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Nr. 73 Dritter Statt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Mittwoch, 27. März M5
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der Frühling.
Am Waldrand, an einer geschützten Stelle am Eisenbahndamm, hielt ein alter, wackeliger Planwagen. Die Insassen lagen in malerischer Unordnung rings im Grase. Es war ein Korbmacher mit einer Familie. Sie hatten wieder ihre Fahrt an- getreten und sonnten sich am ersten schonen Frühlingstag. Die kleinen Kinder, alle barfuß, Uesen sich nach, schlugen Purzelbäume und spielten Verstecken.
Zwischen einigen vom Rauch geschwärzten Steinen prasselte ein lustiges Feuer. Darüber stand ein alter kupferner Topf, in i>em das Mittagsmahl bereitet wurde. Die Mutter her Kinder wusch am nahen Bache Kleidungsstücke und hing sie dann an den Weidenstümpfen aus. Der Mann slocht Körbe.
Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben dieser „fahrenden" Familie. Sie wußte, daß jetzt der Winter vorbei.ist, daß nun wieder eine schöne Zeit kommen wird. Nun goht's von Dorf zu Dorf, durch Städte, an Flüssen und Bächen vorbei, durch rauschende Wälder, über Berge und durch Täler: Hinein in die weite Welt! Unbekümmert ziehen, sie hinein in den schönen Frühling. So lang es in den Feldern noch etwas gibt. Im Winter haben sie auf Vorrat gearbeitet. Im Wagen sah man die kleinen Lehnstühlchen für Kinder und Puppen, fein säuberlich auflackiert, liegen. Die werden nun verkauft, und die Kleinen schleppen alte, fast unbrauchbare Körbe herbei. Der Vater flickt sie, setzt Böden ein, und die Kinder tragen sie wieder dem Besitzer zu. —
Za, der Frühling ist da. Die Sonne schaut freundlich durch die Wolken. Langsam, mit dem Wachsen des Tages, find die Nebel verschwunden, die die ahnungsschwere Erde eingewickelt hatten. Vogelgezwitscher kommt von den Bäumen. Im Felde blitzt die Pflugschar. Ueberall regt sich neues Leben. Wir schauen nach dem blauen Himmel und horchen auf den Gesang der Amsel.
Don der Hecke am Waldrand duftet es lieblich. Versteckt im dürren Grase, noch halb überdeckt mit altern Laub, luaen Veilchen hervor, schon urnsurnrnt von fleißigen Bienen. Wir betrachten die lieben Frühlingsboten. Wir pflücken keine Blumen ab. Lassen wir sie den Bienchen! Freuen wir uns daran, es kommen noch Wanderer nach uns. Und der ganze Abhang ist mit Gänseblümchen übersät. Still und bescheiden stehen sie da. Auch sie verkünden: Der Frühling ist gekommen!
Ueber den Feldern erheben sich die Lerchen und lassen unablässig ihre Triller ertönen. Die Saaten leuchten, die Wiegen werden grün, die Knospen der Bäume schwellen und wollen jeden Tag aufbrechen.
Und kommen auch noch Stürme und brausen noch Regenschauer nieder, vermischt mit Schnee und kleinen Eiskörnern, das macht nichts. Wir haben die ersten Frühlingstage erlebt, wir schauen über die schlimmen Tage hinweg und sehen nur Sonne und blauen Himmel vor uns. R.
Wir suchen die besten Rundfunksprecher!
Die Reichssendeleitung und der Reichsverband Deutscher Rundfunkteilnehmer veranstalten auch in diesem Sommer wieder das große öffentliche Preisausschreiben: Die b e st e n Ru ndfunk sprechet ans Mikrophon!
Dieser zweite Rundfunksprecher-Wettbewerb, der für alle deutschen Frauen und Männer offen ist, beginnt am 1. April 1935 im ganzen Reich.
Zn Veranstaltungen der Kreisgruppe des Reichsverbandes Deutscher Rundfunkteilnehmer sollen alle anwesenden Volksgenossen nach eigenem Urteil durch Stimmabgabe unter den Bewerbern die besten und befähigtsten Rundfunksprecher ermitteln.
