Nr.173 Drittes Blatt
Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag. 27.)uli (935
Weller und WettgeWchie.
Wie das Wetter auf die Weltgeschichte eingewirkt hat, darüber haben sich selbst die Historiker bisher selten Rechenschaft gegeben, und doch ist bas eines der interessantesten Probleme. Der Mensch, nach Shakespeare „ein Spiel von jedem Druck der Luft , wird vom Klima stark beeinflußt und gerade der große Gegensatz in den Witterungsver- yältnissen der gemäßigten Sorte hat ihren Bewohnern wohl die Spannkraft und Fähigkeit verliehen, die kulturelle Führung zu übernehmen. Die Witte- rungsbedingungen haben bisweilen auch zu gewaltigen Bewegungen im Völkerleben geführt. So soll nach dem Bericht des antiken Geographen Strabo der Auszug der Cimbern, der die große germanische Völkerwanderung einleitete, durch eine Sturmflut veranlaßt wor'. den sein, die am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts die Nord- und Ostsee heimsuchte. Klimatische Verhältnisse scheinen es auch gewesen zu sein, an denen dieser erste germanische Ansturm gegen das Römerreich scheiterte, denn die Söhne des Nordens konnten die südliche Hitze nicht gut vertragen und die erschlaffende Wirkung der Julisonne trug mehr zu ihrer Niederlage auf den Raudischen Feldern im Jahre 101 v. Ehr. bei als die militärische Ueberlegenheit der Römer.
In Kriegen tritt das Wetter bald als mächtiger Bundesgenosse, bald als unbesiegbarer Feind auf. Ein berühmtes Beispiel aus der alten Geschichte ist die Niederlage des Varus im September des Jahres 9 n. Ehr., die durch die tagelangen Herb st regen so furchtbar wurde, wie die anschauliche Schilderung bei Tacitus zeigt. Der Regen hat auch sonst in der Strategie oft ein kräftiges Wort mitgesprochen. So wurden in der Schlacht von Cr 6 cy (26. August 1346) die Franzosen hauptsächlich deswegen geschlagen, weil die genuesischen Bogenschützen, auf denen ihre Hauptstärke beruhte, nicht eingreifen konnten, denn ihre Bogensehnen waren durchnäßt und dadurch unbrauchbar geworden. In den Befreiungskriegen haben Regengüsse den Herbstfeldzug von 1813 entscheidend beeinflußt, und in verschiedenen Schlachten, in denen das durchnäßte Pulver das Schießen unmöglich machte, siegte die' preußische Landwehr im Nahkampf, wobei sie die Gewehrkolben benutzte, mit denen es nach dem Rate des Marschall Vorwärts „besser flutschte". In der Schlacht an der Katzbach wurden Blüchers Operationen durch das Hochwasser des schlesischen Odergebietes begünstigt und ermöglichten es, den Franzosen eine schwere Niederlage beizubringen. Andererseits hat oer Regen im Feldzug von 1815 das rechtzeitige Eintreffen der Preußen bei der Entscheidungsschlacht von Belle Alliance außerordentlich erschwert, da alle Wege aufgeweicht waren.
Früher trat auch der „General Winter" als ein wichtiger Verbündeter oder Feind auf. Die furchtbare Kälte des russischen Winters von 1812 rieb die große Armee Napoleons auf und trug zu einer der großen Entscheidungen der Weltgeschichte bei. Die zugefrorenen Flüsse im Winter boten manchmal den Kriegführenden unerwartete Möglichkeiten, die geniale Strategen für sich zu verwerten wußten. Dies tat besonders der Schwedenkönig Karl XII., der in dem strengen Winter von 1657/58 sein ganzes Heer mit der Artillerie über die damals zugefrorenen beiden Balte nach Dänemark warf und die überraschten Feinde dadurch zur Unterwerfung zwang. In ähnlicher Weise hat der GroßeKurfürst im Winterfeldzug des Jahres 1679 das zugefrorene Frische und Kurische Haff ausgenutzt. Die Niederlage der Holländer in den Revolutionskriegen wurde durch den überaus harten Winter von 1794/95 besiegelt, denn die französischen Heere konnten auf den zugefrorenen Flüssen und Grachten rasch vordringen, während die Flotte der Holländer durch das Einfrieren wehrlos gemacht und von der über das Eis heranstürmenden französischen Reiterei leicht genommen wurde.
