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Nr. 27b Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (Genera!Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 2b. November iM

Deutsche Siedlungen in Südbrasilien

Äon Mana Kahle.

und Webereien Hunderte von Arbeitern. Und immer liegt inmitten der Siedlung die Schule und die Kirche. Das Schulhaus fehlt nicht in der ärmsten Neusiedlung.Unsere Kinder sollen deutsch bleiben!"

Der Bergmann, der aus dem Ruhrgebiet stammte, aus jener Jndustriemitte, wo Stadt an Stadt die langen Zeilen der Mietskasernen sich wie Steinge- birge ineinanderschieben, wies von der Schwelle sei­nes kleinen Holzhauses über die endlosen Urwälder hin, die sein Pflanzfeld umringten:Brasilien ist ein wunderbares Land. Aber schwer ist es, mit der Einsamkeit sich abzufinden. Wir ertrinken fast im Urwald" Dreißig Stunden Schnellzugfahrt und dann noch sechzehn Stunden mit dem Lastauto durch kaum gebahnte Pfade in der Wildnis hatte ich gebraucht, um diese deutsche Kolonie an der Grenze des Staates Matto Grosso zu erreichen Seit zehn Jahren geht hier die Axt des deutschen Siedlers durch den Wald Von unsäglich viel Kampf und Mühsal erzählten die Deutschen, die sich auf demStadtplatz" dem Mittelpunkt der Kolonie, im festlich geschmückten Schulhaus einge­funden hatten, und von Heimweh sprachen stumm die Augen der Frauen Aber ihre Arbeit war mit Erfolg gesegnet; Bananenhaine und üppige Ge- musegärten, blühende Blumenbeete umgaben die Holzhäuser, die sie sich selbst gebaut hatten, Mais­und Kaffeefelder neben der eben niedergeschlagenen Rossa", in der die Baumstümpfe bleichten, ließen fruchtbare Fülle und Wohlhabenheit kommender Zeiten ahnen.Unsere Kinder werden es einmal leichter haben als wir", sagte eine blonde Sieger- länderin, und sah liebevoll nach der schlanken Toch­ter, die eben bei der Feier das GedichtMutter­sprache" vorgetragen hatte. Der Bergmann aus Wanne-Eickel aber rief in plötzlicher Erregung: Hatten wir das in Deutschland jemals erreichen können? Hier habe ich hundert Morgen Land, die mir allein gehören, hier bin ich freier Herr auf freiem Boden!"

Abends ritt ich mit einer Schar von Kolonisten drei Stunden weit zu einer Pflanzung, wo ich übernachten sollte. Vorsichtig suchte ein Pferd hinter dem andern im Dunkel des Urwaldes den Weg. Es war fast Mitternacht; über fernen Hügeln stieg ein riesengroßer orangegelber Mond auf. Grillen surr­ten im schwülen Dickicht um uns her, betäubender Duft drang aus dem Waldboden. Fremd, unheim­lich fremd erschien mir im Nachtdunkel das Land, der blasse dunstige Sternenhimmel, der brennende Mond. Die Reiter folgten stumm dem Weg, sannen wohl noch über dem, was sie von der fernen Hei­mat, von Deutschland, gehört hatten. Da begann einer, der vorauf ritt, zu singen, er sang das alte Auswandererlied, das schon so oft zum Kreuz des Südens emporgeklungen ist:Im schönsten Wiesengrund ist meiner Heimat Haus ..." Lang­sam fielen die Stimmen der Nachfolgenden ein, hell und dunkler Klang hob sich zusammen. Männer­und Frauenstimmen:Dich mein stilles Tal, grüß dich tausendmal!" Ich konnte keinen Laut her­vorbringen, heiß glühte es durch mich hin:du verwandertes Volk, irrend durch die Welt, in Treuen dich mühend für deiner Kinder Erde und Erbe, verwandertes Volk, weil Deutschland nicht Raum genug hat..."

