Einzelbild herunterladen

Nr. 250 Erstes Vlatt

185. Jahrgang

Freitag, 25. Oktober 1955

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis8'/,Uhr des Vormittags

Grundpreise für \ mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text« anzeigen von 70mm Breite 50 Rpf./plahvorschrifi nach vorh.Derembg.250/ mehr.

Ermäßigte Gruntpreise:

Stellen-, Vereins», gemein« nützige Anzeigen sowie ein­spaltige Gelegenheitsanzei­gen 5 Rpf.,Familienanzei«

Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Fernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach-

1 I I gen, Bäder», Unterrichts- u.

Sronifvrt am main liess vniS uttö Verlag: vrvhl'sche UniverfilStt vuch- und SteinOruderei R. fange In Gießen. Schriftle'tung und GeschöslLftelle: Schulftrahe 7 Mengenabschlüsse Staffel B

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte (ßienener Fomilienblätter Heimat im Bild Die Scholle

Monatr vezugspretr:

Mit 4 Beilagen RM. l.95 Ohne Illustrierte w 1.80 Zustellgebühr .. -.25

Unseren Artilleristen zum Gruß.

Willkommen in Gießen!

Unsere Stadt Gießen erlebt am heutigen Freitag, 25. Oktober 1935, einen der denkwürdigsten und er­hebendsten Tage ihrer Geschichte Die heutigen Vor­mittagsstunden bringen uns die Freude des Ein­zugs einer Artillerie-Garnison in die Mauern unserer Stadt Es ist die I Abteilung Artillerie-Regiment 9 unter dem Befehl des Abteilungs-Kommandeurs, Hauptmann Welte, die im Rahmen des vom Führer und Reichskanz­lers Adolf Hitler befohlenen Wiederaufbaues un­serer Wehrmacht die Stadt Gießen als Standort er­hielt. Die Gießener Bevölkerung, schon zu allen Zeiten den Soldaten freundlich gesinnt und immer bereit, ihrem Truppenteil die Garnisonstadt so an­genehm wie nur irgend möglich zu machen, freut sich von ganzem Herzen über den Einzug der Jün­ger Barbaras, der Schutzheiligen der Artillerie. Wir sind gewiß, im Sinne aller Volksgenossen und Dalksgenossinnen unserer Stadt zu sprechen, wenn wir am heutigen Tage unseren Artilleristen die herzlichsten Willkommensgrüße der Garnisonstadt Gießen darbringen

Für die alte Soldatenstadt Gießen weckt die Ar­tillerie am heutigen Tage eine interessante geschicht­liche Erinnerung Es ist nämlich seit der Zeit des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hellen, der im Jahre 1567 verstarb und der zu seiner Zeit Kanonen und Stückmeister im Gießener Zeuabaus untergebracht und damit Gießen zum ersten Male als Artillerie-Garnison bestimmt hatte setzt erst das zweite Mal daß unsere Stadt abaeieben natür­lich von den Kriegszeiten in früheren Jahrhunderten zu einer Artillerie-Garnison wird Neben dieser geschichtlichen Erinnerung ist es aber auch die Freude daß mir in der Artillerie nunmehr d i e 'Waffe mif in Gießen in Garnlon haben, aus deren 'Reihen zwei der höchsten Führer unseres Reickis- checres bervorgeganaen sind: der Oberbefehlshaber «des Reichsheeres General der Artillerie Freiherr man Fritsch und her Ebel des Generalltahs, >G "eral der Artitlrie Beck Die Tatsache daß die fc iben Artillerie-Osfiziere in diese hoben S^ellunoen «der Wehrmacht berufen wurden, darf man wohl mit «al-- einen Beweis dafür anlvrechen welche grolle D 'deutung der Artillerie-Waffe im modernen Heere querkannt wird Diese hervorragende, ja vielfach «usschlagaebende Rolle der Artillerie ist den 'Volksgenossen noch in bester Erinnerung die wäh­rend des Weltkrieaes an der Front standen und tiort vielfach den starken <5*uh und die aeroaPiqe, bahnbrechende Kraft der Geschütze kennengelernt haben.