Das deutsche Volk sucht sich selbst die besten Rundfunksprecher, das ist der Sinn dieses Wett-
Kreistagsfihung in Gießen.
Verabschiedung des Voranschlags des Kreises Gießen für das 3Rj. 1935.
Heute, Mittwoch, vormittag fand im Sitzungssaale des Regierungsgebäudes zu Gießen die diesjährige ordentliche Sitzung des Kreistages des Kreises Gießen unter Dem Vorsitz des Oberregierungsrats Dr. S ch ö n h a l s statt. Zu der Sitzung waren infolge Entschuldigungen von mehreren Kreistagsmitgliedern nur zehn Kreistaasabgeord- nete erschienen, so daß die Sitzung beschlußunfähig war. Eine vorsorglich bereits auf eine Viertelstunde später anberaumte neue Sitzung war dann ohne Rücksicht auf die Zahl der anwesenden Kreistagsmitglieder beschlußfähig und begann mit ihrer Arbeit.
Zunächst wurde der Bericht über die Rechnung der Kreiskasse in Verbindung mit dem Vermal t u n g s b e r i ch t des Kreisausschusses für das Rechnungsjahr 1933 erstattet und vom Kreistag einstimmig genehmigt. Der Kreiskasseabschluß für 1933 zeigt folgendes Ergebnis: Betriebsrechnung: Einnahme 464 455,58 Mark, Ausgabe 445 481,06 Mark, Einnahmerest 18 974,52 Mark; Vermögensrechnung: Einnahme 185 044,96 Mark, Ausgabe 24 729,52 Mark, Barrest 160 315,44 Mark.
Hierauf folgte der Voranschlag des Kreises Gießen für das Rechnungsjahr 19 35 in Verbindung mit der Beschlußfassung über die Ausschlagssätze für die Kreisumlagen und die Kreissondergebäudesteuer für 1935. Der Voranschlag schließt in Einnahme und Ausgabe mit 770 149.— Mark ab. Davon entfallen auf die Betriebsrechnung 594 920 Mark, auf die Vermögensrechnung 175 229 Mark. Der wichtigste Posten in dem Voranschlag ist die Wohlfahrtspflege mit Gesundheitswesen. In diesem Kapitel beziffern sich die Einnahmen auf 130 019 Mark, die Ausgaben auf 316 638 Mark, so daß ein Zuschuß aus allgemeinen Kreismitteln in Höhe von 186 619 Mark (gegen 190 977 Mark im Vorjahre) erforderlich ist. Der Bedarf an Kreisum
lagen für das Rechnungsjahr 1935 beläuft sich auf 196 000 Mark, er ist abgestellt auf das unter Beibehaltung der Steuerausschlagssätze von 1934 sich ergebende Erträgnis an Grund-, Gewerbe- und Sondergebäudesteuer. Das Vermögen des Kreises Gießen beläuft sich auf 336 574 Mark, die Schulden des Kreises werden mit 110 987 Mark ausgewiesen. Der Voranschlag wurde vom Kreistag in der Festsetzung des Kreisausschusses einstimmig angenommen und damit auch den Steuerausschlägen zugestimmt. Die Beschlußfassung erfolgte auf Antrag des Kreistagsmitgliedes K i r ch h ö f e r (Hungen) einstimmig und ohne Aussprache.
Sodann stimmte der Kreistag der Schaffung einer zweiten etatmäßigen Sekretär st elle bei dem Kreisfürsorgeamt zu. Es handelt sich dabei nicht um die Schaffung eines neuen Postens, sondern um die endgültige Anstellung eines bereits seit 1922 bei der Kreisverwaltung tätigen Mitarbeiters.
Kreistagsabgeordneter K i r ch h ö f e r - Hungen brachte in einer kurzen Ansprache das rückhaltlose Vertrauen des Kreistages zur Kreisverwaltung zum Ausdruck und betonte die unverbrüchliche Bereitwilligkeit des Kreistages, nach den Weisungen des Führers weiterhin mitzuarbeiten an den Aufgaben der Kreisverwaltung.
