Dienstag, 26. November 1955
irgend eine vorsorgliche Hausfrau Entrüstung heuchelt, weil sie das gewünschte halbe Pfund Butter für den dritten Steintopf Butterschmalz nicht gleich bekommt, so wird das den Kenner sozialer Verhältnisse nicht sonderlich erregen. Dagegen würde es von einem Bürger des Dritten Reiches als ungerecht empfunden werden, wenn etwa eine bedürftige Wöchnerin für ihr sauer eingeteiltes Geld im Laden nicht ihr viertel Pfund Butter erhält, weil es der Ladeninhaber für eine besser situierte Kundin zurücklegte. •
3m früheren System wäre man an dieser Ungerechtigkeit vorbeigegangen. Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft hat aber für solche Dinge ein fei- nes Empfinden. Sie läßt die Dinge nicht treiben, sondern greift dort ein, wo wirkliche Not einen wirtschaftlich Schwachen trifft. So hat sich das
Beamte und Handwerker zeigen am 1. Dezember ihre Volksgemeinschaft durch die Mithilfe am Winterhilfswerk des deutschen Volkes.
Volksgenosse, kannst du abseits stehen?
Nr. 276 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
in Klanty und, - -
Körting-Uadio
Die Bautätigkeit jenseits der Lahn.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Fuhre mit Langholz.
Auf der Landstraße habe ich kurz vor der Stadt eine zweispännige Fuhre eingeholt. Ihre Dorder- und Hinterräder laufen so weit auseinandergerenkt wie die mächtigen Tannenstämme, die sie mit knar- zenden Speichen schleppen, sich hoch in den Waldhimmel reckten. Nur ein ungefähr armlanges Stück ihrer Spitzen' ragt hinten über, und als Warnungszeichen für heranrasende Fahrzeuge, nicht in die gefährlichen Speere hineinzurennen, baumelt am längsten von ihnen ein roter Tuchsetzen. Die Pferde stampfen und dampfen. Dennoch bewegt sich das schwerfällige Gefährt nur steif und unbeholfen wie ein träges, riesiges Kriechtier vorwärts, fortwährend von flinken Autos und Motorrädern überholt die mit einem sieghaften Hupenschrei in mehr oder weniger flachen Bogen ratternd vorbeisausen.
Ei» herber Ruch nach Harz und Walderde entquillt den schlanken nackten Baumleibern, die alt geworden sind, ohne daß ein Winter sie mit rauhen Händen jemals hatte entblößen können. So war ihr Jugendkleid, das mit ihnen gewachsen zum ewigen Hochzeitskleid geworden war, das ebenso als Erutziger Sturm- und Wettermantel gedient, schließlich — wenn auch vielfach erneuert und ausgebessert — ihr Alters- und Sterbekleid gewesen, in dem sie der Axt des Todes erlagen.
Es war noch kein Welken an ihnen, als sie fielen. Aber sie mußten wohl jüngeren Stämmen Platz machen, denen ihre strotzende Kraft, ihr wuchtiger Wuchs zuviel Säfte der Erde, zuviel Licht des Himmels entzogen hatte.
Ich gehe in den Duftwogen des weißen Holzes an der geschützten Seite des Wagens her wie auf einer Schneise im Tannenforst. Das Aechzen der Achsen wird zum kraftvollen Geknister windgeschwenkter Wipfel. Die vielfältigen Geräusche der Straße verwandeln sich in traumhaft gegenwärtige Laute und Stimmen der geheimnisvollen Waldwelt. Mir ist, als hörte ich das Wispern kleiner Meisen, als kreischte plötzlich ein Häher, als trommelte irgendwo ein Specht. Man hört so viel, wenn man versonnen im dämmerigen Tannicht geht. Da knackt leise ein dürrer Zweig an der Erde und über den aufsprühenden verwitterten Nadelschutt huscht knurrend ein Eichhörnchen, um wie ein flüchtiger Kobold ober schelmischer Versteckspieler mit federndem Sprung von Stamm zu Stamm zu fliegen. Die rotbraunen, fast gleichdicken Maste stehen dicht wie die Stäbe eines Gitters. Und doch ist die Sonne hereingekommen, die wie die Flamme einer riesigen Kerze schräg im nebelgrauen Himmel brennt. Es ift schon Abendglut in ihr und flimmert rötlich. Es ist das letzte Lichtgeschenk des Tages, das aber die tröstlichen Sterne der Nacht verheißt.
