denken gegen eine solche konfessionelle Zusammenkunft entkräftet. Er stellte in den Mittelpunkt nicht die negative Abgrenzung gegen Andersgläubige, sondern die Besinnung auf die eigene Kraft, auf den großen Führer Luther mit seiner urlebendigen religiösen Erfahrung, seiner machtvoll alle Fragen des Lebens durchdringenden Persönlichkeit. Zöllner berichtete auch, daß der Bischof R a f f a y aus Budapest in einer Predigt sich zur politischen Verantwortung des Lutheraners bekannt habe. Er sagte dabei u. a.: „Noch nie hatten Lieblosigkeit und schonungsloser Haß ein so breites und und freies Wirknngsfeld wie in dieser schändlichen Zeit der diktierten Friedensschlüsse. Nicht aus Politik weise ich auf diese Erscheinung hin, sondern die Wehmut meiner christlichen Seele zwingt mich dazu. Denn es ist mir schmerzlich anzusehen» daß christliche Völker christliche zertreten .
. Diese Tradition einer Verantwortung für das öffentliche-Geschehen finden wir auch in der Kundgebung des soeben abgeschlossenen Pariser Konventes wieder. In dieser Kundgebung lesen wir, daß die lutherischen Kirchen, besonders die t n Rußland, vor wichtigen Fragen und Aufgaben der inneren Besinnung und Entscheidung stehen. Und sie fährt fort: „Wir sind aber der Ueberzeu- gung, daß unsere Generation nicht nur mancherlei Krisen zu durchkämpfen hat, sondern auch auf den verschiedensten Wegen den Frieden sucht, den die Welt nicht geben kann."
Wir wollen alle wünschen, daß das internationale Luthertum auf diesem Wege fortschreitet und sich immer mehr um eine Erkenntnis der Nöte in aller Welt müht. Das wird die beste Werbekraft auf die Völker ausüben, die tatsächlich nach einem tief und innerlich begründeten Frieden unter den Nationen uchen. Aber wir glauben, daß eine organische Verbindung zwischen dem an Luther orientierten religiösen Gefühl und dem, was heute im Dasein der Völker an positiven Werten geschaffen wird, hergestellt werden muß. Sicher ist nicht zu unrecht in Paris darauf hingewiesen worden, daß in Skandinavien und Finnland, die zu 90 v. H. lutherisch sind, der Kommunismus fast völlig ausgerottet ist. In Finnland, sagte der finnische Erzbischof Kaila, gebe es überhaupt keine kommunistische Partei mehr. In Schweden tehe das Luthertum in der Führung eines Kampes der verschiedenen religiösen Verbände gegen eine Gottlofenbewegung, die sich „Das Volk der Zukunft" nennt. Und mit Stolz haben die Lutheraner in Paris festgestellt, daß diejenigen immer zahlreicher werden, die glauben, daß nur das Evangelium den Weg zu einer Erneuerung der Gesellschaft And der Völker bereiten könne.
Dazu wird die Oeffentlichkeit der Länder sicher in verschiedener Weise Stellung nehmen. In Deutschland wird man wünschen, daß die deutsche Lebensubstanz, die die deutsche Eigenart und das deutsche Schicksal begründet, mehr noch als bisher von religiösen Gedanken aus gewertet wird. Und nicht nur in Deutschland wird man die Frage aufwerfen, ob das Fehlen des Kommunismus in Finnland wirklich nur auf die Tatsache zurückzuführen sei, daß man dort lutherisch ist. In Ungarn oder in der Türkei, in Italien und Japan, wo man doch bestimmt nicht lutherisch ist, fehlt der Kommunismus doch auch. Es wäre also zu wünschen, daß hier noch gründlicher geprüft, verglichen, abgegrenzt wird. Der berechtigte Stolz darauf, daß das Luthertum in seinen drei Hauptzentren, in Deutschland, Skandinavien und Amerika, wirkliche innere Fortschritte macht und sich zweifellos in mancher Richtung vertieft, darf nicht dazu verführen, nun alles Gute nur aus der Tatsache des Lutherifch-Seins abzuleiten.