Gerade am heutigen Tage, den wir in Gießen wls denTag der Artillerie" begehen und ffür immer in Erinnerung behalten werden, geden- 8''n besonders die ehemaligen Frontsoldaten dieser Waffe. Wo die ..Männer mit b->m schwarzen Kra­gen" der iünqeren Generation sei zur Erläute- crung gesagt, daß die Artillerie vor dem Kriege als ffHnedensuniform blaue Waffenröcke mit schwamm Klagen trug im Felde mit ihrer Waffe zu Wort kamen, da sprachen sie ein gewichtiges Wort mit. ?n der O'fensive waren fie treue B"aleiter und Wegbereiter der ..Königin der Schlacht", der In­fanterie; in der Abwehr sorgten sie durch ihr Sperrfeuer für einen wirkungsvollen Feuerriegel oor den Infanterie-Gröben ihres Abschnitts und damit für einen Schutz der Grabenbesakungen b-m der Feind nur verhältnismäßig selten und auch nur unter schweren blutiaen Verlusten durchlaufen konnte, um dann schließlich nach der Abwehr durch die vorderste Linie schließlich noch einmal von dem Feuerwirbel der Batterien gefaßt zu werden; bet den großen Schlachten im späteren Verlaufe des Krieges, besonders im Jahre 1918. waren es viele Feldartillerie-Batterien, die als Jnfanterie-Deqleit- batterien zusammen mit den vordersten Sturmwel- ben der Infanterie-Bataillone geaen den Feind an- i'türmten und ihn aus nächster Nähe unter vernich- endes Geschützfeuer nahmen; in den Tankabwehr­kämpfen standen die Artilleristen mit ihren Ge­schützen nicht minder in vorderster Linie tapfer Ihren Mann, um der schwer ringenden Infanterie nach bester Möglichkeit Luft zu verschaffen. Und wer denkt bej dieser Erinnerung nicht auch zurück vn jene gewaltigen 42-Zentimeter-Mörser, gegen die sogar die stärksten Festungswerke nicht standzu- yalten vermochten, und an die Ferngeschütze der deutschen Front bei Laon, mit denen Paris auf Über 100 Kilometer Entfernung wirksam unter Feller genommen wurde!

Allein schon diese kurzen Hinweise auf die große Zeit des siegreichen Ringens der deutschen Heere m Feindesland gegen eine vielfache Uebermacht »er Feinde machen vor allem auch den jungen deutschen Menschen, der den großen Abwehrkrieg des deutschen Volkes nur aus Kriegsbüchern ken- lengelernt haben, nachhaltig klar, welche gewaltige Bedeutung die Artillerie im Organismus eines modernen Heeres besitzt. Wenn man sich an jene Großtaten der Artillerie erinnert, dabei aber auch i-aran denkt, wie vielfach bei Tag und bei Nacht hie artilleristische Waffe im Stellungskampf oder m Bewegungskrieg immer bereit stand, in enger Gemeinschaft mit den übrigen Waffen für Deutsch- 'unbs Sicherheit und Leben zu kämpfen, so kann man ihr nur bezeugen, daß sie mit vorbildlicher Ipferbereitschaft und glänzender Tapferkeit ihre Soldatenpflicht als Schirm und Schutz der Heimat

sich dabei wohl auch jenes dramatischen Geschehens an der Westfront, als bei einer Zurücknahme eines deutschen Frontabschnittes eine einzige Batterie stundenlang die anstürmenden Engländer aufhielt und zu immer neuen Stürmen gegen die Feuer­stellung der Batterie zwang, bis die gesamte Ge­schützbedienung gefallen, die letzte Granate aus dem einzigen noch intakten Geschützrohr verfeuert und dieses dann von dem letzten Lebenden der Batterie, einem jungen Leutnant, gesprengt wurde, der mit dem letzten Schuß aus seinem Revolver zu seinen gefallenen Kameraden heimging, um nicht als Ge­fangener in die Hande des Feindes zu fallen; oor diesem Heldenmut bis zum tragischen Ende salu­tierte auch der anstürmende Gegner in Ehrfurcht.

an den Geschützen treu erfüllt hat. Man erinnert Dieser glänzende soldatische Geist erfüllte die Jün­ger Barbaras vom aktiven Mann bis zum Land- ftürmer, vom jüngsten Kanonier und Fahrer bis zum Artilleristen in den höchsten Kommandostellen, und dieser stolze Heldengeist war es. auch, der in den letzten Wochen des großen Krieges die Ange­hörigen vieler Batterien befähigte, in Ermangelung ausreichender Jnfanteriekräfte von sich die An­stürme des Feindes vielfach nur durch die artille­ristische Waffenkraft abzuschlagen oder zum min­desten aufzuhalten. Und wie dieSchwarzkragen" an den Geschützen in den Feuerstellungen, Io leiste­ten ihre Waffengefährten in den Munitionskolonnen beim Heranfahren der Munition bei Tag und Nacht, oft mitten durch schwerstes feindliches Feuer, außerordentliches an Heldensinn und Opferbereit­schaft, standen in gleicher treuer Pflichterfüllung bis zum letzten Augenblick die Männer der Artil­lerie-Beobachtung in den Gräben der Infanterie oder lagen in irgendeinem Sappenloch oder Granat­trichter, um von hier aus alsAuge der Batterie" das Feuer der Geschütze zu lenken. Das war die stolze Artillerie, oor dem Kriege sogar von manchem Soldaten nicht so recht gewürdigt, im Donner der schweren Schlachten aber um so höher geschätzt und mit Dankbarkeit bedacht!

