Wehr und Waffen.
Wehrsysteme.
Von Major a O. von Keiser.
Man unterscheidet — unabhängig von der Frage der Wehrpflicht oder der Freiwilligkeit des Dienstes — drei Gruppen von Wehrsystemen, die Miliz das stehende Heer und das Berufsheer. Das einzige Land der Welt mit einem reinen Miliz- yftem ist die Schweiz, die meisten europcn- chen und eine Reihe anderer Staaten haben ein lehendes Heer und zwar auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht, während ein reines Berufsheer — nur aus Freiwilligen bestehend — lediglich den im Kriege unterlegenen Staaten Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Bulgarien aufgezwungen ist. Teilweise werden auch zwei Wehrsysteme nebeneinander angewandt, so in Italien das stehende Heer mit allgemeiner Wehrpflicht und eine freiwillige Miliz, in Rußland ebenfalls das stehende Heer und eine Miliz, aber beide mit allgemeiner Wehrpflicht, in England und den Vereinigten Staaten ein Berufsheer und eine Miliz, beide nur aus Freiwilligen bestehend.
Die Miliz, besonders wenn sie auf der allgemeinen Wehrpflicht beruht, hat einen großen, auf politischem Gebiet liegenden Vorteil, die unbedingte Verbundenheit des Heeres mit dem Volke. Auf örtlicher Grundlage gebildet, stellt jeder Truppenteil gewissermaßen die mobilisierte Volks- und Verteidigungskraft seines Heimatortes oder Bezirks dar. Da es keine stehenden Truppenteile gibt, die Verbände vielmehr nur zu kurzen Hebungen zusammengerufen werden, um hinterher sofort wieder aufgelöst zu werden, sind Volk und H e e r in der Tat eine vollständige Einheit.
Diesen politischen und sozialen Vorteilen stehen aber sehr erhebliche Nachteile militärischer Art gegenüber. Bei der geringen Zahl von Berufssoldaten — in der Schweiz sind es 150 Offiziere und 20 Unteroffiziere — stößt die Ausbildung der Rekruten und besonders die Führer- ausbildung auf große Schwierigkeiten. Während in stehenden Heeren die gesamte Heranbildung des jungen Nachwuchses und vor allem die Auslese und Ausbildung der Führer aller Grade allein in den Händen erfahrener aktiver Offiziere liegt, müssen diese wichtigsten militärischen Aufgaben im Milizheer zum größten Teil von Bürgeroffizieren, die selb st nur notdürftig ausgebildet sind, geleistet werden. Dazu kommt noch die sehr kurze Ausbildungszeit, in der es kaum möglich ist, Soldaten heranzubilden, die den hohen taktischen, technischen und moralischen Anforderungen des neuzeitlichen Krieges gewachsen sind.
Diese schwerwiegenden militärischen Nachteile hat der schweizerische Oberst-Korps-Kommandant Wille nach dem Weltkrieg mit folgenden Worten selbst anerkannt: „Unsere mobilisierten Truppen besaßen nicht den Grad militärischer Tüchtigkeit und Kampfbereitschaft, den der Krieg verlangt und dessen wir bedurft hätten, um einen feindlichen Einbruch auszuhalten. Unsere Truppen entbehrten des inneren Zusammenhaltes. Ein gütiges Geschick hat der Armee diese Probe erspart. Der innere Halt hätte vielleicht nicht allen Wandlungen des Kriegsglückes standgehalten. Nach der Mobilmachung dauerte es volle fünf Wochen, bis aus einer Brigade ein brauchbares Kriegsinstrument wurde." Solche militärischen Mängel werden beim Milizsystem nie ganz zu vermeiden sein. Trotzdem mag diese Wehrform für ein militärisch so wenig bedrohtes und so leicht zu verteidigendes Land wie die neutrale Schweiz geeignet sein, auf keinen Fall aber für große Staaten, deren Leben und Dasein von der Stärke und sofortigen Kriegsbereitschaft ihrer Heere abhängt. Man denke nur an das ständig bedrohte Deutschland mit seinen offenen Grenzen! Ein Milizheer, hätte es auch restlos das ganze Volk
umfaßt, hätte niemals vier Jahre lang die deutsche Heimat gegen die von allen Seiten anstürmenden Feinde schützen können.