Raum, freie Erde für Kind und Kin­de s k i n d , haben sie alle gesucht, die nach Brasi­lien zogen, schon die ersten Einwanderer, als sie dem Werben des Majors Schaeffer folgten und 1824 in S. L e o p o l d o die erste deutsche Kolonie gründeten. Raum bot ihnen das Land Brasilien, das achtzehnmal so groK wie Deutschland ist und heute erst wenig mehr als 40 Millionen Einwoh­ner hat.

Nach den drei Südstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catharina und Parana, die mit einem Flächenraum von der Größe des alten Bismarckreiches ein gesundes gemäßigtes Klima

boten, wandte sich der größte Strom der deutschen Einwanderer; aber auch in den Staaten Sao Paulo und Espirito Santo wie auch im Staate Rio de Janeiro sind viele Deutsche seß­haft geworden. Im Laufe von hundert Jahren seit Beginn der Einwanderung ist die Zahl der Deutsch­stämmigen im Lande auf rund eine Million angewachsen

Dies Deutschtum, das sich in derselben Zeit aus­baute, als ein ungeheurer Strom von deutschem Blut nach Nordamerika ging, hat eine günstigere Entwicklung gehabt als das in USA. Bestimmend war, daß die Deutschen in Brasilien in g e s ch las­se n e n Siedlungen in der selbstverständlichen Treue zur Muttersprache unter Artgenossen leben konnten wenigstens bis um die Jahrhundert­wende und daß im Zusammenleben mit den verschiedensten Rassen, die zum Teil auf niedriger Kulturstufe standen, das deutsche Selbstbe- w u ß t s e i n stark in ihnen erwachte. Ein Selbst­bewußtsein war es, das aus dem berechtigten Stolz auf die deutsche Leistung in Brasilien seine tiefsten Kräfte zog. Diese deutsche Mitarbeit hat der Kultur und Entwicklung der drei brasilianischen Südstaaten die entscheidenden Antriebe gegeben was auch immer wieder von brasilianischen Staatsmännern ünd Politikern anerkannt worden ist. Einfache Bauernsöhne, Handwerker und Landarbeiter haben im Lauf von hundert Jahren aus Urwaldwildnis deutsche Kulturlandschaft hervoraebracht. Wo vor wenigen Jahrzehnten noch tausendjähriger Wald sich endlos dehnte, da liegen jetzt die deutschen Dör­fer und kleinen blanken Städte, fruchtbare Felder, grüne Weiden, von goldfrüchtigen Orangenbäumen umsäumt, da gehen die großen Schneidemühlen am Fluß, Elektrizitätswerke und Fabriken sind ent­standen; dort, wo zu Beginn der Siedlung in armer Hütte der sächsische Weber einen Handweb. stuhl in Betrieb hatte, beschäftigen jetzt Spinnereien

I o i n o i ll e, im Staate Santa Catharina, 1851 in Urwald und Fiebersumpf gegründet, ist solch eine Insel des Deutschtums. Es ist die Stadt in Südbrasilien, die sich rühmt, daß in ihr düs dialekt­freieste Deutsch gesprochen wird. Kämpfer aus den achtundvierziger Jahren, Anhänger der deutschen Einheitsbewegung, Akademiker und Offiziere (aus Preußen, Hannover, Oldenburg, Schleswig-Holstein) waren ihre Mitbegründer. Vielleicht ist es ihr Erbe (und nebenbei Auswirkung der Begünstigung durch die Regierung, die der nach dem kaiserlichen Schwiegersohn benannten Kolonie mancherlei Vor­teile zukommen ließ), das die Deutschstämmigen in Joinville zu Musik- und Kunstfreunden, zu be­geisterten Gläubigen des geistigen Deutschland er­zogen hat. Der Musik- und Theaterverein Harmo- nia-Lyra in Joinville hat Ruf im deutschen Sied­lungsgebiet; ein Kunsttempel, der mancher deut­schen Mittelstadt zur Zierde gereichen würde, ver­eint die Joinoillenser zu erlesenen kulturellen Festen, zumal jetzt, wo der Komponist Prantl das gutge­schulte Orchester leitet. Prantl ist dabei, nach einem Text des deutschbrasilianischen Dichters Nohel die erste deutsche Oper in Brasilien zu komponieren.