In den Seekriegen der Vergangenheit war der Wind ein entscheidendes Moment. Der holländische Seeheld Admiral de Ruyter verdankte seine Siege zum beträchtlichen Teil der geschickten Ausnutzung der Windverhältnisse. In dem Ringen um die Seeherrschaft zwischen Frankreich und England
während der Napoleonischen Kriege hat eine plötzliche Drehung des Windes den Triumph der Briten herbeigeführt, denn der französische Admiral Ville n e u v e, der von Napoleon ausgesandt worden war, die englische Flotte im Kanal zu schlagen, um die Landung der französischen Heere an der englischen Küste vorzubereiten, ließ sich davon durch ein Umspringen des Windes von Süd nach Nord am 13.Auoust 1805 abhalten. Dieser Verzicht auf einen Angriff unter günstigen Umständen hatte dann d i e Niederlage von Trafalgar zur Folge, durch die die Seeherrschaft endgültig auf England überging. Schwere Stürme haben die Hoffnungen mancher Eroberer vernichtet. Als der Perserkönig Darius mit seinem großen Heere aufgebrochen war, um dos kleine widerspenstige Griechenland zu züchtigen, zerschellte seine Flotte in einem ungewöhnlich frühen Herbst 492 v. Ehr. am Vorgebirge Athos, und zwölf Jahre später fegte ein Sturm die Schiffsbrücke zweimal fort, auf der Terxes den Hellespont überschreiten wollte. Zweifellos hat Poseidon sich dadurch den Griechen günstig erwiesen, und ihre höhere Kultur gegen die Macht des Orients beschützt. Die Ausschaltung Spaniens als Weltmacht wurde ebenfalls mit durch ein Unwetter herbeigeführt, denn mit der Zerschmetterung der „unüberwindlichen" Armada Philipps II. im Jahre 1588 begann der Abstieg Spaniens und der Aufstieg Englands. Interessant ist, daß die schwere Beschädigung der Flotte der Franzosen durch Den Sturm von Balaklawa am 14. November 1854 während des Krimkrieges den Anlaß dazu gab, den W e t t e r d i e n st auszubilden, um sichere Wettervorhersagen zu erhalten.
Daß Revolutionen meist nur bei gutem Wetter ausbrechen, ist eine alte Erfahrung. La- fayette traf das Richtige, als er am Abend des 5. Oktober 1789, nachdem die wüsten Auftritte des Pöbels vor dem Schloß von Versailles die Hofgesellschaft in panischen Sckrecken gestürzt hatten, Ludwig XVI. die tröstenden Worte zurief: „Sire, Sie können jetzt ruhig schlafen gehen, heute gibts keine Unruhen mehr: es regnet!" Das „tolle Jahr" von 1848 war durch einen besonders schönen und warmen März ausgezeichnet, der in Berlin wie in Wien bei den Massen jene erregenden „Frühling s g e f ü h l e" hervorrief, die zum Ausbruch der Unruhen führten. Wie große Ereignisse von kleinen Ursachen der Witterung abhängen können, da
für hat Professor Richard Hennig einmal ein interessantes Beispiel angeführt: Es war ein ganz gewöhnlicher Regenschauer im Herbst, der die Zündschnur zum Erlöschen brachte, die am nächsten Tage Kaiser Wilhelm I. und zahlreiche andere Fürsten und hohe Persönlichkeiten bei der Eröffnung des Niederwalddenkmals in die Luft sprengen sollte.