Und mit einem Male schimmern die hohen dunkelgrünen Wedel in märchenhaftem Glanz. Licht tropft von Zweig zu Zweig. Die aufrechten Zapfen ragen wie aufgesteckte Kerzen über die Aeste hinaus. Weihnachtliche Stimmung umweht mich. Nun müßten Glocken klingen, nun müßte eine Orgel brausen.
Plötzlich sind laute Menschenstimmen um mich: Der Wagen mit den Stämmen holpert bereits über das Pflaster der beginnenden Stadt. Es ist gefährlich, auf dem Fahrweg zu bleiben, ich muß auf den Bürgersteig hinauf und rette mich schließlich aus zunehmendem Menschengewimmel in eine stille Seitengasse. Das Waldwunder leuchtet noch in meiner Seele. Nur ist die Sonne schon tiefer gesunken. Hetzt tastet sie mit lautlos tupfenden Strahlenfingern das endlose Gitter der Stämme entlang, als wollte sie die Erwählten bezeichnen, die Weihnachtsbäume werden durften. •
Ich höre die knarrende Fuhre nicht mehr. Irgendwo werben bie kahlen Bäume abgekippt werben. Und der Wald, den sie mir mit ihrem Duft so lebendig in die Seele zauberten, rauscht über die enstandenen Lücken hinweg und heilt die Erdnarbe im nächsten Frühling mit jungem Grün zu wie er alle Wunden übergrünen wird, die die Aexte der Weiehnachts- baumfäller ihm schlagen. P. B.
Nicht nur im Osten und im Süden unserer Stadt ist trotz der vorgerückten Jahreszeit eine rege Bautätigkeit im Gange, sondern auch jenseits der Lahn wird gegenwärtig an verschiedenen Stellen eifrig gebaut.
So ist in überraschend kurzer Zeit der Neubau des Verwaltungsgebäudes des städtischen S ch l a ch t h o f e s an der Rodheimer Straße, unmittelbar neben dem Schlachthof, heran- gewachfen und im Rohbau nahezu vollendet worden. Der Dachstuhl krönt bereits die Mauern. Das Gebäude macht schon jetzt einen sehr guten Eindruck und läßt erkennen, daß es nach seiner Fertigstellung mit zu den repräfentabelften Bauten jenseits der Lahn zählen wird. Das Mauerwerk hat eine Backsteinverblendung erfahren, bei der man sich gleichzeitig (durch verschiedenartige Stellung des Backsteins) um eine ornamentale Verschönerung der Front bemühte. Das Verwaltungsgebäude soll im Erdgeschoß, wie wir früher bereits berichteten, neben den notwendigen und zeitgemäßen Verwaltungsräumen auch ein großes Laboratorium auf- nehmen. Das erste Stockwerk wird zu einer Wohnung für den Direktor des Schlachthofes ausgebaut.
Ein zweites größeres Bauvorhaben stellt die Wiederaufrichtung der im Herbst vorigen Jahres teilweise niedergebrannten Möbsschen Seifenfabrik dar. Das Fabrikanwesen, das nun bald fertig fein wird, stellt ein geschlossenes Ganzes dar. Es ist erheblich erweitert worden. Es wurden moderne Arbeitsräume, vorbildliche hygienische Anlagen und übersichtliche Lagerräume geschaffen. Das Aeußere des Fabrikanwesens wird zur Zeit verputzt.
Von besonderem Interesse ist es, daß auch der
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20 bis gegen 23 Uhr „Der Waffenschmied". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Variete". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Außenseiter". — „Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot": 20.15 Uhr Aufklärungsvortrag im Hotel Prinz Carl.