Aus der idyllischen Gartenstadt Joinville ver­schwinden allmählich die kleinen traulichen weißen Häuschen und machen großartigen Geschäftshäusern Platz; aber immer noch fahren die behäbigen Frachtwagen vom Hochland von S. Bento, die recht eigentlich zum Koloniebilde gehören, mit rei­cher Fracht dem Hafen zu und machen nicht gern den Autobussen Platz, die auf guter Straße jetzt Joinville mit Blumenau verbinden.

B l u m e n a u , die berühmteste aller deutschen Siedlungen in Brasilien! Der Weg von Joinville durch das Brüdertal nach Jaragua vorüber an Bananel, wo mich auf der Durchreise der deutsche Schützenverein mit seiner Fahne begrüßte und die kleinen Schulmädchen hübsche deutsche Ge­

Paula

essely heiratet Attila Hörbiger.

Auf dem Standesamt des Wiener Rathauses haben sich dieser Tage die Schauspielerin Paula Wessely und der Schauspieler Attila Hörbiger ver­mählt. Die Wessely ist durch ihre Filmrollen in Maskerade",So endete eine Liebe" undEpi-

sode" in ganz Deutschland bekannt geworden. Attila Hörbiger, jüngerer Bruder von Paul Hör- b i g e r, spielte u. a. eine Hauptrolle in dem Film Variets" mit A n n a b e l l a und Albers.

____________(Scherl-Bilderdienst-M.)

dichte deklamierten führt durch fruchtbares deut­sches Koloniegebiet, das von dunklen Waldbergen umrahmt ist. In Jaragua habe ich einmal in Der deutschen Schule die Kinder gefragt:Wieviel Ge­schwister habt ihr zu Hause?" Da hoben sich viele Finger:Elf",Fünfzehn",Dreizehn", bis einer 9an3 beschämt sagte:Nur neun..." Kinderreich­tum wird bei den deutschen Kolonisten, die so fest in ihrem Volkstum und in ihrer einfachen Fröm­migkeit wurzeln, noch als Gottessegen betrachtet.

Hinter Jaragua kündet sich schon Blumenau an im blühenden Sorrotal, wo die Fachwerkhäuser beginnen, die für das Blumenauer Gebiet kenn­zeichnend sind, roter Ziegelbau mit schwarzgestriche­nem Balkenwerk und lachende üppige Flur von Blumengärten vor dem Hause, schwerbeladene Orangen- und Tangerinenbäume, goldener Frucht- Überfluß im dunklen Laube... Wenn nicht an den Bergen der dunkle Urwaldkranz wäre beim An­blick dieser gepflegten Weiden und fruchtbaren Fel­der, der verstreut liegenden Einzelhöfe und der weißen Kirchtürme könnte der Reisende aus Deutsch- land meinen, daheim zu fein, in Thüringen oder in einem Wesertal. Aber er kommt ins Pommer­land, denn eben blinkt der Kirchturm von Pom - merode auf, und flachshaarige Pommernkinder stehen im Aipimfeld, und das Rufen geht hinüber und herüber in unverfälschtem pommerschem Platt!