Das Volk, das stets sich so viel mit dem Wetter beschäftigt hat, sieht in ungewöhnlichen Witterungserscheinungen bedeutsame Prophezeiungen. Dieser Aberglaube hat auch in der Weltgeschichte seine Rolle gespielt. Die antiken Geschichtsschreiber berichten ebenso häufig von solchen Vorgängen wie die Chroniken des Mittelalters. So erzählen Pausanias und Diodor, daß die Gallier 280 v. Ehr. das Heiligtum von Delphi erobern wollten, aber durch ein schweres Gewitter so erschreckt wurden, daß sie von diesem Frevel gegen die Griechengötter abließen. Als die Goten nach der ersten Eroberung Roms eine Expedition nach Sizilien ausgerüstet hatten, jagte ihnen ein heftiger Seesturm solchen Schrecken ein, daß sie umkehrten. Eine besonders starke psychologische Wirkung hat stets der B l i tz s ch l ag ausgellbt. Daher die vielen, meist erfundenen Berichte von dem Zorn Gottes, der auf diese Weise Frevler getroffen habe. Besonders großes Aufsehen erregte der Tod des römischen Kaisers Carus, der 283 durch den Blitz erschlagen worden sein soll. Wahrscheinlich aber wollte man mit dieser Angabe nur die Tatsache seiner Ermordung verschleiern. Weltgeschichtliche Folgen hatte das Gewitter, das am 2. Juli 1505 Martin Luther zwischen Erfurt und Stutterheim überraschte. Erschrocken über den Blitz, der neben ihm einschlug, und sogar seinen Freund an seiner Seite getötet haben soll, gelobte er, Mönch zu werden. Das Erscheinen eines Regenbogens am Himmel gab Thomas Münzer neuen Schwung, während des Bauernkrieges die Bauern zum Weiterkämpfen zu ermutigen. Das Durchbrechen der Sonne durch Wolken hat man stets als günstiges Omen gedeutet. Napoleon I. machte die „Sonne von A u st e r l i tz", die an diesem Siegestage plötzlich durch die Dezembernebel blutrot hindurchleuchtete, zu einem Symbol seines Glücks, auf das er feine Soldaten vor der Schlacht an der Moskwa wieder Hinweisen konnte: „Seht dort, die Sonne von Austerlitz!" C. W.
päischen Katastrophe wirtschaftlich und finanziell erholte, fingen auch für die Ueberrefte der deutschen Kolonie wieder bessere Zeiten an. Allerdings vermochte den für die Ausländsdeutschen unbedingt notwendigen Rückhalt erst ein angesehenes, bündnisfähiges und in feiner Ehre wiederhergestelltes Deutschland zu geben. In dieser Hinsicht setzte der entscheidende Umschwung erst nach dem Amtsantritt der nationalsozialistischen Regierung ein, die auch die Ausländsdeutschen wieder zu dem Bewußtsein Hurückführte, einem freien, mächtigen und friedliebenden Volke anzugehören.
Heute wird die Zahl der in London lebenden Deutschen auf 4000 bis 5000 geschätzt. Ein großer Teil davon ist jedoch naturalisiert, und die Zahl der Reichsdeutschen dürfte 2000 bis 3000 zur Zeit kaum überschreiten. Die Vereinheitlichung von Staat und Partei hat es mit sich gebracht, daß im Mittelpunkt des geistigen und sozialen Lebens der deutschen Kolonie die jeweilige Ortsgruppe der NSDAP, steht. Die außerordentlich große Beteiligung der in England lebenden Deutschen und naturgemäß auch der nur vorübergehend nach England kommenden Reichsdeutschen an den öffentlichen Veranstaltungen der beiden Londoner Ortsgruppen legen ein beredtes Zeugnis für das wachsende Zusammengehörigkeitsgefühl ab. Die hier geleistete Arbeit verdient nach besonderen Maßstäben gemessen zu werden, und zum erstenmal in seiner Geschichte beginnt sich das Deutschtum in England w i e eine große gemeinsame Familie zu fühlen. Trotzdem ist das bisher Geleistete nur ein Anfang. Nach der kürzlichen Gründung der deutsch-englischen Handelskammer ist der Bau eines „Deutschen Hauses" in Aussicht genommen, das ein Sammelpunkt aller Deutschen in England werden soll. Der finanzielle Grundstock hierzu ist bereits gelegt, und es darf damit gerechnet werden, daß dieser großzügige Plan schon in absehbarer Zeit in die Tat umgesetzt werden kann. Einem dringenden deutschen Bedürfnis entspringt auch der Wunsch nach einer zentral gelegenen deutschen Schule, die es allen deutschen Eltern ermöglicht, ihren Kindern in deutscher Sprache eine deutsche Erziehung angedeihen zu lassen.
