Die italienische Regierung gibt die Zurückziehung einer Division aus Libyen bekannt.
Die Zurückziehung erfolgt ohne Bedingung, aber Rom erwartet auch von England eine Geste zur Entspannung der Lage im Mttelmeer.
Oer russische Mensch und die Sowjets.
Bon Otto Eorbach.
„Früher sagten wir", so erklärte Stalin in einer großen Rede, die eine neue Epoche ip der Geschichte Sowjetrußlands eingeleitet haben soll, „daß die Technik alles entscheidet. Diese Losung hals uns in der Beziehung, daß wir den Hunger auf dem Gebiete der Technik liquidiert und eine außerordentlich breite technische Basis in allen Tätigkeitszweiaen für die Ausrüstung unserer Leute mit einer erstklassigen Technik geschaffen haben. Das ist sehr gut, aber das ist n o ch l a n g e n i ch t genüg e n d Um die Technik in Gang zu bringen und sie bis auf den Grund auszunutzen, braucht man Menschen, die die Technik beherrschen, braucht man Kader, die befähigt sind, sich diese Technik anzueignen und sie nach allen Regeln der Kunst auszunutzen. Technik ohne Leute, die sich die Technik angeeignet haben, ist tot."
Dieses Bekenntnis Stalins zu einer Wahrheit, die in „kapitalistischen" Industriestaaten längst zu einer Binsenwahrheit geworden ist, bedeutet in Wirklichkeit das Zugeständnis, daß der russische Mensch im allgemeinen gegenüber den Aufgaben moderner Technik unter dem Sowjetsystem nicht minder versagt hat, wie unter dem System des zaristischen Rußland. Wenn moderne Fabriken im neuen Rußland bis zu 80 o. H. Ausschuß statt brauchbare Ware liefern, wenn die meisten Maschinen, die landwirtschaftlichen „Kollektiven" geliefert werden, entweder von vornherein versagen oder in kurzer Zeit durch unsachgemäße Behandlung z u - arundegerichtet werden, wenn der kleinste Fortschritt technischer Rationalisierung durch ein unverhältnismäßiges Steigen der unproduktiven Kosten einer Ueber-Bürokratisierung erkauft werden muß, wenn nur unter Leitung kostspieliger femder Spezialisten auf einzelnen Gebieten Leistungen erzielt werden können, die sich gegenüber denen, die in kapitalistischen Ländern erzielt werden, sehen lassen können, so beweist das doch alles nichts anderes, als daß der Aufwand für die Durchführung des ersten und zweiten Fünfjahresplanes in dem Maße nutzlos vertan ist, wie der menschliche Faktor dabei ungenügend berücksichtigt wurde.
Roch Lenin hatte vor dem überhitzten Tempo, in dem unter Stalin die „Ueberwindung der technischen Rückständigkeit Rußlands" betrieben wurde, eindringlich gewarnt „Die Zeit der Programme, deren Erfüllung vom Volke gefordert wird", erklärte er im Jahre 1922 auf dem 11 Kongreß der Kommunistischen Partei Rußlands, „ist vorbei." Jetzt müssen wir zeigen, daß wir dem Bauer und Arbeiter in. seiner schwierigen Lage praktisch halfen und den Wettkamvf mit dem Kaoitalismus bestehen können ... Daß in den staatlichen Trusts und gemischten Betrieben überall die besten, ihrer Verantwortlichkeit bewußten Kommunisten sitzen, ist kein Trost: Denn sie verstehen von der Wirtschaft weniger als der kapitalistische Durchschnittskom- mis, der die Schule einer ansehnlichen Firma durchgemacht hat. Unser kommuni st ischer Hochmut hindert diese Erkenntnis ... Wir verfügen über alle möglichen Machtmittel, aber das Können fehlt . Kommunisten, die in der Revolution die löblichste Arbeit geleistet haben, sitzen heute in Industrie- und Handelsbetrieben, von denen sie nicht das geringste verstehen: Und hinter ihrem Rücken verstecken sich Schurken. Aus diese Weise wird die Wahrheit gefälscht und die Nachprüfung des Geschaffenen verhindert ... In dem Geknäuel unserer Kommissionen kann sich niemand mehr zurechtfinden; und noch schwerer ist's, festzustellen, wer für einen Beschluß verantwortlich ill. In neunundneunzig von hundert Fällen si^en Kommunisten in Aemtern, die sie nicht ausfüllen können, und für die erst eine ernste Lehrzeit sie tauglich machen kann. Wir dürfen uns nicht fürchten, darüber Klarheit zu erlangen. Die zum Lernen ausreichende Frist wird uns, wie mir scheint, die internationale Lage lassen . ."
