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Italienische Kurve

In der Abstimmung des Völkerbunds über die gegen Italien zu ergreifenden wirtschaftlichen Sank­tionen zeichnete sich zum ersten Male deutlich die Reichweite t-cs diplomatischen, politischen und wirt- ickaftlichen Einflusses ab, den sich das faschisti- tcye Regime nach dreizehnjährigem Bestehen zu sichern gewußt hat. Man kann also die Gen er Stimmenabgabe als die Bilanz einer langjährigen diplomatischen Anstrengung Italiens betrachten, "ich für die Durchsetzung seiner politischen Ziele und ür etwaige Konflikte einen möglichst großen Rückhalt zu verschaffen. Die Beurteilung dieser Bilanz hängt neben der tatsächlichen Bewertung ihrer Aktivposten davon ab, ob sie in der naturgemäß an- und ab­steigenden Kurve solcher Bemühungen einen mehr oder weniger hohen Stand des Erfolges aufweist.

Untersucht man das Genfer Ergebnis nach dieser Richtung, so zeigt sich, daß es eher einen Tiefstand des italienischen Einflusses aufzeigt, jedenfalls die vor etwa fünf Jahren erreichte Scheitelhöhe der Kurve bei weitem nicht erreicht. Es haben bei allem Unbehagen, das der Gedanke der Sanktionen und der damit verbundenen Verluste bei vielen

verursachte, nur die drei Staaten Oesterreich, Ungarn und Albanien gegen die Sanktio­nen, also politisch gesehen, für Italien gestimmt, die beiden ersten mit dem Hinweis auf ihre engen politischen Beziehungen mit Italien, das letztere mit einer deutlichen Betonung seiner politischen Abhängigkeit, die es an einer anderen Stellung­nahme verhindere. Unter diesen Freundschaften oder Abhängigkeiten sind die Ungarns und Alba­niens die ältesten Erfolge der italienischen Diploma­tie im Raume der Donau und des Balkans. Sie wurden verfolgt und erreicht im Zuge einer frühe­ren faschistischen Politik, die durch den Gedanken einer europäischen Revision und durch den Gegensatz zu Jugoslawien und zur Kleinen Entente bestimmt waren. Das Bündnis mit Ungarn enthielt das italienische Versprechen, für die ungarischen Re­visionsforderungen einzutreten; der ungefähr zu gleicher Zeit mit Albanien abgeschlossene Pro­tektoratsvertrag von Tirana verschaffte Italien für einen etwaigen Konflikt mit Jugoslawien oder auf dem Balkan überhaupt die nötige militärische Basis, die es sich in den Friedensverträgen nicht hatte sichern können. Neueren Datums ist der beherr­schende Einfluß auf Oe st erreich, dessen Zusam­menhänge mit der deutschen Entwicklung und mit der Wendung der italienischen Diplomatie vom so­genannten dynamischen System der europäischen Politik zum statischen Frankreichs bekannt genug sind.

Die innere Bewertung dieser drei Freundschaften, die sich in der Stunde der Not und Bewährung zu Italien bekannt haben, ist einigen Zweifeln ausge^ setzt. Das Verhältnis Italiens zu Ungarn ist bis­her nur deshalb intakt geblieben, weil sich die neue italienische Politik einer Annäherung an die Kleine Entente, einer völligen Verständigung mit Jugosiawien und einer Ordnung des Donau­raumes nach französischen Wünschen gerade wegen der in Budapest liegenden Bruchstelle noch nicht hat verwirklichen lassen; immerhin hat die Abwen­dung Italiens vom Revisionsgedanken den Wert des Bündnisses in Ungarn beträchtlich herabgemin­dert, wenn dies auch bei dem fließenden Charakter des Problems noch nicht offiziell zur Wirkung ge­kommen ist. Das italienische Protektorat über A l - b a n i e n kann aufrecht erhalten werden, solange Italien in der Lage ist, seine Goldzahlun­gen an die albanische Regierung, die es nach län­gerer Pause gewiß nicht ohne Grund wieder aus­genommen hat, zu leisten, und solange nicht a n dere politische Kräfte die in Albanien immer be­stehende Möglichkeit einer inneren Umwälzung mit Erfolg betreiben. Die häufigen Aufstände und Re­bellionen gegen die Regierung des von Italien ab­hängigen Königs Z o g u, zuletzt die vom August dieses Jahres, deren Herd bezeichnenderweise im Süden des Landes an der griechischen Grenze war, lassen erkennen, daß hier für die traditionelle Bal­kanpolitik einer europäischen Großmacht gegen eine andere sagen wir also offen, in diesem Falle f ü r England unbegrenzte Möglichkeiten gegeben sind! Was endlich Oesterreich betrifft, so ist allerdings seine gegenwärtige Regierung mit Italien auf Gedeih und Verderb verbunden; wie das öster­reichische Volk darüber denkt und wie es eventuellen Prüfungen dieser an die Zeiten alter Kabinettspolitik erinnernden Verbindung begegnen würde, läßt sich unter den derzeitigen österreichischen Umständen nicht feststellen, aber mit Sicherheit ahnen.

