Ausgabe 
27.4.1935
 
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Ur.98 Erster Blatt'

185. Jahrgang

Zamrtag, 27. April 1935

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Am Scheidewege.

Die nach einer Reihe von Feiertagen übliche poli­tische Flaute zeigte diesmal nur durch das Rätsel­raten um die Paktverhandlungen zwi­schen Paris und Moskau ein leichtes Wellengekräusel. Frankreich hatte sich seinerzeit für den Gang nach Stresa stark machen wollen durch das telephonisch mit Sowjetrußland vereinbarte Gentlemans agreement über eine schär­fere Auslegung der den gegenseitigen Beistand gegen einen Angreifer betreffenden Artikel des Dölkerbundsstatuts. Diese fernmündlich getroffene formlose Übereinkunft sollte dann in Genf in Ver­tragsform gebracht und bei einem anschließenden Besuch Litwinows in Paris paraphiert werden. Die Franzosen hatten mit diesem Coup auch tat­sächlich in Stresa erreicht, daß England, aus Furcht durch eine weniger entschiedene Haltung den französischen Freund ganz in die Arme Sowjetruß- lands zu treiben, seine bislang beobachtete Ver­mittlerrolle aufgab und den Entschließungsentwurf für den Völkerbundsrat, der sich gegen die Verkün­dung der deutschen Wehrhoheit wandte, gemeinsam mit Frankreich und Italien unterzeichnete. Flandin und Laval konnten in Stresa weiter als Erfolg ihrer Politik des voraufgegangenen Techtelmechtels mit den Sowjets buchen, daß England und Italien ihre Verpflichtungen als Garanten des Locarno­pakts noch einmal ausdrücklich bekräftigten. Selbst­verständlich sind diese Verpflichtungen zweiseitig und England hat dem auch durch eine entsprechende Erklärung in Berlin loyal Rechnung getragen. Aber gedacht war dieses Bekenntnis natürlich als Rückenstärkung Frankreichs in seinen Verhandlun­gen mit Sowjetrußland. England wollte damit den Franzosen deutlich machen, daß sie es angesichts der Garantien des Locarnopakts keineswegs nötig hät­ten, sich aus der eingebildeten Furcht vor einem erstarkten Deutschland sich nun blind in die Arme der Russen zu werfen. Sie wollten gleichzeitig aber auch die Franzosen an die Bindungen erinnern, die der Locarnovertrag ihnen selber in seinem Artikel IV auferlegt, der bestimmt, daß Vertrags­verletzungen vor den Völkerbundsrat zu bringen find und daß zwar eine nicht provozierte Angriffs- Handlung den Beistand der Garantiemächte aus­löst, der Fall jedoch dessenungeachtet dem Völker- bundsrat zu unterbreiten ist, dessen Empfehlungen zu befolgen sind.

Daß diese Erinnerung durchaus zeitgemäß und recht am Platze war, hat die Verzögerung bewie­sen, die in den Tagen nach Ostern die Paktverhand­lungen zwischen Paris und Moskau erfahren haben. Sowjetrußland arbeitete auf ein automatisches Inkrafttreten des Beistandspaktes hin. Wenn also einer der Dertragskontrahenten sich einem unpro- oozierten Angriff ausgesetzt glaubte, sollte der an­dere Vertragspartner automatisch, d. h. ohne weitere Feststellungen des Völkerbundsrats oder andere Formalitäten zu sofortiger militärischer Hilfeleistung verpflichtet sein. Damit wäre der Völkerbund als das im Locarnopakt wie in der Völkerbundssatzung vorgesehene Forum für die Feststellung eines An­greifers und für die Empfehlung der gegen ihn von den Mitgliedern des Völkerbundes zu ergreifenden Maßnahmen so gut wie völlig ausgeschaltet war­ben, denn eine nachträgliche Mitteilung des auto­matisch in Gang gesetzten militärischen Beistands wäre natürlich für eine Verhütung der Ausbreitung eines Krieges oder auch nur für eine Vermittlung zwischen den streitenden Parteien wertlos. Die eng­lische Mahnung an Frankreich, sich beim Eingehen neuer Bindungen mit Sowjetrußland innerhalb der Verpflichtungen des Völkerbundsstatuts, dessen Er­läuterung ja der neue Sonderpakt eigentlich nur dienen sollte, und des Locarnoabkommens zu hal­ten, diese Mahnung ist doch in Paris nicht ohne Wirkung geblieben. Man wollte die Fühlung mit England über der neuen Freundschaft mit den Bolschewiken doch nicht verlieren und hat nun seinerseits Moskau für einen Augenblick die kalte Schulter gezeigt. Der französischen Presse fielen über Nacht die 20 Milliarden Vorkriegsschulden ein, deren Anerkennung als Staatsschulden die Sowjetunion bisher strikt verweigert hat. In wenig höflichen Worten sprach man von dem Ausscheiden des russischen Bundesgenossen im Weltkrieg 1917 und fand sogar plötzlich wieder die von Moskau unterstützte kommunistische Propaganda tadelnswert und staatsgefährlich. Die Sowjets vergalten mit ähnlichen Schroffheiten. Litwinow, für den in Pa­ris bereits das Frühstück gerichtet war, das der Paktunterzeichnung folgen sollte, ließ sich nicht ein­mal durch seinen Spezialbusenfreund Herriot davon abbringen, unverzüglich von Genf nach Moskau durchzufahren. Die Kleine Entente wurde mit Hilfe von Beneich mobil gemacht, um in Paris zu erklä­ren, daß sie den für Rom Anfang Juni vorgesehe­nen Donaupakt nicht unterzeichnen werde, wenn nicht vorher der französisch-sowjetrussische Beistands­pakt unter Dach und Fach gebracht worden sei.