Oberregierungsrat Dr. Schönhals nahm von dieser Vertrauenskundgebung namens der Kreisverwaltung mit Genugtuung Kenntnis, wies dabei auf die kommenden großen Aufgaben nach der Einführung der neuen Gemeindeordnung hin und betonte, daß diesen Erfordernissen nur entsprochen werden könne auf der Grundlage des vollen Vertrauens der Kreisbevölkerung zur Kreisverwaltung.
Hierauf schloß Oberregierungsrat Dr. Schön- h a l s den Kreistag mit dreimaligem, von den i Versammelten freudig aufgenommenen „Sieg-Heil!" auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler 'als Gelöbnis der weiteren treuen Gefolgschaft.
Gießen—Vilbel-Nord, Friedberg—Hungen—Mucke, Friedberg—Nidda—Schotten, Gießen—Lauterbach- Nord, Gießen—Büdingen, Vilbel-Nord—Lauterbach« Nord, Lollar—Grünberg, Burg- und Nieder-Ge« münden—Kirchhain (Bezirk Kassel), Friedberg— Heldenbergen—Windecken, Alsfeld—Grebenau, Gießen—Dillenburg, Gießen—Limburg, Weilburg- Friedrichsdorf, Friedrichsdorf—Friedberg, Graven- wiesbach—Wetzlar, Stockhausen—Beilstein, Herborn —Niederwalgern, Wetzlar—Lollar.
Die Karten gelten am 30./ 31. März und am 6./ 7. April mit normaler Geltungsdauer (Samstag 12 bis Montag 12 Uhr), außerdem am 3. April mit einer Geltungsdauer von 0 bis 24 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt).
Vornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Orts« gruppe Gießen-Mitte: 20 Uhr Singstunde im Schip- kapaß. — Stadttheater: 19.30 bis 21.30 Uhr: Lustspiele: „Die Neuvermählten" und „Gelähmte Schwingen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der letzte Walzer"; 10.45: Boxkampf Schmeling — Hamas.
— Spielplanänderung im Stadt« theater. Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 19.30 Uhr, nicht wie angekündigt, Hauptmanns Märchendichtung: „Die armseligen Besenbinder", sondern Björnsons Lustspiel: „Die Neuvermählten" (Spielleitung der Intendant), und Ludwig Thomas Lustspiel: Gelähmte Schwingen" (Spielleitung Karl Löser) in der Besetzung der gestrigen Erstaufführung.
— Der Gießener Konzertverein lädt in unserem heutigen Anzeigenteil noch einmal zu der Bach-Händel-Feier ein, die am morgigen Donnerstag, 20 Uhr, in der Stadtkirche stattfindet. Näheres in der Anzeige.
*
** Arbeitsvergebung. Die Direktion der Städtischen Elektrizitätswerke schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil die Vergebung der Erd-, Maurer-, Zimmerer-, Putzer- und Anstreicherarbei« ten für die Erweiterung der Transformatorenstation am Heyerweg aus. Interessenten seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.
bewerbs, durch den Taufende von Männern und Frauen angespornt werden sollen, ihre Fähigkeiten als Ansager, Sprecher und Berichterstatter für den Dienst am nationalsozialistischen Rundfunk prüfen zu lassen.
Für die besten Rundfunksprecher sind ein Preis von 2000 Mark und vier weitere Preise im Gesamtwert von 1725 Mark, sowie 105 Trostpreise im Gesamtwert von 3150 Mark, die sämtlich in bar zur Auszahlung kommen, und weitere 2000 Ehrenpreise ausgesetzt.
Indem wir alle Volksgenossen zur Teilnahme auffordern, bitten die Interessenten, sich an den Leiter des Wettbewerbes der hiesigen Kreisgruppe, Arthur L i ch, Gießen, Sonnenstraße 31, zwecks näherer Auskunft zu wenden. Letzter Meldetermin: 5. April.
Reichsverband Deutscher Rundfunkteilnehmer Kreisgruppe: Gießen, Wettbewerbsleitung.