Diese nicht sehr stattliche Bilanz der italienischen Diplomatie schrumpft noch mehr zusammen, wenn man sie mit dem Status von etwa vor 5 Iahren vergleicht. Die Beziehungen mit Bulgarien waren damals sehr eng, wenn sich auch der schwache in den Friedensverträgen mißhandelte Mittelbalkan­staat eine ausgesprochene Bündnispolitik nicht lei­sten wollte und konnte. Aber er war zusammen mit Ungarn für Italien eine unbedingt zuverlässige Rückendeckung gegen jeden Zusammenstoß mit Ju­goslawien. Mit diesem hat sich inzwischen Bulgarien eher und besser verständigen können, als Italien. Die italienischen Anstrengungen, die Randstaaten des östlichen Mittelmeeres, Griechenland und die Türkei, in seine Gefolgschaft zu bringen und sich dort ein Gegengewicht gegen Frankreich und vor allem gegen England zu verschaffen, waren eine Zeit lang erfolgreich. Das veniselistische Grie­chenland war, allerdings unter der Voraussetzung ungetrübter italienisch-englischer Beziehungen, be­reit, diplomatisch mit Italien zu gehen, und trat auf italienischen Rat in freundschaftliche Beziehun­gen mit der Türkei, welche die alte Rivalität und Feindschaft von Jahrhunderten auslöschten. Aber die innere Wandlung Griechenlands, Deniselos' endgül­tiger Sturz und die an Griechenland mit jedem Tage mehr heranrückende Alternative: Italien oder England, macht die Option der griechi­schen monarchischen Regierung für den alten mäch­tigen Freund und Beschützer der hellenischen Frei­heit ganz unzweifelhaft. Indessen hatte sich d i e Türkei Atatürks schon lgngst durch ihre An­lehnung an Sowjetrußland und den Anschluß an den Balkanbund den italienischen Spekulationen auf einen Zweckverband im östlichen Mittelmeer entzogen und war ihre eigenen Wege ge­gangen.

Dor etwa zwei Jahren traten in der italienischen auswärtigen Politik zwei konkrete Ziele in den Vordergrund: der Vorstoß in den kolonialen Raum Afrikas und in den mitteleuropäischen der obe­ren Donau. Beide schienen Rom ohnx restlose Bereinigung seiner Stellung zu Frankreich nicht erreichbar, dessen österreichische Politik ohne­hin mit der italienischen, wenigstens auf den ersten Wegstrecken, zusammenlief. So führte die neue Politik zum Januarabkommen mit Frankreich, zu der Einfügung Italiens in die Front der Mächte vom Londoner Protokoll und von Stresa, zur An-

Das Memelunrecht kommt im britischen Ltnterhaus zur Sprache.

Das rein künstliche Regime des Memelstatuts war ein Kehler der Alliierten." Internationale Kontrolle und Volksenische,d muffen eine neue Lösung vorbereiten.

Die deutsche Rüstung ist an allem schuld. Eine Attacke Churchills.

