ttr.171 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 25. Juli 1935
agen entgleist!"
Oie Reichsbahn ist für blitzschnelle Rettungsaktionen gerüstet.
Obecheffen
DieneuenAusaehunisormenunseresReichsbeeres
men, entwickelt sich eine blitzschnelle Rettungsaktion. Der Platz wird in großem Umkreis abgesperrt und von den vielen Scheinwerfern so stark beleuchtet, daß der Rettungsmannschaft nicht die geringste Kleinigkeit entgeht. Die modernsten Maschinen sind vorhanden, um die ineinandergeschobenen Eisenwände in kürzester Zeit aufzutrennen. Gespenstisch zischt und flackert das Flammengebläse. Dieser Lärm in der Nacht hat einen heftigen unruhigen Rhythmus. Schattenhaft huschen Gestalten an den Wagen vorüber, von den Scheinwerferlichtern grell beleuchtet.
zug starten sollen. Sofort sind die Aerzte zur Stelle. Jeder nimmt seinen voraeschriebenen Platz ein. Sämtliche Gegenstände, die bei einem Zugunglück erforderlich sind, befinden sich in tadellosem Zustand an ihrem Platz. Im Gerätewagen wird, während der Hilfszug in einem Tempo von 120 Kilometer zur Unfallstelle eilt, fieberhaft gearbeitet. Denn im Heimatbahnhof darf sich der Hilfszug nicht eine Sekunde länger aufhalten, als unbedingt notwendig
Der Hilfszug ist in voller Fahrt. Aber die Menschen, mit denen er besetzt ist, benehmen sich ganz anders als gewöhnliche Passagiere. Sie wissen, daß der geringste Zeitverlust ein Menschenleben kosten kann und arbeiten darum mit äußerster Kraft und Konzentration, um alles für die Rettung des verunglückten Zuges bereitzuhalten.
Im Arztwagen ist fieberhafte Tätigkeit. Da werden alle erforderlichen Medikamente griffbereit hergerichtet. Die Instrumente warten auf ihre Verwendung. Alles wird noch einmal gründlichst nachgeprüft.
Außer dem Arztwagen ist noch der Geräte- wagen von besonderer. Wichtigkeit. Dutzende der verschiedensten Geräte sind bei ' einem Eisenbahnunglück notwendig, Azetylenlampen, Kreissägen, Bohrer, Scheinwerfer, Zuleitungsschnüre. Es ist unmöglich, sie alle aufzuzählen.
Während sich diese blitzschnelle Arbeit vollzieht, steht der „Lokomotivführer" auf seinem Stand und fährt mit 120 Stundenkilometer in die lauernde Dunkelheit. Glühende Hitze sengt aus dem Kessel. Aus der Finsternis zeichnen sich die Umrisse des entgleisten Zuges ab. Der Ort, an dem das Unglück geschah, ist erreicht; die Bremsen des Hilfszuges knirschen. Kaum ist der Zug zum Stehen gekom-
„Lock und fünf
Sie wollten den Kaffenschrank stehlen.
Lpd. Friedberg, 24. Juli. Eine bisher noch nicht ermittelte Einbrecherbande hatte nach einem wohldurchdachten und gut vorbereiteten Plan der Bäuerlichen Werkschule einen nächtlichen Besuch abgestattet, der aber durch die Wachsamkeit eines Hausbewohners gestört wurde. Die Burschen hatten schon sämtliche Behältnisse erbrochen und durchwühlt. Sogar der drei Zentner schwere Kassen schrank sollte mitgenommen werden. Die Täter waren gerade dabei, ihn zum Ausgang zu schaffen, als sie gestört wurden. Der Kassenschrank sollte mit einem Lastwagen fortgeschafft werden. Der Mann, der die Einbrecher verscheuchte, sandte ihnen sogar noch einen Gewehrschuß nach; sie konnten aber unerkannt entkommen.
Landkrei« Gießen.
= Steinbach, 24. Juli. Die Getreideernte ist seit Beginn voriger Woche in unserer Gemarkung in vollem Gange. Während zunächst Roggen und fast gleichzeitig die Sommergerste abgemacht wurden, begann dieser Tage auch die Weizenernte. Die Ernte fällt durchschnittlich gut aus, auch stehen die Hackfrüchte trotz der Trockenheit be-
Die Tragbahren sind im Handumdrehen zur Stelle, jeder knappe Kommandoruf hat eine bestimmte Bewegung zur Folge, jeder Mann ist an seinem Platz.
