net — ist ausgezeichnet. Kein Wunder, denn der rührige Bermühler-Verlag, Berlin, der die Ausstattung beforgte und Spezialist in guter farbiger Bebilderung ist, hat seine schwersten Geschütze im Bildmaterial aufgefahren und reichlich Bildwerk aus Heinroths Standard- und Lebenswerk „Die Vögel Mitteleuropas" ausgesucht und in das Werk gebracht. Tadellos!
Gewiß, wir von der Zunft sehen den Wert von Hand- und Taschenbüchern für den Freigebrauch zunächst nicht darin, was sie der Allgemeinheit geben — man kann ja auch aus zehn vorhandenen Büchern ein neues elftes machen —, wir sehen den Hauptwertmesser darin, ob und was sie auch oder gerade dem Forscherkollegen und Fachgenossen geben. Und beide Bücher haben wirklich auch dem Manne vom Fach und damit allen etwas zu bedeuten, denn der Verfasser gab ihnen die eigene Tendenz bei aller Beibehaltung bekannter Dinge, die zum allgemeinen Grundlagenbereich gehören
und seinen Tieren die gerechte Stellung im Natur- hausyalt. Neu, langersehnt und daher doppelt begrüßenswert ist die Bestimmungstabelle für Raub- oogelfänge, ein Wunschtraum der Forstämter und Bürgermeistereien, und die Bilderreihe von Einzelheiten. In ihr, die den arteigenen Prototyp in den Vordergrund stellt, ist manchem Jäger und Naturfreund, der draußen in Wald und Feld schon Federn fand, aber keine Bestimmungsgelegenheit kannte, den gern gewußten Träger zu ermitteln, der gern erfahren hätte, welcher Vogel diese Feder einmal trug, ein wichtiges Bestimmungsmerkbuch und eine gut gelungene Ergänzung zur vorhandenen vogelkundlichen Literatur gegeben.
Man darf es schon sagen: Bermühler hat in Leistung und Geschmack noch nie enttäuscht, aber diesmal hat er eine besonders glückliche Hand gehabt.
Dr. Karl Rudolf Fischer, Gießen.
Löcher über bildende Kunst.
— Carl Bantzer: Hessen in der Deutsch e n M a l e r e i. 110 Seiten. Mit zahlreichen Abbildungen. Preis RM. 2,— Erweiterter Sonderdruck aus „Hessenland" 1933/35. Auslieferung durch N. G. Eiwert, Verlag, Marburg a. d. Lahn. — (323) — Die kleine Schrift des bekannten hessischen Malers Carl Bantzer ist ein Sonderdruck aus der „Hessenkunst", von dem nur wenige Exemplare hergestellt wurden: eine kleine Anzahl davon befindet sich im Handel; die meisten sind bereits verkauft, und der Rest dürfte auch bald vergriffen sein. Die Schrift erschien ursprünglich unter dem Titel „Hessens Land und Leute in der deutschen Malerei, mit Kunstchronik von Willingshausen" und deutet damit schon an, daß der behandelte landschaftliche Raum sich im wesentlichen auf das alte Kurhessen erstreckt. Im Mittelpunkt steht wiederum, was ja für Bantzer besonders nahe lag, die Kunstchronik von Willingshausen und dem übrigen Schwalmgebtet. Nach einem allgemeineren geschichtlichen Rückblick bringt die Darstellung, reichlich begleitet von Reproduktionen der jeweils zugehörigen Bilder, einen Ueberblick über die für das Gesamtgebiet wichtigen landschaftlichen Ausschnitte; Kassel, Reinhardswald, die Rhön, Marburg, Rölls- hausen sind neben Willingshausen am ausführlichsten behandelt. Aus der Aufzählung der einzelnen Malerpersönlichkeiten und der in diesem Zusammenhang wichtigen Bilder formt sich schrittweise ein Beitrag der hessischen Landschafts- und Men- schen-Darstellung zur allgemein deutschen Kunstgeschichte. Besonders persönlich geschrieben ist die um vieler Einzelheiten und Erinnerungen willen bemerkenswerte Willingshäuser Chronik, die nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch volkskundlich recht aufschlußreich ist. Als Selbstzeugnis reizvoll erscheint überdies, was Bantzer zur Entstehungsgeschichte seines berühmtesten Bildes, des „Abendmahls in einer hessischen Dorfkirche", berichtet. Die Aufzäklung der Namen — unter denen sich viele befinden, die auch den Gießener Kunstfreunden aus eigener Anschauung geläufig sind, wie z. B. Ubbe- lohde, Kätelhön, Thielmann, Lenz, Mons, um nur einige zu nennen — diese Aufzählung wird lebendig und anschaulich ergänzt durch die gut wiedergegebenen, teils wohlbekannten, teils auch selten oder gar nicht gesehenen Bilder; auch einige Photos und Karikaturen sind eingestreut. —y—