L o n d o n, 24. Okt. (DNB) In Unterhaus wandte sich der konservatwe Abgeordnete Winston Chur­chill sofort dem Thema der d e u t f ch e n Auf­rüstung zu. Der Umfang und das Tempo der deutschen Wiederaufrüstung, so führte er aus, fei feit seiner letzten Rede unbarmherzig fortgesetzt worden. Ganz Deutschland sei ein bewaffnetes Lager. Eine mächtige Armee fei im Entstehen. Aber die Deutschen füllten nicht nur ihre eigenen ungeheuren Magazine, sondern sie seien auch in der Lage, gewisse Mengen an Munition auszuführen. Schnell werde die deutsche Luftwaffe aufge­baut. Für England bestehe vorerst keine Aussicht, die Stärke der deutschen Luftstreitkräfte zu erreichen oder Deutschland in naher Zukunft zu überholen, was England auch immer tun möge. Er wolle nicht behaupten, daß sich die deutsche Wiederauf­rüstung gegen England richte. Vielleicht seien die Engländer die letzten, die die Deutschen anzu­greifen wünschten. Es werde sogar eine Theorie aus­gestellt, wonach die Deutschen nur aus nationaler Selbstachtung aufrüsten und sie niemanden zu verletzen gedächten. Er wage aber zu behaupten, daß England keine Sorge habe, die mit der durch die deutsche Wiederaufrüstung verursachten Sorge verglichen werden könne. Er grolle dem deutschen Volke nicht; er fjabe viele deutsche Freunde und hege eine lebhafte Bewunderung für ihre ausge­zeichneten geistigen, wissenschaftlichen und künstle­rischen Eigenschaften. Nur ein im Frieden mit sich selbst lebendes Deutschland, das keinen Haß mehr im Herzen habe, könne Europa von seinen.Gefah­ren, von seiner Furcht befreien.

Churchill ging dann zum italienisch - abes­sinischen Streit über, der, wie er sagte, im Verhältnis zu den soeben von ihm beschriebenen Ge­fahren eine Angelegenheit von nur sehr ge­ringer Bedeutung sei. Er glaube nicht, daß Mussolini sich auf das abessinische Abenteuer ein­gelassen hätte, wenn er nicht die tiefen Besorgnisse Frankreichs über die deutsche Wiederaufrüstung und die militärische Schwäche Englands zu Lande und zu Wasser erkannt hätte. England müffe unverzüglich dafür sorgen, daß es seine Herrschaft Über das Mittelmeer sicher und dauerhaft mache. (Beifall.) Der Erfolg der wirt­schaftlichen Sühnemaßnahmen hänge von der Dauer ihrer Anwendung ab. Wo werde der italienische Dik­tator im nächsten Jahre um diese Zeit sein? Er werde sich vielleicht tief im Innern Abes­siniens befinden mit einer Armee von einer Viertel­million Mann, die unter Krankheiten und Kleinkrieg leiden würde. Italien werde aus jeder Pore bluten. Die Preise in Italien würden steigen, der Kredit

erfennung des Prinzips der Statik und der Ge­sättigten, gegen das man doch bald wieder in Afrika sich auflehnen wollte, und zur Spannung mit Deutschland, das man für noch schwach genug hielt, um es opfern zu dürfen. Die Rechnung hatte einen großen Fehler; sie würde ohne Eng­land gemacht, das zwar noch bis Strefa mitging, die Auswertung des europäischen Sicherheitssystems für koloniale Fragen aber als einen Eingriff in fein säkulares Vorbehaltsgut oder, moralisch ge­sprochen, als eine zynische Verachtung des Völker­bundes betrachtete. Daraus ergab sich sofort der zweite Rechenfehler, die Annahme der unbedingten Zuverlässigkeit Frankreichs. An diesem Punkte steht zur Zeit die italienische Diplomatie. Sie hatte Erfolge, als sie fein festes Ziel, aber eine Idee hatte, Mißerfolg, als sie die Idee verriet, um Ziele zu erhaschen. Die englische Politik macht es anders: sie suchte und fand ein Ideal, um ihre Ziele verfolgen zu können! O. M.

Oer radikalsvziaüstische Parteitag

Paris, 24. Okt. (DNB.) In Paris hat die 32. Landestagung der Radikalfozialistifchen Partei be­gonnen. Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der Kammer, B a st i d e, bekräftigte das Festhalten der Radikalsozialisten an der Politik der internatio­nalen Zusammenarbeit und kollektiven Sicherheit, deren Mittelpunkt der Völkerbund sei. Die gemein­samen Anstrengungen Englands, Sowjetrußlands (!) und Frankreichs bildeten das Gerüst des Friedens und die Garantie der kleinen Mächte. Die Fort­setzung dieser Politik sei allein geeignet, die Auf­rechterhaltung des Friedens zu gewährleisten.

Die Sitzung war weiter landwirtschaftlichen Fra­gen gewidmet, denen sämtliche französische Parteien neuerdings im Hinblick auf die Gärung in der Bauernschaft ihr besonderes Interesse zuwenden.

Staatsminister H e r r i o t betonte, daß ganz Frankreich einem Versuch zur Diktatur Widerstand leisten würde. Niemand könne die Republik an­greifen.