Dreizehn Jahre, nachdem Lenin dieses sagte, muß Stalin feststellen, daß die inzwischen verstrichene Frist in erster Linie, statt zum „.Lernen", dazu verwandt wurde, Rußland mit einem erklassigen i n - dustriellen Apparat ouszustatten, ohne daß man sich in mehr als ganz unzulänglicher Weise darum kümmerte, ob man je und je über d i e nötigen Kader geeigneter Arbeitskräfte verfügen würde. „Maschinen zu schätzen und darüber zu berichten, wieviele Technik es in unfern Werken und Fabriken gibt", gibt Stalin in seiner Rede unumwunden zu, „das haben wir gelernt, aber ich kenne keinen einzigen Fall, wo man mit der gleichen Bereitwilligkeit darüber berichtet hätte, wieviele Menschen wir in einer gewissen Periode herangezogen und wie wir den Leuten dabei geholfen haben, zu wachsen und sich in der Arbeit zu stählen. Worauf ist das zurückzuführen? Das’ ist darauf zurückzuführen, daß man bei uns noch nicht gelernt hat, die Menschen zu schätzen, die Arbeitskräfte zu schätzen, die Kader zu schätzen."
Es fragt sich nur, ob es sich nicht auch bei diesem reumütigen Geständnis wieder um eine Selbsttäuschung handelt. „Rußland", heißt es einmal bei „Turgenjew, gleicht einem Schauspieler, der die Bühne betritt, bevor er seine Rolle gelernt hat." Haben die Bolschewiki, indem sie sich vornahmen, die technisch-wirtschaftliche Rückständigkeit Rußlands durch die Zauberkraft einer marxistischen „Diktatur des Proletariats" in wenigen Jahren zu überwinden, sich etwa nicht nur im Mittel vergriffen, sondern auch über Erbanlagen des russischen Menschen gröblich getäuscht?
In ihrem Bestreben, die Rückständigkeit Rußlands zu überwinden, fühlen sich die Bolschewiki eigentlich als Testamentsvollstrecker Peters des Großen. In diesem Sinne sagte Stalin am 19. November 1928 in einer Rede vor der Zentrale der Kommunistischen Partei Rußlands: „Die technisch-wirtschaftliche Rückständigkeit unseres Landes wurde nicht von uns erfunden .. Als Peter der Große, der mit den entwickelteren Ländern des Westens zu tun hatte, fieberhaft Fabriken und Werke baute, um die Armee zu versorgen und die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu steigern, war dies ein eigenartiger Versuch, aus dem Rahmen dieser Rückständigkeit hinauszuspringen. Es ist jedoch ganz natürlich, daß keine der alten Klassen, weder die feudale Aristo- k r a t i e noch die Bourgeoisie, imstande war, die Aufgabe der Liquidierung dieser Rückständigkeit unseres Landes zu lösen. Noch mehr, diese Klassen konnten nicht nur diese Aufgabe nicht lösen, sie waren nicht einmal fähig, sie in befriedigender Form zu stellen. Die jahrhundertelange Rückständigkeit unseres Landes kann nur auf der Grundlage eines erfolgreichen sozialistischen Aufbaues liquidiert werden. Nur das Proletariat, das seine Diktatur errichtet hat, und das die Führung des
Rom, 24. Oft (DUB.) Donnerstag abend wurde in Rom amtlich bekannt gegeben, daß die italienische Regierung eine Division aus Libyen zurückgezogen und in die Heimat abberufen hat. Mit der Rückbeförderung der Division sott unverzüglich begonnen werden. Die in Libyen flehenden italienischen Streitkräfte werden damit um 1 5000 Mann verringert. Ausdrücklich wird erklärt, daß diese Zurückziehung bedingungslos erfolgt fei. Mit irgendwelchen anderen Maßnahmen oder Forderungen fei sie nicht verquickt worden.