— PieterBrueghel-.FlämischesVolks- leben. Zehn farbige Tafeln und dreizehn Abbildungen im Text. Eingeleitet von Max D v o r ä f. Preis 2,80 Mark. Die silbernen Bücher, Woldemar Klein, Berlin. — (379) — In der Reihe der „Silbernen Bücher", aus der wir kürzlich bereits den von A. E. Brinkmann eingeleiteten Band „Landschaften deutscher Romantiker" an dieser Stelle an- aezeigt haben, erschien neuerdings das „Flämische Volksleben" des Bauern-Brueghel, und es ist sowohl kunsthistorisch als auch kulturgeschichtlich und volkskundlich von hohem Reiz, sich in die vortrefflich wiedergegebenen und mit großem Geschick ausgewählten Bilder des berühmten Niederländers zu vertiefen: sie sind so charakteristisch für Brueghel als Maler, für seinen Wirklichkeitssinn, sein Temperament, seine strotzende und oft überwältigend
sich äußernde Daseinsfreude, auch seinen kernigen und saftigen Humor, — wie für das flämische Volk, dem hier ein unvergängliches Denkmal gesetzt worden ist: es tritt uns leibhaftig in diesen verschwenderisch ausgeschütteten, mit tausend liebevoll und heiter beobachteten Einzelheiten geschmückten Szenen entgegen, in der berühmten „Kirmes" zum Beispiel, in der „Bauernhochzeit" oder m den köstlichen und für den Betrachter nahezu unerschöpflichen „Sprichwörtern". Das ist echte Volkskunst, aus der Landschaft geboren, von ihren Menschen erfüllt, unbestechlicher Spiegel einer ganzen Nation. Wer das flämische Volk kennenlernen will und nicht nach Holland fahren kann, der muß diese Bilder betrachten und de Coster und Timmermans dazu lesen; dann weiß er Bescheid. — Die Einführung ist von einem der besten Kenner des Stoffes geschrieben worden. Was die großen Tafeln angeht, so ist es zu begrüßen, daß Verlag und Verfasser neben dem Gesamtbilde auch Ausschnitte vermitteln, die für den Künstler Brueghel wie für seine Themen und Modelle höchst aufschlußreich scheinen. —y—
Die bäuerliche Seele.
— D i e bäuerliche Seele. Eine Einführung in die religiöse Völkerkunde. Don Professor Dr. Georg Koch (Gießen). 275 Seiten. Geh. 5,60, Leinen 6,80. Furche-Verlag G. m. b. H., Berlin. — (342) — Die religiöse Volkskunde, die uns der Gießener Theologe Professor Dr. Georg Koch geschenkt hat, will bei Ausnutzung aller wissenschaftlichen Möglichkeiten in der intuitiv verstehenden Art eines Justus Möser oder W. H. Riehl die Geschichte des bäuerlichen Seelentums und seine gegenwärtige Gestalt darstellen. Vielgebrauchte und unzähligemal mißverstandene Begriffe wie die der „Uroerbundenheit", der „Primitivität", der Gott- verbunüenheit des Bauern werden gefüllt mit Anschauung, werden so lebendig und fruchtbar. Mit besonderer Eindringlichkeit wird den Fragen nachgegangen, die im gegenwärtigen Kampf um die Seele des deutschen Bauern entscheidende Bedeutung haben: Was bedeuten z. B. die Elemente altgermanischer Religiosität, „Bräuche" und Aberglauben für das Gesamtbild der bäuerlichen Seele? Der Gang durch die Geschichte will ebenso wie die Psychologie und Typologie des' deutschen Bauern nicht ein für allemal „Resultate festlegen". Wir sollen vielmehr, was wichtiger ist, zum selbständigen Sehen hingeführt werden. Wir sollen Fühlung "bekommen mit der Wirklichkeit des bäuerlichen Seelentums, sollen lernen das Echte und Bleibende zu unterscheiden von dem Zufälligen und Vergänglichen. Wir sollen lernen, aus diesem lebendigen Kontakt heraus in den Spannungen des gegenwärtigen geschichtlichen Augenblicks die klare Linie festzuhalten, die die Linie des deutschen, christlichen Bauern war und bleiben wird. — Das Buch stellt sich als eine gründliche und systematische Arbeit dar, der eine umfängliche Literatur zugrunde liegt, und die eine Fülle bemerkenswerter Anregungen und Hinweise vermittelt. Eine religiöse Volkskunde dieser Art hat bis jetzt gefehlt; Kochs Buch über die bäuerliche Seele ist vortrefflich geeignet, diesem oft empfundenen Mangel abzuhelfen.