Um die Geschichte des Deutschtums in England erschöpfend zu würdigen, müßte ein Buch geschrieben werden, das sich in ein kulturelles, ein wirtschaftliches und ein politisches Kapitel gliedern würde. Im Rahmen eines Zeitungsartikels kann dieses Thema nur in großen Zügen behandelt werden; unumgänglich ist aber hier ein kurzer Hinweis aufdiedeutsch-englischenBeziehungen, die durch den Weltkrieg eine so jähe und unerwartete Unterbrechung erfahren haben. Vielfältig sind die persönlichen Bande, die England und Deutschland seit jeher verbunden haben und die auch der Krieg nicht zu zerreißen, sondern-höchstens zu lockern vermochte. Angelsachsen und Deutsche haben vieles miteinander gemein. Bei aller Verschiedenheit der Denkweise und des Gefühlslebens, beides in der eigenartigen Entwicklungsgeschichte der zwei Völker begründet, gibt es nichts, was sich nicht überbrücken ließe. Diese Feststellung ist unpolitisch; sie bezieht sich auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch, auf den Umgang mit Engländern, die sich langsam wieder ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zu erinnern beginnen.
Musikalische Anekdote.
Als Max Reger einmal in München war, stellte sich ihm im Hotel ein Kritiker vor, fand jedoch nicht des Meisters Beachtung. Indessen, um Regers Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, erzählte er ihm, er habe seinerzeit Richard Wagner mit zu Grabe getragen.
„Der Wagner war halt tot — hat sich nimmer wehren können", meinte Reger, worauf der Kritiker beleidigt aufstand und das Zimmer verließ.
Jedoch nach einer Weile kam der Kellner und richtete folgende Bestellung aus:
„Einen schönen Gruß von Herrn Sowieso, und wenn der Herr Dr. Reger einmal sterbe, ginge er — der Herr Sowieso — nicht mit zur Beerdigung."
Lachend erwiderte der Komponist:
„Sagen's nur dem Herrn Sowieso einen schönen Gruß: Ich zum Beispiel ginge sehr gern zu seiner Beerdigung!" P. v. Z.
Inseln des Deutschtums.
Wir haben unsere ständigen Berichterstatter gebeten, das Leben der Deutschen in ihren Gastländern und das Wirken der dortigen, deutschen diplomatischen Vertretungen zu schildern. — Nachstehend eröffnen wir diese in zwangloser Folge erscheinende Artikelserie.
I.
Die Kolonie in London.
Von unserem Lue.-Berichierstaiier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) London, im Juli 1935.
Die Geschichte der deutschen Kolonie in England ist wechselvoll und bunt. Sie umfaßt einen Zeitraum, der bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht, als die Hanseaten ihre Handelstätigkeit auch nach England ausdehnten und in London den Stahl- h o f gründeten. Als später der industrielle Aufstieg Englands einsetzte, strömten in ununterbrochener Folge deutsche Handwerker, Ingenieure und Kaufleute nach London, Sheffield und Manchester. Das war zu einer Zeit, als es im mitteleuropäischen Raum noch kein geschlossenes und in sich geeinigtes Deutsches Reich gab. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn damals das erste Ziel vieler deutscher Auswanderer das wirtschaftlich aufstrebende England war, das deutschem Fleiß und deutscher Tüchtigkeit mehr Gelegenheit bieten konnte, als die noch von inneren und äußeren Wirren zerrissene Heimat.
