Nr. 250 Erstes Vlatt
185. Jahrgang
Freitag, 25. Oktober 1955
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Unseren Artilleristen zum Gruß.
Willkommen in Gießen!
Unsere Stadt Gießen erlebt am heutigen Freitag, 25. Oktober 1935, einen der denkwürdigsten und erhebendsten Tage ihrer Geschichte Die heutigen Vormittagsstunden bringen uns die Freude des Einzugs einer Artillerie-Garnison in die Mauern unserer Stadt Es ist die I Abteilung Artillerie-Regiment 9 unter dem Befehl des Abteilungs-Kommandeurs, Hauptmann Welte, die im Rahmen des vom Führer und Reichskanzlers Adolf Hitler befohlenen Wiederaufbaues unserer Wehrmacht die Stadt Gießen als Standort erhielt. Die Gießener Bevölkerung, schon zu allen Zeiten den Soldaten freundlich gesinnt und immer bereit, ihrem Truppenteil die Garnisonstadt so angenehm wie nur irgend möglich zu machen, freut sich von ganzem Herzen über den Einzug der Jünger Barbaras, der Schutzheiligen der Artillerie. Wir sind gewiß, im Sinne aller Volksgenossen und Dalksgenossinnen unserer Stadt zu sprechen, wenn wir am heutigen Tage unseren Artilleristen die herzlichsten Willkommensgrüße der Garnisonstadt Gießen darbringen
Für die alte Soldatenstadt Gießen weckt die Artillerie am heutigen Tage eine interessante geschichtliche Erinnerung Es ist nämlich seit der Zeit des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hellen, der im Jahre 1567 verstarb und der zu seiner Zeit Kanonen und Stückmeister im Gießener Zeuabaus untergebracht und damit Gießen zum ersten Male als Artillerie-Garnison bestimmt hatte setzt erst das zweite Mal daß unsere Stadt — abaeieben natürlich von den Kriegszeiten in früheren Jahrhunderten — zu einer Artillerie-Garnison wird Neben dieser geschichtlichen Erinnerung ist es aber auch die Freude daß mir in der Artillerie nunmehr d i e 'Waffe mif in Gießen in Garnlon haben, aus deren 'Reihen zwei der höchsten Führer unseres Reickis- checres bervorgeganaen sind: der Oberbefehlshaber «des Reichsheeres General der Artillerie Freiherr man Fritsch und her Ebel des Generalltahs, >G "eral der Artitlrie Beck Die Tatsache daß die fc iben Artillerie-Osfiziere in diese hoben S^ellunoen «der Wehrmacht berufen wurden, darf man wohl mit «al-- einen Beweis dafür anlvrechen welche grolle D 'deutung der Artillerie-Waffe im modernen Heere querkannt wird Diese hervorragende, ja vielfach «usschlagaebende Rolle der Artillerie ist den 'Volksgenossen noch in bester Erinnerung die während des Weltkrieaes an der Front standen und tiort vielfach den starken <5*uh und die aeroaPiqe, bahnbrechende Kraft der Geschütze kennengelernt haben.
Gerade am heutigen Tage, den wir in Gießen wls den „Tag der Artillerie" begehen und ffür immer in Erinnerung behalten werden, geden- 8''n besonders die ehemaligen Frontsoldaten dieser Waffe. Wo die ..Männer mit b->m schwarzen Kragen" — der iünqeren Generation sei zur Erläute- crung gesagt, daß die Artillerie vor dem Kriege als ffHnedensuniform blaue Waffenröcke mit schwamm Klagen trug — im Felde mit ihrer Waffe zu Wort kamen, da sprachen sie ein gewichtiges Wort mit. ?n der O'fensive waren fie treue B"aleiter und Wegbereiter der ..Königin der Schlacht", der Infanterie; in der Abwehr sorgten sie durch ihr Sperrfeuer für einen wirkungsvollen Feuerriegel oor den Infanterie-Gröben ihres Abschnitts und damit für einen Schutz der Grabenbesakungen b-m der Feind nur verhältnismäßig selten und auch nur unter schweren blutiaen Verlusten durchlaufen konnte, um dann schließlich nach der Abwehr durch die vorderste Linie schließlich noch einmal von dem Feuerwirbel der Batterien gefaßt zu werden; bet den großen Schlachten im späteren Verlaufe des Krieges, besonders im Jahre 1918. waren es viele Feldartillerie-Batterien, die als Jnfanterie-Deqleit- batterien zusammen mit den vordersten Sturmwel- ben der Infanterie-Bataillone geaen den Feind an- i'türmten und ihn aus nächster Nähe unter vernich- endes Geschützfeuer nahmen; in den Tankabwehrkämpfen standen die Artilleristen mit ihren Geschützen nicht minder in vorderster Linie tapfer Ihren Mann, um der schwer ringenden Infanterie nach bester Möglichkeit Luft zu verschaffen. Und wer denkt bej dieser Erinnerung nicht auch zurück vn jene gewaltigen 42-Zentimeter-Mörser, gegen die sogar die stärksten Festungswerke nicht standzu- yalten vermochten, und an die Ferngeschütze der deutschen Front bei Laon, mit denen Paris auf Über 100 Kilometer Entfernung wirksam unter Feller genommen wurde!
