Landesbauernschast Hessen-Nassau hat deshalb beim Landesverband des Kolonialwaren-, Feinkost- und Lebensmittel-Einzelhandels (Rekofei) für das rhein- «ainische Wirtschaftsgebiet beantragt, daß die Lebensmittelpreise ausschließlich je Pfund angegeben werben. Der Rekofei hat diesem Antrag entsprechend, die ihm angeschlossenen Geschäfte aufgefordert, die Preisauszeichnungen nur je Pfund vorzunehmen. Die Landesbauernschaft erwartet, daß dies in Zukunft in allen Geschäften so gehandhabt wird.
Gehörlose sprechen tm Rundfunk.
Nachdem auf dem Reichsbundestag des Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands zu Pfingsten in Frankfurt zum erstenmal gehörlose Volksgenossen im Rundfunk zu Worte kamen, wird am heutigen Montag, 26. Ernting, über den Reichssender Leipzig (Nebensender Dresden) wieder ein Gehörloser im Rundfunk sprechen. Es spricht Heinz Walter (Dresden) über „Die internationalen Taubstummenspiele 1935 in London". Übertragung von 18 bis 18.10 Uhr.
Willy-Reichert-Gastspiel in der Volkshalle.
Line große „krafl-durch-Freude".Veranslaliung.
Tausende von Volksgenossen folgten der Einladung zum Willy-Reichert-Abend der N S.- G e - mein schäft „Kraft durch Freude" in der Dolkshalle — kamen und wurden nicht enttäuscht. Der Abend brachte für drei Stunden prächtige Unterhaltung, ließ herzlich lachen und sehr befriedigt nach Hause kehren. Das abwechslungsreiche Programm, der feine volkstümliche Humor, den Reichert zu geben wußte, die Fülle wertvoller und origineller künstlerischer Darbietungen ließen die Veranstaltung zu einem großen Erfolg werden. Die Künstler der kleinen Truppe gaben sich alle Mühe. Die etwa 3000 Zuschauer geizten nicht mit dem Beifall. Noch selten wurde in der Volkshalle so viel und so herzlich gelacht, wie am Samstagabend.
Mit einer kleinen hübschen Vorrede sagte zunächst Oscar Heiler seinen bekannten Kollegen Reichert an, der denn auch bald vor dem Vorhang erschien und mit seinen lustigen Betrachtungen über seine Person im Verhältnis zum Publikum und umgekehrt sofort eine enge Verbindung zu den Zuhörern herstellte. Sehr treffend und von starker Wirkung waren seine Definitionen der Begriffe „Stimmung" und „Humor", in denen er einen feinen satirischen Unterton nicht fehlen ließ. In seinen weiteren so völlig zwanglos erscheinenden Meditationen schilderte er seine Umwelt, die Verheirateten und die Unverheirateten, und dann die verchiedenen Zeitgenossen, soweit sie sich angenehm oder unangenehm bemerkbar machen. Selbstverständlich zog er auch etliche Parallelen von „Früher" zu „Heute" und sicherte sich mit einer Parodie auf Tanzstunden-Gepflogenheiten besonderen Beifall. Eine noch stärkere eigene Wirkung erreichte der Humorist aber mit seinen Rezitationen schwäbischen Humors. Er brachte hier manchen kleinen Scherz, so unmittelbar und wahrhaftig dem Leben abgelauscht, Humor, so weitab allem Possen- reißertum, daß man es nur bedauern konnte, nicht mehr dieser Art gehört zu haben. Zum Schluß sang er noch in sehr lebendigem Vortrag einige kleine Volkslied-Scherze, die ihm stürmischen Beifall ein- brachten. Willy Reichert zeigte sich ferner in einer komischen Szene, in einem dramatischen Zwiegespräch als „Pfleiderer", der sich mit dem „Häberle" (Oscar Heiler) über die Genfer Friedenskonferenz unterhält. Schließlich hatte er sich als stummer Arzt gegen eine ungeheuer zungenfertige Patientin (Elisabeth Amann) zu behaupten. Es erübrigt sich fast, hinzuzufügen, daß der Künstler alle seine Darbietungen mimisch glänzend zu unterstützen wußte und deren Wirkung damit erheblich vertiefte. Besonders erfreulich war es, dabei beobachten zu können, daß Reichert gar nicht als das erschien, was man den Routinier nennt, sondern immer als der lebhaft fühlende Mensch, der seine Mitmenschen mit der versöhnlichen Brille des Humors betrachtet und beurteilt.
