meines Lebens ein. Im Laufe meiner Lehrzeit setzte I sich mein Hang zum Theater immer mehr durch; in meiner Freizeit nahm ich Gesangs-, Sprech- und dramatischen Unterricht. Ende 1933 gab ich glücklichen Herzens meine kaufmännische Laufbahn auf, um mich am Bremer Schauspielhaus ganz dem Schauspielerberuf zu widmen. Nach glücklich bestandener staatlicher Prüfung in Hamburg gehörte ich von 1933 bis 1935 dem Bremer Schauspielhaus an. Jetzt freue ich mich nach Gießen zu kommen — Vas heißt: Theaterspielen zu dürfen und auf gute Freundschaft mit dem Publikum zu hoffen.
Gießener Hitlerjungen beim Adolf-Hitler-Marsch.
Bon der Gießener Hitlerjugend sind heute früh ein Fahnenträger und ein Begleitmann als Vertreter der Gießener Jugend des Führers mit der Bahn nach Wiesbaden abgefahren. Gießener Kameraden der beiden Hitlerjungen gaben ihnen das Geleit zum Bahnhof. Von Wiesbaden aus werden die beiden Vertreter der Gießener HI. an dem Adolf-Hitler-Marsch, der bekanntlich zu Fuß nach Nürnberg führt, teilnehmen.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 27. Aug. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 12, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20 bis 25, Römifchkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 20, (gelb) 20, Erbsen 25 bis 35, Tomaten 15 bis 20, Zwiebeln 10 bis 15, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln 4V2 bis 5 Pf., der Zentner 4 bis 4,50 Mark, Frühäpfel, das Pfund 15 bis 45 Pf., Falläpfel 6 bis 10, Pfirsiche 45 bis 55, Brombeeren 45 bis 50, Preiselbeeren 45, Birnen 15 bis 35, Zwetschen 15 bis 20, Mirabellen 25 bis 30, Renekloden 25 bis 30, Tauben, das Stück 60 bis 70, Blumenkohl 10 bis 70, Salat 5 bis 12, Salatgurken 5 bis 20, Einmachgurken 1 bis 3, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5, Rettich 5 bis 20.
voruotizeu.
— Tageskalender für Dienstag: NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude": 18 bis 21 Uhr: Allgemeine Körperschule auf dem Universitäts- sportplatz am Kugelberg; 21 bis 22 Uhr: Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es gibt nur eine Liebe".
*
** Ein Kind aus dem Fenster gestürzt. Gestern vormittag fiel ein sechs Jahre alter Knabe aus dem Fenster einer Wohnung im Seltersweg auf den Hof hinab. Der bedauernswerte Junge mußte von der Sanitätskolonne mit einem Oberschenkelbruch und einigen Kopfverletzungen nach der Klinik gebracht werden.
Oberhessen.
Blumenschmuckwettbewerb inGrünberg
+ Grünberg, 26. Aug. Nochern im Winter in zwei Vorträgen durch die Gartenbauinspektoren Rehnelt (Gießen) und Rentsch (Friedberg) Anregungen und Anweisungen für Blumenschmuck und Blumenzucht gegeben worden waren, führte der Obst- und Gartenbauverein dssn Blumenschmuckwettbewerb dieser Tage durch. Die Blumenanlagen der sich zum Wettbewerb gemeldeten Teilnehmer wurden durch Unioersitäts-Gartenbauinspektor i. R. Rehnelt und den Vorsitzenden des Obst- und Gartenbauoereins, Berufsschullehrer Gengnagel, einer Besichtigung und Bewertung unterzogen. Der Wettbewerb erstreckte sich auf Fenster-, Balkon-, Hauseingang- und Vorgärtenblumenschmuck. Bei der Bewertung wurden Anlage, Blumen- und Farbenwahl und Pflege in Betracht gezogen. Es nahmen 33 Mitglieder am Wettbewerb teil, Nichtmitglieder waren aber auch zugelassen. Die Bewer- ter konnten bei ihrem Gange durch die Straßen und Gäßchen unserer Stadt feststellen, daß eine ganze Reihe von schönen Anlagen vorhanden sind,
während sie auch andererseits wieder bemerken mußten, daß noch manches Haus ohne große Kosten durch einige Fensterblumen belebt und freundlicher gestaltet werden könnte.