Allein schon diese kurzen Hinweise auf die große Zeit des siegreichen Ringens der deutschen Heere m Feindesland gegen eine vielfache Uebermacht »er Feinde machen vor allem auch den jungen deutschen Menschen, der den großen Abwehrkrieg des deutschen Volkes nur aus Kriegsbüchern ken- lengelernt haben, nachhaltig klar, welche gewaltige Bedeutung die Artillerie im Organismus eines modernen Heeres besitzt. Wenn man sich an jene Großtaten der Artillerie erinnert, dabei aber auch i-aran denkt, wie vielfach bei Tag und bei Nacht hie artilleristische Waffe im Stellungskampf oder m Bewegungskrieg immer bereit stand, in enger Gemeinschaft mit den übrigen Waffen für Deutsch- 'unbs Sicherheit und Leben zu kämpfen, so kann man ihr nur bezeugen, daß sie mit vorbildlicher Ipferbereitschaft und glänzender Tapferkeit ihre Soldatenpflicht als Schirm und Schutz der Heimat
sich dabei wohl auch jenes dramatischen Geschehens an der Westfront, als bei einer Zurücknahme eines deutschen Frontabschnittes eine einzige Batterie stundenlang die anstürmenden Engländer aufhielt und zu immer neuen Stürmen gegen die Feuerstellung der Batterie zwang, bis die gesamte Geschützbedienung gefallen, die letzte Granate aus dem einzigen noch intakten Geschützrohr verfeuert und dieses dann von dem letzten Lebenden der Batterie, einem jungen Leutnant, gesprengt wurde, der mit dem letzten Schuß aus seinem Revolver zu seinen gefallenen Kameraden heimging, um nicht als Gefangener in die Hande des Feindes zu fallen; oor diesem Heldenmut bis zum tragischen Ende salutierte auch der anstürmende Gegner in Ehrfurcht.
an den Geschützen treu erfüllt hat. Man erinnert Dieser glänzende soldatische Geist erfüllte die Jünger Barbaras vom aktiven Mann bis zum Land- ftürmer, vom jüngsten Kanonier und Fahrer bis zum Artilleristen in den höchsten Kommandostellen, und dieser stolze Heldengeist war es. auch, der in den letzten Wochen des großen Krieges die Angehörigen vieler Batterien befähigte, in Ermangelung ausreichender Jnfanteriekräfte von sich die Anstürme des Feindes vielfach nur durch die artilleristische Waffenkraft abzuschlagen oder zum mindesten aufzuhalten. Und wie die „Schwarzkragen" an den Geschützen in den Feuerstellungen, Io leisteten ihre Waffengefährten in den Munitionskolonnen beim Heranfahren der Munition bei Tag und Nacht, oft mitten durch schwerstes feindliches Feuer, außerordentliches an Heldensinn und Opferbereitschaft, standen in gleicher treuer Pflichterfüllung bis zum letzten Augenblick die Männer der Artillerie-Beobachtung in den Gräben der Infanterie oder lagen in irgendeinem Sappenloch oder Granattrichter, um von hier aus als „Auge der Batterie" das Feuer der Geschütze zu lenken. Das war die stolze Artillerie, oor dem Kriege sogar von manchem Soldaten nicht so recht gewürdigt, im Donner der schweren Schlachten aber um so höher geschätzt und mit Dankbarkeit bedacht!