So habe Italien vor allem als Voraussetzung für diese Maßnahme nicht verlangt, daß England feine Flotte im Mittelmeer verringert. Immerhin wird die Hoffnung ausgesprochen, daß, nachdem Italien eine derartige bedeutungsvolle Geste getan habe, auch von anderer Seite zur Entspannung der Lage im Mittelmeer beigetragen werde. Vorläufig ist hier noch nicht bekannt, ob England Schiffe aus dem Mitlelmeer zurückgezogen oder hierüber feste Beschlüsse gefaßt habe. Man erklärt in Rom, die italienische Maßnahme sei von dem Geiste getragen, die schon genug verwickelte Lage im italienisch- abessinischen Streit nicht noch durch neue Verwicklungen im Mittelmeer weiter zu erschweren, sondern alles zu tun, was zu einer Erleichterung der Atmosphäre führen könnte.
Zur politischen Lage wird weiter erklärt, es treffe keinesfalls zu, daß bereits über einen festen Plan verhandelt werde. Es handele sich bei den augenblicklich im Gang befindlichen diplomatischen Besprechungen nach wie vor um Fühlungnahmen, die darauf gerichtet seien, die augenblickliche Lage einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Angaben, auf welcher Linie sich diese Verhandlungen bewegen, werden von italienischer Seite nicht gemacht Man betont.
Landes in seinen Händen hält, kann sie liquidieren."
In Wirklichkeit hat der jeweilige Ring kommunistischer Führer, der nach der bolschewistischen Revolution seine Diktatur für die des russischen „Proletariats" ausgab, in erster Linie das biologische Kapital größtenteils vernichtet, das sich im alten Rußland für eine allmähliche Ueberwindung der technischen Rückständigkeit des Landes in Jahrhunderten angesammelt hatte, um sich dann einzubilden, man könne die Unzulänglichkeit einer minderwertigeren, aber um so gefügigeren biologischen Substanz durch Ausrüstung mit einem erstklassigen technischen Apparat wettmachen. Im alten Rußland hatte man seit der Kaiserin Katharina wenigstens erkannt, daß der russische Mensch auf natürliche Weise gewissermaßen emporgezüchtet und durch vorbildliche fremde Leistungen zu stärkerer Willensanspannung angestachelt werden müsse, damit mit ihm etwas rechtes anzufangen wäre. Daher wurden deutsche, schwedische und andere fremde „K o l o n i st e n" ins Land gerufen, damit sie Musterbetriebe gründeten und als Sauerteig im grauen Einerlei russischer Bauernmassen wirkten. Nur dadurch wurde das alte Rußland instandgesetzt, sich an der Belieferung des Weltmarktes mit Weizen zu 40 v. H. 3U beteiligen. Im neuen Rußland wurden die Musterwirtschaften vernichtet, die Musterwirte teils erschossen, teils in Staatssklaven verwandelt. Vergebens aber rechnete man damit, daß Traktoren und Mähdrescher auf Staatsgütern, von widerwilligen und mangelhaft vorqe- bildeten Händen bedient, eine „kommunistische" Gesellschaftsordnung für die Vernichtung eines befitz- unb arbeitsfreudigen Bauernstandes entschädigen würden. Inzwischen hat sich die internationale Läge, von der Lenin hoffte, daß sie dem kommunistischen Führertum in Rußland genügend Zeit zum „Lernen" lassen würde, so zuungunsten Moskaus geändert, daß es fraglich erscheint, ob sich das leichtfertig Versäumte nachholen läßt, bevor man der furchtbaren Wahrheit die Stirn bieten muß: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!"
Hlottenkonferenz in London.
Ersatz der ablaufenden Flottenverträge.