A. Lich.
Amt für Beamte, Kreis Gießen.
Die Mitglieder des Reichsbundes der Deutschen Beamten e. 23., Kreis Gießen, werden gebeten, sich an der Veranstaltung des Bundes heimattreuer Schlesier (Deutscher Ostbund), Gießen, die am Freitag, 29. März, um 20.15 Uhr im Caf6 Leib statt- findet, und in deren Mittelpunkt der Filmvortrag „Ostpreußen ruft!" steht, rege zu beteiligen. Karten für die Beamten sind bei den Fachschaftsleitern und Vertrauensleuten des RDB. zum Preise von 0,30 RM. erhältlich.
Aus parteiamtlichenBekanntmachungen
Eine Bezirkskonferenz des N S L B. Bezirk Gießen-Land ist auf kommenden Samstag, 15 Uhr, in das Hotel Köhler zu Gießen einberufen.
Die Ortsgruppe Gießen-Süd veranstaltet am kommenden Montag, 20.30 Uhr, im Studentenheim eine öffentliche Versammlung der Ortsgruppe mit Sturmhauptführer Ott als Redner.
Oie Konfirmanden in Gießen.
Die Zahl der Kinder, die im Monat April in Gießen konfirmiert werden, beträgt 500 (233 Knaben und 267 Mädchen). Sie verteilen sich, wie folgt, auf die Einzelgemeinden: Matthäusgemeinde 117 (45 Knaben und 62 Mädchen), Markusgemeinde 93 (44 Knaben und 49 Mädchen), Lukasgemeinde 128 (62 Knaben und 66 Mädchen), Johannesgemeinde 60 (31 Knaben und 29 Mädchen), Luthergemeinde 79 (38 Knaben und 41 Mädchen), Petrusgemeinde HO (11 Knaben und 19 Mädchen), Militärgemeinde 3 (2 Knaben und 1 Mädchen).
Verbilligte Bahnfahrt zur Gießener Frühjahrsmesse.
Von der Fahrkartenausgabe des Bahnhofs Gießen wird uns mitgeteilt:
Zu dem in der Zeit vom 31. März bis 7. April in Gießen stattfindenden Frühjahrsmarkt (Schau- und Verkaufsmeffe) gibt die Reichsbahnverwaltung von allen Fahrkartenausgaben der nachstehenden 'Strecken Sonntagsrückfahrkarten aus:
** Die städtischen S t r a ß e n k a n ä l e werden in der Zeit vom 28. März bis 20. April gespült. Die Rückstauoerschlüsse an den Grundstücksentwässerungen sind bei dieser Spülung verschlossen zu halten. Man beachte die heutige Bekanntmachung des Hoch- und Tiefbauamtes.
** Morgen kein L i ch t b i l d e r v o r t r a g der Vortragsvereinigung. Im heutigen Anzeigenteil wird von der Vortragsvereinigung bekanntgegeben, daß der für morgen, Donnerstagabend vorgesehene Lichtbildervortrag auf Montag, 1. April, verlegt ist. (Siehe Anzeige.)
** Motorisierte Schausteller. Einen ungewohnten Anblick hatte man gestern zwischen 16 und 17 Uhr in der Frankfurter Straße. Dort kamen einige Wagen von Jahrmarkts-Schaustellern dahergefahren, die man sonst immer mit einem oder zwei Gäulchen bespannt sehen konnte. Gestern präsentierten sich die beiden Schaustellerwagen, bei denen es sich — nach dem Aussehen der Wagen zu urteilen — um ganz kleine Schausteller-Betriebe aus Marburg handelte, neuzeitlich im Schlepp je
NIVEA
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
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Oie Lfflandstöchter und ihre Freier.
Vornan von 3- Schneider Ioerfll.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
15 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Niels drehte sich nach der anderen Seite und sah in eine unwirklich glasklare Helle, die dem Auge weh tat. Die Bergspitzen schoben sich direkt dis an die Wände der Hütte heran. Und als Barthelmes heute morgen das Fenster geöffnet, hatte es ganz eigentümlich gerochen, was Den Alten zu der Bemerkung veranlaßte, daß er ein ganz komisches G'schmackerl im Maul habe: „Als wia wann aner was Giftig's geschluckt hätt."