Das gegenseitige Grollen auf dem Theater hat die beiden Partner keineswegs gehindert, hinter den Kulissen die Fäden weiter zu knüpfen, um das erstrebte Bündnis spruchreif zu machen und auch gegen Kritiker im eigenen Lager hüben wie drüben gewappnet zu sein. Jetzt läßt man schon verlauten, daß die Verhandlungen auch offiziell wiederaufge­nommen werden. Vermutlich werden sie auf ein Kompromiß hinauslaufen, das durch Einschaltung des Völkerbundes den neuen Beistandspakt mit Frankreichs Locarnoverpflichtungen in Einklang bringt und durch Sowjetrußlands Zugeständnis, die Unterstützung der kommunistischen Propaganda in Frankreich einstellen zu wollen, es Laval er­leichtert, den Pakt mit dem Bolschewismus auch den recht zahlreichen Feinden Moskaus innerhalb ,. der französischen Rechten schmackhafter zu machen. Mit einem solchen Kompromiß, das auf eine auto­matische Ingangsetzung des militärischen Beistands

Kür Arbeit, Frieden, nationale Ehre und Sicherheit!

Zn der Ehre der Arbeit liegt die Ehre des Volkes! Nie Ehre des Volkes aber ist die Bürgschaft für den Frieden und die Sicherung der Nation!

Ausruf an das deutsche Volk! Reichspropagandaminister Dr. Goebbels zum 1. Mai.

Berlin, 26. April. (DNB.) Reichspropaganda­minister Dr. Goebbels hat zum 1. Mai folgen­den Aufruf erlassen:

An das ganze deutsche Volk!

Zum dritten Male feiern wir im Zeichen des Nationalsozialismus den Tag der Deutschen Arbeit. Während der 1. Mai 1933 noch im Schatten der i n n e r p o l i t i s ch e n Auseinander­setzung stand, konnten wir den 1. Mai 1934 bereits zu einer großen, alle Stände und Berufe vereinigenden Demonstration des natio­nalen Aufbauwerkes machen. Der 1. Mai 1935 soll nunmehr Symbol und Ausdruck der wiedererrungenen deutschen Freiheit und nationalen Souveräni­tät sein.

An ihn schließt sich das ganze deutsche Volk zu einer einzigartigen Manifestation sei­nes nationalen Lebenswillens zusam­men und stattet in nie da gewesenen Mil- lionen-Kundgebungen dem Führer seinen großen und tiefgefühlten Dank ab für die Prokla­mation des deutschen Wehrgesetzes vom 16. März, durch die Deutschland seine nationale Gleichstellung unter den anderen Mächten festgelegt hat.

Die Welt soll sehen, daß dieser Entschluß des Führers der Entschluß des Volkes ist: Arbeiter, Bauern und Soldaten wollen an diesem Tage das einmütige Gelöb­nis ablegen, sich wie ein Wann hinter die Politik Adolf Hitlers zu stellen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Ehre und die Sicherheit der deutschen Nation zur festen und unerschütterlichen Grundlage des gefalzten deut­schen Aufbauwerkes zu machen.