Berlin, 24 Okt. (DNB.) Die britische Regierung hat die UnterzeichnerdesLondoner und des Washingtoner Flottenvertrages zu einer am 2. Dezember in London beginnenden Konferenz über die Frage der Flotten- begrenzung eingeladen. Die Einladungen wurden den Botschaftern Amerikas, Frankreichs, Italiens und Japans zugestellt. Die britischen Dominions haben keine formale Einladung erhalten, doch ist ihnen anheimgestellt worden, Vertreter zu entsenden, falls sie dies wünschen sollten. Der Erste Lord der Admiralität erklärte im Unterhaus, der Zweck der Konferenz sei, ein Abkommen über mög - lichst viele Fragen der Flottenbegrenzung zu sichern und damit den Abschluß eines internationalen Vertrages zu ermöglichen, der a n bie Stelle der beiden jetzt gültigen Flottenverträge treten würde, bie Enbe nächstes Jahres ab laufen. Man hoffe, daß, wenn erst einmal ein Abkommen zwischen den Vertretern der Unterzeichnermächte in Aussicht stehe, der R a fr- rn e n der Konferenz erweitert werden könne, so daß die Vertreter anderer Flottenmächte teilnehmen können.
Reuter meldet, daß man in London keine übertriebenenHoffnungen über die Aussichten der Flottenkonferenz hege. Dies gehe schon daraus hervor, daß die teilnehmenden Staaten, mit Ausnahme Englands, durch ihre Londoner Botschafter vertreten sein werden. Der britische Plan werde dahingehen, die Mächte um eine Mitteilung ihrer Bauprogramme auf die Dauer von etwa fünf Jahren zu bitten und dann zu versuchen, durch gegenseitige Vereinbarungen Dorauserklärunaen über die Bauprogramme der verschiedenen Staaten auf möglichst niedriger Grundlage herbeizuführen. Gleichzeitig werde England auf eine Begren-
dah das Schwergewicht der Besprechungen i n Paris und Landon liege.
Laval dementiert
Der Ministerpräsident will keine An- regungen Mussolinis weitergegeben haben.
Paris, 24. Oft (DRB.) Der französische Außenminister erklärt zu der von mehreren Pariser Blättern veröffentlichten Meldung, wonach Laval von Mussolini Anregungen für eine Lösung des italienisch-abessinischen Streites erhalten und sie dem englischen Botschafter übermittelt habe, daß in den Unterredungen zwischen Laval und dem englischen Botschafter von A n - regu-ngen dieser Art noch nie die Rede gewesen sei.
Roch kein fester plan, aber diplomatischer Meinungsaustausch.
Scharfe Kritik der britischen Sanktionsfreunde.
London, 25. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Londoner Morgenblätter sind der Ansicht, daß die Nachrichten über italienische Friedensfühler zutreffen, daß aber die Besprechungen vorläufig noch zu keinem festen Plan geführt haben. Der Pariser „Times"-Berichterstatter sagt, die französische Erklärung, daß Laval keinen italienischen Vorschlag an den britischen Botschafter weitergeleitet habe, entkräfte nicht die Annahme, daß zwischen Paris und Rom und zwischen London und Rom ein diplomatischer Meinungsaustausch im Gange sei, der auf eine Verhandlungsgrundlage abziele. Das Dementi könne als Zeichen betrachtet werden, daß die Besprechungen noch nicht das Stadium eines positiven Programmes ober einer Vereinbarung über das Verfahren erreicht hätten.
„News Chronicle" nimmt Anstoß an der Aeuße- rung Edens vom Mittwoch, daß er aufrichtig auf eine Vereinbarung hoffe, bevor die wirtschaftlichen Sühnemaßnahmen in Kraft treten. Das Blatt fragt, worauf sich diese geheimnisvolle Hoffnung gründe, und ob man vielleicht daran denke, Abessinien eine Regelung aufzuerlegen, die auf einer geheimen Konferenz zwischen England, Frankreich und Italien verabredet worden sei. Auf der Sitzung des Sanktionsausschusses am Donnerstag nächster Woche werde sich zeigen, bis zu welchem Maße die Aenderung der britischen Politik gegenüber dem Völkerbund dieAussich - ten aus einen starken gemeinsamen D r'u ck zur Beendigung des Krieges vermindert habe. In Regierungskreisen werde eine Aenderung der britischen Außenpolitik in Abrede gestellt, aber die Ableugnung habe weniger Gewicht als die Tatsache, daß die neueste Rede Hoares i n Italien Befriedigung und in Abessinien Enttäuschung hervorgerufen habe. — Auch das Arbeiterblatt „Daily H e r a l d" spricht von einem kläglichen Frontwechsel und von verstohlenen Unterredungen zwischen Rom und London, und sagt, Mussolini, der jetzt glaube, vor ernsten Sühnemaßnahmen sicher zu sein, erwartet, daß die britische Regierung ihren Rückzug fortsetzt, falls er selbst fest bleibe.