Als besonders schöne Anlagen wurden erkannt der Blumenschmuck der Teilnehmer: Carle 21II ■ mendinger (Bahnhofstraße), Dekan Schm i d t (Kirchenplatz), Schweißguth (Am Rondell) und Wagner (Diebsturmstraße). Die Bewertung „Sehr gut" erhielten: Becker (Frankfurter Straße), Eonrad (Wolf - Hitler - Straße), Daubert (Krool), Eiertänzer (Marktplatz), Grauling (Steinweg), H ü t h w o h l„ (Frankfurter Straße) Keller (Marktplatz), Kohle r (Bismarckstraße) und Kropp (Heege). „Gut" befunden wurden folgende Anlagen: Andrae und Beiist ein (Bahnhofstraße), Balser (Theo- Koch - Straßes, Dörr (Kirchenplatz), Fuchs (Londorfer Straße),
Gengnagel und I ö ck e l (Bahnhofstraße), Krämer (Frankfurter Straße), Menzinger und H. Schmidt III. (Gießener Straße), Möller (Am Rondell), Robert (Marktgasse) und Seng (Rabegasse). Mit einem „Im ganzen gut" wurden für ihre Anlagen bedacht: Appel (Bahnhofstraße), Christ, Heinzmann und I ö ck e l Witwe (Rabegasse), Schönhals und Trinkaus (Londorfer Straße). Erwähnt muß' noch werden, daß eine Reihe von schönen Anlagen zum Wettbewerb nicht gemeldet worden waren, die daher hier nicht berücksichtigt wurden.
Verkehrsunfälle in Großen-Linden.
* Großen-Linden, 26. August. Am Sonn- tagvormittaa fuhr der Motorradfahrer Paul L u - ther aus Frankfurt a. M., der mit seiner Maschine dicht hinter einem Auto fuhr, auf den Kraft- wagen auf, da dieser plötzlich angehalten wurde. Außer unbeträchtlichem Sachschaden ist zum Glück
nichts passiert. — Am Sonntagabend ereignete sich I zwischen Großen-Linden und Lang-Göns ein Zusammenstoß zwischen einem Radfahrer aus Groß- Eichen, der in Lang-Göns bedienstet ist, und einem Auto. Der Radfahrer fuhr neben einer Mädchengruppe her. Als das Auto von hinten herankom- rnend Signal gab, kam der Radler seitwärts von seiner Fahrbahn ab und geriet gegen den Kraftwagen. Mit Verletzungen am linken Unterarm mußte der Verunglückte der Klinik zugeführt werden.
Lokalschau des Ziegenzuchtvereins Großen-Linden.
z. Großen-Linden, 26. Aug. Der Ziegenzuchtverein Großen-Li nb en hielt am Samstagnachmittag in der Gastwirtschaft von
Philipp Schaum seine diesjährige Lokalschau ab. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde der Verein neu ins Leben gerufen. Mit 11 Mitgliedern begann er seine Arbeit. Inzwischen traten weitere Mitglieder bei, so daß der Verein gegenwärtig 35 Mitglieder zählt. Als Vorsitzender des Vereins amtierte Philipp Zimmermann, der den Verein schon früher führte. Der Verein kann sich, wie der Preisrichter Balthasar Philipp (Watzenborn- Steinberg) äußerte, mit seinem erstklassigen Zuchtmaterial überall sehen lassen.
Die Prämiierungsergebnisse:
Dreijährige und ältere Ziegen: Johannes Cyriax, Philipp Zimmermann je 1. Preis; Ludwig Weigand, Ludwig Magnus je 2. Preis; Heinrich Bernhard 3. Preis; Jakob Geißler und Alfred Jung lobende Anerkennungen. — Ein - und zweijährige Ziegen: Johannes Cyriax und Ludwig Magnus 1. Preis; Ludwig Mehl
2. Preis; Frau Spruck 3. Preis; Albert Muller lobende Anerkennung. — Lämmer: Johannes Cyriax und Ludwig Magnus 1. Preis; August Rinker und Heinrich Müller 2. Preis; Heinrich Luh und Heinrich Müller 3. Preis.
Vorbereitungen
für das Hoherodskopf-Fest.