Dann würde man ja nicht mehr anerkennen, daß auch die Reformierten und Katholiken, und darüber hinaus auch andere neu entstehende religiöse Gemeinschaften, auch Gutes schaffen, auch ernsthaft gegen die zerstörenden Mächte der Zeit kämpfen. Es ist nicht von ungefähr, daß auch die Reformierten sich international in ihrer Presbyterian Alliance regelmäßig versammeln, und zwar schon eit fast 60 Jahren, also schon viel länger als die Lutheraner. Sicher nicht zufällig fanden die Ver- ammlungen gleichzeitig statt, und zwar 1923 im Juli n Zürich und 1929, als sich die Lutheraner Anfang 3uli in Kopenhagen versammelten — mit 700 Teilnehmern! — in Boston (Mass.), von Mitte Juni. Ist das eine ideale Konkurrenz? In vielem mag ■te es ruhig fein; denn nur die einige Religionsform, !»ie alle ihre Kräfte auf eine tiefe Erfassung der gegenwärtigen Lage und die Heilmethoden für sie
Hölderlin-Anekdote.
Von Walter von Molo.
Die Nacht war da, und es war still um das ein- ame Gutshaus im Schnee und Flockenfall. Noch inmal besah der Dichter fein Werk, ging er durch alle Räume und löschte die Lichter.
Dann faß er in der Halle im grauen Schnee- chein mit einer Signalpfeife im Mund, die sonst »ereitlag, um Leute herbeizulärmen bei Gefahr ines Ueberfalls.
Erschöpft und unsicher, erwartungsvoll stand das )aus.
Nach Mitternacht ertönte Hufschlag auf der Land- trafje. Endlich kam der Wagen zurück, der den gutsherrn zur Poststation gebracht hatte.
Dreimal ließ der Dichter feine Pfeife gellen, das mit feinem Schüler verabredete Zeichen, aber der schlief.
Der Wagen fuhr vor und stand. Aha, jetzt sperren sie auf, und nun gab's den erwarteten ersten Schrei: dem Onkel waren vom Tische herab, den Jer Dichter kunstvoll vor der Eingangstüre auf- xcstellt hatte, die Sessel aus dem Gartenhaus, die mit einer Schnur an die Türklinke festgebunden tnaren, vor die Brust gestürzt.
Man hörte drei Stimmen verwundert und er= regt durcheinanderreden. Und nun geschah ein noch ärgerer Schrei und ein Klatschen: der an der Decke oufgehängte Eimer Wasser hatte sich seitwärts geneigt und seinen Inhalt, genau wie bestimmt, auf den Kopf des sich mutig vorarbeitenden Großhänd- b rs Maier ergossen. Dieser begann ungewöhnlich großzügig zu schimpfen.
„Nicht mal Licht ist da!"
Nun sprach die junge Hausfrau, und es klang merkwürdig gedehnt: „Wahrscheinlich ist das Feuer- ziug mit Absicht weggenommen." Und jetzt sprang ein Lichtlein in der Halle an, und sie übersahen annähernd die Sintflut.
„Was ist denn das, zum Teufel? Au!" Herr ilaier war mit der gesamten Wucht seines Leibes über den ersten tiefgespannten Draht hinge- schlagen.
Gerührt hörte der Dichter, der sich ganz nach rückwärts in den Schatten zurückgezogen hatte, wie seine junge Herrin außer sich zu lachen anhub; es mar ein frohes Lachen. Sie schien sein Verhalten ju billigen und zu verstehen. Es machte ihr Freude.
Inzwischen arbeitete sich der dicke Onkel polternd
richtet und in Wettbewerb — natürlich ideeller Art! — mit anderen Religionsformen tritt, hat sowohl öa& innere Recht wie auf die Dauer auch die Aussicht, die Herzen der Menschen zu gewinnen.
Daß hier das Luthertum noch freier werden muß, hat kein geringerer als der lutherische Bischof 23ab bemar 21 m m u nb f e n ausgesprochen, als er von dem Lutherischen Weltkonvent in Kopenhagen von 1929 berichtete. Er beklagte es, baß bas Luthertum gegenüber ben burch Stockholm unb Söberblom verkörperten Aufgaben noch zu zurückhaltenb sei. Jene Stockholmer Bewegung hat Söberblom ja bie „ökumenische" genannt, weil es sich um bie Erfassung aller Fragen in ber „Oikumene", der bewohnten Erde, handelt. Ammundsen beklagte wörtlich, daß zuviel kirchliche Zufriedenheit in Kopenhagen war, während doch wahre Religion nur in heiliger Unruhe bestehen könne; er beklagte, daß zuviel Selbst- verständliches geredet wurde und daß die Lutheraner es nicht einmal fertig brachten, mit nichtluthe-
rifchen Protestanten zum gemeinsamen Abendmahl zu gehen. Dafür aber, daß sich Menschen, bie in innerer Verantwortung zusammengehören, gegenein- anberstellen, hat unsere Zeit, aufs Ganze gesehen, kein Verständnis mehr.