land und durch die Beschränkung der französischen Macht auf die Grenzen von 1789. Diese bedeutsame Erkenntnis kam ihm zuerst während seines Aufenthalts in England als Gesandter des Konvents, dann als Flüchtling vor den Radikalen, die damals gerade die Revolution über die Grenzen Frankreichs hinauszutragen begannen und damit den verhängnisvollen Weg einschlugen, auf dem Napoleon Europa in einen furchtbaren Kriegswirbel riß. Talleyrand hat diese Erkenntnis von den beiden wesentlichen Voraussetzungen eines europäischen Friedens verteidigen müssen gegen das Direktorium sowohl wie gegen Bonaparte, dem er selbst zur Macht verhalfen hat und dessen Außenminister er aus dem Drang, seine Hand im Spiel zu lassen, auch dann blieb, als er sehen mußte, daß Napoleon entgegen seinen Ratschlägen die Bahn des Eroberers nicht zu verlassen vermochte. Sobald er in Napoleon den starrsten Gegner seiner Friedenspolitik erkannt hatte, dessen Bekehrung ihm niemals gelingen werde, legte er entschlossen seine Minen zum Sturz des Imperators. Der Staatsstreich von Bayonne, der Napoleon das Spanien der Bourbonen in die Hände spielte, bedeutete für Talleyrand die endgültige Erkenntnis, daß Napoleons Schicksal an seiner Unersättlichkeit zerschellen werde. Bereits auf dem Fürstentag von Erfurt legte er seine Netze aus und spann die Fäden zu Alexander von Rußland, Napoleons markantestem Gegenspieler. Aber erst vier Jahre später hatte Talleyrand gesiegt. Er war in Paris und Wien der gegebene Mittelsmann zwischen den Verbündeten, den rückkehrenden Bourbonen und dem französischen Volke. Jetzt riet ihm seine Klugheit wiederum zu weiser Mäßigung. Aber wenn auch Talleyrands Einfluß und der eigene Instinkt den König Ludwig XVIII. vor den törichten Ueberspannungen einer Autokratie bewahrten, wie sie die reaktionären Ultras forderten, so verleugnete die Regierung Karls X. alle Grundsätze Talleyrand- scher Staatskunst. Bis zur Julirevokution blieb Talleyrand der politischen Bühne fern, aber er war es, der dem Orleans den entscheidenden Rat gab, sich zur Verfügung zu stellen und er selbst übernahm bann unter dem Bürgerkönigtum die heikle Mission, das liberal-konstitutionelle Regime im Kreis der europäischen Großmächte einzuführen. Als Gesandter Ludwig Philipps in London arbeitete der jetzt 76jährige erneut für eine enge Zusammenarbeit der beiden Westmächte, in der er das sicherste Pfand des Friedens in Europa sah. Mit der gleichen Aufgabe, die sich der Sendbote der Revolution vor 40 Jahren zu Beginn seiner diplomatischen Laufbahn gestellt hatte, der er während des Konsulats und des Kaiserreichs seine ganze Kraft gewidmet hatte, die ihm auf dem Wiener Kongreß gelöst schien, verabschiedete sich nun der greise Meister der Staatskunst von der politischen Bühne. Man weiß nicht, was an dem Buch Coopers mehr zu bewundern ist, die prägnant herausgemeißelte politische Linie, die noch heute ja, wie wir sehen müssen, nichts von ihrer bestechenden Anziehungskraft verloren hat, oder das faszinierende Bild dieses Mannes, der ob seiner Sittenlosigkeit und seiner Wandlungsfähigkeit so viel geschmäht worden ist und doch sich selber und seiner politischen Grundanschauung treu blieb und dank dessen sich so weit über den Durchschnitt seiner Zeitgenossen erhob, daß wir auch heute noch ein Jahrhundert nach seinem Tode den Zügen seines großen politischen Spiels mit innerer Anteilnahme und vielleicht sogar mit einigem praktischen Nutzen folgen können.