So wickelt sich e i n Probe - Alarm bei der Reichsbahn ab. Diese Probe-Alarme sind wahre Wunder an Schnelligkeit, Exaktheit und Disziplin. Sie beweisen, daß die Reichsbahn nicht müde wird, ihren vollendet ausgebauten Sicherheitsdienst immer wieder von neuem zu überprüfen und zu kontrollieren.
Dr. Tn. R.
friedigend gut. Die Obstaussichten sind dagegen, besonders bei Aepfeln, die in der Blüte durch die Nachtfröste zu leiden hatten, schlecht. Nur einige Sorten, wie die Wintergoldparmäne, versprechen einen lohnenden Ertrag. Die Birnbäume haben durch den Frost nicht gelitten und werden eine mittlere Ernte bringen, wenn nicht die Trockenheit sich noch schädlich auswirkt.
4- Alb ach, 24. Juli. Unsere Kirche bedarf einer gründlichen inneren Wiederher ft el- lung. Das Hochbauamt hat einen Voranschlag aufgestellt, der ungefähr 2000 Mark erfordern wird. Der Voranschlag wurde nach eingehender Beratung vom Kirchenvorstand gutgeheißen. Die Wiederherstellung muß jedoch auf das Jahr 1937 verschoben werden. Die bürgerliche Gemeinde, die die Trägerin der Baulast der Kirche ist, ist finanziell nicht in der Lage, die Mittel früher aufzubringen, obgleich sie die Notwendigkeit der Wiederherstellung anerkennt. Sie muß aber vorher den Schulsaal und das Gemeinde- und Rathaus einer gründlichen Renovierung unterziehen; dadurch sind die flüssigen Mittel für 1935 und 1936 festgelegt. Der Kirchenvorstand bedauert wohl die Verschiebung, konnte sich aber der Triftigkeit der Gründe der Gemeinde nicht entziehen.
* A l l e n d o r f a. d. Lda., 25. Juli. Das Fest der goldenen Hochzeit begehen heute in körperlicher und geistiger Frische die Eheleute Landwirt Christoph Reinhardt IX. und Frau Elisabeth, geborene Körbächer. Die Ehegatten sind 74 bzw. 71 Jahre alt.
* Grünberg, 24. Juli. Auf seinen Antrag wurde der Justizsekretär bei dem Amtsgericht Grünberg Karl Bügelmeier mit Wirkung vom 1. November 1935 in den dauernden Ruhe st and versetzt.
* Villingen, 24. Juli. Die Landwirt- schaftliche Kredit- und Bezugsgenossenschaft Villingen konnte das Geschäftsjahr 1934 mit einem Reingewinn von 784,23 Mark abschließen. Der Genossenschaft gehörten am Ende des Geschäftsjahres 1934 insgesamt 98 Mitglieder an, gegen' 90 zu Anfang des Geschäftsjahres. Die Geschäftsguthaben haben sich im Geschäftsjahr 1934 um 250 Mark erhöht. Die Haftsummen bezifferten sich am Ende des Geschäftsjahres 1934 auf 49 000 Mark.
0 Langd, 24. Juli. Für die Verwaltung der hiesigen Pfarrei hat die Landeskirche den soeben vom Predigerseminar in Friedberg abgegangenen Pfarramtskandidaten Wilhelm Drommes- h a u f e r entsandt. Am letzten Sonntag wurde eP ein geführt. In seiner Predigt über 2? Kor. 5, 20 führte er aus, wie sich die Arbeit des Pfarrers, der Kirche und jedes einzelnen Gemeindegliedes auf die Bibel und das Bekenntnis gründen müsse.
Kreis Schotten.