Dm Programm des Abends lernte man dann noch verschiedene andere Künstlerinnen und Künstler kennen, die zum Teil mit außerordentlichen Darbietungen aufwarteten. Dor allem bewunderte man den Akkordeonspieler B o b u l a , der mit einer ganz erstaunlichen technischen Fertigkeit und in einer starken persönlichen Auffassung die Ouvertüre zu „Wenn ich ein König wär'", einen Marsch, das Intermezzo „Auf einem persischen Markt" und den Galopp „Zirkus Ren/" wiedergab. Lydia Wieser von der Scala in Berlin zeigte zunächst in einem siamesischen Tempeltanz ihr großes Können und bewies gleichzeitig, daß sie sich ernsthaft darum bemühte, den Charakter des schwierigen exotischen Kulttanzes zu erfassen und auszudrücken. Anhaltender verdienter Beifall dankte der Künstlerin. Eine originelle schottische Groteske gefiel ebenfalls sehr gut. Die Kardoschsänger beschlossen das Rahmenprogramm.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag. NSG. „Kraft durch Freude": 18 bis 20 Uhr: Tennis auf den städtischen Tennisplätzen am Schützenhaus; 21 bis 22 Uhr: Reiten, Reitschule Schörnbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es gibt nur eine Hiebe".
** Reichsluftschutzbund • Lotterte, Ziehung 27. Juli. Verschiedene Anfragen aus der Bevölkerung geben Veranlassung, nochmals darauf hinzuweisen, daß die Gewinnlisten in der Geschäftsstelle der Ortsgruppe Gießen des Reichsluftschutzbundes, Lindenplatz 1, 1. Stock (Eingang Kirchenplatz) sowie bei den Revier- und Unter» aruppensührern eingesehen werden können. Letzter Termin zur Einlösung der Gewinne ist der 27. Oktober 1935.
** Versendung von Warenproben nach Dänemark. Nach Dänemark dürfen zur Gebühr für Warenproben nur solche Gegenstände versandt werden, die wirklich dazu bestimmt sind, als Probe bei der Einleitung von Geschäften au dienen. Solche Proben können auch zollpflichtig fein. Sendungen, deren Inhalt angekaufte oder verkaufte Ware darstellt, sind von der Beförderung als Warenproben ausgeschlossen und werden, wenn sie trotzdem vorkommen, in Dänemark mit der Nach- aebühr für unzureichend freigemachte Päckchen belegt. Für Tuben mit Serum ober Impfstoffen, die amtlich anerkannte Laboratorien oder Anstalten zum gemeinen Nutzen verschicken, gilt diese Beschränkung nicht.
Leichtathletik: Deutschland-Finnland.
Suomis Sieg. — Vier deutsche Rekorde.
Beim Leichtathletik-Länderkampf Finnland gegen Deutschland holten am Samstag, dem ersten Wettkampftag, die Finnen aus neun von insgesamt 19 Uebungen einen Vorsprung von 52,5 zu 43,5 Punkten heraus. Besonders in den technischen Uebungen gab es für Deutschland einige herbe Enttäuschungen. So gingen uns sowohl das Diskuswerfen als auch der Stabhochsprung verloren, lieber 100 Meter und 400 Meter Hürden gab es deutsche Doppelsiege; die Finnen stellten im 10 000-Meter-Laufen, Hammerwerfen und Dreisprung die beiden Ersten. Auch die 800 Meter wurden von Finnland gewonnen, während sich Deutschland die 4 X 100-Meter-Staffel ganz überlegen sicherte. Nach den Ergebnissen des ersten Tages — es gab übrigens durch Blask im Hammerwerfen mit 50,44 Meter und durch Haag über 10 000 Meter in 30:00.7 Minuten zwei neue deutsche Be st lei st ungen — konnten nur „unvorhergesehene" Punktgewinne einen deutschen Gesamterfolg ermöglichen.
