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Hr. 251 Zweiter Blatt

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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhesfe:,-

Samstag, 25 Oktober 1955

Zur Woche des deutschen Buches.

Das Such a'S «affe de« Geistes

Äon Wi de m von Scholz.

Dem Manne Buch und Schwert!"

Der große Vorläufer Goethes, Johann Chri­stian Gunther, hat dieses Wort geprägt, das dem Buche seine Stelle im gleichen Range mit der ur­alte n Waffe des freien Mannes, dem Schwerte, anweist, und gibt ihm damit feinen ihm gebühren­den Platz. Es klingt freilich, als ob der Dichter vor allem an das kämpferische, kriegerische Buch gedacht hätte, an das schwertscharfe Buch, das in der neueren Geschichte oft eine gefährliche Waffe ge­wesen ist.

Aber ich glaube nicht, daß Günther sein Wort so gemeint hat. Er hat wohl eher daran gedacht, daß das Buch die große umfassende Ergänzung des Schwertes und daß es ein ebenso gültiges S nn- zeichsn des Mannes ist wie das Schwert, ja viel­leicht ein noch bedeutsameres!

Es ist der Träger all unseres geistigen Lebens. Es ist nicht nur das unbeirrbare G"dächtnis des einzelnen und der Menschheit: es ist, indem es aus dem Vorstellurms- und Gedankenwogen im Geiste des Menschen Gebilde und Gestaltungen ablöst, un­verrückbar festhält und dem Geiste sachlich klar gegenüberstellt, geradezu die Ermöglichung geistigen Lebens; fast: das lebensnotwendigste Organ des Geistes!

Das Buch das wir zwischen seinen Deckeln so selbstverständlich in der Hand halten, ist eine der ältesten und zugleich künstlichsten Erfindungen des Mmschen. Ich meine nicht die Buchform obwohl auch sie ehrwürdig ist und in der Art des geschützten Zusammenhaltens der Blätter aus leichtestem ge- fährdststem Stoff, die allein die unendliche Fläche für die Fülle und Vielfalt des Geistes bieten, ein Erzeugnis schöpferischer Erfindungsgabe ist. Ich meine die unerhörte grandiose Leistung des Men­schengehirns neben der alle Maschinen, Rundfunk und Kinematographie fast bedeutungslos werden im Buche den Weg zu finden, die Weite und den Reichtum der Welt, alles, was die Augen sehen, die Ohren hören, die Sinne aufnehmen, ja was das Herz fühlt und der Verstand denkt, gültig festzu­halten, es in gleicher Zeit vielen Tausenden in un­veränderlicher Gleichheit und über Zeiträume von Jahrhunderten hin zum mindesten im wesentlichen G ' alt zu vermitteln.

Das Buch ist geschaffen aus den zwei größten menschlichen Erfindungen: zuerst der Sprache und sodann der Schrift, die wieder ihrerseits erst die volle Entwicklung und Ausbildung der Sprache er» möalichte!

Ich will hier nicht auf die Entstehung der Sprache zurückgehen. Dtzohl aber möchte ich, daß wir die wir alle Angehörige eines technischen, das Technische am meisten bewundernden und wohl auch bewerten­den Zeitalters sind und klarmachen, welche groß­artige Schöpfung die Erfindung der Schrift war, an der durch die Jahrtausende unzählige technische Genies weitergearbeitet haben, bis sie zu der Vol­lendung gedieh, in der sie uns heute /zur Verfügung st'bt.

Wir dürfen nie vergessen: urtümliches Sprechen war ein fließendes Band von Gefühls- und Nach- ahmelauten in schwimmenden Uebergängen, in wel« ch-n erst sehr allmählich sich wiederholende Klang­stücke als Worte erkennbar, abtrennbar, heraus­lösbar wurden. Aber die Urahnen der Wörter in grauen Vorzeiten waren ohne jed->n Zweifel in ihrem Lautfluß so schwankende, noch unfeste, noch wolkige Gebilde, wie es uns die gesprochenen Worte einer uns durchaus fremden Sprache etwa des Japanischen, Chinesischen oder auch nur des Unga­rischen, des Finnischen sind. Wenn wir einem selbst langsam sprechenden Asiaten nur insoweit mit dem Dhr zu folgen versuchen, daß wir lautliche Wortbilder aufnehmen wollen, so stehen wir hilf­los einem Tonfließ-m gegenüber, in welchem kein Vokal und kein Konsonant deutlich herauszuscheiden ist: von dem wir kaum das kleinste Stück festzuhal- ten vermöge^.