Sladllhealer Gießen.
Heute von 20 bis gegen 23 Uhr Wiederholung der Oper: „Der Waffenschmied" von Lortzing. Musikalische Leitung: Paul Walter, Spielleitung: Heinz Weiser. Die Partie des Grafen von Lie- benau singt in der heutigen Vorstellung Karl Tank. Die Vorstellung gilt zugleich als 9. Vorstellung im Dienstag-Abonnement.
Zweites Symphoniekonzert des Konzertvereins im Stadttheater.
Die Dortragsfolge dieses Konzertes weist nur Zwei, dafür aber aud) besonders gewichtige Werke auf: Anton Bruckners gewaltige 7. Symphonie in E-dur sowie Beethovens herrliches, hier schon seit langer Zeit nicht gespieltes Klavierkonzert in G-dur. Das verstärkte Städtische Orchester ist unter der Leitung von Prof. Temesvary bereits eifrig mit den Proben für die Symphonie beschäftigt, die ihm neue Möglichkeiten geben wird, sich klanglich weiter zu vervollkommnen, da es dieses Werk — so wie alle bisher gespielten Werke — zum erstenmal spielt. Eine besondere Zugkraft dieses Abends wird sicherlich die Mitwirkung von Prof. Alfred Hoehn bilden, der das Klavierkonzert spielen wird. Prof. Hoehn, den Gießenern kein Unbekannter, ist gegenwärtig einer der gesuchtesten Pianisten des In- und Auslandes und hat gerade mit der Wiedergabe des G-dur-Konzertes von Beethoven in der letzten Zeit ganz besonders
Gießener Ruderclub „Hassia" den geplanten Neubau seines Klub Heimes mit aller Tatkraft in Angriff genommen hat. Das neue Klubheim und die erweiterte und neu hergerichtete Bootshalle präsentieren sich bereits in ihrer endgültigen äußeren Form. Das Bootshaus, das nur aus einem Erdgeschoß besteht, macht in seiner Gestaltung einen sehr ansprechenden Eindruck. Die Frontseite, der Lahn zugewandt, ist durch den erhöht gelegenen Eingang und durch große Schiebefenster belebt und aufgeteilt. Der Wasserseite zugewandt liegt der große Wirtschafts- dzw. Versammlungsraum, der zahlreicheti Gästen Aufenthalt bieten wird. Hinter diesem Hauptraum liegen das Dorstandszimmer, die Küche, Umkleideräume usw. Die Bootshalle hat eine Erweiterung und Ueberholung erfahren. In ihrem Aeußeren gleicht sie sich durch die Art der Bauausführung (Fachwerkbau mit Holzverschalung) völlig dem Klubheim an und bildet zusammen mit ihy, eine schöne Einheit. Gegenwärtig ist der Innenausbau im Gange. Das Klubheim und das Bootshaus werden, wenn auch der Platz vor den Neubauten eine entsprechend schöne Gestaltung erfährt, eine der reizvollsten Sportstätten unserer Stadt darstellen.
Neben diesen Bauten ift aber auch der Wohn- Hausbau jenseits der Lahn nicht zurückgeblieben. In der Straße „An den Schießgärten" wurden mehrere stattliche Wohnhäuser errichtet. Vor kurzer Zeit konnte bereits ein nettes Wohnhaus bezogen werden. In diesen Tagen wurden zwei weitere schöne Einfamilien-Wohnhäuser im Rohbau fertiggestellt. Die Straße ist nun in dem von der Rodheimer Straße abzweigenden Teil bald völlig aus- gebaut.
große Erfolge in Berlin, Leipzig, Frankfurt und anderen Städten errungen. Näheres im Anzeigenteil.
Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot.
Ein Aufklärungsvortrag für Eiaenheim-Jnter- effenten, veranstaltet von der Bausparkasse „Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot", findet am heutigen Dienstagabend im Hotel „Prinz Carl" statt. — Siehe heutige Anzeige.