3n dieser Artillerie haben die früheren Feld­artillerie-Regimenter unserer engeren Heimat, die 61 or in Darmstadt und Babenhausen, die 27er in Mainz und in Wiesbaden, die 63er in Frankfurt

und die 47er in Fulda, samt ihren Kriegsformatio­nen ihre Waffen allezeit in Frieden und Krieg in hohen Ehren getragen. Der glänzende soldatische Geist hat sich auch durch das furchtbare Unglück des Vaterlandes von 1918 nicht töten lassen Er fand seine herrliche Fortsetzung in der Reichswehr der 100 000 Mann, die er zum festen Pol der aufbau- bereiten Kräfte in unserem Volke machte. Und er erfüllt in gleicher Weife, gestärkt noch durch die erhabene Tradition und die hohe Waffenehre aus Hunderten von Schlachten und Gefechten der ruhm­reichen alten deutschen Regimenter, alle Männer der jetzigen deutschen Wehrmacht, vom obersten Be­fehlshaber bis zum jüngsten Soldaten, in deren sicherer Obhut unser herrliches Vaterland unter der

starken Staatsführung Adolf Hitlers sich erneut den gebührenden Platz an der Sonne im Kreise der Völker erringen will und wird. Diesen glänzenden Geist, die herrlichen Tugenden des besten deutschen Soldatentums, werden uns neben unsrer Infanterie von heute ab auch unsere Gießener Artilleristen durch ihr Wirken im Dienste von Volk und Vater­land täglich Dorleben in der steten Bereitschaft, zu jeder Stunde sich mit Mann und Geschütz unter selbstloser Hingabe einzusetzen für das Leden und das Glück der deutschen Nation. Die beste Tradition derSchwarzkragen" aus dem herrlichen alten deut­schen Heere wird dabei der neuen Wehrmacht un­ter ihrem obersten Befehlshaber, dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, der gute und sichere Leitstern auf ihren Wegen nach aufwärts zum Glück des deutschen Vaterlandes sein.

Dieser herrlichen deutschen Wehrmacht im allge­meinen und der I. Abteilung des Artillerie-Regi­ments 9 im besonderen gelten an dem heutigen unvergeßlichen Tage der Artillerie von Gießen un­sere Grüße und herzlichsten Wünsche für ihr sol­datisches Wirken im Dienste der deutschen Nation und für ihr kameradschaftliches Leben in der deut­schen Volksgemeinschaft unserer Stadt Gießen und der Provinz Oberhessen! In Freude und in alter soldatischer Kameradschaft verknüpfen wir mit unse­ren Wünschen noch einmal den frohgestimmten Gruß an unsere neue Gießener Truppe:

Don Herzen willkommen Ser Artilleristen!

Soldaten.

Der Soldat ist, wenn man ihn richtig begreifen will, nicht als eine Berufsklasse zu verstehen, oder als eine fachliche Organisation mit bestimmten prak­tischen Zielen und Zwecken, sondern der Soldat, das ist der kämpferische Mensch schlechthin. Es ist der Mensch, der sein Leben an eine Sache setzt, die er als sich selbst übergeordnet anerkennt, an eine Sache, der er mit allem, was er ist und hat, zu dienen bereit ist.

Dieser kämpferische Mensch ist in seiner reinsten, das heißt in seiner selbstlosesten Form im deut­schen Volk vorhanden Das deutsche Volk ist das Volk der Soldaten dieses Sinnes Und in der Tat haben sich in Deutschland alle Entscheidungen durch diesen soldatischen, kämpferischen Menschen voll­zogen. Jede große geschichtliche Leistung in Deutsch­land war eine soldatische Leistung Die Täter dieser bestimmten Werke haben allerdings nicht immer Uniform getragen Das Soldatentum ist nicht ab­hängig von der Uniform.

Ob es nun der nicht uniformierte Krieger Ar­mins, des Cheruskers. ober die exakt exerzierten Regimenter Friedrichs des Preußen waren immer stellte dieses Heer als Gefolgschaft die Er­weiterung bet führenben Persönlichkeit über sich selbst hinaus bar. Unb jebesmal ob es nun bis Heere bes Dreißigjährigen Krieges ober bes Welt­krieges waren waren biefe Truppen solbatischer Menschen bie Verkörperung einer Idee. eines Glau­bens Niemals würbe ein beutscher Krieg um bes Krieges willen geführt. Es ftanb immer ein höherer Befehl, ein großes Kommanbo dahinter Erobe­rungskriege, Raubzüge, bie bem Deutschen von fremben Völkern so oft angebichtet worben finb, hat es niemals gegeben.