Im st e h e n d e n Heer, das aus dem aktiven Heer und den Reserven besteht, verfügt der Staat im Gegensatz zur Miliz über ein st ä n d i g e s Machtmittel, das er jederzeit nach innen oder außen einsetzen kann. Mit dieser Tatsache ist freilich auch die Möglichkeit innerer Gegensätze zwischen Volk und Heer in unruhigen politischen Zeiten gegeben, eine Gefahr, die aber bei stehenden Heeren m i t allgemeiner Wehrpflicht auf ein Mindestmaß beschränkt bleibt. Ein solches Heer, wie es das alte Preußen und später das Deutsche Reich 100 Jahre lang zum Segen ihrer staatlichen Entwicklung gehabt haben, ist eine vorzügliche Schule des ganzen Volkes, nicht nur in militärischer, sondern auch in politischer, sozialer und ethischer Hinsicht. Es erzieht zu Kameradschaft und völkischem Denken, zu Manneszucht und Vaterlandsliebe, zu Gehorsam, Mut und Todesverachtung. Die Träger dieser Erziehung sind die einzelnen Truppenteile, die von der Einstellung ins Heer über die Zeit des Beurlaubtenstandes hinweg bis zum Lebensende die militärische Heimat des Wehrmannes bilden. Durch eine lange ruhmreiche Geschichte sind alle Angehörigen eines Regiments zu einer festen inneren Gemeinschaft zusammengeschlossen, auch der größte Teil des Offizierskorps ist aus dem gleichen Truppenteil hervorgegangen. In diesen unmittelbaren Zusammenhang von militärischer Tradition mit dem Volksganzen liegt die unvergleichliche Stärke des stehenden Heeres mit allgemeiner Wehrpflicht.
Die Vorteile dieses Heeres hinsichtlich der militärischen Ausbildung beruhen auf einem vorzüglich geschulten Offizier- und Unteroffizierkorps und einer Dienstzeit, die lang genug ist, um die Mannschaften krtegsrnä - hig auszubilden. In Staaten mit hoher Kul- tuvftufe genügt eine kürzere Ausbildungszeit als in Staaten mit einer großen Analphabethenzahl wie in Rußland und Polen. Im übrigen ist die Länge der Dien st zeit heutzutage nicht nur eine militärische, sondern in der Hauptsache eine
pekuniäre Frage. Die meisten Länder mit stehenden Heeren uno allgemeiner Wehrpflicht haben darum nach dem Kriege die Dienstzeit stark verkürzt und sind, wie Frankreich, vielfach bis auf ein Jahr zurückgegangen. Die Reserven, die im Frieden zu häufigen Uebungen eiügezogen werden und im Kriegsfall die Truppenteile des stehenden Heeres auf erforderliche Kriegsstärke bringen bilden heutzutage den weitaus größten Teil der Kriegsheere, in Frankreich rund 85 v. H.; von ihrer gründlichen Weiterbildung nach ihrer Dienstentlassung und ihrer Kriegstüchtigkeit, besonders von der der Reserveoffiziere, hängt der Erfolg im Ernstfälle wesentlich ab.
Das langdienende Berufsheer hat vor anderen Wehrsystemen den Vorteil gründlichster und kriegsmäßigster Ausbildung. Diesem einzigen Vorteil stehen aber sehr schwerwiegende Nachteile gegenüber. Einmal ist das Berufsheer, weil der langdienende freiwillige Soldat weit besser bezahlt werden muß als der Mann der allgemeinen Wehrpflicht, sehr teuer und kann daher nur verhältnismäßig klein sein. Infolgedessen und wegen der langen Dienstzeit des einzelnen kann die große Masse des Vol- kes nicht mit der Waffe ausgebildet werden; auch ist die Gefahr einer Entfremdung von Heer und Volk groß. Ferner aber sind die entlassenen Soldaten schon aus dem kriegstüchtigsten Alter heraus. So stehen ausgebildete Reserven nicht zur Verfügung, und eine sofortige Verstärkung im Mobilmachungsfall ist ausgeschlossen.