Und nun ermessen wir die geniale Tat der Menlchheitsahnen, die es vermochten, aus solchem Tonfließen immer mehr sich wiederholender klein- ster S'ücke herauszuhören und als Einzelsprach­laute zu bezeichnen, bis es in diesem zusammen­hängenden Band Sprache keine Stelle mehr gab, die sie nicht bezeichnet hatten so daß sie nun mit den Einzellauten, die sie unverlierbar erkannt hatten und besaßen, den Buchstaben, das ganze Band fließender Sprache auflösen und wieder zu­sammensetzen konnten.

Mit dieser genialen Tat erst wurde bte Schrift möglich. Was 'folgte, war ein sehr viel einfacherer Akt in der Entwickelung: daß man den Einzellauten bestimmte verabredete Zeichen zuwies, mit denen man sie auf dem Papyros, dem Pergament, dem Papier, festhielt. Run hatte man die Lautwelt des

Ohrs in das viel sichere und beherrschbarere Gebiet des Auges hinübergenommm. Run konnte das Auge auch Klang aufnehmen. Und wenn wir heute still für uns ein lyrisches Gedicht lesen, so klingt lautlos in unserem Geist die Seite so schön und so in ihrem Ablauf bestimmt, wie eine Grammo­phonplatte nicht richtiger und nicht schöner klingen kann.

Ich möchte, daß wir uns alle klarmachen: die Er­findung der Schrift war viel mehr Erfindung und viel mehr Technik als selbst die der Schreibmaschine oder Sprechapparate. Rur wegen der über der Schrifterfindung liegenden Patina von Jahrtausen­den ist es uns nicht mehr bewußt

Der Schritte, die von der Schaffung der Schrift noch nötig waren bis zum gedruckten Buch, das wir in der Hand halten, sind keine so entscheiden­

den mehr wie die vorangehenden. Und vor allem: sie sind nicht* so aus unserem Bewußtsein geschwun­den, nicht so zum Selbstverständlichen und damit Vergessenen geworden, daß es nötig märe, an sie zu erinnern. Aber bis zur Erfindung der Schrift hat die Menschheit den größten stolzesten Weg zurückgelegt.

Wenn wir jetzt in die Woche des deutschen Buches eintreten, so müssen wir uns bewußt sein, daß wir einem llrtum der Menschheit gegen» uberfteljLn, das unsere höchste Achtung verdient, das unser Volk auf seine große herrliche Weise ausge­bildet und entwickelt hat: als das Schwert fried­licher geistiger Eroberung! Fördern wir das wert­volle deutslye Buch, so daß es leichtere Lebensbe­dingungen erhält und gedeihen kann, so dienen wir unserem Volke in der Welt?

Sichmng in Landschaften.

Goethes Reise-, Zerstreuungs- und Trostbüchlein. 36 Handzeichnungen. Aus- gewahlt und herausgegebm von Hans Wahl. In Pappband (Stammbuch-Querformat) mit Schuber. 4 Mark. Im Insel-Verlag zu Leipzig. (266.) Auf dem Titelblatt liest man in der faksimilierten Handschrift des Dichters: Reise-, Zerstreuungs- und Trost-Büchlein vom September 1806 bis dahin 1807 Jhro Der Prinzeß Caroline von Weimar Durchl. unterthänigst gewidmet von Goethe. Der bekannte Goethesorscher Hans Wahl berichtet im Nachwort, wie das ebenso zierliche wie merkwür­dige Büchelchcn vor mehreren Jahren erst entdeckt wurde, auf Grund eines Hinweises, der sich in einem aus dem Nachlaß des Dichters veröffent­lichten Gedicht fand: es wendet sich an die damals 21jährige Tochter des Herzogs Carl August, die Prinzessin Caroline von Sachsen-Weimar, und ist am 17. Januar 1807 entstanden. Fast ein Jahr­hundert lang blieb das Stammbuch verschollen: jetzt, da es wieder aufgetaucht ist, scheint es uns freilich um seiner selbst willen wichtiger als wegen der kuriosen Entstehungsgeschichte und seiner Emp­fängerin. Dieses Stammbuch,eigentlich fürnen Studenten bestimmt", entstand in einer schweren, erregten, kriegerischen Zeit und ist, wie Wahl sich ausdrückt, eine wiedergefundene Dichtung Goethes