Vielleicht kann ich schlafen, dachte Niels und wandte das Gesicht wieder von der glitzernden Helle draußen ab. Aber es glückte nicht. Es war ihm fchon bei Nacht nicht recht gelungen. Ein schlimmer Traum hatte ihn gequält und ihn aus dem Schlummer aufgeschreckt: Die Gipfel rings um die Hütten hatten plötzlich zu tanzen angefangen und waren dann über ihn hereingesturzt; gerade auf feinem gebrochenen Bein lag ein riesiger Felsblock.
Von feinem Stöhnen war Barthelmes erwacht?
Wenn ich wieder laufen kann, geh ich nach Nizza, tröstete sich Niels. Oder nach Cannes. Oder nach Kairo. Ich bin auch so lange nicht mehr auf Madeira gewesen. Vielleicht fahren wir nach Madeira. Das „wir" bezog sich auf feine Sekretärin, feinen Diener und feinen Chauffeur.
Zu allem Ueberfluß bekam er jetzt auch noch Verlangen nach lauter ausgefallenen Dingen: Nach einem luxuriös gedeckten Tisch in einem erstrangigen Hotel, mit schneeigem Damast, geschliffenen Weingläsern und schimmernden Champagnerkelchen.
Sein sehnsüchtiges „Ach!" rief Barthelmes herbei. Er hatte es trotz des Holzsägens gehört. „Zs was net in Ordnung, Herr? Woll'ns besser auf die Seit'n lieg’n? A Schal'n Kaffee wär' a no drauß'n."
Niels wollte keinen Kaffee. Er trug jetzt Verlangen nach einem Bohnengericht, das er einmal in Katalonien gegessen hatte. Oder nach einer Forelle, wie man sie in Norwegen zubereitet bekam. Er wäre auch mit einer Tomatensuppe zufrieden gewesen ober sogar mit einer neapolitanischen Reis- fpelse. „Reis haben Sie wohl nicht auf der Hütte?" fragte er bescheiden, wie jemand, der auf feine Wunsche nur ein „Nein" erwarten kann
„A Reis hab' ich scho. A Kilo ober zwa. Möchtens heut z' Mittag an Reis hab'n, Herr? An Millireis, mit etliche Weinbeerl brin’, unb Zucker und Zimmet d'rauf? Zs net schlecht, a so a Millireis'"
Niels verzerrtes Lächeln stimmte ihn mitleibig. „Glei setz i ihn zua. In aner Stunb' können ma eff’n."
In einer Stunbe aßen sie: Milchreis mit Weinbeeren unb Zucker unb Zimt unb einem großen Stück zerlassenes Schmalz barüber.
„In Spanien ißt man ihn mit Schnecken", bemerkte Niels unb schloß bie Augen, um ben Blechlöffel nicht zu sehen.
„Was mit Schneck'n?"
„Den Reis."
„A so?"
„Ober auch mit Austern."
„San bös a Viecher?" Und auf Niels Lächeln schüttelte Barthelmes den Kopf. „I hab' no nix g'hört von Austern." Interessiert horchte er auf Niels Erklärung. „Mög'n net wenig gallig fei, de Dinger, ha? Z möcht's net! Da is mir der Millireis mit Weinbeerl scho Haber."
Niels war überzeugt davon, denn der Alte löffelte unentwegt aus dem großen, blauen Emailletiegel, von dem man bereits den Boden sah.
Während Barthelmes dann das Geschirr spülte, aß Niels zum Nachttisch ein ganz köstliche, frucht- gefüllte Omlette und trank ein Glas eisgekühlten Cherry dazu. Und zum Schluß eine Taffe Mokka, ben ein tabellofer Kellner serviert hatte unb mit einem Löffel Kandiszucker gesüßt. Und der Löffel war sogar aus Silber ...