Jrauen-Zttiffionsfag.
Die Evangelische Stadtmission veranstaltet morgen einen Frauen-Missionstag, bei dem die Missionarin Frl Schröder u. a. sprechen wird. (Siehe heutige Anzeige.)
Oie Geschäftszeit an den Sonntagen vor Weihnachten in den Landorten.
Das Kreisamt Gießen hat das Offenhalten der Läden und die Beschäftigung von kaufmännischen Angestellten und Lehrlingen im Einzelhandel in den Landorten des Kreises Gießen an den letzten drei Sonntagen vor Weihnachten (8., 15. und 22. Dezember) in der Zeit von 13 Uhr bis 18 Uhr zugelassen.
Das Winterhilfswerk greift ein!
LPD. Die Gauführung Hessen-Nassau des W H W. gibt bekannt:
Die Butterknappheitspsychose mit dem Wiederauftauchen des bekannten Hamsterns und einer Konjunktur in Steintöpfen wird als bekannt vorausgesetzt. Wirtschaftlich gesehen handelt es sich um eine Angelegenheit der richtigen Verteilung. Würde jeder Volksgenosse so vernünftig sein, fünf Gramm Butter weniger zu sich zu nehmen, so gäbe es überhaupt keine Butterfrage. Leider sind nun nicht alle Volksgenossen vernünftig. Sie schwätzen und hamstern und vergrößern einen augenblicklichen Notstand, der sich sicher beheben läßt.
Indessen werden die Meckerer und dunklen Propheten, die wieder auf ein Aufleben der Hamsterer hofften, diesmal eine Enttäuschung erleben. Wenn
WHW. unverzüglich mit dem Reichsnährstand in Verbindung gesetzt und darauf hingewiesen, daß rücksichtslose Hamsterei einiger Egoistinnen nicht vor dem Achtel Butter Halt macht, das eine junge Mutter enbehrt, ein Genesender oder eine kinderreiche Familie braucht. Der Milchwirtschaftsverband als Vertreter der Buttererzeuger hat sich mit dem WHW. sofort verständigt, und so haben im Gau Hessen-Nassau die vom WHW. betreuten Bedürftigen, soweit es sich um werdende oder ftil- lende Mütter, um besonders schwächliche Kinder oder Personen handelt, die vom Arzt eine Ernährungszulage verordnet erhalten, regelmäßig die entsprechenden Buttermengen erhalten. Sie werden noch ergänzt durch zahlreiche Butterspenden, bk von privater Seite den Dienststellen des WHW. aus denjenigen Kreisen zugehen, in denen kein Buttermangel zu verspüren ist Während beim früheren System Die Aermsten und Bedürftigsten keine Butter erhielten, bekommen im neuen Reich bedürftige Volksgenossen nicht nur Butter, nein, sie bekommen sie sogar dank dem Eingreifen des WHW. umsonst.
Die deutsche Arbeitsfront n.9.=Öemeinr(haft „firaft durch frcubc"
Amt Schulung und Volksbildung.
Die Wiederholung der Kulturtagung am 30. November 1935 fällt aus und wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
Winterfahrten des Amtes Reifen, Urlaub in Verbindung mit dem Sportamt.
Nr. 1. Allgäu-Pfronten, vorn 25. Dezember abends bis 1. Januar abends. Kosten 34 Mark. Die Fahrt führt über Ulm—Memmingen—Kempten nach dem Allgäu. Die Teilnehmer an den Kursen des Sportamtes werden in Nesselwang unterge- bracht, während die Urlauberteilnehmer in Pfronten-Ried, Steinach usw. untergebracht werden.
Schwarzwald-Kniebis:
Nr. 2. Vom 26. Deze/nber 1935 bis 29. Dezember 1935 abends. Kosten 21 Mark.
Nr. 3. Vom 17. Januar 1936 nachmittags bis 19. Januar 1936 abends. Kosten 16,50 Mark.