Gerade der deutsche Arbeiter hat allen Grund, dem Führer für seinen mutigen Entschluß zu danken. Denn was nützt der großzügige Versuch der Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft, wenn das ganze deutsche Volk mit allen seinen Kräften, wenn dahinter nicht die wahrhafte Kraft steht, die ent­schlossen ist, die Sicherheit und den Frieden der deutschen Arbeit zu verteidigen. Der Pflug, der durch die Ackerschollen geht und die Maschine, die das Lied der Arbeit singt, sind wieder geschützt durch den nationalen Verteidigungswillen des ganzen Volks. Damit erhält der 1. Mai des Jah­res 1935 feine tiefe und symbolhafte Bedeutung.

Eben deshalb auch feiert ihn das deutsche Volk diesmal mit besonderer Hingabe. Er soll der Gruß der Nation an den Führer fein. Er soll einen spotanen Akt des Dankes für feine auf die Sicherheit und Ehre der Nation, aber auch auf den Frieden Europas gerichtete Politik darsiellen. Er soll der Welt zeigen, daß das ganze deutsche Volk seine nationale Einig­keit wiedergefunden hat und keine Hoffnung mehr besieht, in Deutschland Bundes­genossen gegen Deutschland selbst zu finden. Adolf Hitler repräsentiert dieses neue Volk. 3n seiner Stimme sprechen die Stimmen von 66 Millionen Deutschen mit. Er ist der beglaubigte Wortführer einer Nation, die wie jedes andere Volk ihre Ehre und gleiche Berechtigung sichert, darüber hinaus aber ge­willt ist, mit allen Kräften am Wiederaufbau Europas tat- und opferbereit mitzuarbeiten.

Diese Nation steht heute wieder lebensgeschlossen aber auch friedensgewillt vor den Augen der Welt.

lieber ihr ist aufs neue die Fahne der Ehre hoch­gegangen. Arbeiter, Bauern und Soldaten tragen auf ihren Schultern das Reich. Es liegt in sicherer Hut in Adolf Hitlers Hand

Dem Lebenswillen des Volkes Mil­lionen- und millionenfach Ausdruck zu geben und ihn dabei zu verbinden mit dem nationalen Ausbauwerk, dem die schaffenden deutschen Menschen aus allen Ständen und Berufen sich mit tiefer, sittlicher Begeisterung hingegeben haben, ist Sinn und Parole des nationalen Feiertags, den wir am 1. Mai festlich begehen wollen.

Darum ergeht aufs neue an die ganze deutsche Nation zum Feiertag des Volkes der Ruf: Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter! Die nationale Ehre und die Frei­heit unseres Volkes sind die Grundlagen aller Wohlfahrt und jeden sozialen Glückes. Ihrer sollen sie gleicherweise Arbeiter, Bauern und

Soldaten teilhaftig werden.

Wieder stehen für einen Tag die Räder still und ruhen die Maschinen. Wieder ehrt Deutschland die Arbeit, von deren Segen das Volk ein ganzes Jahr leben soll. Der 1. Mai ist Feiertag für arm und reich und hoch und niedrig.

Bekränzt eure Häuser und die Straßen der Städte und Dörfer mit ftischem Grün und den

Fahnen des Reiches.

Von allen Last- und Personenautos, aus allen Fenstern sollen die Wimpel und Fahnen der natio­nalsozialistischen Erhebung flattern. Züge und Straßenbahnen sind mit Blumen und Grün ge­schmückt.

Auf den Fabriktürmen und Bürohäusern werden feierlich die Fahnen des Reiches gehißt!

Kein Kind ohne Hakenkreuzwimpel.

Die öffentlichen Gebäude, Bahnhöfe, Post- und Telegraphenämter sollen in frischem Grün erstehen.

Die Verkehrsmittel tragen Fahnenschmuck.

3n der Ehre der Arbeit liegt die Ehre des Volkes! Die Ehre des Volkes aber ist die Bürg­schaft für den Frieden und die Sicherung der Nation!

Deutsche aller Stände, Stämme, Berufe und Konfessionen, reicht euch die Hände.

Für Arbeit, Frieden, nationale Ehre und Sicherheit!

Es lebe der Führer!

Es lebe Deutschland, sein Volk und sein Reich!

Berlin, den 27. April 1935.

Der Reichsminister

für Volksaufklärung und Propaganda

(gez.) Dr. Goebbels.

Die Festfolge der Veranstaltungen.

I.

8.30 bis 9.30 Uhr: Jugend-Kundgebung im Lustgarten (über alle Sender).