Der in der Fachpresse oft erörterte Gedanke, neben einem Berufsheer ein Milizheer zu unterhalten, das lediglich zum unmittelbaren Grenzschutz bestimmt sein solle, hat sehr große militärische Nachteile und schafft zwei Klassen von Soldaten. Das in Frankreich herrschende System, im Heere der allgemeinen Wehrpflicht möglichst viele Berufssoldaten und Längerdienende (im ganzen etwa 40 v. H.) neben den Kurzdienenden zu unterhalten, ist jedenfalls sowohl vom militärischen wie vom völkisch-ethischen Gesichtspunkte aus vorzuziehen.
Der neue Ges der französischen Armee.
Der bisherige französische Generalissimus, der elegante Kavallerist und jugendlich frische General Weygand, trat am letzten Montag infolge Erreichung der Altersgrenze zurück. Alle Bemühungen, ihn zu halten, scheiterten an der Stellungnahme des Parlaments, dem er zu unbequem geworden war. War er doch mit einigen anderen prominenten Generalen ein zu eifriger Vorkämpfer für die Einführung der zweijährigen Dienstzeit. So schreibt über ihn die Pariser Zeitung „Jour", die den Rücktritt des Generals Weyaand bedauert, seine Verabschiedung, der das Land teilnahmslos zusehe, sei eines der schlagendsten Beispiele, wie man in Frankreich die Undankbarkeit gegenüber guten Dienern des Staates pflege. Sie beweise ferner, wie auch verantwortliche Staatsmänner mutlos dem Druck gewisser Kreise nachgeben. Die Verabschiedung Weygands sei aber auch deswegen bedauerlich, weil die Tatsache, sich gerade im jetzigen Augenblick in der Organisation der Landesverteidigung eines er- fahrenenen Soldaten zu entledigen, so unverständlich sei, daß man beinahe an dem politischen System verzweifeln könnte, das zu solchen Torheiten führe.
Ueberblickt man die glänzende Laufbahn des Generals Weygand, so drängt sich eine Parallele mit seinem Nachfolger sofort auf: Seine Sternenstunde stand im Zeichen des Marschalls F o ch, die seines Nachfolgers in dem des Marschalls I o f f r e. Foch war schon im Frieden sein Kommandierender General, am 21. September 1914 wurde Weygand Chef der von Foch übernommenen neuen 9. Armee. Damit begann der Zeitlauf der engen „Ehe" Foch-
Weygand, die neun Jahre unzertrennlich blieb dank der ausgeglichenen Persönlichkeit des Chefs gegenüber feinen leicht aufbrausenden Oberbefehlshaber. Auch bei der am 26. März 1918 endlich zustande- gefommenen Ernennung Fachs zum Generalissimus aller alliierten Armeen als Ergebnis des ernsten Zusammenbruchs der französisch-englischen Front bei Beginn der großen Schlacht in Frankreich blieb Weygand sein Generalstabschef. Und auch nach dem Waffenstillstand biteben sie zusammen, um im Mai 1919 vor dem französischen Ministerrat Sturm zu laufen gegen einen Frieden, der Frankreichs Grenze zu seiner eigenen Sicherheit nicht an den Rhein verlege. Weygand ist auch später als Generalinspekteur ein scharfer Gegner jeder Aussöhnungs- volitik mit Deutschland geblieben. Er folgte 1930 Dem Chef des Generalstabes, General Debeney, und wurde damit für den Kriegsfall Oberbefehlshaber des Feldheeres.