Der Leichtathletik-Länderkampf endete am Sonntag in Helsingfors mit einem knappen Sieg der Finnen mit 103,5 :99,5 Punkten. Die Deutschen holten am zweiten Tage zwar fünf Punkte auf, sie konnten aber trotz einiger Prachtleistungen den allzu großen Vorsprung der Finnen nicht mehr ganz wettmachen. Zwei deutsche Rekorde gab es aber auch am Sonntag: Stöck warf den Speer 74,30 Meter weit und W ö l l k e kam im Kugelstoßen auf 16,15 Meter. Bis auf den Hochsprung, wo Regen unsere Leute beeinträchtigte, gab es im großen und ganzen die erwarteten Ergebnisse. — Ueber den Verlauf der Wettkämpfe berichten wir noch ausführlich.
Zweiter deutscher Leichtathletik- Frauensieg gegen polen.
Deutschlands Leichtathletinnen siegen.
Zum zweiten Male standen sich am Sonntag die Leichtathletinnen von Deutschland und Polen in einem Länderkampf gegenüber, der vor 12 000 Zuschauern im Dresdener Ostragehege stattfand. Ging der erste Kampf im vergangenen Jahre in Warschau mit einem deutschen Sieg von 63:35 Punkten au Ende, so blieben die deutschen Vertreterinnen Diesmal mit 60,5:38,5 Punkten erfolgreich. Es gab
eine Reihe recht guter Leistungen, so den neuen Diskus-Weltrekord von Gisela Mauer- meyer mit 47,12 Meter, mit dem Die Münchnerin ihre jetzt erst anerkannte Höchstleistung vom Juni d. I. übertraf. Außerdem brachte der Kampf zwei polnische Rekorde, und zwar durch Frl. Kwasniewska im Speerwerfen mit 41,38 Meter und durch Frl. Freiwald im 80-Meter-Hürden- lauf mit 12,2 Sekunden.
Von den neun Wettbewerben des Tages wurden sechs von den deutschen Vertreterinnen gewonnen, viermal belegten sie Die beiden ersten Platze.
Aordheffen— Bayern 2:0 (0:0).
Die Bayern-Elf kam in dieser vor 3000 Zuschauern zum Austrag gelangten Repräsentativ-Be- gegnung zu einer Niederlage. Die erste Halbzeit stand fast völlig im Zeichen von schönen, stets wohl- durchdachten Angriffen der bayerischen Mannschaft, die Mehrzahl derselben scheiterte aber an dem hervorragenden Können des Hanauer Torhüters Sonnrein, der sich selbst übertraf. Eine uneinheitliche und zerfahrene Spielweise der Nordhessen-Elf ließ ihren süddeutschen Gegner, der auch technisch überlegen war, immer wieder gefährliche Angriffe durchführen. Die Angriffe führten aber infolge der Schußunsicherheit der Bayern nie zu Toren, während andererseits Sonnrein auch die plaziertesten Schüsse wunderbar meisterte. Ein Platzwechsel des Mittelstürmers Maintz mit dem Mittelläufer Pletsch führte vor der Halbzeit zur größeren Durchschlagskraft der Nordhessen und die Einstellung von Meid (Borussia Fulda) gereichte gleichzeitig zum Vorteil. Bei ungefähr beiderseitig ausgeglichenen, Leistungen verstand es die Nordhessen-Elf nach der Pause weit besser die sich ihr bietenden Torgelegenheiten wahrzunehmen. In der 65. Minute nützte Pletsch eine Vorlage von Klein (03 Kassel) zum Führungstor aus, dem Meid in der 85. Minute einen zweiten Treffer folgen ließ. Der Gegner vermochte lediglich das Eck- vallverhältnis auf 8:3 für sich zu schrauben. Schiedsrichter Störner-Franksurt leitete zufriedenstellend.
VfB.-Reichsbahn Gießen.
VfV-Reichsbahn Liga — Ium- und Sportverein Butzbach Liga 6:2 (2:0).
