritschi; er habilitierte sich 1885 in Halle, wurde 1889 ao. Professor in Kiel und kam 1894 in gleicher Eigenschaft nach Bonn, wo er drei Jahre später zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Von feinew zahlreichen Werken seien an dieser Stelle nur seine mehrbändige „Dogmengeschichte bes Protestantismus" genannt. Geheimrat Ritschi ist seit 1927 von ben amtlichen Verpflichtungen entbunden.