Neues Rüstzeug für den Vogelfreund.
Zwei neue Vogelbücher hat mir die Schriftleitung des „Gießener Anzeigers" zur Begutachtung vorgelegt: „Die heimischen Singvögel, herausgegeben von der staatlichen Stelle für !Ratur» denkmalpflege in Preußen, und „Die heimischen Raubvöge l", im Auftrag der gleichen Stelle von Dr. Martin Löpelmann verfaßt. — (654/55)
Schon der erste Eindruck der beiden billigen Volksbändchen — abgesehen von der Tatsache, daß eine, nein, sagen wir ruhig die prominente Stelle Deutschlands verantwortlich für die Ausgabe zeich-
MiWiiMoiOel.
Roman von Anny von Panhuys
Urheberrechtsschutz Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
28 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Bettina versprach: „Ich will Ihnen helfen, weil es wohl fein muß. Es ist für Gretel besser, wenn sie Dr. Diendorf nicht wiederfieht. Denn geschähe auch das Wunder, daß Dr. Diendorf Gretels Liebe eines Tages erwiderte, würde er sie doch niemals heiraten wollen, sobald er wüßte —"
Sie brach ab und Hans Syden beendete den Satz: „Sobald er wüßte, ich bin Gretels Bruder, bin der Mann, der ihm die Braut genommen, der Mann, der die unmittelbare Ursache ihres Todes ist."
Sie schlug vor: „Ich werde Dr. Diendorf brieflich die Wahrheit mitteilen, das dürfte der einfachste Weg fein, ihn von dem Besuch hier zurückzuhalten."
Er stimmte zu: „Ja, das dürfte der einfachste und sicheren Erfolg versprechende Weg sein."
Er faßte Bettinas Hand.
„Ich danke Ihnen, Bettina. Wieviel habe ich Ihnen schon zu danken!" Er wollte nicht weiter sagen und es drängte sich doch über feine Lippen: „Ich war in Frankfurt in Ihrem Konzert, Sie sangen hinreißend, Bettina, und Sie sahen hinreißend aus."
Das Blut jagte ihr wie eine heiße Welle ins Gesicht, aber das konnte Hans Syden zum Glück nicht sehen, aber mit etwas zu lauter Stimme bat sie: „Jetzt können wir wohl weiterfahren, Hans, meine Eltern erwarten mich zum Abendessen."
Er fühlte ihr Nähe plötzlich wie etwas sehr Beglückendes, fühlte, Wally Walb war in feinem Leben nichts weiter gewesen als eine wunderschöne verwirrende Frau, nach der er Begehr getragen, doch Bettina, die er von Kind an kannte, hatte er wohl schon immer lieb gehabt, ohne es zu wissen. Aber er durfte zu ihr nicht davon reden, der Schatten einer Toten gab ihn nicht frei.
Es nützte nichts, daß er wußte, Bettina liebte ihn.
Er antwortete, ruhig scheinend: „Ja, wir können jetzt weiterfahren!" Gleich darauf schoß der Wagen schon auf der Waldchaussee dahin, die Scheinwerfer spielten scharf leuchtend voraus. Kein Wort mehr sprachen die beiden, so dicht beisammen Sitzenden mehr, bis das Auto auf dem alten Ritterplatz hielt.
Bettina reichte Hans Syden die Hand.
„Ich werde sofort nach Weihnachten an Dr. Diendorf schreiben, vorher komme ich nicht mehr dazu.
Und mir ist es auch, als würde ich ihm das Fest dadurch verderben, oaß ich ihm mitteile, wie nahe Sie mit den Sydenschen Damen verwandt sind."