Wir sprechen bie zuversichtliche Hoffnung aus, baß ber Pariser Konvent einen bebeutenben Schritt bes Luthertums einer echt lutherischen Weite unb Freiheit entgegen bedeutet. Ob es ber Fall ist, wirb bie Zukunft lehren. Luther selbst hat einmal gesagt, es gebe Leute, bie seien lutherischer als er selber. Er steht als religiöser unb deutscher Heros mit all seinen Widersprüchen unb bem Reichtum seiner leidenschaftlichen Seele vor unseren Augen. Wir tun gut, ihn immer neu zu studieren unb wir werben babei ben Zugang zu einer echten Religiosität finden, ganz gleich, ob wir Luthers Formeln genau so annehmen wie sie lauten, ober ob wir unseren eigenen Weg gehen.
Inseln des Deutschtums.
XII.
Die deutsche Gesellschaft „philadeiphia" in Athen. 13on unterem (£ K*25erid)ferftatfer.
(Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Athen, Oktober 1935.
König Otto lanbete als Jüngling in Nauplia am 6. Februar 1833 mit etwa 3500 Bayern, Sol- baten unb auch vielen Beamten, bie bas neue unb junge, soeben erst aus ber Taufe gehobene Königreich Griechenlanb zu seinen ersten selbstänbigen Gehversuchen verhelfen sollten. Wo aber so viele Deutsche beieinanber find, pflegen Vereine nicht zu fehlen. Unb so würbe bereits in ber vorläufigen Hauptstadt Griechenlanbs, in Nauplia, ein erster Verein unter bem stolzen Namen „M i n e r d a" gegrünbet. Kaum mehr als Jahresfrist bauerte es, als Athen auf Wunsch König Lubwigs von Bayern, bes Vaters bes ersten Griechenkönigs, zur Hauptstabt Griechenlanbs erhoben würbe. Mit bem Hofe kamen naturgemäß Beamte und viel bayerisches Militär nach Athen. Bald bildeten sich auch gier zwei Vereine: die „S ch n e l l s e g l e r" unb bie „P h i l a b e l p h i a". Die ersteren hatten ein Vereinsheim in ber Hephästosstraße unb zählten hauptsächlich Bayern zu ihren Mitgliedern, während in ber letzteren Vereinigung Hessen unbNassauer zusammenkamen, bie „Concorbia" und ber „Frohsinn" nahmen bie Mitglieber ber beiben ersten Vereine auf. Außerbem beftanb noch ber Offiziersverein „3 um Grünen Baum", ber sich so nach einem von einem Deutschen geführten Gartenlokal nannte. Hier gab es eine Kegelbahn unb hier spielte auch bie Militärmusik regelmäßig. Der Kriegsminister war Mitglieb biefes Vereins, selbst König Otto erschien hier oft, um mit ben bayerischen Offizieren ab unb zu einmal einen „guten Schub" auf ber Kegelbahn zu versuchen.
Am 3. Oktober 1835 traten im Gasthause „Zum Krebs" eine Anzahl Deutsche zusammen unb grünbeten eine Verbindung unter bem Namen „Fli - b u ft i a", bie hauptsächlich bem Humor unb bem Frohsinn geweiht fein sollte, geben Samstag würbe ein von Mitgliebern selbst rebigiertes Blatt, ber „Flibustier" herausgegeben. Bereits im September 1837 löste sich auch biefe Vereinigung, bie etwa 50 Mitglieber umfaßte, roieber auf unb schritt am 16. September 1837 zur Grünbung bes heute noch bestehenben Vereins „Deutsche Gesellschaft Philabelphi a", bie balb auf eine 100jährige ununterbrochene Wirksamkeit zurückblicken kann. Am 19. September 1848 bezog bie Gesellschaft ein eigenes Vereinshaus in ber Homerstraße 16 in Athen, in bem sie sich bis zum heutigen Tage befinbet, wenn auch bas Haus im Laufe ber Zeit mehrmals umgebaut werben mußte unb heute nicht mehr ganz den Anforderungen ber Neuzeit entspricht. Dafür aber liegt bas Gefellschaftshaus im Herzen ber Stabt unb ist deshalb als Treffpunkt aller Deutschen in Athen vorzüglich geeignet.