Der Abend sinkt mit roten Gluten über dem Testofluß, ein deutsches Volkslied klingt aus einem Garten am Weg, schnell kommt die Dämmerung die Lichter von Blumenau flimmern auf, dunkler ragen die Berge im Hintergrund des lieblichen Städtchens. Das Auto fährt durch die Vorstadt an blumenumrankten Villen vorüber, biegt in die Ge­schäftsstraße ein (wo noch vor einigen Jahren fast alle Firmenschilder in deutscher Sprache gehalten ma»w), Md hält an der Redaktion desU r - waßdsHo ts n"; eben ist die Zeitung herausge- tommen? nnb.tar Fahrer nimmt einen Packen mit für die Nachbarorte, dieKolonietiefen". Im deut­schen Klubhaus gegenüber sitzen die Honoratioren -noch beim Dämmerschoppen; ja, man ist in einer deutschen Kleinstadt . . . Aber diese Stadt ist das pulsende Herz des ganzen großen Munizips Blumenau, in dem mehr als 60 000 Deutschstäm- miae leben, in dem Wirtschaft, Kultur und Ge- nossenschaftswefen eine so hohe Blüte erreichten, daß engstirnig eingestellte Kreise brasilianischer Politiker dies reiche Munizip durchschnitten und auf­geteilt haben, um den deutschen Einfluß zu lähmen. Der deutsche Einfluß ist aber nicht wegzudenken und auch nicht wegzuschneiden, weil er aus zäh er­worbener wirtschaftlicher Kraft und aus gesundem Selbstbewußtsein, das mit Selbständigkeit verwandt ist, erwuchs.

Dies Selbstbewußtsein in seinen ersten Anfängen geweckt, gefördert und ihm Stimme verliehen zu haben, ist das große Verdienst der kämpferischen Zeitung Blumenaus, die schon vor der Jahrhundert­wende völkische Ideen in die Siedlergemeinden trug; derU r w a l d s b o t e" und die Namen seines Herausgebers und Schriftleiters find schon seit Jahrzehnten auch in Deutschland manchem bekannt; ja, der völkische Bekennermut desUrwaldsboten" ist in Zeiten nach 1918 gewissen Kreisen in Deutsch- land so unangenehm gewesen, daß die Zeitung diese Gegnerschaft sehr stark verspürt hat. Unermeßlich ist die Erziehungsarbeit, die derUrwaldsbote" in den fernsten Urwaldpikaden bei deutschen Kolonisten ge-

i<ld, leicht chäumend, m: wundervoll

Beethoven und Bruckner.

Zum zweiten Symphonie-Konzert des Gietzener Konzertvereins

In seinen drei letzten Jnstrumentalkonzerten (für Klavier op. 58, G-dur, op. 73, Es-dur; op. 61 für Violine) die Beethoven auf der Höhe seines Schaffens der Musikwelt schenkt, hatte er den Stil des Konzerts zu neuen Möglichkeiten durchgebildet, entsprechend den in gleicher Periode entstandenen beiden großen Symphonien Nr. 5 und 6. Während die Konzerte früherer Zeiten vornehmlich das vir­tuose Element, der Grundbestimmung dieser Kom­positionsart folgend, in den Vordergrund treten lie­ßen, weisen diese oben genannten Werke einen wohl abgestimmten Ausgleich zwischen dem musikalischen Gehalt und den rein instrumentalen Anforderungen auf. Daß Beethoven in dieser Formgattung den Höhepunkt erreicht hatte, den er nicht mehr hätte überbieten können, beweist allein die Tatsache, daß er abgesehen von einem Versuch, der schon mehr dem Zerbrechen der Konzertform gleich zu achten ist, sich anderen Schaffensgebieten zuwendet.