in Landschaften. In der Tat,fein Klang der auf­geregten Zeit" ist auf diesen Blättern eingefangen, welche die selbst malende und zeichnende Prinzessin in ihrer Kunst ermuntern sollten: freilich bemerkt der Herausgeber, sicher mit Recht, daß dieTrö­stung" nicht nur die Richtung auf die Beschenkte, sondern auch ihren Quellstrom im Herzen Goethes hatte. Wir blättern in dem kleinen Buche mit Staunen und mit Bewunderung: nahezu vierzig Landschaften, deutsche und südliche, einfache und ideale, manche von ihnen mit leichten und krä'tigen Farben getönt, Baum und Berg, Meer und Wald, viel architektonische Motive, sparsame figürliche S^^aa" ein0 stille, inner-* 1, stlbsta-'schastr'ne Welt, tröstlich inmitten einer trüben und harten Gegenwart Und c.n Zeugnis auch der genialen uno umfassenden Persönlichkeit Goethes, Zeugnis einer künstlerischen Begabung, von der uns gemeinhin nur flüchtige und ara'beskenhaften Spuren gegen­wärtig find. Der Insel-Verlag hat sich des seltenen Fundes mit bibliophiler Sorgfalt und Liebe ange­nommen; das entzückende Bändchen verdient in Deutschland bekannt zu werden und sei mit Nach- druck empfohlen als ein ein überaus reizvolles und anmutiges Geschenk nicht nur für Goethekenner, Kunsthistoriker und Philologen.y

Geschichte der sranMchei« Kation.

Charles Seignobos: Geschichte der französischen Nation. Verlag R. Ost benbourg, München 1, Preis geb. 9,50 Mk. (296) Wir sind gewohnt, die Geschichte fremder Völker in erster Linie in Hinsicht auf ihre Verflech­tung in das europäische Gesamtschicksal zu betrach­ten und sind geneigt, dabei einen Wertmaßstab an­zulegen, der unserem deutschen Gesichtswinkel ent­spricht. In besonderem Maße gilt dies natürlich für Deutschland und Frankreich, deren politische Ge­schichte zumindest in der Zeit der Sonderung euro­päischer Nationen aus dem Schmelztiegel der Völ­kerwanderung und dann wieder in den letzten vier Jahrhunderten sich so ineinander verzahnt hat, daß für deutsche Betrachter eine Darstellung der fran­zösischen Geschichte ohne diese ständige Beziehung auf das parallele deutsche Schicksal kaum zu denken ist. Aber so wesentlich nun auch namentlich vom gesamteuropäischen Gesichtspunkt aus das deutsch- französische Verhältnis ist, für die Nationalgeschichte Frankreichs ist es doch nur eine Seite, die von vielen anderen Blickpunkten aus ergänzt werden muß zu jenem Gesamtbild, in dem das französische Volk selber sein Werden als Nation sieht. Es ist deshalb ein dankenswerter Versuch des um die Ge­schichtswissenschaft verdienten Verlages R. Olden- bourg, dem deutschen Leser durch eine Übersetzung den Weg zu einem Werk der französischen Ge­schichtsschreibung geebnet zu haben, dessen 23 Auf­lagen davon zeugen, wie sehr es geistiger Besitz des eigenen Volkes geworden ist. Der Verfasser, der be­rühmte Historiker der Pariser Sorbonne, hat durch seine schon Jahre vor dem Kriege erschienenePo­litische Geschichte des modernen Europa" den Be­weis erbracht, daß ihm die europäischen Zusam­menhänge bewußt sind. Hier aber will er nichts als eine Entwicklungsgeschichte des französischen Volkes, und er schiebt daher rücksichtslos alles das beiseite, was nach feiner Auffassung nichts dazu beigetra­gen hat, das Bild des heutigen Frankreich zu for­men. Die unter dieser Voraussetzung gegebene Dar­stellung bietet eine Fülle von Ueberraschungen. Seignobos zeigt, was an den Grundlagen der fran­zösischen Nation französischen Ursprungs ist, was aus einer Nachahmung des Auslandes hervorge­gangen ist. Er gibt für das, was ihm die wesent­lichsten Triebquellen und Kräfte im politischen und sozialen Wirken des Franzosen zu sein dünkt, das