§ Ulrichstein, 24. Juli. Am Dienstag und Mittwoch fand hier in gewohnter Weise der im ganzen Vogelsberg bekannte I a k o b i m a r k t statt. Bei Hellem Sonnenschein waren aus der gesamten Umgebung Ulrichsteins die Bewohner herbeigeströmt, um Einkäufe zu machen, oder um an dem Volksfest teilzunehmen. Von mehr als 300 Ferkeln, die zu dem Ferkelmarkt aufgetrieben wa-
Man steht am Fenster des O-Zuges, der fast lautlos, wie ein funkensprühendes Phantom der modernen Technik, durch die nächtliche Landschaft rast. Wie eine große Blutorange schwebt der volle Mond über den dunkelnden Feldern. In den Schlafwagenabteilen ist es ganz still. Die Passagiere schlafen in ihren vornehmen Kabinen. Nur der Schaffner wacht in seiner kleinen Kajüte.
Man denkt an alle die namenlosen Männer, die jetzt mit geschärften Sinnen und angespannter Aufmerksamkeit, während dieser Zug in einem ungeheuren Tempo in die Nacht braust, eifern auf ihrem Posten sind.
„Unberufen!" lächelt der Schlafwagenschaffner und klopft dabei auf das Holz, „ich bin schon fünfzehn Jahre im Dienst, aber es ist n o ch n i e w a s passiert!" Ich hatte geglaubt, dieser Mann wäre in der Lage, die sensationellsten Dinge aus seinem Beruf zu erzählen, aber sein- Leben verlief glatt und ruhig ohne jeden aufregenden Zwischenfall. Man denke, fünfzehn Jahre hindurch fein Zusammenstoß, keine Entgleisung.
„Wie oft ist in dieser Zeit dieNotbremse gezogen worden?"
„Nicht ein einziges Mal!" antwortet der Schlafwagenschaffner. „Die Leute denken, man müssen jeden Tag etwas Tolles erleben! Aber sie irren! Die Situation ist heute die, daß nach menschlichem Ermessen kaum ein Unglück passieren kann!"
Er gerät allmählich in Feuer und beginnt mir d i e Sicherheitsmaßnahmen zu erklären, die verzwickten Alarm- und Signalvorrichtungen, die ein Eisenbahnunglück verhüten sollen. Er holt ein Stück Papier aus der Tasche und einen Bleistift und versucht mir durch primitive Zeichnungen klar zu machen, weshalb die Möglichkeit einer Zugentgleisung oder eines nächtlichen Zusammenstoßes so unendlich gering ist. Hunderte von automatischen „Warnern" sind auf der Strecke eingebaut. Es wimmelt von Vorsignalen und Hauptsignalen. Das ganze Rüstzeug der modernen Signaltechnik wird dazu verwendet, um die persönliche Sicherheit der Reisenden zu gewährleisten und die Züge sicher über die Strecke zu bringen. Daß trotz dieser strengsten Maßnahmen und Vorschriften ab und zu, allerdings äußerst selten, noch immer Eisenbahnunglücke passieren, erscheint fast unglaublich. Da müssen schon ganz besonders unkontrollierbare Zufallsmomente Zusammenwirken ... Und wenn einmal ein Eisenbahnunglück geschieht, dann verfügt die deutsche Reichsbahn über eine geradezu vorbildliche und mustergültige Rettungs - und Hilfsorganisation, die blitzschnell, ohne eine Sekunde Zeitverzögerung eingesetzt wird und mit den neuesten und bewährtesten Hilfsmittel versehen ist.
3m weihen Licht der Scheinwerfer.
Wenn ein Zug entgleist oder mit einem anderen zusammenstößt, klingelt es in der Nachbarstation Alarm. Es wird genau angegeben, wo sich der verunglückte Zug befindet und wenige Sekunden darauf beginnt ein packendes, nervenerregendes Schauspiel. Im Nu ist der Rettungszug mit allen erforderlichen Mannschaften und Instrumenten ausgerüstet. Es geht alles blitzschnell und wie am Schnürchen, denn jede Minute ist kostbar, Menschenleben sind in Gefahr. Ein musterhaft organisierter Apparat beginnt wie eine Präzisionsuhr zu arbeiten. Jeder Mann, der auf seinem bestimmten Posten steht kennt seinen Aufgabenbereich bis ins Kleinste.
Eine Sirene verkündet das unvorhergesehene, Überrumpelnde Ereignis und bringt die Helfer rasch auf die Beine. Eine Hilfsaktion in der Nacht ist ein aufregendes Schauspiel. Von allen Seiten laufen die Beamten und Arbeiter zusammen, die den Hilfs-
Jn nächster Zeit wird beim Reichsheer eine neue Ausgehuniform eingeführt. Unser Bild zeigt die neuen Uniformen, die die Anlehnung an die Vorkriegsuniformen erkennen lassen. Von links nach rechts die Uniformen eines Oberfeldwebels, eines Feldwebels, eines Offiziers, dann eines (Befreiten im bisherigen Rock und eines (Befreiten im neuen Waffenrock. (Scherl-M.)