Zur Aufnahme in bie beutfche Gesellschaft Phila- belphia kann sich jeher Deutsche ober Deutschstämmige melden, b. h. außer ben „Reichsdeutschen" auch Oesterreicher, Ungarn, Griechen, Schweizer, Hollän-
ber, soweit sie beutscher Abstammung sinb unb bie deutsche Sprache beherrschen. Während ber 98 Lebensjahre, auf bie bie „Philabelphia" jetzt zurückblicken kann, hat sie viele frohe, aber auch viele trübe Tage gesehen. 1843 würbe burch eine „Revolution" bie bayerische „Fremdherrschaft" abgeschafft, unb viele Deutsche mußten Griechenlanb verlassen. Schlimmer unb gefährlicher für ben Bestaub ber „Philabelphia" aber wurde bas Jahr 1862, als König Otto, auf Betreiben ber „Großmächte" burch eine neue Revolution gezwungen würbe, Griechenland den Rücken zu kehren. Don ben fünf Vorstands- mitgliebern blieb nur noch einer zurück, bie Mitglie- derzahl sank auf 21 herab. Das kleine Häuflein aber hat mit Liebe unb Zähigkeit an ber „Philabelphia" festgehalten, unb sie über biefe gefährliche Klippe hinweggebracht.
Vor dem Kriege, in dem damals noch verhältnismäßig kleinen Athen, galt sie zunächst dem „Athener Club" als bie vornehmste Vereinigung Athens, unb zu ihren Veranstaltungen erschienen auch bie besten griechischen Familien. Sie war bamals ein ausgesprochener Herrenklub; bie Damen ber Mitglieber erschienen nur bei Festlichkeiten unb Bällen, ab unb zu auch zu einem Familienkegeln. Währenb bes Weltkrieges aber öffnete bie „Philabelphia" allen in Athen lebenben Deutschen unb bamit auch ben beutschen Frauen ihre Pforten. Es muß babei bemerkt werben, baß in ben Vorkriegsjahren verhältnismäßig wenig alleinstehenbe Frauen in Athen ansässig waren, bie bann eben auch zu ben Feierlichkeiten burch Einlabung beutscher Mitglieber am beutschen Vereinsleben teilnahmen.
Mit ber Besetzung Athens burch bie Ententemächte, bie sich entgegen bem Volkswillen in Griechenlanb festsetzten und es zum Kriege gegen Deutschland zwangen, mußte im Juni 1917 bie „Philadelphia" schließen. Alles, was noch irgendwie von Wett war, wurde noch schnell in Sicherheit gebracht. Die letzten Besucher der Klubräume in dieser schwierigen Zeit waren der deutschstämmige Rechtsanwalt Dr. Otto Heffner und ber Schreiber biefer Zeilen. 1917 bis 1921 war bas Vereinshaus von ber Regierung beschlagnahmt worden, bie hier e i n -Heim für erholungsbebürftige Krieger einrichtete. Es muß betont werden, baß bie Griechen bas Vereinshaus burchaus fchonenb behandelten; nach ber Rückgabe waren bie Schränke unb alles andere fast unversehrt. Nur bie natürliche Abnützung, bie eine Besetzung burch Soldaten eben mit sich bringt, mußte in Kauf genommen werden.
Gerade war bas Vereinshaus hergerichtet worden, als 1922 die kleinasiatische Katastrophe IV2 Millionen Flüchtlinge nach Griechenland verschlug. Der Vorstand hat damals freiwillig der griechischen Regierung die Räumlichkeiten zur Unterbringung einiger dieser armen Opfer zur Verfügung gestellt und sich nur einige kleinere Räumlichkeiten für das Vereinsleben zurückbehalten. Diese neue „Besetzung" durch die Flüchtlinge währte bis zum Jahre 1924, aber seitdem ist das Klubhaus wieder völlig im Besitze seiner Mitglieder.
Die „Philadelphia" hat vielen berühmten Persönlichkeiten in ihren Räumen Gastfreundschaft gewähren können-. Roß, Geibel, Hansen, Dörpfeld u. a. gehörten zu ihren Besuchern ober Mitgliebern. Auch König Konstantin besuchte mehrmals bie „Philabelphia", unb bie Königin Sophie, eine Schwester bes Kaisers Wilhelm, roibmete sich
weiter heran, berart kraftvoll, baß sich feine großartige Fähigkeit im Kriechen erwies für jeder- mann. Der Dichter zog sich in bie äußerste Ecke bes Runbbaus zur Parktüre zurück.