geschichtliche Ursprungszeugnis und läßt daraus vor unfern Augen ein Bild entstehen, das sich von den gewohnten beträchtlich unterscheidet. Wir finden nicht die Übliche lückenlose Darstellung der politischen Ereignisse mit eingefügten Betrachtungen über die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte her, einzelnen Epochen. Es ist immer nur das berücksichtigt, was im Gesicht des heutigen Frankreich seine Spuren zurückgelassen hat. Eine Fülle von neuen Gesichts­punkten. Anrecwrm'm und Erkenntnstsen bieten sich auf den knapp 350 Seiten dieses Buches. Mit manch übernommener Auflassung wird gebrochen. Manche These, die zum eisernen Bestand der politischen Ge­schichtsschreibung gehörte, wird mit Freimut als unhaltbar verworfen (z. B. die Theorie dernatür­lichen Grenzen" Frankreichs). Manche ketzerische Meinung wird mit auten Gründen verteidigt (z. B. über die rassische Mischung der Bevölkerung Frank­reichs, über das persönliche Werk Ludwigs XIV., über die Vorgeschichte der großen Revolution, über das Verhältnis des Volkes zu Philosophie, Lite­ratur und Kunst). Im einzelnen wird eine beson­ders ausführliche Darstellung dem Wandel der religiösen Auffassungen und ihrer Einwirkung auf das politische Geschehen und die gesellschaftliche Struktur gewidmet. Der (Sabinismus und die Re­ligionskriege erfahren eine überaus fesselnde Dar­stellung. Für die früheren Epochen wird auf eine lebendige Schilderung der wirtschaftlichen und sozia­len Verhältnisse besonderer Wert aelent. lleb-rall spüren wir die sorgsam sichtende Hand des Mei­sters, der von dem selbstgewählten Standpunkt aus der Fülle seines Wissens mit äußerster Konzen­tration dem von ihm entworfenen Geschichtsbilde die Lichter aufsetzt, die die großen Zusammenhänge er­hellen. ohne 'durch Ueberblenbmg von Einzelheiten vom Ganzen abzulenken. Die Schlußbetrachtung zergt noch einmal diese Kunst der Konzentration in ge­radezu klassischer Weise. Was hier auf acht Seiten gesagt wurde, ist tatsächlich alles Wesentliche aus der Summe der Erkenntnisse auf die große Lime gerückt, die diese Entwicklungsgeschichte des fran­zösischen Volkes uns deutlich macht. Noch ein Wunsch an den Verlag: Bei der Art der Darstellung würde die Beigabe einer Zeittafel dem deutschen Leser, der keine politische Geschichte Frankreichs zur Hand hat, manche Mühe ersparen.e-

DeuWe Erzähler.