- Schotten, 27. Aug. Der hiesige Turn, und Gesangverein ist fleißig bei der Arbeit, das Hoherodskopf-Bergfest der heimischen Turner so vorzubereiten, daß es ein echtes Heimatfest wird. Es wird in unserer Stadt und in der Umgebung lebhaft und dankbar begrüßt, daß die ßeituna des Turnkreises Wetterau-Vogelsberg den schon oft geäußerten Wunsch, auf dem Hoherodskopf wie vor dem Kriege wieder ein Bergfest mit volkstümlichen Wettkämpfen durchzuführen, aufgegriffen hat und in diesem Jahre am nächsten Sonntag erstmals wieder in die Tat umsetzen wird. Man hofft, daß das Hoherodskopf-Turnfest eine alljährliche Einrichtung wird, denn unser Hoherodskopf ist nach Lags und Bodenbeschaffenheit sehr geeignet für ein volkstümliches Bergfest. Daß heute schon über 600 Meldungen für die Wettkämpfe vorliegen — die Zahl von 700 Wettkämpfern wird bestimmt erreicht — ist Beweis dafür, wie freubig man in allen Teilen des Gaues den Ruf: ,Lommt am 1. September, zum Hoherodskopf" vernommen hat.
Schadenfeuer in Kirtorf.
* Kirtorf, 27. Aug. Am gestrigen Montagmorgen brach in der Scheune des hiesigen Briefträgers K o r e 11 Feuer aus. Die Scheune, die mit Heu- und Strohvorräten gefüllt war, stand plötzlich in hellen Flammen. Die Feuerwehr, die sofort an der Brandstelle erschien, ging mit mehreren Schlauchleitungen vor und bemühte sich besonders darum, die beiden anschließenden Nachbargebäude zu schützen. Die Scheune selbst war nicht zu retten. Sie brannte völlig nieder. Die Heu- und Strohs Vorräte wurden ein Raub der Flammen. Ein kleines Wohnhaus, das unmittelbar an die brennende Scheune angrenzte, wurde durch die Wassermengen beschädigt und stürzte in sich zusammen. Menschenleben tarnen glücklicherweise nicht zu Schaden. Dis Entstehungsursache des Feuers konnte bisher nicht festgestellt werden.
Landkreis Gießen.
00 Klein-Linden, 26. Aug. Am Samstagabend wurden im Saale des Gasthauses „Zur deutschen Eiche" die restlichen Kriegsehrenzeichen an Frontkämpfer, Kriegsteilnehmer und Hinterbliebene von Gefallenen ausgegeben. Nach flotter Musik einer kleinen Kapelle sprach zunächst Bürgermeister Fischer, der auch die Ueberreichung der Ehrenzeichen vornahm, über den Aufstieg des deutschen Volkes auf Grund der Tage vom 30. Januar 1933 und des 16. März 1935, und er ermahnte dis Ausgezeichneten, die Ehrenkreuze im Geiste der einstigen Frontkameradschaft zu tragen. Er gedachte der Treue der gefallenen Kameraden und widmete ihnen einige Minuten stillen Gedenkens. Ortsgruppenleiter Dr. Größmann sprach anschließend über die Bedeutung der neuen Zeit und der deutschen Wiederauferstehung, die wir allein unserem Führer zu danken hätten, und ermahnte, stark zu bleiben im Kampf gegen die Schädlinge des Dritten Reiches. Unsere Jugend solle so erzogen werden, daß sie allzeit zum Dienst und Kampf für unser Volk und Vaterland bereit sei. Das Gelöbnis der Treue zu Volk und Vaterland faßte er zusammen in dem begeistert aufgenommenen Sieg-Heil auf unfern Führer, worauf die beiden Nationalhymnen gesungen wurden. Für den Kriegerverein, der geschlossen an der Veranstaltung teilnahm, rief dessen Vorsitzender Friedr. Schimmel die Erinnerung an die große Zeit vor nunmehr 21 Jahren zurück, schilderte den Zusammenbruch und den Wiederaufstieg und ließ seine Ansprache in dem Dank an unseren Führer und Volkskanzler ausklingen. Bei kameradschaftlichem Zusammensein verlebten die Teilnehmer einige frohe Stunden.
(X) Großen-Linden, 26. August. Innerhalb acht Tagen starben hier zwei Schwestern, und zwar
Gegen die Gtaatsseinde!