U
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Gießener Giadtiheaier.
Kurt Sellnick: „Hilde und 4 PS“
„Ein Lustspiel, eine kleine humorvolle Komödie, so recht — gewissermaßen hundertprozentig — geeignet, in einer so außerplanmäßigen und ganz auf Humor eingestellten Sommerspielreihe unseres Stadttheaters aufgeführt zu werden!" — So würde Herr Lohbusch (das Faktotum der Generalvertretung der Deuß-Automobil-AG.) in feinem umständlichen und etwas geschraubten Deutsch sagen, wenn er nicht gerade auf der Bühne zu tun hätte, sondern im Zuschauerraum seine Meinung über dieses Stück zu äußern hätte. Es fiele nicht schwer, sich seiner Mei- nuna anzuschließen. Die Intendanz hat mit diesem Lustspiel richtig gegriffen. Auf Problemstellungen von der Bühne her kommt es in diesen Hundstagen ja sowieso nicht an. Eine gute Portion landläufiger Situationskomik tut es gegenwärtig auch. Das Lustspiel „Hilde und 4 PS" von Kurt Sellnick läßt es daran nicht mangeln.
Dabei hat sich hinsichtlich der Handlung noch nicht einmal der Verfasser in große geistige Unkosten gestürzt. So kommt in seinem Stück zunächst einmal der Sohn eines reichen Automobilfabrikanten vor, der sich von der strapaziösen Konstruktion eines sensationell billigen Volkswagens erholen will und sich — inkognito natürlich — als Fahrlehrer mit dem so seltenen Namen Müller in die Generalvertretung seiner väterlichen Firma verläuft, um sich dort auf den ersten Blick in die Sekretärin zu verlieben. Die Sekretärin macht denn auch ihr Glück. (Aehnliche Situationen kommen uns vom Film her sehr bekannt vor!) Die Sekretärin schmeichelt sich bei dem vermeintlichen Fahrlehrer mit ihrer Begeisterung für den neuen Volkswagen in den Vordergrund. Die Handlung erfährt noch eine Bereicherung durch das schon zitierte Faktotum Lohbusch, das sich, ebenso rasch wie der Fahrlehrer, in eine Kundin verliebt. Schließlich findet auch der Herr Generalvertreter selbst seine Partnerin. Der Verfasser des Lustspieles hat damit das glückliche Ende und den Erfolg auf eine breite Basis gestellt. Alle handelnden Personen gelangen unter die Haube.
Wie sich das nach Irrungen und Wirrungen, nach ebenso vielen kritischen wie komischen Situationen vollzieht, braucht hier im Einzelnen wohl kaum geschildert zu werden. Erwähnt sei nur, daß es dem Lustspieldichter gelungen ist, das wirklich nicht neue Thema so zu behandeln, daß man als Zuschauer gar nicht merkt, wie lang der Bart ist. Es ist, wie so oft, auch hier der Ton, der die Musik macht.
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Die Darstellung bei der gestrigen Aufführung geschah ganz im Geiste des Stückes. Wolfgang Kühne führte flüssige Regie. Lor le Pflug
bot als die in den Volkswagen und dessen Schöpfer verliebte Sekretärin mit gutem Erfolg allen Charm auf. Ihre frische unbekümmerte Art der Darstellung, ihre überzeugende Wandlungsfähigkeit im Ausdruck rasch wechselnder Stimmungen (hier stellte ihre Rolle nicht unerhebliche Anforderungen) begeisterten die Zuschauer immer wieder. Die talentierte junge Schauspielerin, die sich mit dem Auftreten in diesem sommerlichen Lustspiel von unserem Stadttheater verabschiedete, zeigte sich noch einmal'von ihrer anmutigsten Seite. Karl Ludwig Lindt gab den Sohn des Automobilfabrikanten bei aller vornehmen Zurückhaltung mit herzlicher Wärme. Wolfgang Kühne,präsentierte sich als schneidiger, weltgewandter Chef und übernahm mit Würde jene arrogante junge Weltdame Hella — von Luise Decker trefflich dargestellt — die den angeblichen Fahrlehrer anhaltend mit ihrer Liebe verfolgte. Karl V o l ck und Luise Schubert-Jüngling befanden sich in Rotten, wie sie für beide nicht geeigneter geschaffen werden konnten. Im heimlichen, oft unterbrochenen Stelldichein bei Sekt und Konfekt übertrafen sich beide gegenseitig.