Nr. 4. Vom 17. Januar 1936 nachmittags bis 2. Februar 1936 abends. Kosten 59,50 Mark.
Nr. 5. Vom 31. Januar 1936 nachmittags bis 2. Februar 1936 abends. Kosten 16,50 Mark.
David im Krämerladen.
Von K. H. Waggerl.
David ist ja eigentlich noch ein Kind, noch nicht einmal der Schule ganz entwachsen, aber trotzdem übernimmt er gegen Abend — da Mutter sich nicht wohl fühlt — die Schlüsselgewalt in Haus und Laden. Vieles war er schon in feinem Leben, Glöckner und Pfarrknecht, Einsiedler und Klaubauf, aber Krämer war er noch nie. Er steht hinter dem Ladentisch und mustert seine Reichtümer, die Würste und Speckseiten neben Laternen und Kälberstricken und Mistgabeln an der Decke. Die Gläser mit Zuckerwaren, die Regale voll von Töpfen und Geschirr, die unzähligen Laden und Fächer, Schachteln und Dosen. So ungefähr muß es in Gottes Werkstatt ausgesehen haben, als er die frischgeschaffene Welt einricht^e. Es ist alles da, was es an Gütern und Genüssen auf der Erde gibt. Willst du einen Rosenkranz, — hier ist ein Bund Rosenkränze in ollen erdenklichen Sorten. Willst du etwa Irdischeres, eine Mundharmonika zum Beispiel, auch die kannst du haben, Peitschenschnüre und Melissengeist, Blumensamen und Filzpantoffeln.
Es ist gar nicht leicht, einen solchen Kramladen Zu führen. In dem ganzen Durcheinander muß doch ein gewisser Sinn und eine strenge Ordnung liegen, man muß gleichsam alle Bedürfnisse der Menschen nach Preis und Herkommen und Beschaffenheit im Kopfe haben. Zudem sind die Bauern eigensinnig, sie wünschen eine ganz bestimmte Sorte Tuch oder Feigenkaffe, heuer diese, im nächsten Jahr jene, und die andere nähmen sie geschenkt nicht mehr. Jeden Drahtstift drehen sie hin und her, — hast du keine mit geriffelten Köpfen? fragen sie. Nicht als ob solche Nägel besser hielten, aber die letzten waren geriffelt, die Bauern können sich nicht ohne Umstände an glatte gewöhnen. Und keinem ift es jemals recht zu machen. Da kommt einer und verlangt eine Lampe, die hat er irgendwo gesehen. Excelsior heißt sie. Er ist tief beleidigt, weil Agathe keine solche Lampe hat. Jeder Hausierer führt sie, behauptet der Mensch. Ja, wie denn, wenn sich Agathe nun schleunig eine Kiste voll anschaffte? Die hätte sie in zehn Jahren noch liegen.
Das ist ja die Kunst, diese weitläufige und vielfältige Sammlung von Dingen so einzurichten, daß sie sich in Wochen und Monaten allmählich verkrümelt und erneuert. Dieses Bündel Teesiebe, und hier diese Schachtel mit tausend Perlmutterknöpfen, wer im ganzen Dorf braucht denn jemals so eine Unmenge von Sieben und Knöpfen? Und dennoch finden alle ihren Käufer. Agathe weiß es beinahe auf die Stunde zu sagen, wann sie ihre Teesiebe los sein wird.
Es.wäre wunderbar, denkt David, wenn er sich nun mächtig ins Zeug legte und alles im Laden verkaufte! Dann fände Mutter nur leere Regale und schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. O Gott, würde sie sagen, hat also doch jemand eingebrochen? .Aber David lächelte nur und zöge einen riesigen Sack unter dem Ladentisch hervor, der wäre bis an den Rand mit Geld gefüllt, mit lauter blanken Silberstücken ...
Es kommt ja schon jemand, der Vorstand. Holla, sagt er, ift der Krämer wieder aufgestanden?