Sie starrten: UeberaU hingen in ben verschie- benften Hohen Drähte, waren Binbfäben gespannt, schaukelten Tafeln mit schwungvollen Aufschriften wie:
„Alles muß anbers werben, alles! Vornehmlich in ben Comptoirs von Großhänbler Maier." Ober: „Knechtsinn nach oben unb grober Mut nach unten sinb bas Kennzeichen ber Gelbbarbaren, bie immer bas Elenb bringen."
Ober: „Ihr könnt nichts Reines unoerborben unb nichts Heiliges unbelastet lassen mit euren Fingern, bie plump geworben sinb vom Gelbzählen."
Ober: „Die Tugend ber Heutigen habt ihr gemacht; sie sinb ein glänzenbes Uebel."
Sie stauben mit offenen Münbern wie in einem Museum unb betrachteten, was ihnen beschert war.
Denn es war tatsächlich eine Bescherung. Zwei Gabentische waren aufgebaut. Bis zu ben Knien reichte ihnen bas buftenbe Heu, bas ber Dichter hier gehäuft hatte, als sie, immer roieber neu über verborgene Hindernisse stolpernb, barin heran- roateten.
„Das ist für euch", erklärte bie junge Hausfrau, bie erfreulich rasch begriff. Sie war von Ehrfurcht, Angst unb Lachen zugleich bewegt unb geschüttelt. Sie hatte recht, hier war in großen Buchstaben gemalt: „Für ben Herrn Maier, Großhänbler."
Unb ba lag ein Buch aus ber Hanbbibliothek ber Mamsell, bas ben Titel trug: „Wie werbe ich vornehm?", unb ein anberes war ba, mit einer Schleife versehen, auf bie geschrieben war: „Der Unterschieb zwischen einem Lümmel unb einem wirklichen Herrn ist groß." Und auf einen bürren Ast war ein Zettel aufgefpießt: „Das ist euer Geist". Unb eine solche Silhouette war ba: „Für Mabame Maier"; darauf war eine Katze festgehalten mit der Aufschrift: „Der Mensch will sich fühlen. drum stellt er sich stets feine vermeintliche Schönheit gegenüber."
Da sprach bie Tante Maier bas erste Wort: „Pfui!" unb gleich barauf bas zweite: „Schäm bich!"
Die junge Frau des Hauses hörte nicht, sie ftanb vor ihrem Tisch und bettachtete sich als Heilige, um beren Kopf ein kreisrunder Schein gemalt war. Sie sah eine Spirale mit bem geschriebenen Zuruf: „Immer höher empor!"
Unb nun lasen sie bie aus fünf Stücken zusammengeklebte große Tafel; sie überragte alles:
„Sich auf große Tote zu berufen, ist nicht mehr als ein Schlag vor eine bumpfe Stirn; in ben Herzen muß es roibertönen. Ihr seid fterbenbe Blätter, bie in ben Kot hernieberrascheln. Ihr stehlt Licht unb Luft unb Freiheit bem jungen Leben, bas für eine neue Welt heranreift, die ohne euch besser sein wird. Weg mit euch! Glückliche Reise!"
„Bon“, sprach der Onkel, „ich bin im Bilde. Morgen laß ich euren Hauslehrer in ben Narrenturm abtransportieren. Komm!"
Die junge Herrin, von ber sie nicht Abschieb genommen hatten, sah, wie bie Stäbter, bie auf sie aufpaffen sollten, solange ihr Mann verreist war, kleinlaut unb beleibigt hintereinanber bie Treppe emporfteigen. Unb irgendwann erklang ein furchtbarer Schrei. Der kam von ber Tante mit ben vielen Ringen; bas war, als bie erste Maus vor ihr in ihrem Zimmer broben aufsprang unb über bas Bett raste. Dann war es eine Zeitlang still, als habe beide ber Schlag gerührt.
Der Dichter trat hervor und fühlte ihre Augen in feinen, unb bas war wie eine Brücke, auf ber unenblid) Schönes von einem zum anberen floß.
„Ich will mit Ihnen allein fein", stammelte er.
Sie legte ihre Arme um feinen Hals. So vernahmen sie von oben einen harten Fall unb einen neuen Schrei.