Die meisten Zuschauer haben dieses Spiel mit einem Gefühl der Enttäuschung verlassen. Die Butzbacher spielten über alle Maßen hart. Wenn trotzdem dieses Spiel ohne Verletzungen zu Ende ging, so war dieses auf die Spielweise der Gießener, die sich in der zweiten Halbzeit sichtlich Reserve auf-
erlegten, zurückzuführen und besonders auf die hervorragende Schiedsrichterleistung des Unparteiischen R ü s p e l e r. Die Butzbacher boten Leistungen, die spielerisch unter denen der hiesigen Bezirksklasse lagen. Die Gießener Mannschaft konnte an ihrs vorsonntäglichen Leistungen anknüpfen und errang einen verdienten Sieg. Sie spielten mit Haas; Schwarz, Leutheuser II.; Heß, Knauß, Hauptfeld) Rullmann, Ranft, Wlodareck, Fehling, Szpvnik.
Leider hatte Rullmann, aus der Jugend kommend, nicht die nötige Nervenkraft, um dieses Spiel durchhalten zu können. Er verließ in der 30. Spielminute das Spielfeld. Mit zehn Mann wurde weiter gekämpft. Die Gießener waren sofort im Angriff, konnten aber vorerst die Hintermannschaft der Gäste nicht überwinden. Eine Ecke für die Hiesigen wurde verschossen. Auf der Gegenseite jagte der Halblinke nach guter Vorarbeit des Linksaußen den Ball neben Das Gießener Tor. Die zweite Ecke für Gießen brachte auch nichts Zählbares ein. Ein aus einem Handspiel herrührenDer Strafstoß wurde verschossen. Knauß jagte bann mit unheimlicher Wucht einen Strafstoß zur 1:0-Führung in die Maschen und brach damit den Bann. Kurz vor Halbzeit erhöhte Wlodareck nach einem Alleingang auf 2:0 für Gießen. Dann war Halbzeit. Nach Wiederbe- ginn waren die Platzbesitzer weiter in Front. Ranft schoß das dritte Tor. Wieder war Wlodareck allein durchgekommen und hatte den gegnerischen Tormann zum vierten Male geschlagen. Bei einem Gedränge im Butzbacher Strafraum erwischte Szponik das Leder und das fünfte Tor fiel. Jetzt wurden die Butzbacher dank ihrer robusten Spielweise überlegen. Eine Flanke von rechts und der Halblinks verkürzte auf 5:1. Aber auf der Gegenseite stellte Szponik durch eine Einzelleistung durch ein sechstes Tor die alte Differenz wieder her. Kurz vor Schluß verkürzten die Butzbacher auf 6:2 Tore.
VfB.-Reichsbahn N — Butzbach H 3:2 (0:2).
Die Gießener landeten in Butzbach einen verdienten Sieg. Sauer war der Torschütze des Tages und erzielte alle drei Tore. Leider wurde auch dieses Spiel sehr hart ausgetragen.
VfB.-Reichsbahn HI — Allen-Bufeck I.
Die neu aufgestellte Lehrmannschaft zeigte leider nur durchschnittliche Leistungen und errang einen glücklichen Sieg. Sie war nur mit zehn Mann zur Stelle.
VfB.-Reichsbahn 1. Jugend — Butzbach 1. Jugend.
Die Butzbacher hatten in ihren Rechen noch die alten Jahrgänge und errangen einen einwandfreien Sieg, da sie in technischer und körperlicher Beziehung den Hiesigen überlegen waren.
VfB.-Reichsbahn 2. Jug. — Dieseck 1. Jug. 4:0.
In diesem Spiele mußten sich die Platzbesitzer den besseren Gästen beugen.
Kußballturnier in Krofdorf.
Vier Mannschaften im Kampf.
Nachdem es noch in der Nacht ordentlich geregnet hatte, brachte der Sonntagmorgen das schönste Sommerwetter. Leider waren nur vier Vereine zur Stelle. Fellingshausen hatte nur sieben Spieler mitgebracht und konnte daher nicht an den Spielen teilnehmen. Damit auch die Zuschauer auf ihre Kosten kamen, wurde bestimmt, daß jeder gegen jeden spielen mußte. Die Spiele brachten folgende Ergebnisie:
Steinbach — Launsbach 2:0.