Sein jetzt ernannter Nachfolger, General Gamelin, steht im 63. Lebensjahr. Er ist Infanterist. Schon in langen Friedensjahren war er Kabinettschef des Oberbefehlshabers und Chefs des Generalstabes der Armee I o f f r e. Seit Juni 1911 Major, bildete sich statt einer „unzertrennlichen militärischen Ehe" bei so langer Verbundenheit ein väterliches Vertrauensverhältnis zwischen Jofsre und Gamelin heraus. Glänzend ist Gamelins Laufbahn. Bei Kriegsbeginn 42 Jahre alt und Mitglied der Operationsabteilung, begleitete er Joffre ins Feld, um ihm in Niederlage und im „Marnewunder" treu zur Seite zu stehen. Rühmlich trat
er während dieser mit Spannungen aller 2lrt aus« gefüllten Wochen durch die Klarheit seiner mit be« merkenswerter Schnelligkeit entworfenen Armeebefehle hervor. Anfang 1916 übernahm Gamelin den Befehl über eine Jägerbrigade, und Damit wurde sein Wunsch, eine Elitetruppe des Heeres zu führen, erfüllt. Wir wissen, welch' hervorragende Gegner die französischen Jäger unseren Truppen waren, zur Genüge aus den Erfahrungen des Krieges, besonders in den Vogesenkämpfen. Dort fanden wir auch bei der Jägertruppe den letzten französischen Militärattache vor Kriegsbeginn in Berlin, den Oberstleutnant Serret, der auf dem Hartmannsweilerkopf schwer verwundet wurde und dort starb. Ende 1916 war Gamelin schon Oberst
General Gamelin.
und erhielt sogar das Kommando über eine Infanteriedivision, welche er mit kurzer Unterbrechung als Stabschef der Armeegruppe Micheler 1917 bis Kriegsende behielt.
Kaltblütigkeit und Entschlußkraft sind die hervorstechendsten Charaktereigenschaften des Generals Gamelin. Mit 47 Jahren war er Generalmajor. Nach Kriegsschluß war seine Verwendung sehr vielseitig. Erst Chef der französischen Militärmission in Brasilien, um dort den infolge einer Vortragsreise des Generals Litzmann etwas locker gewordenen französischen Einfluß zu befestigen, würbe er 1925 als Nachfolger des Generals Sarrail zum Ober- befehlshaber nach Syrien berufen, und es gelang feiner gewandten Art, den infolge des Drusen- aufftandes hervorgerujenen Unruheherd zu „befrieden". 1928 wurde er an die Spitze des in Nancy stehenden wichtigen XX. Armeekorps gestellt. Nach Ablauf eines Jahres wurde er dann Oberquartiermeister des Generalstabes und abermals nach Jahresfrist, am 1. Februar 1931, Chef des Großen Generalstabes.
Mit General Gamelin ist ein in der Vorkriegs- zeit tüchtig geschulter, hochbefähigter Mann an die Spitze der französischen Armee gestellt worden. An die Seite gesetzt wurde ihm jetzt der beim Attentat aus den König von Jugoslawien im letzten Oktober schwer verletzte General Georges. Ebenfalls aus der Infanterie hervorgegangen, als Bataillonskommandeur im Kriege verwundet, ist Georges im Jahre 1920 als Kommandant des 64. marokkanischen Schützenregiments der Rheinarmee hervorgetreten. Sein Name ist als Leiter des Wirtschafts- und Verwaltungsdienstes im Ruhrgebiet bekannt geworden. Seine Verwendung als Platzkommandant in Algier beweist feine Geschicklichkeit auf dem Gebiet der Heeresverwaltung. Durch feine Verletzung bei dem Attentat ist feine bereits bestehende Volkstümlichkeit, die er im Heere gUneßt, nunmehr auch in der breiten französischen Öffentlichkeit noch gestiegen. Lge-
Der Soldat des Weltkrieges.
Don Gerhard Günther.