„Das ist ber pot de chambre, ich habe Fische hineingetan", gestanb er unb zitterte unter ihrer Nähe unb Wärme.
„Alle Laden der Kommode und ber Schrank sinb voll von Mäusen", erklärte er und zitterte noch mehr.
Sie strich ihm sorgsam liebkosend über bie Haare unb hatte einen nachbenklich schmerzlichen Blick, ber besagte: .Wie soll es mit bir werben. Lieber, in biefer 2öelt?‘
„Unb auch im Waschbecken schwimmen Fische herum", erwiderte er.
Da schob sie hingebend in kühner, heiliger Freude und Dankbarkeit ihre Hellen, weichen Arme ganz dicht um ihn unb berührte mit ihrem aufgeblühten Mund feine Stirn unb seine Lippen, bie wie leblos unb trocken unb ganz falt waren.
Als er wieder zu sich kam unb sein ganzes Wesen flammte unb er ihr nachstürzen wollte, um feine Seele ihr in nicht endenden Küssen zu geben, fand er sich allein.
ihr stets mit großem Interesse.
Die „schlimmen" Jahre sinb nun hoffentlich für lange Zeit vorüber. Die „Philabelphia" ist roieber neu aufgelebt. Wenn bie Räumlichkeiten noch nicht bie alle Gemütlichkeit ber Vorkriegszeit roieber erreicht Haden, so liegt bas auch baran, baß ber 93er* ein kurz hintereinanber zweimal tief in ben Säckel greifen mußte, um bie Räume roieber herzurichten. Das ist natürlich für einen kleinen Klub, ber kaum ein reiches Mitglieb hat. ziemlich schwer. Trotzbem waren in ben vergangenen Jahren recht gemütliche Abenbe in ben Klubräumen möglich; auch Bilbung unb Wissenschaft würben burch zahlreiche Vorträge gepflegt, bie sich eines reichen Besuches ber Mitglieber. ber ansässigen Deutschen unb ber nach bem Kriege erfreulicherweise gewachsenen Zahl unserer griechischen Freunde erfreuten. Im Frühjahr 1933, mit dem Anbruch der neuen Zeit in der Heimat, erlebte auch bie ..Philabelphia" eine Umstellung. Vvrübergehenbe Mißhelligkeiten führten schließlich zu einem herzlichen Einvernehmen zwischen ber „Philabelphia" unb berAthenerOrtsgruppe ber NSDAP., unb heute spielt sich bas Leben ber Kolonie zum größten Teile in ben Räumen bes Vereinshauses ab, bas nur leiber ben gewachsenen Ansprüchen kaum noch genügt. Vielleicht finben sich noch Gönner unb Freunbe, bie ber „Deutschen Gesellschaft Philabelphia" anläßlich ihres am 16. September 1937 bevorstehenben Stiftungsfestes zu einem neuen, ben heutigen Verhältnissen entfpredjenben Vereinshause verhelfen wollen. Möge jebenfalls bie „Philabelphia" weiter blühen unb gebeihen, um für alle fommenben Zeiten, wie in ber Vergangenheit, Hort unb Sammler bes Deutschtums in Griechenlanb zu sein!
Geschichten aus aller Wett.
(Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Unheimliche Seereise
(Zi.) Sybney.
Sechzehn Tage einer gerabezu unheimlichen Seereise hatte ber Schoner „Alma Doepel" hinter sich, als er neulich, von Hobart, Tasmanien, fommenb, im Hafen von Sybney eintraf. Seine ganze Besatzung, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, lag fchwerkrank an Influenza unb Grippe barnieber.
Der erste Krankheitsfall war wenige Tage nach ber Abfahrt von Hobart beim Koch eingetreten, ihm folgten alle anberen Mitglieber ber Besatzung, unb schon nach vier Tagen war bie Schiffsapotheke leer, hatte sie boch 17 Kranke auf einmal zu versorgen. Kapitän, Steuermann. Matrosen versuchten trotz hohen Fiebers ihren Dienst zu versehen, bis sie zusammenbrachen. Der zweite Segelmacher hielt noch am längsten aus unb es ist nur ihm unb einer gütigen Laune des Geschickes zu Derbanfen, baß bas Schiff schließlich Sybney erreichte. Da ber Segelmacher mit dem Aufwanbe ber letzten Kraft bie 808.-Signale gehißt hatte, kamen im Hafen sofort Hilfskräfte an Borb, bie bas Schiff festmachten unb bie gesamte Besatzung auf Tragbahren ins Krankenhaus schaffen ließen.