Die blutigen Züge ber Wikinger waren hem­mungslose Kraftäußerungen eines urtümlichen, un- gebänbigten Geschlechts, Ausbrüche eines uner­schöpflichen Bestandes innerster Kraft, bie nur bes» halb oft genug abseits versickerten, weil sie eben un­gehemmt unb untergeorbnet waren. Hier lenkte noch nicht eine höhere Einsicht mit Zucht unb Weitblick den elementaren Sturm bes Dranges in alle Welt hinaus. Viele biefer Scharen gingen als Wegbereiter unb erste, über unbewußte Winkelriebe bes germani­schen Volkes in seinem weitesten Sinne hinaus.

Wir sahen bie beutschen Landsknechte bes Mittel- asters bie gleichfalls wikingerhaft ihre Leiber in bie Löbliche Bresche trugen, burch bie später einmal bewußt unb klar bie beutschen Vorstöße erfolgen sollten. Es gab hier jene finnbUbhafte Erscheinung besverlorenen Haufens"^ Das heißt, jener ersten Angriffsreihe ber lanbsknechthaften Schlachtorb- nung, jener Reihe, bie als bie erste bazu bestimmt war, bie Speere ber ersten feinblichen Reihe mit ihren Körpern aufzufangen unb nach Möglichkeit durch sie hindurchzudringen. Es waren Männer, die sich opferten, damit die nach ihnen Kommenden ihren neuen Vorstoß weiter vortragen konnten

Die Ausbildung des Soldaten zur selbständigen Persönlichkeit, die in ber äußersten Gefahr auf sich allein gestellt ist, machte im Weltkriege riesenhafte Fortschritte.

Da lag sogar bie geringe Einheit ber Kompanie unb bes Zuges in Trommelfeuer und Gas und wurde zersplittert in Gruppen, ja, sogar in die ein­zelnen Soldaten selbst. Jeder stand in den äußer­sten Minuten des Kampfes oft genug für sich allein, niemand hals ihm. Er mußte aus Instinkt unb Er­fahrung selbst wissen, was er zu tun hatte: Abriege­lung nach links ober rechts, Hanbgranatenwurf im richtigen Augenblick, Bedienung eines Maschinen­gewehrs nach Ausfall bes Schützen, Anforberung von Sperrfeuer, Vorstoß im Gegenangriff ufro.

Diese Auflösung ber Kompanie in ihre letzten Einzelteile stellte an bie Persönlichkeit bes beutschen Menschen bie höchsten Anforderungen. Unb biefe Anforberungen würben erfüllt.

Es galt immer, auf ben Angriff den Gegenangriff zu setzen, selbst in ber Umzingelung nicht nachzu­geben, ben größten Ueberraschungen kalt unb sach­lich gegenüberzutreten, jebe Möglichkeit von vorn­herein ins Auge zu fassen und zu berücksichtigen. Hunger, Durst unb völlige Erschöpfung auszuschal­ten, jeben Vorteil auszunutzen unb jeben Verlust roieber wett zu machen.

Jeber Soldat mußte im Notfall sein eigener Führer sein können. Und das, obwohl er nur 100 ober 200 Meter nach links ober nach rechts sehen konnte unb von ber Gesamtlage ber Schlacht, bie bis über Dutzenbe von Kilometern ging, keine Vor­stellung hatte.

Das war bie Durchformung bes Heeres bis in bie letzte Faser ber Nerven unb ber Muskeln hin­ein. Unb bas gegenüber einem in jeber Beziehung zehnfach überlegenen Gegner mit bem im Laufe ber letzten zwei Jahre immer stärker unb furchtbarer bämmernben Gefühl, baß ber Krieg nicht mehr zu gewinnen fei. Unb bas, obwohl jeber sich sagte, baß bie Front unentwegt unter ben höchsten Be- bingungen bas Aeußerste hergegeben, geopfert unb geleistet hatte.

So steht am Enbe des Krieges und bis auf den heutigen Tag das Bild des deutschen Soldaten als einer kämpferischen Persönlichkeit, die in den ent­scheidenden Tagen und Monaten über Deutschlands Schicksal die^ Bestimmung in der Hand hat, insofern als dieser Soldat ben Sinn besten, woraus es an» kommt, ben nach ihm Kommenden lebendig über­liefert. Franz Schauwecker.

Bauerte in Feuerstellung. (Bildarchiv.)

v ' Mb

'M-

-

-< > : ; >