Launsbach trat mit nur neun Mann an, Steinbach konnte deshalb das Spiel bedeutend überlegen gestalten. Es dauerte jedoch bis fünf Minuten vor Schluß, bevor Steinbach zum ersten Erfolg kam. Noch war eine Minute zu spielen, als es dem Mittelstürmer gelang, das zweitemal für feine Farben erfolgreich zu fein.
Mhmar — Krofdorf 2:1.
Hier merkte man daß es sich um ein Lokalspiel handelte, beiderseits gab es stürmische Angriffe. Wißmar hatte mehr vom Spiel und konnte nach fünf Minuten zum erstenmal einsenden. Unentmutigt griff Krofdorf an und konnte nach kurzer Zeit den
Z» jedem kommt einmal das GlöÜ.
ZRonum von (kllen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit tiefer Rührung betrachtete Rolf Werder den Freund. Das also war das Geheimnis dieser verschlossenen, herben Natur! Eigentlich war es ja wunderbar schon, daß ein Mensch seinem Ideal so treu bleiben konnte. Auch Rolf Werder hielt sich für einen wahrhaften Menschen von anständiger. Gesinnung, aber eines solchen Festhaltens wäre er niemals fähig gewesen. Er wußte das wohl. Aber er betrachtete auch den Freund mit plötzlich aus steigender Sorge.
„Du hast dieses Mädchen niemals mehr wieder- gejehen, Friedrich?"
„Nein!" .
„Ja, aber dann weißt du doch nichts von ihr, Weißt nicht einmal, ob sie nicht bereits verheiratet ist."
„Doch! Ich habe mir so weit Nachricht über Monika verschafft, daß ich weiß, daß sie noch immer bei ihren Verwandten lebt. Ich habe mein Versprechen, mich ihr nicht zu nähern, gehalten, aber ich hätte es nicht ertragen, wenn ich nicht gewußt hätte, wo sie ist."
„Und nun willst du also an ihrem einundzwan- Aigften Geburstage einfach vor sie hintreten und sie fragen, ob sie deine Frau werden will?"
Friedrich von Gerling antwortete nicht. Aber in seinem Antlitz lag feste Entschlossenheit.
Rolf Werder aber begann, sich mit feiner stets lebhaften Phantasie in die Sache hineinzuleben.
^„Du mußt mir verzeihen, Friedrich, aber ich fürchte, du stellst dir die Sache doch zu einfach vor. Gut, du weißt, daß Monika von Jnnemann nicht verheiratet ist — aber weißt du denn auch, ob sie ihr Herz nicht längst einem anderen geschenkt Ijat? Du hast von dem Wunsch ihres Vaters gewußt, aber sie hat ihn nicht gekannt. Und selbst wenn sie noch frei fein sollte, wird sie vielleicht die Liebe, Die eine Frau braucht, um mit einem Manne durch Leben zu gehen, nicht für dich empfinden können."
Friedrich von Gerling fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Ich würde Monika niemals zwingen. Ich werde um sie anhalten und auf ihre Antwort warten."
„Ware es nicht besser, du würdest dich ihr erst als ihr Jugendfreund nähern und sehen, ob ihr beiden euch noch so gut versteht wie damals, als fle noch ein kleines Mädchen war?"
„Ich weiß nicht. Ich habe immer den geraden Weg für den besten gehalten. Natürlich kann Mo
nika frei entscheiden. Ich aber bin fest entschlossen, sie zu heiraten. Ich will es ihr sogleich sagen, wenn ich sie wiedersehe."
„Wie ich dich kenne, Friedrich, willst du doch auch deine Arbeit hier nicht im Stich lassen. Du willst doch gewiß nach deinem Urlaub hierher zu- rückkehren. Bist noch zwei Jahre hier gebunden. Weißt du denn überhaupt, ob dieses Mädchen sich entschließen könnte, die Heimat zu verlassen, mit dir hier au leben, alle Strapazen und Entbehrungen mit dir zu teilen?"
„Ja! Das weiß ich, Rolf. Die Tochter des Majors von Jnnemann geht mit dem Mann, dem sie ihr Jawort gibt, überall hin, in Gefahren, in Not und Tod, wenn es sein muß. Sonst wäre sie nicht seine Tochter!"