Er neigte sich, küßte dankbar Betttnas Hand und sie spürte den Handkuß mit seltsamem Erschauern. Es war wie Abwehr in ihr, hennocf). hätte sie gleichzeitig die Arme heben mögen, um den Kops des Mannes, der vor ihr stand, zu sich nieder zu ziehen und ihm leise ins Ohr zu flüstern: Es tut mir leid, daß du Armer immer daran denken mußt, du trägst die Schuld an dem Tod des schönen Mädchens.
Ehe sie sich noch recht besinnen konnte, hatte Hans Syden schon wieder seinen Platz eingenommen und das Auto fuhr an. Sie aber befand sich allein, stand neben ihrem Rad, das Hans Syden an den Torweg gelehnt, über dem die alte Jahreszahl angebracht war, auf die der alte riesige Ritter von drüben, der ja viel älter war als das Haus, ständig herschaute mit seinen starren Steinaugen.
28. Kapitel.
Heiligabend im Waldschlößchen.
In der Bibliothek des Waldschlößchens stand die hohe silberfunkelnde Tanne, an der zwei Dutzend Lichter brannten.
Zuerst fand die Bescherung der Dienerschaft statt. Der Kutscher und seine Frau betraten zuerst den saalartigen Raum, ihnen folgten die Köchin und das Hausmädchen, danach kam der Chauffeur, der Hans Syden Überall hinbegleitete. Ein altes Spinett stand in einer Ecke des Raumes und Großchen Jutta begann darauf zu spielen: Stille Nacht, heilige Nacht! Alle sangen mit, und nachdem das Lied zu Ende, zeigte Großmutter jedem seine Geschenke. Im Waldschlößchen hatten es die Leute gut, Gräfin Jutta pflegte zu sagen: Wir sind alle nackt geboren, die Hauptsache ist die Anständigkeit der Gesinnung!
Danach handelte man im Waldschlößchen gegen jedermann, gleichviel wo seine Wiege gestanden, ob er reich oder arm war.
Auch in der Art des Schenkens handelte man danach.
Alle bedankten sich und man schnitt ihnen die Dankesworte nicht ab, aber dann sagte die Gräfin Jutta: „Es rft doch nicht mehr als recht und billig, all denen ein wenig Weihnachtsfreude zu bereiten, die so fleißig und zuverlässig das ganze Jahr über bemüht sind, uns das Leben bequem zu machen."
Die Anerkennung ließ die strahlenden Mienen noch strahlender werden und dann entfernten sich die Leute, das Fest der Familie begann.
Man hatte sich gegenseitig viel auf geb aut, die schönsten Stücke aber hatte Hans Syden mitgebracht.
„Heute hast du wieder einmal so recht bewiesen, daß du der Krösus der Familie bist!" lachte Gretel froh und umarmte den Bruder, der ihr Kleiderstoff aus rosiger Seide und einen Ring mit Türkisen und Brillanten geschenkt.
„Die Schneiderinrechnung kommt auch noch auf mein Konto", versprach er, „aber der rosa Stoff muß erstklassig verarbeitet werden, das bitte ich mir aus. Trägst dann das Kleid zum Kasinoball in der ,Krone*. Ich werde so lange hierbleiben, der Ball ist ja schon am sechsten Januar. Voriges Jahr waren wir auch zusammen da."
Gretel lächelte ein bißchen abwesend.
„Weißt du, ehrlich gestanden, aus dem Ball mache ich mir eigentlich gar nicht so besonders viel, Hanslbruder."
Er meinte erstaunt: „Voriges Jahr warst du doch ganz aufsässig, weil Großchen Leonore fand, es genüge noch, wenn du erst den nächsten Kasinoball mitmachen würdest und du setzest deinen Willen auch energisch durch. Dies Jahr aber liegt dir nichts daran?" Er legte den Arm um ihre schmalen Schultern. „Rudolf Hammerschmied wird doch auch auf Urlaub kommen. Erinnere dich nur, wieviel ihr beide voriges Jahr zufammengehopst habt!"
Rudolf Hammerschmied hieß Baron Hammerschmied und war sein Freund aus Gymnasiumstagen, aber zwei Jahre jünger als er. Er war einunddreißig, Hammerschmied neunundzwanzig Jahre. Weil er zehn Jahre älter war als sie, nannte ihn Gretel oft im Scherz ,Onkel Rudolf und der blonde zukünftige Richter freute sich über die Anrede und nahm sie immer mit frohem Gesicht entgegen. Sie standen auf nettem Neckfuß miteinander und Hammerschmied war verliebt bis über beide Ohren in die reizende Komteß und träumte einen schönen Zukunftstraum.