In der Hanseatischen Verlagsanstalt, Hamburg, erscheint soeben von dem Verfasser ein Werk: „Deutsches Kriegertum im Wandel der Geschichte" (kart. 2,80 Mark, Seinen 4,40 Mark). Hier wird deutsche Geschichte aus dem Gesichtswinkel des Kriegertums und einer heroischen Geschichtsauffassung dargestellt. Mit der Erlaubnis des Verlages bringen wir nachstehenden Abschnitt zum Abdruck:
Erst langsam entwickelte sich der Grabenkrieg zu dem hohen Kampfstil, den er ab 1916 entfaltete. Die ganze Waffenrüstung der europäischen Heere war auf den Kampf gegen bewegliche Ziele in freiem Feld oder gegen Festungswerke gedacht. Als nun die Heere in der Erde verschwanden und sich durch immer tiefere Unterstände gegen den Beschuß sicherten, war es nötig, besondere Waffen zu diesem Zweck herzustellen oder die vorhandenen auszubauen oder zu vermehren. Das Steilfeuergeschütz gewann an Bedeutung, und Flachbahngeschütze von bisher unbekannter Größe dienten im Stellungskrieg dazu, die rückwärtigen Verbindungen des Gegners unter Feuer zu nehmen. Dem Gewehr gab man in der G e - wehrgranate die Möglichkeit des Bogenschusses; das Maschinengewehr wurde auf indirekten Schuß umgestellt. Aus primitiven Mörsern entwickeln sich die verschiedenen Typen des Minen- werfers, deren schwerster zwei Zentner Minen wirksamsten Sprengstoffes schleuderte, dessen Ep plosion allein durch den Luftdruck tödlich wirken konnte. Die Stielhandgranate, Die nach dem Abreißen der Zündschnur in genau bemessener Frist explodierte, wurde eine furchtbare Waffe in der Hand des Pioniers und Infanteristen. Der H a n b g r a n a t e n ro e r f e r , der in der Wut des Grabenkampfes genau abzählend — einundzwanzig — zweiundzwanzig — feine Handgranate fo wirft, daß ihre Explosion zwischen dem Gegner erfolgen muß, ehe dieser noch Zeit hat, zur Seite zu springen, gehört ebenso zu der Elite des neuen Kriegertums wie der Maschinengewehr- schütze, der nicht mehr über Kimme und Korn, sondern aus alter Vertrautheit mit seiner Waffe nur nach der Beobachtung der Einschläge schießt und mit seinem Gewehr die Anfangsbuchstaben seines Namens sauber in eine Leinwand schießen kann.
Mit der Steigerung der Materialwirkung geht gleichzeitig eine Qualitätsauslese des Kriegertums vor sich. Nur in den Heeresberichten erscheinen noch Regimenter und Divisionen.
In der furchtbaren Kraterlandschaft des Trichterfeldes liegen verstreute kleine Gruppen, um ein letztes Maschinengewehr oder einen von eisiger Tapferkeit erfüllten Kerl zusammengeballt; kein äußerlicher Befehl hält diese Männer mehr im Kampffeld fest. Auch der Kompanieführer hat nicht auf mehr als seinen Stoßtrupp unmittelbaren Einfluß. Er kann seine Kompanie noch in Stellung bringen, aber wie der einzelne Mann im Augenblick des Zusammenpralls mit dem Gegner sich verhält, kann er nur selten beobachten, fast nie unmittelbar beeinflussen. In seinem letzten Stadium ist der Krieg wieder von Freiwilligen geführt worden, von Männern, die einem tieferen Zwang gehorchten als dem militärifchen Befehl.
Es ist erstaunlich, welche Einheitlichkeit und Planmäßigkeit des Handelns in Abwehr und Angriff eine solche Truppe aufweist, bei der in der Aktion der äußere Apparat Befehlsübermittlung zum Erliegen kommt. Wenn in der Schlacht an der Somme, in der zum ersten Mal das mehrtägige Trommelfeuer mit fast unbegrenztem Materialeinsatz angewandt wurde, auf 30 Kilometer breiter Front der Engländer mit frischen und siegesgewissen Divisionen gegen die zerschossenen Gräben und die Reste ihrer Verteidiger zum Angriff vorgeht und zu seinem Erstaunen fast überall noch Widerstand findet, so spielen sich fast überall dieselben Kampfszenen ab, die ohne bewußte Verbindung über die ganze Front hinweg eine Einheit des Handelns darstellen. Wo noch ein Maschinengewehr intakt ist oder mit fliegenden Händen von Schmutz gereinigt wird, wo eine kleine Gruppe fest in der Hand eines Führers noch einen Stapel Handgranaten zur Verfügung hat, setzt auf kürzester Entfernung ein wütender Widerstand ein, bei dem sich jeder Kämpfer bewußt ist, daß er jetzt keinen Pardon mehr zu erwarten hat.