„Du bist ein merkwürdiger Mensch, Friedrich. Du hast sie dock nur als kleines Mädchen gekannt. Wenn du iyr heute begegnest, würdest du sie niemals erkennen. Weißt du denn überhaupt, ob du auch für diese fremde, junge Dame, der du gegen» übertreten wirst, auch nur einen Funken Liebe empfindest?"
„Ja, ich weiß es. Ich gebe zu, es wird vielleicht keine heiße, glühende Leidenschaft fein, aber ich weiß bestimmt, daß ich Monika eine aufrichtige Zuneigung entgegenbringen werde."
Rolf Werder sprang auf.
„Und wenn es selbst so märe, denn ich glaube ja selbst, daß dieses kleine Mädchen mit dem reizenden Lockenköpfchen eine hübsche, junge Dame geworden ist, und die Erinnerung mag ja wohl auch ihre Hand im Spiele haben. Aber, Friedrich, du bist noch jung, und ich glaube, daß du, der fein Leben seinem Studium und dann harter, schwerer Arbeit gewidmet hat, das große berauschende Erlebnis der Liebe noch gar nicht kennst. Ist es nicht ein Wahnsinn, daß du dich an ein Mädchen gebunden hast, weil du ihrem Vater dein Leben verdankst? Wenn dein Major dich sehen könnte, er würde dich bestimmt eines Versprechens entbinden, das er selbst ja gär nicht angenommen hat."
Friedrich von Gerlin stand jetzt neben dem Freund. Er überragte ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter:
„Sprich nicht weiter, Rolf. Es ist wahr. Major Herbert von Jnnemann hat meinen Schwur nicht angenommen, aber ich selbst habe ihn mir geleistet. Ich habe ihn an der Bahre des Majors wiederholt, angesichts des armen, kleinen, verzweifelten Mädchen, das so bitter allein um den geliebten Vater meinte. Und ich sage dir jetzt noch einmal: Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, heirate ich die Tochter des Majors Herbert von Jnnemann, ober aber ich bleibe zeitlebens allein. Denn niemals merde ich ein anderes Mädchen zur Frau nehmen!"
Da schmieg auch Rolf Werder. Vor dieser unbeugsamen Entschlossenheit schwieg jeder Widerspruch.
„Möge Gott es zum Guten führen, Friedrich! Meine herzlichsten Wünsche werden dich auf deinem Wege nach Europa begleiten!"
3. Kapitel.
Das Kurleben mar in vollem Gange. Wohin man auch kam, sah man elegante Menschen, hörte man die neuesten Schlager, konnte man Auslagen mit den teuersten und luxuriösesten Sachen betrachten.
Arm in Arm gingen Monika und Lotte über die „alte Wiese", während Doktor Hartenberg es vorgezogen hatte, unter einem schattigen Kastanienbaum in dem Hotelgarten von Pupp sitzen zu bleiben, und in Ruhe eine Zigarre zu rauchen.
Für ihn gab es auch an einem Sonntag nur selten eine wirkliche Arbeitspause. Aber diesmal war es ihm gelungen, sich einmal frei zu machen. So war er mit Lotte und Monika über die Grenze nach Karlsbad gefahren.
Das mar etwas für Monika von Jnnemann. Die trübselige Stimmung, die in der letzten Zeit so oft von ihr Besitz ergriffen hatte, fiel von ihr ab. Menschen und Dinge interessierten sie, und sie sprach lebhaft auf die ruhigere Freundin ein.
Monika trug ein einfaches, lichtblaues Sommerkleid und einen großen weißen Florentinerhut. Aber trotzdem ihre Erscheinung gar keine Ähnlichkeit mit den raffiniert mondän gekleideten und geschminkten Frauen hatte, streiften sie doch viele bewundernde Blicke. Ihre frische Jugendlichkeit brauchte alle diese künstlichen Mittel gar nicht, um in jeder Umgebung zu wirken.
„Du bemerkst es gar nicht, Monika, wie viele Leute dich ansehen. Wirklich, du bist aber auch heute eine richtige, kleine Schönheit!" sagte Lotte vergnügt.
„Aber geh doch, Lotte! Du bist mindestens ebenso hübsch wie ich. Aber du sagst es nur, um mich vergnügt zu machen, weil du weißt, daß ich im Grunde genommen eitel und oberflächlich bin."