In der Gestaltung der Klavierkonzerte war für Beethoven bestimmend maßgebend, daß er als Solist die Werke an die Oeffentllchkeit bringen wollte; so spielte er das G-dur-Konzert 1807 in einem Subskriptionskonzert im Hause des Fürsten L o b k o w i tz. Der breiten Öffentlichkeit wurde es in dem denkwürdigen Konzert am 22. Dezember 1808 bekannt, das ausschließlich Werke Beethovens brachte, u. a. die Pastoral-Symphonie, die c-molb Symphonie und das G-dur-Konzert mit Beethoven selbst am Flügel. Johann Friedrich Reichardt berichtet darüber:Ein neues Fortepiano-Konzert von ungeheuerer Schwierigkeit, welches Beethoven zum Erstaunen brav in den allerschnellsten Tempi ausmhrte Das Adagio, ein Meistersatz von schö­nem, durchgeführtem Gesänge, sang er wahrhaft am seinem Instrument mit tiefem melancholischen G rübl, das auch mich dabei durchströmte."

Eigenartig ist der Beginn des Kopfsatzes (Allegro moderato), den das Soloinstrument nach einem vollen Akkord mit pochenden Achteln eröffnet, die an die 5. Symphonie gemahnen, und erst dann erhält das Orchester das Wort zur Aussprache; in seinem weiteren Verlaufe gibt dieser Teil einen tiefen gei­stigen Gehalt kund. Der schon oben von Rei­chardt erwähnte langsame Satz, ein Andante con moto, läßt einem unerbittlich zuckenden Streicher­unisono einen wehmutserfüllten harmonischen Ge­sang des Klaviers gegenübertreten; in feinem Aus­klang erlöschen die Streicher, und das Klavier spinnt den angeschlagenen Gedanken poesieerfüllt weiter und führt hinüber zum Schlußrondo, das mit seiner rhythmischen Lebhaftigkeit den traditionellen Konzertfinale noch Konzessionen macht, aber doch

in seiner sich erschließenden Innerlichkeit darüber hinausweist.

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Steht in den Symphonien Beethovens der Mensch als ringender Kämpfer im Mittelpunkt des symphonischen Werkes, der als Held den Ausgleich zwischen Schicksalsnotwendigkeit und innerer Frei­heit erzwingt, geht also aus dem Kämpfer Beet­hoven der Sieger Beethoven hervor, so weist Anton Bruckner ein Inneres auf, frei von menschlichem Zwiespalt, voll von dem Bewußtsein einer Gottes­geborgenheit und ihrer Aeußerung in der umgeben- Den Natur. Sind daher die Themen bei Beet­hoven energiegeladen und rhythmisch aufs schärfste gestrafft, so geben sie sich bei Bruckner mehr schwe­bend, breit, schwingend und strömend. Beethoven ringt mit der Form, schafft eine in sich gespannte Architektur; bei Bruckner erschließt sich ein innerer Urtrieb, ein gefühlsmäßiges Erleben des Religiösen als ein gänzlich zu Musik umgewertetes inneres Empfinden, das in feiner Naturhaftigkeit die größ­ten Formen aus sich heraus organisch sich bilden läßt. Dies^ Art der Erfindungsgabe erscheint der­jenigen Franz Schuberts wesensverwandt. Als einen direkten Wagner-Nachfolger wird man Bruck­ner schlechthin nicht bezeichnen können; denn beide trennt eine verschiedene Grundanschauung: bei Wagner ein aktives Wollen zur Auseinandersetzung mit der Welt und ethisch-religiösen Werten; bei Bruckner ein inneres religiöses Suchen nach Erfassen des Göttlichen im All. Sind Wagners Ehernen in -'noff^r Verbindung mit dem Worte und der musi­kalischen Ergründung seines tieferen Bedeutungs­sinnes gezeugt, so ist Bruckners Thematik vornehm­lich qefühlsgebunden Wenn auch ein Einfluß des Wagnerschen Orchesterklanges.auf Bruckner nicht ab­zuleugnen ist, so haben doch seine satten Klang­farben der Blechgruppe ihren Ursprung mehr in der Dolksnähe Bruckners. Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, gute österreichische Volksmusikchöre mit ihren kraftstrotzenden Klängen zu hören, kann an dieser Tatsache nicht ohne weiteres vorübergehen.