„Aus Silber!" sagte Niels im Traum so laut, daß der Alte erstaunt unter bie Tür trat. „Woll'ns no was, Herr Pöttmes?" Unb als er keine Antwort bekam, nickte er zufrieben. „Jetzt schlaft er do. Vielleicht verschlaft er bös verhexte Wetter."
Er hing ben Spülkessel an ben Nagel neben bem Herb unb suchte seine Wollmütze aus der Truhe, bie als Bank am Fenster ftanb. Holzsägen bürste man jetzt vorläufig nicht. Das weckte ben Kranken möglicherweise roieber. Dafür wollte er ein bißl talab schauen. Vielleicht hatte einer ber Almbauern eine Forelle. Das war sicher etwas, was sein Pflegling mochte. Austern gab s nicht im Grundl-See.
*
Klaubine war in Bruck an ber Mur zur Nacht angekommen, hatte in einem Hotel nahe bem Bahnhof Unterkunft gefunben unb war am Morgen von bem Portier belehrt worben, baß es bis zur Karrer-Hütte immerhin ein Weg von sechs Stunben sei. Ob sie auch wisse, baß bie Hütte im Winter nicht bewirtschaftet wäre?
„Es ist bemnach niemand droben?" fragte sie erstaunt.
„Das schon." Aber sie würde weder Unterkunft, noch Verpflegung erhalten. Und auf ihre Erwide- rung, sie müsse trotzdem auf die Karrer-Hütte, lächelte er nur. Damen hatten zuweilen solche extremen Launen.
Na, sie würde ja selber sehen.
Klaubine ließ sich eine Flasche Tokaier in den Rucks-"* nacken, außerdem Weißbrot, zwei Büchsen
Oelsardinen und einige kleine Pakete Keks. Vielleicht hatte Niels nach irgend etwas Appetit.
Der Schnee, der unter ihren Skiern Rillen zog, enttäuschte sie: Er war stumpf unb klebrig. Vielleicht würbe es höher besser.
Aber erst in ziemlicher Höhe sah sie ihre Hoffnung erfüllt. Sie roanbte bie Skier in halbem Bogen herum unb blickte in eine göttlich feierliche Weite. Etwa hundert Meter unter ihr lag ber Grunbl-See. An seinem linken Walbufer mochte eine Straße vorbeiführen, benn Klaubine sah ganz deutlich ein Schlittengespann bort fahren. Durch bie mittäglich weite, roiegenbe Stille brang ber Hall eines fernen Gebirgswassers.
Man hatte ihr unten im Bruck ben Weg so genau beschrieben, baß er gar nicht zu verfehlen war. Das bort brüben mußten bie Schechen-Häuser sein, unb von biesen führte linker Hanb ein Steig zur Karrer-Hütte: „Immer schnurgerabe bergauf, nicht adzweigen!" hatte ber Portier gesagt. Er mochte wohl hunbert- unb aber hunbertmal schon biefe Auskunft gegeben haben. Unb sie war gut.
In ber Richtung konnte man sich also nicht irren. Aber bie Füße würben Klaubine allmählich schwer, unb bas Herz schlug balb rascher, halb langsamer unb kam nicht mehr in seinen gleichmäßigen Takt.
Sechs Stunben!--Unb brei war sie erst ge
wandert, wie ihre Uhr zeigte. Sie ftanb auf einer buckligen Höhe über bem Hochwald, ber wie eine bunkle Mauer zurückblieb, nahm bie Mütze ab unb fuhr sich mit bem Handrücken über die nasse Stirn. Vereinzelt streckten sich Lärchen aus dem Schnee, und einmal lief ein Hase mit langen Sprüngen an ihr vorüber.
Unten in Bruck war es noch warm gewesen. Jetzt schien das Wetter umzuschlagen. In der Tat, eine halbe Stunbe später schneite es bereits. Schneite in großen, frieblich schwebenden Flocken, langsam unb lautlos.
Für einige Minuten verspürte Klaubine eine bleierne Mübigkeit, so baß sie ben brängenben Wunsch hatte, in biefe großen, freunblichen, weichen Flocken hineinzusinken, und sich von ihnen zubecken unb lassen. Dann aber lachte sie über sich selbst. Man mußte nur wollen! Wollen, bis man auf ber Karrer-Hütte war.