3n dieser Artillerie haben die früheren Feldartillerie-Regimenter unserer engeren Heimat, die 61 or in Darmstadt und Babenhausen, die 27er in Mainz und in Wiesbaden, die 63er in Frankfurt
und die 47er in Fulda, samt ihren Kriegsformationen ihre Waffen allezeit in Frieden und Krieg in hohen Ehren getragen. Der glänzende soldatische Geist hat sich auch durch das furchtbare Unglück des Vaterlandes von 1918 nicht töten lassen Er fand seine herrliche Fortsetzung in der Reichswehr der 100 000 Mann, die er zum festen Pol der aufbau- bereiten Kräfte in unserem Volke machte. Und er erfüllt in gleicher Weife, gestärkt noch durch die erhabene Tradition und die hohe Waffenehre aus Hunderten von Schlachten und Gefechten der ruhmreichen alten deutschen Regimenter, alle Männer der jetzigen deutschen Wehrmacht, vom obersten Befehlshaber bis zum jüngsten Soldaten, in deren sicherer Obhut unser herrliches Vaterland unter der
starken Staatsführung Adolf Hitlers sich erneut den gebührenden Platz an der Sonne im Kreise der Völker erringen will und wird. Diesen glänzenden Geist, die herrlichen Tugenden des besten deutschen Soldatentums, werden uns neben unsrer Infanterie von heute ab auch unsere Gießener Artilleristen durch ihr Wirken im Dienste von Volk und Vaterland täglich Dorleben in der steten Bereitschaft, zu jeder Stunde sich mit Mann und Geschütz unter selbstloser Hingabe einzusetzen für das Leden und das Glück der deutschen Nation. Die beste Tradition der „Schwarzkragen" aus dem herrlichen alten deutschen Heere wird dabei der neuen Wehrmacht unter ihrem obersten Befehlshaber, dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, der gute und sichere Leitstern auf ihren Wegen nach aufwärts zum Glück des deutschen Vaterlandes sein.
Dieser herrlichen deutschen Wehrmacht im allgemeinen und der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 9 im besonderen gelten an dem heutigen unvergeßlichen Tage der Artillerie von Gießen unsere Grüße und herzlichsten Wünsche für ihr soldatisches Wirken im Dienste der deutschen Nation und für ihr kameradschaftliches Leben in der deutschen Volksgemeinschaft unserer Stadt Gießen und der Provinz Oberhessen! In Freude und in alter soldatischer Kameradschaft verknüpfen wir mit unseren Wünschen noch einmal den frohgestimmten Gruß an unsere neue Gießener Truppe:
Don Herzen willkommen Ser Artilleristen!
Soldaten.
Der Soldat ist, wenn man ihn richtig begreifen will, nicht als eine Berufsklasse zu verstehen, oder als eine fachliche Organisation mit bestimmten praktischen Zielen und Zwecken, sondern der Soldat, das ist der kämpferische Mensch schlechthin. Es ist der Mensch, der sein Leben an eine Sache setzt, die er als sich selbst übergeordnet anerkennt, an eine Sache, der er mit allem, was er ist und hat, zu dienen bereit ist.
Dieser kämpferische Mensch ist in seiner reinsten, das heißt in seiner selbstlosesten Form im deutschen Volk vorhanden Das deutsche Volk ist das Volk der Soldaten dieses Sinnes Und in der Tat haben sich in Deutschland alle Entscheidungen durch diesen soldatischen, kämpferischen Menschen vollzogen. Jede große geschichtliche Leistung in Deutschland war eine soldatische Leistung Die Täter dieser bestimmten Werke haben allerdings nicht immer Uniform getragen Das Soldatentum ist nicht abhängig von der Uniform.
Ob es nun der nicht uniformierte Krieger Armins, des Cheruskers. ober die exakt exerzierten Regimenter Friedrichs des Preußen waren — immer stellte dieses Heer als Gefolgschaft die Erweiterung bet führenben Persönlichkeit über sich selbst hinaus bar. Unb jebesmal — ob es nun bis Heere bes Dreißigjährigen Krieges ober bes Weltkrieges waren — waren biefe Truppen solbatischer Menschen bie Verkörperung einer Idee. eines Glaubens Niemals würbe ein beutscher Krieg um bes Krieges willen geführt. Es ftanb immer ein höherer Befehl, ein großes Kommanbo dahinter Eroberungskriege, Raubzüge, bie bem Deutschen von fremben Völkern so oft angebichtet worben finb, hat es niemals gegeben.