Zwei Tage, bevor die Siebente Sympho- n i e Namen und Werk Bruckners der Welt bekannt geben sollte, schrieb Hugo Wolf in seiner Eigen­schaft als Kritiker:Es lohnt sich wohl der Mühe, diesem genialen Stürmer etwas mehr Aufmerksam­keit, als es bisher geschehen ist, zuzuwenden. Und es ist ein erschütternder Anblick, diesen außerordent­lichen Mann aus dem Konzertsaal verbannt zu sehen." Wien, der Wirkungsort Bruckners, hatte seinem Werk gegenüber versagt. Bruckners Schü­ler, der damals 29jährige Leipziger Theaterkapell­meister Arthur N i ck i s ch wagte es die Siebente gelegentlich eines Konzertes zugunsten des Wag- ner-Denkmal-Fonds am 30. Dezember 1884 im Stadttheater zu Leipzig zur Uraufführung zu brin­gen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen trotz des als sehr konservativ geltenden Leipziger Ge­

wandhaus-Publikums. Bruckner selbst berichtet:In Leipzig wurde zum Schluß eine Viertelstunde lang applaudiert." Wenige Monate später bringt Mün­chen die Symphonie; den Erfolg hier bezeichnet Brucknerals den höchsten seines Lebens"; König Ludwig II. nahm die Widmung des Werkes ent­gegen. Nach dieser hohen Anerkennung in Deutsch­land protestierte Bruckner gegen die geplante Auf­führung in Wien, da dieswegen Hanslick und Konsorten keinen Zweck habe".

Aus dem Tremolo der Geigen schwingt sich das Haupthema des Kopfsatzes als ein zerlegter Drei­klang aus der Tiefe zur Höhe empor, sich in einem leidenschaftlichen Nachsatz ausbreitend und zur klanglich gesteigerten Wiederholung führend. Bruck­ner äußert sich über die Entstehung des Themas: Dieses Thema ist gar nicht von mir. Eines Nachts erschien mir Dorn (der verstorbene Linzer Kapell­meister) und diktierte mir das Thema, das ich so­gleich aufschrieb: ,Paß auf, mit dem wirst du dein Glück machend" Im Gegensatz zu der mehr har- manisch fundierten, männlichen ersten Themen­gruppe erhebt sich das zweite Thema linear, weib­lich, lyrisch suchend, eingeführt durch Klarinette und Oboe; kontrapunktische Sequenzen führen zu seiner Wiederkehr in der Gegenbewegung; hinzukommende Bläser steigern zu einem klanglichen Höhepunkt. Nun tritt das dritte Thema, rhythmisch belebt, pianissi- mo ein, und nach seinem Aufwallen klingt es mit einem friedlichen Abgesang aus. Die Durchfüh­rung, an der alle drei Themen Anteil nehmen, wen­det sich nach Ansätzen des ersten Themas zu einer fast gebetsmaßigen Adagio-Episode des zweiten The­mas. Ein Sich-Entgegenstellen der Schlußgruppe läßt das Hauptthema in seiner Umkehrung zum klanglichen Gipfel sich erhöhen; die Reprise zeigt die Themen­gruppen gewandelt, reich an klanglichen Feinheiten. Die Coda erhebt sich zu höchster Feierlichkeit über einem langausgedehnten Orgelpunkt

Das Adagio steht ganz unter dem Eindruck des Todes Richard Wagners (13. Februar 1883). Wie ein Ahnen zieht es sich durch den schon im Januar 1883 begonnenen Satz; das bezeugt ein Brief Bruckners an Felix Mottl:Einmal kam ich nach Hause und war sehr traurig; ich dachte mir, lange kann der Meister unmöglich mehr leben; da fiel mir das cis-moll-Adagio ein." Dieser zweite Satz kann als der geistige Mittelpunkt der ganzen Symphonie gelten,als ein Gebet, aufquellend aus den tiefverborgenen Gründen des Herzens". Dumpfe Tubenklänge und tiefe Streicher versinn­bildlichen den Schmerz, doch nicht ohne Zuversicht. Symbolisch bezieht der Meister ein Thema aus seinemTedeum" mit hinein. Trostspendend, von den Streichern eingeführt, erscheint das zweite Thema. Trauer, Trost und Hoffen erfüllen die Durchführung. Der Choralgedanke leuchtet in den Bläsern auf. Bei seiner Wiederkehr ist das Haupthema umflort von den Sextolenbewegungen