Wilhelm Schäfer: D i e unterbro­chene Rheinfahrt. Erzählung. Biegsam ge­bunden 2,50 RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München, 1935. (372) In dieser kunstvollen Novelle erzählt Wilhelm Schäfer von einem wohlbehüteten jungen Menschen, der die ent­scheidende Kraft- und Bewährungsprobe feiner Ju- gmd besteht, indem er aus einer bedrohlichen Ge­fühlsverwirrung den Weg findet zur klaren Erkennt­nis seines Wesens und zur Lösung seiner sittlichen Ausgaben. Dieses Erwachen eines Menschen aus dem träumerischen Dasein des Jünglings zur wirk­lichen Welt des Mannestums vollzieht sich mit einer tiefen schicksalhaften Notwendigkeit. Ein junger, un­erfahrener Student entflieht auf der Fahrt zur Universität seinem Hauslehrer, dessen Aufsicht ihm lästig geworden ist, weil er sich von ihm in seiner Freiheit behindert glaubt. Wie er nun durch eine selsame Verkettung von unvorhergesehenen erregen­den Abenteuern im Zeitraum weniger Tage seiner Einsamkeit entrissen wird und das große Geheim­nis derLebens- und Weltangehörigkeit" zu ahnen beginnt das weiß Wilhelm Schäfer mit der rei­fen Sicherheit des Gestaltens und mit klarem Ein­blick in die inneren Zusammenhänge des Lebens zu einem spannenden und gleichwohl erschütternden Erlebnis zu machen. Die Eroberung der Wirklichkeit mit ihrem Geheimnis der Liebesverflechtung und ihren Wundern und Schrecken von Zeugung und

Tod offenbart ihm mit einem Male die Grenzen des Ich und öffnet ihm die Sinne für den all­gegenwärtigen Gott, dessen Walten er in den schein­baren Zufälligkeiten wie niemals zuvor an sich sel­ber verspürt. Er hat sich nun durchgerungen zu öen Wahrheiten der wirklichen Welt und wächst hinein in eine reine, geläuterte Menschlichkeit. Wil­helm Schäfer schuf mit dieser Novelle ein vollende­tes Meisterwerk herrlicher Erzählungskunst. Be­wundernswert ist die adlige Kunst der Sprache, die die kaum übersehbare Fülle der Vorgänge zu einer anschaulichen Entfaltung verklart zu einem hohen und bleibenden Sinnbild des menschlichen Daseins.

W i 1 h e l m S ch m i d t b o n n : An einem (Strom geboren. Ein Lebensbuch. 400 Seiten. Rütten & Loening Verlag, Frankfurt a. M., 1935 _ (E) Wilhelm Schmidtbonn, Mitglied der Deutschen Dichterakademie, vollendet in diesem 2ßin4r das 60. Lebensjahr. Am 6. Februar 1876 wurde er eigentlich Wilhelm Schmidt, in Bonn am Rhein geboren, am Rhein, das scheint ihm selbst so wesentlich, daß er den Namen des Buches, in dem er rückschauend sein Leben überblickte und darstellte, von dem Strom herleitete, der ihm Heimat be­deutet und wohl zum Sinnbild seines irdischen We­sens und Trachtens geworden ist. Das Buch glie­dert sich beginnend mit derJugend am Rhein", in zehn 'große Kapitel, die jeweils einen wichtigen °ebensraum und Z-itabfchniC i'ws"ann?n. in fick aber wied^um in k'rin; Kapitclchen

untergeteilt sind, so daß, alles in allem, der reizvolle Eindruck einer Lcbensgeschichte in Mosaikmalerei entsteht; dadurch unterscheidet sich das Buch von andern, ähnlichen, nicht nur der äußeren Form nach, sondern es wird auch entschieden leichter und lockerer lesbar. Die Erzählung wirkt so recht unmit­telbar lebendig, ob Schmidtbonn nun dieBal­lade vom glücklichen Vater" singt, ob er ein rhei­nisches Gemüseweib oder den rheinischen Karneval beschreibt, ob er ein kleines französisches Ladenmäd­chen oder seinen tiefsten Eindruck im Kriege schildert, ob er eine nächtliche Szene in Wien oder ein Erleb­nis vor dem Frankfurter Goethehause erzählt. So zieht eine Fülle von Szenen und Bildern, von Ge­sichtern, Gestalten und Landschaften am Leser vor­über, und Steinchen um Steinchen fügt fid) alles zusammen zum Roman eines Lebens, zur Chro­nik eines Menschen und Dichters, am Strom ge­boren der Mitte und Sinnbild stines Daseins wurde und blieb. Es wird unsere Leser interessie­ren daß ein Kapitel in allernächster Nähe spielt, in einem Gießener Buchladen nämlich, und em an­deres in Heuchelheim. (Die Schreibung des Orts­namens sollte in der nächsten Auflage berichtigt werden.) Und wenn das Bstd des eigentlichen Helden oft genug hinter anderen Bildern, Gesichtern und Gestalten zurücktritt, so bleibt es doch immer dabei gegenwärtig, und Temperament und Charak­ter des Dichters spiegeln sich in seinem Verhältnis zu der umgebenden Welt so deutlich wre in der un-