Der Bühnenbildner Karl Löffler hatte diesmal nicht viel Arbeit. Sein Empfangsraum der. Generalvertretung reichte als Schauplatz der Handlung für drei Akte aus. Das Publikum erwies sich als hinreichend dankbar. Es gab einige Male auf offener Szene und besonders zum Schluß viel Beifall. n.
VonLeulnanisundAdnnralen
Heitere Marinegeschichten oon Frederick Lund.
Admiral D., einst Chef eines sogenannten Fliegenden Kreuzergeschwaders hatte eine Schwäche für die — nun sagen wir getrost — frechen „Subs". So hießen, abgeleitet vom Englischen, die jungen Offiziere, die bei weitem das Gros des Offizierkorps, der damals noch kleinen Flotte bildeten, und die sich, zwar durch ein entsprechendes Mundwerk, aber oft genug auch durch entschlossenes Verhalten auszeichneten. Eines Tages mußte D. aber doch — wenn auch schweren Herzens — gegen einen seiner jüngeren Wachoffiziere des Flaggschiffs eine empfindliche Strafe in Gestalt von Bordarrest verhängen.
Und das kam so: Das Flaggschiff hatte in einem der afrikanischen Häfen geankert und dabei durch einen plötzlich aufkommenden Sturm Kette verloren. Ein Verlust der nicht nur finanziell erheblich war, sondern auch endlose Schreibereien mit den Heimatbehörden und vor allem dem Oberrechnungshof in Berlin kosten würde. Und das war das schlimmste! — Also ging man eifrig auf die Suche und blieb, sehr zum Leidwesen der Offiziere und Mannschaft,
tagelang vor dem reichlich oben Hafen liegen, während das nahe und gesellige Kapstadt lockte. Aber schließlich gab man die Suche doch auf, meldete den Verlust und ging nach Kapstadt in See. An einem Samstag! — Am Sonntag war großer Gottesdienst, der abwechselnd von einem der Wachoffiziere vorbereitet und abgehalten wurde. Die dienstfreie Mannschaft und das Offizierkorps, einschließlich des Admirals, versammelte sich auf dem Achterschiff, während vor dem Heckgeschütz eine Kanzel errichtet war. Langsam schlug die Glocke zum Gottesdienst an, während der Kirchenwimpel an der Gaffel em- porstieg. Leutnant A. trat, würdig und mit Bibel und Gesangbuch bewaffnet, hinter die Kanzel. „Wir fingen zu Beginn das Lied Nr. 15 im Marinegesangbuch", führte er aus. Alles blätterte, auch der Admiral. Dann stutzte dieser, schüttelte langsam den Kopf, tuschelte mit dem neben ihm stehenden Kommandanten und verließ eiligen Schrittes die Schanz. Leutnant A. mußte folgen, während der Erste Offizier den Gottesdienst übernahm. Inzwischen hatte sich überall Unruhe bemerkbar gemacht, die auf vielen Gesichtern ein Schmunzeln, um nicht zu sagen, Grinsen hervvrgerufen hatte. Leutnant A. erhielt vierzehn Tage Bordarrest und Lied 18 des Gesangbuches trat an Stelle von Nr. 15, das mit den schönen Worten beginnt: „Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält!"
Ein Leutnant vom Schlage seines Kameraden A. war es auch, der, ein Dutzend Jährchen später, Kai- ser Wilhelm II. leicht aus der Fassung brachte. Diese Szene spielte sich auf dem Flaggschiff „Brandenburg" ab, das von Wilhelmshaven nach Kiel ging und sich der Elbmündung näherte. Der Kaiser, der an der Fahrt teilnahm, stand auf der Brücke und beobachtete interessiert den Schiffsverkehr, der sich zu dieser Zeit auf dem breiten Schicksalsstrvm des deutschen Volkes abspielte. Unbekümmert war allein Leutnant G, der zur Zeit Wache ging, während her Kommandant und die übrigen Stabsoffiziere leiecht unter dem Druck standen, den nun einmal die Nähe einer hochgestellten Persönlichkeit mit sich zu bringen pflegt.