Gretel wunderte sich selbst, weshalb sie gar keine Freude empfand, als sie an den Ball dachte, durch den die wohlhabenden Bürger des Städtchens alljährlich ihren Hauptbedarf an Vergnügungen deckten. Sie bekannte: „Ich habe in letzter Zeit manchmal nachgegrübelt, warum ich eigentlich so in den Tag hineinleben kann, während viele andere Mädchen arbeiten müssen von morgens bis abends. Auch Bettina tut etwas. Sie bedient im Laden und führt ihres Vaters Bücher. Ich aber bin eine Drohne. Seit kurzem stolpere ich immer wieder darüber und nun reizt mich der Ball gar nicht, ich machte lieber Arbeit haben."
Die beiden Damen und Hans blickten die Komtesse erstaunt an. Eben hatte sich Gretel noch kindlich-lebhaft über ihre Geschenke gefreut und jetzt machte sie ein so sorgenvolles Gesicht, als müsse
Ser Luchrnsche SeMonNnt.
23 on Lic Dr. Hans Hartmann
In Paris hat in der vorigen Woche der „Dritte Lutherische Weltkonvent" stattgefunden. Die breitere Oeffentlichkeit in Deutschland hat davon nur ver- hältnismäßig wenig Kenntnis nehmen können. Das Interesse für internationale Kongresse ist offenbar im Schwinden begriffen, soweit nicht Medizin, Technik und Wirtschaft zur Erörterung stehen. Hinzu kommt, daß viele auch von denen, die frühere Kirchenkonferenzen, wie z. B. die Stockholmer von 1925, noch mit Anteilnahme verfolgten, nicht recht den praktischen Zweck und Erfolg solcher Zusammenkünfte erkennen, die, wie es dem Unbeteiligten scheint — alle paar Jahre wieder einmal stattfinden.
Handelt es sich dann gar um einen Ausschnitt aus dem gesamtchristlichen Leben, so ist der innere Zugang noch schwerer. In Stockholm waren ja unter dem Vorsitz des Erzbischofs Söderblom alle protestantischen Kirchen der Welt vereinigt, dazu noch ein beträchtlicher Teil der griechisch-orthodoxen, und es herrschte lebhafte Bewegung auf allen Gebieten der praktischen Religiosität, der religiösen Verantwortung für die Gestaltung der Wirklichkeit in Politik und Wirtschaft, in Volkstum und Sitte.
Söderblom, der leider zu früh Verstorbene, war überhaupt der geborene, man darf wohl sagen, der gottbegnadete Leiter internationaler religiöser Konferenzen. Wenn man den Gegensatz von Reformierten und Lutheranern einmal als gegeben annimmt, so gehörte er unstreitig zu den Lutheranern. Der eigentümliche Zauber, der von ihm ausging, vermochte aber alle Herzen zu gewinnen und jeden engen konfessionellen Rahmen zu sprengen. Sein Glaube setzte sich immer und überall in praktische Tat um. Und nur wo das geschieht, wird auch die Oeffentlichkeit inneren Anteil an folchen Konventen nehmen.
Das war für ihn die Grundlage, auf der die großen Kongresse erst ihr inneres Recht erhielten. Dann aber stellte er sich ihnen mit der ganzen Macht und Klugheit seiner Persönlichkeit zur Verfügung.