Die Skistöcke begannen Blasen zu verursachen. Die Knie knickten manchmal ein. Selbst bie Augen fielen Klaubine zu. Einmal sah sie sich noch um. Es war nichts mehr zu erkennen, kein See, kein Hof, kein Walb, nichts mehr war ba. Nur eine weiße, tanzenbe, sich ewig verfchiebenbe Mauer, bie alles abschloß
Eigentlich war es ein köstliches Gefühl, dieses Wandern ins Weiße unb kein Ton um sie her. Selbst bas Wildwasser schwieg. Die Versuchung, ben Rucksack abzunehmen unb einen Schluck Tokaier zu trinken, war groß. Aber es bebeutete unnützen Zeitverlust. Also weiter!
„Eins — zwei — eins — zwei — eins — zwei!"
Die Schneeschuhe machten ein leises, schlurfenbes Geräusch. Unter bem Pulverschnee lag Harsch. Nach einer Stunbe blieb Klaubine wieber stehen und suchte mit verschwimmenben Augen ringsum.
Unb wenn es nur fünf Minuten war — — Sie ließ sich in Hockerstellung fallen. Wie wohl bas tat! Fünf Stunben ober länger war sie nun schon unterwegs. Klaubine wischte sich bie Flocken aus bem Gesicht.
Wonnesam war biefes Ruhen! Unb ringsum um sie schwebte ununterbrochen lautlos Weißes zu Weißem aus ber Unenblichkeit herab. Klaubine schrieb mit bem Zeigefinger Niels in ben Schnee. Groß unb beutlich: Niels.
In ber Ferne glaubte sie ein Licht zu erkennen. Es fanbte einen bünnen, haarfeinen Strahl burch bas Dunkel. Unb mit biefem Strahl brang auch ber Laut von Hunbegebell zu ihr. Da war also auch noch irgendein Mensch, ber burch biefe weiße Einsamkeit ging.
Dann verlöschte ber Schimmer, und bas Hunbegebell enbete in ein langgezogenes Heulen. Die Stille würbe unenblich. Der Himmel schickte Millionen unb aber Millionen von Kristallflocken herab, bie sich weich unb dick auf Schultern unb Arme legten. Sie machten warm. Unwillkürlich schloß Klaubine bie Liber.
In biefem Augenblick war sie schon halb in fernen ßanben. Nichts schmerzte mehr. Alles war Ruhe, Frieben, Geborgensein. Sie lag nicht mehr im Schnee, sonbern auf einer großen, weiten, grünen Wiese, unb bie Wiese war voll Duft und Singen.
„Schön", murmelte sie. „Ganz — ganz wunderschön."
Fremd, schweigend und dunkel ging die Nacht über die weiße Erde.
„Barthelmes!"
Der saß schon aufrecht im Bett unb horchte. „Dös Hundsviech, dös graufüge", schimpfte er. „Zwoa Tog is er jetzt ausgroef’n. I woaß genau,
wo er fi umananba trieb’n hat. Drunt'n auf ber Ducker-Alm hab'ns a so an Dackl, so an grausamen. A Weiberl natürli. Unb ba hat er B'suach g'macht. Aber jetzt laß i eah'n akurat net eina. Unb roann’s eahm ben Pelz ang’friert! — Hunbsköter, damischer!"
Nach einer Weile aber, als das Wimmern, Winseln und Kläffen draußen immer bemitleibensrocr- tere Töne fand, ftanb Barthelmes boch auf, schlüpfte in feine Hose unb stapfte nach ber Tür. Der Empfang ließ an Unfreundlichkeit nichts zu wünschen übrig. Aber ber Dackel schien aus ben Worten seines Herrn boch auch eine gewisse Genugtuung heraus- zuhören, baß er nur überhaupt roieber da rogr.
Waldl saß auf ben Hinterbeinen, schaute groß unb verwundert zu Barthelmes empor, unb knupperte begehrlich in bie Wärme.
(Fortsetzung folgt!)