„Aber das bist du doch gar nicht, Monika! Mache dich doch nicht schlechter, als du bist! Und übrigens, da sieh nur hinüber, wie dich der junge Mann durch seine Brille anstarrt. Jetzt merkt es auch die kleine alte Dame neben ihm! Sieh mal, jetzt sprechen sie sicher von dir, liebe Monika!"
Monika folgte den Blicken der Freundin. Sie war doch ein wenig neugierig. Im nächsten Moment erkannte sie die beiden komischen Leutchen aus dem eleganten amerikanischen Wagen. Jetzt saßen die beiden an einem Tischchen vor dem weltbekannten Kaffeehaus „Zum Elefanten". Der junge bebrillte Mann hatte wieder einige aufgeschlagene Bücher und Hefte vor sich und hielt eine Füllfeder in der Hand, die er auch nicht weglegte, während er Monika ansah.
Sie hatte Gelegenheit, ihn jetzt genauer zu sehen. Nein, er war wirklich nicht hübsch mit dem rötlichen Haar, dem hilflosen Blick hinter den schar
fen Brillengläsern und der ungeschickten Haltung Er paßte so gar nicht unter die eleganten, roelt* gewandten Leute, die an ihm Dorbeipromeniertea Sicher war er ein Professor oder sonst ein gelehv» ter Mann, der sich nicht einmal an einem herrliche» Sommertag im Freien von seinen Büchern trennen wollte. Na, mochte er doch! Komisch war nur, daß er nun schon das zweite Mal Monika gar fd überrascht anstarrte. Sicher war es nun auch bet alten Frau ausgefallen, die eifrig auf ihn einsprach, ohne daß er sie zu Horen schien.
„Na, ist das nun ein Erfolg?" scherzte Lott^ Aber Monika antwortete nicht. Ihre Gedanken waren schon wieder weit weg, und sie betrachtete mit Entzücken die Auslagen eines Wiener Modehauses, in dem einige einfache, aber erlesen schon gearbeitete Modelle lagen.
Nein, Monika ahnte nicht, daß ihr Schicksal ge* raöe in diesem Augenblick eine entscheidende Wendung erhielt, die es von Grund auf verändern sollte.
Der Nachmittag verlief wunderschön und ohne jede weitere (Störung.
Sie tranken dann mit Doktor Hartenberg Kaffee, lauschten den Klängen der Musik, kritisierten und bewunderten „wie die Backfische", wie Doktor Hartenberg lächelnd behauptete, und fuhren Dann in des Doktors bravem Opel-Wagen, der nicht gerade repräfentabel aussah und schon viele, viels Kilometer bei jedem Wetter hinter sich hatte, nach Wunsiedel zurück.
Monika war müde und wurde wieder traurig. Sie hatte ein paar Stunden eine andere Welt geatmet und mußte wieder in das Haus der Rieders zurückkehren, das trotz allem niemals ihre Heimat geworden war, und das ihr in der letzten Zeit noch fremder geworden war als sonst. Aber gerade wenn Monika sich in dem bunten Getriebe um» gesehen hatte, empfand sie chre eigene Hilflosigkeit. Sie kannte niemanden, hatte niemanden in der Welt und hatte nichts gelernt, das es ihr ermöglichen könnte, auf eigenen Füßen zu stehen. War es nicht einfach lächerlich, wenn sie sich vomahm, das Haus der Rieders zu verlaßen?
In der Nacht kam ein Gewitter, und am anderen Tage regnete es — langsam, eintönig. Der Himmel war grau umzogen.
Im Hause war Wäsche, und da gab es viel zu tun. Frau von Rieders half selbst mit, und auch Monika mußte es tun. Wenn draußen die Sonne schien und die Wäsche zum Trocknen auf Dem Rajen lag und von Zeit zu Zeit gewendet oder aus einer Gießkanne besprengt wurde, machte es Monika Vergnügen. Aber das Beisammensein mit Frau von Rieders fiel ihr schwer aufs Herz. Wieviel lieber wäre sie in das Gartenhaus geflüchtet und hätte dort eines ihrer Bücher gelesen.
(Fortsetzung folgt 1)