Rein gefühlsmäßig spielte bei diesem Wanderungsprozeß auch die enge Blutsverwandtschaft zwischen den beiden großen nordischen Völkern eine Rolle. Welche Bedeutung das Deutschtum
in England im Laufe der Jahrhunderte für das öffentliche Leben Englands erlangt hatte, geht schon daraus hervor, daß die deutsche Kolonie in London vor dem Kriege auf 60 000 bis 70 000 Personen geschätzt wurde. In Handel und Industrie waren viele leitende Stellen mit Deutschen besetzt. Das Vereinsleben war dementsprechend lebhaft und trug auf feine Weise, wenn auch fein säuberlich nach Klassen, Ständen und Berufen geordnet, dazu bei, die Liebe zur angestammten Heimat zu pflegen. Eine Reihe von Schulgründungen, sowie zahlreiche deutsche Kirchengemeinden in ganz England sorgten dafür, daß die Muttersprache nicht verlernt wurde, was um so wichtiger war, als es in England keine geschlossenen deutschen Niederlassungen im Sinne des Minderheitenrechts gab ober gibt. Ueberhaupt hat sich in der Zeit vor dem Kriege b e - sonders d i e Kirche um den völkischen Zusammenhalt der vielfach zerstreut lebenden Deutschen verdient gemacht, und noch heute besteht die aus dem Jahre 1669 stammende erste deutsche Kirchen- arünbung ber Hamburger - Lutherischen Kirche. Außerhalb Lonbons begann sich bas Deutschtum jeboch erst im 18. unb 19. Jahrhunbert zu entwickeln.
Der Weltkrieg zerstörte bie Frucht jahrhundertelanger Aufbauarbeit. Die Kirchengemeinben würben bis auf eine einzige aufgelöst, bie wehrfähigen Deutschen mußten ins Konzentrationslager, unb ihre Familien würben ausgewiesen. Nach bem Kriege setzte ein langsamer, aber zunächst überaus mühseliger Wieberaufbau ein. Als bie Nachwirkungen ber Haß- unb Hetzpropaganda aus ber Kriegszeit allmählich in bem gleichen Maße zu verebben begannen, in bem sich Englanb von ben Folgen ber euro-
Abendfarben.
Von Hermann Hesse.
Eine lange Reche prachtvoll heißer Tage und klarer, glühenb herrlicher Abenbe glänzte über den Vierwaldstätter See. In dieser Zeit ruderte ich Tag für Tag zur Stunde des Sonnenunterganges langsam von der am Fuß des Bürgenstocks gelegenen „Matt" her nach Ditznau zurück und hatte Tag für Tag mit geringen Aenderungen denselben Anblick des Sees gegen Luzern, wo sich die Sonne auf die weißlich umdünsteten Hügel senkte. Der See war jedesmal um diese Stunde fast völlig ölglatt, selten vielleicht von einem leisen, warmen Winde bestrichen, ber die Fläche nur schwach und. stellenweise kräuselte.
Dieser oft wiederholte Anblick hat sich mir so schön unb fest eingeprägt, baß ich ihn wie ein oft gelesenes Lied jederzeit wecken unb genießen kann. Wenn ihr wollt, kann ich ihn auch mit ber Treue einer Chronik beschreiben. Stellt euch vor, ihr saßet im kleinen Ruderboot zwischen Matt und Äitzelau, mitten auf ber Seebreite, unb bewegtet euch langsam gegen Vitznau, bem ihr als Ruberer also den Rücken zukehrt. Nur müßt ihr euch keine Bootfahrt mit Gesellschaft, Gesang und Gespräch vorstellen, nicht einmal eine Fahrt zu zweien mit einem Freunde ober mit einer Braut, fonbern üjr mußt allein sein und müßt etwas von der leidenschasts- losen Liebe des Einsamen in euch tragen. Dann sehet ihr folgendes:
Vor euch steht scharf und dunkel die schmale Bootsspitze gegen die glänzende Seeflache. Das Wasser hat noch die tiefgrüne Färbung des Spat- nachmittags und schimmert weiter hmaiw in bläulich weichem Silberton, welcher langsam, l^st unmerr- lich einen süßen warmen Anflug von Gold bekommt. Gegen den Bürgenftock verdunkelt sich das Wasser in vielen Uebergängen bis 3" einem schweren Tintenblau, von welchem der weißgelblich heue, schmale Uferftreifen sich auffallend abhebt. Ohne die- sen lichten Streifen, ber vom Durchschimmern des Hellen Strandgesteins herrührt, wurde das Ufer nach dieser Seite viel ferner erscheinen; der weiß- liehe Strich zieht es dem Auge fast gewaltsam naher. Das stark beleuchtete, hellgrüne Ufer der Rigisette hat denselben Uferstreifen, ber hier jeboch unauf- fällig mit der lichten Seefarbe verschwimmt. Hier
spiegelt sich auch die langgezogene Wand des Rigi mit den rötlichen runden Felstürmen und Hellen Matten klar und unverändert, während jenseits der Spiegel der Hammetschwand nur wie ein trüber Schatten im Wasser liegt.