Es kam zu einer lebhaften Auseinandersetzung über die neuen Verordnungen über öffentliche Kundgebungen, Waffenhandel und Waffenbesitz. Die Angriffe des linken Flügels gegen die Regierung veranlaßten Staatsminister Herrivt, die Sitzung zu verlassen, aber nach einer Stunde kehrte er auf die eindringliche Bitte seiner Freunde zurück. Den Vorstoß führte Daladier an, der die Auf­fassung vertrat, daß die Maßnahmen der Regierung unwirksam seien.

Wahlen in der Schweiz.

Basel, 24. Okt. (DNB.) Am Sonntag finden in der Schweiz die Neuwahlen für den Natio- nalrat und für einen Teil des Ständerates statt. Die beiden Körperschaften sind für eine Amts­zeit von vier Jahren zu wählen, und zwar der Nationalrat nach dem 1919 zum erstenmal ange­wandten Proporzsystem, der Ständerat nach dem Majorzsystem. Die Zahl der Sitze im Nationalrat beträgt 187; die Kantone als Ständevertreter haben im Ständerat 44 Abgesandte.

Um die 187 Nationalratssitze bewerben sich nicht weniger als 981 Kandidaten, die auf 118 Wahl- vorfchlagslisten eingereicht wurden. Das ist eine sehr

werde geschwunden sein. Man dürfe die Bedeutung eines langanhaltenden Druckes nicht unterschätzen.

Nach der Rede Churchills wurde über die Ar­beitslosenfrage gesprochen. Als ein Arbeitervertreter die Frage der englischen Notstandsgebiete aufwarf, warf eine junge Frau von der Galerie ein Bün­del kommuni st ifcher Flugblätter auf die Abgeordneten. Die Demonstrantin wurde sofort entfernt. Der Arbeitervertreter Greenwood sagte, Churchill habe sich mit seiner Rede für ein hohes Amt in der Nationalregierung als geeignet er­wiesen, falls diese an der Macht bleibe. Er beschul­digte im übrigen die Regierung, daß sie den italie­nisch-abessinischen Streit als ein Mittel benutze, um die ernste wirtschaftliche Lage und die Arbeitslofen- frage in England in den Hintergrund zu rücken. Die Lage Memels ist unmöglich"

Der konservative Abgeordnete Hauptmann C a - 3alet erklärte, daß die deutsche Wieder- aufrüftung nicht gegen England g e - richtet fei. Man sage oft, daß der Völker­bund eine Organisation derjenigen sei, die sich irgendeiner Erweiterung der deutschen Rechte ober Forderungen widersetzen. Heute sei aber die Gele­genheit vorhanden, um zu zeigen, daß der Dölker- bunb eher dazu bereit ist, die Probleme der besiegten Staaten zu lösen, als den Status quo der Siegermächte aufrecht zu erhalten. Eines dieser Probleme sei die Memelfrage. Heute fei im Memelgebiet ein vollkommen künst­liches Regime vorhanden.

Wir müssen einsehen, daß es ein Fehler in den Friedevsverlräqen war, die 140 000 Einwohner des INemelgebieles, die 500 Jahre lang unter deutscher Herrschaft waren, unter die Souverä­nität eines ausländischen Staates zu stellen. Ich glaube ferner, daß es ein Fehler der Alliierten und des Völkerbundes im Jahre 1924 war, dem litauischen Staatsstreich nachzugeben und ein rein künstliches Regime zu errichten." Der Ab­geordnete fuhr fort, es erscheine ihm als Lösung des Wemelproblems eine internationale Kontrolle auf eine Reihe von I äh­re n für nötig, worauf eine neue Erwägung des Problems und möglicherweise eine Volksenl- fcheidung vorgenommen werden müßten. Er habe keine unterrichtete Persönlichkeit getroffen, die nicht die gegenwärtige Lage in Demel als unmöglich betrachte.

Der Redner wies dann auf die Notwendigkeit einer Abänderung der Friedensverträge und von Maßnahmen wirtschaftlicher Expansion hin. Er schlägt vor, Deutschland sehr beträchtliche wirt­schaftliche Zugeständnisse sowohl in Europa als auch außerhalb Europas zu machen, vorausgesetzt, daß es

in den Völkerbund zurückkehre und eine solche Rege­lung im Rahmen eines allgemeinen Abrüstungs- planes stehen würde.

Keine Schwenkung der britischen Abessinienpol tik.