Seit feinem Tode gibt es keinen überragenden Führer für religiöse Konvente mehr, keinen jedenfalls, der sich mit ihm messen könnte. Das mag be- bäuerlich fein; aber wenn irgendwo, so kann auf dem religiösen Gebiete kein Führertum erzwungen werden, es muß von selbst kommen. Solange fein Führer da ist, muß die Arbeit stiller und verhaltener, vielleicht auch bescheidener getan werden. Aber sinnlos und wertlos wird sie dadurch nicht. Und so ist es auch mit dem Lutherischen Kon- vent, der soeben in Paris stattfand. Es wäre nicht richtig, wenn man sich an dem zunächst sehr konfessionell und ausschließlich klingenden Begriff „lutherisch" stoßen und der Arbeit dieses Konventes deshalb fein Interesse versagen wollte. Die neunzig Abgeordneten aus 21 Ländern in aller Welt sind die Sendboten eines Christentums, das sich für einen Zusammenschluß derer verantwortlich fühlt, die ihre Religion lebendig mitten in die Zeit stellen wollen. Aus Deutschland waren sechzehn Vertreter erschienen, und es ist kein Zweifel, daß sie sich lebhaft an den zur Erörterung stehenden Fragen beteiligten, zumal die Strahlen des in Deutschland zustandegekommenen Kirchenfriedens bereits nach Paris hinübergewirkt haben.
Was ist nun die Bedeutung dieses Lutherischen Konvents?
Zunächst horchten wir auf die Botschaften und Beratungen solcher Kongresse darum, weil sich in ihnen eine Stellupgnahme zu den großen Fragen der Zeit kundgibt. So sehr das Luthertum zu einer Betonung des rein innerlichen Glaubenslebms neigt, ist es doch an der Not der Zeit nicht vorübergegangen, fondern-hat sich von ihr tief berühren lassen.
Der erste Lutherische Weltkonvent trat im August 1923, also in einer weltpolitisch äußerst gespannten Zeit, in Eisenach zusammen. Generalsuperinten- dent Zöllner, der jetzt von Reichsminister Kerrl in den Reichskirchenausschuß berufen wurde, hat damals in einem sehr ausführlichen Bericht die Be-
Seife 15v.25Pfg.
। Gesunde Haut
sie ein schweres Problem lösen. Man setzte sich um ben Baum herum und sein strahlendes Silberkleid, das Leuchten seiner brennenden Kerzen, wandelte die stets ein wenig düstere Bibliothek, in der viele, stark nachgedunkelte Ahnenbilder hingen, zum Festsaal.
Hans Syden schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, Schwesterchen, du schlägst dich mit einer fixen Idee herum! Was willst du denn eigentlich arbeiten? Es wäre ja vollkommen falsch, wenn du irgend einem Mädel, die es nötig hat, das Brot wegnehmen wolltest. Außerdem dürfte es dir kaum gelingen, man forgt in der Beziehung schon dafür, daß keiner, der genug hat, dem anderen noch etwas wegnimmt." Er neckte: „Warte nur auf den Zukünftigen hier im Dornröschenschloß, er wird schon eines Tages kommen und bis dahin lerne alles, was eine gute Hausfrau können muß. Lerne kochen und ausbeffern und so weiter."
Großchen Jutta blickte überlegen. „Na, glaubst du etwa, Gretel hätte sich bisher um die Dinge nicht gekümmert? Unsere Gretel war fchon tüchtig bei der Köchin in der Lehre und schneidern kann sie als eine, die es für Geld tut. Die Christel Lehnert aus dem Städtchen hat ihr das beiqe- bracht."
Großchen Leonore mischte sich ein, sie war etwas verstimmt.
„Was ist denn das nur für ein törichtes Ge- fpräcf) am Heiligabend? Gretel wird heiraten, wie wir geheiratet haben, dann hat sie ihren natürlichen Berus gefunden."
Sie dachte dabei an Rudolf Hammerschmied, der nach ihrer Ansicht ganz ausgezeichnet zu Gretel paßte.
Hans fragte fast gedankenlos: „Wenn du dir einen Beruf wählen dürftest, welchen würdest du dir dann aussuchen?"
Ohne erst überlegen zu müssen, antwortete die Gefragte: ,Lch würde gern Krankenpflegerin werden."
Die Antwort löste doch Erstaunen aus, und Gräfin Jutta fragte kopfschüttelnd: „Wie kommst du nur darauf? Du gingst doch von je allem, was mit Krankheiten zusammenhing, in weitem Bogen aus dem Wege."
„Ich stelle es mir schön und befriedigend vor, kranken Menschen beizustehen, ihnen die Krankheit erträglicher zu machen. Ich denke dabei an Schwester Helene, Dr. Diendorfs Assistentin. Wie war die so gut zu mir. An ihr hat Dr. Diendorf eine wundervolle zuverlässige Hilfe. So eine wie sie möchte ich sein."
(Fortsetzung folgtI)