Jetzt beginnen die einzelnen weißen Wölkchen über euch sich goldig zu färben. Ihr blickt nach der niedrig stehenden Sonne und bemerkt dabei, daß in der Ferne der See nicht mehr bläulich und silbern, sondern völlig goldgelbglänzend wie eine blanke Messingscheibe ist. Unb bie Grenze bes Goldfeldes rückt zusehends näher, fast bis zu den Schiffländen von Kehrfiten und Weggis, mit einem schwach blendenden, bem Auge aber noch wohl erträglichen Geleucht.
Unb nun beginnt bie Sonne tiefer zu leuchten und größer zu werben. Was vom Boot aus noch von grüner Seefläche zu sehen war, hüllt sich in ein großes Farbenspiel, bas zwischen Golb unb Rotbraun in allen Nuancen leuchtet unb an winbbe- roegten Stellen zum brennenben Scharlach wird. Hier hört die Zuverlässigkeit des Sehens auf und werden alle Farbenftimmungen ungewiß; ihr könnt nur zurückgelehnt mit Erstaunen ein Meer von warmen, roten und goldenen Tönen wahrnehmen, das in unerhörten Rhythmen flutet und immer wechselt unb immer basfelbe ist-
Das bauert an klaren Tagen solange, bis bie Sonne ben Horizont berührt. Da wird sie tief rot unb ber See verwanbelt sich wunderbar. Er ist, so weit ihr blicket, mattgolben mit blaugrünem Anhauch, so wie in Kürze ber westliche Himmel aussehen wird. Unb mitten burch bie golbene Flut geht eine breite unb unendlich lange Brücke aus Feuer, beim fernen Ufer rot und licht beginnend, und endigend in einer maßlos tiefen, sattsam purpurnen Lohe. Das ist der Spiegel der roten Sonnenscheibe während der Minuten des Unterganges. Ganz nahe vor eurem Boot seht ihr sie glühen und verbrennen, bis sie in einem goldig braunen Schimmer erlischt. Ihr schauet empor. Auch am Horizont ist sie verschwunden, von jenseits rötet sie Luft und Wolken und wirst euch die Hügel, hinter welchen sie sinkt, mit scharfen Konturen überraschend entgegen. Indessen verleuchtet der See langsam, langsam und kleidet sich im Erlöschen in phantastisch schöne, schwelgerische Traumfarben, deren Anblick wie ein mächtiges Land ober wie eine munberbare Sage aus Urzeiten berührt.
Und rückwärts, hinter euch über dem Bauen und den Urner Bergen, sehet ihr, wenn ihr scharfäugig seid, im rasch dunkelnden Himmel, schon erste bleiche Sterne schwimmen.
„Da."
Ein urbayerisches Erlebnis.
Von Wilhelm von Hebra.
1.