Plötzlich schält sich aus dem leichten Dunst der graue Rumpf eines entgegenkommenden Kriegsschiffes. „Steuermann, geben Sie einmal das Glas!" sagte G., „wollen 'mal sehen, welcher Kahn das ist!" — „Herr Leutnant G ", ertönte im gleichen Augenblick die Stimme des Kaisers, „bitte, denken Sie daran, baß meine Flotte keine Kähne, sondern Schiffe hat!" — Leichte Verbeugung des jungen Offiziers, leichter „Zustand" beim Kommandanten. Der Leutnant guckt weiter angestrengt durchs (Blas. „Nun, Herr Leutnant?" fragt der Herrscher: „Melde gehorsamst Euer Majestät Minenleger „Pelischiff" (es handelte sich um den damals neuen Minenleger „Pelikan"). Wie gesagt, — jetzt geriet sogar der
Kaiser vor Lachen aus der Fassung, und auch der Kommandant stimmte in die allgemeine Heiterkeit ein. Es verlautet daß diese Tatsache dem jungen Offizier wichtiger war!
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Jener Kommandant hatte im übrigen ein Herz für feine Leute und ließ, wenn es darauf ankam, gerne einmal „fünfe gerade fein". Er wußte genau, daß er sich dann um so mehr auf feine Besatzung verlassen und zu anderen Zeiten viel von ihr verlangen konnte. Fregattenkapitän H. hatte einen Burschen mit dem herrlichen Namen Tausendschön. Ein braver Ostpreuße, unbedingt zuverlässig, aber etwas hart im Denken. Besonders brachte ihn sein Backschaftskamerad und Landsmann Budgereit in Verzweiflung, der bas seltsame Talent besaß, nicht nur als Tierstimmenimitator auftreten zu können, sondern vor allem einen Teil der Vorgesetzten zu kopieren. Besonders den Kommandanten ahmte er in Ton und Sprachart nach; und schon oft hatte er Tausendschön geärgert, wen dieser in der Freizeit an der Back saß und mulschte, daß er ihm von hinten auf die Schulter klopfte und sprach: „Na, Tausendschön, haben Sie meine Kammern schon aufgeklart?"
Eines Tages war Tausendschön gerade bei dieser Tätigkeit, während sein „Brotgeber" auf dem Achterdeck spazieren ging. Dort bewegte sich auch Budge- reit als „Läufer Oberdeck", wie man bei der Marine für diese Art von Ordonnanzen sagt. Budgereit hatte Tausendschön durchs Oberlicht gesehen, nicht aber den Kommandanten, der etwas mehr „achter- licher" stand.
In diesem Augenblick setzte ein leichter Regen ein. Eilig trat Kapitän H. an das Oberlicht und rief hinunter: „Tausendschön, bringen Sie mir meinen Mantel auf die Schanz!" Im gleichen Augenblick scholl es ihm entgegen, ohne daß der Angerufene sich überhaupt umdrehte: „Das könnt' dir, Männchen, wohl passen daß ich auf dir räinfaüe! Den hol' dir man jälbft, du Lorbaß." — Kapitän H. war einen Moment sprachlos, aber dann faßte er sich. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen! — „Tausendschön" rief er jetzt, „find Sie wahnsinnig geworden, ober was ist mit Jbnen los?" Jetzt merkte dieser auch, daß sein „Brötchengeber" persönlich oben stand. Er ergriff den Mantel und sauste in nullkomma-nichts Sekunden nach oben, Angstschweiß auf der Stirn. „Was dachten Sie denn, wer ich wäre?" fragte ihn fein Kommandant, als er vor ihm aufgebaut stand. — „Ach, ich dachte", hieß es da in unverfälschtem „Astpreißisch", „ich dachte, Willem, laß dir nicht ärjern, das is doch wieder der Lorbaß, der Budjeräit!"
Später, als ihm der ganze Sinn der Sache auf» gegangen war, hat der „Ccmitano" noch oft über den Scherz und die Augenblicksnöte des Tausendschön gelacht.