L Fanfarensignal.

Eröffnung durch den Reichsjugend­führer.

3. Lied: Tritt heran Arbeitsmann. Text von Hein­rich Lersch, Melodie von Fritz Sotke, gesungen von 3000 Mann starkem Chor aus HI., DJ., BdM.

4. Rede: Reichsminister Dr. Goebbels.

5. Gemeinsames Lied: Aufhebt unsere Fahnen. Text von W. Zorg, Melodie von Fritz Sotke. Dazu spielen die vereinigten Musikzüge der Berliner Hitlerjugend.

6. Ansprache des Führers.

7. Gemeinsames Lied: Vorwärts, vorwärts.

II.

10 Uhr: Festakt der Reichskulturkam­me r in der Staatsoper Unter den Linden (über alle Sender).

1. Festliches Präludium von Richard Strauß. Es spielt die Staatskapelle Berlin unter Leitung von Professor Clemens Krauß.

2. Ansprache des Präsidenten der Reichskul­turkammer Reichsminister Dr. G o e b b e ls.

3. HJ.-Fanfare.

4. Verkündung des Buch- und Filmpreises 1934/35.

5. Festliche Musik. Finale (Passacaglia) aus der

4. (E-Moll) Symphonie von Joh. Brahms. Es spielt die Staatskapelle Berlin unter Leitung von Professor Heger.

III.

12 Uhr: Staatsakt a u f dem Tempel­hofer Feld (über alle Sender). In allen Orten des Reiches werden Parallel-Kundgebungen durch­geführt.

12 Uhr: Ankunft des Führers. Der Füh­rer schreitet die aufgestellten Ehrenformationen ab. Chor, gesungen von 2500 Sängern des Berliner SängerbundesLied des Volkes" von (Erbten.

Eröffnungsansprache: Reichsrnini - st e r Dr. Goebbels. Chor.Wir" von Hein­richs.

Verpflichtung der V e r t r a u e n s r ä t e durch den Reichsorganisationsleiter Dr. Ley.

Rede des Führers.

Horst-Wessel-Lied. Großer Zapfenstreich. Deutsch­land-Lied. Schlußwort: Bezirkswalter der Deut­schen Arbeitsfront Pg. Engel.

IV.

17 Uhr: Empfang der Arbeiter-Dele­gationen aus dem Reich und der Sieger aus dem Reichsberufswettkampf der Deutschen Jugend in der Reichskanzlei durch den Führer und Reichskanzler.

V.

21.30 Uhr: Fackelzug der Reichswehr, Ma­rine, Flieger, Landespolizei, Schutzpolizei, SA., SS., Leibstandarte Adolf Hitler, NSKK., Feldjäger­korps, Arbeitsdienst, PO., Deutsches Rotes Kreuz, Deutscheer Luftsport-Verband, Technische Nothilfe, Bahnschutz, Feuerwehr und NSDFB (Stahlhelm), zum Lustgarten.

VI.

23.00 Uhr: Schlußappell der am Fackelzug beteiligten Formationen. Marschmusik. Rede des Preußischen Ministerpräsidenten Reichsminister Ge­neral Göring. Großer Zapfenstreich. Die Kundgebung wird über alle Sender übertragen.

Tausend Saarländer kommen zum ^l.Mai nach Berlin.

Berlin. 27. April. (DNB.-Funkspruch.) Das Amt für Reisen, Wandern und Urlaub in der N S.- GemeinschaftKraft durch Freude" hat auf Veranlassung des Propagandaministeriums 10 0 0 saarländische Arbeitskamera­den z u einem mehrtägigen kostenlosen Besuch der Reichshaupt st adt eingeladen. Die Teilnehmer werden als größtes Erlebnis wäh­rend ihres Berliner Aufenthaltes den 1. Mai b e i der Kundgebung auf dem Tempelhofer Feld feiern. Besondere Ehrenplätze werden für sie vorgesehen.