In den „999 Worten Bayrisch" des Johann Lach- ner heißt es: „Die ganz speziell bayrische Vorsilbe „da" hat die unübersetzbare Bedeutung, daß etwas vollständig, durchaus, restlos geschieht: ja, daß bie Folge ber betreffenben Tätigkeit bie Vernichtung ist. Lachner gibt Beispiele: „Der hobst bastässn" = er hat sich so gestoßen, baß er tot ober mindestens vollständig zerstoßen ist; „ber hobst barennt" — er hat sich zu Tode gerannt.
2.
Der Münchner Alisi Anzinger ist mein liebster Freund.
Alisi ist ein Urbayer, von gewaltigem Umfang, ganz und gar frei von modernen Anwandlungen, Liebhaber der Männer-Behaglichkeit im Stil der alten Zeit.
Alisis Frau Veronika hingegen ist ein Kind der neuen Zeit: für Sport und frische Luft.
3.
Als ich letzthin am Nachmittag Alisi besuchte, ließ er mich nicht mehr fort; es werde einen richtigen Männer-Abend geben; Veronika sei bei ihrer Mutter.
Es wurde „ganz damisch gmüatli". Wir saßen in bequemen Lehnstühlen, verzehrten Bier und Schnaps, Speck und Würste, Brezeln und Kümmel- weckerln. Zwischendurch rauchten wir mächttge Pfeifen.
4.
Um Mitternach kommt Veronika.
Sie schimpft sofort auf den „altmodischen Männer-Gestank"; er sei unaushaltbar.
Es gibt Streit zwischen Veronika und Alisi. Sie ist für, er gegen Deffnen der Fenster.
Veronika siegt.
Das Zimmer wird rasch kalt.
Veronika sagt:
„Js jetz de frische Luft net tausendmal gsünda? fyab i net red)t?';
„Na."
„Wiaso denn net?"
„Dafrorn san scho oui (viele) — dastunkn is no koana."
Das deutsche Antlitz.
Von Herbert Haffencamp.
Bamberg: bie ganze Altstabt labert in Barock, burch enge Gassen führt ber Weg zur steilen Ausfahrt nach dem Dom. Man fühlt vor dieser Auffahrt, hier ziemte es sich, zu Pferd zu kommen, kühn im Sattel über dem langsam nickenden Pferdehaupt, eine Braut zur Seite ober ein Heer hinter sich. Eine riesige Mauer zur Rechten beckt jede Ahnung von bem, was kommt, nur links sinken bie Giebelhäuser mählich tiefer in ihr Gewimmel hinab.
Da winkelt hart nach rechts die hohe Wand plötzlich ab, unb da schlägt strahlend über Treppen ber Dom ins blaue Firmament. Ansteigend hält ein mächtiger Ehrenhof sein Rechteck hin, rampengeschmückte Renaissancefronten rahmen stolz ihn ein. Herrschaft unb Friebe unb gelassene Schönheit ist ihre Musik.
Ein linber Wind fächelt bie blühenden Bäume, bie prangenb ein Denkmal umstehen. Vom Dom her klingt bie Orgel in ben stillen Sonntagnachmittag. Schräg fällt burch hohe Fenster sein Licht auf bie Bauersfrauen unb Mäbchen in fränkischer Tracht, unb ba fielst auch schon segnend der Bischof die Stufen herab, von ben Alumnen unb feinem Kapitel gefolgt.
Das Antlitz aber, das ihm hier sich neigt, das blonde Bauernantlitz in ber Tracht, bas steinerne ober metallene auf ben Sarkophagen, bas hölzerne am Altarschrein, das Antlitz ber Nonne unb bas der Alumnen in Chorhemd und Sammet — ad), es ist immer dasselbe, das stille, blonde Gesicht fränkischer Erde und hoch zu Roß hebt es sich da noch einmal hinauf an ber Chorwanb zu einem großen Vorbild: frei unb frank in ben Bügeln, stolz in den Schultern, lockenumwallt, stirnreifgekrönt fitzt zu Pferde ber fränkische Ebeling, unb nun fühlen es alle als Geschenk, es ist das deutsche Antlitz des Reiters, des Reiters vom Bamberger Dom.