Das Gebot der Selbsterhaltung, ja der Vernunft selbst würde diesem längst umgangenen Häuflein dazu raten, den sinnlosen Widerstand aufzugeben. Was sie befähigt, jetzt noch zu kämpfen, ist die überkommene Soldatenehre, die Nachwirkung einer straffen Erziehung, der kameradschaftliche Zusammenhalt, ein wiedererweckter blinder und urtümlicher Kampftrieb, sicher kein bewußter Gedanke an Vaterland, König oder Pflicht, sondern ein wesensmäßiger, aus der tiefsten Tiefe kommender Antrieb, der einst den Sippenkrieger befähigt hat, bedenkenlos sein einzelnes Leben für den Ruhm der Sippe hinzugeben, und der jetzt noch in den Söhnen der Nation wirksam ist. Es ist ein Muß und Zwang, der nicht aus dem militärischen Gehorsamsverhältnis zu erklären ist, obwohl auch dieses Verhältnis «»in Ausdruck der wesensmäßigen Bindung an die Nation i[L
Hier wird die elementarste Tatsache unseres Daseins inmitten einer aufs höchste gesteigerten Technik wieder wirksam, daß wir nicht einzelne sind, sondern unabdrängbare Glieder einer Ganzheit, die sich in Gefahr befindet und ihre Kämpfer nicht anders in die Gefahrenzone wirft als unser Körper, der die Heere seiner Blutkörperchen an die Stelle schickt, wo fremde Giftstoffe einen Einbruch in den Organismus erzwungen haben. Auch hier gehorchen die Teile ohne Rücksicht auf ihre individuelle Fortdauer, und selbst ein Lebewesen mit so entwickeltem Selbstbewußtsein wie der Mensch ist noch so sehr Natur, ein Volk, mit allen Schäden und Spaltungen der Zivilisation behaftet, ist noch so sehr eine Ganzheit, daß diese unerbittlichen Zwänge mit der dunklen Wucht eines naturgeschichtlichen Schicksals in Wirkung treten.
Jede Betrachtung, die von dem Einzelwesen, vom Individuum ausgeht, steht hilflos vor dem Phänomen de? Schlacht. Nur die völkische Betrachtung, die von der Ganzheit ausgeht, besitzt den Schlüssel zu diesem magisch naturhaften Vorgang. In dem Kampf gegen den eigenen „inneren Schweinehund" spiegelt sich die Auseinandersetzung zwischen der Ganzheit und den Lebewesen ab, in die sie sich aufgespalten hat, ohne darin ihre Existenz einzubüßen. Nur wo diese Aufspaltung zum Verfall geführt hat, verliert der Teil die biologische Fähigkeit, für das Ganze zu sterben. Dann stirbt aber auch rasch das zerfallende Ganze und mit ihm auch der Teil, der glaubt, durch die Flucht vor dem individuellen Tod dem Untergang der Gesamtheit zu entgehen.
Ehrenkreuze und Eiserne Kreuze.