. mittelbaren Darstellung seiner selbst. .y

Gin Reister der Staatskunst.

Duff Cooper: Talleyrand, aus dem Englischen übertragen von Karl Lerbs, mit fünf Bildtafeln. Preis gebunden 7,50 Mark. Im Insel- Verlag, Leipzig. (308) Charles Seignobos, der Historiker der Pariser Sorbonne, hat behauptet, die große französische Revolution sei von Durch­schnittsmenschen gemacht worden, die erst unter dem Druck der an sie gestellten Anforderungen sich zu Taten aufrafften, die keineswegs in ihrem Plan lagen und oft genug ihren Grundsätzen zuwider» Ile.en. Die Behauptung dürfte im allgemeinen zu­treffen und die Ursache dafür fein, daß aus der Fülle der Erscheinungen dieser Zeit fo wenige Por­träts unser geistiger Besitz geworden und auch ge­blieben sind. Aber hier liegen auf der anderen Seite auch die Gründe für das außerordentliche Interesse, das Talleyrand zu allen Zeiten und bei allen Völkern gefunden hat. Der Mann, dessen schillernde Persönlichkeit und seltsame Lebenskurve den Ver­dacht höchster Grundsatzlosigkeit rechtfertigen wür­den, hat tatsächlich zu den Wenigen gehört, die mit einem bestimmten Plan die Schwelle der Re­volution durchschritten und die es mag auf den ersten Blick hin seltsam genug klingen ihren Grundsätzen treu geblieben sind, mochte die Welt um sie herum sich noch so sehr wandeln. Diele These stellt Duff Cooper, dessen ungemein kultivierter Feder und feinstem historischen Verständnis wir das neueste Lebensbild dieses seltenen Mannes verdan­ken, in den Brennpunkt seines Porträts und weiß sie an Hand zahlreicher, seiner sehr fließenden und kurzweiligen Erzählung eingeflochtener Berichte von Zeitgenossen durchaus glaubwürdig zu bemci'en. Der Verfasser hat die unvergleichliche pol' che Schule durchlaufen, in der England seine künftigen Staatsmänner heranbildet. Sie wird ihm auch die Fähigkeit vermittelt haben, das Portät dieses Mei­sters der Staatskunst in den feinsten Strichen rwch- zuzeichnen und es in die wirbelnde Welt feiner Zeit richtig hineinzustellen. Charles Maurice de Talley- rand-Pörigord erhielt vom Schicksal die Laufbahn bestimmt, die nun einmal nach den Anschauungen des 18. Jahrhunderts für einen oerfrünpelten Kna­ben aus großem Haufe, der weder Offizier noch Hofmann werden konnte, die einzig mögliche war: er wurde Priester. Auf feinem Sterbebett wird er einmal als Entschuldigung für fein sehr ungeistlickes Leben in einem Brief an den Papst schreiben:Die Ehrfurcht, die ich den Urhebern meines Lebens schulde, verbietet mir nicht, zu sagen, daß meine ganze Jugend einem Berufe gewidmet war, für den ick nicht a-'boren bin". Immerhin wurde er bald Bischof, und nur Intrigen hinderten ihn, nach dem Kardinalshut zu greifen. Für das Unbefriedigende feines Berufes entschädigte er sich durch hemmungs­loses Sickausleben, das selbst für fein nicht gerade vrüdes Zeitalter ungewöhnlich gewesen sein muß. Wie viele junge Leute der großen Welt, infiziert von den Gedanken Rousseaus und Voltaires, ver­lockt von sich bietenden Möglichkeiten jenseits der überlieferten Bahn zu Einfluß zu kommen, bekannte sich auch der Bischof von Autun zu einer liberalen und fortschrittlichen Politik, als die Zeit dafür reifte. Wir sagten schon, daß Talleyrand mit sehr be- stimmten Vorstellungen über die Alt her Staats- und Gesellschaftsreform die politische Bühne betrat, ^allmrand beschränkte sich bereits in feiner ersten Denkschrift an die Geistlichen seiner Diözese auf das Zweckmäßige und ließ allen rührseligen Schwulst fort, der die politische Literatur dieser Jahre be­herrscht. Sehr modern und zugleich äußerst gemäßigt wirken seine Reformvorschläge und gerade diese weise Selbstbeschränkung erlaubt ihm, seine wesent­lichen politischen Grundsätze durch alle Wandlungen des Regimes als richtig zu erproben. Die äußeren Stationen seiner Lebenskurve sind bekannt. Sie um« fnannen von der Krönung Ludwigs XVI. bis zur Regierung des Bürgerkönigs ^Louis Philippe acht Jahrzehnte europäischer Geschichte, die auf allen Gebieten menschlichen Seins eine ungeheure Um­wälzung bedeutet haben. Es wollte schon etwas heißen, ein politisches Glaubensbekenntnis zu be­sitzen, das sich allen Stürmen gewachsen zeigte. Viel­leicht ist es mehr noch diese Selbstsicherheit und Grundsatztreue, als die meist über Gebühr heraus» gestellte Wandlungsfähigkeit des gewiß äußerst ge­schmeidigen aber auch ebenso im Ziel unerschütter­lichen Staatsmannes, die ihm einen so überragen- den Einfluß und so große Erfolge sicherten. Coaver stellt als die Leitlinie seiner innerpolitischen Auf­fassung die Vorliebe für die konstitutionelle Mon­archie heraus, die er namentlich nach dem Sturz Napoleons gegen die autokratischen Neigungen der Bourbonen zu verteidigen hatte. Außenvolitisch be­herrschte ihn noch Coopers durchaus glaubhafter und durch zeitgenössische Quellen erhärteten Darstellung der Wunsch nach einer Befriedung Europas durch enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Eng»