Er will eine Rolle Kautabak, — bitte sehr! Und dann gibst du mir noch ein Paket Malzkaffee, sagt er, die geringere Sorte.
Gut, aber David kann leider keinen Malzkaffee finden.
Darf es nicht ein Stück Kernseife sein? Die wäre zur Hand.
Nein, sagt der Vorstand, dann laß es nur, es eilt nicht.
Er sucht sich eine Handvoll Schuhnägel zusammen, eine Dose Lederschmiere So, das wäre alles. Was bin ich dir schuldig?
Ach ja, wieviel denn nur? David nimmt einen Zettel, er benetzt den Bleistift zwischen den Lippen und fängt eine umständliche Rechnung an. Der Vorstand hilft auch mit, wir müssen einen Strich' machen, meint David, ein Strich muß auf alle Fälle darunter sein.
Jawohl, sechs und acht und neun, bleibt zwei — wieso denn, sagt der Vorstand, das kann doch nicht stimmen? Dafür kaufe ich mir ja eine Kalbin, sagt er.
Ach, freilich, weil David den Punkt vergessen hat! Mit einem Punkt dazwischen ist alles in Ordnung.
Bei anderen Kunden ist der Handel weniger leicht zu schlichten als beim Vorstand. Es erscheint die kleine Franziska von den Weberleuten. Bis zur Nase ist sie in ein großes Wolltuch geknotet, ein grauer Knäuel, der auf dünnen Filzbeinen läuft. Franzisko bohrt die Hand durch ihre Hüllen und läßt zwölf Groschen aus der geballten Faust auf den Ladentisch fallen.
Was willst du denn haben? fragt David.
Keine Antwort.
Kannst du nicht reden? Sag doch, was du heim- bringen sollst!
Finsteres Schweigen. Franziska zieht die Hand wieder in ihr Gehäuse zurück und wartet.
Daraus wird in Ewigkeit nichts, man muß die Sache von einer anderen Seite her anpacken. Wenn David der Reihe nach auf alle Dinge zeigt, die es im Laden gibt, dann wird sich ja schließlich das Richtige finden.
Ist es also eine Erbswurst? Eine von diesen Kuhketten?
Nein.
Vielleicht ein Paar Schuhriemen? Oder dieser Topf Marmelade?
Auch nicht. Franziska folgt dem Finger Davids mit den Augen, aber sie bleibt stumm.
Nun, was denn nur? Etwa so eine Mausefalle? Möchtest du diese kleine Gießkanne haben, sieh her, rotgestrichen und mit Blümchen bemalt?
Franziska betrachtet die Kanne und plötzlich nickt sie heftig mit dem Kopf. Gefunden.
Wer hätte auch gedacht, daß die Weberin mitten im Winter nach einer Gießkanne schickt! Wenn sie aber glaubt, so ein prächtiges Stück sei für ein paar Kupferlinge zu haben, so irrt sie. Der Preis steht angeschrieben, David kann keinen Groschen nachlassen. Die kleine Franziska nimmt das Paket und verschwindet wortlos, wie sie erschienen ist
War das nicht ein Meisterstück an Scharfsinn? Gewiß, aber die Weberin ist anderer Meinung. Nach einer Weile kommt sie selbst gelaufen und ist außer sich vor Aufregung. Was das heiße, zetert sie, ob man sie zum Narren halten wolle? Seit Wochen schickte sie das Kind jeden zweiten Tag nach einer Kerze, die Spatzen wüßten das schon, und nun . brachte Franziska plötzlich diese lächerliche Gieß- i kanne nach Hause! Sieh dich vor, sagt die Weberin aufgebracht, daß ich dir die Späße nicht austreibe.
' un, was das betrifft, erklärt David kühl, so sollte sie lieber trachten, ihrer Tochter das Reden beizubringen.
Uebrigens macht David jetzt Feierabend, die Mutter ruft zum Essen. Er schließt die Läden und schiebt den Balken vor, und zum Ueberfluß stellt er noch einen Stoß Blechtöpfe an die Tür, um nächtlichen Mordbrennern das Handwerk zu verleiden.