Innenminister Sir John Simon

teilte mit, daß er auf Ersuchen des Außenministers noch eine Erklärung zum italienisch-abessinifchen Konflikt abzugeben habe. Am Donnerstagmorgen sei veröffentlicht worden, daß die enalische Regie­rung über Nacht ihre Politik einer umfassenden Zu­sammenarbeit mit dem Völkerbund aufgegeben habe, hinter dem Rücken des Völkerbun­des mit Frankreich und Italien eine Regelung des italienisch-abessinischen Konfliktes aushandele und den Völkerbund und Abessinien dann auffor­dern werde, diese Regelung anzunehmen. Sir John Simon fuhr fort:

Ich spreche mit der Autorität der ganzen Re­gierung, wenn ich erkläre, daß diese wilde Be­schuldigung überhaupt nicht wahr ist. Von Anfang dieses Konfliktes an war die Po­litik der englischen Regierung vor allen Dingen darauf gerichtet, falls möglich, eine Regelung zu fördern, die nicht nur im Rahmen der Völkerbundsfahung steht, sondern auch für die beiden ff reitbaren Parteien annehmbar sein würde. Ich nehme an, daß wir vollkommen im Recht sind, wenn wir uns als Freunde des Friedens be­mühen, die internationale Freundschaft zu for­dern. Die englisch-französischen Vorschläge z. B., die im vergangenen August in Pa­ris unterbreitet wurden, hätten auf die­sem Grundsatz beruht und ebenso der plan des Genfer Fünferausschusses. Wir tun weder etwas hinter dem Rücken des Völ­kerbundes, noch haben wir auch nur einen Augenblick daran gedacht, dies zu tun. (Beifall auf der Ministerbank.) Dir haben ferner nicht die Absicht, als Mitglied eines kollektiven Sy­stems in der Wirkfammachung unserer Ver­pflichtung unter der Völkerbundsfahung zu schwanken. Wir hoffen, daß eine schnelle und befriedigende Losung zustande kommt, aber sie muß im Rahmen des Völkerbundes liegen und von den drei betroffenen Parteien, nämlich Italien, Abessinien und dem Völker­

bund angenommen werden." (Beifall.)

Sir John Simon behandelte hierauf noch einige innenpolitische Fragen, worauf die Aussprache des Unterhauses nach einer Dauer von drei Tagen abgeschlossen wurde.

hohe Ziffer für die 1,194 Millionen Wahlberechtig- ten. Sie hängt damit zusammen, daß sich wiederum verschiedene neue Parteien gebildet haben, und zwar die Nationale Front, die Natio­nalen Demokraten, die Freiwirtschafiler, Direktor Duttweiler von der Migros AG. und der Hotel­plangenossenschaft, die Jungbauern und die Evan­gelische Äolkspartei.

Heber die Wahlaussichten läßt sich nicht gut prophezeien. Die bürgerlichen Parteien rechnen im allgemeinen mit keiner großen Verschiebung, so daß sie ihre bisherigen Ver­tretungen im Nationalrat, bestehend aus 52 Frei­sinnigen, 44 Katholisch-Konservativen, 30 Bürger­und Bauernparteien und 6 Liberalen, einigermaßen beibehalten können. Die Linke hingegen, die sich aus 49 Sozialdemokraten und 3 Kommunisten zu­sammensetzt, unternimmt große Anstrengungen, um die Unzufriedenen für ihre Listen zu gewinnen. Sie wartet zu diesem Zweck mit großen Versprechungen, Bauprogrammen Anleiheprojekten usw. auf. Be­stimmend sind bei den Wahlen jedenfalls nur rein

innenpolitische Gesichtspunkte, die zudem von Kanton zu Kanton verschieden sind.

Lin berühmter österreichischer Kriegsflieger gestorben.

In Wien starb der Flugkapitän Hauptmann a. D. Rudolf Stanger, einer der hervorragendsten Kriegsflieger der österreichischen Armee. Knapp vor dem Fall der Festung Przemysl gelang es ihm, in der Festung zu landen und beim Rückflug wichtige Meldungen mitzunehmen. Er wurde nach diesem Flug von Kaiser Franz Joseph in Audienz emp­fangen. Dabei soll es zu einer außerordentlich pein­lichen Szene gekommen fein, da der Kaiser dem Flieger seine offenherzige Schilderung von der un­zureichenden Versorgung der Festung mit Nahrungs­mitteln und von der schrecklichen Hungersnot der Besatzung und der Zivilbevölkerung übel nahm. Später war Stanger Kommandant einer Jagd­staffel am südlichen Kriegsschauplatz.

Neutrale und Ganktionisten.

Römischer Kriegsöries.

Von unserem römischen E.-Korrespondenien.