Italienische Baumwollanfkäufe.
London, 24. Okt. (DNB.) Reuter berichtet, daß mit Rücksicht auf die in Kürze zu erwartende Inkraftsetzung der Genfer Sühnemaßnahmen die Aus- fuhrhändler in Alexandrien alle verfügbaren Baumwollballen in Aegypten zur sofortigen Verschiffung nach Italien a u f f a u « f e n. Die beispiellose Hochkonjunktur setzte bereits vor einer Woche ein, nachdem Italien sich entschlossen habe, Baumwolle bar z u bezahlen. In der Zeit vom 17. bis 24. Oktober sind aus dem Innern des Landes 70 600 Baumwollballen in Alexandrien eingetroffen, während in der gleichen Zeit des Vormonats nur 25100 Ballen angekommen waren.
polens Kamps um den Ausgleich der Gtaatsfinanzen.
Die Regierung fordert Vollmachten.
Warschau, 24. Okt. (DNB.) Die Sondertagung des Warschauer Sejm zur Verabschiedung eines Vollmachtsgesetzes für die Regierung wurde in Anwesenheit der gesamten Regierung und vieler Diplomaten eröffnet. Die Rede des Mini st er« Präsidenten war ein starker Appell an die Kammer und an die Bevölkerung, im engsten Vertrauen mit der Regierung zusammenzuarbeiten und deren festen Willen, die brennenden Wirtschaftsfragen einer Lösung zuzuführen, opferwillig zu unterstützen. Wenn Polen einem besseren Morgen entgegengehen wolle, müsse auch unter großen Opfern zunächst und zu allererst einmal der Staatshaushalt ins Gleichgewicht g e- bracht werden. Eine gute öffentliche Wirtschaft sei zugleich das wichtigste Fundament für die auswärtige Politik, denn in der Welt rechne man mit den Starken und nicht mit den Schwachen, mit den gutorganisierten und wirtschaftlich leistungsfähigen Staaten, aber nicht mit einem Staat, der auf fremde Hilfe rechne. Das Vollmachtsgesetz sei eine unabweisbare Staatsnotwendigkeit des Augenblicks.
Die polnischen Staatseinnahmen, die vor fünf Jahren über 3 Milliarden betragen hätten, beliefen sich gegenwärtig nur auf 1900 Millionen. Auch bei größter Beschränkung aller Ausgaben feien diese Einnahmen nicht genü
gend, um die dringenden Bedürfnisse zu decken. Daher müsse an eine Erhöhung der Einnahmequellen und an eine weitere Ersparnis auf der Ausgabeseite herangegangen werden. Die Regierung wird also eine Reform der Einkommen st euer durchführen, die die Steuersätze erhöht und den Kreis der Steuerzahler erweitert. Gleichzeitig fei es unvermeidlich, weitere Sparsamkeit- maßnahmen durchzuführen. Um die Lasten zu erleichtern, werde die Regierung für Senkung der Lebenshaltungskosten, d. h. der Mieten für kleine Wohnungen und der Tarife für Elektrizität, Gas usw. sorgen. Mit besonderem Beifall begrüßte die Kammer die Ankündigung, die L a - st en der Landwirtschaft zu senken, da eine rentable Landwirtschaft unerläßliche Vorbedingung der wirtschaftlichen Besserung sei. Weiter werde die Regierung mit einer Senkung der Gütertarife beginnen. Die beabsichtigten Sparmaßnahmen würden sich auch auf die Lage der Beamtenschaft auswirken.
Nach der Rede des Ministerpräsidenten wurde das Gesetz, da von keinem der Abgeordneten das Wort verlangt wurde, einem Ausschuß von 30 Mitgliedern überwiesen, der vorn Sejm gewählt wurde.
jungber Tonnage und Ausrüstung von Schlachtschiffen und vielleicht auch Kreuzern drängen. Für die Schlachtschiffe sei die von England gewünschte Grenze eine Tonnage von 25 000 Tonnen und 12-Zoll-Geschützen. Sowohl das neueste deutsche Schlachtschiff wie auch der neue französischer Kreuzer „Du n k e r q u e" besäßen eine Wasserverdrängung von 26 000 Tonnen.