Groß-Kundgebung in Gießen auf dem Oswaldsgarien am Freitag, dem 30. August 1935, abends 8 Lthr
Am Freitagabend spricht
Reichsstatthalter Gauleiter pg. Sprenger
und
Kreisleiter pg. Klostermann
auf dem Oswaldsgarten zu der Gießener Bevölkerung. Der Kampf gegen Staatsfeinde und Saboteure am Aufbauwerk unseres Führers tritt jetzt in ein entscheidendes Stadium. Die Langmut der Partei wurde von unverantwortlichen Elementen und notorischen Staalsseinden als Schwäche mißdeutet. Frech erhebt die Reaktion und ihre Dunkelmänner das Haupt. Zede Hetze und Niederträchtigkeit ist für diese Volksschädlinge gerade gut genug, um ihr unsauberes Werk zu betreiben.
Am Freitag wird Abrechnung gehalten mit den Dunkelmännern unserer Zeit. Wit schonungsloser Deutlichkeit wird das verbrecherische Treiben jener Kräfte aus- gedeckt werden, die sich unterstehen, gegen Staat und Bewegung zu arbeiten. Die Reihen werden ausgerichtet und Tausende und aber Tausende ehrlicher schaffender deutscher Wenschen in Gießen werden auf diejenigen deuten, die unter der Waske der Frömmigkeit ihr Amt zu zersetzender Tätigkeit mißbrauchen.
Volksgenossen! Am Freitagabend soll es niemand in Gießen geben, der nicht an der Großkundgebung teilnimmt, die zum Bekenntnis der ganzen Stadt zum Führer und seiner Arbeit werden soll!
Gez.: Klostermann, Kreisleiter.
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Zu jedem kommt einmal das GM.
Zftomdn von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 4. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Aber wenn es regnete, kamen wenig Wagen vorbei, und auch die hielten nur selten an, um Benzin oder Oel zu nehmen, sondern fuhren eilig vorbei.
Da genügte der alte Matthias vollkommen.
Doch gerade als Monika an ihn dachte, kam er in seiner alten Regenkapuze vom Gartenhaus her. Monika sah ihn durchs Fenster. Da blieb er stehen und winkte ihr, während sein rotes, gutmütiges Gesicht seine Neugierde verriet.
Monika öffnete einen Fensterflügel.
„Was ist, Matthias? Brauchen Sie mich?"
„Sie müssen gleich kommen, Fräulein Monika. Jemand will Sie sprechen!"
„Mich? Ja, wer denn?"
Matthias zuckte mit den Achseln und lachte.
Monika schlug hastig das Fenster zu, denn Frau von Rieders trat ein, und diese fürchtete die feuchte Luft.
„Matthias braucht mich. Ich muß einmal schnell hinüberschauen."
Frau von Rieders hätte gern Einwendungen gemacht. Doch da der Rittmeister heute beim Amtmann zu einer Kartenpartie war, so war es ja wirklich möglich, daß Matthias mit irgend etwas nicht allein zurechtkam und Monikas Rat brauchte.
Monika betrat das Büro von der Gartenseite. Doch ein schneller Blick hatte sie belehrt, daß beim Benzintank draußen fein Auto stand.
Um so überraschter war sie, als sie drinnen die kleine bebrillte Dame antraf, die es sich bequem gemacht hatte, den Ledermantel über den Sessel geworfen und nun in einem buntfarbigen, gestrickten Jumper da saß und eine Zigarette rauchte.
Aber sie ließ Monika gar nicht zu Worte kommen.
„Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Aber allein. Kann der alte Bursche da draußen bleiben?"
Matthias rollte gekränkt die Augen. Aber als die Besucherin in ihrer Tasche kramte und ihm ein Geldstück reichte, grinste er, schob die Pfeife in den anderen Mundwinkel und zog zu einer eiligen Stärkung ab.
Er konnte es ruhig tun. Sein Brotherr war beim Amtmann, und Frau von Rieders würde bestimmt im Regen nicht herüberkommen, Monika abzuholen. Das wußte auch Monika. Ihre Neugierde war nun "Doch erwacht. Ein merkwürdiges Gemisch
von Ablehnung und Sympathie empfand sie dieser komischen Besucherin gegenüber, die ein fast bayrisch breites Deutsch sprach und doch irgendwie fremdartig anmutete.
Die ließ sie nicht lange überlegen.
„Ich habe mich über Sie orientiert, mein liebes Kindl" sagte sie. „Ich denke, daß Sie mein Angebot akzeptieren können. Ich suche eine Gesellschafterin und möchte sie engagieren."