der Violinen; es erhebt sich zu leuchtendem Klang, gipfel in C-dur mit aushallendem Beckenschlag. . Bis hierher war Bruckner gelangt, als ihn die Nachricht von dem Tode Wagners traf. Die sich nun anschließende Coda wird zum Ausdruck tiefer Trauer. Der Schmerz mildert sich unter den verhallenden Klängen der Tuben und Hörner und dem zarten Pizzicato der Streicher zur Verklärung.

Ein Scherzo voll ungebrochener Naturkraft und Daseinswillen zeigt den Meister wieder dem Leben zurückgewonnen Das Trio voll ruhiger, verinner- lichter Melodik klingt in aufsteigenden Flötenfiguren ab. Das Finale steht mit seinem Eingangsthema Dem des Kopfsatzes nahe, nur daß der scharfe Rhythmus mit feiner treibenden Kraft einer Losung zudrängt, die aber nicht ohne eine Hilfe von oben her denkbar ist, daher der Choralcharakter des zwei­ten Themas. Einer absinkenden Ueberleitung stellt sich mit elementarer Wucht des Unisono die begin­nende Durchführung gegenüber. Momente der Einkehr lyrischen Verweilens werden durch das hineinzuckende Hauptthema gestört. Nach einem stürmend aufbrandenden Unisono erlebt das Choral­thema in der Durchführung bereits seine Reprise. Noch einmal drängt der scharfe Rhythmus des Hauptthemas zu einer Steigerung; die führt nun Zur Wiederkehr, die nur von dem Hauptgedanken beherrscht wird und in eine Coda mündet, die mit den Anklängen des Kopfthemas des ganzen Werkes zu höchster strahlender Majestät erwächst. Dr. H.

Eine Haffe half einen Schnellzug auf.

Auf der Station Naihati, die ungefähr 50 Kilo­meter von Kalkutta entfernt liegt, hatte kürzlich der Nord-Bengal-Expreß einen unvorhergesehenen zweistündigen Aufenthalt. Der Lokomotivführer hatte, wie immer an dieser Station, Wasser auffüllen lassen, aber als die Lokomotive nun wieder weiter­fahren sollte, da war sie nicht in Gang zu bringen. Zuvor hatte sich alles in bester Ordnung befunden, in Kalkutta hatte man die Lokomotive erst über­prüft und bis Naihati war sie in vorschriftsmäßi­ger Geschwindigkeit ohne Störung gelaufen. Rat­los standen die Beamten um die eigensinnige Loko­motive herum, um dann Teil für Teil zu prüfen. Die Reisenden verließen die Wagen und sahen die- fern verzweifelten Suchen mit gemischten Gefühlen ZU- Während die Spaßvögel sich über die Tücke des Objekts lustig machten, gaben jene Reisende, die es sehr eilig hatten, ihrer Entrüstung über den unbegreiflichen Aufenthalt Ausdruck. Erst nach zwei Stunden hatte man die Ursache gefunden. Eine harmlose Wasserratte hatte die Stockung oer- schuldet! Ohne selbst damit einverstanden gewesen zu sein, war sie mit dem Wasser in den Tank a» gossen worden, wo bald ihr letztes Stündchen ge* schlagen hatte. Die tote Ratte blieb dann aber m der Zuleitungsröhre stecken, und da blieb die Maschine stehen.