verzichtet, hofft man auch die E n g l ä n d e r zu beruhigen, die nichts so sehr fürchten als eine Ver­mehrung ihrer Verpflichtungen auf dem Kontinent, die ihnen ein automatisch wirkender Beistandspakt zwischen Frankreich und Sowjetrußland, wenn auch nur indirekt, als Garantiemacht des Locarnoab­kommens auferlegt hätte. So zweideutig Englands Politik seit Jahren ist und so verschieden die Auf­fassungen in der britischen Öffentlichkeit, ja inner­halb des Kabinetts selber im einzelnen auch fein mögen, so läuft doch Englands Wunsch darauf hin­aus, einmal keine Verpflichtungen einzu- gehen, die England über den Locarnovertrag hin­aus in kriegerische Konflikte auf dem Kontinent verstricken könnten, zum andern zu versuchen, durch Verhandlungen mit Deutschland zu einer europä­ischen Rüstungsbeschränkung zu kommen und zum dritten dem Völkerbund durch den Wiedereintritt Deutschlands die Rolle wiederzu­geben, in deren Verlust man in England die größte Gefahr für den Gedanken der europäischen Soli­darität und damit für den europäischen Frieden erblickt. .

Das ist ein an sich klares und für die Sicherung des Friedens nützliches Programm. Aber im briti- chen Generalstab, unter den hohen Beamten des -oreign Office, auf dem rechten Flügel der Herr- chenden Konservativen Partei sitzen genug einfluß- -eiche Männer, die in einer kontinentalen Hegemonie Frankreichs, dem auch gefühlsmäßig ihre Sym­

pathie gehört, die beste Garantie für die Erhaltung des Friedens in Europa sehen und in der Wieder­herstellung der alten französisch-britischen Entente cordiale mit dem ausgesprochenen Zweck der Nie­derhaltung Deutschlands die beste Gewähr dafür erblicken, daß das Britische Reich ungestört durch kontinentaleuropäische Streitigkeiten sich seinen nicht geringen überseeischen Sorgen widmen kann. Frank­reich als Gendarm Europas spukt immer noch als Idealfigur in den Köpfen vieler Engländer, die nichts als Ruhe wollen, aber zu kurzsichtig sind, um einzusehen, daß die gewaltsame Aufrechterhal­tung ungleicher und ungerechter Verträge und die Zerreißung Europas in Blocks hochgerüsteter, ein­ander argwöhnisch belauernder, in unübersehbaren Bündnisnetzen verstrickter Mächte die größten Hin­dernisse für eine wahre Befriedung eines unter gänzlich veränderten weltwirtschaftlichen Aspekten nur durch enge Zusammenarbeit wieder zur Gene­sung kommenden Erdteils sind. Aber was soll man sagen, wenn ein Mann wie Macdonald sich nicht scheut, es an Einseitigkeit und Befangenheit in feinem Urteil über Deutschland mit den wildesten Hochtories aufzunehmen, ein Mann, der während des Weltkriegs für feine pazifistischen Ideale ge­litten hat und später als Premier zweier eng­lischer Arbeiterregierungen sich ehrlich bemüht hat, die Liquidation des Krieges durch einen wahren, auf Ausgleich, Abrüstung und zwischenstaatliche Zu­sammenarbeit gegründeten Frieden gegen die star­

ken Kräfte innerhalb seines eigenen Landes unb in der internationalen Politik durchzusetzen. Als Führer eines Torykabinetts, das ihn einst als nütz­liches Umhängeschild gebraucht hat, nun aber im Gefühl herannahender Wahlen seiner überdrüssig wird, mit seinen früheren Parteigängern zerfallen, von der Oeffentlichkeit als unentschieden und halt­los kritisiert, ist Macdonald anscheinend in Sorge um einen guten Abgang von der politischen Bühne und sucht nun seine und Simons Haltung in Stresa als glücklichen vielversprechenden Auftakt einer schöpferischen Außenpolitik der mißtrauischen und zweifelnden britischen Oeffentlichkeit einzureden.

Weil auch Deutschland so wenig wie ein großer Teil der englischen Oeffentlichkeit wenig über­zeugt ist von der Fruchtbarkeit des Kurses, den die englische Politik in Stresa und Genf eingeschlagen hat, bekommt es nun aus Macdonalds Mund dis verdiente Strafpredigt zu hören. Vom hohen Ko­thurn des allein wahren Friedensfreundes, umgeben mit dem Mantel der Selbstgerechtigkeit und Unfehl- barfeit kanzelt er in dem nur schwer verdaulichen Gemisch von gönnerhaftem Wohlwollen und mora­lischer Ueberheblichkeit, für das es in der englischen Sprache das unübersetzbare Wortcant gibt, Deutschland ab als das Land, dasdas gegenseitige Vertrauen in Europa zerstört" habe, dadurch daß esden Weg des Militarismus wieder beschritten" habe undsomit die Nationen Europas gezwungen habe, sich wieder mit erhöhter militärischer Rüstung