Der Hoflieferant des Neqns.
(—) 21 b b i 5 21 b e b a.
In Lonbon gibt es einen kleinen unb befcheibenen Barbier, ber seit Jahren „Hoflieferant Seiner Kaiserlichen Majestät bes Negus von Abessinien" ist.
In seinem Laben verirrte sich vor Jahren einmal ein Angehöriger bes abessinischen Hofes unb erftanb vorn Labeninhaber, nachbern biefer ihm bie Haare geschnitten hatte, ein Haarwaschwasser eigener Herstellung. Der Käufer war mit biesem Haarwasser so zufrieben, baß er in Abbis Abeba gelegentlich auch ben Kaiser unb bie Kaiserin auf bas kosmetische Mittel aufmerksam machte. Alsbalb ging an ben kleinen Barbier im Lonboner Westen eine Bestellung ber kaiserlichen Familie ab. Seitbem haben sich biefe Bestellungen regelmäßig wieberholt, unb ber kleine Barbier hofft sogar, wie er im Vertrauen mitteilte, bemnächst einen Orden aus Aethiopien zu erhalten.
Einer findet sein Grab.
(th.) Neuy 0 rk.
William Guerson war 20 Jahre lang nicht baheim gewesen. Als dr aber nach seinem kleinen Geburts-
Ihr Mann ist überarbeitet ?
.. auf Kaffee Hag umstellen 1
Als sich ber Dichter am nächsten Tage scheu in bie Halle schob, grubberten zwei Mägbe eifrig ben Fußboden, bie ber Gutsverroalter zur Hilfe gesandt hatte, gegen die „irrsinnige Schweinerei", wie er es nannte.
Sie grüßten vertraut unb teilten fröhlich mit, baß bie städtischen Verwandten in aller Frühe, ohne auch nur den Kaffee anzurühren, bas Gut verlassen hatten.
Tiefbefriebigt ftanb Hölberlin und lächelte verklärt unb innig.
Allerlei vom Niesen.
Nicht jebes Niesen braucht ein Vorbote bes Herbstschnupfens zu sein. Aber irgenbeine befördere Be- roanbtnis hat es trotzbem, wenn man ben weit verbreiteten abergläubischen Vorstellungen Glauben schenken will. Unb tun wir es nicht schon daburch, daß wir bem Niesenben „Gesunbheit" wünschen? Mit bem Niesen werben feit uralten Zeiten bestimmte Voraussagen oerbunben. So mißt bie Volks- anschauung bem Niesen bei wichtigen Entschlüssen hohe Bebeutung bei: Der Entschluß soll bamit gleichsam burch eine höhere Macht gebilligt unb bekräftigt werben. Als ber Grieche Tenophon im Jahre 401 v. Ehr. mit feinen berühmten Zehn- taufenb aus Persien ben Zug nach bem Meer unternahm, um sich in bie Heimat burchzufchlagen, ha berichtete er selbst, baß ein Kriegsrat einberufen würbe, bei bem bie großen Gefahren unb Befchwer- ben biefes Rückzuges eingehenb erörtert würben. Tenophon vertrat trotzbem bie Anschauung, baß biefes Sichburchschlagen bie einzige Rettung für sie bebeute. In bem Augenblick, als er bas sagte, nieste ein Krieger. Dies erschien bem Griechen als ein Zeichen, burch bas bie Götter ihm bie Wahrheit ber Worte Tenophons bestätigten, unb zuversichtlich folgten sie bem Führer. Auch eine Stelle aus bem Homer beweist, rote stark bie alten Griechen an bie glückverheißenbe Dorbebeutung bes Niesens glaubten. Im 17. Gesang ber Obpffee spricht Penelope ben Wunsch aus, ihr Gemahl möge boch bald heimkehren. Dann heißt es weiter: „Da nieste leie- machos, baß es gewaltig ringsum schallte burchs Haus. Auflachte ba Penelopeia — Schnell zu Eumäus sprach sie sodann bie gesiegelten Worte: Siehst bu nicht, wie mir ber Sohn alljegliche Worte beniest hat?" Mit bem Glauben an bie befräftigenbe Bebeutung bes Niesens ist eng verwanbt ber an seine prophetische Kraft.