Rom, Ende Oktober.

In Italien, dem Geburtsland der Futuristen, ist man mit der Taufe von iften" schnell bei der Hand. Die Anschlußfreunde wurden zu anschlussisti und der gleiche Zorn, der ihnen im vorigen Jahre entgegengebracht wurde, gilt nun den fanzio- nisti, während man den hitleristi oder hitleriani für ihre Nichteinmischung in den Dölkerbundsstreit hohe Anerkennung zollt' Ja, es gibt wohl heute niemand mehr in Rom, der in den Anschlußisten die Gefahr Nr. 1 erblicken möchte. Diesen Rang haben die Engländer eingenommen. Dann kommen eine Reihe von anderen und ziemlich weit hinten erst die Abessinier, wobei aber natur­gemäß auch * schon wieder zwischen den Getreuen des Negus und den Ueberlöufern ein großer Un­terschied gemacht wird.

Eigentliche Freunde, heißt es, haben wir jetzt nur zwei: die kleinen Staaten, die von Litwinow als abtrünnige und von Titulescu als Mussolinis Vasallen bezeichnet werden: Oesterreich und Ungarn. Entscheidende Hilfe können sie freilich nicht bringen, es fei denn, sie verständen d i e Drücke z u den großen Neutralen zu schlagen: Deutschland, Amerika, Brasilien und Ja­pan. Rom schwebt dabei so etwas wie das seinerzeit berühmteLoch im Westen" vor.

2IUe übrigen Staaten gehören zu den Sank- t i o niste n, und wenn sie wirklich so eingeschätzt würden, wie es die bissigen Karikaturen zeigen, konnte man auf den Gedanken kommen, daß von Genf, alles eher als eine Völkerverföhnung aus« gef)e. Da sieht man etwa, angeführt von einem Schwein, eine Reihe von Schafen herantänzeln und die Plakatschrift links und rechts kündigt an: 52 ® e n f g i r I s ! Daß bald das eine, bald das andere aus der Reihe tanzen werde, ist dabei die große geheime Hoffnung. Sie stützt sich auf die feinen Unterscheidungen, die während des

Weltkriegs zwischen Neutralität und Neutralität ent­deckt wurden. Da gab es eine absolute und eine wohlwollende Neutralität, die Schweiz ist als Folge ihres Eintritts in den Völkerbund gar ZU einerdifferenzierten" Neutralität ge­langt, obwohl ihr die bisherige absolute jahrhun­dertelang recht gute Dienste geleistet hatte. Und von Tag zu Tag wächst in der Eidgenossenschaft der Wunsch nach Rückkehr zur klaren Politik der Väter. Freilich käme das in diesem Augenblick auch Italien zugute und die Marxisten sind infolgedessen dagegen.

S a n k ti o n i st w i d e r W i l l e n i ft Frank­reich. Wird es die Blockade wirklich hundertpro­zentig mitmachen? Politiker und Geschäftsleute zweifeln. Mindestens, so rechnen sie, wird auf dem Boden des zögernden Mitgehens ein Riefen­schmuggel aufblühen, wie ihn weder die Kon­tinentalsperre Napoleons, noch die über Deutschland im Weltkrieg verhängte Hungerblockade erlebte. Jedenfalls ist Italien somit von Nachbarn um­geben, mit denen sich reden ließe: Oesterreich, Schweiz und Frankreich. Der englischen Flotte beste Aufklärer können nicht in die Alpenpässe hin­einschauen. Theoretisch wäre der Handelsweq bis nach Amerika offen, vor allem nach Brasilien. Uebrigens drohen die Millionen von Italienern in Lateinamerika bereits mit dem Gegenboykott.

Nicht unbedenklich erscheinen neben den wirt­schaftlichen Folgen der Sanktionen die politi­schen, denn die Unterscheidung zwischen Neu­tralen und Sanktionisten drängt auch die Volks- ftimmung in die entsprechende Richtung. Die Presse hat die Losung ausgegeben: Feind ist, wer die Sanktionen mitmacht. Und unvergessen blieb das Ducewort: Dem Freunde alles Gute, dem Feinde alles lieble! Wenn auch die britische Er­klärung, wonach England weder den Suezkanal schließen, noch sonst eine kriegerische Handlung gegen Italien begehen werde, mit großer Erleichte­rung ausgenommen wurde, das Mißtrauen ist ge­blieben und würde bei Durchführung der Genfer Sühnemaßnahmen in offenen Haß gegen alle Sank- tioniften umschlagen.