„Mich? Als Gesellschafterin? Ja, aber warum gerade mich?"
„Na, vielleicht, weil Sie so großartig tanken können!" Die Besucherin lachte schallend, wobei die vielen Fältchen um ihre kleinen Augen sich zusam- menzogen.
„Aber, sagen wir, Sie gefallen mir eben! Meine Bedingungen find die denkbar besten. Sie haben bei mir keine anderen Pflichten, als immer hübsch und jung und vergnügt zu sein, die hübschen Kleider zu tragen, die ich Ihnen besorgen werde, und im übrigen den lieben Gott und Jonathan Klin- kes Witwe, Obstkonserven Engros, sorgen zu lassen. Sollten Sie auch noch andere Talente haben, so zum Beispiel den Tee nicht immer neben die Tasse zu gießen, wie es mein Herr Sohn tut, wenn er einmal seine alte Mutter bedienen will, so soll $5 mir willkommen sein."
Hilflos hatte Monika den breiten Redestrom über sich ergehen lassen. Jetzt zuckte sie zusammen. Richtig, diese Frau da hatte ja auch einen etwas komischen jungen Mann bei sich, ihren Sohn also... Und er hatte sie doch so angestarrt.
In Monika stieg ein Verdacht hoch. Vielleicht steckte dieser Sohn dahinter?
Aber Jonathan Klinkes Witwe, wie sie sich selbst genannt hatte, schien ihre Gedanken zu erraten.
„Mein Sohn weiß nichts davon, daß ich hier bin. Er ist auch nicht mit. Bei dem Wetter geht er nicht gern aus. Er ist etwas verwöhnt, und bann ist er immer so beschäftigt. Gerade deswegen möchte ich ja auch eine Gesellschafterin haben. — Im übrigen hoffe ich natürlich, daß Sie sich mit meinem Sohn sehr gut verstehen werden. Er versteht es nicht sehr gut, mit Frauen umzugehen, aber vielleicht könnten Sie auf ihn etwas Einfluß ausüben. — Wie gefällt er Ihnen übrigens?"
Fast hätte Monika vergessen, daß ihr da eine Mutter gegenübersaß, die ihren Sohn zärtlich liebte, und hätte sich über den bebrillten Gelehrten ein bißchen mokiert. Aber so unterdrückte sie die Bemerkung, die ihr schon auf der Zunge schwebte, und sagte:
„Ich kenne ihn ja nicht."
„Nun, ich hoffe, er wird Ihnen gefallen. Und wenn Sie ihm gefallen, um so besser. Ich habe mich schon über Sie orientiert. Mein Sohn hat es nicht nötig, eine Fran mit Geld zu suchen. Wenn
Sie sich also um ihn bewerben wollten, so habe ich nichts dagegen. Er hat mehr Geld, als Sie je verbrauchen können, meine Kleine."
Und dabei beugte sie sich vor und wollte Monika vertraulich auf die Schulter klopfen, aber die sprang mit einem Ruck in die Höhe.
Ihre Augen sprühten zornige Funken.
„Was denken Sie denn eigentlich von mir? Ich fjabe mich noch niemals um einen Mann beworben, und ich werde es auch niemals tun. Und um Ihren Sohn schon gar nicht!"
Erschrocken hielt sie inne. Sie sah, wie sich die kleinen lustigen Augen der Frau ihr gegenüber mit Tränen füllten.
Einen Augenblick herrschte Schweigen.
Dann sagte Monika von Jnnemann hastig:
„Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kränken. Aber unter diesen Umständen ist es doch wohl am besten, wenn wir unser Gespräch abbrechen."
Sie trat zum Fenster und starrte hinaus auf die von Menschen leere Kleinstadtstraße, in den eintönig tropfenden Regen hinaus. Und plötzlich sah sie den schönen Wagen der Besucherin vor sich und das elegante Kurleben in Karlsbad, all die bunte Welt, die ihr einen Augenblick zugewinkt hatte. Aber nein! Niemals für einen solchen Preis!
Sie war keine Frau, die sich um einen komischen jungen Mann bewarb, der ihr gar nicht gefiel, und den sie einzufangen suchte, um von ihm möglichst viel Geld zu bekommen.