Die blutigen Züge ber Wikinger waren hemmungslose Kraftäußerungen eines urtümlichen, un- gebänbigten Geschlechts, Ausbrüche eines unerschöpflichen Bestandes innerster Kraft, bie nur bes» halb oft genug abseits versickerten, weil sie eben ungehemmt unb untergeorbnet waren. Hier lenkte noch nicht eine höhere Einsicht mit Zucht unb Weitblick den elementaren Sturm bes Dranges in alle Welt hinaus. Viele biefer Scharen gingen als Wegbereiter unb erste, über unbewußte Winkelriebe bes germanischen Volkes in seinem weitesten Sinne hinaus.
Wir sahen bie beutschen Landsknechte bes Mittel- asters bie gleichfalls wikingerhaft ihre Leiber in bie Löbliche Bresche trugen, burch bie später einmal — bewußt unb klar — bie beutschen Vorstöße erfolgen sollten. Es gab hier jene finnbUbhafte Erscheinung bes „verlorenen Haufens"^ Das heißt, jener ersten Angriffsreihe ber lanbsknechthaften Schlachtorb- nung, jener Reihe, bie als bie erste bazu bestimmt war, bie Speere ber ersten feinblichen Reihe mit ihren Körpern aufzufangen unb nach Möglichkeit durch sie hindurchzudringen. Es waren Männer, die sich opferten, damit die nach ihnen Kommenden ihren neuen Vorstoß weiter vortragen konnten
Die Ausbildung des Soldaten zur selbständigen Persönlichkeit, die in ber äußersten Gefahr auf sich allein gestellt ist, machte im Weltkriege riesenhafte Fortschritte.
Da lag sogar bie geringe Einheit ber Kompanie unb bes Zuges in Trommelfeuer und Gas und wurde zersplittert in Gruppen, ja, sogar in die einzelnen Soldaten selbst. Jeder stand in den äußersten Minuten des Kampfes oft genug für sich allein, niemand hals ihm. Er mußte aus Instinkt unb Erfahrung selbst wissen, was er zu tun hatte: Abriegelung nach links ober rechts, Hanbgranatenwurf im richtigen Augenblick, Bedienung eines Maschinengewehrs nach Ausfall bes Schützen, Anforberung von Sperrfeuer, Vorstoß im Gegenangriff ufro.
Diese Auflösung ber Kompanie in ihre letzten Einzelteile stellte an bie Persönlichkeit bes beutschen Menschen bie höchsten Anforderungen. Unb biefe Anforberungen würben erfüllt.
Es galt immer, auf ben Angriff den Gegenangriff zu setzen, selbst in ber Umzingelung nicht nachzugeben, ben größten Ueberraschungen kalt unb sachlich gegenüberzutreten, jebe Möglichkeit von vornherein ins Auge zu fassen und zu berücksichtigen. Hunger, Durst unb völlige Erschöpfung auszuschalten, jeben Vorteil auszunutzen unb jeben Verlust roieber wett zu machen.
Jeber Soldat mußte im Notfall sein eigener Führer sein können. Und das, obwohl er nur 100 ober 200 Meter nach links ober nach rechts sehen konnte unb von ber Gesamtlage ber Schlacht, bie bis über Dutzenbe von Kilometern ging, keine Vorstellung hatte.
Das war bie Durchformung bes Heeres bis in bie letzte Faser ber Nerven unb ber Muskeln hinein. Unb bas gegenüber einem in jeber Beziehung zehnfach überlegenen Gegner mit bem im Laufe ber letzten zwei Jahre immer stärker unb furchtbarer bämmernben Gefühl, baß ber Krieg nicht mehr zu gewinnen fei. Unb bas, obwohl jeber sich sagte, baß bie Front unentwegt unter ben höchsten Be- bingungen bas Aeußerste hergegeben, geopfert unb geleistet hatte.
So steht am Enbe des Krieges und bis auf den heutigen Tag das Bild des deutschen Soldaten als einer kämpferischen Persönlichkeit, die in den entscheidenden Tagen und Monaten über Deutschlands Schicksal die^ Bestimmung in der Hand hat, insofern als dieser Soldat ben Sinn besten, woraus es an» kommt, ben nach ihm Kommenden lebendig überliefert. Franz Schauwecker.
Bauerte in Feuerstellung. — (Bildarchiv.)
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