Werner Beumelburg: Preußische Novelle. Gerhard Stelling Verlag, Oldenburg

i. O./Berlin. Ganzleinen 2,80 Mk. (319) Wer­ner von Romin, Fähnrich im Regiment seines Va­ters, handelt in der Schlacht von Torgau dem Be­fehl feines Vaters entgegen und bringt dadurch das Regiment in größte Gefahr. Das Kriegsgericht ver- urteilte ihn zürn Tode. Der Oberst unterläßt es, em Gnadengesuch zu unterschreiben. Der König, in aus­sichtsloser Lage seinen Feinden gegenüber, verwirft das Urteil. Bei dem Ueberfall des Generals Laudon auf die Festung Schweidnitz, dessen Erfolg die, Lage des Königs verzweifelt macht, läßt der Oberst von Romin, dem ausdrücklichen Befehl des Königs zu­wider, um dem König nach dem sicheren Verlust der Festung wenigstens eines seiner besten Regimenter zu retten, das Regiment die brennende Festung ver­lassen und zu Friedrich durchbrechen. Ein Nachhut­trupp des Regiments deckt den Rückzug und wird im Morgengrauen von Panduren, Kosaken und Kroaten bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. Sein Führer ist der Leutnant Werner von Romin. Das knappe und gestraffte Gerippe dieser Erzäh­lung fült Beumelburg im Sinne der klassischen No­velle mit schicksalhaften Gestalten. Es erstehen, mit sparsamsten Mitteln gezeichnet, das Schlachtgemäwe von Torgau, das bittere Winterquartier von Leip- zig und die Tage von Bunzelwitz und Schweidnitz, ha des Königs Stflrn am tiefsten gesunken, fein Genius aber am höchsten leuchtete.