Aandgloffen Friedrichs des Großen.
Bittschrift der Gräfin Paradies, ihren in der bayerischen Armee dienenden Sohn in die preußische aufzunehmen, damit deren strengere Disziplin ihn von seiner Trunkfälligkeit abbringe: Bescheid: „Gute Offiziere sind mir willkommen, aber die liederlichen schicke ich zum Henker. Solches Volk, gleichviel von welchem Range, kann mir nicht dienen."
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Bittschrift des Geheimrats von Brand, um Zahlung von 113 Thalern für Porti. Bescheid: „Ich werde ihm kein Geld zu seinen Schreibereien geben. Laß ihn schreiben, was mir wahrhaft zu Gute kommen kann und nicht soviel unnützes Zeug, woraus ich nichts lerne".
Bittschrift des Weinhändlers Kiehn zu Berlin, ihm 82 Oxhoft Wein zu vergüten, welche ihm die Russen bei ihrer jüngsten Invasion weggenom-!
men haben. Bescheid: „Am Ende möchte- er auch dasjenige vergütet haben, was er bei der Sünd- flut eingebüßt hat, wo ihm die Keller auch wohl Dollgelaufen fein werden."
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Bittschrift der Stadt Frankfurt an der Oder, von der Umquartierung befreit zu sein. Bescheid: „Das geht 'einmal nicht an, ich kann ja das Regiment nicht m meine Taschen stecken, aber die Baracken sollen wieder aufgebauet werden."
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Bittschrift des Oberauditors G. zu Berlin, daß der Oberauditor Reinicke zum Generalauditor ernannt worden, während er der älteste aller Oberauditoren fei und dem Staate dreißig Jahre ge- bient habe. Bescheid: „Ich habe mehrere alte Maul- efel im Stalle, doch hat noch keiner bei mir darum angehalten, Oberaufseher des Stalles zu werden."
M. K=St.
Rinqkampf der Dickwänste.
Die weitverbreitete Ansicht, daß das Jiu-Jitsu, die „sanfte Kunst", die nationale Ringkampfart der Japaner fei, ist nicht ganz richtig. Diese waffenlose Angriffs- und Verteidigungskunst, die chinesisch, japanischen Ursprungs ist und in Japan durch die Kriegerkaste der Samurai ausgebaut und streng geheim gehalten wurde, ist erst nach dem russisch- japanischen Krieg außerhalb allgemein bekannt ge- worden. Sie wird als Selbstoerteidigungssystem gelehrt, und es werden auch Meisterschaften in ihr ausgetragen. Aber der volkstümliche japanische Ringsport ist der „Sumotari". Bei ihm treten berufsmäßige Ringer auf den Kampfplatz, die nicht nur über ungewöhnliche Körperkräfte, sondern vor allem auch über ein mehr als durchschnittliches Körpergewicht verfügen. Wer den Gegner nicht nur an Kraft übertrifft, sondern nachweisen kann, daß er auch einige Pfund schwerer ist, der ist der eigentliche Triumphator. Dabei sehen die Ringer begreiflicherweise nicht allzu heldenhaft aus; es sind ungeheure Dickwänste, die die ganze Wegbreite einnehmen, wenn sie uns entgegenkommen. Doch werden sie sehr gefeiert und auch hochbezahlt, wie es sonst nur bei den Baseballspielern in Amerika Der Fall ist. Das Seltsamste an diesen Ringern, bie mitunter fast so breit wie hoch sind, ist aber ihr mächtiger Schnurrbart, der durch Wichse und Fett so steif gemacht wird, daß seine Enden beiderseits waagerecht über das Gesicht herausragen. Zu ihrem beträchtlichen Einkommen erhalten die dicken Ringer von ihren Verehrern noch reichliche Geschenke, die sie mit großer Würde entgegennehmen. Die Meister des Jiu-Jitsu wirken neben ihnen wie Fliegengewichte.