Im Militär-Wochenblatt wird mitgeteilt: Wenn sich auch in den letzten beiden Jahren das Interesse der Allgemeinheit dank der Belebung des Wehrwillens in unserem Volke dem Kriegsverdienste wieder zugewandt hat, so sind doch einige irrige Vorstellungen in weiteren Kreisen verwurzelt, die, wie man gelegentlich feststellen kann, sogar von Angehörigen der Nachkriegsgeneration geteilt werden: Eine gewisse Geringschätzung des Eisernen Kreuzes z. B., das angeblich „jeder bekommen habe, das weit häufiger verliehen worden sei als 1870/71, das man in der Etappe hätte bekommen können", u. dgl. Jetzt, wo die aus Frontsoldaten zusammengesetzte Reichsregierung d i e Ehrenkreuze für Kriegsteilnehmer ausgeben läßt und damit ein Versäumnis ihrer unzähligen Vorgängerinnen wieder gutmacht, die am Kriegsverdienste weniger interessiert waren als an dem demokratischen Grundsatz der Ordensad- fchaffung, ist es an der Zeit, solche Auffassungen
richtigzustellen ; einzelne Mißbräuche zwar sollen nicht geleugnet werden.
Was zunächst die Verleihung von E. K. der 2. Klasse an Besatzungstruppen, an Bahnhofs-, Ortskommandanten usw. und einen Teil ihres Personals hinter der Front und vereinzelt in der Heimat angeht, so geschah das entsprechend der Erneuerungsurkunde vom 5. August 1914, die nach der Fassung vom 16. März 1915 in Ziffer 2 sagt: „Die 2. Klasse wird an einem schwarzen Bande mit weißer Einfassung getragen, sofern es für Verdienst auf dem Kriegsschauplatz verliehen wird. Für daheim erworbenes Verdienst wird es am weißen Bande mit schwarzer Einfassung verliehen, soweit nicht auf Grund besonderer militärischer Verdienste die Verleihung am schwarzen Bande mit weißer Einfassung (!) erfolgt." Ist in diesen Fällen, die dem Frontsoldaten allerdings begreiflicherweise nicht recht verständlich waren, doch durchaus nach dem Willen des Stifters verfahren worden, so trifft die Behauptung, „jeder Kriegsteilnehmer habe das ,E. K. erhalten", überhaupt nicht zu: 13 Millionen deutsche Soldaten standen unter Waffen, davon wurden 4V2 Millionen, also etwa der dritte Teil, mit dem E. K. 2 und rund 90 000 mit dem E. K. 1 belohnt; demnach kommt ein E. K. 1 auf je 145 Mann. Es ist unrichtig und verwerflich, vom E. K. 1 als dem „Offiziersabzeichen" zu sprechen, denn in dem 13 Millionen starken Kriegsheere und feinen im ganzen 90000 E. K. 1 sind die 410000 Offiziere, Aerzte, Veterinäre und * Beamten einbegriffen. Wer daran Anstoß nehmen zu müssen glaubt, daß das E. K. 1 nicht „prozentual gleichmäßig" an Offiziere einerseits und Mannschaften andererseits verliehen worden ist, der sei — von allen anderen Ueberlegungen und Erörterungen abgesehen — lediglich daran erinnert, daß auch bie Verlu st Prozentzahlen nicht gleich waren: Von den 12 590 000 Unteroffizieren und Mannschaften sind etwa 14 v. H., dagegen von den 272 053 Truppen-Offizieren 18 v. H. gefallen, an aktiven Offizieren sogar 24,7 v. H.!
1870/71 wurden an die über 600 000 deutschen Kämpfer 1302 Kreuze erster und 47 812 Kreuze zweiter Klasse ausgegeben. Bei Vergleichen darf man aber außer den verschiedenen Stärken der Heere nicht vergessen, daß der Krieg damals nur 6V2 Monate statt der 5IV2 des Weltkrieges dauerte, daß z. B. ein einziges Infanterie-Regiment im Deutsch-Französischen Kriege 77 Tote, im Weltkriege 5007 Tote hatte, also 65 m a l s0 viel! Die entsprechenden Verwundetenzahlen desselben Regiments waren 70 zu 9500 — man bedenke, daß allein „auf dem Schlachtfeld von Verdun eine Stahlsaat von 1 350 000 Tonnen niederging, das ist eine Ladung von 135 000 Eisenbahnwagen. Jeder Hektar Boden wurde mit 50 Tonne» Stahl belegt"!