Zuspitzung des Lohnsireits im englischen Kohlenbergbau.
Der Vermittlungsversuch der Regierung gescheitert.
London, 25. Okt. (DNB. Funkspruch.) Der Versuch der Regierung, den Lohnstreit im Kohlenbergbau gütlich beizulegen, ist erfolglos geblieben. In später Abendstunde erklärte ein Vertreter der Bergleute, daß die Vorschläge der Regierung völlig unzulänglich seien. Die Regierung habe das Angebot des Bergarbeiter-Verbandes, die Frage einem unparteiischen Schiedsgericht vorzulegen und dessen Entscheidung anzunehmen, verworfen, nachdem die Zechenbesitzer sich dagegen erklärt hatten. Die Regierung habe es abgelehnt, einen Zwang auf die Zechenbesitzer anzuwenden. Infolgedessen sei der Vollzugsausschuß der Bergleute genötigt, die geplante Abstimmung unter den Bergleuten am 11., 12. und 13. November vorzunehmen. Die Abstimmung bezieht sich auf die Frage, ob ein allgemeiner ^Bergarbeiter» ft r e i f in England erklärt werden soll.
Von Regierungsseite wird erklärt, daß sich die Bemühungen des Bergbauministers C r o o k s h a n k daraus gerichtet hätten, den Haupt- ausschuß der Zecheybesitzer zu veranlassen, bis zum 1. Juli nächsten Jahres in allen Bezirken Ver - kaufsorganisativnen einzurichten, die unter einer zentralen Aufsichtsbehörde arbeiten sollten. Dieser Vorschlag habe auf der Erwägung beruht, daß die eigentliche Ursache der jetzigen Unruhe darin bestehe, daß der aus dem Verkauf von Kohlen erzielte Gewinn nicht ausreiche, um eine Besserung der Löhne zu ermöglichen. Die Zechenbesitzer sollen eine günstige Hal
tung gezeigt haben, während die Bergleute diese Maßnahme anscheinend für völlig ungenügend erklärt haben.
Die vier Heimattreuen von Malmedy ausgebürgert.
Lüttich, 24. Okt. (DNB.) Im Ausbürgerungsprozeß gegen die vier Heimattreuen Bürger von Malmedy wurde Donnerstag vormittag von der Ersten Kammer des Appellationshofes in Lüttich das Urteil verkündet. Sämtliche Beklagten, Joseph Dehottay, Peter Dehottay, Heinrich Dehot- tay und Paul Foxius, wurden auf Grund des Gesetzes vom 30. Juli 1934 der belgischen Staatsangehörigkeit verlustig erklärt, weil sie „schwere Verletzungen^ ihrer Staatsbürgerpflichten begangen hätten. Das Urteil ist endgültig. Nach dem Gesetz besteht keine Berufungsmöglichkeit gegen feine Durchführung. •
Entsprechend der These des Staatsanwaltes wird den Beklagten vorgeworfen, daß sie darauf ausgegangen seien, die Ordnung in Eupen- Malmedy umzustoßen und die Rückkehr des Gebietes zu Deutschland durch einen hartnäckigen Feldzug betrieben zu haben. Die Organisationen der Heimatbewegung werden in dem Urteil als Organe hingestellt, die darauf ausgegangen seien, die Angleichung der Belgien durch den Versailler Vertrag zugefallenen Gebiete zu verhindern. Die Auffassung, daß das Ausbürgerungsgesetz im Widerspruch zum Versailler Vertrag und zur belgischen Verfas- s u n g stehe, wird in der Urteilsbegründung zurückgewiesen. Es wird erklärt, der Versailler Vertrag habe nicht gewollt, daß Belgien solche Bürger für immer behalten müsse, die eine gegen den Bestand des Staates gerichtete Tätigkeit entwickeln würden. Die Urteilsbegründung zitiert weiter ausführliche Briefe und Schriftstücke, aus denen lediglich hervor- geht, daß die Beklagten sich für eine friedliche Lösung der Frage Eupen-Malmedy durch eine ordnungsmäßige Wiederholung der Abstimmung eingesetzt haben. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Urteilsbegründung die These des Staatsanwalts, daß die vier Führen