Sie hörte einen Sessel rücken und wandte sich um. Da stand Frau Klinke und bemühte sich, in ihren schweren Ledermantel hineinzukommen, zugleich sagte sie:
„Ich habe nicht gedacht, daß es ein junges Mädchen kränken könnte, wenn eine Mutter sie sich für ihren braven Sohn zur Frau wünscht."
Monika errötete. Sie bereute ihre Heftigkeit.
„Aber Sie müssen doch begreifen, daß ich das alles nicht verstehen kann. Ich kenne Sie doch gar nicht. Und so etwas kann doch bestimmt nicht mit rechten Dingen zugehen."
„Ich möchte es Ihnen ja gern erklären, mein liebes Kind ..
„Ich glaube nicht, daß ich mit Ihnen gehen könnte", sagte Monika von Jnnemann etwas steif. „Aber ich würde gern wissen, warum Sie mir ein solches Angebot gemacht haben."
Dabei nahm sie der alten Dame den Mantel wieder aus der Hand und legte ihn über die Lehne von Onkel Rudolfs Lehnstuhl zurück.
Jetzt, wo die Besucherin nicht mehr rauchte und so ein trauriges Gesicht hatte, gefiel sie Monika plötzlich viel bester. Jetzt konnte man auch eher begreifen, daß sie die Mutter dieses merkwürdigen jungen Mannes war,
„Ich muß ein bißchen weit ausholen. Ich bin eine Deutsche, und auch mein Mann war ein Deutscher. Und vor vierzig Jahren hatten mir beide nichts, nur ein bißchen Lebensmut, und da beschlossen wir, zu heiraten und nach Amerika aus- zuwandern. Mein Mann hatte damals einen Onkel drüben, von dem es hieß, daß er seinen Weg gemacht habe. Denn er schickte zwar niemals Geld, aber er schrieb, wie gut es ihm ging. Nun, dieser Onkel war nicht gerade ein Dollarmillionär geworden — nein, alles andere eher. Er war Packer in einer Obstkonservenfabrik bei Chikago und schlug sich mühsam genug mit Frau und Kindern durch. Aber er hatte seinen Stolz gehabt und schrieb deswegen so schöne Briefe. Na, kann ich verstehen. Mir gefiel dieser Onkel auch sonst recht, und zu leben hatten wir auch nichts. Als er uns anbot, wir könnten auch in der Konservenfabrik arbeiten, da nahmen wir an. Wir plagten uns. Es ging furchtbar langsam. Aber weil wir zäh waren, hielten wir bei der Firma aus, während die meisten, die mit uns arbeiteten, immer wieder fortgingen, wenn sie glaubten, etwas Besseres gesunden zu haben. Schließlich kannten uns die Direktoren und zuletzt sogar der Inhaber selbst. Dann ging es hinauf mit uns.
Jonathan war verflucht zäh und geduldig. Und später, als er schon höher hinaufkam und ich schon nicht mehr arbeiten mußte, sondern zu Hause bleiben konnte bei unserem kleinen Johnie, da bekam er manchmal Angebote von anderen Firmen, aber er war viel zu ehrenhaft dazu, um es sich bezahlen zu lassen, daß er allerhand Fabrikationsgeheimnisse kannte. Na, ich war darin immer einer Meinung mit ihm. Und es ging uns auch recht gut. Wenn es so geblieben, wäre ich auch zufrieden gewesen.
Unterdessen aber starb der einzige Sohn des Inhabers, und mein Mann war damals schon Direktor. Da nahm ihn der alte Smith als Teilhaber auf. Unb als er starb, führte mein Mann das Geschäft weiter. So arbeitete er bis zu seinem Tode treu, ehrlich, fleißig und gewissenhaft.
Alle diese Eigenschaften hat Johnie von ihm. Nur daß er arbeiten kann, was er will. Er hat kein Verständnis für Obstkonserven, hatte immer so Diel Interesse für Kunst und für Geschichte und für Altertümer — für alles, was es in Amerika eigentlich gar nicht gibt.
Jetzt leben wir also in Europa. Johnie arbeitet an einer Doktordissertation. Wenn er Doktor wird, so tut es mir leib, baß es fein Vater nicht erlebt hat. Der war zwar nur ein einfacher Arbeiter, und viel zulernen konnte er auch niemals. Aber wenn er die Möglichkeiten gehabt hätte, wäre mein Christian genau so ein Doktor geworden, wie es Johnie fein wird."
(Fortsetzung folgt!}
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7 §
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